Medien
Arzamas

Musyka: Soundtrack der Revolution

„Die Russische Revolution von 1917 kann man sich ohne Marseillaise und rote Fahnen kaum vorstellen“, schreibt der Historiker Boris KolonizkiBoris Kolonizki (geb. 1955) ist Professor für russische Geschichte an der Europäischen Universität St. Petersburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören insbesondere die Revolutionen im Jahr 1917. Auf diesem Feld ist er er einer der führenden Spezialisten des Landes. in seinem Buch Machtsymbole und Machtkampf. Und es geht nicht nur um Vertonung und Illustration. Zu Zeiten von sozialen Revolutionen, wie sie Russland im Jahr 1917 erlebt hat, werden Lieder zu einem der wichtigsten Instrumente des Machtkampfs. Sie konsolidieren und trennen gesellschaftliche Gruppen manchmal mehr als politische Programme und Reden. Da, wo staatliche Institutionen in Schutt und Asche liegen, da, wo das Rechtssystem stark beschädigt ist, können die bekannten Melodien Gewalt legitimieren und auch den politischen Ton mit angeben.
 
Das gemeinnützige Medien-Projekt Arzamas stellt den Soundtrack der Revolution vor – die wichtigsten Lieder des Jahres 1917.

Quelle Arzamas

Marseillaise

 

Musik: Claude Joseph Rouget de Lisle
Text: Pjotr Lawrow

Solisten der Kiewer Oper und das Orchester der Schallplattenfirma Extrafon. Kiew 1917

Die russischen Revolutionäre verglichen sich gern mit ihren französischen Vorkämpfern aus der Zeit von 1792, in der die MarseillaiseDie Marseillaise wurde 1792 von Cloude Joseph Rouget komponiert und 1795 zur französischen Nationalhymne erklärt. Zahlreiche Freiheitsbewegungen und insbesondere die Arbeiterbewegung übernahmen das Lied. In Russland war die sogenannte Arbeitermarseillaise mit leicht veränderter Melodie und russischem Text beliebt. Das Stück beginnt mit den Zeilen „Lasst uns die alte Welt verdammen! Lasst uns ihren Staub von den Füßen schütteln!“ Zwischen März und November 1917 war die Arbeitermarseillaise die russische Nationalhymne. entstanden ist. Pjotr LawrowPjotr Lawrow (1823–1900) war ein russischer Philosoph und Historiker. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Narodniki-Lehre (dt. Volkstümler bzw. Volksfreunde) – eine Bewegung, die überwiegend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand und für eine Annäherung der Bildungsschicht an das Bauerntum plädierte (ähnlich wie bei Rousseaus Losung vom „edlen Wilden“ und „zurück zur Natur“)., Wissenschaftler und Angehöriger der [sozialrevolutionären – dek] NarodnikibewegungNarodniki (dt. Volkstümler bzw. Volksfreunde) war eine vielschichtige Bewegung in Russland, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand. Einige Narodniki beriefen sich auf Rousseaus Diktum vom „edlen Wilden“ und „zurück zur Natur“. Viele traten dafür ein, das intellektuelle Stadtleben mit dem einfachen bäuerlichen Leben zu vereinen. Ein großer Teil der Bewegung verstand sich als sozialrevolutionär und propagierte eine sozialistische Bauernrevolution. Mit diesen Ideen haben die Narodniki viel zu der Entwicklung beigetragen, die in der Oktoberrevolution 1917 mündete. verlieh dieser Stimmung Ausdruck, als er 1875 einen neuen russischen Text zu der bekannten Melodie verfasste: „Lasst uns die alte Welt verdammen, // Lasst uns ihren Staub von den Füßen schütteln!“

In Frankreich wurde die Marseillaise 1879 [endgültig – dek] zur Nationalhymne erklärt, was in den Beziehungen zwischen dem Russischen Reich und Frankreich als seinem engsten Verbündeten für peinliche Kollisionen sorgte. Denn nun galt es, neben Gott, schütze den ZarenBoshe, Zarja chrani! (dt. Gott, schütze den Zaren!) war zwischen 1833 und 1917 die Hymne des Russischen Kaiserreichs. Uraufgeführt unter der Bezeichnung Gebet des russischen Volkes, wurde sie bei der offiziellen Einführung in Anlehnung an die Hymne des Vereinigten Königreichs umbenannt.  auch das Revolutionslied zur Aufführung zu bringen.

