
Xenja Bukscha ist mit Das kleine Paradies eine der drei Preisträger:innen des Dar-Preises 2026 für russischsprachige Literatur. Das Dar-Preisgeld ermöglicht Übersetzungen ins Englische, Französische und Deutsche. dekoder veröffentlicht im Dossier Russischsprachige Literatur in Krieg und Exil erste Auszüge auf Deutsch.
Zur Einführung einige Worte der Übersetzerin:
Ruth Altenhofer, was gefällt dir an dem Buch von Xenja Bukscha besonders gut?
Malenki rai (dt. Das kleine Paradies) ist ein Text über das Danach, das es eben eigentlich nicht gibt. Darüber, dass das Grauen nicht vorbei ist, nur weil die Kampfhandlungen vorbei sind. Ein Krieg hat jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertelange Nachwehen, er zersetzt und ruiniert nachhaltig Menschen, Tiere, Seelen, die Natur, die Kultur – alles.
Der Text führt weg von dem naiven Gedanken: Wir machen „Frieden“, und dann wird es wieder wie früher. Wer tot ist, ist tot, was kaputt ist, ist kaputt. So ein Text ist notwendig.
Was sind für dich die übersetzerischen Besonderheiten an dem Text?
Der Text hat etwas Schrulliges, Kauziges. Da ist der Ort und die Selbstmörder, und darüber wird geschrieben, als sei es ganz selbstverständlich. Der Ort ist abstrakt, wie in einer Parallelwelt, wie ein Spiegelland.
Das Himmelskarussell beispielsweise wirkt an der Grenze des Vorstellbaren, vor allem wenn von diesem Gerät die Selbstmörder:innen herunterstürzen. Oder der extreme Schimmelbefall (der in diesem Ausschnitt nicht vorkommt) – eine starke Metapher dafür, wie auf einmal alles von Giftigem, Ekligem durchdrungen ist, aber eben wie bei Pilzbefall auch in tieferen Schichten, wo man es gar nicht sehen kann.
Bei Bukschas Text habe ich das Gefühl, jedes Wort ist ganz bewusst gesetzt, und was schief klingt, soll auch schief klingen – bloß keine Kanten schleifen. Im ganzen Text stellt sich die Frage: Wo ist es Verfremdung und wie bringe ich sie ins Deutsche?
Wie bist du bei der Textauswahl vorgegangen?
Ich denke, in der Szene auf dem Schulhof läuft viel von dem zusammen, was das Buch ausmacht: Frühling und Kinder als Symbole der Hoffnung und Zukunft – und man schleppt das Grauen und die Schuld aus der Vergangenheit mit, über die man nicht oder nur andeutungsweise spricht. Auf diese Szene laufen die gewählten Textstücke hin.
Der Ermittler
„Guck mal, bei der Polizei brennt Licht – in allen acht Fenstern! Irgendwas ist passiert, bestimmt ein Riesenunfall im Tunnel, oder vielleicht sind Wanderer auf eine Mine getreten.“ „Schau mal, sogar der Giebel ist hell. Gut, dass die Polizei so weit oben ist, da sieht man von der Stadt aus gleich, wenn was passiert ist. Weißt du noch, wie sie den Sohn vom Sprecher der Republiksduma mit einem ganzen Handschuhfach voll Koks verhaftet haben? Seitdem sind doch eh alle eingelocht und dingfest gemacht, man weiß gar nicht, was man denken soll. Ruhig ist es in letzter Zeit, eine erstaunlich ruhige Stadt, unser Rajok, obwohl doch alles voller Waffen ist und der Krieg noch gar nicht so lange vorbei.“ „Na ja, Waffen sind nicht der Punkt. Der Punkt ist, ob jemand schießen will. Und hier bei uns in Rajok will eben keiner. Nur, wenn ein Kind geboren wird, dann ballern sie vom Balkon aus. Da weiß man sofort: Wird geballert, gibt’s ein Baby.“
*
Was passiert war: Ein Junge aus Rajok war verschwunden, ein Achtklässler. Er hieß Aron, und er verschwand so plötzlich, so unerklärlich, unerwartet und spurlos, dass alle wussten: Suchen muss man genauso schnell, sonst findet man ihn nie wieder. „Geht bloß nicht auf die Felder“, sagte der polizeiliche Ermittler zu allen, einschließlich den Freiwilligen, „oder in die Wälder vor der Stadt, da liegen noch überall Minen. Und du, Dede, erzähl mal, was du gesehen hast.“ Dede ging in dieselbe Klasse wie der vermisste Aron, war eng mit ihm befreundet und hatte drei Minuten vor seinem Verschwinden noch mit ihm Ball gespielt. Die anderen Fußballer konnten zu Dedes Angaben nichts Wesentliches hinzufügen und durften gehen, nur der schmächtige Dede, der beste Freund des Vermissten, kauerte auf dem wackligen Stuhl und beantwortete zum dritten Mal dieselben Fragen, musste für alle herhalten.
