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Takie dela

Klitzekleine Schnipsel

Aldona Wolynskaja ist ihr ganzes Leben lang davongelaufen, hat Dokumente zerrissen, Namen und Nachnamen geändert. Aber die Vergangenheit hat sie immer wieder eingeholt. Sie war im Dritten Reich eine zivile Zwangsarbeiterin aus der Sowjetunion„Ostarbeiter“ ist ein nationalsozialistischer Begriff, der die Situation von fast drei Millionen zivilen Bürgerinnen und Bürger aus der Sowjetunion, die während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, nur unzureichend umschreibt. Dahinter steckten jedoch die unmenschliche, rassistische Behandlung und der Antislawismus der Nazis. Auch nach der Befreiung erfuhren viele Überlebende – die meisten von ihnen Frauen – Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und sogar Gewalt. Bis heute ist das Thema noch nicht erschöpfend erforscht, sind zahlreiche Schicksale unbekannt. Mehr dazu in unserer Gnose . Anastasia Platonowa hat Aldonas Geschichte aufgeschrieben – die mit dem Kriegsende noch lange nicht vorbei war.

Quelle Takie dela

Foto © Memorial

Fotos © Archiv der Menschenrechtsoganisation MemorialMemorial ist eine international aktive russische Menschenrechtsorganisation. 1987/88 unter anderem von dem Wissenschaftler und Dissidenten Andrej Sacharow gegründet, widmet sich Memorial der historischen Aufarbeitung der politischen Repressionen und der sozialen Fürsorge für Überlebende des Arbeitslagersystems Gulag. Auch aktuell setzt sich Memorial für die Wahrung der Menschenrechte ein. Die Organisation ist regelmäßig Ziel von Einschüchterungs- und Behinderungsversuchen seitens der russischen Behörden.

Als das Auto in BrestBrest (ehemals Brest-Litowsk) ist eine Großstadt in Belarus mit 350.600 Einwohnern, die sich an der Grenze zu Polen befindet. Im Ersten Weltkrieg war Brest von deutschen Truppen besetzt. Hier unterzeichnete das Deutsche Reich im Februar 1918 den sogenannten Brotfrieden mit der Ukraine und im März den Friedensvertrag mit Sowjetrussland. Brest gehörte ab 1921 zu Polen, wurde jedoch 1939 erneut von deutschen Truppen besetzt und im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes an die Sowjetunion übergeben. Zu Beginn des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war die Festung Brest hart umkämpft, bis heute hat sie eine hervorgehobene Stellung in der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg inne. ankam, überreichte man Aldona einen Umschlag mit ihren Papieren. Sie stieg aus dem StudebakerStudebaker war der Markenname eines US-amerikanischen Unternehmens, das zwischen 1852 und 1966 Fuhrwerke, Autos und Rüstungsgüter produzierte. Mit dem Lend-Lease-Programm, mit dem die USA ab 1941 die Sowjetunion im Kampf gegen Hitlerdeutschland unterstützten, gelangten rund 200.000 Studebaker US6-Lastkraftwagen in die Sowjetunion. Sie dienten in den Nachkriegsjahren als Vorlage für die Fertigung der sowjetischen GAZ-51 und GAZ-63 LKW.  , nahm ein Blatt aus dem Umschlag, sah die Aufschrift „Waisenheim Odessa“ und zerriss es in kleine Schnipsel. Dann zog sie das nächste Dokument hervor, und noch eins. Aldona machte das nicht zum ersten Mal: Sie wollte verheimlichen, dass ihre Eltern verhaftet worden waren, der Vater tot und die Mutter im Lager, und dass man sie selbst, eine junge Frau von 20 Jahren, vor fünf Jahren nach Deutschland verschleppt hatte. Sie saß auf dem Bordstein der Nachkriegsstraße und riss das Papier in immer kleinere Schnipsel, damit niemand mehr etwas lesen konnte. Damit niemand etwas erfuhr.

Herbst 1942: Nowoukrainka – Kirowograd [Ukraine]

Als man sie in die Waggons lud, war rundum lautes Geheul. Die Jugendlichen aus dem Waisenhaus, die man nach Deutschland brachte, wurden von den „Kleinen“ verabschiedet – von denen, die man nicht mitnahm, weil sie als Arbeitskraft noch nicht zu gebrauchen waren. Noch nicht.

Im Kinderheim, Nowoukrainka / Foto © MemorialAldona hatte so gut wie nichts an. Ihre Garderobe bestand aus einem Sommerkleid aus grober Baumwolle. Es war aus dem Bühnenvorhang im Waisenheim genäht, und einem BH aus zwei zusammengenähten Pionierhalstüchern.

In Kirowograd kletterten sie und ein paar andere Mädchen aus dem Waggon und liefen über die Gleise. Sie wollten eigentlich wegrennen, aber wo sollten sie schon hin – fast die ganze Ukraine war seit Herbst 1941 in deutscher HandAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Mehr dazu in unserer Gnose . Die Mädchen überlegten kurz und gingen wieder zurück zum Zug, der sie nach Deutschland brachte.

