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Tscheburaschka

Mitte August ist der Kinderbuchautor Eduard Uspenski in Moskau verstorben. Der Welt hinterlässt er Tscheburaschka – eine bekannte sowjetische Kinderbuch- und Trickfilmfigur mit braunem Fell, einem freundlichen Gesicht, sehr großen runden Ohren, und seit seiner Erschaffung im Jahr 1966 fester Bestandteil der russischen Populärkultur.

Transsibirische Eisenbahn

Sie steht für den Traum von Russland als „Eurasischer Brücke“, den russische Machthaber bereits im späten 19. Jahrhundert geträumt haben. Frithjof Benjamin Schenk über die mythenumwobene Transsibirische Eisenbahn. 

Georgienkrieg 2008

Der Russisch-Georgische Krieg forderte im August 2008 rund 850 Tote und tausende Verletzte. Er machte etwa 100.000 Menschen zu Flüchtlingen und zementierte die de facto-Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens von Georgien. Sonja Schiffers über Ursachen, Auslöser und Folgen des Konflikts.

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Russischer Bürgerkrieg

Der russische Bürgerkrieg, der nach dem OktoberumsturzAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. ausbrach, veränderte den eurasischen Großraum zwischen Berlin und WladiwostokWladiwostok ist eine Hafenstadt mit rund 600.000 Einwohnern im Fernen Osten Russlands. Unweit der Grenze zu China und Nordkorea gelegen, ist die östlichste Großstadt Russlands das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Region. Wladiwostok ist ein wichtiger Verkehrsknoten internationaler Bedeutung: Hier befindet sich die Endstation der Transsibirischen Eisenbahn, ein Seehafen, ein internationaler Flughafen und wichtige Fernverkehrsstraßen. Laut offizieller Angabe beträgt das Fahrgastaufkommen am Wladiwostoker Bahnhof mehr als 20 Millionen Passagiere pro Jahr. , Budapest und Peking, Murmansk und Teheran tiefgreifender als der Erste WeltkriegRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen.. Er bildete den Kern einer Weltrevolution, die dem 20. Jahrhundert ihren (selbst)zerstörerischen Stempel aufdrückte. In der Erinnerungslandschaft Russlands und Europas hat der Krieg seinen Platz allerdings noch nicht gefunden. Seiner angemessen zu gedenken bedeutet zugleich, ihn nicht länger wie eine Randglosse zu der Friedensordnung zu betrachten, die nach dem Ersten Weltkrieg in Versailles und anderen Pariser Vororten ausgehandelt wurde.


Am 25. Mai 1918 traf an der Bahnstation der Wolgastadt SamaraSamara ist mit rund 1,2 Mio. Einwohnern die neuntgrößte Stadt Russlands. Sie liegt in der Wolgaregion, etwa 1000 km südöstlich von Moskau. Die Stadt wurde 1586 als Bewachungsfestung gegründet. Zu Zeiten der Sowjetunion trug die Stadt den Namen Kuibyshew, vor allem in den Nachkriegsjahren entwickelte sie sich zu einem großen industriellen Zentrum. um 23 Uhr aus Moskau ein Befehl an alle „Räte“ und „örtlichen Kriegskommissare“ entlang der Strecke Pensa – OmskOmsk ist die siebtgrößte Stadt Russlands und die Hauptstadt der gleichnamigen Oblast. Gegründet 1716, war Omsk im 19. Jahrhundert ein Verbannungsort, in den unter anderem Fjodor Dostojewski und die Dekabristen geschickt wurden. Durch die Eröffnung der Transsibirischen Eisenbahn im Jahr 1895 entwickelte sich Omsk zu einer der zentralen Handelsstädte Sibiriens. Nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst eine der sogenannten geschlossenen Städte der Sowjetunion, ist Omsk heute mit rund 1,2 Millionen Einwohnern ein wichtiges Kunst- und Kulturzentrum der Region.  ein. Unter Androhung drakonischer Strafen, sollten „die Tschechoslowaken1914 lebten etwa hunderttausend Tschechen und Slowaken im Russischen Reich. Aktivisten der staatlichen Unabhängigkeit um Tomáš Masaryk boten an, eine Armee von 15.000 bis 20.000 Mann in Galizien gegen die Truppen Österreich-Ungarns aufmarschieren zu lassen.“ unverzüglich „entwaffnet werden“. Jeder, der unter Waffen angetroffen würde, sei standrechtlich zu erschießen und seine Einheit in ein Kriegsgefangenenlager zu verbringen. Wer seiner Pflicht nicht nachkam, sollte wegen „ehrlosen Verrats“ zur Rechenschaft gezogen werden. Kein einziger Waggon mit tschechoslowakischen Soldaten durfte nach Osten passieren.

