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Kunst und Revolution

Die Revolution 1917 markierte eine Zäsur in der Kunstproduktion Russlands: Aufgaben und Themen der Kunst änderten sich drastisch, genauso die gesellschaftliche Stellung des Künstlers. Miriam Häßler über die Revolutionskunst, die die Alltags-Kultur der Sowjetunion nachhaltig prägte, und auf ihrem Höhenflug ein jähes Ende fand.

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Das Revolutionsjahr an der Peripherie

Vor dem Beginn des Ersten WeltkriegsRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. im Jahr 1914 war das Russische Imperium das größte Land der Welt. Es erstreckte sich vom Königreich Polen bis zur Pazifikküste: Ein Vielvölkerreich, in dem über einhundert unterschiedliche ethnische Gruppen lebten. Russen selbst stellten dabei nur knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung. In vielen Regionen des Imperiums waren seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert Nationalbewegungen entstanden, die größere Autonomierechte einforderten und immer stärkeren Zulauf erhielten.

Als im Zuge der FebruarrevolutionDie Februarrevolution – ausgelöst durch eine Hungerdemonstration in Petrograd, der sich Streiks von Arbeitern und Soldaten anschlossen – beendete das zaristische Regime, das die Unterstützung der Bevölkerung bereits weitgehend verloren hatte. Mit der Revolution endete die über dreihundert Jahre währende Herrschaft des Hauses Romanow im Russischen Reich. Gleichzeitig läutete sie die Phase der „Doppelherrschaft“ von Provisorischer Regierung und dem Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldatendelegierten ein. 1917 die Monarchie in sich zusammenfiel, schienen die Türen des russischen „Völkergefängnisses“, von dem nicht nur Karl Marx und Wladimir LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  gesprochen hatten, endlich offen zu stehen. Überall im multiethnischen russischen Imperium artikulierten jetzt nationale Unabhängigkeitsbewegungen ihre Forderungen. Die Entwicklungen in den einzelnen Regionen verliefen dabei höchst uneinheitlich und waren abhängig von den Bedingungen vor Ort. Deshalb war das Jahr 1917 nicht nur das Jahr der Revolutionen in den Zentren des russischen Staates, sondern es war auch das Jahr, in dem etablierte Ordnungen an den Peripherien des Imperiums ihre Funktion verloren.

Nach der Abdankung des Zaren Nikolaus II.Nikolaus II. (1868–1918) war der letzte russische Zar. Der Sohn Alexanders III. regierte von 1894 bis zu seiner erzwungenen Abdankung am 02. (15.) März 1917. Unter seiner Herrschaft verlor Russland nicht nur den Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05, sondern erlebte auch die Revolution von 1905, die zur Einführung des ersten russischen Parlaments, der Duma, führte. In der historischen Forschung wird Nikolaus II. oft als eher schwacher und unentschlossener Herrscher dargestellt. Im Juli 1918 wurde er gemeinsam mit seiner Familie von den Bolschewiki ermordet. Im Jahr 2000 wurden er und seine Familie von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. im März 1917 hatten die Vertreter der Provisorischen RegierungNach der Februarrevolution 1917, mit der in Russland der letzte Zar gestürzt wurde, wurde in Russland eine „Doppelherschaft“ eingeführt. Auf einer Seite standen die Sowjets der Arbeiter und Soldaten auf der anderen die Provisorische Regierung. Sie bestand bis zur Oktoberrevolution unter wechselnder Führung und hatte sich seit Juli 1917 in den Winterpalast zurückgezogen. Schon im Frühjahr hatte die Regierung - deren Regierungsphase auch als demokratisches Experiment bezeichnet wird - erste Krisenerscheinungen, während die Sowjets zunehmend an Macht gewannen. und des Sowjets die Macht in der russischen Hauptstadt PetrogradDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt. übernommen. Doch auch sie waren nicht im Stande, die nationalen Revolutionen an den Rändern des Reiches zu kontrollieren, geschweige denn sie zu steuern. Immer neue politische Krisen, die Belastungen des fortdauernden Krieges und des Niedergangs der Wirtschaft nahmen die Protagonisten der „Doppelherrschaft“Mit dem Begriff wird das parallele Bestehen von Provisorischer Regierung und Petrograder Sowjet bezeichnet, das für das Jahr 1917 prägend war. Während die Provisorische Regierung formal die Staatsgewalt innehatte, wurde der Sowjet durch die Unterstützung von Arbeitern und Soldaten legitimiert. Trotz zahlreicher Konflikte brauchten und stützten beide Seiten einander. Der daraus resultierende Patt war mitverantwortlich für die immer gravierender werdende Staatskrise Russlands. Ähnliche Konstellationen wie in Petrograd gab es 1917 in vielen russischen Städten. derart in Beschlag, dass sie der Erosion des Imperiums vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit schenkten.