[…]
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Nachts hatte der Ermittler das Gefühl, als wäre ein Erdbeben. Wachte er auf – oder doch nicht? Jedenfalls hatte er sich gleich auf das Sofa gelegt, war nicht nach Hause gegangen; ringsum war es irgendwie hell – oder doch dunkel? Der Wind heulte durch Spalte und Rohre, Ofenrohrdeckel schepperten und vibrierten, Schlüssel drehten sich in Schlössern wie Wetterfahnen, aber das kam ihm nur so vor. Dreiecke und Streifen aus Licht zitterten auf dem Parkett, als wäre das Polizeigebäude ein dahinratternder Zug. Doch es war gar kein Erdbeben, das war nur der Wind, wenn man natürlich davon absieht, dass unter Rajok ununterbrochen die Erde bebt und dafür sorgt, dass hier alles unmerklich vibriert und zerbröselt, der Raum, die Zeit und das Denken. Suizid, flüsterte dem Beamten im Traum jemand zu, Aron hat sich umgebracht, ganz sicher. Suizid, dachte der Beamte beim Aufwachen. Ja, sieht ganz danach aus, Scheiße.
Als der Krieg begann, war ich sieben, mein Bruder war elf. Wir wurden oft von den Schüssen und Explosionen geweckt, aber wir waren in diesem Chaos aufgewachsen und nahmen das gar nicht wahr. Ich erinnere mich an das knallrote Leuchten der Suchraketen, immer bevor der Krach losging, und dann fielen sie an kleinen Fallschirmen vom Himmel. Wir rannten hinter den Raketen her und spielten mit den Fallschirmen. Wir freuten uns, als wären sie gratis Spielzeug. Wir wussten, wofür sie verwendet wurden, aber die wahre Bedeutung des Todes erreichte uns nicht.
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Suizid begingen in Rajok viele, sehr viele, vor allem Jugendliche. Der Kriminalpolizist wusste selbst am besten, wie das geht. Einmal hatte nämlich auch er es versucht, vor dreizehn Jahren: Der Krieg war gerade vorbei, und der zukünftige Polizist, damals noch ein Teenager, fühlte sich oft gekränkt, vor allem, wenn es einer besser hatte im Leben als er, aber auch, wenn es einer schlechter hatte, denn ihm ging es ja gar nicht so schlecht, obwohl es wirklich unter aller Sau war.
Mutter war Krankenschwester und erzählte zu Hause nie, was sie im Dienst erlebte. Einmal rechnete ich nach, dass sie von den fünf Jahren Krieg zwei nicht zu Hause war. Mein Bruder und ich waren uns selbst überlassen. Klingt vielleicht komisch, aber wir sind tagelang um die Häuser gezogen und haben gespielt. Keine Hausaufgaben, keine Eltern, die uns in den Ohren lagen – der Traum aller Kinder. Obwohl wir den Krieg vor der Nase hatten und unsere Stadt eingekesselt war, fühlten wir uns glücklich und frei. Wenn die Sirenen heulten, gingen wir nicht in den Bunker, weil das bedeutete, dass heute keine Schule war und wir raus durften. An Gefahren dachten wir nicht.
