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Schnur hält die Fäden zusammen

Er füllt Clubs und Konzerthallen zuverlässig: Musiker und Rüpel Sergej Schnurow mit seiner Ska-Punk-Band Leningrad. Er ist das Aushängeschild des russischen Undergrounds. So sehr, dass Schnurow eigentlich schon wieder kein Underground ist: Weil er zu den beliebtesten Musikern in Russland zählt. Jedenfalls für die Menschen, bei denen er mit seinem exzessiven Schimpfwortgebrauch – in Russland ist so etwas ein absolutes Tabu – den Ton für ein Lebensgefühl trifft. Und das seit knapp 20 Jahren. Wie schafft er das, fragt sich Jan Schenkman in der Novaya Gazeta? Ein Porträt.

Quelle Novaya Gazeta

Wir bringen den Menschen Lachen und Freude – Sergej Schnurow / Foto © Gennadi Guljaew/Kommersant

Angst, blöd rüberzukommen, kennt Schnurow nicht, das ist ihm schon lange scheißegal. Seit vielen Jahren sagt er immer dasselbe, verändert nur die Form, aber mit ihm zu reden, ist immer wieder interessant. Der Bandleader von Leningrad versteht es wie sonst niemand, die kompliziertesten Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren. Jede Antwort ein Aphorismus, wie der Refrain: „Nüchtern bin ich ein Leningrader, betrunken ein Petersburger.“ 

– Wovor haben Sie am meisten Angst?

– Ich habe manchmal Anfälle absoluter Furchtlosigkeit. Das macht mir Angst.

Eine blitzschnelle Reaktion, aber man sieht sofort, wie müde er ist. 2017 feiert Leningrad Jubiläum – 20 Jahre. Nach wie vor macht es Schnurow Spaß, Lieder zu schreiben und zu spielen, das gelingt ihm immer noch gut. Aber was er echt nicht versteht: Wieso soll er für das gesamte Gefüge der Welt geradestehen und Fragen zum Thema „Wie gestalten wir Russland“ diskutieren? Warum wählt ihn das Männermagazin GQ mit beneidenswerter Regelmäßigkeit zum Mann des Jahres, und das ganze Land freut sich? Warum ändert sich so lange nichts?   

https://www.youtube.com/watch?v=IHiAbg14YHg

Ganz einfach. Man kann gut und gerne sagen, Russland sei hoffnungslos in den 2000er Jahren stecken geblieben und könne sich nicht davon lösen – und der wichtigste Gestalter der 2000er ist nun mal Sergej Schnurow. Er hat die Tür nach den 1990-ern eigenhändig geschlossen und sich dabei als letzter unter unseren Rockstars eingereiht, obwohl er sich gar nicht als Rocker sieht. Von daher haben viele das Gefühl: Es hatte doch alles so gut begonnen – Grebenschtschikow, Zoi, Schewtschuk – und am Ende dann: Schnur. Haben wir etwa davon geträumt? Sind das nicht Anzeichen von Verfall?

Die Kritik trifft den Falschen. Jede Zeit hat ihre Lieder, und für die Zeit, in der wir leben, hat er ein sehr genaues und feines Gespür. Die 2000er Jahre haben, ganz ihrem Namen entsprechend, alle Werte annulliert und uns von der Pflicht befreit, klug, ehrlich und gut zu sein. Genau das hat auch Schnur getan, noch dazu auf geistig und künstlerisch hohem Niveau. Seine zentrale Botschaft: Ja, so missraten sind wir, aber drauf geschissen, entspannt euch, besaufen wir uns, und komme, was da wolle.    