Im offiziellen Kontext gab es die Marseillaise in Russland entweder mit dem französischen oder ganz ohne Text – jegliche andere Darbietung war verboten. Zudem fügte sich Lawrows Text nicht allzu glatt in die französische Melodie, sodass der Komponist Alexander GlasunowAlexander Glasunow (1865–1936) war ein russischer Komponist, Dirigent und zwischen 1907 und 1928 Direktor des St. Petersburger Konservatoriuums. Aufgrund vielzähliger Anleihen aus der russischen Folklore wird sein mitteleuropäisch-klassischer Stil häufig mit dem von Pjotr Tschaikowski verglichen. 1928 verließ Glasunow die Sowjetunion, er starb 1936 in Paris. die Musik ein wenig an den russischen Text anpasste. Ausländer wunderten sich, warum sie langsamer klang als das Original.

„Man singt die Marseillaise bei uns auf eigene Art, und zwar schlecht, geradezu verhunzt wird dieses schwungvolle Lied“, klagte der Maler Alexander BenoisAlexander Benois (1870–1960) war ein russischer Kunsthistoriker, Publizist, Mitbegründer und wichtigster Vertreter der künstlerischen Strömung Mir Iskusstwa (dt. Welt der Kunst). Er galt als einer der wichtigsten Kunstkritiker des Landes, unter anderem führte er in der russischen Kunstwelt den Begriff Avantgarde ein. Nach der Oktoberrevolution 1917 leitete er zunächst die Gemäldegalerie der Eremitage, bevor er 1926 nach Frankreich emigrierte..

Zur FebruarrevolutionDie Februarrevolution – ausgelöst durch eine Hungerdemonstration in Petrograd, der sich Streiks von Arbeitern und Soldaten anschlossen – beendete das zaristische Regime, das die Unterstützung der Bevölkerung bereits weitgehend verloren hatte. Mit der Revolution endete die über dreihundert Jahre währende Herrschaft des Hauses Romanow im Russischen Reich. Gleichzeitig läutete sie die Phase der „Doppelherrschaft“ von Provisorischer Regierung und dem Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldatendelegierten ein. waren die russischen Musikkapellen mit der Marseillaise bereits vertraut, und der verbotene Lawrow-Text wurde im ganzen Land offen gesungen.


Hymne auf ein freies Russland

 

Musik: Alexander Gretschaninow
Text: Konstantin Balmont

Fjodor Oreschkewitsch und das Orchester der Schallplattenfirma Extrafon. Kiew 1917

Die Hymne auf ein freies Russland ist das einzig wirklich neue Massenlied, das während der Revolution 1917 geschrieben wurde – alle anderen waren Umarbeitungen alter Lieder oder hatten schon vorher im Untergrund existiert.

Im revolutionären Schwung schrieb der Moskauer Komponist Alexander GretschaninowAlexander Gretschaninow (1864–1956) war ein russischer Komponist, der vor allem wegen seiner Variationen russischer Volkslieder berühmt war. Der als gemäßigter Traditionalist geltende Musiker emigrierte 1925 nach Paris, mit Kriegsbeginn zog er mit seiner Familie 1939 nach New York. innerhalb einer halben Stunde die Melodie nieder, der symbolistische Dichter Konstantin BalmontKonstantin Balmont (1867–1942) war ein russischer Lyriker des Symbolismus und einer der wichtigsten Vertreter des sogenannten Silbernen Zeitalters – einer Periode der russischen Literatur, die oft mit der Belle Époque verglichen wird. Anfang des 20. Jahrhunderts engagierte sich Balmont in der russischen Bewegung der Sozialdemokratie und schrieb neben symbolistischen auch revolutionäre Gedichte. Da er auch zum Sturz der Zarenfamilie aufrief, wurde er politisch verfolgt und musste zwischen 1906 und 1916 im Exil leben. Die Oktoberrevolution 1917 lehnte er ab, kehrte 1920 dem jungen Sowjetrussland den Rücken. Er emigrierte nach Frankreich, wo er, wie er schrieb, in „Einsamkeit, Elend, Seelenkrankheit“ lebte und 1942 verstarb. verfasste den Text dazu. Wobei die ersten beiden Zeilen bei einem anderen Symbolisten, nämlich Fjodor SologubFjodor Sologub (1863–1927) war ein russischer Schriftsteller und bedeutender Vertreter des Symbolismus. Obwohl er auch heitere Werke schrieb, wird Sologub zumeist auf seine Düsterkeit reduziert, die unter anderem in seinem Essay Der Mensch ist dem Menschen ein Teufel deutlich wird. Mit seinem 1902 vollendeten Roman Melki Bes (dt. Der kleine Dämon) etablierte er die Gattung des symbolistischen Romans., entlehnt waren: „Es lebe Russland, freies Land! Freie Urkraft, zu Großem bestimmt!“

Das Lied verbreitete sich augenblicklich im Land, Orchester und Kapellen machten sich die Melodie zu eigen, die Hymne wurde auf Kundgebungen gesungen. Doch ihr ein offizielles Siegel aufzudrücken, war bis zum Oktober nicht gelungen oder nicht gewollt.