Aldona wusste, dass sie von Deutschland nichts Gutes zu erwarten hatte: Im Waisenhaus kamen Briefe von Kindern an, die man schon früher geholt hatte. Sie benutzten codierte Ausdrücke, um zu sagen: In Deutschland geht es ihnen schlecht.

Aldona wurde nach Deutschland verschleppt, als sie gerade 16 Jahre alt war. Mit ihr fuhren ihre Freundinnen Elja und Aina und andere Jugendliche aus dem Waisenhaus in Nowoukrainka.

Frühjahr 1938: Moskau

Als Aldona zwölf Jahre alt war, zog ihre Mutter ein schwarzes Kleid an und verließ das Haus. Drei Tage lang war sie schon weg. Aldona ging zur Schule, bezahlte die Miete, ging nach der Schule draußen auf dem Sretenski-Boulevard Seilspringen.

Da rief die Nachbarin nach ihr, und als Aldona in ihr Zimmer gerannt kam, waren dort Unbekannte. „Pack deine Sachen, du fährst zu deiner Großmutter. Hast du eine Großmutter?“ Aldona sagte ja. Aber im Stillen fragte sie sich: Wie soll ich zu ihr fahren, wenn ich gar nicht genau weiß, wo sie wohnt? Sie durfte ein paar Kindersachen und zwei Bücher mitnehmen. Aldona suchte sich Puschkin und TschechowAnton Tschechow (1860–1904) gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Vor allem seine Dramen Der Kirschgarten und Drei Schwestern erlangten enorme Bedeutung. Sie gehören zu den weltweit meistgespielten Bühnenstücken.  Mehr dazu in unserer Gnose aus. Mit ihnen stieg sie in ein großes schwarzes Auto.

Aldona in Moskau / Foto © MemorialMan brachte sie in ein Durchgangsheim für Kinder. Die anderen Mädchen erklärten Aldona, dass sie alle Kinder von Verhafteten seien. Aldona wurde fotografiert, man nahm ihre Fingerabdrücke und zeigte ihr ihren Schlafplatz. Nach ihrer Großmutter fragte niemand mehr.

Das Danilow Durchgangsheim war 1928 eröffnet worden. Anfang der 1930er Jahre landeten fünfzig Prozent der Kinder dort, wenn sie aus einem Waisenhaus weggelaufen waren. Ab Mitte der 1930er Jahre kamen dann Kinder, deren Eltern, genau wie Aldonas Eltern, verhaftet worden waren. Diese Kinder galten als „sozial gefährlich“, sie wurden getrennt von den obdachlosen Kindern und minderjährigen Straftätern untergebracht. Die Administration ermunterte die anderen Heimkinder die „politischen“ zu schikanieren: Bei Ausflügen wurden sie mit Steinen beworfen und beleidigt. Wenn ein Kind neu im Heim ankam, änderte man unter Umständen absichtlich den Nachnamen, um die Suche zu erschweren, nahm seine Fingerabdrücke und machte Fotos. Kinder, die miteinander verwandt waren, wurden bewusst getrennt und in verschiedene Kinderheime geschickt.

Aldonas Vater, Baltrus Matusjawitschjus, war Kommunist und Untergrundkämpfer in Litauen gewesen. Als er in die Sowjetunion zurückkehrte, änderte er seinen Namen in Wladimir Wolynski und arbeitete im Kreiskomitee der Stadt Istra. Im Sommer 19371937 ist eine gängige Chiffre für den Großen Terror – Höhepunkt der stalinistischen Säuberungswellen. Schätzungen zufolge wurden in den Jahren 1937/38 rund 1,5 Millionen mutmaßliche Feinde des stalinistischen Regimes verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, viele Historiker gehen jedoch davon aus, dass etwa 750.000 Menschen exekutiert wurden. Da es kaum zu Freisprüchen kam, wurden nahezu alle übrigen Opfer des Großen Terrors in den Lagern des Gulag und in Gefängnissen inhaftiert. wurde er verhaftet und wegen Vorbereitung eines Attentats auf Stalin angeklagt. Im April 1938 kam die Vorladung für Aldonas Mutter, Nona Lichodijewskaja. Sie hielt sich bereit: Sie war sich sicher, dass sie, eine ehrliche Frau, nichts zu befürchten habe. Außerdem war sie gerade erst wieder in die Partei aufgenommen worden, sie dachte, es würde sich bald alles aufklären, die Gerechtigkeit siegen. Nona wusste nicht, dass ihr Mann, Aldonas Vater, bereits vor drei Monaten erschossen worden war und jetzt in einem Graben in KommunarkaKommunarka ist heute ein Gedenkfriedhof in der Oblast Moskau. In den 1930er und 1940er Jahren wurden hier Schätzungen zufolge rund 11.000 Menschen hingerichtet und in Massengräbern verscharrt.   bei Moskau lag. Als sie die Vorladung erhielt, verließ sie ruhigen Gewissens das Zimmer auf dem Sretenski-Boulevard.