Einen anderen, der es schafft, unsere entzweigerissene, hasserfüllte Gesellschaft zu vereinen, haben wir schlichtweg nicht

Oh, wie euphorisch wir in den Clubs abgetanzt haben! Zu Ljudi ne letajut (dt. Menschen fliegen nicht) und Po kakoj-to gluposti nam wsem moshet powesti (dt. Aus Dummheit kann jeder mal Glück haben). Das war der nächste Schritt nach Mamonows Ja gadost, ja dran, sato ja umeju letat (dt. Ich bin widerlich und dreckig, aber dafür kann ich fliegen!). Nicht mal fliegen war also unbedingt nötig. Ja, so sind wir, na und? Wir können nichts, wir wollen nichts, Hauptsache der Ölrubel rollt, bei Auchan ist Ausverkauf, und ein Türkeiurlaub kostet sowieso nichts.

Er sang: Nikowo ne shalko, nikowo, ni tebja, ni menja, ni ewo (dt. Leid tut einem niemand, nicht du, nicht ich, nicht er). Und wenn einem niemand leid tut, kann man sich alles erlauben. Lügen und Betrügen, Diebstahl und Besäufnis, dumme Weiber und debiles Gerede über Handys und Kohle. Ja, so sind wir.     

Klingt fürchterlich, aber man kann es auch anders sagen: Schnurow hat uns erlaubt, wir selbst zu sein und uns darüber keinen Kopf zu machen. Die PR-Agenten von Pelewin, falls sich noch jemand erinnert, haben Unruhe verkauft, Schnur hingegen wirkt trotz seiner Exzentrik tröstlich. „Du kannst damit leben, es als Teil von dir annehmen“, sagte er bei Posner, „und es damit auch ein klein wenig überwinden. Die Energie der russischen Selbstzerfleischung verwandeln wir in eschatologische Begeisterung.“  

https://youtu.be/Lq7gJqXobcE?t=14m

 
Sergej Schnurow bei Wladimir Posner: „Du kannst damit leben, es als Teil von dir annehmen.“

Sein liebster Trick – die Latte so tief zu hängen, dass man gar nicht tief fallen kann. Er identifiziert sich weder mit  Großmachtstreben noch mit Antitotalitarismus, weder mit Avantgardekunst noch mit den Klassikern der russischen Literatur, so etwas nervt ihn ernsthaft. Es widerspricht seinem inneren Grundprinzip, sich selbst als schwarzes Schaf zu lieben. Sein Credo: Was auch immer der Mensch aus sich gemacht hat, von seinen Höhlen bewohnenden Vorfahren hat er sich nicht weit entfernt. Egal ob im Beamtensessel, unter der Brücke, auf dem Bolotnaja-Platz oder auf der Baustelle – alle sind gleich und ebenbürtig, wie nackt in der Banja. Niemand ist besser.

Wegen seiner landesweiten Popularität, seiner Ausgelassenheit und seines zwielichtigen Anstrichs wird Schnur oft mit Jessenin und Wyssozki verglichen. Hört man allerdings genau hin, dann ist die Analogie eine andere, nämlich Dowlatow:

„Tolja“, sage ich zu Naiman. „Lass uns doch Lew Ryskin besuchen.“ – „Nein, will ich nicht. Der ist so sowjetisch.“ – „Wie, sowjetisch? Sie irren sich!“ – „Na, dann eben antisowjetisch. Ist doch egal.“ 

In diesem Sinne ist Schnurow natürlich eine Klammer. Einen anderen, der es schafft, unsere entzweigerissene, hasserfüllte Gesellschaft zu vereinen, haben wir schlichtweg nicht. Dass in seinem Lied 37 nicht das Jahr ist, in dem die stalinistischen Repressionen ihren Höhepunkt fanden, sondern lediglich eine Schuhgröße, ist ja kein Zufall. Und es ist auch kein Zufall, dass im Clip zu V Pitere – pit (dt. Piter – das heißt Trinken) ein Verkehrspolizist zuerst in die Newa geworfen wird, und später säuft man dann gemütlich miteinander. Denn eine Uniform lässt sich ausziehen und zu 1937 kann man so oder so stehen, aber Frauen wollen Kleider und Männer wollen Wodka – das wird keine Ideologie der Welt jemals ändern.     

