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Playlist: Best of 2019

Nach den zahlreichen Konzertverboten Ende 2018 sagte Wladimir Putin, dass diese kontraproduktiv seien, sie hätten „genau den gegenteiligen Effekt wie erwartet, so viel steht fest.“ Wenn man den Erfolg an den Klickzahlen festmacht, dann hat die gesellschafts- und kremlkritische Musik im Jahr 2019 in der Tat einen regelrechten Boom erlebt. Die Gegenkultur wurde damit ein Stück weit Mainstream.

Ist der Erfolg der Gattung auf die Verbote zurückzuführen? Oder sind etwa die üblichen Kommerzialisierungs-Mechanismen der Musikindustrie dafür verantwortlich? 

Während Soziologen und Musikkritiker über solche Fragen nachsinnen, hat die Colta-Redaktion traditionsgemäß die besten Alben des Jahres gekürt. ProtestmusikSeit den zahlreichen Konzertverboten Ende 2018 und der aktiven Teilnahme einiger Musiker an den Protesten im Sommer 2019 wachsen die Fangemeinden von Künstlern, die in ihren Liedern Kreml- und gesellschaftskritische Töne anschlagen. Gleichzeitig sucht der Kreml nach einer Strategie, mit der er die gegenkulturell orientierte Musik in kontrollierbare Bahnen lenken kann.  Mehr dazu in unserer Gnose darf hier natürlich nicht fehlen, in den Top-12 findet sich aber ein bunter Mix: von Rap mit Punchlines à la deine Mudda bis zum feingeistigen Jazz.

Quelle dekoder

1. Rap des Jahres

Scriptonite
2004

Nach seinem kryptischen Doppelalbum Uroboros, in dem es darum geht, dass Ruhm und Erfolg eine schwere Bewährungsprobe sind, verkündete Adil Zhalelov, er wolle sich aus dem RapIn den 1980er Jahren über Breakdance zur Subkultur geworden, entwickelt der russischsprachige Hip-Hop seit den 1990er Jahren allmählich eine eigene stilistische und musikalische Identität, fern von der Anpassung an US-amerikanische Formen. Heutzutage steht er als ein eigenständiges Phänomen und als „dominante Gegenwartskultur“ da und auch in erster Linie als kulturelles Gut, das zudem nicht unrentabel ist. Mehr dazu in unserer Gnose zurückziehen, weil er damit nichts mehr zu sagen habe. Und tatsächlich widmete er sich zunächst völlig anderen Dingen – experimentierte in seiner Band Scriptonite mit lateinamerikanischen Vibes und produzierte Alben von Künstlern seines eigenen Labels Musica36. Umso mehr schlägt 2004 ein, das kurz vor Jahresende erschien. Der Form nach ist es ein typisches Rap-Album wie zu Beginn der 2000er Jahre: mit Selbstdarstellungen, Skits, Interludes und sogar versteckten Angriffen auf die Kollegen der eigenen Zunft. Um es richtig zu würdigen, muss man die von Scriptonite im Sprachmix der wilden Vorstädte geschriebenen sarkastischen Texte Zeile für Zeile auseinandernehmen – dann erweist sich diese Zusammenstellung makellos klingender, betörend grooviger Rap-Hits als eine Sammlung von Geboten für die Gerechten.

2. Antiutopie des Jahres

Delfin
Krai

Das Album Krai (dt. Rand) lässt sich auf unterschiedliche Weise interpretieren, ebenso wie sein mehrdeutiger Titel und das enigmatische Cover. Am leichtesten erkennt man darin die Reaktion des Bürgers und Dichters Andrey Lysikov auf die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse des vergangenen Jahres bis hin zum Moskowskoje Delo. Delfin zufolge sind die Lieder jedoch schon lange vor den besagten Ereignissen entstanden, außerdem entspräche es nicht seiner Art, Lieder über das aktuelle Zeitgeschehen zu schreiben. Allem Anschein nach haben wir es mit einem Beispiel künstlerischer Vorahnung zu tun, und wenn die Realität weiterhin das in Krai beschriebene Szenario abbildet, haben wir 2020 nichts Gutes zu erwarten – es ist ein böses und verzweifeltes Album: Eine Antiutopie, in der junge, ungestüme Herzen zu Kanonenfutter werden. Allerdings verbirgt sich in Krai auch die Antwort auf die Frage, wie man in dieser Hölle überleben kann.

3. Non-standard Jazz des Jahres

Makar Novikov & Hiske Oosterwijk
Stereobass

Das Sankt Petersburger Jazzlabel Rainy Days, 2018 vom Schlagzeuger Sascha Maschin gegründet, nahm 2019 so richtig Fahrt auf und brachte eine Reihe von Alben heraus, die von den renommiertesten Kennern auf diesem Gebiet hoch gelobt wurden. Stereobass, eingespielt von den KontrabassistInnen Makar Novikov und Daria Chernakova und der holländischen Sängerin Hiske Oosterwijk gehört zu jenen Alben, die auch für Menschen, die nicht jeder Entwicklung des Genres folgen, verständlich und interessant sind. Denn es handelt sich um eine seiner traditionellsten Spielarten – den Vocal Jazz, allerdings in modernster Form. Makar Novikov hat die markanten Melodien der Lieder von Hiske Oosterwijk über ein raffiniert konstruiertes rhythmisches Gerüst gespannt, das über zwei Stereokanäle erklingt (ein Kontrabass ertönt von links, der andere von rechts). Daneben verleihen die filigranen Soli des Pianisten Alex Iwannikow und die explosiven Beats von Sascha Maschin den Liedern eine feine Dramaturgie. Stereobass ist Vocal Jazz, wie man ihn sich für das 21. Jahrhundert wünscht.