Nach der OktoberrevolutionAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. wurde die Hymne auf ein freies Russland zum Emigrationslied, das man in den Zwischenkriegsjahren in Europa und Amerika sang und auch aufnahm. Nach dem Krieg schließlich, noch zu Lebzeiten des Komponisten Gretschaninow, erlangte die Melodie weltweite Bekanntheit: als Sendezeichen von Radio Swoboda.

Die hier vorliegende Aufnahme, eine der ersten, entstand in Kiew auf der Woge der immensen Popularität, die die Melodie innerhalb kürzester Zeit erreichte. Interpret ist der Tenor Fjodor (Theodor) Oreschkewitsch, der in Tiflis und Warschau, im Marinski und im Bolschoi-Theater sang und 1917 Solist an der Kiewer Oper war. Sein stilvoller klassischer Gesang harmoniert nicht allzu gut mit dem schrillen Sound des Extrafon-Blasorchesters, doch über solche Kleinigkeiten sah man im Revolutionsjahr hinweg. 


Trauermarsch
„Wy shertwoju pali …“ („Ihr seid als Opfer gefallen …“)

 

Musik: Alexander Warlamow

Unbekannte Blaskapelle. Deutschland, ca. 1907

[Der spätere Trauermarsch der Revolutionäre – dek] hat eine reiche vorrevolutionäre Geschichte. Die Melodie wurde in den 1830er Jahren von Alexander WarlamowAlexander Warlamow (1801–1848) war ein russischer Komponist und Musikkritiker. In die russische Musikgeschichte ging er vor allem ein als Autor zahlreicher lyrisch-romantischer Kompositionen und klassischer Variationen russischer Volkslieder.  komponiert, einem Klassiker des russischen Kunstlieds. Dem Text liegt ein Gedicht zugrunde, das Charles Wolfe 1816 zum Tod eines britischen Generals verfasst hatte. Iwan KoslowIwan Koslow (1779–1840) war ein russischer Lyriker und Lyrik-Übersetzer. Als Vertreter der Romantik war er zu Lebzeiten einer der bekanntesten Dichter des Landes. hat es bearbeitet.

1870 fand das Lied Eingang in das revolutionäre Milieu, wo es einen neuen, feurigen Text erhielt, verfasst von dem Narodnik Anton AmossowAnton Amossow (1854–1915) war ein russischer Lyriker und Publizist, der vor allem unter seinem Pseudonym A. Archangelski verlegt wurde. In vielen seiner Werke vertrat Amossow die Standpunkte der Narodniki (dt. Volkstümler bzw. Volksfreunde)– einer Bewegung, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den „Gang ins Volk“ propagierte. Mit dieser Formel rief die Bewegung unter anderem dazu auf, das intellektuelle Stadtleben mit dem einfachen bäuerlichen Leben zu vereinen. : „Wy shertwoju pali w borbe rokowoi // Ljubwi bessawetnoi k narodu …“ (dt. „Ihr seid als Opfer gefallen im schicksalhaften Kampf // Der bedingungslosen Liebe zum Volk … “). Wy shertwoju pali (dt. Ihr seid als Opfer gefallen) wurde zum Trauerlied, dem Trauermarsch der Revolutionäre, mit dem sie von den gefallenen Kameraden Abschied nahmen.