Aus dem Durchgangsheim brachte man Aldona in einem Schwarzen RabenUmgangssprachliche Bezeichnung für ein elegantes schwarzes Auto vom Typ M1 des GAZ-Werks, das in den 1930er und 1940er Jahren in der Sowjetunion hergestellt wurde. Mitarbeiter der Geheimpolizei nutzten diesen Wagen, um Verhaftete zu transportieren. fort; es hieß, es ginge ins Sommerlager ans Meer. Im Vorbeifahren sah sie den Park Kultury und ein Haus, in dem Freunde der Familie wohnten und in dem Aldona mit ihrer Mutter oft zu Besuch gewesen war. Der Schwarze Rabe fuhr immer weiter.

Aldona im Kinderheim (vordere Reihe, Mitte) / Foto © Memorial

Den Kindern erklärte man, wenn sie jemand fragt, sollten sie antworten: Wir sind Einser-Schüler und fahren ins ArtekDas Pionierlager Artek auf der Krim wurde 1925 erst als Sanatorium für Tuberkulosevorsorge eröffnet. Bereits in den 30er Jahren wurde das Lager zur Ikone stilisiert und ist zum Traumland und Wunschziel einiger Generationen der Pioniere geworden. Seit den 1960er Jahren verbrachten jeden Sommer insgesamt 20.000 Kinder ihre Ferien in Artek. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde das Lager von der Ukraine weiterbetrieben und kam mit der Angliederung der Krim wieder unter russische Verwaltung. Mehr dazu in unserer Gnose . Später im Zug saß neben Aldona ein Mädchen, dessen Eltern ebenfalls verhaftet worden waren. So lernte sie ihre Freundin Elja kennen, und dann auch Aina. Aina fiel sofort auf: Sie war mit ihren Eltern gerade aus England zurückgekehrt, war grell gekleidet und trug eine kleine Uhr ums Handgelenk. Solche Uhren hatte in der Sowjetunion niemand.

Herbst 1944: Guben, Deutschland

Eines Abends kam Aina zusammen mit einer Freundin, und sie riefen Aldona ans Fenster. Die wohnte weit oben im dritten Stock, die Hausherrin hatte Aldona ein Zimmer unterm Dach gegeben. Aldona ging nach unten zu den Mädchen.

„Wir rennen weg.“
„Und was ist mit mir?“
„Na los, pack deine Sachen.“

Aldona rannte hoch. Ihre deutsche Arbeitgeberin behandelte sie nicht schlecht, hatte Aldona sogar einmal Lohn gezahlt, ließ sie manchmal am gemeinsamen Tisch sitzen und schenkte ihr eines Tages ein von Motten zerfressenes Kleid. Dafür putzte Aldona das Haus und den Laden und wenn eine Lieferung kam, schleppte sie 50-Kilo-Säcke. „Es ist das 20. Jahrhundert und ich bin eine Sklavin“, klagte Aldona Aina ihr Leid. Ob sie weglaufen soll, musste sie nicht lange überlegen.

Aina hatte weniger Glück gehabt: Sie wurde in ein Krankenhaus eingeteilt, in eine Baracke für Ausländer, und das Mädchen brach schier zusammen vor Arbeit. Eine Freundin hatte Aina dann zur Flucht angestiftet, ebenfalls eine OstowkaOstowka ist im Russischen die umgangssprachliche weibliche Kurzform des nationalsozialistischen Begriffs „Ostarbeiter“.  aus dem Waisenhaus: Vor lauter Wut hatte sie ihre Arbeitgeberin, eine reiche Deutsche, mit einem nassen Lappen geschlagen. Die Mädchen hatten sich Mut angetrunken und waren mit der halbleeren Weinflasche zu Aldona gerannt: sich verabschieden.

Zu dritt fuhren sie schließlich nach Berlin, wuschen sich in einer Bahnhofstoilette, setzten sich auf den Bahnsteig und machten sich daran, ihre Papiere zu vernichten: zerrissen den deutschen Ausweis [dt. im Orig. – dek], rissen alles in kleine Schnipsel, damit die Deutschen nicht merkten, dass drei Ostowkas vor ihren Herrinnen davongelaufen waren, kauften Fahrscheine nach Polen, um nach Hause zu fahren. Aber sie wurden erwischt: An der Grenze wurden alle kontrolliert; die Mädchen stiegen aus, ließen die Kontrolleure vorbei und wollten gerade wieder auf den abfahrenden Zug aufspringen, als ein Polizist sie bemerkte. Die Mädchen wurden von der Gestapo verhört, aber hatten Glück – sie kamen in ein Durchgangslager. Aldona erinnert sich, dass der Lagerleiter ein netter Mann war:

„Na Mädels, wollt ihr arbeiten?“
„Ja!“
„Wo wollt ihr denn hin?“

Die immer hungrigen ehemaligen Heimkinder fragten sofort nach der Küche. Der Leiter sagte, es gebe zwar eine, aber da wolle niemand hin – zu gefährlich.