4. Comeback des Jahres

Alyans
Chotschu letat (dt. Ich will fliegen)

Dieses Album der Moskauer Neo-Romantik-Pioniere Alyans hätte bereits Anfang der 2000er Jahre erscheinen sollen. Durch die jahrelange Reifezeit ist es wertvoller und interessanter geworden. Für diejenigen, die mit der Geschichte der Band vertraut sind, ist Chotschu letat (dt. Ich will fliegen) ein epochales Ereignis: Denn es handelt sich um die Reunion des Bandleaders von Alyans Igor Shurawljow mit dem Keyboarder Oleg Parastajew, dem Autor des größten Hits der Band Na sare (dt. Im Morgenrot) – nur dass diese ein paar Jahrzehnte länger als vermutet auf sich warten ließ. Ein zweites Morgenrot sucht man hier vergebens, aber es finden sich einige erstklassige Lieder wie der Titelsong, in dem wie in einer Zeitkapsel das Bittersüße der Romantik von Alyans bewahrt ist – der leidenschaftliche Wunsch zu Fliegen, gesteigert durch die Gewissheit, dass der Flug unweigerlich mit einem Fall enden wird.

5. Debüt des Jahres

Maslo tschornogo tmina
Kensshi

Maslo tschornogo tmina (dt. Schwarzkümmelöl) folgt der Linie des kasachischen Rap. Das Projekt des in Karaganda lebenden Aidyn Sakarija hat tatsächlich eine Hip-Hop-Genealogie und einen Sound, der an einige Scriptonite-Tracks erinnert. Doch das ist nur der Ausgangspunkt, und aus Kensshi wird deutlich, dass Sakaria einen anderen Weg einschlägt – irgendwo Richtung britischer Trip-Hop zwischen Portishead und King Krule: verdichtete Melancholie, langsame ausgedünnte Beats, ein somnambuler Bass, bittere Reime, suggestive Bilder, Jazz-Samples und das Rascheln der Nadel auf der Vinyl-Schallplatte. Mit seinen effektvollen Sound- und Textleerstellen ähnelt Kensshi der faszinierenden Skizze eines großartigen Albums, das noch folgen wird. Und was will man mehr von einem Debüt?

6. Widerspruch des Jahres

Shortparis
Tak sakaljalas stal (dt. So wurde der Stahl gehärtetAnspielung auf den Roman Kak sakaljalas stal (Wie der Stahl gehärtet wurde) von Nikolaj Ostrowski (1904–1936) – ein bekannter sowjetischer Schriftsteller und Revolutionär. Der Roman gehört zu den wichtigsten Werken des Sozialistischen Realismus, wurde mehrmals verfilmt und war Pflichtlektüre an Schulen in vielen sozialistischen Ländern. Bereits 1988 hat die sowjetische Kultband Grashdanskaja Oborona (dt. Bürgerwehr) den Romantitel persifliert, als sie ein Album mit dem Titel Tak sakaljalas stal (dt. So wurde der Stahl gehärtet) veröffentlichte. )

Der Titel dieses Albums lässt sich durchaus auch auf die Geschichte von ShortparisShortparis ist eine um 2012 gegründete Indie-Band, die Musiker leben in Sankt Petersburg. Ihre auf Russisch, Englisch und Französisch vorgetragene Musik kombiniert schwelgerische Melodien mit Stilelementen des Post-Punk. Die international bekannte Band versteht sich als ein Kontrast zur gegenwärtigen Musikszene. selbst übertragen – es scheint, dass keine andere aktive russische Band so polarisiert und so heftige Diskussionen hervorruft, was die Methoden angeht. Nur wenige können von sich behaupten, gleichzeitig als größter Hoffnungsträger und absolute Luftnummer unserer Zeit bezeichnet zu werden. Doch für Shortparis ist es normal, den einen wie den anderen Ruf gleichzeitig für sich zu beanspruchen. Im Prinzip ist die Arbeit mit schärfsten Widersprüchen eine der wichtigsten Fähigkeiten von Shortparis: Kaum einer kann so geschickt Folk und Industrial, Straßenjargon und ästhetisches Drama, zutiefst persönliche und verallgemeinerte soziale Aspekte miteinander verbinden, ohne dabei direkte Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu geben.

7. Gipfelglück des Jahres

AIGEL
Edem (dt. Eden)

Aigel Gaissina kehrt nach Hause zurück und findet dort Inspiration für AIGELs eindringlichstes und emotional aufgeladenstes Album. Auf Musyka (dt. Musik), dem zweiten Album, hatte das Duo Aigel Gaissina und Ilja Baramija sich an vielen verschiedenen Themen gleichzeitig versucht und ein wenig die generelle Richtung aus den Augen verloren. Edem korrigiert den Kurs selbstbewusst: Es ist ein Album über Wurzeln und Verästelungen, darüber, wo man anfängt und wie man etwas fortschreibt, wenn man unweigerlicher Teil davon ist. Diese für jeden Menschen äußerst wichtigen Themen treiben AIGEL an. Wie ein persönliches Gipfelglück des Dichters und der Sängerin entpuppt sich Edem sowohl stimmlich als auch textlich als ein absolutes Feuerwerk.

