Media

Russlands Arktispolitik

Russland erhebt den geopolitischen Anspruch auf rund 40 Prozent der gesamten Arktis. Dabei geht es dem Kreml vor allem um Rohstoffe, die dort vermutet werden. Umweltschutz spielt in der russischen Arktispolitik allerdings kaum eine Rolle. 

Gnoses
en

Die Krim – ein jüdischer Sehnsuchtsort

„Auf dem Weg nach SewastopolSewastopol ist mit rund 440.000 Einwohnern die größte Stadt auf der Krim. Seit 2014 ist Sewastopol ein international nicht anerkanntes Föderationssubjekt Russlands. Die Stadt ist seit dem 18. Jahrhundert Hauptstützpunkt der russischen/sowjetischen Schwarzmeerflotte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war Sewastopol deshalb ein häufiger Konfliktpunkt in den Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine., nicht weit vor SimferopolSimferopol ist die Hauptstadt der ukrainischen Autonomen Region Krim. Russland erklärte Simferopol 2014 zur Hauptstadt des international nicht-anerkannten Föderationssubjekts Republik Krim der Russischen Föderation. In der Stadt leben rund 340.000 Menschen, es ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Halbinsel., gibt es eine Haltestelle. Warum suchst du dein Glück anderswo?“ So fängt ein berühmtes jiddisches Lied an, komponiert in den 1930er Jahren in der Sowjetunion. Der im Lied besungene Ort heißt Dshankoi – heute eine mittelgroße Verwaltungsstadt im Norden der Halbinsel KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. Mehr dazu in unserer Gnose . Auch wenn der Name Dshankoi krimtatarischen Ursprungs ist und wahrscheinlich schlicht „neues Dorf“ bedeutet, entstanden um die Siedlung herum auch jüdische Ansiedlungen. Denn die Krim war nicht nur Russen, Krimtataren, Ukrainern und anderen ein Sehnsuchtsort – im 20. Jahrhundert wurde sie auch für Juden auf der ganzen Welt zu einem Symbol. In den 1920er und 1930er Jahren entstanden im Norden der Halbinsel mehrere jüdische landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften. Es gab jüdische Linke, die eine Ansiedlung auf der  Krim der Ansiedlung in Palästina vorzogen. Manche träumten gar von einer Jüdischen Sozialistischen Sowjetrepublik auf der Halbinsel. Überlagert von der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts existierte der jüdische Sehnsuchtsort jedoch nur weniger als zwei Jahrzehnte. 

1. Mai-Feierlichkeiten in der jüdischen landwirtschaflichen Siedlung Fraidorf auf der Krim, 1926 / Foto © Projet de l'ORT Saint-Pétersbourg, Quelle: Wikipedia (public domain)

Bis ins 20. Jahrhundert hinein lebte die Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung im Russischen Reich. Dort siedelte sie vornehmlich in städtischen Strukturen des heutigen Polens, der Ukraine, Moldawiens, Belarus' und des Baltikums – in einem AnsiedlungsgebietTscherta Osedlosti (im Deutschen allgemeiner mit Ansiedlungsrayon übersetzt) bezeichnet eine Grenze, hinter der es der jüdischen Bevölkerung Russlands mit wenigen Ausnahmen verboten war, einen Wohnsitz zu haben und einer Arbeit nachzugehen. Die Fläche des 1791 begrenzten Territoriums im Westen Russlands betrug rund eine Million Quadratkilometer. Das Gebiet erstreckte sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Zeitweise lebten dort mehr als fünf Millionen Juden, rund 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Russlands. Obwohl die Einschränkung der Bewegungsfreiheit 1915 faktisch gefallen ist, blieben viele im Ansiedlungsrayon leben. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten von ihnen von Deutschen ermordet. , außerhalb dessen Juden das Niederlassen nur mit Sondergenehmigung erlaubt war. Dieses Gebiet war multikulturell geprägt und vor dem Ersten WeltkriegRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. Mehr dazu in unserer Gnose entwickelten sich dort verschiedene Nationalbewegungen. Auch zahlreiche osteuropäische Juden begannen, sich als ethnische Minderheit zu verstehen und suchten nach einer Antwort auf Nationalismus und Antisemitismus. 