https://www.youtube.com/watch?v=303DsyPm95E

Mir gegenüber hat er diesen Gedanken mal anders ausgeführt: Die Band Leningrad stehe für Party und Liebe. Selbst wenn man eins hinter die Löffel bekommt, am Schluss müssen sich alle umarmen. Seine Lieblingsplatte sind die Bremer Stadtmusikanten, und das erklärt einiges: „Wir bringen den Menschen Lachen und Freude.“

Man findet bei ihm massenhaft vulgäres Mat, auch Brutalität und Grobheiten, aber nie Bosheit und Aggressionen. Wissenschaftlich sind schwere Schlägereien bei Leningrad-Konzerten jedenfalls keine belegt. Und selbst wenn etwas passiert, liegen sich am Ende tatsächlich alle in den Armen. Es gibt keinen Grund, einander ernsthaft böse zu sein.   

Nur wenige bemerken, dass diese Musik eigentlich sehr warmherzig ist. Die Lippen formen sich von selbst zu einem Lächeln, alle sind glücklich. Das Geheimnis ist einfach: „Ich verspüre keinen Hass auf mein Volk“, sagt Schnurow. „Ich lebe hier, ich bin genau so, und ich bin auch nicht von mir begeistert. Man braucht sich nur nicht über andere zu stellen, dann ist niemand sauer.“

Aber gerade das ist es, was sie sauer macht – die einen wie die anderen: Liberale genauso wie Patrioten. Dass der im Großen und Ganzen harmlose und apolitische Schnur auf einmal so viele aufregt, ist ein zuverlässiges Zeichen für tektonische Verschiebungen in der Gesellschaft.  

https://www.youtube.com/watch?v=um20R2F3DlE&index=28&list=PL749BC57D9DE427CA

Folgendes ist passiert: Als er jegliche moralische Ansprüche auf null herunterschraubte und den Leuten ihr wahres Wesen zurückgab, war Schnur sich sicher, dass dieses Ass nicht übertrumpft würde. Für die 2000er Jahre stimmte das auch. In den 2010er-Jahren zeigte sich aber, dass es auch unter null geht. Schnur hat sich nicht geändert, er hat im Grunde getan, was er immer getan hat: Freude verbreitet, den Skomoroch, den Possenreißer gespielt. Ich weiß noch gut, wie bei einer Feier in seinem Betrieb Männer im Smoking und Frauen im Abendkleid einträchtig das Drei-Buchstaben-Wort schrien, das die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor verboten hat. Genau das gleiche taten die einfach gekleideten Besucher auf seinen Stadionkonzerten. Und alle waren happy.

Doch dann kam es irgendwie unbemerkt zu einem Aufwallen von Wut. Schnur ist allerdings bis dato überzeugt, dass sich der Shitstorm hauptsächlich auf das Internet beschränkt, während im echten Leben eigentlich alle ganz normal sind. Dass alle, wie Babel schrieb, nach wie vor nur daran denken, ein gutes Gläschen Wodka zu trinken, irgendwem eins auf die Schnauze zu geben, und an die eigenen Pferde – sonst nichts.   

https://www.youtube.com/watch?v=1ugivNRYfjc 

Nicht alle. Sonst hätte sein Song mit dem Refrain Ty wse Rossiju proslawljajesch, a lutsche b musor wynosil  (dt. Dauernd lobst und preist du Russland, bring doch lieber Müll runter) nicht so viele negative Gefühle hervorgerufen. Ja, sogar die völlig harmlosen Louboutins, die ein Publikum der Bevölkerungszahl Finnlands begeisterten, kamen auf einmal irgendwem sexistisch vor. Die Liberalen motzen: Im Land herrscht Totalitarismus, und er singt von Titten. Nichts anderes als ein Handlanger des Regimes. Und so weiter ... Man braucht ja nur Nachrichten zu lesen, um sich ein Bild vom Ausmaß des Unheils zu machen, von der Zerrüttung in den Köpfen.  

