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„Für eure und unsere Freiheit“ (Protest am 25. August 1968)

Am 21. August 1968 besiegelten Truppen des Warschauer Paktes das Ende des Prager Frühlings. Während der Westen die Entwicklung mit Entsetzen verfolgte, reagierte die Bevölkerung in der Sowjetunion eher positiv auf die „brüderliche Hilfe“, berichteten die staatlichen Medien doch von dem Hilferuf der tschechoslowakischen Bruderpartei. Für viele Sowjetbürger weckte dieser Eingriff zudem positiv besetzte Erinnerungen an die Befreiung der Tschechoslowakei vom Faschismus. Doch am 25. August demonstrierten drei Frauen und fünf Männer auf dem Roten Platz, dass nicht alle Sowjetbürger der Darstellung der sowjetischen Presse Glauben schenkten.

Nichts scheint ungewöhnlich an diesem heißen Sonntag im August. Über den Roten Platz schlendern Flaneure, schauen sich die Auslagen des Kaufhauses GUMDas GUM (russ. Glawny Uniwersalny Magasin) ist ein Einkaufszentrum am Roten Platz in Moskau. Das 1883 im sogenannten pseudorussischen Stil erbaute Gebäude vereint verschiedene Elemente traditioneller russischer sowie europäischer Architektur. Als ältestes Einkaufszentrum der russischen Hauptstadt blickt es auf eine bewegte Geschichte zurück: Unter Stalin wurde das einst größte Warenhaus Europas 1928 zum Bürogebäude umfunktioniert und erst nach dessen Tod 1953 wieder als Einkaufszentrum eröffnet. Heute befinden sich unter der gläsernen Dachkonstruktion des GUM zahlreiche Luxusboutiquen, Geschäfte und Cafes. gegenüber dem Kreml an. Leute stehen Schlange, um Einlass ins Lenin-MausoleumNach Lenins Tod im Januar 1924 entschied das Politbüro der Kommunistischen Partei, den Körper langfristig zu konservieren und in einem Mausoleum auszustellen. Lenins gegenwärtige Ruhestätte wurde sechs Jahre nach seinem Tod im Jahr 1930 fertiggestellt. Sie befindet sich an der Kreml-Mauer am Roten Platz in Moskau. Zu Zeiten der Sowjetunion wurde das Mausoleum zu einem der zentralen architektonischen Symbole des Landes und zum Mittelpunkt des Lenin-Kultes. zu erhalten. Nichts deutet darauf hin, dass einige Tage zuvor Panzer in Prag den tschechoslowakischen Reformsozialismus beendet hatten. Keiner der sonntäglichen Spaziergänger weiß, dass Dubček und fünf weitere Vertreter der tschechoslowakischen Reformkommunisten entführt wurden und nun in Moskau von der sowjetischen Parteispitze um BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. MEHR DAZU IN UNSERER GNOSE zu einem Einlenken gedrängt werden. 

„Für eure und unsere Freiheit“

Kurz vor der Mittagsstunde biegt eine junge Frau mit einem Kinderwagen auf den Roten Platz ein. Sie steuert zunächst auf das GUM zu, wo sie ihren Mitstreitern auffordernd zulächelt, um dann auf das steinerne Podest des Lobnoje Mesto vor der Basilius-Kathedrale zuzustreben – dem einzigen Fleck, der etwas weniger bevölkert ist an diesem Sommertag. 

Im Wagen liegen neben ihrem drei Monate alten Sohn tschechoslowakische Fahnen sowie zwei Banner. Auf einen hatte die junge Dichterin und Übersetzerin Natalija Gorbanewskaja auf Tschechisch geschrieben „Lang lebe eine freie und unabhängige Tschechoslowakei!“ Das andere ziert der Spruch „Für eure und unsere Freiheit“. Er geht auf eine Parole polnischer Exilanten aus dem 19. Jahrhundert zurück, die sich international in verschiedenen Unabhängigkeitsbewegungen engagierten und zugleich für das Ende der polnischen Teilung kämpften.

Foto © Alex Bakharev/WikipediaGorbanewskaja reicht dieses Banner Pawel Litwinow, einem jungen Physiker und Enkel von Stalins Außenminister Maxim Litwinow. Während die Turmuhr zur Mittagsstunde schlägt, entfaltete er es zusammen mit dem Dichter Wadim Delone. Gorbanewskaja selbst nimmt eine tschechoslowakische Fahne zur Hand, die Linguistin Larissa BogorasLarissa Bogoras (1929–2004) war eine russische Linguistin, Publizistin und bekannte Menschenrechtlerin. Sie war vor allem im sowjetischen Untergrund der 1960er Jahre aktiv, als sie Mitschriften von politischen Schauprozessen anfertigte und Informationen darüber auch im Ausland zugänglich machte. Ihre öffentliche Demonstration gegen die gewaltsame Zerschlagung des Prager Frühlings brachte ihr eine Lagerstrafe ein. Auch das hielt sie nicht von ihrem Engagement ab, und so blieb sie auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis zu ihrem Tod eine der aktivsten Menschrechtlerinnen in Russland. entfaltet ein weißes Laken, auf dem „Hände weg von der ČSSR“ steht. Um sie herum gruppieren sich der Linguist Konstantin Babizki, Tatjana Bajewa, der Heizer und ehemalige Geschichtsstudent Wladimir Dremliuga sowie der Philologe Viktor Fainberg mit weiteren Plakaten.

