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Takie dela

Wie ich den Winter verbrannt habe

Sie sägen Blöcke aus Schnee, bauen eine Festung daraus und stürmen sie. Die Bakschewsche MasljanizaMasleniza ist ein Fest mit heidnischen Wurzeln. Es wird üblicherweise eine Woche lang vor der Großen Fastenzeit begangen: Einerseits – analog dem europäischen Karneval – als Vorbereitung auf das orthodoxe Osterfest, andererseits als Übergang vom Winter in den Frühling. Zu den wichtigsten Traditionen gehören die Verbrennung der Masleniza-Figur (Tschutschelo), Schlittenfahrten, Gesänge, Vergnügungen und das Verzehren von Bliny – eine osteuropäische Variante der Eier- bzw. Pfannkuchen. Die Bezeichnung Masleniza stammt von Maslo ab – Butter; sie verweist darauf, dass Fleischverzehr während der Woche vor dem Fasten bereits untersagt, Verzehr von Milchprodukten aber erlaubt ist. ist ein großes Fest an geheimem Ort, organisiert von Freiwilligen. Und am Ende verbrennt der Winter. Wirklich. Pawel Nikulin war für Takie Dela dabei. 

Quelle Takie dela

Fotos © Stoyan Vassev/Takie Dela

Anarchie im Wald

„Hier sehen Sie, wie Anarchie funktioniert“, erklärt mir eine Frau um die vierzig und hält mir eine Tasse dampfenden Tee entgegen.

Hier – das ist auf einem namenlosen Feld im Wald hunderte Kilometer von Moskau entfernt. Ich bin hergekommen, um mir die Vorbereitungen der Bakschewschen Masljaniza anzusehen. (Genau so, mit „ja“ schreibt man hier das Fest.) Im Slang der Masljaniza-Veranstalter heißen diese Vorbereitungen Butterbau. Und die freiwilligen Helfer Butterbauarbeiter.

Ich lerne sie am Lagerfeuer kennen. Über den Flammen köcheln Suppen und blubbert Tee. Dicke Äste knacken. Gemahlene Arabica-Bohnen werden in einen kleinen Armee-Kochtopf geschüttet und dazu noch ein paar Tannenzweige. So kocht man Waldkaffee

Ich versuche, meine Füße trockenzukriegen. Strecke sie möglichst ans Feuer, von den Socken steigen dichte Dampfschwaden auf. Die Frau, die mich auf die Tasse Tee eingeladen hat, lacht. An ihren Füßen trägt sie riesige Überzieher eines Chemieschutzanzugs.

Vom Rand des gigantischen Feldes – mindestens so groß wie ein Fußballfeld – dringt das Heulen einer Motorsäge zu uns herüber. Die Butterbauarbeiter sägen Blöcke aus gepresstem Schnee für den Bau der Schneefestung – ein Bauwerk von mindestens fünf Metern Höhe, das an Masljaniza gestürmt werden soll, unter Anführung des Frühlings-WoiwodenDer slawische Herrschertitel Woiwode bedeutet übersetzt Heerführer. Die deutsche Entsprechung ist der Herzog. In manchen lokalen Traditionen wird zum Masleniza-Fest ein Frühlings-Woiwode bestimmt. Seine symbolischen Aufgaben ähneln zum Teil den Aufgaben eines Karnevalsprinzen.  . Aufgetürmt werden die Blöcke mithilfe eines Krans, der ist selbstgezimmert aus ein paar Baumstämmen, Seil und Segeltuch. Darin wird der Schnee mit den Füßen zusammengestampft und zersägt.

Am Waldrand ist die nächste Gruppe Bauarbeiter am Werk, sie errichten Toiletten, stellen das Eingangstor auf oder entfernen die Rinde von gefällten Bäumen. Am schnellsten gelingt das einer jungen Frau, die den Baumstamm gekonnt mit einer großen Machete bearbeitet. 

„Ich habe über Freunde, die schon mal hier waren, von dem Fest erfahren. Das erste Mal bin ich nur zum eigentlichen Fest gekommen, das war 2015. Im nächsten Jahr bin ich schon über Nacht geblieben, und diesmal wollte ich auch bei den Vorbereitungen dabei sein. Es ist ein tolles, fröhliches Fest, hier kann ich alle Hektik und Sorgen der Großstadt vergessen und einfach die Seele baumeln lassen“, erzählt mir Olja.