Nun gut, Schnur hatte ernsthaft gedacht, es sei unmöglich, die Latte niedriger zu hängen als er, aber die Gesellschaft hat sich ordentlich ins Zeug gelegt und das fertiggebracht. Und es ist erstaunlich: der Einzige, der dem entgegensteht, ist er. Er  behält seine Position bei, aufseiten der Normalität, und verteidigt diese Normalität nach Leibeskräften. Denn Punk sein bedeutet heute nicht, auf facebook über Russland zu schimpfen und Fotoausstellungen zu demolieren, sondern man selbst zu bleiben und sich nicht dem Irrsinn hinzugeben.  

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Russischer Mat – kulturhistorische Aspekte

Eine obszöne Schmäh- und Fluchsprache – das ist die am weitesten verbreitete Vorstellung von Mat. Eine Art und Weise zu reden, die voll unflätiger Wörter und Wendungen und in der Alltagssprache und insbesondere im öffentlichen Leben unzulässig ist. Mat gilt als Schimpfsprache, daher heißt auch der gängige Ausdruck nicht Mat sprechen sondern Mat schimpfen (rugat’sja matom). Aber nicht jedes Fluchen ist Mat, also obszön, und umgekehrt ist nicht jeder obszöne Mat unbedingt Flucherei.

Mat kann einerseits als Ausdruck verbaler Aggression verstanden werden, als eine adressatenspezifische Beleidigung und Abwertung. Andererseits ist Mat aber auch ein Mittel, um seine Gefühle auszudrücken, zum Beispiel starken Ärger oder genau andersrum große Freude. Fast nie drücken diese Wendungen jedenfalls etwas Sexuelles aus, obwohl die drei Schlüsselwörter im Mat – chuj (dt. Schwanz), pizda (dt. Möse), ebat’ (dt. ficken)1in ihrer ursprünglichen Bedeutung männliche und weibliche Geschlechtsorgane sowie Geschlechtsakte bezeichnen.

Wie ist Mat entstanden?

Wie ist russischer Mat entstanden? Die Herkunft dieser obszönen Wörter und Ausdrücke im Russischen stellt eine komplexe sprachwissenschaftliche Problematik dar, und vieles ist noch ungeklärt. Die Wissenschaftler sind sich aber in einem Punkt einig: Historisch gesehen handelt es sich um altslawische, genau genommen russische Wörter und Wendungen, die mythologische, heidnische Vorstellungen der Welt als ganzer widerspiegeln.2

Bei den Slawen hatten diese Wörter und Ausdrücke eine rituelle Funktion mit symbolischem Charakter, beispielsweise zum Anrufen einer wichtigen heidnischen Gottheit: des Himmels, um sich mit Mutter Erde zu verbinden (Eti svoju mat’!, dt. wörtlich: Habe/beherrsche deine Mutter.) Dadurch wurde die Idee von Fruchtbarkeit und Fortsetzung des Lebens auf der Erde ausgedrückt. Im Kontext von Haus und Hof wurden diese Ausdrücke eingesetzt, damit es eine gute Ernte geben möge; in ehelichen Zusammenhängen, damit Kinder geboren würden. Anders gesagt:  Sie kamen in einem magischen, sakralen Sinne zum Einsatz. In Bezug auf Feinde wurde eine andere Wendung zur magischen Phrase: Pjos eti ego mat’! (dt. Hund, beherrsche seine [des Feindes] Mutter Erde!). Der infernalische Hund entweiht demnach das Feindesland.

