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Alte und neue Zeitrechnung

Im Jahr 1840 verließ der deutsche Astronom Johann Heinrich Mädler die Berliner Sternwarte, und machte sich auf den Weg ins Russische Reich. In dem Land, wo viele deutsche Wissenschaftler tätig waren, übernahm er die Leitung der Sternwarte Dorpat (heute Tartu in Estland). Er hatte große wissenschaftliche Pläne. Ihn erwartete in Russland nicht nur moderne Technik, sondern auch ein altertümlicher Kalender.

Während in den meisten europäischen Ländern zu der Zeit der gregorianische Kalender galt, lebte Russland noch mit dem alten julianischen. Und der Unterschied war groß: Zwölf Tage, und seit 1900 sogar 13. Da Russland aber nicht nur Handel, sondern auch viele politische und wissenschaftliche Beziehungen mit Europa pflegte und in den Städten außerdem viele Europäer lebten, musste man oft beide Daten im Blick behalten. In einem Aufsatz schrieb Mädler: „Unser heutiger Kalender ähnelt einer Uhr, die nicht nur ständig nachgeht, sondern auch falsch funktioniert“.1 Er unterbreitete den Vorschlag zu einer innovativen Kalenderreform, die dem „chronologischen Doppeldenken“ ein Ende setzen und auch die Fehler im gregorianischen Kalender korrigieren sollte. Russland hat jedoch erst nach dem OktoberumsturzAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. die fehlenden Tage nachgeholt. Mit dem Doppeldenken aber ging es weiter – noch heute sind seine Spuren sichtbar.

Der Vorschlag, den in Russland geltenden julianischen Kalender dem europäischen anzupassen, wurde auch schon vor Mädler gemacht. So regte die St. Petersburger Akademie der Wissenschaften bereits 1830 an, eine solche Reform durchzusetzen. Der damalige Bildungsminister Karl von Liven warnte diesbezüglich Zar Nikolaus I.Nikolaus I. (1796–1855) war zwischen 1825 und 1855 Kaiser von Russland. In seine Regentschaft fiel der Dekabristen-Aufstand – eine revolutionäre Bewegung gegen die zaristische Autokratie. Nikolaus I. ließ den Aufstand niederschlagen, in der Folge war seine Herrschaft von Repressionen und Konsolidierung des autoritären Regimes geprägt.  , dass die Reform zu „unerwünschten Unruhen“ führen könne.2 Solch radikale Veränderungen könnten von der orthodox geprägten Bevölkerung negativ aufgefasst werden. Selbst den Übergang zum julianischen Kalender, der 1700 im Zuge der Reformen von Peter dem Großen geschah, bezeichnete man oft als antichristlich.

Kalender als russische Mission

Das Entscheidende für das Ablehnen aller Vorschläge jedoch war die Position der Russisch-Orthodoxen KircheDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, d. h. einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint.. Diese war vor allem wegen der Bestimmung der Ostertage dagegen. Nach dem gregorianischen Kalender fiel Ostern – wenn auch sehr selten – mit dem alttestamentarischen Pessach-Fest zusammen, was der orthodoxen Kirche nicht annehmbar schien.

Die kompromisslose Position der Kirche besiegelte zunächst auch das Schicksal von Mädlers Vorschlag – der erst nach dessen Tod in der neu geschaffenen Kommission zur Kalenderreform 1899 ernsthaft diskutiert wurde. Auch wenn renommierte Wissenschaftler wie Dimitri Mendelejew für die Reform plädierten, konnte man sie zunächst nicht durchsetzen. „Die kulturelle Mission Russlands besteht in dieser Frage darin, den julianischen Kalender noch einige Jahrhunderte am Leben zu halten und damit den westlichen Völkern die Rückkehr zu erleichtern, weg von der gregorianischer Reform, die keiner braucht, zum unverdorbenen alten Stil“,3 so argumentierte der Vertreter der Synode Wassili Bolotow bei einer Kommissionssitzung.

Die Tatsache, dass von der Regierung eine Kommission und damit auch ein Diskussionsraum geschaffen worden war, war bereits ein Zeichen, dass das Problem als solches erkannt wurde. Meteorologische Dienste und auch viele Behörden, vor allem die, die mit Außenbeziehungen und Handel zu tun hatten, waren bereits im 19. Jahrhundert zum gregorianischen Kalender übergegangen. In Zeitungen und Zeitschriften schrieb man beide Daten. Auch wenn das alltägliche und vor allem religiöse orthodoxe Leben im Land nach der alten Zeitrechnung verlief, war der sogenannte „neue Stil“ in der Öffentlichkeit durchaus präsent.