Der längste glattpolierte Baumstamm, etwa zehn Meter lang, wird später in der Mitte vom Feld aufgestellt. Er ist fester Bestandteil des Unterhaltungsprogramms einer jeden Masljaniza. Ganz oben werden Preise angebracht – für diejenigen, die es so weit hoch schaffen. Ich bekomme die Aufgabe, eine Wippe zu bauen. Dafür braucht es einen Baumstamm, Tannen und ein paar Feuerwehrschläuche.

Bliny und Postmoderne

Den richtigen Ort für das Fest suchen die Veranstalter lange im Voraus. Manchmal sind sie bis zu einem Jahr unterwegs, um sich verschiedene Örtlichkeiten anzusehen. Bei der Auswahl spielen viele Faktoren eine Rolle: Entfernung zur nächsten Ortschaft, Erreichbarkeit im Winter wie im Sommer.

Informationen über die Masljaniza findet man auf der Webseite des Vereins Roshdestwenka, einer Bewegung freiwilliger Restauratoren, die sich der Wiederherstellung alter russischer Denkmäler, Bräuche und Volksfeste verschrieben haben.

Natalja Charpalewa, ein aktives Mitglied von Roshdestwenka erzählt, die erste Masljaniza sei noch in den Achtzigern von ein paar Ausflüglern veranstaltet worden. Enthusiasten, die sich im Sommer mit der Restaurierung von Klosteranlagen beschäftigten, hätten die ersten Masljazina-Feste im kleinen Kreis gefeiert und Mal für Mal mehr Folklore-Elemente hinzugefügt. Von den KSP-AnhängernKSP ist die Abkürzung von Klub samodejatelnoi Pesni (dt. Klub der Laienlieder). Entstanden als eine lose soziale Bewegung in den späten 1950er Jahren, gibt es im Land gegenwärtig viele KSP-Vereine, die häufig eigene Abzeichen und Uniformen haben. Oft wird KSP auch als Synonym für Bardenlieder benutzt – eine in den frühen 1960er Jahren entstandene Musikgattung, bei der Autorenliedermacher eigene Werke vortragen. Die übliche Gitarrenmusik wird hierbei vor allem als Begleitung verstanden, das Hauptaugenmerk gilt den Texten. hätte man beispielsweise die Butter-Abzeichen übernommen – die jährlich wechselnden Aufnäher für die Masljaniza-Teilnehmer.

1998 verstarb Michail Bakschewski, ein Gründungsmitglied der Masljaniza, doch das Fest, das nun nach ihm benannt wurde, lebte weiter und fand immer mehr Anhänger. Irgendwann wurde das den Veranstaltern sogar lästig. Der Wald war voller Autos, es wurde immer schwieriger den Müll wegzuräumen. Deswegen wird das Fest mittlerweile fast schon konspirativ durchgeführt: Nur wer sich im Voraus registriert hat, erfährt wenige Tage vorher per Mail, wo die Masljaniza stattfindet. „Schaltet bitte die Ortsangabe aus, wenn ihr während der Vorbereitungen Fotos vom Feld postet“, richten sich die Organisatoren auf der offiziellen Webseite der Roshdestwenka an ihre Helfer.

Örtliche Regierung und Polizei wissen nichts vom Fest. Die Veranstalter informieren nur den Rettungsdienst.

Über die Jahre hat sich ein fester Ablauf etabliert. Bestimmte Protagonisten sind vom Fest nicht mehr wegzudenken: der Frühlings-Woiwode, die Strohpuppe WinterDiese Masleniza-Figur (auch Tschutschelo genannt) ist eine stilisierte Schreckgestalt, die als eine Verkörperung des Masleniza-Festes während der Feierlichkeiten verbrannt wird. Die Figur gilt als ein kulturelles Überbleibsel der archaischen Vorstellung von einer gestorbenen und auferstandenen Gottheit. Außerdem symbolisiert sie Fruchtbarkeit: Früher wurde Tschutschelo-Asche auf Feldern verteilt, diese sollte die anstehende Aussaat begünstigen., der Bär.

Es gäbe zwar keine Belege dafür, dass unsere Vorfahren die Masljaniza exakt so gefeiert hätten, räumt Charpalewa ein, aber einzeln kämen alle Figuren in ethnografischen Skizzen vor.

„Irgendwie postmodern“, werfe ich ein.
„Ein wenig“, erwidert Charpalewa lächelnd.

Ein verbindendes Ding

„Ich bin seit zwanzig Jahren dabei. Ich bin gern im Wald. Allein fährst du vielleicht ein, zwei Mal im Winter raus. Aber ganz bestimmt nicht jedes Wochenende, und so kannst du immer herkommen. Hier sind viele Menschen, du lächelst, sie lächeln“, erzählt Roshdestwenka-Koordinator Arkadi Jurowizki.

