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Russland und Europa

Ist Russland nur Abklatsch westlicher Vorbilder oder aber erlösendes Vorbild für ein fehlgeleitetes Europa? Ulrich Schmid über kontroverse Debatten und ein Fenster, das zeitweilig auf und wieder zugeht. 

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Larissa Bogoras

Nach dem Studium der Sprachwissenschaften in ihrer Heimatstadt Charkiw heiratete Larissa Bogoras (1929–2004) den Schriftsteller Juli Daniel, mit dem sie nach Moskau zog. Mitte der 1960er Jahre promovierte sie in Linguistik (1978 wurde ihr der Titel aus politischen Motiven zunächst ab-, 1990 jedoch wieder zuerkannt) und kam durch ihren Mann mit Dissidentenkreisen und der sowjetischen Untergrundliteratur, dem SamisdatDer Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet., in Berührung.

Engagement in der sowjetischen Menschenrechtsbewegung

Als Daniel 1966 zusammen mit seinem Kollegen Andrej Sinjawski verhaftet und beiden Schriftstellern der Prozess gemacht wurde, betätigte sich Bogoras zunehmend in der Menschenrechtsbewegung und schrieb heimlich ein Stenogramm des Schauprozesses mit. Dieses diente später als Grundlage für das Weißbuch in Sachen Sinjawski/Daniel, das von Alexander Ginsburg im Samisdat veröffentlicht und auch im Westen stark rezipiert wurde. 1968 wandte sich Bogoras mit einem Brief an die internationale Öffentlicheit, um über einen weiteren Schauprozess gegen Dissidenten, darunter Alexander Ginsburg, zu informieren. Ihre Verteidigungsschrift wurde zu einem zentralen Dokument der sowjetischen Menschrechtsbewegung.

Für ihre Teilnahme an einer Demonstration auf dem Roten Platz am 25. August 1968Am 25. August 1968 fand sich auf dem Roten Platz in Moskau eine kleine Gruppe von Dissidenten zusammen, um gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei zu demonstrieren. Der Protest wurde zwar nach wenigen Minuten von Sicherheitskräften gewaltsam aufgelöst, gilt jedoch als eine der wichtigsten Aktionen der sowjetischen Dissidenten, auf die noch heute Bezug genommen wird. gegen den gewaltsamen Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei wurde Bogoras aufgrund „antisowjetischer Agitation“ – die Losung der Demonstranten lautete Für eure und unsere Freiheit – zu vier Jahren Straflager verurteilt und nach Sibirien verbannt. Nach ihrer Rückkehr nach Moskau betätigte sie sich wieder im Samisdat und wirkte unter anderem an dem bekannten Menschrechtsmagazin Chronik der laufenden Ereignisse mit. Auch setzte sie sich weiterhin für Menschenrechte ein und rief 1986 im Zuge der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. zur Entlassung aller politischen Gefangenen auf, eine Forderung, die Michail GorbatschowGeboren 1936 beerbte Gorbatschow 1985 Konstantin Tschernenko als Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Seine Reformprogramme Glasnost und Perestroika öffneten die UdSSR für politische und wirtschaftliche Veränderungen, die im – von ihm nicht angestrebten – Zerfall der UdSSR mündeten. Er leitete das Ende des Kalten Krieges ein, ermöglichte die deutsche Wiedervereinigung und erhielt für seine Verdienste 1990 den Friedensnobelpreis. Im heutigen Russland werfen ihm viele vor, für den Zusammenbruch der Sowjetunion und die wirtschaftlichen Probleme der 1990er Jahre verantwortlich zu sein. im Jahr darauf auch umsetzte.

Von 1989 bis 1996 leitete Larissa Bogoras die Moskauer Helsinki Gruppe und galt als Bindeglied zwischen den sowjetischen Dissidenten und der neuen Generation von Aktivisten. Bis zu ihrem Tod engagierte sie sich für die Wahrung der Menschenrechte.

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Er ist außerdem politisch in der Opposition aktiv. So unterstützt er die russische LGBT-Bewegung, hielt Mahnwachen für die inhaftierten Pussy-Riot Musikerinnen Maria Aljochina und Nadeshda Tolokonnikowa ab und sprach sich in einer Erklärung russischer Kulturschaffender gegen die Aggression in der Ostukraine aus

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