Druckt nur, ihr Kannibalen! 

„Knoten der Hoffnung“ / Illustration © Antanina Slabodchykava 

Zmicier Vishniou, geboren 1973 im ungarischen Debrecen, ist eine der prägenden Stimmen der zeitgenössischen belarussischen Literatur und Poesie. Er hat sich zudem als Performance-Künstler, Verleger und Maler einen Namen gemacht. Sein neuester Roman Ich bin das Fleisch, das Zmicier zubereitet hat ist 2025 erschienen.

Vishnious literarische und verlegerische Arbeit, sein künstlerischer Werdegang ist ein Akt der Selbstbefreiung von sowjetischen und imperialen russischen Traditionen und Strukturen und zielt auf die Erneuerung der belarussischen Sprache und Literatur. In seinem Essay für unser Projekt mit der S. Fischer Stiftung Spurensuche in der Zukunft beschreibt er genau diesen Weg der Auflehnung und Emanzipation, der für ihn vor allem zu Beginn der 1990er Jahre begonnen hat und den er mittlerweile im Exil in Deutschland fortsetzt. Er zeigt, wie wichtig und wirksam es ist, autoritären Systemen mit der Macht der Kunstfreiheit zu begegnen.


In den vier Jahren, die ich nun schon im Ausland lebe, bin ich häufig Menschen begegnet, die Belarus gar nicht kennen – dabei ist es ein recht großes europäisches Land. In meinem Mietvertrag für die Berliner Wohnung steht, ich käme aus Russland, weil die Sachbearbeiterin Belarus nicht in ihrer Datenbank fand und sich zu glauben weigerte, dass es existiert.

Zu meiner belarusischen Identität fand ich durch Bücher, Freunde, die Universität und die Arbeit für die Zeitung Kultura. Ich entbrannte für das Verlegen belarusischer Literatur und begann auch selbst, auf Belarusisch zu schreiben. Zudem machte ich mir als Radaumacher einen Namen, denn kreativer Krawall ist Teil meiner inneren Freiheit. Ich bedaure nichts und bin stolz darauf.

Zu Beginn der 1990er Jahre lebte ich in Sluzk. Nach einem Zwist mit der Mathematiklehrerin wechselte ich auf die Abendschule, die ich rein aus formalen Gründen einmal pro Woche besuchte – eigentlich sah ich keinen Sinn darin. Begünstigend kam hinzu, dass die Lehrer bei den Entschuldigungen auch alle Augen zudrückten. Der Lehrplan unterschied sich krass von dem der normalen Schule. Ich lernte zum Beispiel keine Fremdsprache, man fand wohl, dass das nicht nötig war, um später Sanitärtechniker, Elektriker, Friseurin oder Näherin zu werden. Auch das Fach Belarusische Sprache fehlte, wenigstens hatte ich Belarusische Literatur. Interessanterweise erwarb ich dennoch rechtlich die Möglichkeit, mit diesem Abschluss an einer Hochschule zu studieren, weshalb ich mich, allen lokalen Traditionen zum Trotz, für ein Fernstudium im Bereich Journalistik bewarb und angenommen wurde – wenn auch nicht ganz ohne Hindernisse und Abenteuer.

Ehrlich gesagt beschäftigte ich mich ganze drei Tage mit der Vorbereitung auf das Studium. Über die belarusische Literatur, die auf dem Lehrplan stand, wusste ich einen Scheiß – mein ganzes Wissen bestand aus den knappen Zusammenfassungen der Werke aus dem Literaturlexikon. Ich liebte Bücher, aber nicht die, die in der Schule verlangt wurden. Deshalb kam bei der Aufnahmeprüfung fürs Studium in meinem Kopf alles durcheinander.

In der mündlichen Prüfung in Belarusischer Literatur zog ich eine Frage zu Iwan Meleshs Menschen im Sumpf. Zu meiner eigenen Verwunderung antwortete ich halbwegs anständig, aber an einer Stelle verwechselte ich Partisanen und Banditen – nicht verwunderlich, wenn man vorher die ganze Nacht gelesen hat, oder? In der Kommission saßen drei Prüfer, einer von ihnen war der Dramenautor Sjarhej Kawaljou (kurz zuvor hatte mich der Dichter Sjarshuk Minskewitsch zufällig mit ihm bekannt gemacht) – er erkannte mich wieder und rettete mich faktisch aus diesem Sumpf. Damals war die beste Note eine Fünf und der Dramenautor überzeugte seine Kollegen, dass man mir eine Vier geben könne.