„Warum denn gefährlich?“
„Das ist ein Flugplatz, der wird bombardiert.“
„Das ist uns egal, Hauptsache es gibt etwas zu essen.“

Sommer 1947: Magdeburg, Deutschland, sowjetische Besatzungszone

Bevor sie nach dem Krieg nach Hause zurückkehren durften, mussten Ostarbeiter durch Filtrationslager des NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag., wo sie verhört wurden, manchmal auch unter Folter durch Schlafentzug. Aldona blieb in Deutschland und arbeitete in der Verwaltung der sowjetischen Besatzungszone – ein recht angesehener und vertrauensvoller Posten. Trotzdem wusste sie: Irgendwann wird man sie holen kommen.

Als man sie ins Gefängnis brachte, war Aldona nicht überrascht. Ihre Kolleginnen in der Verwaltung hatten sie gewarnt, dass mehrere Anfragen vorlagen: Die Führung wollte herausfinden, ob die junge Dolmetscherin etwas zu verbergen hatte. Das hatte sie – beim ersten Mal konnte sie sich herauswinden, aber dann kam trotzdem alles heraus. Sie wurde von zwei Männern abgeholt, die sie von der gemeinsamen Arbeit kannte: Der Ermittler Senka Slutschischkin und Major Sergej Sikejew.

„Der Oberst hat gesagt, wir sollen dich verhaften.“
„Na, dann los.“

Im Gefängnis war Aldona nicht zum ersten Mal: Zuerst 1944 im Kölner Gestapo-Gefängnis, als die drei flüchtigen Ostowki-Mädchen von der Patrouille gefasst worden waren. Aus dem deutschen Lager kam die junge Frau in ein sowjetisches Filtrationslager. Dort erdachten sie und ihre Freundin Elja ihre Geschichte neu, änderten ihren Heimatort und die Nachnamen, aus Elja wurde Irina. Das Lager verließ Aldona als Mitarbeiterin der sowjetischen Militärverwaltung – die Sicherheitsdienste brauchten Leute, die Deutsch sprachen. 

In Magdeburg blieb sie mehrere Monate – dort wusste man nicht, was man mit der Dolmetscherin mit dem Makel im Stammbaum machen sollte.

1945: Magdeburg, Deutschland, sowjetische Besatzungszone

Aldona in Deutschland / Foto © MemorialIn der sowjetischen Militärverwaltung wurde Aldona Dolmetscherin: Sie war bei Durchsuchungen und Verhören dabei, übersetzte die Aussagen angeworbener Deutscher. Ihr war klar, dass eine Mitarbeiterin, deren Eltern beide verhaftet worden waren, jederzeit auf dem Platz des Angeklagten landen konnte.

Ihre Vorgesetzten besprachen den Plan für die Festnahmen oft in ihrer Anwesenheit.

„Wie viele PalkiPalka (deutsch „Stock“) gilt als ein Begriff aus dem russischen Polizei-Jargon. Er bezeichnet aufgeklärte Kriminalfälle, wobei manche davon laut Klischee als fingiert gelten, um die polizeiliche Aufklärungsquote zu erhöhen. hast du schon?“
„Mir fehlen noch drei.“
„Dann lass uns mal sehen, wen wir noch haben.“

Aldona las die Liste vor: Mann, 65 Jahre alt, Angina Pectoris, dazu ein Haufen anderer Krankheiten.

„Gut, der Nächste.“

Der Nächste ist auf Dienstreise, bei dem anderen waren sie schon, wieder der Nächste ist nicht zu Hause. Dann also doch der Alte mit Angina Pectoris.

Aldona verheimlichte ihre Vergangenheit, und eine Zeitlang ging das gut: Die Papiere aus dem Waisenhaus in Odessa waren bei einem Brand vernichtet worden. Aber sie flog trotzdem auf – irgendwann stellte jemand die richtige Anfrage, und die Antwort mit ihrem echten Namen und dem kompletten Lebenslauf, einschließlich der „unzuverlässigen“ Eltern, traf per Luftpost in Magdeburg ein. Aldona kam in dasselbe Gefängnis, das sie von den Verhören her kannte. Dort blieb sie vier Monate, bevor man sie einfach wieder laufen ließ: Man setzte sie in ein Auto, brachte sie nach Brest und überreichte ihr den Umschlag mit Papieren.

