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Stalin-Hochhäuser

Blickt man auf die Silhouette von Moskau, so werden die bunten Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale und die goldenen Kuppeln des Kreml überragt von den aufstrebenden Turmspitzen der Hochhäuser aus der Stalinära. Mit der Errichtung der Sieben Schwestern, wie diese im Stil eines eklektizistischen Neoklassizismus errichteten vielgeschossigen Gebäude im Ausland auch häufig genannt werden, wurde zwischen dem Ende des Großen Vaterländischen KriegsAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. und Stalins Tod 1953 begonnen. Sie sind sprechende Zeugnisse des Zeitgeschmacks, mehr aber noch eines politischen Systems, das auf Einschüchterung und Ausbeutung der Bevölkerung einerseits und staatlich verordneter Verherrlichung des woshd („Führers“) andererseits abzielte.

„Wir sind nicht gegen Schönheit, wir sind nur gegen sinnlose Dinge!“ So fiel 1954 das diskreditierende Urteil Nikita ChruschtschowsNikita Chruschtschow (1894–1971) war zwischen 1953 und 1964 Parteivorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Er übernahm das Amt nach Stalins Tod, 1956 initiierte er mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Entstalinisierung des Landes. Chruschtschow betrieb ein massives Programm der Aufrüstung, dessen Auswirkungen als eine der Ursachen für die Kuba-Krise 1962 gelten. Seine Annäherung an die BRD sowie seine tiefgreifende Parteireform kosteten ihn viele Unterstützer in der KPdSU-Führung: 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, sein Amt übernahm Leonid Breshnew. über das architektonische Erbe seines Amtsvorgängers Josef Stalin aus. Damit zielte Chruschtschow auch gegen die ins Megalomane strebenden und mit verschwenderischem Baudekor überzogenen Moskauer Wolkenkratzer dieses Stalinski Ampir („Stalinsches Empire“). Im Westen verächtlich Zuckerbäckerbauten genannt, erscheinen sie wie die sozialistische Antwort auf die amerikanischen Skyscraper der 1930er Jahre. Zu den Stalin-Hochhäusern zählen neben zwei Wohngebäuden das Hauptgebäude der Lomonossow-UniversitätDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus. auf den Sperlingsbergen, der Sitz des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten unweit des Alten ArbatsDer Alte Arbat ist eine der ältesten Straßen im Zentrum von Moskau und eine zentrale Fußgängerzone im beliebten historischen Moskauer Stadtteil Arbat. Der Alte Arbat bildet die Kulisse vieler Romane und Lieder, was seine große Bedeutung im russisch-sowjetischen Bewusstsein widerspiegelt. Dort befindet sich auch die Zoi-Mauer zum Gedenken an die Musiker-Ikone Viktor Zoi, sodass die Straße zu einem Pilgerort gitarrenbehängter Jugendlicher wurde. Sie ist ein großer Touristenmagnet., die Hotels Ukraina und Leningradskaja sowie das Haus am Roten Tor. Ein geplantes achtes Gebäude wurde nicht realisiert. Die Hochhäuser stehen an repräsentativen Orten im Stadtensemble und sollten sich ursprünglich um den – letztlich nie errichteten – Palast der Sowjets am Moskwa-Ufer gruppieren.

Zwar wurden die Stalin-Hochhäuser von unterschiedlichen Architekten ausgeführt, sie sprechen aber dennoch eine einheitliche architektonische Sprache: Sie alle sind als geschlossene axiale Baukörper über rechteckigem Grundriss errichtet und weisen eine Betonung der Mittelachse auf. Die aufstrebenden Turmspitzen erheben sich auf den getreppten Gebäudeteilen mit repräsentativen, häufig an antike Portiken erinnernden Eingangssituationen. Überhaupt stand die antike Tempelarchitektur mit ihren Säulenstellungen Pate für die bauliche Erscheinung. Allerdings wurde die für die Antike so wichtige Verbindung von Architektur und menschlicher Proportion durch die „unmenschlichen“ Bemessungen der Bauwerke bewusst vermieden. Auch beim Baudekor berief man  sich auf die Antike; so entstand eine krude Mischung von Friesen, Gesimsen, und Pflanzenfestons, in die Symbole der Sowjetherrschaft wie der Stern oder Hammer und Sichel eingefügt sind. Aber auch andere Bauepochen wie die Gotik wurden – entleert von ihrer inhaltlichen Aussage – zitiert.