Er trägt einen dicken Lammfellmantel und sieht selbst ein bisschen aus wie ein gutmütiger Bär. Zum Feld ist er mit einem Kettenwagen gekommen. Geduldig erklärt mir Arkadi, dass die Freiwilligen die Masljaniza zwar eigentlich für sich selbst veranstalteten, aber so ganz ohne Gäste wäre es doch langweilig. Wenn Arkadi nicht gerade bei der Roshdestwenka arbeitet, repariert er Computer. 

Die Veranstaltung war seit ihren Anfängen unkommerziell. Besucher werden keine Sponsorenwerbung antreffen, und es wird auch niemand Eintrittsgeld von ihnen verlangen. Die Organisatoren machen keinen Gewinn. Auf den Vorschlag, Kassenbuden auf dem Feld aufzustellen, erwidern sie: „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie fehl am Platz bei uns Gespräche über Kassenbuden sind.“

Ein weiteres Tabu ist politische und religiöse Agitation. Nicht zuletzt, weil bei der Masljaniza das ganze politische Spektrum vertreten sei, sagt Jurowizki:

„Wir haben hier Menschen mit völlig unterschiedlichen politischen Ansichten. Es gibt Kommunisten, ich selbst bin Demokrat, Putinisten sind auch dabei. Unterschiedlichste Menschen kommen hier zusammen. Und da passiert dann so ein verbindendes Ding, es ist mal stärker, mal schwächer, aber es ist da. Es sind sicher 50 Berufsgruppen vertreten! Vom LKW-Fahrer bis zum Forscher.“

„Entschuldigen Sie bitte, ist das ein Drakkar?“

Die Nacht vor Masljaniza ist die schönste: Die Leute stellen Kerzen auf, bringen elektrische Lichterketten an, lassen Himmelslaternen aufsteigen, zünden Feuerwerk. Man geht von Lagerfeuer zu Lagerfeuer, bietet sich gegenseitig etwas zu essen an, spielt Gitarre und singt.

Alkoholkonsum ist bei dem Fest nicht besonders gern gesehen. Aber es gibt auch kein Alkoholverbot. Ein angetrunkenes Grüppchen zieht, von einem Akkordeonspieler angeführt, durch den Wald, man könnte meinen, sie wären Braunbären. Kommt ihnen jemand entgegen, verstummt plötzlich die Musik und die soeben noch KosakenKosaken ist die Bezeichnung einer sozialen Gruppe, die sich teilweise aus dem (para-)militärischen Stand im 15. Jahrhundert formiert hat. Die soziostrukturelle Zusammensetzung früherer Reiterverbände der Kosaken ist nicht klar nachvollziehbar. Im 18. Jahrhundert wurden sie zum großen Teil in die Kavallerieverbände der regulären Armee integriert. Die Wiederbelebung der Tradition nach dem Zerfall der UdSSR wird von oppositionellen Kreisen oft als „folkloristisch“ bzw. „archaisch“ bezeichnet. In den südlichen Regionen Russlands übernehmen Kosaken oft die zweifelhafte Rolle einer Volksmiliz. Es kommt dabei immer wieder zu gewalttätigen Angriffen auf Oppositionspolitiker und Aktivisten, wie z. B. auf Alexej Nawalny oder die Kunstaktivistinnen von Pussy Riot.lieder grölenden Männer blicken verlegen um sich.

„Entschuldigen Sie bitte, ist das ein Drakkar?“, frage ich einen Künstler, der mit Gouache-Farbe blaue Wellen auf einen Schiffsrumpf aus Schnee malt.
„Ein Drakkar?“, wundert er sich über meine Frage.
„Ein Wikingerschiff.“
„Ähm … genau. Ein Drakkar … Was ist denn ein Drakkar?“
„Ein Wikingerschiff.“
„Die Slawen hatten auch solche, die waren wahrscheinlich mit den Wikingern befreundet …“
„Wahrscheinlich“, stimme ich zu und gehe in mein Zelt schlafen.

Morgens sitze ich am Lagerfeuer und versuche wieder, meine Füße trockenzukriegen. Von meinen Socken steigen wie schon beim Butterbau dichte Dampfschwaden auf. Ich hätte mir doch Schuhüberzieher kaufen sollen.