Warum war es so gekommen? Aldona wusste es nicht. Aber sie setzte sich hin und fing aus Gewohnheit an, die Papiere zu vernichten. Blatt für Blatt, immer kleinere Schnipel, damit man nichts entziffern konnte, rekonstruieren, einen Faden spinnen zu ihren verhafteten Eltern, dem Durchgangsheim, dem Waisenhaus in Odessa, der Hausherrin in Guben, nach Köln, zur Militärverwaltung in Magdeburg …

***

Aldonas Ehemann / Foto © MemorialUm alle Spuren zu verwischen, heiratete Aldona und zog mit ihrem Mann, der beim Militär war, auf die Halbinsel Sachalin. Sie ahnte, dass sein Vater ebenfalls erschossen worden war, aber sie haben nie darüber geredet. Das Unausgesprochene hatte immer zwischen ihnen gestanden wie eine Wand, und schließlich trennten sie sich.

Fast ihr ganzes Leben lang hielt Aldona ihre Vergangenheit geheim, ihre Herkunft, ihre Familie, änderte ihre Namen, vernichtete Papiere. Aber 1990 tauchten plötzlich in den Zeitungen Artikel auf, die auch sie persönlich betrafen. In der PrawdaDie Prawda (dt. Wahrheit) ist eine russische Tageszeitung, die 1912 von Lenin aus dem Exil gegründet wurde. Sie sollte eine Zeitung von Arbeitern für Arbeiter sein und war in der Sowjetunion das Parteiorgan der KPdSU. So war die Prawda mit einer offiziellen täglichen Auflage von elf Millionen Exemplaren die größte Zeitung der Sowjetunion. Nach dem Zerfall der Sowjetunion geriet sie allerdings in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1996 eingestellt, bevor sie im April 1997 als Organ der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation unter Chefredakteur Alexander Ilin neu gegründet wurde. Seit 2009 ist Boris Komozki Chefredakteur der Zeitung. entdeckte sie eine Adresse der Stadt Köln, die nach ehemaligen Ostarbeitern und Kriegsgefangenen suchte, und entschloss sich, dort hinzuschreiben. Als Antwort bekam sie Hin- und Rückflugtickets samt einer Einladung des Bürgermeisters von Köln. 1990 lief Aldona durch die vertrauten Straßen, erkannte sie wieder und auch wieder nicht – und erhielt ein Dokument, das sie als Opfer des Nationalsozialismus anerkannte. Damit kehrte sie nach Moskau zurück und ihr wurde klar: Sie musste keine Papiere mehr zerreißen. Und sie durfte über alles reden.

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„Ostarbeiter“

Als der Krieg anfing, lebte Ljuba in der Ukraine, in der Region Wosnessensk. Kurz zuvor hatte sie die sechste Klasse beendet; da jede helfende Hand wichtig war, begann Ljuba nun gemeinsam mit ihren Eltern in der KolchoseDas Wort bezeichnete in der Sowjetunion eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. Es setzt sich zusammen aus den Anfängen der Wörter „kollektiv“ (kollektiwny) und „Wirtschaft/Haushalt“ (chosjaistwo). Seit 1929 wurde die Landwirtschaft mit Zwangskollektivierungen in Kolchosen organisiert. Die Betriebe waren formal selbstverwaltet, die Produktionsmittel gehörten dem Kollektiv. Die Leiter der Kolchosen wurden allerdings von der Partei eingesetzt, und der Boden gehörte dem Staat. zu arbeiten. 

Rund eineinhalb Monate nach dem Beginn des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs gegen die SowjetunionAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Mehr dazu in unserer Gnose marschierten deutsche Soldaten am 7. August 1941 in Wosnessensk ein. Ihr Kampf um den „Lebensraum Ost“ sah vor, dass die Menschen weiter in den Osten der Sowjetunion gedrängt oder vernichtet werden. Die Nazis planten den Hungertod für 30 Millionen Menschen in den besetzten Ostgebieten.1 

Ljubas Vater trat in die Rote Armee ein. Ljuba, ihre Mutter und ihre vier Schwestern blieben bei Wosnessensk zurück. Die Nazis gründeten das Reichskommissariat Ukraine und das Reichskommissariat Ostland, wo sie ihre rassistische Besatzungspolitik mit Repressionen und Gewalt durchsetzten. Eine allgemeine Arbeitspflicht wurde eingeführt, zunächst mit einer Altersbeschränkung: Für Männer im Alter von 15 bis 65 Jahren und für Frauen zwischen 15 und 45 Jahren.2 Später wurde diese Beschränkung aufgehoben.

Die Abgaben von den Kolchosen an die Besatzungsmacht stiegen an. Die Lebensmittelrationen für die Bevölkerung wurden immer kleiner. Die fruchtbare Ukraine sollte zur „Kornkammer des Reiches“ werden und die „arischen Herrenmenschen“ ernähren.3 Die Menschen im Land gerieten in immer größere, wirtschaftliche Not und litten Hunger. 

