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Afghanistan-Bilder

Krieg oder Hilfseinsatz? Intervention oder Internationalistische Pflicht? Verbrüderung oder Gewaltexzess? Es gibt viele Perspektiven auf die sowjetische Präsenz in Afghanistan, die von 1979 bis 1989 dauerte. Doch welches Bild hatten die zeitgenössischen SowjetbürgerInnen von diesem Krieg? Die meisten unter ihnen waren angewiesen auf den offiziellen Blick, der in der zensierten Staatspresse festgehalten wurde. Zugleich beobachteten sowjetische Fotojournalisten vor Ort aber auch das, was in den Zeitungen nicht abgedruckt werden konnte. 
Zum 30. Jahrestag des Abzugs der sowjetischen Truppen aus Afghanistan bringt dekoder in Kooperation mit dem Institut für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin Fotos aus dem Fundus der staatlichen Fotoagentur MIA Rossija Segodnja (ehemals RIA Nowosti), einzelne davon wurden in der Zeitung Prawda veröffentlicht. Sie geben Einblicke in eine widersprüchliche sowjetisch-afghanische Geschichte und machen die Grenzen des Zeigbaren deutlich.

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Zu den Feierlichkeiten anlässlich des zweiten Jubiläums der Saurrevolution reist eine sowjetische Delegation nach Afghanistan, Kabul, 27.04.1980 / Foto © Wladimir Wjatkin/Sputnik„Aufbauhilfe“ und „Modernisierungsmaßnahmen“ – das waren die Schlagworte, die mit der sowjetischen militärischen Präsenz im Nachbarstaat Afghanistan in Verbindung gebracht wurden. Die UdSSR schickte Soldaten und zivile ExpertInnen in das Land am Hindukusch, um es auf seinem Weg zum Kommunismus nach sowjetischem Vorbild zu unterstützen. Fabriken wurden gebaut, Wasserversorgungsanlagen installiert, Lehrkräfte ausgebildet, und es wurde humanitäre Hilfe geleistet. So lautete die eine, die offizielle Erzählung über den sowjetischen Einsatz in Afghanistan. 

Statt blutigen militärischen Auseinandersetzungen, zerstörten Gebäuden und Aufnahmen von Toten und Verletzten sahen LeserInnen der Prawda (dt. Wahrheit) sowjetische und afghanische Ingenieure, die die Satelliten-Bodenstation besprechen, oder eine Ärztin, die die afghanischen Dorfbewohner untersucht. Denn die sowjetische Führung musste den Einsatz innen- wie außenpolitisch legitimieren. Die in den Staatsmedien gezeigten Fotografien zeugten von politischer Zusammenarbeit und inszenierten die Soldaten auf heroische Art und Weise. Beliebte Sujets waren überdies die Emanzipation der Frau, Alphabetisierungsprojekte und der wirtschaftliche Aufschwung. Neben Szenen der Brüderlichkeit und Motiven einer gemeinsamen sozialistischen Idee, wurden von den Fotografen besonders die Momente des Gegensätzlichen festgehalten: Scheinbar rückständigen Lebensverhältnissen wurden Symbole des sowjetischen Fortschritts gegenübergestellt.

Es war wichtig, insbesondere die Bilder des Abzugs der sowjetischen Truppen wirkmächtig zu inszenieren, Zeitung „Prawda“, 7.2.1989

Mit der Perestroika und Glasnost unter Michail Gorbatschow nahm die Kritik an der Intervention zu. Damit erweiterten sich auch die Grenzen des Sagbaren in der sowjetischen Öffentlichkeit. Doch gerade deshalb war es wichtig, die visuelle Gestalt des Krieges und insbesondere die Bilder des Abzugs der letzten sowjetischen Truppen am 15. Februar 1989 besonders wirkmächtig zu inszenieren. Mit den kanonischen Aufnahmen der sowjetischen Panzer auf der „Brücke der Freundschaft“ endete das Bildnarrativ eines erfolgreich geführten Hilfseinsatzes. 