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Nach dem Krieg schnorrte sich der zukünftige Ermittler auf der Straße fünfzig Rodopi zusammen und nahm sich vor, sie alle nacheinander wegzurauchen. Bei der fünfundzwanzigsten wurde die Luft rundherum fleckig, und er konnte keine einzige Zigarette mehr rauchen, nie wieder. So hatte er sich nicht nur nicht umgebracht, sondern auch in seine Gesundheit investiert.
Im letzten Kriegsjahr war ich zwölf und mein Bruder sechzehn. Ich erinnere mich an unser letztes gemeinsames Frühstück. Wir teilten uns die Schokolade aus dem amerikanischen Care-Paket. Ich erinnere mich an seine blutverschmierte Uhr. Ich nahm sie an mich und wusch sie mehrere Tage lang nicht. Für andere gibt es ein Vor und ein Nach dem Krieg, für mich nur ein Vor und ein Nach seinem Tod. Angeblich war an dem Tag Waffenstillstand, aber ein solches ein Wort existierte in den Kriegsstatuten des Imperiums nicht.
Der Kriminalbeamte hielt sich also für einen Profi in Sachen Suizidprävention. In Rajok war Selbstmord geradezu eine Sportart, die sehr viele ausübten, meistens, indem sie vom Himmelskarussell sprangen.
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Das Himmelskarussell war eine berühmte Sehenswürdigkeit in Rajok. Es stand über der Stadt, auf einer steilen Klippe, von dort ging es eineinhalbtausend Meter in die Tiefe, sodass das Städtchen und der Fluss und alles da unten wie Streusel aussahen, ein geblümter Rocksaum.
Erfunden, geplant und gebaut hatte das Himmelskarussell kein Geringerer als der legendäre Architekt Alexander, kurz bevor er nach Amerika ging (wie recht er hatte!), wo er es zu weltweit skandalösem Ruhm brachte, indem er den Oligarchen Riesensummen abluchste und zum Helden in Ayn Rands libertären Romanen aufstieg. Das Himmelskarussell war als existenzielle Attraktion gedacht, die alle und jeden dazu zwingen sollte, über Sinn und Tod nachzudenken. Aber der Mensch als solches interessiert sich für den Sinn und den Tod einen Scheiß, im Gegenteil, er legt es bis zuletzt darauf an, sie zu verdrängen. Der Mensch macht sich aus allem einen Jux, sogar aus den „großen Fragen“, aus denen oft sogar erst recht. Vom ersten Tag an standen sie Schlange, um über dem Abgrund zu kreisen, aber es waren nicht Philosophen, die dem wahren Sein auf den Grund gehen wollten, sondern alle möglichen Adrenalin-Junkies: Wanderer, Frischvermählte, Teenager, und eben manchmal auch Selbstmörder; Letztere konnte Alexander im Übrigen nicht ausstehen, weil sie sich blöd anstellten, wenn sie nach Amerika gingen, und zu dumm für ihre Freiheit waren, sodass er sogar darauf bestand, ein diskreditierendes Schild anzubringen, das ihrer Todeslust aber natürlich keinen Abbruch tat.
Das Himmelskarussell war perfekt geplant und konstruiert, nur die ungünstigen klimatischen Bedingungen in Rajok sorgten immer wieder für Ausfälle. Nach dem alten Krieg war das Fahrgeschäft renoviert worden, beim Niedergang des Imperiums funktionierte es nicht mehr richtig, und noch vor dem neuen Krieg hatte es einen Totalschaden erlitten. Nach dem Krieg ließ es der heutige Bürgermeister von Rajok, von allen Strudel genannt, reparieren, sodass es sich nach zwanzigjähriger Pause einer neuen Existenz erfreute. Obwohl das erst zehn Jahre her war, hatte das Karussell mittlerweile wieder leicht angefangen zu quietschen, und die Farbe blätterte ab, aber das fiel keinem auf.
