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„Die Tschechoslowaken waren selbst schuld“

Vor 50 Jahren haben die Truppen des Warschauer Paktes dem sogenannten Prager Frühling, Reformbestrebungen in der Tschechoslowakei, ein jähes Ende bereitet. Wie das russische Staatsfernsehen Rossija 1Ein staatlicher Fernsehsender, der zusätzlich zu seinem Hauptprogramm noch 80 Regionalsender unterhält. Er gehört zur Allrussischen Staatlichen Fernseh- und Radiogesellschaft (WGTRK). zum Jahrestag am 21. August darüber berichtete, das analysiert Alexander MorosowAlexander Morosow (geb. 1959) ist Journalist und war bis 2015 Chefredakteur des Russischen Journals – eines Onlinemediums, das seit 1997 existiert. Zwischen 2008 und 2013 schrieb Morosow regelmäßig für die unabhängigen Medien Slon, Colta, Vedomosti und Grani.ru. auf The Insider.

Quelle The Insider

Zu [Prag] 1968 ist viel publiziert worden: Die Dokumente des PolitbüroDas Politbüro, kurz für Politisches Büro des Zentralkomitees, war ab 1919 das höchste Führungsgremium der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Es war ein Organ des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU und setzte sich zusammen aus dessen Sekretären sowie führenden Regierungsmitgliedern der Sowjetunion. Seine Aufgabe war die Leitung der Partei zwischen den Plenarsitzungen des Zentralkomitees und den Parteitagen. Es war somit das eigentliche politische Machtzentrum von Partei und Staat. und des KGB, Erinnerungen, Foto- und Videosammlungen, jeder kann die Mitschriften der langen Telefonate zwischen BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. MEHR DAZU IN UNSERER GNOSE und Dubček nachlesen, auch sie wurden veröffentlicht. 
Womöglich ist die Geschichte dieses Einmarsches das für die breite Leserschaft am besten dokumentierte und offen einsehbare politische Ereignis des 20. Jahrhunderts, jedenfalls auf russischer Seite. Und voilà, es kann sich nun jeder, der sich den neunminütigen Beitrag des wichtigsten russischen Fernsehsenders zum „Jubiläum“ anschaut, selbst davon überzeugen, wie einfach es ist, das Puzzle der einzelnen Episoden derart zu verschieben, dass ein völlig neues Bild entsteht.

Die Tschechoslowaken sind selbst schuld

Dabei kann man sehr grob vorgehen, wie das Autoren kleinerer Veröffentlichungen tun, oder dezenter, wie der Chef des Europa-Büros von Rossija. Aber das Ergebnis geht in dieselbe Richtung: Die Tschechen [Tschechoslowaken – dek] sind „selbst an allem schuld“. 
Sei es Dubček, der die Kontrolle verloren hatte, seien es die Dissidenten, die ja auf Weisung des CIA gehandelt haben, seien es die Tschechen insgesamt, die zu große Veränderungen gefordert haben – der Reformprozess hätte langsamer eingeleitet werden müssen (dazu wird in dem Beitrag ein kurzes Interview mit der tschechischen Journalistin Procházková gebracht), sei es die Atmosphäre 1968 in Europa – auch die habe sich negativ ausgegewirkt.
Schiebt man beim Legen dieses Puzzles bestimmte Teile weit weg, etwa den Entscheidungsprozess in Moskau, die Reformideen, die in der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei erörtert wurden, die gleiche militärische Einmischung in Budapest im Jahr 1956 und lässt – last but not least – die historische Perspektive (sprich, die Samtene RevolutionBezeichnung für die friedlichen Proteste in der Tschechoslowakei im November und Dezember 1989, die zum Rücktritt der Regierung und damit zur Beendigung der kommunistischen Herrschaft führten. Auslöser war die Zerschlagung einer friedlichen Demonstration von Studenten in Prag am 17. November. Die darauf folgenden Protestaktionen und Demonstrationen bewirkten den Rücktritt des Politbüros und von Generalsekretär Miloš Jakeš. Die Grenzbefestigungen zu Österreich und zur Bundesrepublik Deutschland wurden abgetragen. Präsident Gustáv Husák reichte Anfang Dezember seinen Rücktritt ein, am 29. Dezember wurde Václav Havel zum neuen Präsidenten gewählt. des Jahres 1989) völlig außer Acht, dann ergibt sich ungefähr jenes Bild, das der Kreml und seine Medien heute präsentieren:
Schauen Sie: eine tragische Episode in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Tschechen haben das selbst zu verantworten, wollen das aber nicht zugeben, ja mehr noch, sie „verhöhnen die Erinnerung“: Seht nur, sie haben einen Panzer der Befreier rosa angemalt! Ihr Verhältnis zur Geschichte ist ein postmodernistisches, unseres ein trauerndes, heldisches, und wir bedauern, dass das Brudervolk so auf dem Holzweg ist.