Ohnehin verfügten sie nicht über die Machtmittel, um die Unabhängigkeitsbewegungen wirkungsvoll einzuhegen und lokale Konflikte zu befrieden. Sie konnten nur noch versuchen, das vollständige Auseinanderbrechen des Staates zu verhindern. Die Ereignisse in der Ukraine und in ZentralasienMit Zentralasien wird hier jene Region bezeichnet, in der sich heute die Staaten Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan befinden. Die Region wurde vom russischen Imperium bis zum Ende der 1860er Jahre unterworfen. Die heutigen Staatsgrenzen gehen weitgehend auf die Gründung nationaler Republiken in der Sowjetunion im Jahr 1924 zurück. stehen beispielhaft für die komplizierten Dynamiken  des Jahres 1917 an der Peripherie.

Unabhängigkeitsbewegung in der Ukraine

Besonders einflussreich war die Unabhängigkeitsbewegung in der Ukraine. Als in Kiew Anfang März 1917 das Ende der Monarchie bekannt geworden war, formierte sich binnen weniger Tage die Zentralrada (dt. Rat) als Vertretung nationaler ukrainischer Interessen. Worin diese genau bestehen sollten, war dabei zunächst keineswegs ausgemacht. Denn obgleich es bereits seit dem 19. Jahrhundert eine starke ukrainische Nationalbewegung gegeben hatte, gelang es ihren Vertretern kaum, die bäuerliche Bevölkerungsmehrheit für ihre Ideen zu begeistern.

1917 änderte sich dies. Die „nationale Frage“ rückte von nun an immer stärker in den Vordergrund ukrainischer Politik. Die lauter werdenden Autonomieforderungen hatten eine mobilisierende Wirkung und waren geeignet, die Rada als politische Institution zu legitimieren. Zugleich führte dies zu einer Radikalisierung politischer Unabhängigkeitsdiskurse.

In der Ukraine rückte die „nationale Frage“ immer mehr in den Vordergrund. 1917 demontieren Arbeiter in Kiew ein Denkmal Stolypins, der als russischer Reformer bekannt war / Foto © unbekannt/The Historical Encyclopedia of Kyiv, Wikimedia

In Petrograd stießen die ukrainischen Autonomieforderungen parteiübergreifend auf Unverständnis und Ablehnung. Als die Zentralrada im Juni die Selbstbestimmung der Ukraine innerhalb einer Föderation zur zentralen Forderung erhob, erklärte die Provisorische Regierung, es handele sich dabei um „einen Akt der offenen Revolte“, und die Presse sah darin einen „Dolchstoß in den Rücken der Revolution.“1 Ein eilig ausgehandelter Kompromiss führte zwar zu einer Regierungskrise in Petrograd, vermochte aber den weiteren Staatszerfall zunächst abzuwenden.