Zeitgleich propagierten die Nazis, dass Ukrainer, Russen und Belarussen sich freiwillig für den Arbeitseinsatz im Deutschen Reich melden sollten. Dort würden sie eine faire Arbeit und einen gerechten Lohn erhalten, solange sie für die Deutschen arbeiteten. 

Bis Mitte Januar 1942 meldeten sich 55.000 Arbeiter:innen für den Arbeitseinsatz. Später kamen noch einige weitere zehntausend Ukrainer:innen dazu.4 Als die ersten Gerüchte und Briefe über die Arbeitssituation und die Lebensumstände die Heimat erreichten, war vielen klar, dass sie auf die Propaganda und die leeren Versprechungen der Nazis hereingefallen waren.5 Um die Kriegswirtschaft zu erhalten, setzten die Deutschen auf Ausbeutung und Zwangsarbeit. Längst verließen sie sich nicht nur auf Propaganda: Auch Zwangsrekrutierungen, Gewalt, Repressionen und willkürliche Razzien kamen massiv zum Einsatz. Ganz offen wurde von „Menschenjagden“ oder „Sklavenjagden“ gesprochen. 

In dem Reichskommissariat Ukraine zogen die Nazis ab 1943 zusätzlich alle Menschen der Jahrgänge 1922 bis 1925 zu einem zweijährigen Pflichtarbeitsdienst im Deutschen Reich ein. Zahlreiche Plakate wurden im Auftrag des Kiewer Stadtkommissars in der ganzen Ukraine verteilt, darauf ließ er verlauten: „Ich erwarte, daß alle in Betracht kommenden Jugendlichen ausnahmslos und pünktlich zur Abreise erscheinen.“ 

Bild © Bundesarchiv, Bild 183-J10854 / CC-BY-SA 3.0Am 19. August 1943 wurde Ljuba ins Deutsche Reich gebracht, als eine von zahlreichen Jugendlichen aus der Sowjetunion, die zwischen 1942 und 1945 Zwangsarbeit leisteten. Ging die 17-Jährige mit der Hoffnung auf mehr? Aus Zwang? Oder um ihre Mutter und Schwestern finanziell zu unterstützen? 

Auf dem Weg zu ihrem neuen Arbeits- und Lebensort gab es für die Zwangsarbeiter:innen aus der Sowjetunion drei ärztliche Untersuchungen, um die Gesundheit und körperliche Verfassung der neuen Arbeitskräfte zu prüfen. Ljuba schrieb in einer Postkarte an ihre Familie, die heute im Staatsarchiv der Oblast MykolajiwMykolajiw (russ. „Nikolajew“) ist eine ukrainische Großstadt mit rund 485.000 Einwohnern. Sie liegt am Fluss Südlicher Bug, der ins Schwarze Meer mündet. 1789 gegründet, wurde hier nach dem Großen Vaterländischen Krieg ab 1945 eines der sowjetischen Zentren für Schiffbau angelegt. Auch heute befinden sich hier drei große Werften, die sowohl zivile als auch militärische Schiffe bauen. aufbewahrt wird: „Ich bin für gesund befunden worden. Darum wartet zu Hause nicht auf mich.“6 

„Untermenschen“

Das neue „Material“ musste gesund und einsatzbereit sein. In der rassistischen und menschenverachtenden Ideologie der Nazis galten die Menschen aus der Sowjetunion als „Untermenschen“. Anfangs sollten die Bürger:innen aus der Sowjetunion nicht zur Zwangsarbeit eingesetzt werden, nachdem die Nazis 1943 aber zum „Totalen Krieg“ übergegangen sind, haben sie immer mehr Arbeitskräfte gebraucht. Aus diesem Grund wichen sie vom Vernichtungsplan ab und griffen immer mehr auf die sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen zurück. Durch unmenschliche Behandlung, schlechte und mangelhafte Ernährung, Misshandlungen, Strafen und willkürliche Gewalt starben allein innerhalb weniger Monate ungefähr zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene.7 

„Ich bin am Leben und gesund“, schrieb Ljuba an ihre Familie. „Wir sind 15 Tage lang gefahren, und mir ging es sehr gut. Jetzt bin ich in Bremen, in einem Lager.“8 Zusammen mit ungefähr 700 anderen Frauen war sie im Lager Heidkamp untergebracht. Viele von ihnen kamen, so wie Ljuba, aus der Sowjetunion. Das Lager wurde eingerichtet und betrieben von der Organisation Todt (O.T.) – eine paramilitärische Bauorganisation und zuständig für viele kriegswichtige Bauprojekte. Es war das größte Zwangsarbeitslager in der Rüstungslandschaft in Bremen-Farge und Umgebung.9

Im Sommer 1944, dem Höhepunkt des massiven Einsatzes von ausländischen Arbeitskräften im Deutschen Reich, wurden in der Rüstungsindustrie, der Kriegswirtschaft, in der Landwirtschaft und in deutschen Haushalten mehr als 13 Millionen Zwangsarbeiter:innen eingesetzt: zivile Zwangsarbeiter:innen, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene – darunter ungefähr 2,75 Millionen zivile Zwangsarbeiter:innen aus der Sowjetunion. 