8. Therapie des Jahres

Kira Lao
Trewoshny opyt (dt. Beunruhigende Erfahrung)

In den vier Jahren, die zwischen Trewoshny opyt und dem vorangehenden Album Woda (dt. Wasser) von Kira Lao liegen, hat sich für Kira Wainstein vieles verändert: darunter zum Beispiel der Wechsel vom Status einer Band-Sängerin zu einer Solokünstlerin. Trewoshny opyt ist zugleich ein Tagebuch dieser schwierigen Zeit und der Versuch, das Blatt zu wenden und alle Schwere von Innen nach Außen zu kehren. Das Kunststück der Erfahrung liegt darin, dass Kira für Unruhe und Chaos, für Zweifel und Ängste nicht nur Worte, sondern auch eine musikalische Sprache findet. Das Ergebnis ist eine Session in experimenteller Klangtherapie, in der sich, denke ich, jeder erwachsene Hörer wiederfindet. Das Experiment funktioniert also nicht nur für die Künstlerin selbst, sondern für uns alle.

9. Retro des Jahres

Inturist (dt. Ausländischer Tourist)
Ekonomika (dt. Ökonomie)

Das zweite Album der Art-Jazz-Post-Punk-Formation von Jewgeni Gorbunow zeugt von unbeirrter und sinnvoller Arbeit an sich selbst. Ekonomika poliert den absurden Retrosound des ersten Albums Komandirowka (dt. Geschäftsreise) wunderbar auf und verbannt gleichzeitig kompromisslos die ihm innewohnenden Längen und Unschärfen. Im endlosen Netz der lärmenden Instrumentalimprovisationen muss der Inturist sich nicht mehr zurechtfinden – auf dem Album Ekonomika weiß die Band genau, was sie zu tun hat, und fliegt als leuchtender Pfeil in die richtige Richtung.

10. Hilferuf des Jahres

Foresteppe
Karaul

Noch eine Chronik einer beunruhigenden Erfahrung: Jegor Klotschichin hat Wehrdienst bei den Raketentruppen geleistet und unter dem Eindruck dieser Phase seines Lebens ein Album aufgenommen. Es verwundert nicht, dass Klotschichins selbstgemachter pastoraler Ambient-Sound auf dieser Platte düsterer und angespannter, unruhiger und scharfkantiger daherkommt. Es ist anzunehmen, dass sich in diesem Jahr viele Menschen ungefähr so gefühlt haben, deren persönliche Utopie durch die Ereignisse in den Fenstern ihrer Browser als auch beim Blick aus dem echten Fenster neue, beunruhigende Schattierungen annahm.

11. Dancefloor des Jahres

Samoe Bolshoe Prostoe Chislo (dt. Die größte Primzahl)
Nawernoje, totschno (dt. Wahrscheinlich, genau)

In den letzten gut zehn Jahren hat sich die Band von Kirill Iwanow bis zur Unkenntlichkeit verändert und ihre Musik immer wieder neu erfunden. Das Album Nawernoje, totschno gehört in die letzte Etappe dieser endlosen Transformation: Ein Gründungsmitglied, Ilja Baramija, hat die Band endgültig verlassen, um sich auf das Duo AIGEL zu konzentrieren. Dafür ist die Sängerin Jewgenija Borsych der Band beigetreten und hat die zweite, manchmal auch die Lead-Stimme übernommen. Der Idee nach macht SBPC das Gleiche wie auf den beiden vorherigen Alben: Lieder für junge tanzwütige Beine, die den besten Beispielen grooviger Musik folgen – von Old-School-Hip-Hop bis Afrobeat – aber auch für erwachsene Köpfe und Herzen: Die Texte von Kirill Iwanow sind es wie immer wert, in Aphorismen zerlegt zu werden, die unsere Wirklichkeit im Hier und Jetzt beschreiben.

12. Kooperation des Jahres

Sojus
II

Die Minsker Gruppe Sojus hat den Ruf eines Ensembles, das Musik für Musiker macht. In der Tat hört das geschulte Ohr in den makellos gespielten Stücken zahlreiche musikalische Referenzen – vom brasilianischen Samba bis zum äthiopischen Jazz; dazu geschickt, subtil, und auf einzigartige Art und Weise miteinander verwoben. Es ist sicher kein Zufall, dass Sojus auf seinem zweiten Album bei zwei Songs von den Moskauer Bands Pasosch und Inturist unterstützt wird, die einen völlig anderen kreativen Ansatz verfolgen. Man kann nur hoffen, dass es in Zukunft noch mehr solcher Kooperationen geben wird.


Original: Colta
Übersetzung: Henriette Reisner
Veröffentlicht am 07.01.2020

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Russische Rockmusik

Das „Yeah, yeah, yeah“ ertönte als Ruf einer Generation, der auch auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs zu hören war. Als Gegenentwurf zur offiziellen sowjetischen Musikkultur eröffnete die russische Rockmusik eine emotionale Gegenwelt, die systemverändernd wirkte und den Soundtrack einer neuen Zeit bildete.