Jeder weiß, selbst bei einer Unterhaltung in der ElektritschkaEine alltagssprachliche Bezeichnung für Regionalzüge. Sie leitet sich von der Bezeichnung elektropoesd (dt. „elektrischer Zug”) ab. wird der Gesprächspartner gerne zugeben, dass in dieser Interpretation einige historische Fakten nicht ganz korrekt dargestellt sind. Gleichzeitig wird er jedoch abwinken und sagen: „Wenn wir nicht eingegriffen hätten, dann wären Soldaten der NATO gekommen.“ Dieses Argument hat sich mittlerweile auf die Geschichte insgesamt ausgebreitet, es dient als schlussendliche Rechtfertigung jeglicher Handlungen jeglicher russischer Herrscher.

Um eine Aggression zu rechtfertigen, muss man Grenzen als bedingt denken

Hier sind vier Positionen zu differenzieren: das Bewusstsein der breiten Bevölkerung, revisionistische Historiker, die Medienmacher des Kreml, und der derzeitige Kreml selbst. 
Für den normalen unpolitischen Menschen sind solche Beiträge eine große Versuchung. Nach der KrimAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. ist das Leben in der Geschichte unbequem geworden. Eine militärische Intervention in das Leben eines anderen Volkes zu heroisieren, fiel der Bevölkerung sogar in der Sowjetzeit schwer – das galt für die Zeit des Finnischen-Sowjetischen KriegsDer Finnisch-Sowjetische Krieg oder auch Winterkrieg währte von November 1939 bis März 1940 und endete mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Moskau. Nachdem Finnland Gebietsforderungen der Sowjetunion abgelehnt hatte, griff die Rote Armee das Land an. Zur Beendigung des Krieges musste Finnland Teile von Karelien sowie einige andere Gebiete wie das Territorium rund um die Stadt Kuolajärvi (heute in der Oblast Murmansk) und die Stadt selbst und eine Reihe von Inseln im Finnischen Meerbusen an die Sowjetunion abtreten. Im Gegenzug behielt es seine Souveränität. Die Sowjetunion wurde als Aggressor aus dem Völkerbund ausgeschlossen. Etwa 70.000 Finnen wurden verwundet oder getötet. Die Höhe der Verluste auf sowjetischer Seite ist umstritten. Historiker gehen von bis zu 270.000 Toten und bis zu 300.000 Verwundeten aus. und für AfghanistanDas militärische Eingreifen der Sowjetunion in Afghanistan dauerte von 1979 bis 1989 an. In der sowjetischen Armee dienten neben den Eliteeinheiten vor allem junge Wehrpflichtige. Auf der sowjetischen Seite wurden 15.000 Soldaten getötet und 54.000 verwundet. Der Krieg führte bei der Bevölkerung zu einem Trauma, das bis heute nachwirkt und die Deutung des aktuellen Einsatzes der russischen Luftwaffe in Syrien nicht unerheblich beeinflusst.. Es musste eine Erklärung gefunden werden, die einen mit der Realität versöhnt.
Heroismus zum Schutz der eigenen Grenzen wird nicht in Frage gestellt. Ein Truppeneinmarsch, um andere zu erobern oder Unerwünschtes zu unterdrücken, stößt hingegen auf inneren Widerstand. Um eine Aggression zu rechtfertigen, muss man Grenzen als bedingt denken, und erklären, dass sie nicht mit denen auf der Landkarte übereinstimmen. 
Genau das geschieht derzeit: Die imaginierte Grenze verläuft wieder nicht so wie auf der realen Karte, und überall, wo die imaginierte Russki MirDas Konzept der russischen Welt (russ. Russki Mir) wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  (dt. „Russische Welt“) liegt, stößt sie mit der imaginierten NATO zusammen.