Am Eingangstor herrscht ausgelassene Heiterkeit – alle singen, tanzen und jauchzen TschastuschkiTschastuschki sind traditionelle ukrainische und russische Folklore-Lieder. Es sind überwiegend aus zwei Doppelversen bestehende Vierzeiler; sie haben meistens eine hohe Taktfrequenz, sind humoristisch und werden oft hintereinander gesungen.. So „bezahlt“ man hier den Eintritt. Ein paar Meter weiter führt ein Seil über den Bach, für diejenigen, die keine Tschastuschki kennen oder keine Lust haben, zu singen und zu tanzen.

Tausende Menschen tummeln sich auf dem Feld: backen BlinyBliny ist die osteuropäische Variante von Eier- bzw. Pfannkuchen. Sie sind meistens rund und werden entweder als Fladen oder mit unterschiedlichen Füllungen verzehrt. Der Hefeteig für Bliny wird meistens aus Weizen- und Buchweizenmehl angesetzt. oder klettern durch das Schneelabyrinth. Ich beobachte, wie eine Frau lachend ein Pawlow-Possad-TuchPawlow-Possad-Tücher sind zumeist rechteckige (und oft mit Fransen versehene) wollene Überwürfe, deren symmetrische florale Muster sich oft zu einem Mittelpunkt hin orientieren. Die vor allem von Frauen getragenen Tücher sind bunt verziert – entweder bestickt oder bedruckt. Das Kleidungsstück gilt als ein Erzeugnis des traditionellen russischen Handwerks. Dessen Zentrum formierte sich im 18. Jahrhundert in Pawlowski Possad – heute eine Stadt mit rund 60.000 Einwohnern, etwa 70 Kilometer östlich von Moskau. um ihre Dreads wickelt und muss daran denken, dass mein Witz über die Postmoderne wirklich ins Schwarze trifft. Ein Mann kraxelt nur mit einer Unterhose bekleidet den Pfosten mit den Preisen hinauf. Das Ausziehen muss sein, denn nur ohne Kleidung, mit nackter Haut, hat man den nötigen Griff an dem glatten Pfosten.

Eroberung der Schneestadt

Die interaktive Vorstellung kann beginnen. Ausgestattet mit einem schmackhaften Blin brechen wir auf, um den Bären aus der Höhle zu locken. (Die Rolle des Bären übernimmt einer der Masljaniza-Veranstalter und der Blin ist der Anschaulichkeit halber aus Papier.) Danach stehlen wir die Strohpuppe Winter und tanzen um sie herum ChorowodChorowod ist ein in vielen slawischen Kulturen anzutreffender, ritueller kreisförmiger Reigen mit Chorgesang..

Schon bemerkt der Bär den Verlust, erobert die Puppe zurück und versteckt sie in der Schneefestung. Der Frühlings-Woiwode ruft zum Sturm auf die Festung. Sie wird von alteingesessenen Masljaniza-Teilnehmern verteidigt, die nicht davor zurückschrecken uns mit Schneebällen zu bewerfen oder von der steilen Mauer in den Schnee zu schmeißen.

„Scheiße“, entfährt es dem jungen Mann neben mir.

Es ist wohl kaum der Raub der Puppe, der ihn so erbost. Eher schon der wuchtige Schneeball, den er soeben abbekommen hat.

„In Stellung! In Stellung! Erster Stock!“, erschallen eindringliche Kommandos aus der Menschenmenge.

Der Startschuss ertönt. Der Sturm kann losgehen. Riesige Kerle aus der Menschenmenge rücken unter einem Schneeballhagel zur Festungsmauer vor, dicht an dicht stehen sie in drei Reihen zusammen.

„Kletter rauf!“, ruft der junge Mann links neben mir.

Ich komme gar nicht dazu, ihm zu antworten, da hievt man mich schon auf die Rücken vom ersten Stock. Ich rutsche auf dem Helm von jemandem aus.

„Rückzug!“ 

Wer da ruft, kann ich nicht zuordnen, aber ich sehe, wie ein junger Mann neben mir von der Mauer abrutscht. Der menschliche Belagerungsturm fällt in sich zusammen, und ich werde unter einem Haufen Körper begraben. Ich halte die Arme über den Kopf und brülle vor Schmerz: Jemand versucht mich am Bein aus diesem Geknäuel herauszuziehen. Es gelingt mittelprächtig – mehrere Leute liegen auf mir drauf. 


Ich stehe wieder auf, wasche mir mit Schnee das Gesicht, weiche einem Schneeball aus und klettere wieder auf die Festung. Beim zweiten Mal bilde ich einen Teil des ersten Stocks. Ich versuche, einen Blick zu erhaschen, was da oben los ist, muss aber schnell einsehen, dass es eine sehr schlechte Idee war – jemand tritt auf mein Gesicht und versucht sich abzustoßen, um höher zu klettern.