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Zwei Vampire vor der Kulisse verschiedener Objekte der Staatsmacht in Moskau: Vor dem Weißen HausGemeint ist das Regierungsgebäude der Russischen Föderation, in dem seit 1994 das Regierungskabinett seinen Sitz hat. Es wurde zwischen 1965 und 1979 erbaut und wird aufgrund seiner Farbe Weißes Haus genannt. übergießt sich die Protagonistin mit Kerosin, sie singt „Alles soll brennen!“. Auf eine Szene, in der die Vampire vor dem Lenin-MausoleumNach Lenins Tod im Januar 1924 entschied das Politbüro der Kommunistischen Partei, den Körper langfristig zu konservieren und in einem Mausoleum auszustellen. Lenins gegenwärtige Ruhestätte wurde sechs Jahre nach seinem Tod im Jahr 1930 fertiggestellt. Sie befindet sich an der Kreml-Mauer am Roten Platz in Moskau. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde das Mausoleum zu einem der zentralen architektonischen Symbole des Landes und zum Mittelpunkt des Lenin-Kultes. Mehr dazu in unserer Gnose rohes Fleisch verzehren, folgt ein Klatschspiel – auf Schultern von OMONOMON (Otrjad Mobilny Osobogo Nasnatschenija – dt. „Mobile Einheit besonderer Bestimmung“) umfasst verschiedene Spezialeinheiten der Polizei. Sie werden vor allem bei Demonstrationen und Massenveranstaltungen herangezogen, aber auch bei Geiselnahmen, Aktionen gegen organisierte Kriminalität oder für den Objektschutz eingesetzt. Das 1988 gegründete Format untersteht seit 2016 der neu geschaffenen Nationalgarde Russlands.-Mitarbeitern in voller Montur, vor der FSBFSB (Federalnaja slushba besopasnosti, dt. Föderaler Sicherheitsdienst) ist der Inlandsgeheimdienst Russlands. Er ging aus dem sowjetischen Geheimdienst KGB hervor, der nach dem Ende der Sowjetunion zerschlagen wurde. Heute gehören Spionageabwehr, Terrorismusbekämpfung, aber auch organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität zum Arbeitsgebiet des FSB. Schätzungsweise rund 350.000 Menschen arbeiten heute für die Behörde. Mehr dazu in unserer Gnose -Zentrale LubjankaDer Lubjanskaja-Platz (Lubjanka) ist ein Platz im Zentrum Moskaus, an dem die Zentrale des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB liegt. Im selben Gebäude hatten zuvor der sowjetische Geheimdienst KGB sowie seine Vorgängerorganisationen ihr Hauptquartier. Der Begriff Lubjanka wird in der Umgangssprache sowohl für den Platz als auch für die Organe der Staatssicherheit verwendet.  Mehr dazu in unserer Gnose mitten in Moskau. Szenen in der WDNChIn den 1930er Jahren als Landwirtschaftsausstellung in Moskau angelegt, wurde die Schau 1959 zur dauerhaften Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der UdSSR. Auf dem weitläufigen Gelände der WDNCh stellten sich die Teilrepubliken in Pavillons vor – es entstand ein idealtypisches Abbild des Staates im Kleinen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Areal zunächst als Vergnügungspark und für den Verkauf von Konsumgütern genutzt, bis es 2014 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Mehr dazu in unserer Gnose wechseln mit Szenen, in denen die Protagonistin in einem Sarg vor der Basilius-Kathedrale liegt, schließlich trinken beide Vampire Blut aus Gläsern am Ufer der Moskwa. In der letzten Einstellung ertrinken beide im Fluss.  

Der Clip der Band IC3PEAK verstört und provoziert auf mehreren Ebenen und entwickelt eine enorm subversive Wirkung. Die Vampire lassen sich als das Staats- und Regierungsduo deuten. IC3PEAK-Sängerin Nastja Kreslina singt unter anderem über Verfolgungen aus politischen Gründen, über unkontrollierte Polizeigewalt, Korruption und Einmischung der Kirche in Staatsangelegenheiten. Das Lied Smerti bolsche net (dt. Es gibt keinen Tod mehr) wurde von zahlreichen Fans als „Hymne der Opposition“ und „wahre Äußerung über Russland“ bezeichnet – und ist dabei nur eines von vielen Beispielen für zunehmend kritische Töne in der zeitgenössischen russischen Musikszene. Eine Entwicklung, auf die die Machthaber oft widersprüchlich reagieren, und die auch Konzertverbote Ende 2018 nicht aufhalten konnten. 

 

Im November 2018 haben russische Behörden zahlreiche Konzerte von Kreml-kritischen Rapmusikern und anderen Bands verboten oder abgebrochen. Unabhängige Medien verglichen die Situation zunächst mit dem KampfSogenannte „ideologisch untragbare“ Musik wurde in der Sowjetunion strafrechtlich verfolgt. Seit den frühen 1980er Jahren versuchten staatliche Behörden, solche Musik in kontrollierbare Bahnen zu lenken. Dieser Kanalisierungsversuche scheiterten jedoch weitgehend. Heute gilt die damalige Musik als ein Motor der Perestroika: Sie habe, so die Argumentation, den Lebensstil der Protest- in die Massenkultur transportiert. Mehr dazu in unserer Gnose der sowjetischen Machthaber gegen „ideologisch untragbare“ Musik und fragten, ob der Kreml die Verbote angeordnet habe. Später verdichteten sich allerdings die Hinweise darauf, dass die Konzertabbrüche eher dem vorauseilenden Gehorsam lokaler Behörden geschuldet waren. 