Krim oder Zion?

Mögliche Lösungen sahen die einen in der Erschaffung eines jüdischen Nationalstaats, die anderen in nationalen Autonomiekonzepten innerhalb eines osteuropäischen Vielvölkerstaates. Die einschneidenden politischen Veränderungen des Ersten Weltkrieges und des Revolutionsjahres 1917 ließen solche Pläne aber erst einmal in den Hintergrund treten. Denn schlagartig fanden sich viele Juden in dem neu entstandenen polnischen oder litauischen Nationalstaat wieder, ungefähr drei Millionen Juden wurden zu Bürgern der neu gegründeten Sowjetunion.

In den nun folgenden BürgerkriegsjahrenNach der Oktoberrevolution 1917 kam es zu Erhebungen unterschiedlicher antibolschewistischer Kräfte – der Weißen – gegen die neuen sowjetischen Machthaber – die Roten. Die Kämpfe wurden von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführt, vor allem auch gegen die Zivilbevölkerung. Dass die Weißen weder politisch noch organisatorisch eine Einheit bildeten, war letztendlich ein wesentlicher Grund für ihre Niederlage. Demgegenüber gelang den Bolschewiki der straffe Aufbau der Roten Armee, mit deren Hilfe sie auch die Niederschlagung von Konflikten erreichten, die parallel zur Auseinandersetzung mit den Weißen entstanden waren (Polnisch-Sowjetischer Krieg, Partisanenbewegungen, Abfall von Randgebieten). Der Sieg im Bürgerkrieg bedeutete die endgültige Machtkonsolidierung für die sowjetische Regierung. Mehr dazu in unserer Gnose litt die Bevölkerung in Osteuropa unter den Folgen von Krieg, Hunger und staatlicher Zwangseintreibung. Zugleich fanden im Laufe des Bürgerkrieges antisemitische Pogrome statt, in denen zehntausende Juden getötet wurden – mehrheitlich von Anhängern der Weißen BewegungBelyje (dt. die Weißen) ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Weiße Bewegung, deren militärischer Arm Weiße Armee die zahlenmäßig größte antibolschewistische Partei im Russischen Bürgerkrieg (1917/1918–1922) stellte. Die Bewegung war äußerst heterogen, viele Historiker sehen bei einem Großteil ihrer Anhänger aber einen gemeinsamen Nenner in Demokratie, Parlamentarismus und Marktwirtschaft.. Wie bei jeder anderen zeitgenössischen Gesellschaftsgruppe fanden sich unter den Juden Unterstützer und Gegner der bolschewistischen Regierung. Doch die Pogrome führten dazu, dass sich viele von den BolschewikiDie Bolschewiki (dt. etwa: Mehrheitler) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki (dt. etwa: Minderheitler) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  mehr Sicherheit versprachen. Die Hoffnung der Juden auf rechtliche GleichbehandlungIm Russischen Reich war die jüdische Bevölkerung diskriminierenden Gesetzen unterworfen, deren konkrete Ausgestaltung jedoch vom jeweiligen Herrscher abhing. Juden blieben viele Studiengänge und Berufe verschlossen, sie durften etwa nicht siedeln, wo sie wollten und nicht an lokalen Wahlen teilnehmen. Neben wiederholt auftretenden Pogromen war es diese rechtliche Ungleichbehandlung, die Millionen Juden zur Auswanderung in die USA oder nach Westeuropa bewegte. Erst mit der Februarrevolution 1917 erfolgte die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Minderheit. sowie die bolschewistische Agitation für gesellschaftliche Emanzipation und Gleichheit taten ein übriges, um in der jüdischen Bevölkerung die sowjetische Regierung als kleineres Übel wahrzunehmen. 