Für das Journalismusstudium gab es sehr viele Bewerbungen und nur dank Sjarhej Kawaljou wurde ich genommen. Ich wusste nicht, dass er in der Kommission sitzen würde, es war eine Überraschung. Vitamin B, sozusagen. Ein paar Jahre später habe ich Meleshs Roman dann übrigens wirklich gelesen.

Mein tatsächlich erster wichtiger literarischer Lehrbetrieb war dann die tägliche Arbeit bei der Zeitung Kultura, wo ich journalistische Beiträge schrieb und schonungslos redigiert wurde. Parallel dazu absolvierte ich berufsbegleitend mein Journalismusstudium, zwei Mal pro Jahr gab es Prüfungen. Besonders in Erinnerung blieben die Vorlesungen in Belarusischer Sprache und Literatur bei Mikola Ryhorawitsch Kawalenka, der äußerlich unglaubliche Ähnlichkeit mit Wassil Bykau hatte. Ich weiß noch bis heute, wie er kofferweise Bücher in den Vorlesungssaal schleppte – wir wurden Zeugen eines wahrhaft sakralen Aktes. Er gab uns nicht einfach eine Lektüreliste, sondern zeigte uns die leibhaftigen Bücher. Mikola Ryhorawitsch zog jedes Buch einzeln vorsichtig hervor, präsentierte es mit vorgestreckten Händen zwischen den Fingerspitzen. In diesen Momenten erinnerte er an einen Sammler, der eine kostbare Briefmarke mit der Pinzette hochhält. Als begeisterten Leser bestach mich sein Vorgehen unglaublich. Seine Liebe zur belarusischen Literatur verbreitete sich wie eine Pandemie – und ergriff auch mich.

Auch die Freundschaft mit dem Dichter Sersh Minskewitsch beeinflusste mich, er war, genau wie ich, auf der Suche nach neuen literarischen Stilformen. Durch ihn kam ich zur Kultura, wo ich zunächst als Setzer arbeitete (damals gab es diesen Beruf noch), und dann auf den Posten eines Sonderkorrespondenten wechselte. Zusammen mit Sersh und anderen Freundinnen und Freunden gründeten wir später die Literaturbewegung Bum-Bam-Lit, die offen sein sollte für neue Literaten, Künstler und mutige Ideen. Wer an den Aktionen der Bewegung teilnahm, wurde automatisch zum Mitglied. Zurückhaltend gezählt waren es etwa dreißig regelmäßige Teilnehmende. Vollwertige Mitglieder, und damit Pfeiler von Bum-Bam-Lit, konnten nur belarusischsprachige Autor:innen werden – das war unausgesprochenes Prinzip. Lokale Schriftsteller, die auf Russisch schrieben, nahmen wir nicht auf, nicht, weil wir sie für weniger talentiert hielten, sondern weil wir sie zur Peripherie der russischen Kultur zählten.

Man kann sagen, dass Bum-Bam-Lit im Pinguinarium der Zeitung Kultura entstanden ist – so nannten wir einen kleinen Raum, in dem wir rauchten, tranken und quatschten. In der literaturphilosophischen Zeitung ZNO, die einmal im Monat der Kultura beilag, stellte jedes Mitglied von Bum-Bam-Lit sein Manifest vor. Damals, vor dreißig Jahren, fand direkt vor meinen Augen ein Umbruch im Journalismus statt: Zunächst war die Kultura sehr demokratisch – sie druckte soziale und politische Polemiken und fürchtete sich nicht, die Regierung zu kritisieren. Doch mit der Zeit tauchten „weiße Flecken” auf, in der Druckerei verschwanden plötzlich Textfragmente in der gesetzten Zeitung, und schließlich stand die ganze Zeitung vor der Frage eines Verbotes. Die Chefredaktion musste einschneidende Kompromisse in der Redaktionspolitik eingehen. Danach wurde die Kultura zu einer bedauernswerten Zeitung, „frisiert“, wie man sagt: Aus einem fortschrittlichen Medium war ein propagandistisches geworden, die zentralen Themen waren nun Volksfeste (Dashynki) und Schlagermusik (Slawjanski Basar).