Dennoch suchen die Machthaber nach der richtigen Strategie im Umgang mit der sichtbar zunehmenden Gegenkultur. So schlug der Chef des Auslandsnachrichtendienstes SWR Sergej NaryschkinSergej Naryschkin (geb. 1954) ist ein russischer Politiker und Ökonom. Er ist ehemaliger Präsident der Präsidialadministration und war von 2011 bis 2016 Vorsitzender der Staatsduma. Seit Oktober 2016 ist Naryschkin Leiter des Auslandsnachrichtendienstes SWR. vor, Rapper staatlich zu fördern. Und Wladimir Putin sagte im Dezember 2018: „Wie kann man sich an ihre Spitze stellen und sie mit passenden Mitteln in die richtige Richtung lenken – das ist das Wichtigste, weil die Methode – sie packen und nicht loslassen –, die ineffektivste und schlechteste ist, die man sich ausdenken kann. Es würde genau den gegenteiligen Effekt haben als erwartet, so viel steht fest.“1 

Auch der prominente Moderator Dimitri KisseljowDer Journalist Dimitri Kisseljow spielt im gelenkten russischen Staatsjournalismus eine zentrale Rolle. 2008 wurde er Vizedirektor der staatlichen Medienholding WGTRK. Seit 2014 leitet er die staatliche Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja. Mehr dazu in unserer Gnose griff das Thema im Dezember 2018 in seiner Sendung im staatlichen Ersten Kanal auf und bot mit seinem MajakowskiWladimir Majakowski (1893–1930) war ein russischer und sowjetischer Dichter und führender Vertreter des Futurismus. Nach der Oktoberrevolution 1917 wurde er zum Ersten Dichter der Sowjetunion, schrieb Agitprop-Gedichte, malte Plakate, verfasste Drehbücher, arbeitete auch als Filmregisseur, Schauspieler und Herausgeber. Ende der 1920er geriet er wegen seiner gegenüber der Sowjetmacht kritischen Stücke maßgeblich unter Druck. 1930 nahm er sich das Leben. Mehr dazu in unserer Gnose -Rap einen Gegenentwurf zur Gegenkultur. 

Dabei ist nicht klar, was die aktuelle musikalische Gegenkultur konkret ausmacht: Wie die meisten sozialen Bewegungen ist auch die musikalische Protestbewegung in Russland äußerst diffus und heterogen. Kaum einer der Künstler schreibt sich die Revolution auf die Fahne; als Gegenkultur oder ein kollektiver Akteur lassen sie sich lediglich anhand ihrer Gesellschaftskritik begreifen und wegen ihrer Kritik an der politischen Ordnung des Landes: Sie prangern etwa Verstöße gegen Grundrechte, politische Verfolgungen, fehlende RechtsstaatlichkeitIm Rule of Law Index 2019 des World Justice Project findet sich Russland auf Rang 88 von 126 Staaten. Bei Menschenrechten ist das Land punktgleich mit Sambia und Tansania auf Platz 104, in der Kategorie „Bindung von Regierung und Staat an Recht und Gesetz“ steht Russland auf Rang 112, punktgleich mit Honduras. Seit dem Amtsantritt Putins im Jahr 2000 schlägt das Pendel der Bewertung von Recht und Rechtsstaat in Russland zurück ins Negative. Mehr dazu in unserer Gnose , Korruption und Konservatismus an.
Die Kritik daran bedient sich völlig unterschiedlicher Musikstile und Methoden. So erreichen die Musiker auch unterschiedliche Zielgruppen. Gemeinsam ist ihnen aber etwas anderes: Gemessen in YouTube-Klickzahlen hören Hunderttausende, zum Teil Millionen von Menschen ihre Musik. Und die Tendenz ist seit den Konzertverboten eindeutig steigend.
Gemeinsam ist den Musikern der Gegenkultur außerdem, dass sie die politische Ordnung deutlich subtiler kritisieren als beispielsweise offen oppositionelle Gruppen wie etwa die Feministinnen-Band Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager. Mehr dazu in unserer Gnose . Und doch gibt es Abstufungen: von der deutlichen Metaphorik IC3PEAKs hin zu den eher sanften, ironischen Tönen Monetotschkas.

Neue Sensibilität: Monetotschka

Monetotschka, mit bürgerlichem Namen Elisaweta Gyrdymowa, komponiert ihre Songs in einem meditativen Elektro und Indie-Pop Stil. Die 21-jährige steht gewissermaßen für eine Generation, die in russischen Großstädten unter Putin aufgewachsen ist. 

In ihren Liedern formuliert Monetotschka ein politisches und ästhetisches Programm, das man als neue Sensibilität bezeichnen kann. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich bei ernsthaften politischen Äußerungen einer strategisch naiven Form bedient. Die Texte oszillieren permanent zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie, verbinden Sentimentalität und kritische Reflexion, die an Zynismus grenzt. Die schwedische Forscherin Maria Engström merkte dazu an, dass die neue Ästhetik, die Monetotschka präsentiert, sich nicht nur durch die politische Neutralität oder Apathie kennzeichne, sondern auch durch bewusste Vermeidung einer engagierten politischen Aussage. Die Sängerin distanziere sich von der revolutionären Grenzüberschreitung des Erlaubten, die für die frühere Protestkultur typisch war.2 

