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„Romantische Erzählungen über die Arbeit von Spionen“ brachten Putin laut eigener Aussage zum KGB. Heute glänzt der Nimbus des FSB vor allem wegen seines bekanntesten Ex-Mitarbeiters. Christopher Nehring erklärt, warum der größte russische Geheimdienst jedoch nur noch ein Akteur unter anderen ist.

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Erinnerung an den Afghanistan-Krieg

Mit dem Abzug der letzten Rotarmisten am 15. Februar 1989 endete die zehnjährige militärische InterventionDas militärische Eingreifen der Sowjetunion in Afghanistan dauerte von 1979 bis 1989 an. In der sowjetischen Armee dienten neben den Eliteeinheiten vor allem junge Wehrpflichtige. Auf der sowjetischen Seite wurden 15.000 Soldaten getötet und 54.000 verwundet. Der Krieg führte bei der Bevölkerung zu einem Trauma, das bis heute nachwirkt und die Deutung des aktuellen Einsatzes der russischen Luftwaffe in Syrien nicht unerheblich beeinflusst. Mehr dazu in unserer Gnose der Sowjetunion in Afghanistan. Doch bis heute wird um die Deutungshoheit über den Einsatz gerungen: Der Kongress der VolksdeputiertenDer Kongress der Volksdeputierten der UdSSR wurde im Juli 1988 auf dem XIX. Parteitag der KPdSU als neues höchstes Staatsorgan geschaffen. Er war das erste teilweise frei gewählte Parlament der Sowjetunion. Zwischen Mai 1989 und September 1991 kamen die insgesamt 2250 Abgeordneten insgesamt fünfmal zusammen. der UdSSR hatte auf dem Höhepunkt der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose im Dezember 1989 die Truppenentsendung noch als moralische und politische Fehlentscheidung verurteilt. Doch zum 30. Jahrestags des Abzugs im Februar 2019 bewertet die russische StaatsdumaAls Staatsduma wird das 450 Abgeordnete umfassende Unterhaus der Föderalen Versammlung Russlands bezeichnet. Im Verhältnis zu Präsident und Regierung nimmt die Duma verfassungsmäßig im internationalen Vergleich eine schwache Stellung ein. Insbesondere das Aufkommen der pro-präsidentiellen Partei Einiges Russland führte dazu, dass die parlamentarische Tätigkeit zunehmend von Präsident und Regierung bestimmt wurde. Mehr dazu in unserer Gnose dies neu. Darin spiegelt sich die vom Staat betriebene Umdeutung der Intervention seit dem Amtsantritt von Wladimir Putin in den 2000er Jahren wider. Afghanistan fungiert hier gemeinsam mit anderen sowjetischen und russischen Kriegen als Symbol für soldatische Pflichterfüllung und Patriotismus und wird zur Legitimation aktueller russischer Politik und Identität.

Vom Krieg gezeichnete Afganzy gehörten in den 1990er Jahren zum alltäglichen Stadtbild russischer Metropolen / Foto © Oleg Lastochkin/Sputnik

Das 1979 nach Afghanistan entsandte Begrenzte Kontingent der sowjetischen Truppen führe keinen Krieg, sondern leiste lediglich friedliche Aufbauarbeit und sozialistische Bruderhilfe. So wurde es der sowjetischen Öffentlichkeit zumindest anfänglich vermittelt. Erst als sich ab 1985 durch Perestroika und GlasnostGlasnost ist ein politisches Schlagwort, das Transparenz, Informationsfreiheit und das Fehlen von Zensur bezeichnet. Michail Gorbatschow (geb. 1931) führte den Begriff 1986 ein und stellte damit die Weichen für mehr Meinungs- und Redefreiheit.   das Spektrum des Sagbaren erweiterte, erfuhren die BürgerInnen vom tatsächlichen Krieg, seinem Umfang und den zahlreichen Toten. Es entstanden Spannungen zwischen der offiziellen Propaganda, in der die Soldaten zu Verteidigern der südlichen Landesgrenze erklärt wurden, und einer Öffentlichkeit, die auf einen Abzug drängte.1

