Medien
Gnosen
en

Lenins Fahrt in die Revolution

Die Reise LeninsNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  aus dem Schweizer Exil zurück nach PetrogradDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt. im April 1917 gehört zu den mythenumwobenen Episoden der Russischen Revolution.
In seiner Essaysammlung Sternstunden der Menschheit (1927) hat Stefan Zweig Lenins Fahrt im „versiegelten Zug“ ein bleibendes Denkmal gesetzt und selbst zur Sagenbildung beigetragen: „Millionen vernichtender Geschosse sind [im Ersten] Weltkrieg abgefeuert worden, die wuchtigsten, die gewaltigsten und weithintragenden Projektile von den Ingenieuren ersonnen worden. Aber kein Geschoss war weittragender und schicksalsentscheidender in der neueren Geschichte als dieser Zug, der, geladen mit den gefährlichsten, entschlossensten Revolutionären des Jahrhunderts, in dieser Stunde von der Schweizer Grenze über ganz Deutschland saust, um in Petersburg zu landen und dort die Ordnung der Zeit zu sprengen.“1


Hier geht es zur Vollbildansicht.

Bis heute ranken sich zahlreiche Legenden um die Rückreise Lenins aus Zürich in das revolutionäre Petrograd, wo wenige Wochen zuvor die FebruarrevolutionDie Februarrevolution – ausgelöst durch eine Hungerdemonstration in Petrograd, der sich Streiks von Arbeitern und Soldaten anschlossen – beendete das zaristische Regime, das die Unterstützung der Bevölkerung bereits weitgehend verloren hatte. Mit der Revolution endete die über dreihundert Jahre währende Herrschaft des Hauses Romanow im Russischen Reich. Gleichzeitig läutete sie die Phase der „Doppelherrschaft“ von Provisorischer Regierung und dem Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldatendelegierten ein. Kaiser Nikolaus II.Nikolaus II. (1868–1918) war der letzte russische Zar. Der Sohn Alexanders III. regierte von 1894 bis zu seiner erzwungenen Abdankung am 02. (15.) März 1917. Unter seiner Herrschaft verlor Russland nicht nur den Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05, sondern erlebte auch die Revolution von 1905, die zur Einführung des ersten russischen Parlaments, der Duma, führte. In der historischen Forschung wird Nikolaus II. oft als eher schwacher und unentschlossener Herrscher dargestellt. Im Juli 1918 wurde er gemeinsam mit seiner Familie von den Bolschewiki ermordet. Im Jahr 2000 wurden er und seine Familie von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. vom Thron gefegt hatte.

So ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt, wie groß die Gruppe jener Revolutionäre war, die sich 1917 vom Exil in der Schweiz in die russische Hauptstadt aufmachte, und wer sich genau unter den Reisenden befand.

Sicher ist, dass circa 30 Revolutionäre am 9. April 19172 am Hauptbahnhof Zürich kurz nach 15 Uhr den regulären Zug Richtung Schaffhausen bestiegen, um bei Thayngen/Gottmadingen die schweizerisch-deutsche Grenze zu überqueren. Hier wechselten sie in die bereitgestellten Sonderwagen der deutschen Reichsbahn.