Revisionistische Historiker konstruieren bekanntermaßen häufig jahrelang alternative Beschreibungen der Realität, einfach in dem Bestreben, dem Mainstream etwas entgegenzusetzen.
Solange das nicht von Propagandamachern aufgegriffen wird, bleibt diese alternative Geschichte eine Randerscheinung. Jetzt aber fallen die Interessen des Kreml und der Alternativler zusammen. „Reptiloide verüben einen Anschlag auf den Code der russischen ZivilisationDie Russisch-Orthodoxe Kirche übernahm den Begriff der orthodoxen Zivilisation um die Jahrtausendwende aus der westlichen Kulturwissenschaft. Er passte in die Programmatik der Kirche, die eine eigene kulturell-geschichtliche Entwicklung des osteuropäischen Raumes mit orthodoxer Prägung postulierte. Heute bezeichnet er vor allem das Einvernehmen von Staats- und Kirchenoberhaupt und die Ablehnung von jeglichem Individualismus. Im aktuellen Diskurs der Russisch-Orthodoxen Kirche ist die Idee jedoch vom Begriff der Russischen Welt (russki mir) ersetzt worden..“ So lautet das wichtigste Thema der aktuellen geopolitischen Forschung.

Alternative Geschichtssschreibung

Der Bruch des so genannten „zivilisatorischen Codes“ ist keine Metapher. Diesen Begriff verwenden sowohl Wladimir Putin als auch Patriarch KirillIm Jahr 1946 als Wladimir Gundjajew geboren, wurde Kirill 2009 zum Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gewählt. Als solcher setzte er sich für ein stärkeres soziales Engagement der Kirche und eine bessere Klerikerausbildung ein. Gleichzeitig geriet er aufgrund der Annäherung der Kirche an den Kreml und mehrerer Korruptionsskandale in die Kritik.. Dadurch entsteht ein stabiles Schema, in das sich jedes Ereignis einfügt, eben auch die Operation DonauOperation Donau bezeichnet den Einmarsch von fünf Staaten des Warschauer Paktes in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 in die Tschechoslowakei. Die Invasion mit einer Truppenstärke von etwa 250.000 Soldaten beendete den sogenannten Prager Frühling und damit den Versuch liberaler Reformen unter Generalsekretär Alexander Dubček. Mit der erneuten Stärkung des konservativen Flügels der Kommunistischen Partei begann die sogenannte Ära der Normalisierung, in der die vor Beginn des Prager Frühlings herrschenden Bedingungen konsequent wieder hergestellt wurden.: Die Tschechen und Slowaken werden schlicht zu Geiseln in der großen Schlacht zwischen den „Russen“ und den „Reptiloiden“: 1968 haben Soldaten der NATO in Tschechien die Russische Welt angegriffen, und mit ihnen haben auch Kräfte angegriffen, deren Ziel es ist, unseren „zivilisatorischen Code“ zu zerstören.

Das Problem ist, dass im Rahmen des zweiten „Aufstands der Massen“, nämlich während des explosionsartigen Wachstums der Internetkommunikation, jeder, der Inhalte produziert – und seien sie auch noch so irrsinnig – ohne Weiteres seine eigene Sekte bilden kann. Gleichzeitig werden die klassischen Institutionen zur Wissenserzeugung geschwächt und verlieren in der Gesellschaft insgesamt an Autorität. Die Schüler werden nicht bei den Positionen der Lehrbücher verharren – sie werden leicht in Sekten hineingezogen, die alternative Interpretationen verbreiten. Und ein junger Putinscher Karrierist wird gern bereit sein, ein neues Geschichtsschema zu vertreten, in dem überall auf der Welt „undankbare Völker“ den imaginierten Umfang eines „unendlichen Russland“ säumen. 

Der Chef des Europastudios von Rossija wie auch Russia Today verfügen heute über riesige Möglichkeiten, nach Belieben und vollkommen ungestraft die Figuren auf dem Schachbrett der Geschichte umzustellen und anstelle der Konstellation, die sich aus jahrelanger Forschungsarbeit qualifizierter Historiker ergibt, eine neue herzustellen. Können die Historiker heute – als akademische Institution – dem zweiten „Aufstand der Massen“ und der Revolution der Internetmeinungen etwas entgegensetzen?

Was können Historiker den Internetmeinungen entgegensetzen?