Rückkehr aus Afghanistan

Den 600.000 in Afghanistan eingesetzten militärischen und zivilen Kräften schlug nach ihrer Rückkehr häufig fehlendes Verständnis oder gar offene Ablehnung entgegen. Zudem konnte der zerfallende Staat seiner Fürsorgepflicht ihnen gegenüber nicht gerecht werden. Eine offizielle Anerkennung als Veteranen erhielten sie nicht, schließlich galt die Intervention in Afghanistan nicht als Krieg. Nach der Auflösung der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose fehlte auf Seiten der Regierung der Wille, sich mit dem Krieg auseinanderzusetzen. Zusätzlich erschwerte die desolate Wirtschaftslage eine finanzielle und materielle Unterstützung der ehemaligen Soldaten. Teilweise obdachlose und vom Krieg gezeichnete Afganzy, wie die ehemaligen Soldaten genannt wurden, gehörten in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose zum alltäglichen Stadtbild russischer Metropolen.2 Wer damals Moskau besuchte erinnert sich wohl bis heute an die in Tarnfleck gekleideten Invaliden, die oft ohne Beine auf Rollbrettern durch die Metro fuhren, Kriegslieder sangen und um Geld bettelten.

Die fehlende Anerkennung enttäuschte die ehemaligen Soldaten, viele verloren ihr Vertrauen in den Staat. Mit dem Zerfall der Sowjetunion löste sich auch der politisch-ideologische Rahmen auf, der das eigene militärische Handeln gerechtfertigt hatte. Das militärische ChansonAls Chanson wird in Russland ein Subgenre der russischen populären Musik bezeichnet, das oft mit dem Thema Gefängnis/Gefangenschaft verbunden ist. Die Wurzeln dieser Stilistik mit ihren teils melancholischen, teils wilden Liedern liegen in der Unterwelt der frühen Sowjetunion. Als Ursprungsort der romantisierenden Ganovensongs gilt die Hafenstadt Odessa in der heutigen Ukraine. des Ensembles der Luftlandetruppen, Golubyje Berety (dt. Blauhelme, 1994), zeugt beispielhaft vom Gefühl der Orientierungslosigkeit, wenn der Sänger klagt:

„War das etwa alles umsonst?
Sagt, woran sind wir schuld?
Zehn Jahre Krieg, zehn Jahre Not.
Und wir sind doch nur Soldaten …
Ist das alles etwa Betrug? […]
Für immer gezeichnet mit dem Mal des Schmerzes [sind wir].“3

Einige Afganzy zeigten sich nach ihrer Rückkehr offen für Rekrutierungsversuche aus Kreisen der organisierten Kriminalität. Als mächtige Begleiterscheinung des Staatszerfalls glitten besonders Arbeitslose, ehemalige Soldaten und Angehörige der Sicherheitsorgane in kriminelle Strukturen ab.4

Patriotische Vorbilder

Erst 1995 änderte sich der Status der Afganzy in „Veteranen von Kampfhandlungen“, was ihnen soziale und medizinische Unterstützung sicherte. Ähnliche Anerkennung und gleiche Privilegien wie den Veteranen des Großen Vaterländischen KriegesAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. Mehr dazu in unserer Gnose blieben ihnen hingegen verwehrt. In den 2000er Jahren setzte auch eine staatliche Neubewertung des Krieges ein. Seitdem nähern sich die Sichtweise der Veteranenverbände und das offizielle Staatsnarrativ kontinuierlich einander an. Dabei profitieren beide Seiten: Die Veteranenverbände erhalten materielle Vorteile und können ihr positives Soldatenbild durch Kooperation mit der Politik verbreiten. Dafür nutzt die russische Regierung die Veteranen als Vorbilder zur Konstruktion eines militärisch-nationalen Mythos sowie als wichtiges Sprachrohr der aktuellen Außenpolitik.