Unter den Reisenden waren neben Lenin und dessen Frau Nadeshda KrupskajaNadeshda Krupskaja (1869–1939) war seit 1898 Lenins Ehefrau. Nach der Oktoberrevolution 1917 wirkte sie beim Aufbau proletarischer Jugendorganisationen mit und beteiligte sich an der Planung des sowjetischen Erziehungs- und Bildungssystems. führende Revolutionäre wie Karl RadekKarl Radek (1885–1939) war ein deutsch-polnisch-sowjetischer Politiker und Journalist. In den frühen 1920er Jahren war er Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands – eines der obersten Entscheidungsgremien des Landes. In den Jahren 1930 bis 1937 war Radek Redakteur bei der landesweit bekannten Zeitung Iswestija. 1937 wurde er in einem Schauprozess wegen angeblicher staatsfeindlicher Aktivitäten zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Dort starb Radek 1939, nach offizieller Angabe wurde er von Mithäftlingen getötet. , Grigori SinowjewGrigori Sinowjew (1883–1936) war ein Revolutionär und sowjetischer Politiker. Zwischen 1921 und 1924 war er Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion – dem de facto obersten Entscheidungsgremium des Landes. Sinowjew galt als ein enger Weggefährte Lenins, bei Stalin fiel er jedoch mehrmals in Ungnade. 1936 wurde er wegen angeblicher Gründung eines „antisowjetischen vereinigten trotzkistisch-sinowjewistischen-Zentrums“ erschossen. Laut eines Zeitzeugen waren bei der Erschießung der NKWD-Leiter Genrich Jagoda und sein damaliger Stellvertreter Nikolaj Jeschow zugegen: bedeutende Politiker, die später ebenfalls hingerichtet wurden. und Inessa ArmandInès Armand (1874–1920) war eine russische Revolutionärin mit französischen Wurzeln. Von 1918 bis 1920 leitete sie die Frauensektion des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands – eines der obersten Entscheidungsgremien des Landes. . Außer den Bolschewiki Die Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor. waren auch andere sozialistische Gruppierungen, zum Beispiel der jüdische BUND prominent vertreten.

Größtmögliches Chaos

Unter Vermittlung Schweizer Sozialisten hatten die Behörden des Deutschen Reiches dem Transport der Revolutionäre über das eigene Territorium zugestimmt. In Berlin begrüßte man Lenins Ziel, die Provisorische RegierungNach der Februarrevolution 1917, mit der in Russland der letzte Zar gestürzt wurde, wurde in Russland eine „Doppelherschaft“ eingeführt. Auf einer Seite standen die Sowjets der Arbeiter und Soldaten auf der anderen die Provisorische Regierung. Sie bestand bis zur Oktoberrevolution unter wechselnder Führung und hatte sich seit Juli 1917 in den Winterpalast zurückgezogen. Schon im Frühjahr hatte die Regierung - deren Regierungsphase auch als demokratisches Experiment bezeichnet wird - erste Krisenerscheinungen, während die Sowjets zunehmend an Macht gewannen. in Petrograd zu stürzen und auf einen Separatfrieden mit Deutschland im Ersten WeltkriegRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. hinzuwirken. Die deutschen Behörden hofften, mit Hilfe der politischen Emigranten in Russland ein „größtmögliches Chaos zu schaffen“, wie es der deutsche Gesandte in Kopenhagen, Graf Ulrich von Brockdorff-Rantzau in einer Denkschrift vom 2. April 1917 ausdrückte.3

Deutschland sah mit Schrecken dem drohenden Kriegseintritt der USA entgegen. Vor diesem Hintergrund war man zu jedem Mittel bereit, um den Kriegsgegner im Osten zu schwächen.

Die Initiative für Lenins Reise im „plombierten Zug“ ging jedoch nicht von den deutschen Behörden, sondern von den russischen Exilanten in der Schweiz aus. In Zürich, Bern und Genf hatten sich bereits vor dem Ersten WeltkriegRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. Zentren der politischen Emigration aus dem Zarenreich gebildet. Aktivisten unterschiedlicher, vor allem sozialistischer Gruppierungen suchten in der Schweiz Schutz vor politischer Verfolgung in ihrer Heimat. Nach dem Ausbruch des Krieges kamen weitere russische Flüchtlinge hinzu. Einer von ihnen war Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, der gemeinsam mit Nadeshda Krupskaja zunächst in Bern, später in Zürich wohnte.

Nachdem sie die Nachricht vom Sturz des Zaren erreicht hatte, gründeten russische Aktivisten auf Vorschlag des MenschewistenDie Menschewiki („Minderheitler“) waren zunächst eine Gruppierung innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen trugen sie nach einer einmaligen Abstimmungsniederlage bei einem Parteitag im Jahr 1903. Seit 1912 waren die Menschewiki eine eigenständige Partei. Im Jahr 1917 trugen sie die Politik des Petrograder Sowjets mit, die Provisorische Regierung zu stützen. Sie wandten sich gegen den Oktoberumsturz und setzten stattdessen auf die Konstituierende Versammlung. Die Partei wurde von den Bolschewiki verboten und viele ihrer Mitglieder emigrierten oder wurden repressiert. L. Martow in Zürich ein Zentralkomitee zur Rückkehr der in der Schweiz weilenden russischen Emigranten. Der Schweizer Sozialist Robert Grimm wurde beauftragt, mit den schweizerischen und deutschen Behörden in Kontakt zu treten, um von letzteren die Erlaubnis des Transits über deutsches Gebiet zu erwirken.