Ein Befehl und seine Folgen

Den Aufruf zur Gewalt gegen Bürger der damaligen Donaumonarchie unterzeichnete Lew Trotzki, VolkskommissarDas Volkskommissariat war im revolutionären Russland und der UdSSR die oberste Behörde der Regierung. Als zentrale politische Organe mit voneinander abgetrennten Aufgabenbereichen hatten die Volkskommissariate faktisch die Funktion von Ministerien inne und die Volkskommissare die Rolle der Minister. Diese bildeten im Rat der Volkskommissare von 1917 bis 1946 die Regierung der UdSSR. 1946 wurde der Rat der Volkskommissare von Stalin in Ministerrat umbenannt. für Militärangelegenheiten der bolschewistischen Revolutionsregierung. Die Tschechoslowaken hatten im Weltkrieg an der Seite Russlands und der Alliierten gekämpft. Teile dieser „Legion“ gerieten 1917 in die revolutionären Wirren. Moskau war mit dem Friedensvertrag von Brest-LitowskAm 3. März 1918 schloss Sowjetrussland mit den Mittelmächten in Brest-Litowsk nach langwierigen Verhandlungen einen Friedensvertrag. Die sowjetische Seite schied damit aus dem Ersten Weltkrieg aus, musste aber erhebliche Verluste an Territorien, Bevölkerung, Anbauflächen und Industrieanlagen akzeptieren. Für die sowjetische Seite gab es angesichts der Bedrohung durch die deutschen Truppen keine Alternative zur Unterzeichnung des Abkommens. Die Mittelmächte hofften – letztlich vergeblich – mit den gewonnenen Ressourcen den Krieg im Westen fortsetzen und gewinnen zu können. aus dem Krieg ausgeschieden, und die Tschechoslowakischen Corps wollten nun über den Fernen Osten an die Westfront gelangen. Dort wollten sie an der Seite Frankreichs für den Sieg der Alliierten gegen die MittelmächteMittelmächte wurden die im Ersten Weltkrieg verbündeten Deutsches Reich und Österreich-Ungarn genannt. Hinzu kamen das Osmanische Reich sowie Bulgarien., vor allem aber für einen eigenen Staat weiterkämpfen. Sie vereinbarten mit Wladimir Antonow-Owsejenko, dem Kommandeur der Roten GardenDie Rote Garde (russ. Krasnaja Gvardija) war eine paramilitäre Arbeitermiliz, welche den Bolschewiki während der Oktoberrevolution 1917 zur Durchsetzung ihrer Ziele diente. Im November 1917 zählte die Rote Garde im ganzen Land etwa 20.000 Mann aus zumeist freiwillig rekrutierten Fabrikarbeitern und Bauern. Im Oktober (November) desselben Jahres war sie maßgeblich am Sturz der Provisorischen Regierung beteiligt. Nach erbitterten Kämpfen mit den konterrevolutionären Weißen Truppen ging die Rote Garde 1918 in die Bestände der Roten Armee ein. im Süden, freies Geleit bei gleichzeitiger Teilentwaffnung. Indessen gerieten tschechoslowakische Einheiten, die sich bereits auf dem Weg nach Sibirien befanden, entlang der Bahnlinie wiederholt in Scharmützel mit probolschewistischen Truppen.