Mit Wladimir Putins Amtsantritt im Jahr 2000 sind der heldenhafte Soldat und die aufopferungsvolle Pflichterfüllung gegenüber dem Vaterland einmal mehr als moralische Bezugspunkte zentral geworden – offenbar ein Rückgriff auf einen seit Jahrhunderten fest verankerten Bestandteil russischer politischer Mentalität.5 Die Afghanistanveteranen sollten hierbei eine Vermittlungsrolle spielen. So sprach Putin 2002 angesichts sinkender Zustimmungswerte zum zweiten TschetschenienkriegRund zwei Monate vor der Auflösung der Sowjetunion im Dezember 1991 erklärte der tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew (1944–1996) die Unabhängigkeit Tschetscheniens. Ende 1994 beschloss der Kreml eine Intervention: Die von Kriegsverbrechen auf beiden Seiten begleitete Rückeroberung kostete zehntausenden Menschen das Leben. Der im August 1996 ausgehandelte Waffenstillstand fror den Konflikt ein, das Land blieb de facto unabhängig. 1999 begann der Zweite Tschetschenienkrieg, der Russlands Kontrolle über das Land wiederherstellte. Zehntausende Menschen fielen ihm zum Opfer, 2009 wurde er offiziell für beendet erklärt. den Afganzy eine Vorbildfunktion bezüglich Widerstandskraft und Vaterlandstreue zu. Verteidigungsminister Sergej SchoiguSergej Schoigu (geb. 1955) ist ein russischer Politiker und Armeegeneral. Seit 2012 ist er Verteidigungsminister. Zuvor leitete er ab 1994 das Katastrophenschutzministerium (MTschS). bestärkte diese Position anlässlich des 25. Jahrestages des Abzuges 2014 erneut: „In der Zeit, die seit dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan vergangen ist, wurden ihre Handlungen unterschiedlich bewertet, doch für das Land und für das Volk werden die Afghanistankämpfer immer echte Patrioten bleiben. [Wir] werden das unschätzbare Wissen und die einzigartige Erfahrung [der Afghanistanveteranen] weiterhin in der theoretischen Ausbildung sowie in der Praxis nutzen, unter anderem gegen den Terror und für den Frieden.“6

Großer Vaterländischer Krieg als Bezugspunkt

Indem Putins Regierung an die Legitimationsrhetorik der ersten Kriegsjahre anknüpft, wird sein Versuch deutlich, den Einsatz in Afghanistan genauso wie andere militärische „Großtaten“ zur Identitätsstiftung zu nutzen und als frühes Engagement gegen Islamismus und Drogenhandel zu inszenieren. Zudem werden die Afganzy in symbolische Nähe zu den RotarmistInnen des Großen Vaterländischen Krieges gerückt, dem wichtigsten erinnerungspolitischen BezugspunktIm heutigen Russland gibt es kein homogenes „kollektives Gedächtnis“ an den Krieg, sondern mehrere mit-, neben-, und gegeneinander existierende und agierende Bilder der Kriegserinnerung. Die Verflechtung des politischen und individuellen Gedächtnisses ist das Spezifikum russischer Erinnerungskultur, zu welcher sowohl Siegesstolz als auch Trauer gehören. Mehr dazu in unserer Gnose . Davon zeugen etwa das zentrale Denkmal für die Internationalistenkämpfer in Moskau, welches 2005 im Park des SiegesDer Park des Sieges ist eine Gedenkstätte im Westen Moskaus. Auf dem weiträumigen Gelände befinden sich zahlreiche Statuen und Denkmäler, ein Museum sowie weitere Sehenswürdigkeiten, die an den Großen Vaterländischen Krieg erinnern. Die Parkalage hat sich nicht nur zu einem zentralen Gedächtnisort für die Feierlichkeiten am 9. Mai entwickelt, sondern ist auch als Touristenattraktion und Erholungspark bei den Moskauern sehr beliebt. Mehr dazu in unserer Gnose , dem zentralen Gedenkort für die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges, errichtet wurde7 sowie die geplante Premiere des Films Bratstwo (Leaving Afghanistan) von Pawel Lungin am 9. MaiDer Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen. Mehr dazu in unserer Gnose 2019.