Revolution in Zentralasien

Eine gänzlich andere Dynamik entwickelte sich in Zentralasien. Zunächst schien der Übergang in die neue Zeit hier weitgehend reibungslos zu funktionieren. Nach dem Vorbild der Hauptstadt entstanden in TaschkentTaschkent ist die Hauptstadt Usbekistans, das bis 1991 eine von 15 Republiken der Sowjetunion war. Usbekistan gehörte zu den sonnigsten Regionen der UdSSR, unter anderem deshalb war die Teilrepublik Zentrum der sowjetischen Baumwollindustrie. Noch heute ist das Land der drittgrößte Baumwollexporteur der Welt. und anderen Städten Doppelstrukturen aus lokalen Eliten, die sich der Provisorischen Regierung unterordneten, und Sowjets.

Obgleich sich beide Seiten in vielfältigen Konflikten miteinander befanden, waren sie sich in einem Punkt stets einig: Die Revolution war eine Angelegenheit der Europäer, in der es für die indigene Bevölkerung keinen Platz geben sollte.

Auch nach dem Ende des Zarenreiches sollte die etablierte Ordnung der Kolonialgesellschaft erhalten bleiben. Doch die revolutionären Ereignisse in den Städten vollzogen sich vor dem Hintergrund einer akuten Versorgungskrise, die schließlich in eine Hungersnot mündete und weite Teile der Region erfasste. Zugleich verschärften sich auf dem Land die Auseinandersetzungen zwischen europäischen Bauernsiedlern und der indigenen Bevölkerung. Diese Gewaltausbrüche waren zumindest teilweise eine direkte Folge des Aufstands von 1916In weiten Teilen Zentralasiens kam es 1916 zu einem bewaffneten Aufstand der muslimischen Bevölkerung. Der Aufstand entzündete sich an der geplanten Einberufung von Muslimen zum Militärdienst, weitete sich jedoch rasch zu einer antikolonialen Erhebung aus. Mehrere hunderttausend Menschen kamen während und nach dem Aufstand ums Leben; die meisten von ihnen waren Zentralasiaten. In Zentralasien war der Aufstand von 1916 der eigentliche Beginn des Bürgerkriegs. gegen die russische Kolonialmacht.

Den Programmen und Absichten der unterschiedlichen Parteien kam in dieser akuten Krisensituation kaum Bedeutung zu. Wichtiger war es, dass die europäischen Bauernsiedler in den Vertretern des Sowjets ihre Repräsentanten sahen, wenn sie gegen Muslime vorgingen, die den weitaus größten Teil der Bevölkerung stellten. Damit wurde der Gegensatz zwischen Kolonisierern und Kolonisierten zum zentralen Konfliktfeld in Zentralasien.

„Rechte der Völker Russlands“

Nachdem die BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor.  um Lenin im Oktober 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. die Macht übernommen hatten, widmeten sie eine ihrer ersten öffentlichen Deklarationen den „Rechten der Völker Russlands“. Darin hieß es unter anderem, dass alle Nationalitäten, das Recht auf „freie Selbstbestimmung, bis hin zur Loslösung und Bildung eines selbstständigen Staates“2 erhalten sollen.

Diese Deklaration war einerseits konsistent mit den Grundzügen der bolschewistischen Nationalitätenpolitik wie sie maßgeblich von Joseph Stalin ausgearbeitet worden war.3 Andererseits diente sie vor allem taktischen politischen Zielen. Denn so sollten nicht nur Teile der Unabhängigkeitsbewegungen dazu bewogen werden, die Revolution der Bolschewiki zu unterstützen, sondern auch Konflikte innerhalb der heterogenen Nationalbewegungen geschürt werden.