„Welche Okkupation? Wir haben sie doch befreit!“

Kaum sind die Plakate entrollt, geht alles sehr schnell. Kaum werden Umstehende auf sie aufmerksam, greifen sie die Demonstrierenden an. Auf Litwinow schlagen eine Frau und ein Mann mit Taschen ein; die Plakate werden zerstört, Gorbanewskajas Fahne zerrissen; die Demonstranten werden vor den Augen perplexer Umstehender als „antisowjetische Elemente“ beschimpft; Viktor Fainberg werden mehrere Zähne ausgeschlagen. 
Die Gruppe versucht den Zuschauern zu erklären, dass dies ein Sitzstreik gegen die Okkupation der ČSSR sei. Ihnen schlägt Empörung, aber auch Verwirrung entgegen. „Welche Okkupation?“, „Wir haben sie doch befreit!“, „Schämt Euch!“ bekommen die Demonstranten zu hören. Nach einigen Minuten werden alle Demonstranten in Autos weggebracht. Nur Gorbanewskaja bleibt zunächst mit ihrem Sohn zurück. Umstehende halten sie für eine Tschechin; eine Frau hilft ihr mit dem Kind. Kurz darauf wird auch sie verhaftet.

Die Demonstration vom 25. August ist nicht die erste Demonstration in Moskaus Zentrum. Schon seit Mitte der 1960er Jahre gab es Proteste von sogenannten Prawosaschtschitniki (dt. „Rechtsverteidiger“), die für die Einhaltung der sowjetischen Gesetze und gegen die Verhaftung von Dissidenten demonstrierten. Delone war auf einer dieser Demonstrationen 1967 bereits verhaftet worden. Nach Ende des TauwettersBefreiung vom Despoten, zarte Protestkultur und Poeten als Volkshelden: Die Zeit des Tauwetters in den Jahren nach Stalins Tod brachte eine Neudefinition des sowjetischen Lebens. Kultur und Politik erfuhren eine euphorische Phase der Liberalisierung. Doch schon mit der Entmachtung Nikita Chruschtschows setzte eine politische Restaurationsphase ein, die bis zur Perestroika andauern sollte. Heutzutage wird das Tauwetter oft nostalgisch verklärt, unter Historikern ist seine Deutung weiterhin umstritten. hatten die Verhaftungen bei diesen Demonstrationen ebenso wie Prozesse gegen Literaten, die ihre Werke unter Pseudonym im Ausland veröffentlicht hatten, und die Einweisung von Rechtsverteidigern in psychiatrische Anstalten schon erste Signale einer harscheren Vorgehensweise gegen Dissens gesetzt. 
Die Niederschlagung des Prager Frühlings markierte dennoch einen zentralen Wendepunkt für die kritische sowjetische IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.  , die nach der VerurteilungVom 14. bis 25. Februar 1956 fand der XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der UdSSR statt. Er gilt als Anfang der sogenannten Tauwetter-Periode. Mit einer fünfstündigen Geheimrede initiierte Parteichef Nikita Chruschtschow eine Entstalinisierungskampagne. Chruschtschow kritisierte den Personenkult um Stalin und verurteilte die stalinistischen Säuberungen an Parteimitgliedern aufs Schärfste. des stalinistischen TerrorsAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. 1956 an eine Reformierbarkeit des Systems geglaubt hatte. Auch unter den Demonstranten vom 25. August gab es bis dahin eine sozialistische Grundüberzeugung. Die Niederschlagung des Prager Frühlings änderte dies grundlegend. Nun war klar, dass nicht mehr nur einzelne Dissidenten mundtot gemacht werden sollten, sondern ganze Reformbewegungen.

Gorbanewskaja, Bogoras, Litwinow und ihre MitstreiterInnen gehörten selbst zum Kreis der Rechtsverteidiger. Einige Freunde und Ehepartner befanden sich bereits in Straflagern. Sie gehörten zu denen, die im Frühjahr 1968 begonnen hatten, Informationen über Verhaftungen, Verurteilungen und Haftbedingungen von Dissidenten systematisch zusammenzutragen, um sie in der Chronik der laufenden EreignisseDie Chronika tekuschtschich Sobytii (dt. „Chronik der laufenden Ereignisse“) war ein im Samisdat herausgegebenes Bulletin, das über Menschenrechtsverletzungen und politische Repressionen in der gesamten Sowjetunion berichtete. Sie erschien trotz Drangsalierungen durch die Autoritäten gegenüber den Herausgebern von 1968 bis 1983 in insgesamt 63 Ausgaben. im SamisdatDer Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet. zu publizieren. Gorbanewskaja war wegen dieser Tätigkeit schon im Februar, noch während ihrer Schwangerschaft, in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen worden. Somit wussten die Beteiligten, dass ihre Demonstration Folgen haben würde. 