Symbolischer Bruch mit dem Zaren

Am 18. April 1917 schrieb der bereits entmachtete Nikolaus II.Nikolaus II. (1868–1918) war der letzte russische Zar. Der Sohn Alexanders III. regierte von 1894 bis zu seiner erzwungenen Abdankung am 02. (15.) März 1917. Unter seiner Herrschaft verlor Russland nicht nur den Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05, sondern erlebte auch die Revolution von 1905, die zur Einführung des ersten russischen Parlaments, der Duma, führte. In der historischen Forschung wird Nikolaus II. oft als eher schwacher und unentschlossener Herrscher dargestellt. Im Juli 1918 wurde er gemeinsam mit seiner Familie von den Bolschewiki ermordet. Im Jahr 2000 wurden er und seine Familie von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. in seinem Tagebuch: „Im Ausland ist heute 1. MaiNach der Oktoberrevolution 1917 wurde der 1. Mai zum offiziellen sowjetischen Feiertag ernannt. Bei feierlichen Paraden haben die Sowjetbürger ihre Solidarität mit „ausgebeuteten“ Arbeitern in kapitalistischen Ländern bekundet, so die Sowjetpropaganda.1992 wurde der Feiertag umbenannt in Tag des Frühlings und der Arbeit, deswegen haben unsere Tölpel entschieden, diesen Tag mit Umzügen, Chormusik und roten Fahnen zu feiern.“4 Das war nicht nur die erste legitime Feier des Tags der Arbeit in Russland, sondern auch das erste Mal, dass der „neue Stil“ dem alten vorgezogen wurde. Die Datierungen der revolutionären Ereignisse waren aber nicht konsequent. So fanden nach gregorianischem Kalender die FebruarrevolutionDie Februarrevolution – ausgelöst durch eine Hungerdemonstration in Petrograd, der sich Streiks von Arbeitern und Soldaten anschlossen – beendete das zaristische Regime, das die Unterstützung der Bevölkerung bereits weitgehend verloren hatte. Mit der Revolution endete die über dreihundert Jahre währende Herrschaft des Hauses Romanow im Russischen Reich. Gleichzeitig läutete sie die Phase der „Doppelherrschaft“ von Provisorischer Regierung und dem Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldatendelegierten ein. erst im März (23. Februar/8. März) und der Oktoberumsturz (25. Oktober/7. November) erst im November statt.  

Der erste Mai als revolutionäre Zeitenwende / Foto © Michail Woronin/St. Petersburg

Die Kalender-Reform wurde schließlich erst nach dem Oktoberputsch von den BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  per Dekret durchgeführt. Diesmal ohne große Diskussionen oder gar Rücksprache mit der Kirche. „Als erster Tag nach dem 31. Januar gilt nicht der 1. Februar, sondern der 14. Februar“, hieß es im Dekret vom 26. Januar (8. Februar) 1918. Die Bolschewiki hatten wohl die proletarische Weltrevolution im Kopf, die „im Gleichschritt“ stattfinden musste – auch in kalendarischer Hinsicht. Sie hatten aber auch noch ein weiteres Ziel. Mit diesem Dekret, so der Osteuropahistoriker Karl Schlögel, war auch „symbolisch auf der Ebene der Zeitrechnung der Bruch mit dem Zarenregime vollzogen“.4