Wieder stürzt einer von der Mauer, schließe ich aus dem ohrenbetäubenden Aufschrei. Ich sehe nichts außer Füßen und Schultern. Wir fallen. Ein junger Mann mit blutiger Nase hilft mir auf und spuckt rot in den Schnee. Neben uns ist noch ein Verwundeter. Aufgeschlagene Augenbraue.

Das Herz pocht in den Schläfen, die Beine zittern vor Aufregung, ein Teil vom Armband meiner Uhr ist abgerissen, genau wie die Schnürsenkel-Haken von meinen Schuhen. Trotzdem stürme ich immer wieder die Festung, rutsche wieder ab, falle wieder in die aufgeheizte Menschenmenge. Jemand hat die Festungsmauer erklommen. Jetzt darf er die anderen Angreifer hinaufziehen. Den jungen Mann mit der aufgeschlagenen Augenbraue, den mit der kaputten Nase und mich.

Ich helfe immer mehr Stürmern über die Mauer. Neben mir steht ein Teenager mit einem blutigen Schuhabdruck im Gesicht.

„Tut’s weh?“, frage ich mitfühlend.

„Sch... drauf“ [im russischen Original MatMat ist die Bezeichnung für die russische Vulgärsprache, die deutlich stärker tabuisiert ist als deutsche Kraftausdrücke. Der Mat besteht aus wenigen Wortwurzeln, die ursprünglich die Geschlechtsteile und den Geschlechtsakt bezeichnen und in anderen Bereichen des Lebens verwendet werden, um eine besondere (positive oder negative) Ausdruckskraft zu erreichen. Die Benutzung von Mat ist in den russischen Medien gesetzlich verboten, die Wörter werden oft mit Sternchen („p***a“) oder Punkten („ch…“) ersetzt. dek], winkt er fröhlich ab und blickt verzaubert auf die Strohpuppe Winter, die auf dem Feld langsam in Flammen aufgeht.

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Walenki

Walenki sind nahtlose, in einem Stück gefertigte Filzstiefel aus Schafswolle. Sie halten auch bei großer Kälte warm und gelten deshalb als ideales Winterschuhwerk für die trockenen russischen Winter. Walenki werden als ein Symbol traditioneller russischer Kultur betrachtet, heute aber in erster Linie mit dem Landleben assoziiert.

Samogon

Als Samogon bezeichnet man einen in häuslicher Eigenproduktion und für den Eigenbedarf hergestellten Schnaps. Grundlage bildet eine Maische, die in der Regel aus Kartoffeln, Früchten, Zucker oder Getreideprodukten besteht und in selbstgebauten Anlagen destilliert wird. Vor allem in den Übergangsphasen vom Zarenreich zur Sowjetunion und später während der Perestroika war der Samogon, der inzwischen fest zur russischen Alltagskultur zählt, weit verbreitet.

Gnosen
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✵ Neujahr ✵ Новый год ✵

Ein geschmückter Tannenbaum mit wechselvoller Geschichte, ein überquellender Festtagstisch und der Fernseher als ständiger Begleiter: Das russische Neujahrsfest versammelt besinnliche und kuriose Traditionen aus verschiedenen Epochen. Nachdem Peter I. versucht hatte, erste Traditionen zum Jahreswechsel zu begründen, hielten im 19. Jahrhundert die europäischen Weihnachtsbräuche in Russland Einzug. Von den BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  als bürgerlich geschmäht und gleich darauf wieder zum Leben erweckt, verbanden sie sich mit dem konfessionsübergreifenden Neujahrsabend zu einem vergnüglichen, unverwechselbaren Fest.

„Es gibt die Anweisung, das Neujahrsfest fröhlich zu begehen,“ erklärt Genosse Ogurzow, seines Zeichens Verantwortlicher für die Durchführung der Festlichkeiten in einem sowjetischen Kulturpalast. In diesem bürokratischen Ausdruck, der die Zuschauer des Kinofilms Karnevalsnacht (Regie: Eldar Rjasanow, 1956) ohne Zweifel zum Lachen brachte, spiegelt sich die ganze Widersprüchlichkeit dieses Feiertags: Einerseits ist Neujahr ein Familienfest. Es ist der am wenigsten offizielle aller offiziellen Feiertage, das am wenigsten „problematische“1 Fest und daher das einzige, das alle feiern –  unabhängig von Konfession und politischer Einstellung. Es hat „fast alle seine Geschwister des sowjetischen Feiertagskalenders überlebt“.2 Andererseits ist Neujahr mit seinen Traditionen das Ergebnis einer politischen Entscheidung und war mehr als einmal Gegenstand leidenschaftlicher politischer Kämpfe.