Der Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 ist in der politischen Geschichtsbetrachtung der Russen und Tschechen längst abgehakt und wird von der Samtenen Revolution von 1989 überdeckt. Bis zur KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus., die alle Sinnkonstruktionen des Innenlebens der Russischen Föderation deformiert hat, ist jedwede Revision der sowjetischen Epoche sinnlos gewesen: In postsowjetischer Zeit wurden die Beziehungen der Völker auf der Basis derjenigen Wege wiederhergestellt, die die jeweiligen Länder des ehemaligen Ostblocks und die ehemaligen Republiken der UdSSR selbstständig einschlugen. 

Nun aber, nach der Annexion, gedenkt der Kreml in dieser [revisionistischen – dek] Weise nicht nur des Einmarsches in die Tschechoslowakei, er wird 2019 auch die Samtene Revolution in diesem Sinne interpretieren. Sie muss – wie jeder andere Protest – als „OrangismusAls Farbrevolutionen bezeichnet man eine Reihe friedlicher Regimewechsel in post-sozialistischen Ländern. Diese wurden unter anderem durch gesellschaftliche Großdemonstrationen gegen Wahlfälschungen ausgelöst. Aufgrund der Farben beziehungsweise Blumen, mit denen die Bewegungen assoziiert werden, ist der Sammelbegriff Farbrevolutionen entstanden. Stellt der Begriff für die politische Elite in Russland eine Bedrohung ihrer Macht dar, verbinden oppositionelle Kräfte damit die Chance auf einen Regierungswechsel.“ und „äußere Einmischung“ verstanden werden.
Die Hauptlinie dieses Gedankenschemas lautet: Soldaten der NATO greifen von allen Seiten an, und mit ihnen Reptiloide, die unsere Identität zerstören. Diese Linie ist unendlich. Auf ihr kann man keinen Punkt setzen. Und nicht – jedenfalls nicht allein Kraft des Verstandes – zu einem gesünderen Geschichtsverständnis zurückkehren.

Die Angliederung der Krim hat einen fürchterlichen Dienst geleistet

Wenn du im Kopf erst einmal ein „Veteran“ dieses Krieges bist, wirst du ihn auch mit 80 Jahren noch führen. Die Krim hat einen fürchterlichen Dienst geleistet: Seine Strahlung wird noch lange Zeit junge Leute zu Veteranen eines imaginierten globalen Krieges machen. 

Sämtliche Puzzles der Geschichte werden neu angeordnet, alle realen Kontexte zerstört, alle Fragen von Schuld und Verantwortung durcheinander gebracht – und alle Völker werden dastehen als feige Verräter oder naive Dummköpfe, die den eigenen Vorteil nicht begreifen, den ihnen die brüderliche Hilfe des Kreml bringt. Das ist das Fazit des Jubiläums der Operation Donau, wenn man sich den Beitrag des staatlichen russischen Senders anschaut.

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„Für eure und unsere Freiheit“ (Protest am 25. August 1968)

Am 21. August 1968 besiegelten Truppen des Warschauer Paktes das Ende des Prager Frühlings. Während der Westen die Entwicklung mit Entsetzen verfolgte, reagierte die Bevölkerung in der Sowjetunion eher positiv auf die „brüderliche Hilfe“, berichteten die staatlichen Medien doch von dem Hilferuf der tschechoslowakischen Bruderpartei. Für viele Sowjetbürger weckte dieser Eingriff zudem positiv besetzte Erinnerungen an die Befreiung der Tschechoslowakei vom Faschismus. Doch am 25. August demonstrierten drei Frauen und fünf Männer auf dem Roten Platz, dass nicht alle Sowjetbürger der Darstellung der sowjetischen Presse Glauben schenkten.