Die Konzepte jüdischer Nationalstaatlichkeit erhielten nach diesen turbulenten Jahren eine neue Aktualität. Sie waren innerhalb der sowjetischen Führung besonders umstritten, wurden aber verstärkt durch die sowjetische Politik der KorenisazijaAls Korenisazija (dt. wörtlich übersetzt Einwurzelung) wurde in der Sowjetunion der 1920er und frühen 1930er Jahre die Moskauer Kulturpolitik gegenüber ethnischen Minderheiten bezeichnet. Sie bestand vor allem in der Förderung der jeweiligen Sprachen und in teilweise weitgehenden Autonomie-Rechten, mit dem Ziel die Minderheiten so in den sowjetischen Staat einzubinden. Die oftmals mit dem modernen Begriff Multikulturalismus beschriebene Periode wurde Anfang der 1930er Jahre durch die sogenannte Russifizierungspolitik ersetzt.  – der Idee, allen Völkern und Nationen den Kommunismus in ihrer eigenen Sprache und in ihren eigenen Territorien nahezubringen und zu diesem Zweck auch kleinere Völker zu fördern. So entsponn sich nach den Bürgerkriegsjahren unter jiddisch-sprachigen Linken eine hitzige Debatte über jüdische Ansiedlungsprojekte, die zugleich einem politischen Bekenntnis glich. Eine der damals debattierten Fragen lautete: Krim oder Zion? „Zion“ stand für das Konzept eines hebräisch-sprachigen jüdischen Nationalstaats im damaligen Mandatsgebiet Palästina, dem heutigen Israel. Mit dem ersten Zionistenkongress 1897 in Basel und der Balfour-DeklarationDie Balfour-Deklaration war eine Erklärung des damaligen britischen Außenministers Lord Balfour vom 2. November 1917. Darin sicherte er der zionistischen Bewegung Unterstützung bei der Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina zu. Die Erklärung stand im Kontext der Neuordnung des Nahen Ostens durch Briten und Franzosen nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches. Sie gilt als erste völkerrechtlich relevante Grundlage des zionistischen Projekts und hatte die Immigration von zehntausenden, vor allem osteuropäischen, Juden nach Palästina zur Folge. 1917 hatte die Idee der Migration in das für die jüdische Bevölkerung Heilige Land Eretz Israel auch in Osteuropa zahlreiche Anhänger gefunden. „Krim“ stand dagegen für jiddischsprachige landwirtschaftliche Ansiedlungsprojekte im Südwesten der Sowjetunion. Dort sollten zahlreiche, von kommunistisch gesinnten Juden getragene Genossenschaftsprojekte entstehen. Theoretisch auch für Juden offen, die nicht in der Sowjetunion lebten.

Transnationale Debatten

Doch das Thema der jüdischen Ansiedlung in der Sowjetunion vereinte nicht nur. Innerhalb der Sowjetunion und in den jüdischen Gemeinschaften von Berlin bis New York wurde mitunter erbittert über den Plan diskutiert und auch um finanzielle Unterstützung geworben. Auch wenn sich die Ansiedlungspläne nur auf einen Bruchteil der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion bezogen, hatte das Projekt dennoch eine herausragende Bedeutung: Es entstand eine besondere Dreiecksbeziehung zwischen den Juden, die in den Genossenschaftsprojekten lebten, dem sowjetischen Staat und jüdischen Hilfsorganisationen. Letztere unterstützten finanziell die landwirtschaftliche Ansiedlung. 