In Afghanistan fingen Fotografen auch solche Szenen ein, die in der UdSSR nicht veröffentlicht werden konnten. Doch selbst aus vermeintlichen Propagandabildern können bei genauerem Hinsehen unterschiedliche Geschichten herausgelesen werden. Die Vielschichtigkeit der Narrative spiegelte sich auch in der sowjetischen Bildpolitik wider. Damit reflektieren die Bilder aus dem Krieg auch die widersprüchlichen Haltungen über diesen Krieg – eine Debatte, die mit dem Abzug nicht endete, sondern bis heute anhält.  

Soldaten bei einer Lagebesprechung, 25.04.1980 / Foto © Wladimir Wjatkin/Sputnik

Sowjetische und afghanische Soldaten beim Tauziehen, 21.08.1981 / Foto © Waleri Shustow/Sputnik

Alphabetisierungskurs für Frauen, Kabul, 11.05.1983 / Foto © Wladimir Rodionow/Sputnik

Eine sowjetische Ärztin untersucht afghanische DorfbewohnerInnen, 01.08.1986 / Foto © Jefimow/Sputnik

Sowjetische und afghanische Ingenieure besprechen die Satelliten-Bodenstation „Orbita“, 01.08.1986 / Foto © Alexander Graschenkow/Sputnik
Sowjetisches Getreide für die afghanische Bevölkerung, 06.03.1989 / Foto © Andrej Solomonow/Sputnik

Demonstration gegen die Einmischung der USA in innere Angelegenheiten Afghanistans, Kabul, 01.01.1986 / Foto © Alexander Graschenkow/Sputnik

Ein sowjetischer Ingenieur und afghanische Arbeiter vor einer Wasserversorgungsanlage, Jalalabad, 01.06.1982 / Foto © Mironow/Sputnik

Alphabetisierungskurs für Arbeiter einer Stickstoffdüngeranlage, Mazar-i-Sharif, 01.08.1981 / Foto © Waleri Shustow/Sputnik

Junge Soldaten der afghanischen Streitkräfte nach einem Einsatz, 01.09.1988 / Foto © Andrej Solomonow/Sputnik

Pferdekutsche neben Panzerfahrzeug, Herat, 15.04.1988 / Foto © W. Kisseljow/Sputnik

Ein afghanischer Bauer hockt neben einer nicht explodierten US-amerikanischen „Sidewinder“-Rakete, 15.10.1987 / Foto © Alexander Graschenkow/Sputnik

Ein Zivilist vor brennenden Wohnhäusern, Kabul, 06.03.1989 / Foto © Andrej Solomonow/Sputnik

„Wenn die Männer sterben, nehmen die Frauen die Waffen zur Hand“, Jalalabad, 01.08.1988 / Foto © W. Kisseljow/Sputnik

Ein sowjetischer Soldat entschärft eine Mine, 10.12.1987 / Foto © Alexander Graschenkow/Sputnik

Ein afghanisches Mädchen muss wegen einer Minen-Explosion behandelt werden, 14.05.1987 / Foto © R. Budrin/Sputnik

Ein afghanisches Mädchen verabschiedet zurückkehrende sowjetische Soldaten, 19.02.1987 / Foto © Alexander Graschenkow/Sputnik

Die letzte Kolonne sowjetischer Truppen überquert die sowjetisch-afghanische Grenze, 15.02.1989 / Foto © Andrej Solomonow/Sputnik

In der Nähe des Friedhofs, 01.05.1988 / Foto © Wladimir Perwenzew/Sputnik

Eie afghanische Frau bedauert den Verlust ihres Sohnes, 06.03.1989 / Foto © Andrej Solomonow/Sputnik


Zum Weiterlesen:
Mirschel, Markus (2019): Bilderfronten: Die Visualisierung der sowjetischen Intervention in Afghanistan 1979-1989, Köln

Fotos: MIA Rossija Segodnja
Text: Mara Bolzern, Sophia Freitag, Nicola Wündsch
Fotorecherche und -auswahl: Mara Bolzern, Sophia Freitag, Nicola Wündsch
Bildredaktion: Andy Heller

Wir danken Markus Mirschel für seine Hinweise bei der Erstellung dieses Visuals.

Veröffentlicht am 15.02.2019

Diese Veröffentlichung entstand im Rahmen eines Lehrprojekts an der Humboldt-Universität zu Berlin unter der Leitung von Robert Kindler. Das Vorhaben wurde vom bologna.lab der HU Berlin finanziell unterstützt. 