Man sang es während der Revolution von 1905Als Erste Russische Revolution bzw. Russische Revolution 1905 wird eine Serie von Ereignissen bezeichnet, die ihren Anfang am sogenannten Blutsonntag nahm, als hunderte friedliche Demonstranten am 9. Januar 1905 (nach gregorianischem Kalender am 22. Januar) durch die Armee getötet wurden. Zar Nikolaus II. reagierte auf die andauernden Massenunruhen mit dem Erlass des sogenannten Oktobermanifests (Manifest über die Verbesserung der staatlichen Ordnung) – Vorläufer der ersten Verfassung, das unter anderem weitgehende Bürgerrechte gewährte. Da die Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, Agrarreformen und einer Volksvertretung damit faktisch nicht erfüllt wurden, blieben die tiefgreifenden sozialen Spannungen weitgehend bestehen. Viele Historiker sehen darin eine der Ursachen für die Februar- und Oktoberrevolution 1917., als man die Opfer des niedergeschlagenen AufstandsAm 9. Januar 1905 (nach europäischer Zeitrechnung der 22.01.) versammelten sich während eines Generalstreiks mehrere Tausend Arbeiter vor dem Winterpalast in St. Petersburg. Sie protestierten für bessere Arbeitsbedingungen, Agrarreformen und eine Volksvertretung. Die Armee schoss auf die friedlichen Demonstranten, mehrere Hundert Menschen wurden getötet. Der sogenannte Blutsonntag markierte den Auftakt zur russischen Revolution von 1905. zu Grabe trug. Dann wurde es verboten und seine Aufnahmen heimlich nach Russland geschmuggelt. 1917 erklang das Lied erneut im bereits bekannten Kontext – „Ihr seid als Opfer gefallen …“ – sobald die Helden der Revolution die ersten Opfer ausriefen. Es war diese Trauermelodie, die bei ihrem Begräbnis am 23. März 1917 in PetrogradDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt. spielte.

Die Schallplatte der legendären Plattenfirma Poliaphone, die hier zu hören ist, war etwa zehn Jahre vor dem Revolutionsjahr 1917 erschienen: Die Aufnahme (ohne Text) ist aller Wahrscheinlichkeit nach in Deutschland entstanden, wo die Platte gepresst wurde, auf dem Etikett ist jedoch die neutrale Bezeichnung Pochoronny Marsch (dt. Trauermarsch) zu lesen. Dort ist zur Tarnung auch eine Handelsfirma Poljakin und Söhne in Odessa angegeben, die nie existierte. Die Orchesterversion wirkt klangvoll und qualitativ hochwertig – die deutsche Aufnahmetechnik war damals eine der besten.


„Vorwärts, Genossen, im Gleichschritt“

 

Musik: Verfasser unbekannt
Text: Leonid Radin

Chor des Moskauer Staatstheaters. Moskau 1917

Entstanden ist dieses LiedDer Ursprung der Melodie ist nicht eindeutig zu klären. Das historische Liederlexikon nennt verschiedene mögliche Entstehungsgeschichten. Die bekannteste Theorie ist, dass das russische Studentenlied Medlenno dwishetsja wremja (dt. Langsam bewegt sich die Zeit) von 1858 als Grundlage genutzt wurde. Bekanntheit in Deutschland erlangte das Lied laut des historischen Liederlexikons erst 1917 durch Hermann Scherchen, der es für die Berliner Arbeiterchöre übersetzte und neu arrangierte. in Deutschland als Protestlied gegen den Einmarsch der napoleonischen Truppen. Im 19. Jahrhundert gehörte es zum Repertoire deutscher Gesangs- und Studentenvereinigungen.

Nach Russland gelangte das Lied Mitte des 19. Jahrhunderts, gegen dessen Ende wurde es von den Revolutionären in Gebrauch genommen: 1898 verfasste der den Narodniki angehörende Chemiker Leonid RadinLeonid Radin (1860–1900) war ein russischer Revolutionär und Dichter. Er entwickelte ein Siebdruckverfahren, mit dem viele revolutionäre Schriften in Umlauf gebracht wurden. Für seine revolutionäre Tätigkeit verurteilte man Radin 1896 zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe. Im Moskauer Taganka-Gefängnis dichtete er das Arbeiterlied Smelo, Towarischtschi, w nogu (dt. Vorwärts Genossen, im Gleichschritt)– eine Hymne der Arbeiterbewegung, deren Nachdichtung Brüder, zur Sonne, zur Freiheit auch in Deutschland Bekanntheit erlangte. im Moskauer Taganka-Gefängnis einen neuen Text und studierte diesen sogar mit seinen Mitgefangenen ein. „Den Weg ins Glück der Freiheit wollen wir uns bahnen mit Macht.“ Mit diesen kämpferischen Zeilen büßte die bewährte Melodie ihren melodischen, walzerartigen Rhythmus ein und wurde zum Kampfmarsch.

Nachdem sie 1905 erklungen war, blieb sie bei den Revolutionären eine der beliebtesten Melodien. 1917 war sie von Anfang an und überall zu hören. Nach der Revolution gelangte das Lied wieder nach Deutschland, wo es [unter dem Namen Brüder zur Sonne zur Freiheit dek] zunächst von Arbeiterchören und Kommunisten gesungen wurde, später dann auch von den Nazis.