© Dokumentationszentrum NS-ZwangsarbeitWie die meisten Zwangsarbeiter:innen wusste auch Ljuba nicht, für welches Rüstungsprojekt sie arbeiten musste und welche Ziele die Nazis damit verfolgten. Die sogenannten „Ostarbeitererlasse“ vom Februar 1942 bestimmten ihr Leben in einem Land, in dem sie nicht als Menschen wahrgenommen wurden. Die Regelungen für „Ostarbeiter“ waren an anderen Erlassen für Zwangsarbeiter:innen orientiert und nochmal verschärft worden. So war es den sogenannten „Ostarbeitern“ streng verboten, das Lager zu verlassen. Sie durften nur raus, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gehen. Sie durften kein Geld, keine Wertgegenstände, keine Fahrkarten, keine Feuerzeuge und kein Fahrrad erwerben oder besitzen. In den Lagern wurden Frauen getrennt von den Männern untergebracht. Ihre Vorgesetzten durften sie züchtigen. Sie erhielten eine schlechtere Verpflegung und weniger Lohn als Deutsche. Jeglicher Kontakt zu den Deutschen war verboten. Sex mit einem Deutschen wurde sogar mit dem Tode bestraft. Wer diese Gesetze nicht einhielt, dem drohte die Einweisung in ein Konzentrations- oder Arbeitserziehungslager. 

Aus der Interview-Sammlung des Projekts Zwangsarbeit 1939-194510, die tausende Stunden Video- und Audio-Interviews mit Zwangsarbeiter:innen enthält, wird klar, dass die sogenannten „Ostarbeitererlasse“ im Grunde Vogelfrei-Gesetze gewesen sind: Willkür und Misshandlungen waren an der Tagesordnung, auch Fälle der sogenannten „Vernichtung durch Arbeit“ sind überliefert. 

„OST“

Zudem mussten Zwangsarbeiter:innen eine diskriminierende Kennzeichnung auf ihrer Brust tragen. Für die zivilen Zwangsarbeiter:innen aus der Sowjetunion war dies ein rechteckiger, blau-weißer Stoffstreifen, auf dem in Großbuchstaben „OST“ stand. Unter keinen Umständen durften sie die Kennzeichnung ablegen. Auch Ljuba war eine solche „Ostarbeiterin“ – ein nationalsozialistischer Begriff, der die Situation von fast drei Millionen zivilen Bürger:innen aus der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs nur unzureichend umschreibt und harmlos wirkt. Dahinter steckte die unmenschliche, rassistische Behandlung und der Antislawismus der Nazis. 

Von den rund drei Millionen Zwangsarbeiter:innen aus der Sowjetunion waren fast zwei Drittel Frauen.11 Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel war ab März 1942 vor allem für die Organisation und Deportation aller ausländischen Arbeitskräfte für den NS-Staat verantwortlich. Er sagte: „Ich werde diese Russinnen zu Hunderten und Tausenden einsetzen. Sie werden für uns arbeiten. Sie halten zehn Stunden durch und machen jede Männerarbeit.“12 
Die Frauen mussten arbeiten bis zum Umfallen. Schwangerschaften waren nicht gewollt. Viele Frauen berichteten später von Zwangsabtreibungen oder auch davon, dass ihnen die Kinder nach der Geburt weggenommen worden waren. Viele Neugeborene kamen in die sogenannten „Ausländerkinder-Pflegestätten“. In diesen Einrichtungen starben mindestens 50.000 Kinder an den „geplanten Folgen organisierter Unterversorgung“.13 Kurz nach der Entbindung mussten die „Ostarbeiterinnen“ sofort wieder arbeiten.

Im Erinnerungsschatten

Wie viele Zwangsarbeiter:innen aus der Sowjetunion in Deutschland ums Leben kamen – dazu gibt es keine belastbaren Zahlen. Ljuba hat überlebt. Im Sommer 1945 wollte sie in die Heimat zurück. Die Westalliierten übergaben die sowjetischen Bürger:innen aus ihren Besatzungszonen an den sowjetischen Geheimdienst. Vermutlich wurde auch Ljuba daraufhin in ein sogenanntes Prüf- und Filtrationslager des NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag. überstellt. In diesen Lagern mussten die ehemaligen Zwangsarbeiter:innen lange, strenge Verhöre über sich ergehen lassen. Für alle registrierten rund 5,4 Millionen sogenannter „Repatrianten“14 galt eine Schuldvermutung: Allen Zwangsarbeiter:innen wurde seitens der Sowjetunion Kollaboration und Spionage vorgeworfen. 