Später dann wandelte sich die Bedeutungsebene dieser Ausrufe hin zu einem profanen Inhalt: Statt „Mutter Erde“ hatte der Sprecher nun die Mutter seines Gegenübers, seines Gegners im Sinn (daher auch der Begriff mat’, maternyj, wörtlich: Mutter, mütterlich). Das Verb wurde damit ebenfalls konkreter: ebat’ wurde im Laufe Zeit zur Metapher für Sexualität (zuvor bedeutete das Wort soviel wie schlagen, peitschen). So klang der Ausruf im Endeffekt nun so: Job tvoju mat’! (dt. Fick deine Mutter!). Auf diese Weise hat sich die vulgäre, fluchende Botschaft der Phrase herausgebildet. Aber mit der Zeit wurde der profane, beleidigende Inhalt verdrängt: Übrig blieb eine emotionale Interjektion, die keinerlei sexuellen Sinn mehr trägt.

Mat als Tabu

Wann wurden diese Wörter und Ausdrücke in der russischen Kultur zum Tabu? Nach der Christianisierung der Rus gerieten die rituellen und heidnischen Vorstellungen sowie die ihnen entsprechenden Ausrufe und sprachlichen Wendungen in Widerspruch mit der neuen christlichen Ideologie. Das orthodoxe Christentum führte einen erbitterten, ideologischen Kampf gegen den Gebrauch von Mat, in dem Versuch, alles Alte zu diskreditieren. Heidnische Ausdrücke galten als dämonisch. Einst unschuldig und normal, galten sie mit der Zeit als verboten und obszön. Dies führte – wie so oft – zum gegenteiligen Ergebnis, nämlich zu ungeahnter Popularität. Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Mat in seiner modernen Form ist das Produkt von Verbot und Unterdrückung, in früheren und auch in späteren Zeiten.

Der moderne Gebrauch obszöner Wörter und Ausdrücke ist zweifellos sozial markiert. Mat gilt als Sprache der sozialen Unterschicht. Jedoch wird es in der einen oder anderen Form und in unterschiedlichen Funktionen ebenso von ganz verschiedenen russischsprachigen Gesellschaftsschichten verwendet. Einmal gibt es die phonische Vulgärsprache – die sinnlose Verwendung von Mat als verbaler Müll. Viel häufiger und vielseitiger ist der sogenannte expressive Mat – als emotionaler Ausdruck des Individuums, zur Erleichterung in Stressmomenten, zur Wiedergabe starker Gefühle, auch positiver. Schließlich kann Mat auch eine Art ästhetische Funktion erfüllen, insbesondere in der Literatur: zur Charakterisierung der Personenrede oder als besonderes sprachliches Mittel im Ausdruck negativer oder positiver Emotionen (so zum Beispiel auch in Texten von Puschkin, Solschenizyn oder Sorokin).

Die Sonderlinge in der Mat-Verwendung

Eine sprachliche „Errungenschaft“ der Sowjetzeit ist der sogenannte Nomenklatur-Mat: die Verwendung grober, obszöner Wörter und Phrasen in der informellen Kommunikation zwischen Staatsbeamten und ihren Untergebenen, aber auch mit Jüngeren. Hierbei dient Mat nicht allein der Demonstration hochnäsiger Geringschätzung, sondern auch als spezifisches Stilmittel, einer familiär vertrauten Grundhaltung des Chefs im Verhältnis zu seinem unterstellten Mitarbeiter.  

Darüber hinaus dient Mat in nachlässig umgangssprachlich gehaltener Kommunikation oftmals als abgrenzendes Signal gegenüber Fremden, die als nicht zugehörig zu einer Gruppe gelten und lässt im Gegenzug die Vertrautheit mit den „eigenen Leuten” erkennen. Eben, weil man mit ihnen praktisch dieselbe Sprache spricht. In diesem Zusammenhang seien Nicht-Muttersprachler vor der Verwendung von Mat gewarnt, weil es unvermeidlich zu einem kommunikativen Misserfolg führen muss. Gewöhnlich erzielen sie damit eher einen komischen Effekt. Die Verwendung von Mat ist einfach von einer Vielzahl sprachlicher, aber auch subkultureller sowie stilistischer und semantischer Besonderheiten beeinflusst, die enorm schwer zu beherrschen sind. 