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Erinnerung an den Afghanistan-Krieg

Mit dem Abzug der letzten Rotarmisten am 15. Februar 1989 endete die zehnjährige militärische Intervention der Sowjetunion in Afghanistan. Doch um die Deutungshoheit wird weiterhin gerungen: Heroischer Einsatz für das Vaterland oder sinnloses Sterben in einem fernen Land? Eine Gnose über die schwierige Aufarbeitung eines zentralen Ereignisses der Perestroika.

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Afghanistan-Krieg

Das militärische Eingreifen der Sowjetunion in Afghanistan dauerte von 1979 bis 1989 an. In der sowjetischen Armee dienten neben den Eliteeinheiten vor allem junge Wehrpflichtige. Auf der sowjetischen Seite wurden 15.000 Soldaten getötet und 54.000 verwundet. Der Krieg führte bei der Bevölkerung zu einem Trauma, das bis heute nachwirkt und die Deutung des aktuellen Einsatzes der russischen Luftwaffe in Syrien nicht unerheblich beeinflusst.

Bevor die sowjetischen Truppen Ende 1979 in Afghanistan einmarschierten, sprach nichts dafür, dass dieser entlegene Landstrich für die nächsten Jahrzehnte die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Für die USA war das Land weder wirtschaftlich noch geostrategisch von besonderem Interesse. Und es gehörte in der Topographie des Kalten Krieges als direkter Nachbar unangefochten in die Einflusssphäre der Sowjetunion.1

Enge Beziehungen

Die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Afghanistan waren seit den 1950er Jahren entsprechend eng: die UdSSR leistete Wirtschaftshilfe, sowjetische Experten arbeiteten in Afghanistan und auch im Bildungssektor gab es enge Kooperationen. Diese stabile Konstellation zerbrach mit dem Sturz des Königs und der Machtergreifung der Demokratischen Volkspartei (DVPA) im Jahre 1978. Die Partei, die 1965 gegründet und von Nur Mohammad Taraki geführt wurde, pflegte bis zu ihrer Machtergreifung enge Kontakte zu Moskau. Von den Umsturzplänen war die Sowjetunion jedoch nicht unterrichtet gewesen.

Laut den Protokollen der Politbürositzungen beobachtete die sowjetische Führung mit großer Sorge die brutalen Reformen, die den Anspruch hegten, das Land nach sowjetischem Vorbild umzustrukturieren.2 Bezeichnend ist die Bewertung des Landes, die der KGB-Chef Juri Andropow im März 1979 in einer Sitzung des Politbüros geäußert hat: „Dass in Afghanistan heute der Sozialismus noch nicht die Antwort auf alle Probleme des Landes sein kann, steht außer Frage. Die Wirtschaft ist rückständig, fast die gesamte Landbevölkerung kann weder lesen noch schreiben, und die islamische Religion besitzt entscheidenden Einfluss.“3 Auch in der afghanischen Bevölkerung stieß das neue Terrorregime auf starken Widerstand; zudem war es durch Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsspitze gespalten. In diesen bürgerkriegsähnlichen Zuständen folgte im Herbst 1979 ein weiterer Putsch, bei dem Taraki von seinem Stellvertreter Hafizullah Amin ermordet wurde.4

Verbreitung des Kommunismus vs. Grenzsicherung

Die sowjetischen Truppen überschritten am 25. Dezember 1979 die Grenze zu Afghanistan und brachten das Regime unter ihre vollständige Kontrolle.5 Dabei wurde Amin von Spezialkräften getötet und eine neue Regierung unter Babrak Karmal installiert. Diese Aktion war die größte Militäroperation der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Die sowjetischen Truppen sicherten schnell die Städte und strategischen Punkte, aber die Intervention rief auf der afghanischen Seite einen „Heiligen Krieg“ (Dschihad) hervor. Die aus unterschiedlichsten Gruppierungen zusammengesetzten Mudschaheddin6 führten den Krieg aus den unzugänglichen Gebirgsregionen Afghanistans und des angrenzenden Pakistans. Sie verfügten weder über eine zentrale Führung noch über moderne Waffen, trotzdem waren sie durch ihre enorme Ortskenntnis den sowjetischen Einheiten überlegen. Ab 1986 bekamen sie tragbare Luftabwehrsysteme vom Typ „Stringer“ von den USA geliefert, was als Wendepunkt des Krieges gilt. Es gelang den Mudschaheddin, immer mehr ländliche Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen.