In Russland sagt man oft: „Wie du das neue Jahr beginnst, so wirst du es auch verbringen.“ Dieser Aberglaube ist im sowjetischen und postsowjetischen Bewusstsein so tief verankert, dass auch die Vorbereitung des Festes zum präzise ausgeführten Ritual wird. Da das Einkaufen in der Sowjetunion oft keine leichte Unternehmung war, begannen die Vorbereitungen in der Regel schon im November: Ebenso endlose wie unvermeidliche Schlangen waren durchzustehen, um alle Zutaten für Festtagsgerichte und Geschenke für alle Familienangehörigen, Freunde und Arbeitskollegen zu besorgen, und auch das Haus wollte schließlich geschmückt sein. Obwohl in Russland mittlerweile alle Produkte in ausreichendem Maß erhältlich sind, steht man noch immer häufig an.

Foto © Boris Kusmin / Archiv Kommersant-OgonjokDer Neujahrstisch muss sich biegen unter den zahllosen Köstlichkeiten. Was genau auf den Tisch kommt, kann durchaus variieren, nicht wegzudenken sind jedoch die Salate – mit Fleisch, Fisch und Gemüse, insbesondere: Salat Olivierist mit Seljodka pod schuboj einer der beiden Salate, ohne die ein russisches Fest kein Fest ist. Schinken oder Kochwurst, Kartoffel, Möhre, Cornichons und Apfel werden hierfür in kleine Würfel geschnitten, eine Zwiebel sehr fein zerkleinert und ein Ei sehr fein gehackt, Erbsen werden hinzugefügt. Sowie Mayonnaise, Salz und frisch gemahlener Pfeffer. Das ist ein Muss, ähnlich dem deutschen weihnachtlichen Kartoffelsalat. Allerdings hat diese Delikatesse, wie der Name vermuten lässt, einen vornehmen Vorgänger in der Kreation eines französischen Kochs im Moskau der 1860er Jahre: Mit dem Fleisch wilder Haselhühner, Kalbszunge, Kaviar und Flusskrebsen, aber vor allem mit einer berühmt gewordenen Sauce, deren Rezept der Koch Monsieur Lucien Olivier leider mit ins Grab genommen hat, die aber einer Mayonnaise ähnlich gewesen sein soll. So sind die Russen auch heute noch sehr darauf bedacht, die richtige Mayonnaise zu bekommen, am besten die sogenannte „Provencale“, die mehr Essig enthält und weißer ist als andere Sorten. Außerdem – und das unbedingt – müssen alle Zutaten wirklich fein zerkleinert sein. Andere Varianten gelten als bäuerisch. Zumeist solche Varianten findet man in anderen Ländern unter dem Namen „Russischer Salat“. und Hering im Pelzist ein Salat, den man in Deutschland eher als geschichtete Vorspeise bezeichnen würde. Die wörtliche Übersetzung heißt „Hering unterm Pelzmantel“: Heringsfilets werden in kleine Würfel geschnitten und als erste Schicht auf dem Boden der Schüssel verteilt. Fein geriebene Zwiebel darüber verteilen und mit Mayonnaise einreiben. Darüber grob geriebene Kartoffel, mit Mayonnaise einreiben, dann geriebene Möhre, mit Mayonnaise einreiben, dann geriebenes Ei, mit Mayonnaise bedecken, dann die letzte Schicht geriebene rote Bete, mit Mayonnaise einreiben. Dann ist wohl das geraspelte Gemüse der Pelz. Und die Mayonnaise der Mantel. – sowie der typische sowjetische Sekt Sowjetskoje Schampanskoje. Natürlich können die im Laufe mehrerer Tage zubereiteten Speisen nicht alle an einem Abend verzehrt werden. Doch der überquellende Esstisch am Silvesterabend hat weitere Funktionen als die Sättigung: Als soziales Symbol steht er für den Wohlstand der Familie, als Ritual für die Sicherung dieses Wohlstands im kommenden Jahr.