[…]
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An dem Tag jedoch, als Aron verschwand, stand das Himmelskarussell still, weil die Dreherinnen frei hatten wie an jedem Tag, der auf ein Datum fällt, das eine Acht enthält, wenn außerdem noch nicht Mai oder nicht schon September ist. Und überhaupt hatte es nichts damit zu tun, das Karussell, weil ja offensichtlich war, dass Aron schon unten verschwunden war und eindeutig nicht oben. Natürlich durfte daraus nicht geschlossen werden, dass Aron keinen Suizid begangen hatte, wenngleich aus der Suizidstatistik hervorging, dass ein Ruhetag am Karussell die Wahrscheinlichkeit einer solchen Todesursache drastisch verringerte. Die Karussellselbstmörder schlugen auf, wie es gerade kam, auf den Straßen von Rajok, in Innenhöfen und auf Böschungen; einmal gab es diesen legendären Fall, wo ein Selbstmörder stolz mitten in eine Schar von Touristen krachte, die gerade aus dem Bus ausstiegen, und eine betagte Pilgerin ins Grab beförderte. Von der Brücke sprangen sie übrigens auch, und im Unterschied zu den Wasserfallspringern schafften sie es meistens nicht bis in den Fluss, sondern zerschellten an Felsen, Wänden, Dächern – mit einem Wort, eine Unverschämtheit, die den braven Stadtbewohnern permanent ein Dorn im Auge war. Deswegen griffen Suizidenten mit sanfteren Gemütern lieber zu anderen Methoden: Sie schluckten Glasscherben, kauten Oleanderzweige, warfen sich vor einen Lastwagen, der in voller Fahrt aus dem Tunnel rauschte, durchstreiften die Berge in der Hoffnung, irgendwann auf eine Mine zu treten, schnitten sich die Kehlen durch, schlitzten sich die Pulsadern auf, erhängten oder ertränkten sich leise beim Staudamm in der Rajka.
[…]
Die Mathefee
„Nein, an einem guten Ort, zu einer guten Zeit, in einer guten Stadt und bei guten Eltern – und an einer guten Schule – verschwinden Kinder nicht einfach so. Ich will ja nicht sagen, dass Aron ein schlechter Junge ist oder wir selber alle so schlecht wären. Aber Sie verstehen, was ich meine.“ „Ich verstehe.“
Die Glyzinie duftete so stark, dass man innerlich fast anschwoll. Sie umkreiste die Luft mit violettem Kreidestaub, berauschte, verschlug einem die Sprache. Der Sprachlehrer und die Mathefee standen in der großen Pause auf der Betontreppe zum Schultor. Beide rauchten, die Mathefee trank außerdem Kaffee, wobei sie ihre Tasse behutsam auf dem schmalen Metallgeländer abstellte.
Auf dem Schulhof waren der übliche Radau und fröhliches Gegacker zu hören. Die Jüngsten huschten durchs Gebüsch. Drittklässlerinnen tauschten niedliche Klebetattoos mit Füchsen und Häschen aus. Der Asphalt war bunt bemalt mit rosa, lila und weißer Kreide. Überall blühten Bougainvillea, Oleander, Magnolien, Feigenkakteen, Rosen, Lilien, alles auf einmal. Die Mathefee und die Biolehrerin hatten um die Rajoker Schule herum einen Paradiesgarten geschaffen.