Doch in den Ländern Osteuropas bestand daneben auch die beinahe vergessene, langsame und melodiöse Version fort: Noch Mitte der 1930er Jahre sang man im unabhängigen Lettland auf diese Melodie von dem Mädchen eines Fischers, das sich nach dem Geliebten sehnt.


Ukrainische Hymne

 

Musik: Michail Werbizki
Text: Pawel Tschubinski

Ukrainischer Volkschor unter der Leitung von Alexander Koschiz. Kiew 1917

Kiew gehörte nicht nur zu den Zentren der revolutionären Ereignisse von 1917, es spielte auch für die Schallplattenindustrie im vorrevolutionären Russland eine bedeutende Rolle.

Hier betrieb die große Schallplattenfabrik der Firma Extrafon rege Geschäfte. In den Klang-Annalen der FebruarrevolutionDie Februarrevolution – ausgelöst durch eine Hungerdemonstration in Petrograd, der sich Streiks von Arbeitern und Soldaten anschlossen – beendete das zaristische Regime, das die Unterstützung der Bevölkerung bereits weitgehend verloren hatte. Mit der Revolution endete die über dreihundert Jahre währende Herrschaft des Hauses Romanow im Russischen Reich. Gleichzeitig läutete sie die Phase der „Doppelherrschaft“ von Provisorischer Regierung und dem Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldatendelegierten ein. hat die Firma eine besonders markante Spur hinterlassen. Auf ihrem Etikett, reich verziert mit Blättern von Kiewer Kastanien, nahm sich ein in den 1860er Jahren entstandenes Lied besonders eindrucksvoll aus, das feierlich (und erstmalig!) Ukrainische Hymne genannt wurde. Für die Ukraine erwies sich diese Aufnahme als eine Art Auftakt zu der [kurzen – dek] Epoche der Zentralna RadaDie Zentralna Rada war zwischen März 1917 und April 1918 das höchste Gesetzgebungsorgan der Ukraine. Nach dem Sturz der Zarenregierung in der Februarrevolution 1917 forderte diese Zentralversammlung die Autonomie des Landes innerhalb eines föderal aufgebauten Russlands. Im Zuge einer Reihe von Konflikten mit der Provisorischen Regierung Russlands, nahm die Rada zunächst Abstand von dieser Forderung. Nach der Oktoberrevolution 1917 wiederholte sie den Anspruch, bevor sie im Januar 1918 die Ukraine für unabhängig von Russland erklärte. Immer wieder aufgelöst und neu einberufen, wurde die Rada im Januar 1919 schließlich von den Bolschewiki endgültig aufgelöst., die die zeitweilige Unabhängigkeit der Ukraine proklamierte. 


Hymne der Zionisten (HaTikwa)

 

Musik: Samuel Cohen
Text: Naphtali Herz

Orchester spielt unter der Leitung von Arkadi Itkis. Kiew, 1917

Auf der Schallplatte mit der Hymne der Ukraine war auch die Hymne der Zionisten – als B-Seite. Die Februarrevolution und die mit ihr aufgekommene Hoffnung auf eine neue nationale Identität hatten alte Konflikte vorübergehend abgemildert. Doch die Idee der Gemeinschaft von Ukrainern und Juden in einem von der Autokratie befreiten Land sollte nun ausgerechnet ein Lied verkörpern, das dazu aufrief, Russland so bald wie möglich zu verlassen.

1888 hatte Samuel Cohen ein Gedicht von Naphtali Herz Imber über die Hoffnung auf die Rückkehr nach Palästina mit einer moldawischen Volksmelodie unterlegt. Heute ist dieses Lied die israelische Nationalhymne.

1917 war die Hymne der Zionisten nicht unumstritten. Gewiss, den Verfechtern der Auswanderung stand es jetzt frei, nach Palästina zu gehen. Aber auch in Russland waren jahrhundertealte Grenzen gefallen – nämlich die des [sogenannten jüdischen – dek] AnsiedlungsrayonsTscherta Osedlosti (im deutschen allgemeiner mit. Ansiedlungsrayon übersetzt) bezeichnet  eine Grenze, hinter der es der jüdischen Bevölkerung Russlands mit wenigen Ausnahmen verboten war, einen Wohnsitz zu haben und einer Arbeit nachzugehen. Die Fläche des 1791 begrenzten Territoriums im Westen Russlands betrug rund eine Million Quadratkilometer. Das Gebiet erstreckte sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Zeitweise lebten dort mehr als fünf Millionen Juden, rund 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Russlands. Obwohl die Einschränkung der Bewegungsfreiheit 1915 faktisch gefallen ist, blieben viele im Ansiedlungsrayon leben. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten von ihnen von Deutschen ermordet. , was mitunter weitreichende Möglichkeiten eröffnete.