Hieraus entstand eine komplizierte Gemengelage, in der es unterschiedliche Unterstützungsgründe gab: Für Juden in der Sowjetunion konnte es schlicht als möglicher Ausweg vor Hunger und Armut erscheinen, in den Genossenschaftsprojekten zu leben und zu arbeiten. Jüdische Hilfsorganisationen unterstützten die Projekte vornehmlich aus philanthropischen Gründen. Dagegen hofften linke Anhänger jüdischer Autonomiekonzepte, dass langfristig im Südwesten der Sowjetunion ein Autonomes Jüdisches Gebiet, eine Jüdische Sozialistische Sowjetrepublik, entstehen würde. Überzeugte Kommunisten verstanden die landwirtschaftlichen Genossenschaften als einen wichtigen Beitrag zum Aufbau der Sowjetunion. Viele verbanden mit der Ansiedlung auch die Hoffnung, die stereotype antisemitische Einstellungen der Mehrheitsbevölkerung herauszufordern: Indem die jüdische Bevölkerung nun im Agrarsektor arbeitete und damit sichtbar zur Produktivität des Landes beitrug, hoffte man, dass der Rest der Bevölkerung sie als gleichwertige sowjetische Bürger anerkennen würde. Die Gegner der Ansiedlung hoben dagegen die schlechte politische und ökonomische Situation in der Sowjetunion hervor. Ferner warfen sie der sowjetischen Regierung vor, dass sie die landwirtschaftliche Ansiedlung nur aufgrund der zu erwartenden finanziellen Unterstützung aus dem Ausland duldete.

Tatsächlich stand die Sowjetunion in jener Zeit wirtschaftspolitisch unter enormem Druck – während die Bolschewiki gleichzeitig versuchten, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität durch Gründung neuer Produktionsgenossenschaften erschien hierbei naheliegend. Offizielles Ziel der sowjetischen Regierung war es, mehr als 100.000 Juden in dörflichen Strukturen auf dem weitläufigen Gebiet der Krim, der Ukraine und in Belarus anzusiedeln. Die überwiegende Mehrheit der hierfür notwendigen Finanzen, die für landwirtschaftliche Arbeitsgeräte und zu errichtende Infrastruktur benötigt wurden, sollte von internationalen jüdischen Hilfsorganisationen erbracht werden. Allein auf der Krim entstanden bis Mitte der 1930er Jahre mehr als 80 landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, in denen knapp 20.000 Jüdinnen und Juden lebten und arbeiteten. Fraidorf (seit 1931) und Larindorf (seit 1935) wurden zu Autonomen Jüdischen Bezirken im Norden der Halbinsel. Drei weitere existierten in der Ukrainischen Sowjetrepublik. In den Bezirken lebte eine mehrheitlich jüdische Bevölkerung. Sie waren unterteilt in kleinere Dorfstrukturen, in denen in Produktionsgenossenschaften landwirtschaftliche Güter angebaut wurden. 

Sehnsuchtsort Krim

In den 1920er und 1930er Jahren war die Krim ein jüdischer Sehnsuchtsort. Neben Russisch wurde in den Dörfern Jiddisch gesprochen und gelesen, die gängige Sprache von Juden in Osteuropa. Es wurden in den Siedlungen gemeinsame Feste gefeiert, Traditionen gelebt und jiddisch-sprachige Bildungs-, Schul- und Kultureinrichtungen geschaffen.

Die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften können als eine sowjetische Antwort auf die zionistische Bewegung verstanden werden, um den Auswanderungswilligen eine Perspektive innerhalb des eigenen Landes zu bieten. Entsprechend wurden sie auch propagandistisch begleitet. In vielem unterschied sich die Realität aber von den sowjetischen Wunschvorstellungen. Zwar wurden einerseits sowjetische Bauern par excellence ausgebildet. Andererseits gab es auf dem Dorf mehr Freiräume und Handlungsoptionen als in der Stadt. Nach jüdischem Brauch wurde der Samstag zum Ruhetag bestimmt. Trotz offiziellem Verbot der Religion war es möglich, religiöse Praktiken im privaten und halböffentlichen Rahmen zu verrichten. Die Mehrheit der nun auf dem Land angesiedelten Juden kam ursprünglich aus Städten und erlernte die landwirtschaftliche Produktion erst vor Ort. Viele vermissten die kulturellen Möglichkeiten der Stadt, weswegen 1927 im Gebiet um Dshankoi fahrende Bibliotheken mit russischen und jiddischen Büchern eingesetzt wurden. Vor allen Dingen mussten sich die Städter aber an die schwere landwirtschaftliche Arbeit gewöhnen.