Multifunktionalität des russischen Mat

Sprachwissenschaftler unterscheiden mehr als zwanzig Funktionen des Mat.3 Die Multifunktionalität von Mat-Wortstämmen besteht in der Sprachpraxis darin, verschiedene kommunikative Aufgaben zu erfüllen und unterschiedliche, oft gegensätzliche Emotionen, Zorn und Freude, Aburteilung und Befürwortung, Verachtung und Begeisterung zu transportieren. Zum Beispiel: Krasse Neuigkeiten! könnte man auf Russisch als Ni chuja sebe novost’! ausdrücken, was in wörtlicher Übersetzung „Mein Schwanz, sind das Neuigkeiten!“ bedeuten würde. Ein weiteres Beispiel könnte der Satz sein: Nu vas v pizdu, ne smešite menja! (dt. etwa ‘Hört mir doch auf, verarschen kann ich mich auch selbst!’, wörtlich: „Zur Möse mit euch, veralbert mich nicht!“). Diese Ausrufe gelten allerdings als niedriges umgangssprachliches Niveau.

Wie beständig Mat ist, sieht man daran, dass er über viele Jahrhunderte den Versuchen, ihn einzudämmen, standgehalten hat. Besonders auffällig ist die Produktivität der obszönen sprachlichen Einheiten: Immer wieder gibt es Neubildungen aus den drei Schlüsselwörtern des traditionellen russischen Mat. Auf einer Stopp-Liste für das russische Internet (die Domains .ru und .рф) sind circa viertausend solcher derber abgeleiteter Wörter. Die meisten davon finden sich nicht in Wörterbüchern, und die Bedeutung vieler Neubildungen kann mit unterschiedlichem Erfolgsgrad nur im jeweiligen Kontext erschlossen werden (vgl. beispielsweise: chujatizacija, propizdjačit’, izebenit’).

Mat wird sehr widersprüchlich bewertet: Der weit überwiegende Teil der russischen Gesellschaft verurteilt den Gebrauch obszöner Wörter und Wendungen – aus moralischen und ästhetischen Gründen, aber auch, weil die Normen der russischen Literatursprache, von denen das Sprechen geleitet wird, es erfordern. Gleichzeitig drückt ein breiter Teil der Bevölkerung auch ein Auge zu, wenn es um Mat geht (dessen alltäglicher Gebrauch hier genauer dargestellt wird) – dann wird es als nationales Gemeingut aufgefasst, als sprachlicher Heldenmut und auch als beliebtes und recht souveränes Stilmittel, um eine Art sprachlicher Unabhängigkeit unter den im russischen Leben traditionell herrschenden Bedingungen von sozialer und politischer Unfreiheit zu demonstrieren.


1.Sämtliche aus dem Russischen übertragenen Lexeme in dieser Gnose unterliegen der wissenschaftlichen Transliteration
2.s.a. Uspenskij, B. A. (1994): Mifologičeskij aspekt russkoj ėkspressivnoj frazeologii, in: Uspenskij, B. A.: Izbrannye trudy Bd. 2, Moskau, S. 53-128. Es gibt auch andere Ansätze zur Geschichte des russischen Mat, z. B. Michajlin, W. (2005): Tropa zvernych slov: Prostranstvenno orientirovannye kulturnye kody v indoevropejskoj tradicii, Moskau, S. 331-360: Hier wird die magische Natur der russischen obszönen Lexik nicht geleugnet; erklärt wird ihr Auftreten ausschließlich durch männliche Jägerei und Kriegsmagie (vergl. S. 335)
3.s. ausführlicher: Želvis, V. I. (1997): Pole brani: Skvernoslovie kak social`naja problema, Moskau
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