Ein Beispiel hierfür ist etwa der Dirigent des Orchesters, das im revolutionären Kiew die HaTikwa eingespielt hatte. Gebürtig aus dem kleinen Städtchen Rschyschtschiw im Kiewer Gouvernement, bekleidete Arkadi Itkis nach der Revolution den Posten eines Regimentskapellmeisters der Roten Armee und wurde 1919 Inspekteur der ukrainischen Militärorchester. Ab 1924 war er Kapellmeister der Infanterieschule in Iwanowo-Wosnessensk und machte sich durch den Marsch Krasnaja Swesda1930 auf Schallplatte erschienene Marschmusik des Komponisten und Armee-Kapellmeisters Arkadi Itkis. (dt. Roter Stern) einen Namen.

Text [02/2017]: Alexej Petuchow
Übersetzung [16.05.2017]: Anja Lutter


Quellen
Druskin, M. S. (1954): Russkaja revoljuzionnaja pesnja [Das russische Revolutionslied – dek], Moskau
Shitomirski, D. V. (1963): Is proschlowo russkoi revoljuzionnoi pesni [Aus der Geschichte des russischen revolutionären Liedes – dek], Moskau
Kolonizki, B. I. (2012): Simwoly wlasti i borba sa wlast: K isutscheniju polititscheskoi kultury rossiskoi revoljuzii 1917 goda (Die Symbole der Macht und der Kampf um die Macht: Zur Untersuchung der politischen Kultur der russischen Revolution von 1917 – dek), St. Petersburg

Diese Übersetzung wurde gefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

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Demonstranten versammeln sich vor dem Taurischen Palast / Foto © unbekannter Autor/Wikipedia

In den Jahren 1916/1917 erlebte Russland seinen dritten, in diesem Jahr besonders kalten Kriegswinter. Die Last des Ersten WeltkriegesRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen., eingefrorene Verkehrswege und streikende Arbeiter führten zu einer dramatischen Versorgungskrise in der Hauptstadt. Die angekündigte Rationierung der Brotvorräte trieb die Menschen in PetrogradDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt. auf die Straßen. Es kam zu BrotkrawallenAnfang 1917 kam es wegen des Krieges zu Versorgungsschwierigkeiten in der russischen Hauptstadt Petrograd und anderswo. Es kam zu Demonstrationen verarmter und vom Hunger bedrohter Menschen, vor allem von Frauen. Diese Proteste weiteten sich rasch aus und führten innerhalb weniger Tage zu einer Massenbewegung, die schließlich den Sturz des letzten Zaren zur Folge hatte (Februarrevolution). und Protestmärschen. Einer Demonstration von Textilarbeiterinnen und HausfrauenEs waren Frauen, die mit ihrer Demonstration am 8. März 1917 die Ereignisse in Gang setzten, die schließlich den Zaren stürzen und den radikalen Politikwechsel ermöglichen sollten. Zu der Zeit kämpften Frauen in Russland immer mehr um ihre Rechte – und gestalteten die revolutionären Umbrüche aktiv mit.  am Internationalen Frauentag (23. Februar/8. März) schlossen sich in den Außenbezirken eine große Zahl von Arbeitern an.
 
In den folgenden Tagen spitzte sich die Lage in der Hauptstadt dramatisch zu. Jeden Tag schlossen sich mehr Menschen den Protestmärschen an. Am 24. Februar traten etwa 210.000 Arbeiter in den Ausstand, am folgenden Tag herrschte in Petrograd praktisch Generalstreik. Der Protest nahm zunehmend politischen Charakter an. Die Demonstranten „eroberten“ das Denkmal für Zar Alexander III.Zar Alexander III. (1845–1894) regierte Russland als vorletzter Kaiser (1881–1894). Seine Regierungszeit prägten eine repressive Innen- und eine auf Ausgleich bedachte Außenpolitik. Am Ende des 19. Jahrhunderts fühlte er sich zunehmend vor Herausforderungen der Moderne gestellt, sei es in Gestalt politischer Ideen wie des Liberalismus oder durch technische Innovationen wie dem Projekt der Transsibirischen Eisenbahn.  auf dem Snamenskaja-PlatzSnamenskaja Ploschtschad ist einer der zentralen Plätze St. Petersburgs, der 1918 zu Ehren der Februarrevolution in Ploschtschad Wosstanija (dt. Platz des Aufstandes) umbenannt wurde. Der Name stammt von der Snamenskaja Kirche, die sich bis 1941 auf dem Platz befand., hissten rote Fahnen und proklamierten „Nieder mit dem Krieg!“ und „Nieder mit der Autokratie!“
 