Die Ehrung der Veteranen und die Rehabilitierung des Krieges gipfelten bisher in einer im November 2018 von der Duma angenommenen Vorlage der Partei Einiges RusslandDie Partei Einiges Russland ist der parlamentarische Arm der Regierung. Ihre Wurzeln entstammen einem Machtkampf zwischen Jelzin und seinen Herausforderern im Jahr 1999. Danach entwickelte sie sich schnell zu einer starken politischen Kraft: Seit 2003 hat sie eine absolute Mehrheit der Parlamentssitze inne. Obwohl sie durchaus eine Stammwählerschaft entwickelt hat, verdankt sie ihren Erfolg zu großen Teilen Putins persönlicher Beliebtheit. Mehr dazu in unserer Gnose . Dort hieß es, die offizielle negative Beurteilung des Krieges sei historisch ungerecht.8 Das Land habe unter dieser „voreiligen“ Bewertung genauso gelitten wie unter den Verlusten des Krieges und dem als schmachvoll empfundenen Abzug.9 Entsprechend sei eine Neubewertung unerlässlich, da das Bild des Krieges im historischen Gedächtnis Russlands nicht weiterhin von „Geschichtsfälschung und prowestlicher Propaganda“ geprägt sein dürfe.10

(Populär-)kulturelle Erinnerung

Der Afghanistankrieg ist im russischen kollektiven Gedächtnis durchaus präsent. Laut einer Studie rangiert er nach der Tschernobyl-Katastrophe und der russischen Wirtschaftskrise von 1998Am 17. August 1998 erklärte der russische Staat unter der Führung von Jelzin seine Zahlungsunfähigkeit nach einer Zeit des wirtschaftspolitischen Chaos. Dieses Ereignis markierte eine Wende in der russischen Finanzpolitik hin zu einem wesentlich konservativeren Kurs in den 2000ern und trug zur Popularität Putins bei, da er im Gegensatz zu Jelzin den gesellschaftlichen Bedarf an Stabilität und relativem Wohlstand bedienen konnte. Mehr dazu in unserer Gnose auf dem dritten Platz der historisch relevanten Ereignisse am Ende des 20. Jahrhunderts.11 Außerdem ist er Gegenstand vieler Filme, Bücher und Lieder, zuletzt in der Veteranenserie Nenastje (dt. Schlechtwetter, 2018, Regie: Sergej Ursuljak). In der Populärkultur wird der Krieg teils deutlich kritischer verhandelt als vonseiten der Veteranenverbände und des Staats. Die Erinnerung an den Afghanistankrieg ist hier als Mosaik zu verstehen: Sie unterscheidet sich je nach Haltung zur Intervention und je nach Interesse warum und woran erinnert werden soll.12 Dies schlägt sich besonders deutlich in den ungefähr 320 russischen Denkmälern zum Krieg nieder. Abhängig davon, welche Akteursgruppe ein Denkmal errichtet hat, steht die Sakralisierung der Gefallenen, die Heroisierung der Kampfgemeinschaft, der Triumph der russischen Nation oder der Halt des russisch-orthodoxen GlaubensDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, das heißt einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. Mehr dazu in unserer Gnose im Vordergrund.

Militärische Chansons der frühen 1990er Jahre, die sich auf den Afghanistankrieg beziehen, setzten sich auch mit persönlichen Erlebnissen und Traumata auseinander, womit sie sich von den Helden- und Propagandanarrativen der Kriegsjahre emanzipierten.13 In den 2000er Jahren polarisierte vor allem Alexej BalabanowsAlexej Balabanow (1959–2013) war ein russischer Regisseur, Szenarist und Produzent. Die meisten seiner Filme spielen im Russland der späten 1980er und 1990er Jahre. Die Protagonisten sind oft in die Ecke gedrängte Außenseiter, die aus ihrer Situation mit Gewalt ausbrechen. Wegen seiner ständigen Frage nach gängigen gesellschaftlichen Normen und Verstößen wurde Balabanow oft mit Dostojewski verglichen.  Film Gruz 200 (Fracht 200, 2007) das Land. Der Afghanistankrieg fungiert dort als Symbol für das Machtstreben der alten Eliten auf Kosten der jungen Generation.