Mir wurde klar, dass ich mich bei der Berufswahl geirrt hatte, das Verhältnis des belarusischen Journalismus zur Regierung enttäuschte mich. Natürlich gab es auch unabhängige Zeitungen, die weiterhin frei Informationen verbreiteten. Dennoch überlegte ich, ob ich nicht in den Verlagsbereich wechseln sollte. Da die meisten meiner Freunde damals im Medienbereich tätig waren, blieb ich auch erst einmal dort. Die Redaktion der Kultura hatte ihr Büro damals neben dem Operngebäude, viele berühmte Leute arbeiteten dort. Ich war noch sehr jung, mich faszinierte die Arbeit meiner Kollegen – ich wollte ihnen ebenbürtig sein und strengte mich an, ihr Niveau zu erreichen. All das drängte mich förmlich in die Arme der belarusischen Szene. Und lustig ging es allemal zu. Wenn Sersh Minskewitsch und ich in eine Bar kamen und laut ein paar Gedichte vortrugen, gaben uns die Angestellten oft Hochprozentiges aus.

Nach der Kultura war ich einige Zeit Redakteur in der Zeitschrift Belarus, dann bot mir der Verband der belarusischen Schriftsteller eine Stelle als Literaturreferent an. Dort arbeitete ich drei Jahre – und konnte mich frei entfalten. Es war eine Zeit voller unerwarteter kreativer Treffen und Begegnungen. Damals existierte nur ein belarusischer Schriftstellerverband. General Tscherginez hatte ihn noch nicht wie einen Kuchen in zwei Teile zerschnitten. Im Haus der Schriftsteller fanden wichtige Veranstaltungen statt, bei denen oft großer Andrang herrschte. Der Saal fasste 330 Menschen und reichte oft nicht aus, die Leute standen in den Gängen. Ich erinnere mich an brillante Auftritte von Nil Hilewitsch, Janka Bryl oder Henads Buraukin. Auch Bum-Bam-Lit durfte seinen ersten Jahrestag im Haus des Schriftstellers begehen – es kamen an die fünfhundert Leute, viele blieben draußen stehen. Die Bum-Bam-Literaten zogen Gasmasken auf und warfen von den Rängen einige Kilo Bonbons auf die Köpfe der Zuschauer. Auf der Bühne wurde gelesen, im Innenhof zeigte das Theater InGest eine literarische Theatershow, bei der sich der Künstler Ales Puschkin mitten im Springbrunnen an einem langen Pfahl drehte.

Ich denke, die Literaturbewegung Bum-Bam-Lit hat seinerzeit die Jugend und ihre Weltsicht stark beeinflusst. Der Lehrplan ermutigte oft nicht zur Beschäftigung mit belarusischer Literatur: endloser Krieg, Sümpfe, Kolchosen. Bum-Bam-Lit brach mit diesen Stereotypen, wir schufen lebendige Texte über andere Themen, über das, was die Leute hier und jetzt bewegte. Wir waren frei von Standards und brachten Vielfalt in die Literatur.

Ende der 1990er, während meiner Zeit beim Schriftstellerverband, organisierten wir mit den anderen Bum-Bam-Literaten auch radikale Performances – und brachten damit die Staatsmacht zur Weißglut. In einer Reihe aufsehenerregender politischer Performances unter dem Titel Personenkult ging ich etwa dem Phänomen der Diktatur und des Personenkultes in unterschiedlichen Geschichtsepochen nach. Dafür hatten wir in einem Bestattungsinstitut einen roten Sarg aus Kiefernholz gekauft und ihn mit dem Trolleybus durch die ganze Stadt bis zum Haus des Schriftstellers gebracht. Der Busfahrer hatte seltsamerweise gar nicht geschimpft und uns einfach erlaubt, dieses Requisit mitzunehmen. Ein paar Passagiere erlitten unterwegs aber doch einen Nervenzusammenbruch. Als Literaturreferent hatte ich die Schlüssel zu allen Räumen im Haus des Schriftstellers, deshalb konnten wir den Sarg im Keller unterbringen. Dort wartete er auf seinen Starmoment – das internationale Performance-Festival Navinki.

Am Tag X trugen mich die Bum-Bam-Literaten im Sarg – ich lag darin und trug nur Unterhosen – aus dem Haus der Schriftsteller zum Palast der Künste. Ein Sarg für Zmicier Vishniou – unter dieser Überschrift schrieb Marat Harawoj in der Zeitung Narodnaja Wolja darüber und erzürnte die Behörden. Heute würde man in Belarus für ähnliche Performances wohl mit vielen Jahren Strafkolonie belohnt.