Trotzkis Befehl spitzte die Lage extrem zu. In der Legion kehrte sich die Stimmung endgültig gegen die BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor. . Die Tschechoslowaken waren an der Eroberung von Wolgastädten beteiligt, in denen kurzfristig oppositionelle Sozialisten die Macht übernahmen. Ein Schulterschluss mit den Truppen des Admirals der Weißen ArmeeBelyje (dt. die Weißen) ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Weiße Bewegung, deren militärischer Arm Weiße Armee die zahlenmäßig größte antibolschewistische Partei im Russischen Bürgerkrieg (1917/1918–1922) stellte. Die Bewegung war äußerst heterogen, viele Historiker sehen bei einem Großteil ihrer Anhänger aber einen gemeinsamen Nenner in Demokratie, Parlamentarismus und Marktwirtschaft. in Sibirien, Alexander KoltschakAlexander Koltschak (1874–1920) war ein hochrangiger russischer Militär und Monarchist. Im Russischen Bürgerkrieg führte er den Kampf der Weißen Armee gegen die Rote Armee an. Nach einer verheerenden Niederlage bei der Stadt Samara im Jahr 1919 wurde Koltschak an die Bolschewiki ausgeliefert und anschließend erschossen., kam allerdings im Herbst 1918 trotz eines Appells der Alliierten nicht zustande.

Säkulare Katastrophe

Die Episode mit der Tschechoslowakischen Legion war symptomatisch für die Eskalation der Gewalt beim Übergang vom äußerem zum inneren Krieg. In Bürgerkriegen wird stets um vieles zugleich gekämpft – um „Freiheit“, „soziale Gerechtigkeit“, „wahre Demokratie“, „nationale Selbstbestimmung“ und staatliche Unabhängigkeit. Frieden kann es erst geben, wenn alle Kräfte erschöpft sind und eine Macht sich zum Sieger erklärt. Wohl hatten die Bolschewiki allen politischen Gegnern den Krieg erklärt. Aus ihrer Sicht wurde ein „Krieg der Klassen“ geführt, in dem die Partei des historischen Fortschritts unbedingt triumphieren musste. Vieles spricht allerdings dafür, dass der Bürgerkrieg längst im Gange war, als sie die Macht im Oktober 1917 eroberten. In Briefen und Tagebüchern, Erzählungen und Romanen, Presseberichten und diplomatischen Depeschen spiegeln sich unverbundene Ereignisse an weit verstreuten Orten, die scheinbar einzig von „Anarchie“ und „Chaos“ zeugten. An welcher Stelle auch immer man sich diesem Geschehen nähert, sie führt ins Zentrum einer säkularen Katastrophe.

Bürgerkrieg: total, global, brutal

Im Unterschied zum „Großen Krieg“ breitete sich der Bürgerkrieg über das gesamte Territorium des untergegangenen Zarenreiches aus. Der Bürgerkrieg erfasste Russland schrittweise, sowohl vom Zentrum aus als auch von der Peripherie. Er war „total“, weil er alle Ressourcen des Landes aufbrauchte, und „global“, weil er über Europa und Nordasien hinaus in transatlantische und transpazifische Regionen ausstrahlte. Anstelle einer Demobilisierung sickerten die Weltkriegswaffen in die zivilen Räume des weitläufigen Hinterlandes, aufgerüstet durch Zukäufe aus Mitteln erbeuteter Teile des Staatsschatzes, geplünderter Industriebetriebe und den Bauern abgepresster Lösegelder. Bruchlos verschoben sich die Kämpfe von den Weltkriegsfronten ins Landesinnere und verstrickten verbliebene oder neuentsandte reguläre Truppen ausländischer Mächte in diesen „anderen“ Krieg.Propagandaplakat der Koltschak-Armee

