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SB. Belarus Segodnja

SB. Belarus Segodnja

Eine der wenigen politischen Zeitungen, die derzeit unter keinen Repressionen in Belarus leidet, ist die Tageszeitung SB. Belarus Segodnja (dt. Belarus heute). Aus einem einfachen Grund: Sie ist die offizielle, staatliche Zeitung der belarussischen Präsidialadministration. In ihr lässt sich Machthaber Alexander Lukaschenko als erster Mann im Staate abbilden – und feiern. 

SB. Belarus Segodnja ist ein Relikt aus sowjetischen Zeiten. 1927 in der Belarussischen Sowjetrepublik gegründet, hieß sie bis 1937 Rabotschij (dt. Der Arbeiter), seit 1943 erschien sie auf Belarussisch und Russisch. Für den späteren Namen Sovetskaja Belorussija steht heute noch die Abkürzung SB.
Alexander Lukaschenko, der auch ansonsten auf Kontinuität mit der Sowjetzeit setzte, sei es mit der Staatsflagge oder der Hymne, machte SB. Belarus Segodnja nach seinem Amtsantritt 1994 zur offiziellen Zeitung der Präsidialadministration. 

Mit einer Auflage von rund 190.000 Stück (2019) ist SB. Belarus Segodnja heute die auflagenstärkste Zeitung des Landes – was schlicht auch daran liegen mag, dass die Zeitung in vielen staatlichen Einrichtungen ausliegt und sich nicht privat finanzieren muss. Fotos des Präsidenten und Abdrucke seiner Reden bekommen in der Zeitung viel Raum. Sie erscheint an fünf Tagen in der Woche.

Aufgabe der Zeitung sei es, so steht es auf der Homepage von SB. Belarus Segodnja, „unparteiisch und professionell“ über die Aktivitäten des Präsidenten, der Administration, des Ministerrats und anderer Regierungsbehörden zu berichten. Wunsch und Wirklichkeit klaffen freilich weit auseinander. Der Rat der Europäischen Union bezeichnete das Medium 2012 als „die wichtigste Propagandazeitung“ des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko.

Infolge der Sanktionen gegen Belarus, die wegen der brutalen Niederschlagung der Proteste nach der Präsidentschaftswahl 2010 seitens der EU ergingen, wurden mehrere Redakteure der Zeitung auf die EU-Sanktionsliste gesetzt. Die EU begründete die Entscheidung damals mit dem Einfluss, der von ihnen ausgegangen sei: So sei etwa der damalige Chefredakteur Pawel Jakubowitsch „unter den Print-Medien einer der lautesten und einflussreichsten Vertreter der staatlichen Propagandamaschine“. Des Weiteren habe er mit Falschinformationen „die Repression gegen die demokratische Opposition und die Zivilgesellschaft unterstützt und gerechtfertigt“. Seit 2018 ist Dimitri Schuk Chefredakteur der Zeitung. 

Im Dezember 2020 veröffentlichte SB. Belarus Segodnja eine Todesdrohung an die Adresse der im Londoner Exil lebenden Theatermacher des Belarus Free Theatre, Natalija Koliada und Nikolaj Chalesin. Der Aufruf gegen sie war drastisch: „Wir werden euch finden und euch aufhängen, Seite an Seite.“ 

Text: Simone Brunner
Stand: Juni 2022

ECKDATEN
Gegründet: 1927
Chefredakteur: Dimitri Schuk
URL: https://sb.by

 

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Anders sein – Dissens in der Sowjetunion, © Anna Che (All rights reserved)