Die wichtigste Stimme der kritischen Erinnerung an den Afghanistankrieg ist jedoch sowohl in Russland als auch darüber hinaus Swetlana AlexijewitschSwetlana Alexijewitsch (geb. 1948) ist eine belarussische Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin. 2015 wurde sie mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Alexijewitsch schreibt auf Russisch, die meisten ihrer Geschichten spielen in der späten Sowjet-Ära und in der postsowjetischen Epoche. Zu Alexijewitschs bekanntesten Werken gehören Zinkjungen, Der Krieg hat kein weibliches Gesicht und Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft.. Ihr vielfach übersetztes Buch Zinkjungen gilt als das Anti-Kriegs-Werk. In dem dokumentarischen Roman setzte die Literaturnobelpreis-Trägerin, die im belarussischen Minsk lebt, der „Sinnlosigkeit“ des sowjetischen Afghanistankriegs ein literarisches Denkmal, indem sie die Gräuel des Einsatzes und die Zweifel der Soldaten in den Vordergrund rückt. Mit der Gewalt und dem Drogenmissbrauch innerhalb der Truppe, mit Raub und Kriegsverbrechen benennt sie auch Aspekte des Kriegs, die im offiziellen Narrativ ausgelassen werden.

Diese Gesichtspunkte werden auch in Internetforen vermehrt thematisiert. Der virtuelle bietet im Vergleich zum öffentlichen Raum eine verhältnismäßig hohe Freiheit, da er weniger institutionell kontrolliert wird. Hier kann auch ohne jegliche Romantik vom Kampf ums Überleben geschrieben werden, in dem das Töten den Alltag strukturierte.14 Gegenstimmen zum staatlichen Narrativ sind folglich eher im Internet oder im privaten Raum vernehmbar als in Presse oder Populärkultur.

„Wir sind gleichsam im Krieg aufgewachsen“

Auch in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken leben Afghanistanveteranen. Während viele Kriegsteilnehmer aus den zentralasiatischen Ländern ihren Einsatz für die Sowjetunion mehrheitlich positiv bewerten, distanzieren sich etwa in den baltischen Republiken einige Veteranen von dem Krieg. Sie betrachten sich zusammen mit den AfghanInnen als Opfer sowjetischer Besatzungen. Anders als in Russland, wo die Veteranen mittlerweile in ein patriotisches Narrativ eingebunden werden, ist dies etwa in Litauen nicht der Fall. Dort sind sie gesellschaftlich weitestgehend isoliert und fordern mehr staatliche Unterstützung. In Belarus hingegen dominiert ein ähnlicher Umgang wie in Russland, auch hier stehen die Afghanistanveteranen in einer Linie mit denen des Großen Vaterländischen Krieges.15

Wenngleich anhand von Denkmälern und politischen Verlautbarungen in den letzten Jahren eine Diskursverschiebung „von oben“ zu beobachten ist, bleibt offen, wie wirkmächtig diese Politik tatsächlich ist. Umfragen des Lewada-ZentrumsDas Lewada-Zentrum ist ein gemeinnütziges Meinungsforschungsinstitut. Der Namensgeber Juri Lewada (1930–2006) gilt als ein Urvater der modernen russischen Soziologie. 2003 legte er den Grundstein für das renommierte Institut, nachdem die gesamte Belegschaft den Vorgänger WZIOM wegen staatlicher Einmischung verlassen hatte. Das Zentrum wird seit seiner Gründung von den Behörden kritisiert, im September 2016 wurde es vom Justizministerium als ausländischer Agent registriert. Mehr dazu in unserer Gnose legen jedoch nahe, dass die vom Staat propagierte Erzählung des Afghanistankriegs von Teilen der Bevölkerung angenommen wird. Zwar lehnen immer noch zwei Drittel den Einmarsch als „unnötig“ ab, allerdings sind dies 20 Prozent weniger als 1991. Die Rehabilitierungskampagne, die nicht die politischen und militärischen Entscheidungen, sondern das als positiv bewertete Handeln der Soldaten in den Vordergrund stellt, wird sich vermutlich in den nächsten Jahren fortsetzen.