2001 schrieb ich das Langgedicht Gangway für einen Ziesel oder nekrophile Studie über eine Nagetierart, das ich einen Roman für Schiff und Flugzeug nannte. Darin gab es viele sarkastische Beschreibungen aktueller Schriftsteller, wobei ich keine konkreten Namen nannte. Einzelne Ausschnitte sollten in den Zeitschriften Perschazvet und Kryniza gedruckt werden. Als die Leitung des Schriftstellerverbandes davon erfuhr, bekam sie es mit der Angst zu tun. Ich hatte damit überhaupt nicht gerechnet. Irgendwie waren sie noch vor der Veröffentlichung an das Material für die Kryniza gekommen und suchten in den ironischen und satirischen Gestalten nun sich selbst. Eine der Mitarbeiterinnen echauffierte sich etwa über das im Gedicht erwähnte Huhn. Schließlich lud mich ein Schriftsteller, der der Leitung nahestand, zu einer Klarstellung ein und zeigte mir einen Artikel, den sie in der Kryniza drucken würden, wenn ich nicht vom Druck meiner Ziesel zurücktreten sollte. In ihrem Artikel beschrieben sie mich als „latenten Homosexuellen“, die Leitung des Verbands schien das für eine ernste Beleidigung zu halten. Ich lachte damals nur und sagte: Druckt nur, ihr Kannibalen.

Von Zeit zu Zeit verulkte ich die Leitung des Schriftstellerverbandes mit meinen künstlerischen Projekten. Sie bestellten mich regelmäßig ein, „um mir den Kopf zu waschen“, wie man sagt, um meine neueste Aktion zu besprechen. In ihrem traurigen Büro, vor den Porträts der sowjetbelarussischen Klassiker, versuchte mich die gesamte Mannschaft zu bekehren, kippte tonnenweise unnötige Wörter über mir aus, um mich auf den „richtigen Weg“ zu bringen. Meine Absonderlichkeiten zerstörten eben das Bild der Literaturfunktionäre.

Warum ist Belarus so unsichtbar?

Experten und Expertinnen, die ihr Leben und ihre Arbeit Belarus gewidmet haben, erklären, warum das osteuropäische Land für viele weiterhin im Nebel der Unwissenheit liegt und warum wir alle mehr Belarus brauchen.

In Kultur & Diskurs von

2001 begann ich in Moskau am Gorki-Literaturinstitut zu studieren, ich belegte ein Seminar in Literaturkritik und verließ dafür die Stelle im Schriftstellerverband. Die Funktionäre waren offensichtlich erfreut darüber, sie hatten meine Aktionen und Performances satt. Wir trennten uns in Frieden. „Ich komme wieder“, versprach ich zum Abschied, und sah ihre Gesichter wutverzerrt rot anlaufen.

Bereits vor dem Studium und der Arbeit für die Kultura hatte ich mich als Verleger betätigt. Damals war es einfach, eine Registrierung zu bekommen – die totale Kontrolle hielt erst später Einzug in diesen Tätigkeitsbereich. Noch in Sluzk erhielt ich 1993 meine erste Verlegerlizenz – darauf war das Pahonja-Wappen gedruckt und sie lag in einem schönen Lederumschlag. Ich war damals noch nicht zum Belarusischen gewechselt und schrieb auf Russisch. Gemeinsam mit Freunden aus dem Kreativen Club Fünfte Ecke veröffentlichten wir einige russischsprachige Anthologien.

Später gründete ich gemeinsam mit dem Dichter Michas Baschura ganz im Geiste von Bum-Bam-Lit einen Verlag mit dem Namen Halijafy – das schallte wie ein ganzes afrikanisches Orchester und diese „Verlagsmusik“ sollte fast fünfzehn Jahre lang klingen. Halijafy – Goliathkäfer – sind die größten Käfer der Welt, sie sind in Afrika heimisch und bringen bis zu fünf Kilogramm auf die Waage.

Im Jahr 2007 hatte Halijafy bereits eine Registrierung als juristisches Subjekt, aber noch keine Verlagslizenz, denn die Beamten im Informationsministerium wollten keine Zugeständnisse machen. Einer von ihnen schrie mir, fast schon schleimspuckend, ins Gesicht, dass Halijafy niemals eine Erlaubnis bekommen würde, Bücher in Belarus zu drucken, weil es nicht die richtigen Bücher seien.