Was Deutsche, gefolgt von Briten, Franzosen, Amerikanern und Japanern in ihm gewinnen wollten, war zunehmend unbestimmter. Zu ihnen gesellten sich internationale „rote“ Brigaden, angeworbene Kriegsgefangene, lettische Schützen und chinesische Söldner. Die Trennungslinie zwischen Hinterland und Front löste sich auf. Deportation, Vertreibung, Geiselnahme und Pogrom, nicht unbekannt schon im Weltkrieg, häuften sich in den regellosen Kämpfen, verstärkt durch eine Propaganda, die überall „innere Feinde“, „Verräter“ und „Spione“ wähnte.

Selbstlos und tapfer gegen das Böse

Auf allen Seiten gehörte der Typus des „Freiwilligen“ zu den wirksamsten Leitbildern. Er kämpfte „selbstlos“ und „tapfer“ gegen „das Böse“ in all seinen Schattierungen. So kämpfte ein „roterKrasnyje (dt. die Roten) war eine – vor allem im Russischen Bürgerkrieg genutzte –  umgangssprachliche Bezeichnung für die Rote Arbeiter- und Bauernarmee. Dazu gehörten das Heer und die Luftstreitkräfte Sowjetrusslands (seit 1922 Sowjetunion). Die Rote Armee ging Anfang 1918 aus den Regimentern der Roten Garde hervor – den Milizen der Bolschewiki bei der Oktoberrevolution. 1946 wurde sie in Sowjetarmee umbenannt.“ Freiwilliger gegen den „Klassenfeind“ des „Proletariats“, gegen die „Söldner“ der Entente, gegen Gutsbesitzer, Kapitalisten, Generäle und Popen. Was dies in letzter Instanz meinte, erklärte ein Flugblatt vom Kriegskomitee des Gouvernements Wjatka aus dem Jahre 1918: „Jeder Bauer und jeder Arbeiter, der den Weißen hilft, hilft seinen schlimmsten Feinden und verrät die Sache des Volkes.“

Bei den „Weißen“ erscheint der Freiwillige als stolzer Ritter. Dieser erhebt das Schwert gegen „jüdische Kommissare“, „chinesische TschekistenDer Begriff Tschekist steht im engeren Sinne für einen Mitarbeiter der Staatssicherheit WeTscheKa – Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution. Im weiteren Sinne umschließt er alle Angehörigen von Nachfolgeorganisationen der WeTscheKa und deren Organen: Dazu gehören unter anderem der Geheimdienst KGB, das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten NKWD und Staatssicherheitsorgane des Innenministeriums. Heute werden mit dem Begriff häufig die Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB bezeichnet.“ oder „unrussische“, „ehrlose“, „heimatlose“, „gottlose“, „schmutzige“, „zu Tieren verkommene“ Bolschewiki, nicht zuletzt aber auch gegen die Feinde des „einigen, unteilbaren Russlands“, gegen „Nationalisten“ und Abtrünnige wie die „Ukrainisierenden“.

„Die Weißen geben nur ein Pfund, aber uns gibt man zwei Pfund“

Wie bei einem Eisenbahnzug gab es indessen nicht nur Fernreisende, sondern ein ständiges Ein- und Aussteigen. Truppenkommandeure beklagten Verluste von bis zu 80 Prozent durch Desertion. Selbst „Sperrabteilungen“ aus zuverlässigen Soldaten, die mit Maschinengewehren hinter den Frontlinien postiert waren, konnten auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs im Sommer 1919 den Sog zur Flucht nicht bremsen. Eine Instruktion des Revolutionären Kriegsrats der 13. Armee warnte: „Einheiten können und müssen in ihrer Gesamtheit untergehen, aber sie dürfen nicht zurückweichen.“ Die Rote Armee sah sich einem erbitterten Guerillakrieg ausgesetzt, der nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs 1921 andauerte. Erst Massenerschießungen, die Einrichtung von „Konzentrationslagern“ und kollektive Strafaktionen, die ganze Dörfer verheerten, brachen den bäuerlichen Widerstand.