Dies taten sie offenbar erfolgreich, denn in den Dörfern wurden vergleichsweise hohe landwirtschaftliche Erträge erzielt. Sicherlich ein wichtiger Grund dafür, dass die jüdischen Genossenschaftsprojekte die Zeit der Neuen Ökonomischen PolitikAls Neue Ökonomische Politik (russ. Nowaja ekonomitscheskaja politika – NEP) wird eine kurze Periode in der Geschichte der Sowjetunion der 1920er Jahre bezeichnet. Das Ziel von NEP bestand in der Dezentralisierung und Liberalisierung der Wirtschaft und in der teilweisen Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Methoden. Während der Hungersnöte im und nach dem Bürgerkrieg (1918–1923) trug die NEP maßgeblich zur Verbesserung der Versorgung bei. Im Zuge der Einführung der Planwirtschaft und der Realisierung des ersten Fünfjahrplans wurde die NEP 1928 de facto abgeschafft. und der ZwangskollektivierungAls die Lebensmittelversorgung in der noch jungen und bürgerkriegsgebeutelten Sowjetunion immer kritischer wird, beschließt Stalin 1929 die Kollektivierung der Landwirtschaft: Die Bauern werden enteignet und ihr Besitz in staatlichen Kolchosen zusammengeschlossen. In der Folge kam es insbesondere ab 1932/33 zu einer der größten europäischen Hungersnöte mit bis zu sechs Millionen Opfern. Mehr dazu in unserer Gnose verhältnismäßig gut überstanden. Erklärt werden kann dies auch mit der finanziellen Unterstützung aus dem Ausland, die den Erwerb neuerer Gerätschaften ermöglichte. Ebenfalls waren die jüdischen Bauern durch ihre Unerfahrenheit offen für neue Erkenntnisse des effektiveren Anbaus in der Landwirtschaft. 

Ende des Ansiedlungsprojektes

Doch der jüdische Sehnsuchtsort Krim war nur von kurzer Dauer. Ein klares Bekenntnis der sowjetischen Regierung für die Ansiedlungsprojekte im Südwesten der Sowjetunion blieb aus. Stattdessen wurde in der ersten Hälfte der 1930er Jahre mit BirobidshanBirobidshan ist die Hauptstadt der Jüdischen Autonomen Oblast, welche Anfang der 1930er Jahre ebenfalls den Namen Birobidshan trug. Gegründet wurde die Oblast 1928 mit dem Ziel, innerhalb der Sowjetunion ein „rotes Zion“ zu schaffen, eine jiddisch-proletarische Alternative zur angeblich bürgerlich-nationalistischen Auswanderung nach Palästina. Das Projekt sollte das Streben vieler Juden nach einem eigenen Territorium befriedigen, gleichzeitig wurde so aber auch das sibirisch-chinesische Grenzgebiet besiedelt. Doch auch wenn sich tatsächlich tausende Juden auf den Weg in die Taiga machten, stellten sie nie die Mehrheit in dem Gebiet. Viele verließen es auch wieder, sodass das ursprüngliche Projekt als gescheitert gilt. ein anderer Bezirk zu einem jüdischen Ansiedlungsprojekt proklamiert. Das Gebiet mit der gleichnamigen Hauptstadt lag im Fernen Osten des Landes. Jüdisches Leben musste dort von Grund auf neu errichtet werden, weil die Region tausende Kilometer entfernt war von den bisherigen Lebenswelten der jüdischen Bevölkerung. Hinzu kamen schwierige klimatische Bedingungen vor Ort. Trotz einzelner Enthusiasten, die dorthin zogen, war das Konzept des Jüdischen Autonomen Bezirks Birobidshan von Beginn an zum Scheitern verurteilt. 