Nach Jahren eines entbehrungs- und verlustreichen Krieges war die Autorität der Zarenregierung untergraben. Das Russländische Reich steckte in einer tiefen Systemkrise. Ungeachtet umfassender Agrarreformen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war die russische Landfrage nach wie vor ungelöst. Hinzu kamen prekäre Lebensbedingungen der wachsenden Zahl an Industriearbeitern und sich verschärfende Nationalitätenkonflikte an den Rändern des Vielvölkerreiches. Auch liberale Kräfte aus den gebildeten Schichten der Städte wandten sich zunehmend von der herrschenden Dynastie ab. Gerüchte kursierten, die Kaiserin stehe in Kontakt mit der Regierung des Deutschen Reiches und plane, Russland an den Feind zu verraten.

Spirale der Gewalt

Die Geschwindigkeit, mit der sich die Lage zuspitzte, ist unter anderem damit zu erklären, dass Nikolaus II. nicht vor Ort, sondern im Hauptquartier der Truppen im weißrussischen Mogiljow weilte. Vom Ernst der Lage in Petrograd machte er sich offenbar keine Vorstellung, Stadtregierung und Militärs informierten ihn nur bruchstückhaft über die sich ausbreitende Anarchie in der Hauptstadt. Der Befehl des Zaren vom 25. Februar, die Demonstranten mit Hilfe des Militärs auseinanderzutreiben, erwies sich als fatal. Gegebenenfalls wäre es möglich gewesen, die Protestwelle durch ausgleichende Maßnahmen und eine Verbesserung der Lebensmittelversorgung einzudämmen. So drehte sich die Spirale der Gewalt immer weiter. Am folgenden (zweiten) BlutsonntagAm 9. Januar 1905 (nach europäischer Zeitrechnung der 22.01.) versammelten sich während eines Generalstreiks mehrere Tausend Arbeiter vor dem Winterpalast in St. Petersburg. Sie protestierten für bessere Arbeitsbedingungen, Agrarreformen und eine Volksvertretung. Die Armee schoss auf die friedlichen Demonstranten, mehrere Hundert Menschen wurden getötet. Der sogenannte Blutsonntag markierte den Auftakt zur russischen Revolution von 1905. der russischen Geschichte (26. Februar 1917) kamen bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und zarentreuen Truppen bereits unzählige Menschen ums Leben. Einen Wendepunkt markierte die Entscheidung meuternder Soldaten, nicht auf Zivilisten und „unsere Mütter und Schwestern“ zu schießen. Die Unterstützung durch diese bewaffneten Regimenter verlieh der Protestbewegung Stärke und Organisation.
 
Als am 27. Februar bewaffnete Arbeiter und Soldaten Arsenale, Waffenfabriken, die Telefonzentrale sowie einige Bahnhöfe besetzten und über 8.000 Häftlinge aus den Gefängnissen befreiten, hatte die Zarenregierung die militärische Herrschaft über die Hauptstadt so gut wie verloren. Auf den Straßen herrschten nun anarchische Zustände. Auf der Peter und Pauls Festung wehte am 28. Februar die revolutionäre Rote Fahne.
 
Der Gewalt fielen nicht nur Denkmale und Symbole der Autokratie zum Opfer. Marodierende Demonstranten plünderten Geschäfte und machten Jagd auf Aristokraten und Menschen in „bürgerlicher Kleidung“. Die Aktionen waren dabei von keiner revolutionären Partei oder Führung gelenkt, sondern eine relativ spontane Reaktion auf die Versorgungskrise und den Missbrauch beziehungsweise den dramatischen Verfall der Ordnungsmacht der Autokratie. In den Februartagen gab es in Petrograd mehr Tote als während der Machtergreifung der BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  im Oktober 1917.