Was Swetlana Alexijewitsch bereits 1992 erklärte, behält somit seine Gültigkeit: „Von Kindheit an wurde uns die Liebe zu dem Mann mit dem Gewehr eingeredet, sie wurde uns in die Gene gepflanzt. Wir sind gleichsam im Krieg aufgewachsen, sogar diejenigen, die Jahrzehnte danach geboren wurden.“16


Weiterführende Literatur:
Meier, Esther/Penter, Tanja (Hrsg., 2017): Sovietnam: Die UdSSR in Afghanistan 1979–1989, Paderborn
Alexijewitsch, Swetlana (206): Zinkjungen: Afghanistan und die Folgen, unter Mitarbeit von Ganna-Maria Braungardt und Ingeborg Kolinko, Berlin

1.Eine Umfrage des Levada-Zentr belegt, dass 88 Prozent der sowjetischen Bevölkerung im Jahr 1991 die Intervention in Afghanistan ablehnten, vgl.: Levada.ru: Afganskaja vojna 1979–1989 gg. sowie Kadykalo, Anna (2015): The Afghan War (1979–1989) in the Cultural Memory of the Russians, in: Cultural Analysis (14) 2015, S. 48-85
2.vgl. Braithwaite, Rodric (2011): Afgantsy: The Russians in Afghanistan 1979–89, Oxford, S. 315ff.
3.zit. n. Oushakine, Serguei (2017): „War das etwa alles umsonst?“: Russlands Kriege in militärischen Liedern, in: Meier, Esther/Penter, Tanja (Hrsg.): Sovietnam: Die UdSSR in Afghanistan 1929–1989, Paderborn, S.198
4.vgl. Galbas, Michael (2015): “Our Pain and Our Glory”: Strategies of Legitimization and Functionalization of Soviet-Afghan War in the Russian Federation, in: Journal of Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Vol. 1/2, S. 91-133, hier S. 110-113; stellvertretend für diese Biographien steht die Hauptfigur Alexander Below aus der bekannten russischen TV-Serie Brigada von 2001.
5.Carleton, Gregory (2017): Russia: The Story of War, Harvard
6.zit. n. Rozhdestvenskaja, Elena (2017): Afghanistan im virtuellen Gedächtnis des heutigen Russlands, in: Meier, Esther/Penter, Tanja (Hrsg.): Sovietnam: Die UdSSR in Afghanistan 1929–1989, Paderborn, S. 253-269, hier S. 266
7.Danilova,Nataliya (2015): The Politics of War Commemoration in the UK and Russia, London, S. 154
8.Interfax: "Edinaja Rossija" predložila peresmotret' ozenky operazii SSSR v Afganistane
9.Tass: V Dume odobrili proekt peresmotra ozenku učastija sovetskich vojsk v konflikte v Afganistane
10.duma.gov.ru: V GD prošli parlamentskie slušanija k 30-letiju vyvoda sovetskich vojsk iz Afganistana
11.FOM: Istoričeskaja pamjat': vzgljady pokolenij (Meinungen von RussInnen unterschiedlicher Generationen zu bedeutenden Ereignissen Ende des 20. Jahrhunderts)
12.Danilova, Natalija (2005): Kontinuität und Wandel: Die Denkmäler des Afghanistankrieges, in: Osteuropa, 55/2005, Heft 4-6, S. 367-386
13.zit. n. Oushakine, Serguei (2017): „War das etwa alles umsonst?“: Russlands Kriege in militärischen Liedern, in: Meier, Esther/Penter, Tanja (Hrsg.): Sovietnam: Die UdSSR in Afghanistan 1929–1989, Paderborn, S.198
14.zit. n. Rozhdestvenskaja, Elena (2017): Afghanistan im virtuellen Gedächtnis des heutigen Russlands, in: Meier, Esther/Penter, Tanja (Hrsg.): Sovietnam: Die UdSSR in Afghanistan 1929–1989, Paderborn, S. 253-269
15.Ackermann, Felix/Galbas, Michael (2015): Back from Afghanistan: Experiences of Soviet Afghan War: Veterans in Transnational Perspective, in: Journal of Soviet and Post-Soviet Politics and Society, Vol. 1, No. 2, S. 1-17
16.Alexijewitsch, Swetlana (206): Zinkjungen: Afghanistan und die Folgen, Berlin, S. 278

Diese Gnose ist im Rahmen eines Lehrprojekts an der Humboldt-Universität zu Berlin unter der Leitung von Robert Kindler entstanden. Das Vorhaben wurde vom bologna.lab der HU Berlin finanziell unterstützt.

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