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„Dieses Gestrüpp da hinten“, die Mathefee wies mit ihrer Zigarette auf die unglückseligen Brombeeren hinter dem Platz, auf dem auch jetzt gerade mit einem Ball gespielt wurde, der genauso lumpig und unförmig war wie jener, der hier vorgestern zusammen mit Aron verschwunden war. „Das wollte ich schon lange ausrotten. Wie oft hab ich schon einen Zettel aufgehängt , da kommen dann drei und das war’s. Ich kann das nicht übernehmen, ich hab zweieinhalb Stellen.“ „Ich habs auch schon versucht, mit meiner Machete. Hab mal reingehauen … Ein Teil war dann weg. Aber das wächst ja gleich wieder nach. Allein schafft man das nicht. Man muss das systematisch angehen. Aber zum Subbotnik kommt ja keiner.“
Die Mathefee zog die knochigen Schultern hoch. „Zum Subbotnik! Die Hälfte der Eltern pfeift doch sowieso auf ihre Kinder, und die anderen rackern die Saison durch wie blöd und wenn die Saison vorbei ist …“ Sie nippte am Kaffee, stellte die Tasse wieder aufs Geländer; zog den Kopf zwischen die Schultern, saugte so fest, dass die halbe Zigarette zu Asche wurde, blies eine Rauchsäule aus. Über dem Brombeerstrauch sah man in der Ferne die Landstraße, die sich in Serpentinen steil bergauf wand und im Tunnel verschwand. „Andererseits, da ist dieser Steilhang da drüben, und hier geht’s bergab zu diesem Steilhang hin, verstehen Sie“, sagte der Sprachlehrer. „Wenn man da komplett alles wegrodet, dann purzeln die Kinder einfach auf die Straße. Ganz zu schweigen von den Bällen und dem ganzen Zeug.“
„Im Krieg war das auch nicht da, das Gestrüpp“, gab die Mathefee zu bedenken. „Und wenn es dagewesen wäre, wäre damals vielleicht gar nichts passiert.“
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Der Sprachlehrer spürte seine gewohnte Angst. Er hatte so viele Jahre mit seiner Schuld gelebt, dass er das Gefühl hatte, man würde ihn durchschauen. Vor allem die Mathefee, die durchschaute alle. Wie konnte sie ihm all die Jahre kein einziges Mal zu verstehen gegeben haben, dass sie wusste, was er getan hatte? Wenn sie es wusste, warum hatte sie ihn nicht gemeldet? Er antwortete sich selbst: Sie könnte, tut es aber nicht, weil er für sie kein Mensch ist, oder sie überlässt ihm diese Entscheidung, oder sie denkt, die Toten holt man sowieso nicht zurück. Aber als guter Mensch (dachte der Sprachlehrer) überschätzte sie bestimmt seine Gewissensbisse, dabei hatte er fast gar keine. Manche, sagte man, hängten sich an einer Pappel auf, aber er – tja, er lebte einfach weiter.
„Aber das jetzt ist bestimmt nicht meine Schuld, was hätte ich tun können. In meinen Stunden hat Aron nie was gesagt.“ „Keine Ahnung“, die Mathefee trank ihren Kaffee aus und runzelte die Stirn. „Für mich sind Sprachlehrer einfach was Besonderes. Sie unterrichten ja nicht nur die Muttersprache und Literatur, sondern damit auch sowas wie Ethik. Verzeihen Sie, wenn ich mich irre, vielleicht stimmt es ja auch nicht. Aber wenn irgendwer an unserer Schule sowas macht, dann ja wohl kaum ich. Meins sind, wie Sie wissen, binomische Formeln, Trigonometrie … Also, in meinem Fach war Aron gar nicht schlecht, aber wie hätte ihm das helfen sollen an Tagen der Zweifel und schweren Gedanken?
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Der Sprachlehrer rieb mit der Spitze seines Turnschuhs an einer weiße Kreidelinie auf der obersten Stufe der Freitreppe herum. Sie ging nicht weg, verwischte nur. Die beiden Kollegen standen in dem paradiesischen Garten wie auf einer Bühne, inmitten von Kreidelinien. Es wurde immer heißer, der halbe Schulhof lag schon in der prallen Sonne. Die Kinder tröpfelten nach und nach zurück ins Gebäude, kreischten durcheinander, aber grüßten brav. Das Licht war hier in Rajok oft sehr merkwürdig, wegen der hohen Berge ringsum und damit einhergehender atmosphärischer Erscheinungen. „Man sollte mit seiner Mutter reden. Wollte ich gestern schon, aber dann dachte ich, lieber noch nicht. Bestimmt hat die Polizei ihr schon Löcher in den Bauch gefragt. Aber trotzdem. Besser wäre natürlich, Sie machen das, aber vielleicht doch besser ich.“ „Sie können das besser, wirklich.“ „Hoffentlich erwische ich sie nüchtern. Dede sagt, sie war auch an dem Abend betrunken und seitdem macht sie weiter. Hoffentlich lebt er.“ „Ich würd ihm einfach so zehn Punkte geben. Na, oder wenigstens neun.“ „Ja, ich ja auch. Keine Frage, ohne Test. Neun.“