Vor dem Hintergrund der Protestwelle im Sommer 2019 brachte Monetotschka Gori gori gori (dt. Brenne brenne brenne) heraus. Mit der Feuersymbolik knüpft die Sängerin an IC3PEAKs Smerti bolsche net an; zusammengenommen lassen sich die beiden Texte als eine Art Metatext lesen, der eine Anatomie der jüngsten Protestwelle darstellt.
Monetotschka kritisiert in dem Lied sowohl die totale Staatskontrolle als auch die aktuelle wirtschaftliche Situation im Land. Sie würdigt die oppositionelle Hip-Hop Szene, die sich aktiv bei den Protesten beteiligt und ironisiert die eilig organisierten Gegenveranstaltungen, mit denen der Moskauer Bürgermeister Sergej SobjaninSergej Sobjanin (geb. 1958) ist seit 2010 Bürgermeister der Stadt Moskau. Er gilt als „Mann Putins“, wurde von diesem im Jahr 2000 zum Generalgouverneur des Gebiets Ural ernannt und setzte von dort seine politische Karriere fort. Als Bürgermeister Moskaus setzte er teilweise die Bauprojekte seines Vorgängers Juri Luschkow aus, dem Korruption vorgeworfen wurde. Sobjanin gründete eine große, von der Moskauer Regierung kontrollierte Medienholding. Im Vergleich zu seinem Vorgänger gilt er als Reformer. Mehr dazu in unserer Gnose Menschen von den Protesten abhalten wollte.

Familienehre und autoritäre Liebe: Aigel

Wenn Monetotschka in diesem Lied darüber singt, dass „der Rap der Hauptstadt-Szene schwärzer“ werde, dann meint sie wahrscheinlich den Übergang der Musikrichtung von der Massen- in die Gegenkultur: „Schwärzer“ wird der russische RapIn den 1980er Jahren über Breakdance zur Subkultur geworden, entwickelt der russischsprachige Hip-Hop seit den 1990er Jahren allmählich eine eigene stilistische und musikalische Identität, fern von der Anpassung an US-amerikanische Formen. Heutzutage steht er als ein eigenständiges Phänomen und als „dominante Gegenwartskultur“ da und auch in erster Linie als kulturelles Gut, das zudem nicht unrentabel ist. Mehr dazu in unserer Gnose , weil er sich back to the roots bewegt, zu seinen Wurzeln im Underground der afroamerikanischen Ghettos der USA. 

Auch Aigel (Aigel Gajsina) ist eine Protagonistin dieser Entwicklung. In ihrem 2017 erschienenen Clip Tatarin (dt. Tatare) wendet sich die 33-jährige tatarische Dichterin und Übersetzerin an ihren Freund, der aus dem Gefängnis entlassen wird. Scheinbar unterwürfig erzählt sie ihm, dass sie sich mit niemand anderem eingelassen habe. Dabei besingt sie ihn als einen bösen Kriminellen, als einen „Tataren, der in Sachen Liebe autoritär ist“. Aigel wendet sich damit ironisch gegen Patriarchat, Familienehre, Schande und Rache – Werte, die sie der tatarischen Gesellschaft zuschreibt. 

Das cineastisch ambitionierte Video brachte Aigel über 46 Millionen Aufrufe und gewann bei den Berlin Music Video Awards 2018 den Hauptpreis in der Kategorie Best Editor. Den Protagonisten im Video spielt Goscha Bergal, der öffentlichkeitswirksam den GopnikGopniki ist eine abwertende Bezeichnung für die Angehörigen einer Outsider-Subkultur in Russland. Die Etikettierten gelten als Kleinkriminelle, bei denen Körperverletzung zum Lebensstil gehört. Dem Klischee nach fallen Gopniki durch das Tragen von Trainingsanzügen und Schiebermützen auf. Es heißt, sie würden einen unflätigen Jargon sprechen und hätten meist eine nur unzureichende Schul- und Ausbildung. In Internet-Memen werden Gopniki häufig rauchend dargestellt, mit aggressiv-tumbem Gesichtsausdruck und im slavic squat hockend. Mehr dazu in unserer Gnose -Stil pflegt und unter anderem als Model für Balenciaga arbeitet.

Das Putin-Epigramm: Noize MC

Gesellschafts- und Kreml-kritisch war der Rapper Noize MC schon immer. Auf dem Höhepunkt der Protestwelle im Sommer 2019 brachte er aber das Lied Ljocha heraus: Kein anderer Song spiegelt die Stimmung der Straße treffender als der vom 1985 geborenen Iwan Alexejew. 

Darin rappt er über die brutale Vorgehensweise der Polizei und Justiz gegen die Demonstranten, bedient sich bei Ossip Mandelstam Ossip Mandelstam (1891–1938) war ein russischer Dichter, Schriftsteller und Literaturkritiker. Er gilt als einer der wichtigsten russischen Poeten des 20. Jahrhunderts. Sein antistalinsches Gedicht Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr von 1933 wurde vom Schriftsteller Boris Pasternak als Selbstmord eingestuft. Mandelstam wurde denunziert und verhaftet, am 27. Dezember 1938 starb er in einem Arbeitslager nahe Wladiwostok. und zieht damit zumindest stilistisch Parallelen zum Großen TerrorAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose . So beschreibt Noize seinen Protagonisten Ljocha (Kumpelform von Alexej) mit ungewöhnlich vielen adjektivischen Kurzformen, genauso wie Mandelstam 1933 in seinem Stalin-Epigramm Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr. 