Nach dieser Audienz gab ich jedoch nicht auf, sondern machte einen hinterhältigen Schachzug. Dank der Arbeit im Schriftstellerverband kannte ich viele literarische Altmeister persönlich und wandte mich an den Wissenschaftler Uladsimir Hnilamjodau. Als er hörte, es gehe um einen neuen Verlag, war er sofort bereit, uns zu unterstützen – ihm gefiel die Idee, zeitgenössische belarusische Literatur herauszugeben. Im Gegenzug versprach ich ihm, sein eigenes Buch zu verlegen. So erschien schließlich 2013 von Hnilamjodaus An der Zeitenschwelle: Russischsprachige Poesie in Belarus bei Halijafy. Man muss den Hut vor ihm ziehen: Er interessierte sich für die Bücher junger Autoren und war ein aufmerksamer Leser. 2007 machten wir ihn formal zum Chefredakteur des Verlages und schickten ihn zur Befragung, um die Lizenz zu erhalten. Einem Akademiker widersprachen sie nicht – er bestand die Prüfung und uns war die Lizenz garantiert. Uladsimir Hnilamjodau war mehrere Jahre lang offiziell Chefredakteur und Aushängeschild unseres Verlags, in die verlegerische Arbeit mischte er sich aber faktisch nicht ein und lektorierte auch keine Bücher. Beim nächsten Treffen mit dem Experten im Ministerium war die Atmosphäre schon eine andere: Puterrot – ob vor Aufregung oder vom Alkohol – wand er sich im Sessel wie eine Schlange und murmelte: „Was macht ihr bloß mit mir, Jungs?“ Aber Halijafy hatte das Licht der Welt erblickt.

So viele Hindernisse mussten also überwunden werden, um belarusische Bücher herausgeben zu können. Und nicht umsonst hatte der Ministerialbeamte gezaudert, uns zu lizensieren: Halijafy verlegte fünfzehn Jahre lang mutige und aktuelle Literatur, in der die Freiheit unverhüllt nach außen drang – das, was auch die Leserschaft unserer Bücher zum Atmen brauchte.

Ich zog nicht deshalb nach Deutschland und kehrte nicht nach Belarus zurück, weil ich eine Verhaftung fürchtete, sondern weil ich nur hier frei atmen und das schreiben kann, was mich bewegt – und weil ich es hier, das ist das Wichtigste, auch veröffentlichen kann. Ich muss mich nicht hinter Pseudonymen verstecken, für die Schublade schreiben, muss mich nicht von meiner Stimme trennen. Das gab den Ausschlag. Als 2022 die Repressionen gegen die unabhängigen belarusischen Verleger begannen, stand natürlich auch die Frage nach der körperlichen Unversehrtheit im Raum. Aber in erster Linie ging es um das Bedürfnis, mit Literatur zu arbeiten – mit dem, was ich liebe und kann.

Man sagt von den Menschen, dass sie solange da sind, bis wir aufhören, uns an sie zu erinnern. So ist es auch mit der Sprache, der Literatur und dem Land. Solange wir an sie denken, sie hegen und pflegen, leben und gedeihen sie. Belarus bleibt kein Projekt, sondern ist ein lebendiger Organismus voller Liebe und Kultur. Ich bin überzeugt, dass in Minsk in gar nicht allzu ferner Zeit anstelle des Dzierżyński-Denkmals ein Monument für den Verleger und Bücherträger Raman Cymberau errichtet wird: Wie er – ein starker Mensch, ähnlich einem Skarabäus-Käfer – eine riesige Bücherkugel vor sich herschiebt.

In meinem Roman Ich bin das Fleisch, das Zmicier zubereitet hat male ich mir aus, dass anstelle des Lenin-Denkmals eines für Jaryla Pschanitschny errichtet wird – einen Dichter, der als Erster mit der Trasjanka gearbeitet hat. Zu Lebzeiten erschien nur ein Buch von ihm: Pischtschavyja lischki (dt. Essensreste), nach seinem Tod dann Atamnaja lutschyna (dt. Der Atomspan), in dem die ganze Größe und Vielseitigkeit seiner politischen Satire zutage tritt.

In Minsk werden die Buchhandlungen wiedereröffnen: Halijafy, Knihauka, Cymberau-Centrum, Lohvinau. Das staatliche Belkniha wird umorganisiert und unter dem Namen Skaryna Press neu eröffnet. Minsk kehrt in seinen Naturzustand zurück – Mensk.

Auch die unabhängigen Verlage kehren wieder.

Ich bin sicher, dass irgendwo in Belarus bereits ein neuer Schriftsteller geboren wurde. Noch wissen wir nichts von ihm, aber bald wird er in Erscheinung treten. Wir werden begeistert sein von seinen Büchern, und die ganze Welt wird sie lesen wollen.

Man sollte sich schon jetzt die Rechte sichern.