Die „Sieben Schwestern“ vermittelten den Eindruck eines glanzvollen, prosperierenden Sozialismus – Foto © Michail Egorov/Wikipedia CC BY 3.0

Der Rückgriff auf Baudekor und architektonische Repräsentationsformen der Vergangenheit ist im Kontext der Doktrin des Sozialistischen RealismusSozialistischer Realismus war seit den 1930er Jahren eine de facto staatlich verordnete Kunstrichtung, die jahrzehntelang die Kunstwelt der Sowjetunion und vieler anderer Ostblockländer prägte. In Kunst, Architektur und Literatur des Sozialistischen Realismus wurden häufig Alltagsszenen realisiert, in denen der Sowjetmensch – analog zur Staatspropaganda – als technikgläubig und optimistisch dargestellt wurde.    zu begreifen, die spätestens seit 1934 das Kunstschaffen in der Sowjetunion bestimmte. Diese Doktrin war der staatlich verordnete Frontalangriff auf die dynamischen Formexperimente der Avantgardekunst und -architektur. Während in der Malerei die Rückkehr zur figurativen Darstellungsweise gefordert wurde, sollte die Architektur – statisch und unverrückbar – die Machtverhältnisse ausdrücken, an deren Spitze Stalin stand. Durch den Rekurs auf die Vergangenheit wurde eine historische Kontinuität konstruiert, die gleichzeitig auch eine Legitimation der herrschenden Verhältnisse behauptete.

Der Begriff „Realismus“ erscheint irreführend, denn es ging beim Sozialistischen Realismus weniger darum, den realen Status quo wiederzugeben: Vielmehr sollte der angestrebte Sollzustand, das Morgen im Heute abgebildet werden. So vermittelten die Stalin-Hochhäuser an die eigene Bevölkerung, aber auch an das Ausland, den Eindruck eines glanzvollen, prosperierenden Sozialismus mit geradezu imperialer Strahlkraft. Die Wirklichkeit hingegen sah anders aus: Die skrupellose Industrialisierung des ersten Fünfjahrplans, der stalinistische Terror der 1930er Jahre und die grausamen Folgen des Großen Vaterländischen KriegsAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. hatten das Land mit unbeschreiblichem Leid überzogen, angesichts dessen die Sieben Schwestern als geradezu höhnische Prestigeobjekte erscheinen, die noch dazu erst durch den Einsatz von Zwangsarbeitern errichtet werden konnten. Den meisten Moskowitern blieb denn auch nur, die Hochhäuser von außen zu bestaunen, denn selbst die Wohngebäude an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße und am Kudrinskaja-Platz waren den Eliten vorbehalten.

Wie politisch die Architektur der Stalinära verstanden werden muss, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass der Zuckerbäcker-Stil in den 1950er Jahren auch in die Bruderländer der Sowjetunion exportiert wurde. Prägnantes Beispiel ist der von Lew Rudnew geplante Kulturpalast in Warschau, der große Übereinstimmungen mit Rudnews Hauptgebäude für die Lomonossow-UniversitätDie Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus. aufweist. In Berlin erinnert die Karl-Marx-Allee an diese architektonische Machtbekundung und territoriale Markierung des Großen Bruders Moskau.


Zum Weiterlesen:
Rüthers, Monica (2007): Moskau bauen von Lenin bis Chruschtschow: Öffentliche Räume zwischen Utopie, Terror und Alltag, Wien [u. a.]
PapernyVladimir Paperny (geb. 1944) ist russischer Kulturwissenschaftler, Architekturhistoriker und -kritiker. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört sowjetische Architektur, insbesondere der Stalin-Zeit. Paperny lebt seit 1981 in den USA. , Vladimir (2002): Architecture in the Age of Stalin: Culture two, Cambridge
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Leonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet.

Großer Vaterländischer Krieg

Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

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Der Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet.

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Die Staatliche Universität Moskau ist eine klassische Volluniversität. Sie ist nicht nur die älteste, sondern auch die wichtigste und renommierteste Hochschule Russlands. Abgesehen von ihrer unangefochtenen Bedeutung für das Bildungssystem spielte sie immer wieder auch politisch eine wichtige Rolle und prägt zudem das architektonische Stadtbild Moskaus.

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