Wie viele sowjetischen Kinder träumte auch der kleine Ljocha davon, Kosmonaut zu werden. Wie in Science-Fiction Filmen wollte er Aliens verprügeln. Als Polizist drischt der erwachsene Ljocha auf Demonstranten ein. In diesen sieht der Gehirngewaschene Aliens – wohl in Anlehnung an die Propaganda, die Protestierende als ausländische Agenten darstellt. 
So stellt Noize MC in Ljocha die Spaltung der russischen Gesellschaft dar und greift dabei sowohl auf kollektive Identitäts- als auch auf Feindbilder aus der sowjetischen Vergangenheit zurück.

Sein Lied Wsjo kak u ljudej (dt. Alles wie bei normalen Menschen) ist ein raues und polemisches Porträt der Epoche Putin und gleichzeitig eine Hommage an Jegor LetowJegor Letow (1964–2008) war Frontmann der Punkband Grashdanskaja Oborona (dt. Bürgerwehr). Er war eine Schlüsselfigur des sogenannten sibirischen Undergrounds, nach seinem Tod wurde er mehrmals als der „Patriarch“ des russischen Punk bezeichnet., Ikone der sowjetischen Perestroika-MusikSogenannte „ideologisch untragbare“ Musik wurde in der Sowjetunion strafrechtlich verfolgt. Seit den frühen 1980er Jahren versuchten staatliche Behörden, solche Musik in kontrollierbare Bahnen zu lenken. Dieser Kanalisierungsversuche scheiterten jedoch weitgehend. Heute gilt die damalige Musik als ein Motor der Perestroika: Sie habe, so die Argumentation, den Lebensstil der Protest- in die Massenkultur transportiert. Mehr dazu in unserer Gnose . Veröffentlicht im September 2019, knüpft Noize thematisch an Ljocha an und bringt zunächst einen Originalton von Putin von 1996: „Allen scheint so [...], dass es uns allen besser gehen würde, wenn man mit der starken Hand eine strenge Ordnung einführen würde. [...] In Wirklichkeit [...] wird uns diese starke Hand aber bald erwürgen.“ 

Während des Originaltons ist das Bild Apotheose des Kriegs vom russischen Maler Wassili Wereschtschagin zu sehen. Vor abwechselnden Nachdrucken berühmter russischer Kunstklassiker rappt Noize unter anderem über einen Lego-Baukasten: Еnthalten sind ein AwtosakEin Awtosak ist ein Spezialfahrzeug für den Gefangenentransport. Sie wurden in den 1930er Jahren in der UdSSR entwickelt. Damals waren die Fahrzeuge noch schwarz und wurden im Volksmund „schwarzer Rabe“ genannt. Sie waren zur Zeit des Großen Terrors Symbol für willkürliche Verhaftung. Eine modernisierte Version der Fahrzeuge ist bis heute im Einsatz und wird mehr und mehr zum Symbol für die Verhaftung oppositioneller Demonstranten. Im Netz finden sich deshalb viele Selfies von Aktivisten und Demonstranten in Awtosaks und drei Figuren – Noize MC kommentiert: „Einer gegen zwei Bullen, alles wie bei normalen Menschen.“ 

Eine der Schlüsselsequenzen rappt Noize vor dem berühmten Bild Bogatyri (Die drei Recken) von Wiktor Wasnezow. Das Gemälde zeigt russische Identifikationsfiguren, die als furchtlose Krieger, Helden und Beschützer glorifiziert werden. Dazu bringt Noize eine Neuinterpretation von Letows Lied My – ljod (dt. Wir sind Eis). Letow singt darin über einen KGB-Major, der 1985 seinen Fall leitete und den oppositionellen Musiker schließlich in die Zwangspsychiatrie brachte: „Wir sind Eis unter Majors Füßen / Major wird ausrutschen und fallen“. Die Version von Noize kann man auf Putin beziehen, denn auch dieser war einst KGB-Major: „Das Eis unter Majors Füßen bricht leichter als eine Falafel-Kruste / Major hat keine Angst, Major wird nicht untergehen – Major sitzt für den Fall der Fälle im Tauchboot.“ 

„Islamisten und Nazis“: Shortparis

Ähnlich wie Letow bemüht auch die Band Shortparis die Eis-Metapher: In ihrem Lied Straschno (dt. Angst) geht der Major bangend über Eis, das ihn womöglich nicht halten kann.
 
Das 2012 gegründete Quintett um den Kunsthistoriker Nikolaj Komjagin macht Art-Punk und experimentiert mit Pop und Avantgarde. Die Band aus Sankt Petersburg brachte den Clip zu Straschno am 12. Dezember 2018 heraus – am Tag der Verfassung der Russischen Föderation. Das Video erscheint geradezu wie Konzeptkunst: Zunächst mimen die Bandmitglieder Skinheads, die in eine Schule eindringen und zum Sportsaal laufen, in dem zentralasiatische GastarbajterySpätestens seit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 2000er ist Russland ein attraktives Ziel für Wanderarbeiter aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere aus Zentralasien. Die Wirtschaftskraft dieser Länder hängt zum Teil erheblich von Rücküberweisungen aus Russland ab. Jüngste Verschärfungen des russischen Migrationsrechts haben Einreise und Arbeitsaufenthalt der Gastarbajtery jedoch erschwert. Mehr dazu in unserer Gnose untergebracht sind. Entgegen der Erwartung eines Pogroms veranstalten sie dort aber eine queere Party, gemischt mit Folklore-Elementen aus ZentralasienMit Zentralasien wird hier jene Region bezeichnet, in der sich heute die Staaten Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan befinden. Die Region wurde vom russischen Imperium bis zum Ende der 1860er Jahre unterworfen. Die heutigen Staatsgrenzen gehen weitgehend auf die Gründung nationaler Republiken in der Sowjetunion im Jahr 1924 zurück.. Das Video endet mit einer Sequenz, die man als Beerdigung der russischen Verfassung deuten kann.