Natürlich war es schwer, diese pauschalen Vorwürfe in den Verhören ohne Beweise zu widerlegen. In den schlimmsten Fällen kamen die sogenannten „Repatrianten“ erneut in ein Lager und zur Zwangsarbeit nach Sibirien. Auch für diese Opfergruppe gibt es keine belastbaren Zahlen. Bis zum Zerfall der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose und sogar darüber hinaus wurden die ehemaligen Zwangsarbeiter:innen jedenfalls nicht als Opfer des NS-Regimes anerkannt. Sie wurden oft gedemütigt, ausgegrenzt, verfolgt und erhielten keine finanzielle Unterstützung. Deswegen schwiegen viele und sprachen niemals ein Wort über ihr Leid als Zwangsarbeiter:innen. 

Auch in Deutschland waren „Ostarbeiter“ sehr lange Zeit nicht als Opfer des NS-Regimes anerkannt. Sie gehörten zu den „vergessenen Opfern des Nationalsozialismus“.15 Noch 1997 erklärte Bundeskanzler Helmut Kohl individuelle Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter für ausgeschlossen.16 Erst nachdem die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder den Weg für die Einrichtung der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« (EVZ) ebnete, konnten am 30. Mai 2001 die Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter:innen beginnen. 

Über 30.000 Zwangsarbeitslager hat es in Deutschland gegeben. 75 Jahre nach Kriegsende sind einige davon Gedenkorte, die an sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen erinnern: Der Denkort Bunker Valentin in Bremen-Farge etwa gehört dazu, auch die Gedenkstätte Lager Sandbostel oder die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Über die Opfergruppen wird in den vergangenen Jahren immer mehr geforscht, zahlreiche Publikationen kommen heraus, auch zivilgesellschaftliche Initiativen beschäftigen sich immer mehr mit dem Thema. Häufig wird in Politik und Medien aber überwiegend über die Shoah und die KZs gesprochen. Womöglich deshalb fehlt noch eine differenzierte Darstellung der sowjetischen Zwangsarbeiter:innen. Zusätzliche Herausforderung für Historiker:innen ist, dass viele Zeitzeugen bereits verstorben sind. Natürlich versucht man einen Kontakt zu Nachfahren und Angehörigen aufzubauen oder zu intensivieren (wenn er bereits vorhanden ist). Es gibt jedenfalls zahlreiche Quellen, die noch nicht ausgewertet wurden und in Archiven lagern. Häufig haben die Gedenkstätten kaum Zeit für die Forschung. 

An den Gedenkorten selbst ist es Aufgabe und Ziel, eine differenzierte Sicht zu vermitteln und das Schicksal der zivilen Zwangsarbeiter:innen aus dem „Erinnerungsschatten“17 zu führen.


1.Spoerer, Mark (2001): Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz: Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939-1945, S. 71 
2.ebd. S. 73 
3.ebd. 
4.ebd. 
5.Das Bundesarchiv: Sowjetische Kriegsgefangene und "Ostarbeiter" 
6.Staatsarchiv Oblast' Mykolajiw, Fond No. P-2871, Opris No. 1, Sprava No. 1919 
7.Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, S.72 
8.Postkarte aus dem Staatsarchiv der Oblast' Mykolajiw, Fond No. P-2871, Opris No. 1, Sprava No. 1919 
9.Eines der Bauprojekte war die verbunkerte U-Boot-Werft Valentin in Bremen-Farge. Am Denkort Bunker Valentin wird die Geschichte des Bunkers und der Rüstungslandschaft aufgearbeitet und vermittelt. Dabei stehen die Schicksale der vielen Zwangsarbeiter:innen im Vordergrund. 
10.zwangsarbeit-archiv.de: Interviews zur NS-Zwangsarbeit – Die Sammlung 
11.zwangsarbeit-archiv.de: Wichtige Begriffe zur nationalsozialistischen Zwangsarbeit 
12.zit. nach: Kersandt, Kerstin (2002): Doppelte Entrechtung – „Ostarbeiterinnen“ und ihre Kinder im Zweiten Weltkrieg im Raum Wiesbaden-Mainz, in: Brüchert, Hedwig/ Matheus, Michael (Hrsg.): Zwangsarbeit in Rheinland-Pfalz während des Zweiten Weltkriegs, Mainz, S. 57 
13.Stiftung niedersächsische Gedenkstätten: Jahresbericht 2017: Schwerpunktthema: Kindheit im Nationalsozialismus, S. 37 
14.Zemskov V. N. (1995): Repatriacija sovetskich graždan i ich dal'nejšaja sud'ba (1944–1956), in: Sociologičeskoe issledovanie: Ežemesjačnyj žurnal,1995, № 5., S. 3-13, hier: S. 10 
15.zwangsarbeit-archiv.de: Entschädigung – Hintergrundinformationen 
16.Deutschlandfunk: Später Ausgleich für Opfer des NS-Regimes 
17.Süddeutsche Zeitung: Wo Menschen wie Tiere behandelt wurden 
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Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

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