Das ukrainische Beispiel zeigt, dass die neue Regierung um Lenin gar nicht daran dachte, ihre Ankündigung in die Tat umzusetzen und die Ukraine in die Unabhängigkeit zu entlassen. Vielmehr ging es ihr darum, sie als Sowjetrepublik an sich zu binden. Demgegenüber erklärte die Zentralrada Anfang 1918 die Unabhängigkeit. Doch diese Episode endete bereits nach wenigen Tagen; Ende Januar besetzten rote Einheiten Kiew. Es bedurfte des Friedensvertrags von Brest-LitowskAm 3. März 1918 schloss Sowjetrussland mit den Mittelmächten in Brest-Litowsk nach langwierigen Verhandlungen einen Friedensvertrag. Die sowjetische Seite schied damit aus dem Ersten Weltkrieg aus, musste aber erhebliche Verluste an Territorien, Bevölkerung, Anbauflächen und Industrieanlagen akzeptieren. Für die sowjetische Seite gab es angesichts der Bedrohung durch die deutschen Truppen keine Alternative zur Unterzeichnung des Abkommens. Die Mittelmächte hofften – letztlich vergeblich – mit den gewonnenen Ressourcen den Krieg im Westen fortsetzen und gewinnen zu können. und der Bedrohung durch die deutsche Armee, damit die sowjetische Regierung die Unabhängigkeit der Ukraine im März 1918 widerwillig anerkannte. Gestützt auf deutsche Waffen endete dieses Experiment nach dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches.

Gewalteskalationen des Bürgerkriegs

Wie überall auf dem Territorium des ehemaligen Imperiums schufen die Ereignisse des Jahres 1917 auch in der Ukraine und in Zentralasien die Voraussetzungen für die Gewalteskalationen des Bürgerkriegs. In beiden Regionen entwickelte sich dieser Konflikt auf unterschiedliche Art und Weise, führte aber zu ähnlichen Ergebnissen.

In der Ukraine spielten zunächst die Armeen der Mittelmächte eine erhebliche Rolle. Dennoch reichte die Macht der Kiewer Machthaber kaum über die Stadtgrenzen hinaus. Auf dem Lande agierten ganz unterschiedliche Gewaltakteure, die sich vielfach nicht in die Dichotomie von WeißenBelyje (dt. die Weißen) ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für die Weiße Bewegung, deren militärischer Arm Weiße Armee die zahlenmäßig größte antibolschewistische Partei im Russischen Bürgerkrieg (1917/1918–1922) stellte. Die Bewegung war äußerst heterogen, viele Historiker sehen bei einem Großteil ihrer Anhänger aber einen gemeinsamen Nenner in Demokratie, Parlamentarismus und Marktwirtschaft. und RotenKrasnyje (dt. die Roten) war eine – vor allem im Russischen Bürgerkrieg genutzte –  umgangssprachliche Bezeichnung für die Rote Arbeiter- und Bauernarmee. Dazu gehörten das Heer und die Luftstreitkräfte Sowjetrusslands (seit 1922 Sowjetunion). Die Rote Armee ging Anfang 1918 aus den Regimentern der Roten Garde hervor – den Milizen der Bolschewiki bei der Oktoberrevolution. 1946 wurde sie in Sowjetarmee umbenannt. einordnen ließen.

Nach Jahren des Kampfes trugen die Bolschewiki in der Ukraine und in Zentralasien schließlich den Sieg davon. Sie profitierten dabei von der Zerrissenheit ihrer Gegner, von ihrem kompromisslosen Gewalteinsatz und von der Bereitschaft größerer Bevölkerungsschichten, sich den Vertretern der Sowjetmacht als dem vermeintlich geringeren Übel anzuschließen. Doch die Bolschewiki konnten sich nicht in allen Teilen des ehemaligen Imperiums durchsetzen. Finnland, Polen und die baltischen Staaten wurden in Folge des Ersten WeltkriegsRussland ist dem Ersten Weltkrieg an der Seite der Alliierten Anfang August 1914 beigetreten. Nach anfänglichen spektakulären Erfolgen kam es zu Rückschlägen und bald stellte sich heraus, dass der russische Staat den Belastungen eines modernen Krieges nicht gewachsen war. Die Transportprobleme und schlechte Versorgung der Städte führten Anfang 1917 zu großen Demonstrationen, die in die Februarrevolution mündeten. Die Frage von Frieden und Krieg war auch nach der Abdankung Nikolaus´ II. von entscheidender Bedeutung. Die Provisorische Regierung führte den Krieg weiter, was zu einem militärischen und innenpolitischen Desaster führte. Erst nach der Oktoberrevolution wurde am 3. März 1918 ein separater Friedensvertrag zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten geschlossen. Russland musste erhebliche Verluste an Territorium, Produktionskapazitäten und Bevölkerung hinnehmen. und der Revolution zu unabhängigen Staaten.