 

 

Shortparis hinterfragen in dem Clip landläufige xenophobe Stereotype: So wird mit arabischen Karaoke-Untertiteln wohl Islamismus assoziiert, auch wenn dort nur die arabischen Worte für „Frieden“ und „Freundschaft“ geschrieben sind. Gleichzeitig spielen Shortparis auf die terroristischen Anschläge in BeslanAm 1. September 2004 gegen 9.30 Uhr überfielen mindestens 32 Terroristen die Mittelschule Nr. 1 im nordossetischen Beslan. Sie nahmen 1128 Menschen in einer Turnhalle als Geiseln. Während des dreitägigen Anschlags und in dessen Folge starben 331 Menschen, darunter 186 Kinder. Die Tragödie von Beslan steht in Verbindung zum Tschetschenienkonflikt und ist bis heute umgeben von Unwissenheit und Schweigen. Mehr dazu in unserer Gnose  an – ein schmerzhaftes Kapitel in der neuesten Geschichte des Landes. Auch Kritik an der Integrationspolitik lässt sich aus dem Video deuten, genauso wie Kritik an Homophobie. 
Sowohl die ethische als auch die ästhetische Aussage der Band rief unterschiedliche, zum Teil ambivalente Reaktionen hervor: So beschimpfte man die Band laut Komjagin sowohl als Islamisten als auch als Nazis.3

„Ich werde meine Musik singen“

Trotz heftiger Kritik, lokalen Konzertverboten und einer Atmosphäre der Einschüchterung singen seit 2018 immer mehr Musiker gegen die politische Ordnung an: So wie bei dem mittlerweile legendären Solidaritätskonzert Ich werde meine Musik singen, das die Rapper OxxymironOxxxymiron (geb. 1985) ist ein russischer Rapper. Geboren als Miron Fjodorow in Sankt Petersburg, wuchs er in Deutschland und England auf und studierte Mittelalterliche Englische Literatur in Oxford. Heute gilt er als einer der besten Battlerapper der Welt. Seine Battles haben bis zu 44 Millionen Aufrufe auf YouTube Mehr dazu in unserer Gnose , Noize MC und BastaBasta (Wassili Wakulenko, geb. 1980) ist ein russischer Musiker, Schauspieler und Regisseur aus Rostow am Don. Er ist seit 1997 aktiv und hat seitdem über ein Dutzend Alben veröffentlicht und in mehreren Filmen mitgespielt. Bastas Lied Moja Igra (dt. „Mein Spiel“) aus dem Jahr 1998 gehört zu den Klassikern des russischen Raps.  als Antwort auf die zahlreichen Konzertverbote Ende 2018 veranstaltet hatten.

Solche Reaktionen hatte Putin wohl im Sinn, als er die oben erwähnte Frage stellte, mit welchen Maßnahmen „man sich an ihre Spitze stellen kann“. Durchschlagende Maßnahmen hat der Kreml bislang aber nicht ergriffen. 
Vielleicht war Putin auch bewusst, dass der Inlandsgeheimdienst schon einmal daran gescheitert ist, oppositionelle Musik in kontrollierbare Bahnen zu lenken: Mitte der 1980er Jahre, als Putin KGB-Major wurde und die Protestmusik der sowjetischen Ordnung sogar noch mehr zusetzte als etwa SolschenizynsIm Westen ist Alexander Solschenizyn (1918–2008) als einer der bedeutendsten Oppositionellen der Sowjetära bekannt. Solschenizyn selbst verbrachte acht Jahre seines Lebens in Straflagern und seine Werke über die Lagerhaft waren langjährige Bestseller in den 1960er und 1970er Jahren. 1974 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und lebte bis 1994 im Exil. Heute wird er aufgrund seiner moralischen und politischen Vorstellungen hauptsächlich in konservativen und christlichen Kreisen in Russland und im Westen gelesen und wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts wieder populärer. Mehr dazu in unserer Gnose Archipel GulagArchipel Gulag ist das Hauptwerk des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Darin wird das menschenverachtende sowjetische Straflagersystem eindrucksvoll beschrieben, weshalb das Werk in der Sowjetunion verboten war und zunächst nur im Ausland erschien. Heute gilt es vor allem als wichtiges Zeitdokument. Mehr dazu in unserer Gnose .4 


bbc.com: Putin pro rėperov: „vozglavit' i napravit'“ - chorošo, „chvatat' i ne puščat'“ - plocho.
2 ridl.io: Monetočka: manifest metamodernizma.
3 meduza.io: „Nas nazyvali islamistami i nacistami odnovremenno“. Gruppa Shortparis zachvatyvaet školu: prem'era klipa „Strašno“.
4 sobaka.ru: 30 let perestrojke: glavnye simvoly vremeni.
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