Da es in erster Linie ein Familienfest ist, wird das russische Neujahr oft mit dem europäischen Weihnachtsfest verglichen. In der Tat ist es mit Weihnachten verwandt und nimmt die weihnachtliche Symbolik auf – zuweilen wie ein Zerrspiegel. Im Unterschied zu Weihnachten geht das russische Neujahr jedoch auf eine politische Entscheidung zurück. Als Peter I. im Jahr 1699 von seiner Europareise zurückkehrte, verfügte er, den Beginn des Jahres „nach dem Beispiel aller christlichen Völker“ vom 1. September auf den 1. Januar zu verlegen. Auch sollten zum Jahreswechsel künftig Raketen abgefeuert, Feuer entzündet und die Hauptstadt mit Tannengrün geschmückt werden: Peter befahl, „auf den großen Straßen, vor ... Häusern und Toren einigen Schmuck aus Ästen und Zweigen von Fichten, Tannen und Wachholder“3 aufzustellen und bis Jahresanfang stehenzulassen. Doch trotz aller Erlasse wollten die Traditionen nicht greifen. Erst gegen Ende der 1830er Jahre kam die Tanne aus Europa nach Russland, diesmal jedoch als Weihnachtsbaum.

Nach der OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. war das Verhältnis zu den weihnachtlichen Traditionen der vergangenen Ära schwierig. Für die Ächtung und die spätere offizielle Anerkennung weihnachtlicher Symbolik führte man merkwürdigerweise dasselbe Argument an: Weihnachten sei ein Ritual der Bourgeoisie. Aus diesem Grund wollte man die Tradition zunächst ausrotten. Dann jedoch sollte das Proletariat eine Möglichkeit bekommen, an ihr teilzunehmen. Nach jahrelangen Diskussionen forderte der Parteifunktionär Pawel Postyschew am 28. Dezember 1935 in der Prawda: „Irgendwelche ‚linken‘ Störer haben diesen Kinderspaß als bürgerliches Unterfangen in Verruf gebracht. Diese falsche Verurteilung der Tanne muss ein Ende haben. In Schulen, Kindergärten, Pionierpalästen, Kinderklubs, Kinos und Theatern – überall soll eine Tanne stehen!“ Bereits am nächsten Tag standen einige Tannen auf Moskaus Straßen und ein reger Handel mit Bäumen hatte begonnen. Der Tannenbaum war rehabilitiert, und damit begann auch die Eingliederung vorrevolutionärer Weihnachtsbräuche in das neu erschaffene typisch sowjetische Phänomen – das Neujahrsfest.

Foto – Archiv Kommersant-OgonjokNatürlich gibt es neben dem Tannenbaum noch andere wichtige Details. Da ist Väterchen Frost, der in sich die Figuren des Heiligen Nikolaus und des wunderlichen Alten aus dem Winterwald vereint, seine Helferin Snegurotschka, die der Sage vom Mädchen aus Schnee nachempfunden ist,4 sowie allerlei Häschen und Schneeflöckchen – die sinnbildlichen Gestalten kleiner Jungen und Mädchen. Ein unverzichtbarer Begleiter des Neujahrsfestes ist seit sowjetischen Tagen auch der Fernseher.5 Er läuft vom frühen Morgen, wenn die Vorbereitungen zum Fest beginnen, ununterbrochen bis nach Mitternacht. Alle Kanäle zeigen sowjetische Komödien, von denen einige zum unbedingten Neujahrskanon zählen – wie etwa Karnevalsnacht oder Ironija Sudby (dt. Die Ironie des Schicksals, Eldar Rjasanow, 1975). Einige Stunden vor Mitternacht beginnen dann Musikshows nach dem Vorbild der sowjetischen Sendung Goluboj Ogonjok (seit 1964, dt. etwa: Blaues Flämmchen).

Der Fernseher läuft im Hintergrund. Die Filme kennen alle auswendig, daher genügt es, bloß den Ton zu hören. Unterdessen kocht man, schneidet Salat, schmückt den Baum, verpackt Geschenke und spricht die besten Stellen mit – manchmal sogar einige Sekunden vorher. Diese rituellen Wiederholungen erzeugen die richtige Neujahrsstimmung, ohne die das Fest nicht auskommt. Ist alles vorbereitet, setzt sich die Familie an den Tisch und verabschiedet das alte Jahr, ruft wichtige Ereignisse in Erinnerung und zieht Bilanz. Einige Minuten vor dem Jahreswechsel richten sich dann alle Augen auf den Staatschef, der auf dem Bildschirm erscheint: von seinem Schreibtisch aus oder vor dem Hintergrund der verschneiten Kremlgebäude beglückwünscht er alle zum Neuen Jahr. Danach zeigt der Bildschirm die große Uhr des Kreml. Sie schlägt zwölf. Zu den Klängen der Hymne erheben sich die Gläser mit Sowjetskoje Schampanskoje und es tönt von allen Seiten:

S Novym godom, s novym stschastjem! Frohes neues Jahr, möge es Glück bringen!