Da Lenin die Verhandlungen jedoch zu langsam vorangingen und er Grimm verdächtigte, die Sache hinauszuzögern, beschloss er, sich auf eigene Faust mit einer kleinen Gruppe von Vertrauten in einer Sonderaktion auf den Weg zu machen.

Sein Mittelsmann war der Schweizer Sozialist Fritz Platten, der Lenin politisch näher stand und der die Reisegruppe bis zur schwedisch-russischen GrenzeDas ehemals schwedische Großfürstentum Finnland wurde im Russisch-Schwedischen Krieg (1808–1809) als ein autonomes Land dem Russischen Kaiserreich angegliedert. Die Autonomierechte waren von 1910 bis 1917 faktisch außer Kraft. Im Dezember 1917 erklärte sich Finnland unabhängig von Russland. begleiten sollte. Der Anführer der Bolschewiki wollte keine Zeit verlieren und die Gunst der Stunde nutzen, um in Russland die bürgerliche in eine sozialistische Revolution zu überführen.


Im „plombierten“ Zug

Auf ihrer Reise durch Deutschland wurden die russischen Revolutionäre von zwei deutschen Offizieren begleitet. Die Presse informierte man nicht über den Transport. Kontakte zwischen den Reisenden und der deutschen Öffentlichkeit sollte es keine geben.

Dass der Zug „plombiert“ war, ist allerdings ein Mythos. Gesichert ist jedoch, dass die Deutschen die Abteile der Revolutionäre zum „exterritorialen Gebiet“ erklärten und dort weder Personen- noch Gepäckkontrollen durchführten. Ein mit Kreide gezogener Strich auf dem Boden des Wagens markierte die jeweiligen Bereiche.

Von der schweizerisch-deutschen Grenze nahm der Zug Kurs auf Karlsruhe, um von dort via Offenburg, Mannheim und Frankfurt nach Berlin und von dort weiter nach Sassnitz auf Rügen zu fahren.

Insgesamt dauerte die Fahrt von Zürich nach Petrograd eine Woche. Die Reisenden vertrieben sich die Zeit mit politischen Debatten, Lektüre oder dem Singen revolutionärer Lieder. Lenin wurde ein eigenes Zugabteil zugewiesen, in dem er arbeiten konnte. Gleichzeitig befasste er sich im Zug mit „organisatorischer Arbeit“, wie wir aus den humoristischen Erinnerungen von Karl Radek wissen:

„Um einen gewissen Ort im Wagen wurde zwischen den Rauchern und Nichtrauchern ein ständiger Kampf geführt. Wir rauchten nicht im Abteil, aus Rücksicht auf den kleinen Robert [eines der beiden mitreisenden Kinder – Anmerkung des Autors] und Iljitsch [Lenin], der unter dem Geruch litt. Deswegen versuchten die Raucher, einen gewissen Ort, der eigentlich für andere Zwecke vorgesehen war, in einen Rauchsalon zu verwandeln. Vor diesem Ort stand immerzu eine streitende Menge. Iljitsch zerschnitt daraufhin ein Stück Papier und verteilte Eintrittskarten.“4

Am Morgen des 12. April bestiegen die Reisenden ein Schiff nach Trelleborg, wo sie von schwedischen Gesinnungsgenossen begeistert begrüßt wurden. Die nächste Station der Reise war Stockholm, wo ein längerer Zwischenhalt eingelegt wurde. Hier entstanden auch die einzigen Fotografien, die von der Reise existieren. Von der schwedischen Hauptstadt ging es weiter Richtung Norden nach Haparanda an der schwedisch-russischen Grenze, ehe die letzte Etappe der Reise nach Petrograd angetreten wurde. Am 16. April (3. April nach julianischem Kalender) 1917 traf die Reisegruppe gegen 23 Uhr in der russischen Hauptstadt am Finnländischen Bahnhof ein.