Nichts scheint ungewöhnlich an diesem heißen Sonntag im August. Über den Roten Platz schlendern Flaneure, schauen sich die Auslagen des Kaufhauses GUMDas GUM (russ. Glawny Uniwersalny Magasin) ist ein Einkaufszentrum am Roten Platz in Moskau. Das 1883 im sogenannten pseudorussischen Stil erbaute Gebäude vereint verschiedene Elemente traditioneller russischer sowie europäischer Architektur. Als ältestes Einkaufszentrum der russischen Hauptstadt blickt es auf eine bewegte Geschichte zurück: Unter Stalin wurde das einst größte Warenhaus Europas 1928 zum Bürogebäude umfunktioniert und erst nach dessen Tod 1953 wieder als Einkaufszentrum eröffnet. Heute befinden sich unter der gläsernen Dachkonstruktion des GUM zahlreiche Luxusboutiquen, Geschäfte und Cafes. gegenüber dem Kreml an. Leute stehen Schlange, um Einlass ins Lenin-MausoleumNach Lenins Tod im Januar 1924 entschied das Politbüro der Kommunistischen Partei, den Körper langfristig zu konservieren und in einem Mausoleum auszustellen. Lenins gegenwärtige Ruhestätte wurde sechs Jahre nach seinem Tod im Jahr 1930 fertiggestellt. Sie befindet sich an der Kreml-Mauer am Roten Platz in Moskau. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde das Mausoleum zu einem der zentralen architektonischen Symbole des Landes und zum Mittelpunkt des Lenin-Kultes. zu erhalten. Nichts deutet darauf hin, dass einige Tage zuvor Panzer in Prag den tschechoslowakischen Reformsozialismus beendet hatten. Keiner der sonntäglichen Spaziergänger weiß, dass Dubček und fünf weitere Vertreter der tschechoslowakischen Reformkommunisten entführt wurden und nun in Moskau von der sowjetischen Parteispitze um BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. MEHR DAZU IN UNSERER GNOSE zu einem Einlenken gedrängt werden. 

„Für eure und unsere Freiheit“

Kurz vor der Mittagsstunde biegt eine junge Frau mit einem Kinderwagen auf den Roten Platz ein. Sie steuert zunächst auf das GUM zu, wo sie ihren Mitstreitern auffordernd zulächelt, um dann auf das steinerne Podest des Lobnoje Mesto vor der Basilius-Kathedrale zuzustreben – dem einzigen Fleck, der etwas weniger bevölkert ist an diesem Sommertag. 

Im Wagen liegen neben ihrem drei Monate alten Sohn tschechoslowakische Fahnen sowie zwei Banner. Auf einen hatte die junge Dichterin und Übersetzerin Natalija Gorbanewskaja auf Tschechisch geschrieben „Lang lebe eine freie und unabhängige Tschechoslowakei!“ Das andere ziert der Spruch „Für eure und unsere Freiheit“. Er geht auf eine Parole polnischer Exilanten aus dem 19. Jahrhundert zurück, die sich international in verschiedenen Unabhängigkeitsbewegungen engagierten und zugleich für das Ende der polnischen Teilung kämpften.

Foto © Alex Bakharev/WikipediaGorbanewskaja reicht dieses Banner Pawel Litwinow, einem jungen Physiker und Enkel von Stalins Außenminister Maxim Litwinow. Während die Turmuhr zur Mittagsstunde schlägt, entfaltete er es zusammen mit dem Dichter Wadim Delone. Gorbanewskaja selbst nimmt eine tschechoslowakische Fahne zur Hand, die Linguistin Larissa BogorasLarissa Bogoras (1929–2004) war eine russische Linguistin, Publizistin und bekannte Menschenrechtlerin. Sie war vor allem im sowjetischen Untergrund der 1960er Jahre aktiv, als sie Mitschriften von politischen Schauprozessen anfertigte und Informationen darüber auch im Ausland zugänglich machte. Ihre öffentliche Demonstration gegen die gewaltsame Zerschlagung des Prager Frühlings brachte ihr eine Lagerstrafe ein. Auch das hielt sie nicht von ihrem Engagement ab, und so blieb sie auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis zu ihrem Tod eine der aktivsten Menschrechtlerinnen in Russland. entfaltet ein weißes Laken, auf dem „Hände weg von der ČSSR“ steht. Um sie herum gruppieren sich der Linguist Konstantin Babizki, Tatjana Bajewa, der Heizer und ehemalige Geschichtsstudent Wladimir Dremliuga sowie der Philologe Viktor Fainberg mit weiteren Plakaten.

„Welche Okkupation? Wir haben sie doch befreit!“

Kaum sind die Plakate entrollt, geht alles sehr schnell. Kaum werden Umstehende auf sie aufmerksam, greifen sie die Demonstrierenden an. Auf Litwinow schlagen eine Frau und ein Mann mit Taschen ein; die Plakate werden zerstört, Gorbanewskajas Fahne zerrissen; die Demonstranten werden vor den Augen perplexer Umstehender als „antisowjetische Elemente“ beschimpft; Viktor Fainberg werden mehrere Zähne ausgeschlagen. 
Die Gruppe versucht den Zuschauern zu erklären, dass dies ein Sitzstreik gegen die Okkupation der ČSSR sei. Ihnen schlägt Empörung, aber auch Verwirrung entgegen. „Welche Okkupation?“, „Wir haben sie doch befreit!“, „Schämt Euch!“ bekommen die Demonstranten zu hören. Nach einigen Minuten werden alle Demonstranten in Autos weggebracht. Nur Gorbanewskaja bleibt zunächst mit ihrem Sohn zurück. Umstehende halten sie für eine Tschechin; eine Frau hilft ihr mit dem Kind. Kurz darauf wird auch sie verhaftet.