Die neueste Forschung geht immer mehr davon aus, dass es der sowjetischen Führung in diesem Konflikt weniger um die vor allem von den Zeitgenossen unterstellte Verbreitung des Kommunismus gegangen sei, sondern um die Sicherung ihrer südlichen Grenzen. Die zehnjährige Besetzung Afghanistans erfolgte in einer Phase der Verschärfung des Kalten Krieges, in die auch der Nato-Doppelbeschluss fiel, was die Lösung des Konflikts erschwerte. Erst ab 1985 unter den Vorzeichen der Glasnost durften die sowjetischen Medien über den Einsatz berichten. Gorbatschow bemühte sich um eine politische Lösung, aber erst am 14. April 1988 wurde das Genfer Abkommen unterzeichnet. Darin verpflichtete sich die Sowjetunion, bis zum 15. Februar 1989 die Truppen abzuziehen.

Tiefes Trauma

Der Krieg führte zu einer Massenflucht der afghanischen Bevölkerung, zur Zerstörung des Landes und, nach dem Abzug der sowjetischen Truppen, zum Bürgerkrieg. Auf der sowjetischen Seite hinterließ der Krieg ein tiefes Trauma, symbolisiert durch zurückkehrende Särge mit getöteten Soldaten, die unter der militärischen Bezeichnung Fracht 200 bekannt sind.
Die fehlende Berichterstattung und die unklaren Ziele des Krieges, der mit sehr hohen Verlusten und aus Sicht der Bevölkerung „irgendwo am Ende der Welt“ geführt wurde, verdeutlichte, dass das System im Kern marode war und führte zu einer Delegitimierung der staatlichen Führung.
Die große Zahl der durch die Kampfhandlungen traumatisierten und nach ihrem Ausscheiden nicht weiter betreuten ehemaligen Kriegsteilnehmer stellte ein soziales Problem dar. Viele von ihnen ließen sich von Kampftruppen anwerben oder gerieten ins Räderwerk der organisierten Kriminalität.

Kulturelle Aufarbeitung fand das Thema unter anderem in bekannten Filmen wie 9 Rota (Die Neunte Kompanie, 2005) von Fjodor Bondartschuk oder Grus 200 (Fracht 200, 2007) von Alexej Balabanow sowie im Buch Zinkjungen von Swetlana Alexijewitsch (erschienen 1992). Auch in der Popmusik wurde der Krieg häufig thematisiert, unter anderem von den Bands Kino, DDT, Alisa und Nautilus Pompilius. Bis heute wird der Krieg in Afghanistan offiziell lediglich als „Entsendung eines begrenzten Kontingents“ bezeichnet.


1.Gibbs, David N. (2006): Die Hintergründe der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979, in: Greiner, Bernd / Müller, Christian Th. (Hrsg.): Heiße Kriege im Kalten Krieg, Hamburg, S. 291-314
2.Schattenberg, Susanne (2014): Der Militäreinsatz in Afghanistan 1979, in: dies. (Hrsg.): Sowjetunion II – 1953–1991: Informationen zur politischen Bildung 323, S. 39
3.Wilson Center Digital Archive: Sitzung des Politbüros am 17. März 1979
4.Dorronsoro, Gilles (2005): Revolution Unending: Afghanistan: 1979 to the Present, London
5.1000dokumente.de: Der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan: Beschluss des CK der KPSS, Nr. P 176/125, 12. Dezember 1979
6.Das Wort Mudschaheddin bezeichnet jemanden, der für den „Heiligen Krieg“ kämpft, um damit den Islam zu schützen. Eine breite Verwendung fand der Begriff während der sowjetischen Besatzung Afghanistans. Seitdem verwenden die Angehörigen islamischer Guerilla-Gruppen den Begriff als Eigenbezeichnung.
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