Die Revolutionäre bei einem längeren Zwischenstop in Stockholm – in der Bildmitte mit Schirm – Lenin / Foto © Kommersant Archiv

Lenin in Petrograd

Der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat und Lenins Parteifreunde bereiteten ihr einen großen Empfang. Eine Musikkapelle spielte die MarseillaiseDie Marseillaise wurde 1792 von Cloude Joseph Rouget komponiert und 1795 zur französischen Nationalhymne erklärt. Zahlreiche Freiheitsbewegungen und insbesondere die Arbeiterbewegung übernahmen das Lied. In Russland war die sogenannte Arbeitermarseillaise mit leicht veränderter Melodie und russischem Text beliebt. Das Stück beginnt mit den Zeilen „Lasst uns die alte Welt verdammen! Lasst uns ihren Staub von den Füßen schütteln!“ Zwischen März und November 1917 war die Arbeitermarseillaise die russische Nationalhymne., Arbeiter und Soldaten standen mit roten Fahnen Spalier auf dem Bahnsteig. Bis heute erinnert auf dem Vorplatz des Bahnhofs das älteste Lenin-Denkmal der Stadt an die Rückkehr des Revolutionsführers nach Petrograd.

In der Sowjetunion war Lenins Rückkehr im Jahr 1917 bald ein Mythos. Die Ankunft des Revolutionsführers markierte in offiziellen Darstellungen den Beginn jener Ereignisse, an deren Ende am 25. Oktober die Machtübernahme durch die Bolschewiki, das heißt die Große Sozialistische OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. stehen sollte.

In seinem Historienfilm OktoberOktober. Zehn Tage, die die Welt erschütterten, ist ein sowjetischer Stummfilm von Sergej Eisenstein aus dem Jahr 1928. Der 102-Minuten lange Film wurde aus Anlass des zehnten Jahrestages der Oktoberrevolution gedreht. Er behandelt den Zeitraum vom Februar bis zum Oktober 1917. Höhepunkt des Films ist die aufwändig inszenierte Erstürmung des Winterpalais’ durch die revolutionären Massen, die es in dieser Form nie gegeben hat. Obwohl der „dokumentarische Charakter“ des Films betont wurde, handelte es sich bei Oktober um eine Propagandainszenierung, die zur Legitimierung des Regimes beitragen sollte. Kommerziell nicht erfolgreich, erregte der Film Aufsehen durch seine ungewöhnliche Montagetechnik. aus dem Jahr 1927 hat der Regisseur Sergej Eisenstein die Ankunft des Revolutionsführers dramatisch überhöht dargestellt. Stalin sollte später dafür sorgen, dass er auf Historiengemälden beim Verlassen des Zuges an der Seite Lenins dargestellt wurde, obgleich er nachweislich nicht unter den Reisenden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg ersetzte man den im Krieg zerstörten Finnländischen Bahnhof durch einen Neubau. Mit seinen 17 Fensteröffnungen in der Fassade erinnert auch er an die denkwürdigen Stunden dieses Ortes am 16. April 1917.

Dem Zug Lenins von der Schweiz nach Russland sollten in den kommenden Monaten noch weitere Transporte russischer Emigranten folgen. Insgesamt durchquerten auf diese Art im Jahr 1917 über 400 Revolutionäre deutsches Gebiet. Unter ihnen waren führende Köpfe der revolutionären Bewegung wie L. Martow, Anatoli LunatscharskiAnatoli Lunatscharski (1875–1933) war ein russischer Journalist, Literatur- und Kunstkritiker, der nach der Oktoberrevolution 1917 das neu entstandene Volkskommissariat für Bildungswesen leitete und damit die Kultur- und Bildungspolitik der frühen Sowjetunion stark prägte. Er galt als enger Vertrauter Lenins. oder Angelica Balabanowa. Im Mai kehrte auch Leo Trotzki aus dem amerikanischen Exil nach Petrograd zurück.