„Ich kann nicht schweigen“

Die Teilnahme von Frauen an der Demonstration war dabei umstritten. Denn ihnen war in Dissidentenkreisen eine andere Rolle zugedacht. Sie sollten ihre verhafteten Männer unterstützen, da nur sie ein Recht auf Kontakt zu den Inhaftierten geltend machen konnten. Bajewa wurde überzeugt, sie solle aussagen, bei der Demonstration nur zufällig zugegen gewesen zu sein. Sie wurde aus der Haft entlassen. 
Die zweifache Mutter Gorbanewskaja war alleinstehend. Bogoras´ damaliger Ehemann Juli Daniel saß aber noch im Lager, und ihr Lebensgefährte Anatoli MartschenkoAnatoli Martschenko (1938–1986) war ein bekannter sowjetischer Dissident, Autor und Menschenrechtler. Für seine autobiographischen Berichte über die Zustände in sowjetischen Arbeitslagern und Gefängnissen wurde er wiederholt inhaftiert. Insgesamt verbrachte er 19 Jahre in sowjetischen Gefängnissen. war am Tag des Einmarsches verurteilt worden (er hatte Ende Juli 1968 in einem öffentlichen Brief vor einer Invasion in der ČSSR gewarnt). Mit ihrer Teilnahme an der Demonstration gab sie die entscheidende Rolle als Kontaktperson auf. In einer Notiz, die sie vor ihrer Überführung in das Lefortowo-Gefängnis übermitteln konnte, bat sie ihre Freunde: „Kritisiert uns nicht wie uns andere kritisieren. Jeder von uns hat diese Entscheidung für sich selbst getroffen, weil es unmöglich geworden ist, zu leben und zu atmen … ich höre die Bitten [der Tschechoslowaken] im Radio, und ich kann nicht schweigen …“

Der Spruch „Für eure und unsere Freiheit“ wird in den folgenden Jahren zu einem zentralen Motto der sowjetischen Dissidentenbewegung und markiert ihre internationale Vernetzung wie ihr grenzüberschreitendes Verpflichtungsgefühl. Unterdessen werden Litwinow, Bogoras, Delone, Babizki und Dremljuga zu mehrjährigen Lagerstrafen verurteilt. Viktor Fainberg wird in einer psychiatrischen Klinik interniert, da nach dem Verlust mehrerer Zähne bei der Verhaftung sein Gesicht nicht bei einer Gerichtsverhandlung gezeigt werden soll. Gorbanewskaja wird als „unzurechnungsfähig“ aus der Haft entlassen, da sie ihr Kind mit auf die Demonstration genommen hatte, und wird der Vormundschaft ihrer Mutter unterstellt. 1969 wird sie als Chefredakteurin der Chronik der laufenden Ereignisse erneut festgenommen und in einer geschlossenen Psychiatrie mit Psychopharmaka zwangsbehandelt – ‚Dissens‘ ist nun als Form von Schizophrenie medikalisiert. Nach der Verbüßung ihrer Haftstrafen gingen Gorbanewskaja, Fainberg, Litwinow und Delone Mitte der 1970er Jahre ins westliche Exil.

Einige ausländische Korrespondenten berichten in den Tagen nach dem 25. August über die Demonstration. 40 Jahre später zeichnet der tschechische Premierminister Mirek Topolanek die noch lebenden Teilnehmer mit Gedenkmedaillen aus. 
Bei einer Gedenkdemonstration vor dem Moskauer Kreml 2013 mit Gorbanewskaja und Delones' Sohn wurden Teilnehmer, die ein Banner mit der Aufschrift „Für eure und unsere Freiheit“ hielten, erneut festgenommen – wegen einer nicht angemeldeten Aktion. 

 
Bei einer Gedenkdemonstration 2013 in Moskau wurden Teilnehmer mit dem Banner „‚Für eure und unsere Freiheit“‘ erneut festgenommen

Literatur zum Weiterlesen:
Gorbanevskaja, Natal´ja (1970): Polden´: Delo o demonstracii 25 avgusta 1968 goda na Krasnoj Ploščadi, Frankfurt/M.
Alexeyeva, Ludmila/Goldberg, Paul (1990): The thaw generation: coming of age in the post-Stalin era, Boston
Stephan, Anke (2005): Von der Küche auf den Roten Platz: Lebenswege sowjetischer Dissidentinnen,  Zürich
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Der Physiker und später weltbekannte sowjetische Dissident Andrej Sacharow ist der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe. Nach einer inneren Kehrtwende engagierte er sich zunehmend gegen atomare Aufrüstung und für die Wahrung der Menschenrechte. 1975 wurde er für sein Schaffen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

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