Der Sieg der Roten Armee im BürgerkriegNach der Oktoberrevolution 1917 kam es zu Erhebungen unterschiedlicher antibolschewistischer Kräfte – der Weißen – gegen die neuen sowjetischen Machthaber – die Roten. Die Kämpfe wurden von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführt, vor allem auch gegen die Zivilbevölkerung. Dass die Weißen weder politisch noch organisatorisch eine Einheit bildeten, war letztendlich ein wesentlicher Grund für ihre Niederlage. Demgegenüber gelang den Bolschewiki der straffe Aufbau der Roten Armee, mit deren Hilfe sie auch die Niederschlagung parallel zur Auseinandersetzung mit den Weißen entstandener Konflikte erreichten (Polnisch-Sowjetischer Krieg, Partisanenbewegungen, Abfall von Randgebieten). Der Sieg im Bürgerkrieg bedeutete die endgültige Machtkonsolidierung für die sowjetische Regierung. konnte die  Konflikte an den Peripherien des Sowjetstaates zunächst nicht dauerhaft einhegen. Daran änderte auch die Gründung nationaler Republiken ab Mitte der 1920er Jahre nichts.4 Während der Kampagnen zur Zwangskollektivierung der LandwirtschaftAls die Lebensmittelversorgung in der noch jungen und bürgerkriegsgebeutelten Sowjetunion immer kritischer wird, beschließt Stalin 1929 die Kollektivierung der Landwirtschaft: Die Bauern werden enteignet und ihr Besitz in staatlichen Kolchosen zusammengeschlossen. In der Folge kam es insbesondere ab 1932/33 zu einer der größten europäischen Hungersnöte mit bis zu sechs Millionen Opfern. ab 1928 brachen sie mit größter Vehemenz erneut auf.5

Als die Sowjetunion 1991 zerfiel, wurden die Protagonisten der Unabhängigkeitsbewegungen in vielen der nun souveränen Staaten zu Nationalhelden stilisiert. Auch heute gilt die oft nur einige Monate dauernde Phase staatlicher Eigenständigkeit nach 1917 – etwa im Falle der Ukraine – als wichtiger Bezugspunkt in der Nationalgeschichte.  


Zum Weiterlesen
Zentralasien
Khalid, Adeeb  (2015): Making Uzbekistan: Nation, Empire, and Revolution in the Early USSR, Ithaca
Teichmann, Christian (2016): Macht ohne Grenzen: Stalins Herrschaft in Zentralasien: 1920-1950, Hamburg

 

Ukraine
Kappeler, Andreas (2014): Kleine Geschichte der Ukraine, München
Schnell, Felix (2012): Räume des Schreckens: Gewalt und Gruppenmilitanz in der Ukraine 1905–1933, Hamburg

1.Zitate bei Penter, Tanja (2017): Die Oktoberrevolution in der Peripherie: Das Beispiel Ukraine, in: Jahrbuch für historische Kommunismusforschung 2017, Berlin, S. 87-103, hier: S. 95
2.Deklaration der Rechte der Völker Rußlands, 2. (15.) November 1917
3.Stalin, J. W. (1945/1913): Marxismus und nationale Frage, Moskau
4.zur sowjetischen Nationalitätenpolitik: Martin, Terry (2001): The Affirmative Action Empire: Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923–1939, Ithaca
5.dazu: Schnell, Felix (2012): Räume des Schreckens: Gewalt und Gruppenmilitanz in der Ukraine, 1905–1933, Hamburg, S. 411–430; Edgar, Adrienne (2004): Tribal Nation: The Making of Soviet Turkmenistan, Princeton, S. 167–196
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