Bereits am Tag nach seiner Ankunft proklamierte Lenin vor dem Petrograder Sowjet seine berühmten April-Thesen, in denen er unter anderem den Sturz der Provisorischen RegierungNach der Februarrevolution 1917, mit der in Russland der letzte Zar gestürzt wurde, wurde in Russland eine „Doppelherschaft“ eingeführt. Auf einer Seite standen die Sowjets der Arbeiter und Soldaten auf der anderen die Provisorische Regierung. Sie bestand bis zur Oktoberrevolution unter wechselnder Führung und hatte sich seit Juli 1917 in den Winterpalast zurückgezogen. Schon im Frühjahr hatte die Regierung - deren Regierungsphase auch als demokratisches Experiment bezeichnet wird - erste Krisenerscheinungen, während die Sowjets zunehmend an Macht gewannen., die Beendigung des Krieges und die Schaffung einer Sowjetrepublik forderte. Damit war die Russische Revolution in eine neue Phase eingetreten.

Handlanger der deutschen Imperialisten

Vorwürfe, die Revolutionäre seien „Handlanger der deutschen Imperialisten“ und würden den Interessen des Feindes dienen, trat Lenin bereits drei Tage nach seiner Ankunft in der PrawdaDie Prawda (dt. Wahrheit) ist eine russische Tageszeitung, die 1912 von Lenin aus dem Exil gegründet wurde. Sie sollte eine Zeitung von Arbeitern für Arbeiter sein und war in der Sowjetunion das Parteiorgan der KPdSU. So war die Prawda mit einer offiziellen täglichen Auflage von elf Millionen Exemplaren die größte Zeitung der Sowjetunion. Nach dem Zerfall der Sowjetunion geriet sie allerdings in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1996 eingestellt, bevor sie im April 1997 als Organ der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation unter Chefredakteur Alexander Ilin neu gegründet wurde. Seit 2009 ist Boris Komozki Chefredakteur der Zeitung. entschieden entgegen.
Tatsächlich konnten Lenin und seine Mitstreiter die Rückkehr ins revolutionäre Russland nur mit Hilfe der deutschen Reichsregierung realisieren. Der direkte Weg von der neutralen Schweiz ins revolutionäre Russland war ihnen durch die Frontlinien des Ersten WeltkriegesRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. versperrt. Die mit Russland verbündeten Mächte Frankreich und England weigerten sich, den dezidierten Kriegsgegnern den Transit über das eigene Territorium zu gestatten.

Britische Geheimdienstmitarbeiter versuchten sogar, an der russischen Grenze die Einreise politisch missliebiger Personen zu unterbinden. Deutschland dagegen hatte ein strategisches Interesse daran, die innenpolitische Lage in Russland zu destabilisieren und den russischen Exilanten die Rückkehr in die Heimat zu ermöglichen.

In den Worten Leo Trotzkis haben sich im Falle der Reise Lenins „zwei entgegengesetzte historische Pläne in einem Punkte“ gekreuzt, und dieser Punkt sei der „‚plombierte‘ Wagen“ gewesen.5

Ein russischer Staatsbürger, der den direkten Kontakt zum deutschen Kriegsgegner suchte, setzte sich jedoch dem Vorwurf des Hochverrats aus. Dies war auch Lenin bewusst. Aus diesem Grund wurde mit dem Sozialisten Fritz Platten ein Bürger der neutralen Schweiz als Mittelsmann eingeschaltet.

Zudem stellte Lenin den deutschen Behörden klare Bedingungen. So sollte der Transport der russischen Exilanten offiziell im Tausch gegen deutsche und österreichische Kriegsgefangene aus Russland erfolgen.

Auch die Deklaration des Zuges zum exterritorialen Gebiet, die „Versiegelung des Zuges“ und die Kontaktsperre zwischen den Reisenden und der deutschen Öffentlichkeit während der Fahrt gingen auf Lenins Initiative zurück.

Großen Wert legten die Reisenden schließlich darauf, die Fahrkarten für den Zug selbst zu bezahlen und kein Geld von dritter Seite anzunehmen (aus diesem Grund reisten die Passagiere dritter Klasse).