Doppelherrschaft der Zeitregime

Der Kalender listet nicht nur die Reihenfolge der Tage und Monate, er beinhaltet auch die Feiertage, die das gesellschaftliche Leben organisieren und strukturieren. Während vor der Revolution hauptsächlich kirchliche Feiertage begangen wurden, begann im Jahr 1917 „die Arbeit an einem neuen Zeitregime, einer neuen Zeitordnung, die sich vor allem gegen die von der Russisch-Orthodoxen Kirche geprägten Feiertage richtete“.5 1930, als alle kirchlichen Feiertage aus dem Kalender gestrichen wurden, schien diese Aufgabe offiziell erledigt zu sein.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche blieb allerdings bei der alten Zeitrechnung und legte dies schon beim Allrussischen Landeskonzil der Kirche 1918 fest. „Die Einführung des neuen Stils im zivilen Leben der russischen Bevölkerung darf den kirchlichen Menschen nicht daran hindern, seine kirchliche Lebensweise beizubehalten und sein religiöses Leben nach altem Stil fortzusetzen“6, hieß es in der Begründung. Da die Bevölkerung Russlands jedoch stark orthodox geprägt war und sich an der alten Kultur der Festtage orientierte, entstand ein komisches Phänomen: die gleichzeitige Existenz von zwei Zeitordnungen, der „julianisch-orthodoxen“ und der „gregorianisch-bolschewistischen“, die Schlögel als „Doppelherrschaft der Zeitregime“ bezeichnet.7 Man feierte also die staatlich-revolutionären und die kirchlichen Feiertage parallel. Auch wenn letztere verboten wurden.

Betroffen von diesem Verbot waren unter anderem Weihnachten und das NeujahrsfestEin geschmückter Tannenbaum mit wechselvoller Geschichte, ein überquellender Festtagstisch und der Fernseher als ständiger Begleiter: Das russische Neujahrsfest versammelt besinnliche und kuriose Traditionen aus verschiedenen Epochen. Nachdem Peter I. versucht hatte, erste Traditionen zum Jahreswechsel zu begründen, hielten im 19. Jahrhundert die europäischen Weihnachtsbräuche in Russland Einzug. Von den Bolschewiki als bürgerlich geschmäht und gleich darauf wieder zum Leben erweckt, verbanden sie sich mit dem konfessionsübergreifenden Neujahrsabend zu einem vergnüglichen, unverwechselbaren Fest.. Nach neuer Zeitrechnung wurden die Daten der alten Feiertage umgerechnet, Weihnachten entsprechend am 7. Januar und Neujahr am 14. Januar nach neuem Stil gefeiert. Teilweise ziehen es orthodoxe Gläubige noch heute vor, Neujahr erst am 14. Januar zu begehen. Denn in der orthodoxen Tradition geht Weihnachten eine Fastenzeit voraus, die das Feiern ausschließt. Für den 14. Januar entstand in Anspielung auf den „alten Stil“ der Begriff Altes neues Jahr.

2016 hatte laut einer Umfrage des Lewada-ZentrumsDas Lewada-Zentrum ist ein gemeinnütziges Meinungsforschungsinstitut. Der Namensgeber Juri Lewada (1930–2006) gilt als ein Urvater der modernen russischen Soziologie. 2003 legte er den Grundstein für das renommierte Institut, nachdem die gesamte Belegschaft den Vorgänger WZIOM wegen staatlicher Einmischung verlassen hatte. Das Zentrum wird seit seiner Gründung von den Behörden kritisiert, im September 2016 wurde es vom Justizministerium als ausländischer Agent registriert. fast die Hälfte der Russen vor, Neujahr zwei Mal zu feiern.8 Am 14. Januar allerdings viel bescheidener als am 31. Dezember, weil man am nächsten Morgen meist früh zur Arbeit muss.


1.zit. nach: Klimišyn, Ivan (1985): Zametki o našem kalendare
2.zit. nach: Ibid
3.zit. nach: Chulan, Wladimir (2016): „Kalendarnyj vopros“: sobornyje diskussii v istorii i sovremennosti in: Gosudarstvo, religija, cerkov´ v Rossii i za rubežom, Nr. 1 (34), S. 193
4.Schlögel, Karl (2017): Das Sowjetische Jahrhundert: Archäologie einer untergegangenen Welt, München, S. 581
5.Ibid. S. 582
6.Swjaščennyj Sobor Pravoslavnoj Rossijskoj Cerkvi. Dejanija. Kniga VI: Dejanija LXVI-LXXVII, Moskva, 1918
7.Schlögel, S. 582. Der Begriff „Doppelherrschaft der Zeitregime“ ist eine Anspielung auf die Doppelherrschaft der Provisorischen Regierung und der Räte, die zwischen Februar- und Oktoberrevolution in Russland existierte.
8.interfax.ru: Meneje poloviny rossijan sobralis´ otmečat´ Staryj Novyj God
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✵ Neujahr ✵ Новый год ✵

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