Auch die Weißen Armeen kannten Massendesertion. Ein Rotarmist notierte am 13. Juni 1919: „Jeden Tag laufen weiße Offiziere zu uns über, weil sie bei denen kein Brot haben. Die Weißen geben nur 1 Pfund, aber uns gibt man 2 Pfund.“ Es bedurfte hartnäckiger Überzeugungsarbeit, fanatische weiße Offiziere davon abzuhalten, Kriegsgefangene oder übergelaufene Rotarmisten unterschiedslos erschießen zu lassen. General Lawr KornilowLawr Kornilow (1870–1918) war ein General der russischen Armee. Er wurde vor allem durch die Kornilow-Affäre im Jahr 1917 bekannt – einen gescheiterten Putschversuch gegen die Provisorische Regierung, die unter Alexander Kerenski bestand. hatte schon im Januar 1918 die Losung ausgegeben, im Kampf gegen die Bolschewiki „keine Gefangenen zu machen“.

Die Bilanz der menschlichen Katastrophe, die Russland zwischen 1914 und 1921 erlebte, ist nur ungefähr zu beziffern: Krieg, Terror, Epidemien, und Hunger forderten schätzungsweise zwölf bis dreizehn Millionen Opfer. Heerscharen von Waisen und Versehrten, Flüchtlingen und Obdachlosen bevölkerten Städte und Dörfer, die in archaische Lebensformen zurückfielen. Die Industrie lag am Boden, die Landwirtschaft war zerrüttet. Aus dem jahrelangen Ausnahmezustand resultierte ein latentes Überlebenssyndrom, das jederzeit abrufbar war, etwa mittels Kampagnen gegen innere und äußere „Feinde“. In der Nachkriegsgesellschaft hielt sich eine militarisierte Sprache, die das Unbedingte und Alternativlose betonte. Zu den Verlusten gehören aber auch die zahllosen Emigranten und Exilierten, die einen lange nachwirkenden Aderlass an Expertise und Wissen bedeutete. Nach Schätzungen waren dies bis zu drei Millionen aus Russland – meist Militärs, KosakenKosaken ist die Bezeichnung einer sozialen Gruppe, die sich teilweise aus dem (para-)militärischen Stand im 15. Jahrhundert formiert hat. Die soziostrukturelle Zusammensetzung früherer Reiterverbände der Kosaken ist nicht klar nachvollziehbar. Im 18. Jahrhundert wurden sie zum großen Teil in die Kavallerieverbände der regulären Armee integriert. Die Wiederbelebung der Tradition nach dem Zerfall der UdSSR wird von oppositionellen Kreisen oft als „folkloristisch“ bzw. „archaisch“ bezeichnet. In den südlichen Regionen Russlands übernehmen Kosaken oft die zweifelhafte Rolle einer Volksmiliz. Es kommt dabei immer wieder zu gewalttätigen Angriffen auf Oppositionspolitiker und Aktivisten, wie z. B. auf Alexej Nawalny oder die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot., Geistliche, Adelige, Staatsbedienstete, Unternehmer und Geistesschaffende mit ihren Familien. Rechnet man Bewohner ehemaliger Reichsteile hinzu, liegt die Zahl noch deutlich höher.

Bürgerkrieg der Erinnerung

Was hielten die Zeitgenossen von diesem heillosen Krieg im öffentlichen Gedenken wach und gaben es an nachfolgende Generationen weiter? Denkmäler wurden zur Sowjetzeit lediglich für Rotarmisten und an Erinnerungsorten siegreicher Gefechte errichtet. In der weltweit verstreuten Emigration wurde eine Gegenüberlieferung gepflegt. Die sozialen, kulturellen, nationalen, ethnischen, religiösen und regionalen Gegensätze lösten sich indessen im Kosmos sowjetischer Werte nicht einfach auf. Sie überdauerten das Ende des Bürgerkriegs und seine Wiederauflage in der Modernisierungsschlacht Stalins. Der große Sieg im Zweiten Weltkrieg überwölbt das Erbe, ohne es bewältigen zu können. Latent wirkt es bis heute fort.