 

P.S.: Die mystischen, hoffnungsvollen Stunden des letzten Abends im Jahr stehen – wie auch bei mancher Silvesterfeier in Deutschland – in ernüchterndem Kontrast zum Anblick der verwüsteten Küche am Neujahrsmorgen. Berge von Geschirr müssen gespült, halbvolle Flaschen schaler Getränke ausgegossen werden. Da nimmt es nicht Wunder, dass man erstmal einfach weiterfeiert, die Zeit für ein paar Tage anhält und den eigentlichen Beginn des Jahres – das Aufräumen – noch ein wenig hinauszögert: Meist dauern die russischen Neujahrsfeierlichkeiten bis zum 10. Januar.


1. Nikolajew, Oleg (2003): Nowy God – Prasdnik ili ozhidanie prasdnika? In: Otetschestwennyje Sapiski, 1. (Russisch)
2. ebd.
3. Zitiert nach Duschetschkina, Elena (2003): Ded Moros i Snegurotschka, in: In: Otetschestwennyje Sapiski, 1. (Russisch)
4. ebd.
5. In dem beliebtem sowjetischen Zeichentrickfilm Winter in Prostokwaschino lehnt einer der Protagonisten es ab, zur Neujahrsfeier Freunde zu besuchen, da dort der Fernseher - der „wichtigste Tischschmuck“ - nicht funktioniert
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Tag der Einheit des Volkes

Der arbeitsfreie Feiertag wurde im Jahr 2005 eingeführt – als Ersatz für den Tag der Oktoberrevolution. Er wird am 4. November begangen und bezieht sich auf ein Ereignis aus dem Jahr 1612, als ein Volksaufstand die polnisch-litauischen Besatzer aus dem Moskauer Kreml vertrieb. Der Feiertag soll den Zusammenhalt der russischen Gesellschaft angesichts äußerer Bedrohungen symbolisieren – über ethnische und religiöse Grenzen hinweg.

Die Reformen Alexanders II.

Als Reformen Alexanders II. (auch: die Großen Reformen) wird ein Bündel von Gesetzesänderungen bezeichnet, von denen die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 als die wichtigste gilt. Durch weitreichende Strukturreformen sollte das Russische Reich auf die neuen Herausforderungen der Industrialisierung vorbereitet und weiter an europäische Normen herangeführt werden.

Stalin-Hochhäuser

Blickt man auf die Silhouette von Moskau, so werden die bunten Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale und die goldenen Kuppeln des Kreml überragt von den aufstrebenden Turmspitzen der Hochhäuser aus der Stalinära. Sie sind sprechende Zeugnisse des Zeitgeschmacks, mehr aber noch eines politischen Systems, das auf Einschüchterung und Ausbeutung der Bevölkerung einerseits und staatlich verordneter Verherrlichung des woshd („Führers“) andererseits abzielte.

Christ-Erlöser-Kathedrale

Die Christ-Erlöser-Kathedrale steht am linken Ufer der Moskwa in unmittelbarer Nähe zum Kreml. Sie wurde als Denkmal des Sieges über Napoleon konzipiert und entwickelte sich zum zentralen Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche. In den 1930ern wurde die Kathedrale gesprengt, in den 1990ern originalgetreu wieder aufgebaut. Ihre Rolle im heutigen Russland ist dabei weiter kontrovers: Den Status als Heiligtum der Orthodoxie hat die Christ-Erlöser-Kathedrale längst wiedererlangt – verkörpert jedoch zugleich das enge Band zwischen Staat und Kirche.

Perestroika

Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

Konstantin Stanislawski

Konstantin Stanislawski (1863–1938) ist eine Kultfigur des russischen Theaters. Als Schauspieler, Regisseur, Theatergründer, Schauspiellehrer und Schauspieltheoretiker spielte er eine prägende Rolle nicht nur für die Theaterszene in Russland. Seine Überlegungen zur Schauspielkunst werden weltweit an Schauspielschulen gelehrt und insbesondere am Broadway und in Hollywood wurden sie stilbildend. In Russland gilt das sogenannte „Stanislawski-System“ bis heute als das Einmaleins der Bühnenkunst.

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Szene aus dem Film Mne dwadzat Let (All rights reserved)