Die Demonstration vom 25. August ist nicht die erste Demonstration in Moskaus Zentrum. Schon seit Mitte der 1960er Jahre gab es Proteste von sogenannten Prawosaschtschitniki (dt. „Rechtsverteidiger“), die für die Einhaltung der sowjetischen Gesetze und gegen die Verhaftung von Dissidenten demonstrierten. Delone war auf einer dieser Demonstrationen 1967 bereits verhaftet worden. Nach Ende des TauwettersBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. hatten die Verhaftungen bei diesen Demonstrationen ebenso wie Prozesse gegen Literaten, die ihre Werke unter Pseudonym im Ausland veröffentlicht hatten, und die Einweisung von Rechtsverteidigern in psychiatrische Anstalten schon erste Signale einer harscheren Vorgehensweise gegen Dissens gesetzt. 
Die Niederschlagung des Prager Frühlings markierte dennoch einen zentralen Wendepunkt für die kritische sowjetische IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.  , die nach der VerurteilungVom 14. bis 25. Februar 1956 fand der XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der UdSSR statt. Er gilt als Anfang der sogenannten Tauwetter-Periode. Mit einer fünfstündigen Geheimrede initiierte Parteichef Nikita Chruschtschow eine Entstalinisierungskampagne. Chruschtschow kritisierte den Personenkult um Stalin und verurteilte die stalinistischen Säuberungen an Parteimitgliedern aufs Schärfste. des stalinistischen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. 1956 an eine Reformierbarkeit des Systems geglaubt hatte. Auch unter den Demonstranten vom 25. August gab es bis dahin eine sozialistische Grundüberzeugung. Die Niederschlagung des Prager Frühlings änderte dies grundlegend. Nun war klar, dass nicht mehr nur einzelne Dissidenten mundtot gemacht werden sollten, sondern ganze Reformbewegungen.

Gorbanewskaja, Bogoras, Litwinow und ihre MitstreiterInnen gehörten selbst zum Kreis der Rechtsverteidiger. Einige Freunde und Ehepartner befanden sich bereits in Straflagern. Sie gehörten zu denen, die im Frühjahr 1968 begonnen hatten, Informationen über Verhaftungen, Verurteilungen und Haftbedingungen von Dissidenten systematisch zusammenzutragen, um sie in der Chronik der laufenden EreignisseDie Chronika tekuschtschich Sobytii (dt. „Chronik der laufenden Ereignisse“) war ein im Samisdat herausgegebenes Bulletin, das über Menschenrechtsverletzungen und politische Repressionen in der gesamten Sowjetunion berichtete. Sie erschien trotz Drangsalierungen durch die Autoritäten gegenüber den Herausgebern von 1968 bis 1983 in insgesamt 63 Ausgaben. im SamisdatDer Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet. zu publizieren. Gorbanewskaja war wegen dieser Tätigkeit schon im Februar, noch während ihrer Schwangerschaft, in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen worden. Somit wussten die Beteiligten, dass ihre Demonstration Folgen haben würde. 

„Ich kann nicht schweigen“

Die Teilnahme von Frauen an der Demonstration war dabei umstritten. Denn ihnen war in Dissidentenkreisen eine andere Rolle zugedacht. Sie sollten ihre verhafteten Männer unterstützen, da nur sie ein Recht auf Kontakt zu den Inhaftierten geltend machen konnten. Bajewa wurde überzeugt, sie solle aussagen, bei der Demonstration nur zufällig zugegen gewesen zu sein. Sie wurde aus der Haft entlassen. 
Die zweifache Mutter Gorbanewskaja war alleinstehend. Bogoras´ damaliger Ehemann Juli Daniel saß aber noch im Lager, und ihr Lebensgefährte Anatoli MartschenkoAnatoli Martschenko (1938–1986) war ein bekannter sowjetischer Dissident, Autor und Menschenrechtler. Für seine autobiographischen Berichte über die Zustände in sowjetischen Arbeitslagern und Gefängnissen wurde er wiederholt inhaftiert. Insgesamt verbrachte er 19 Jahre in sowjetischen Gefängnissen. war am Tag des Einmarsches verurteilt worden (er hatte Ende Juli 1968 in einem öffentlichen Brief vor einer Invasion in der ČSSR gewarnt). Mit ihrer Teilnahme an der Demonstration gab sie die entscheidende Rolle als Kontaktperson auf. In einer Notiz, die sie vor ihrer Überführung in das Lefortowo-Gefängnis übermitteln konnte, bat sie ihre Freunde: „Kritisiert uns nicht wie uns andere kritisieren. Jeder von uns hat diese Entscheidung für sich selbst getroffen, weil es unmöglich geworden ist, zu leben und zu atmen … ich höre die Bitten [der Tschechoslowaken] im Radio, und ich kann nicht schweigen …“