Neue Machtzentren

Angesichts der chaotischen Zustände in der Hauptstadt formierten sich am 27. Februar in den gegenüberliegenden Flügeln des Taurischen Palastes zwei neue Machtzentren. Im linken Trakt tagte der Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldatendelegierten, der sich als Vertretung der demonstrierenden Arbeiter und Soldaten verstand und dessen ExekutivkomiteeExekutivkomitees (russ. Ispolkomy) waren regionale Verwaltungs-  und Aufsichtsorgane der Sowjetunion.   von sozialistischen Kräften dominiert wurde. Im rechten Flügel formierte sich aus dem Progressiven Block des russischen ParlamentsIm Zuge der Revolution von 1905 ordnete Zar Nikolaus II. die Schaffung einer gewählten Duma an, die als zweite Kammer neben dem Reichsrat weitgehend dem Zaren unterstand. Als erstes Parlament in der Geschichte Russlands hatte diese Duma zeitweise eingeschränkte Entscheidungskompetenzen. Der Zar behielt sich etwa das Recht vor, Beschlüsse der Duma außer Kraft zu setzen, radikale Parteien wurden zunächst nicht zur Wahl zugelassen und das 1907 erlassene Wahlrecht privilegierte Wohlhabende und Landbesitzer. Im Laufe der Zeit wurde die Duma dennoch zu einem Ort der Kritik an der Monarchie. Formal existierte die Duma bis Oktober 1917. (Duma) eine zwölfköpfige Abgeordnetengruppe, die als Provisorische Regierung für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in der Hauptstadt sorgen wollte. Nachdem der Ministerrat der Zarenregierung am 27. Februar seinen Rücktritt erklärt hatte, wurde in der Duma der Ruf nach Abdankung des Zaren laut. 
 
Um in diesen schweren Stunden näher bei seiner Familie zu sein, machte sich Nikolaus II. am 28. Februar im kaiserlichen Zug auf den Weg von Mogiljow in Richtung Petrograd. Da Revolutionäre jedoch bereits einen Teil der Bahnlinie in die Hauptstadt erobert hatten, war ihm der Weg dorthin versperrt. Die Reise endete am 1. März in Pskow. Hier, circa 200 Kilometer südlich der Hauptstadt, wollte Nikolaus die weitere Entwicklung abwarten. Mittlerweile hielt jedoch auch die Armeeführung den von der Duma geforderten Rücktritt des Zaren für unumgänglich. Nachdem ihm alle Frontkommandeure zu diesem Schritt geraten hatten, unterzeichnete Nikolaus am folgenden Tag im Salonwagen seines Zuges schweren Herzens seine Abdankungsurkunde zugunsten seines Bruders Michail. Dieser verzichtete jedoch einen Tag später ebenfalls auf den Thron.

„Die Sache war erledigt − es gab keinen Kaiser Nikolaus II. mehr“

Im Anschluss, so erinnert sich sein Adjutant, saß Nikolaus „friedlich und ruhig da. Er hielt die Unterhaltung in Gang, und nur seine Augen, die traurig und nachdenklich waren und in die Ferne starrten, und seine nervösen Bewegungen, wenn er nach einer Zigarette griff, verrieten seine innere Verstörtheit“.2 Wenig später verließ der Zug der Sondergesandten der Duma, die die Abdankungsurkunde entgegengenommen hatten, den Bahnhof von Pskow in Richtung Petrograd. Später erinnerte sich der Hofhistoriograf Dimitri Dubenski an die Szene: „Eine kleine Menschengruppe beobachtete die Abfahrt. Die Sache war erledigt − es gab keinen Kaiser Nikolaus II. mehr.“3
 
Die Provisorische Regierung hatte zwar die Verantwortung für die politische Führung des Landes übernommen, verfügte de facto jedoch nur über beschränkte Macht. Der Petrograder Sowjet, andererseits, etablierte sich immer deutlicher als wichtiges Zentrum der Macht, weigerte sich jedoch zunächst, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Hinzu kam, dass die Provisorische Regierung grundlegende Entscheidungen über die Neuordnung des Landes einer verfassungsgebenden Versammlung übertragen wollte, deren Wahl sich lange verzögerte. Auch vor einer Beendigung des verhassten Weltkrieges schreckte die neue Regierung, auch auf massiven Druck der verbündeten Mächte Großbritannien und Frankreich, zurück. So entstand eine politische Konstellation, die radikalen Kräften von rechts und links neue Spielräume für politische Agitation und Angriffe auf die neue, labile Ordnung bot.


1.militera.lib.ru: Nikolaj II Aleksandrovič. Dnevniki
2.Mordvinov, Anatolij A. (1923): Otryvki iz vospominanii, in: Russkaja letopis´ Nr. 5 (1923), Paris, S. 65-177, Zitat: S. 113. Dt. Übers. nach: Figes, Orlando (2001): Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, München, S. 369
3.Dubenskij, Dmitrij N. (1927): Kak proizošel perevorot v Rossii, in: Ščegolev, P.E. (Hrsg.): Otrečenie Nikolaja II. Vospominanija očevidcev, Leningrad (Repr. Moskau 1990), S. 37-84, Zitat: S. 72

Diese Gnose wurde gefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

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