Hoffen auf die Weltrevolution

Diese protokollarischen Feinheiten spielten in der späteren Deutung der Zugreise jedoch keine entscheidende Rolle. Winston Churchill hielt bereits 1929 fest, die Deutschen seien gegen die Russen mit der „grauenvollsten aller Waffen“ vorgegangen: „[Sie] transportierten Lenin in einem plombierten Wagen wie einen Pest-Bazillus von der Schweiz hinein nach Russland.“6

Dass Lenin ein „deutscher Spion“ gewesen sei, wie seine politischen Gegner rasch behaupteten, ist jedoch abwegig. Zwar ist bekannt, dass die deutsche Regierung schon in den ersten Kriegsjahren große Summen bereitstellte, um revolutionäre und separatistische Kräfte in Russland (und den anderen Feindstaaten) zu unterstützen. Beträchtliche Summen waren dabei auch für die Bolschewiki bestimmt. Auf die Unterstützung des Deutschen Reiches bei der Rückkehr Lenins nach Petrograd wurde bereits hingewiesen.

Gleichzeitig aber stand für die Revolutionäre außer Frage, dass die Zusammenarbeit mit den deutschen Imperialisten bei diesem Komplott aus rein pragmatischen Gründen erfolgte.

Lenin gab sich überzeugt, dass nach der Vollendung der sozialistischen Revolution in Russland das Deutsche Kaiserreich als nächstes fallen und dieses Ereignis die ersehnte Weltrevolution anstoßen werde. Heute wissen wir, dass es sich bei dieser Vision um einen Wunschtraum der Bolschewiki handelte.


1.Zweig, Stefan (1981): Der versiegelte Zug: Lenin, 9. April 1917, in: ders.: Sternstunden der Menschheit, Frankfurt, S. 240-252, hier: S. 250
2.Alle Daten werden nach gregorianischem Kalender angegeben.
3.zit. nach: Hahlweg, Werner (1957): Lenins Reise durch Deutschland im April 1917, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 5/1957, H. 4, S. 307-333, hier: S. 313
4.Radek, Karl (1972): Im plombierten Waggon, in: Lenin, Wladimir Iljitsch: Abschied von der Schweiz, Zürich, S. 33-46, hier: S. 39f.
5.Trotzki, Leo (1961): Mein Leben: Versuch einer Autobiographie, Berlin,S. 287
6. Churchill, Winston S. (1929): The World Crisis: The Aftermath, S. 72, zit. nach: Hahlweg, Werner (1957): Lenins Rückkehr nach Russland 1917: Die deutschen Akten, Leiden, S. 4

Diese Gnose wurde gefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

dekoder unterstützen
Weitere Themen

Oktoberrevolution 1917

Die Revolutionen des Jahres 1917 markierten eine Zeitenwende in Russland: Im Februar der Sturz des letzten Zares und nur wenige Monate später, am 7. und 8. November, der Sturz der Übergangsregierung durch die Bolschewiki unter Führung von Lenin. Robert Kindler über Ursachen und Folgen der Oktoberrevolution.

Die Februarrevolution

„Um mich herum sind Verrat, Feigheit und Betrug“, notierte Zar Nikolaus II. am 2. März (15. März) 1917 in sein Tagebuch, nachdem er am Tag zuvor in einem Eisenbahnwaggon seine Abdankungsurkunde unterzeichnet hatte. Frithjof Benjamin Schenk über die dramatischen Entwicklungen im Winter 1917, die als Februarrevolution in die Geschichte eingegangen sind. 

Frauen und die Revolution

Es waren Frauen, die mit ihrer Demonstration am 8. März die Ereignisse in Gang setzten, die vor 100 Jahren den Zaren stürzen und den radikalen Politikwechsel ermöglichen sollten. Zu der Zeit kämpften Frauen in Russland immer mehr um ihre Rechte – und gestalteten die revolutionären Umbrüche aktiv mit. Carmen Scheide über die historische Frauenbewegung, ihre Vorstellungen von einer sozialistischen Zukunft und den Verlust revolutionärer Utopien.

weitere Gnosen
Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)