Der Spruch „Für eure und unsere Freiheit“ wird in den folgenden Jahren zu einem zentralen Motto der sowjetischen Dissidentenbewegung und markiert ihre internationale Vernetzung wie ihr grenzüberschreitendes Verpflichtungsgefühl. Unterdessen werden Litwinow, Bogoras, Delone, Babizki und Dremljuga zu mehrjährigen Lagerstrafen verurteilt. Viktor Fainberg wird in einer psychiatrischen Klinik interniert, da nach dem Verlust mehrerer Zähne bei der Verhaftung sein Gesicht nicht bei einer Gerichtsverhandlung gezeigt werden soll. Gorbanewskaja wird als „unzurechnungsfähig“ aus der Haft entlassen, da sie ihr Kind mit auf die Demonstration genommen hatte, und wird der Vormundschaft ihrer Mutter unterstellt. 1969 wird sie als Chefredakteurin der Chronik der laufenden Ereignisse erneut festgenommen und in einer geschlossenen Psychiatrie mit Psychopharmaka zwangsbehandelt – ‚Dissens‘ ist nun als Form von Schizophrenie medikalisiert. Nach der Verbüßung ihrer Haftstrafen gingen Gorbanewskaja, Fainberg, Litwinow und Delone Mitte der 1970er Jahre ins westliche Exil.

Einige ausländische Korrespondenten berichten in den Tagen nach dem 25. August über die Demonstration. 40 Jahre später zeichnet der tschechische Premierminister Mirek Topolanek die noch lebenden Teilnehmer mit Gedenkmedaillen aus. 
Bei einer Gedenkdemonstration vor dem Moskauer Kreml 2013 mit Gorbanewskaja und Delones' Sohn wurden Teilnehmer, die ein Banner mit der Aufschrift „Für eure und unsere Freiheit“ hielten, erneut festgenommen – wegen einer nicht angemeldeten Aktion. 

 
Bei einer Gedenkdemonstration 2013 in Moskau wurden Teilnehmer mit dem Banner „‚Für eure und unsere Freiheit“‘ erneut festgenommen

Literatur zum Weiterlesen:
Gorbanevskaja, Natal´ja (1970): Polden´: Delo o demonstracii 25 avgusta 1968 goda na Krasnoj Ploščadi, Frankfurt/M.
Alexeyeva, Ludmila/Goldberg, Paul (1990): The thaw generation: coming of age in the post-Stalin era, Boston
Stephan, Anke (2005): Von der Küche auf den Roten Platz: Lebenswege sowjetischer Dissidentinnen,  Zürich
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Larissa Bogoras

Larissa Bogoras (1929–2004) war eine russische Linguistin, Publizistin und bekannte Menschenrechtlerin. Sie war vor allem im sowjetischen Untergrund der 1960er Jahre aktiv, als sie Mitschriften von politischen Schauprozessen anfertigte und Informationen darüber auch im Ausland zugänglich machte. Ihre öffentliche Demonstration gegen die gewaltsame Zerschlagung des Prager Frühlings brachte ihr eine Lagerstrafe ein. Auch das hielt sie nicht von ihrem Engagement ab, und so blieb sie auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis zu ihrem Tod eine der aktivsten Menschrechtlerinnen in Russland.

Andrej Sacharow

Der Physiker und später weltbekannte sowjetische Dissident Andrej Sacharow ist der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe. Nach einer inneren Kehrtwende engagierte er sich zunehmend gegen atomare Aufrüstung und für die Wahrung der Menschenrechte. 1975 wurde er für sein Schaffen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Tauwetter

Befreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten.

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