In den 1940er Jahren sollte es die auf der Krim lebenden Juden aber weitaus schlimmer treffen. Die europäische Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts machte auch vor ihnen nicht halt. Der Stalinistische TerrorAls Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt. Mehr dazu in unserer Gnose in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre traf sie noch vergleichsweise milde. Viel schlimmer verlief die Zeit der nationalsozialistischen Okkupation auf der Krim. Die jüdische Bevölkerung wurde gezielt getötet und die landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften vernichtet. 

Nach der Befreiung der Halbinsel durch die Rote Armee kehrten einige rechtzeitig evakuierte Juden zurück. Doch die unter anderem vom Jüdischen Antifaschistischen KomiteeDas Jüdische Antifaschistische Komitee (kurz JAK) war ein sowjetisches Gremium jüdischer Intellektueller, die während des Zweiten Weltkriegs weltweite Unterstützung jüdischer Diaspora suchten, um sie für den Kampf gegen Hitlerdeutschland zu gewinnen. Die Organisation wurde 1942 vom Innenministerium der UdSSR gegründet und gesteuert. Vor dem Hintergrund der Staatsgründung Israels wurde das JAK 1948 aufgelöst, viele Mitglieder wurden Opfer massiver politischer Verfolgungen. Im Jahr 1952 kam es zu einem Schauprozess, 13 von 15 Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, eine Angeklagte in die Verbannung geschickt, einer verstarb im Gefängnis. Manche Historiker betrachten den Prozess als den Beginn des staatlichen Antisemitismus in der Sowjetunion.  nach dem Krieg vorgetragene Idee, das Ansiedlungsprojekt wiederzubeleben, schlug fehl. Die politische Stimmung in der Sowjetunion hatte sich stark verändert. Viele Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees wurden Ende der 1940er Jahre in der Sowjetunion als Verschwörer angeklagt und am 12. August 1952, wenige Monate vor dem Tod StalinsDer sowjetische Diktator Josef Stalin (geb. 1878) erlag Anfang März 1953 einem Schlaganfall. Da das totalitäre Regime im höchsten Maße personalisiert war, stürzte sein Tod die Sowjetunion in allgemeine Orientierungslosigkeit. Ein Außenseiter kam an die Macht und brach drei Jahre später offiziell mit dem Personenkult um Stalin.  Mehr dazu in unserer Gnose , erschossen. Das jüdische Ansiedlungsprojekt lebt seitdem nur noch in der Folklore fort: 

Juden, sagt mir,
wo ist mein Bruder Abrascha?
Der fährt seinen Traktor, lenkt wie einen Zug!
Tante Leah ist am Mähen,
Bella an der Dreschmaschine
in Dshankoi, dshan, dshan, dshan...

 
Zum Weiterlesen:
Dekel-Chen, Jonathan: Crimea, in: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe
Dekel-Chen, Jonathan (2005): Farming the Red Land: Jewish Agricultural Colonization and Local Soviet Power, 1924–1941, New Haven/ London
Dekel-Chen, Jonathan (2003): Farmers, Philanthropists, and Soviet Authority: Rural Crimea and Southern Ukraine, 1923–1941, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History, Vol. 4 (2003), Nr. 4., S. 849–885
Veidlinger, Jeffrey (2014): Before Crimea Was an Ethnic Russian Stronghold, It Was a Potential Jewish Homeland
Support dekoder
Related topics

Krieg im Osten der Ukraine

Zum ersten Mal treffen sich Wladimir Putin und sein ukrainischer Amtskollege Wolodymyr Selensky heute persönlich in Paris. Thema ist der Krieg im Osten der Ukraine, der trotz internationaler Friedensbemühungen seit April 2014 anhält. Er kostete bereits rund 13.000 Menschen das Leben. Steffen Halling zeichnet die Ereignisse nach.

more gnoses
Vergangenes, ganz nah, Olga Schirnina, klimbim (All rights reserved)