Versuche, nach dem Ende des Kalten Krieges eine Brücke zu schlagen, sind nur partiell vorangekommen. Das Projekt eines Denkmals der Versöhnung, das 2017 zum 100. Jahrestag der Revolution auf der KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. errichtet werden sollte, wurde zurückgestellt. Es war nicht nur umstritten, weil es Unvereinbares zusammenführen und allen Seiten gleichermaßen einen „Dienst am Vaterland“ zugestehen wollte, sondern offenkundig auch gesellschaftlich unzureichend vorbereitet. Die wissenschaftliche Forschung der vergangenen drei Jahrzehnte kann nicht aufwiegen, was an schulischer und öffentlicher Vermittlung ausgeblieben ist. Sie hat aber vor Augen geführt, dass in die Bilderwelt des „neuen Dreißigjährigen Kriegs“ maßgeblich Motive des russischen Bürgerkriegs einflossen. Zeitgenossen rekapitulierten die Apokalyptischen Reiter und den LeviathanDer politische Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679) definierte in seinem staatstheoretischen Hauptwerk das biblische Seeungeheuer Leviathan als einen absolutistischen Staat. Die Macht des Souveräns ist hier uneingeschränkt, alle Menschen müssen sich ihr unterwerfen. Der bekannte russische Regisseur Andrej Swjaginzew, dessen gleichnamiger Film 2014 mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet wurde, fühlte sich laut Eigenaussage von Hobbes’ Werk inspiriert. , verstanden sie als gültigen Ausdruck ihrer individuellen und kollektiven Erfahrung, als Zeichen überwältigender Bedrohung.

Ansonsten würdigen neue Denkmäler der postsowjetischen Zeit auch einzelne Persönlichkeiten der Weißen, meist in der Provinz, aber mit Unterstützung der Zentralregierung. Ebenso wurden für Gefallene der „Legion“ Monumente errichtet oder Gedenktafeln angebracht, die auf die gemeinsame Initiative der tschechischen und der slowakischen Regierung mit russischen Regionalbehörden zurückgehen.

Bipolare historische Wahrnehmungsmuster

Wohl niemand zweifelt daran, dass eine Auseinandersetzung mit dem hochbelasteten Erbe, das Familien spaltete, Freundschaften zerriss, Nachbarn verfeindete, ganze Bevölkerungsgruppen verfemte und unersetzliche Kulturschätze vernichtete, schmerzlich sein muss. Soll diese Vergangenheit ruhen? Die Überlebenden richteten sich unter den „Siegern“ ein, gingen ins Ausland oder wurden dorthin vertrieben. Wer blieb und anderer Meinung war, schwieg oder verleugnete sich.

„Dialogisches Erinnern“ könnte die Asymmetrie im historischen Gedächtnis aufheben, wenigstens jedoch einen „Konsens im Dissens“ (Aleida Assmann) anstreben. Verordnet werden kann das nicht. Bipolare historische Wahrnehmungsmuster, die vor allem zwischen „Siegern“ und „Verlierern“ oder „Helden“ und „Schurken“ unterscheiden, werden einer Tragödie, wie sie der Bürgerkrieg gewesen ist, ebenso wenig gerecht wie eine Reduktion des Bürgerkrieges auf seine militärischen Aspekte. Vielmehr erfordern die erbitterten Kämpfe um Ideen und Utopien sowie die darin mehrfach gebrochenen Biographien, in denen „Opfer“ zu „Tätern“ wurden und umgekehrt, eine Überwindung der Sprache einer brutalen und erbarmungslosen Epoche.

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Oktoberrevolution 1917

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