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Gulag-Museum unter besonderen Bedingungen

Das Museum Perm-36Perm-36 war der inoffizielle Name eines sowjetischen Arbeitslagers für politische Häftlinge, die sich mutmaßlich „besonders gefährlicher Staatsvergehen“ schuldig gemacht hatten. Auf dem Gelände der ehemaligen Kolonie befindet sich seit 1995 ein Museum. Es ist das einzige Museum in Russland am Ort eines stalinistischen Gulag-Lagers. 2014 wurde es auf Betreiben der Regionalregierung verstaatlicht. Der ehemalige Trägerverein wurde des Geländes verwiesen, 2015 dann zum sogenannten ausländischen Agenten erklärt. Nach vielen erfolglosen Versuchen, mit der Regionalregierung eine Einigung über eine weitere Tätigkeit auf dem Lagergelände zu erzielen, stellte die NGO ihre Tätigkeit im Jahr 2016 ein. wurde am 5. September 1995 gegründet. Es ist der einzige in Russland erhaltene Gebäudekomplex eines stalinistischen Arbeitslagers. In den Sowjetjahren saßen hier viele Dissidenten ein, darunter Wladimir BukowskiWladimir Bukowski (geb. 1942) ist einer der Begründer der sowjetischen Dissidentenbewegung. Er verbrachte insgesamt zwölf Jahre in Gefängnissen, 1976 wurde er gegen einen inhaftierten chilenischen Kommunisten ausgetauscht und verließ die Sowjetunion. In den späten 2000er Jahren engagierte sich Bukowski bei der Vereinigten demokratischen Bewegung Solidarnost – einem Zusammenschluss verschiedener demokratischer Kräfte. Bukowski stellte einen Antrag auf die russische Staatsbürgerschaft, 2014 erteilte ihm das russische Außenministerium eine Absage. , Sergej KowaljowDer Biophysiker Sergej Kowaljow (geb. 1930) ist ein Mitglied der sowjetischen Dissidenten- und Menschenrechtlerszene, u. a. als Mitautor des Untergrundblattes Chronik laufender Ereignisse. Ab 1994 war er für ein Jahr Menschenrechtsbeauftragter der russischen Regierung und kritisierte als solcher den Einsatz der russischen Armee in Tschetschenien aufs Schärfste. Heute ist er im Vorstand der Menschenrechtsorganisation Memorial. und hunderte andere Polithäftlinge. 
Beinahe 18 Jahre lang war das Museum in den Händen einer unabhängigen Organisation, doch dann beschloss der Staat, es unter seine Kontrolle zu bringen. Die Organisation, die das Museum gründete und betrieb, wurde zunächst zum ausländischen AgentenIm Rahmen der zunehmenden Kontrolle der russischen Zivilgesellschaft wurde 2012 das sogenannte „Agentengesetz“ verabschiedet. Es sanktioniert „politisch aktive“ zivilgesellschaftliche Organisationen, die finanziell aus dem Ausland unterstützt werden. Das Gesetz ist unklar formuliert, sodass die russische Justiz nach eigenem Ermessen entscheidet, welche Organisationen mit dem historisch vorbelasteten „Agenten“-Label versehen werden. Betroffene Organisationen müssen strenge Vorschriften einhalten, die ihre Arbeit erheblich erschweren. erklärt und hat sich 2016 selbst aufgelöst. Max SherMax Sher (geb. 1975) ist ein russischer Fotograf aus St. Petersburg. Er wurde 2008 für die KLM Paul Huf Awards nominiert, eine niederländische Auszeichnung für Fotografen. Beim Cord Prize, mit dem Arbeiten der zeitgenössischen Fotografie auszeichnet werden, kam er 2013 ins Finale. hat 2015 das einzigartige Museum für Meduza fotografiert.

Quelle dekoder

Einfahrtstor zum Arbeitslager

Von der Fernstraße Perm-Tschussowoi abbiegen in Richtung des Dorfes Kutschino: Dort befindet sich das Museum „Perm-36Perm-36 war der inoffizielle Name eines sowjetischen Arbeitslagers für politische Häftlinge, die sich mutmaßlich „besonders gefährlicher Staatsvergehen“ schuldig gemacht hatten. Auf dem Gelände der ehemaligen Kolonie befindet sich seit 1995 ein Museum. Es ist das einzige Museum in Russland am Ort eines stalinistischen Gulag-Lagers. 2014 wurde es auf Betreiben der Regionalregierung verstaatlicht. Der ehemalige Trägerverein wurde des Geländes verwiesen, 2015 dann zum sogenannten ausländischen Agenten erklärt. Nach vielen erfolglosen Versuchen, mit der Regionalregierung eine Einigung über eine weitere Tätigkeit auf dem Lagergelände zu erzielen, stellte die NGO ihre Tätigkeit im Jahr 2016 ein.Perm-36 war der inoffizielle Name eines sowjetischen Arbeitslagers für politische Häftlinge, die sich mutmaßlich „besonders gefährlicher Staatsvergehen“ schuldig gemacht hatten. Auf dem Gelände der ehemaligen Kolonie befindet sich seit 1995 ein Museum. Es ist das einzige Museum in Russland am Ort eines stalinistischen Gulag-Lagers. 2014 wurde es auf Betreiben der Regionalregierung verstaatlicht. Der ehemalige Trägerverein wurde des Geländes verwiesen, 2015 dann zum sogenannten ausländischen Agenten erklärt. Nach vielen erfolglosen Versuchen, mit der Regionalregierung eine Einigung über eine weitere Tätigkeit auf dem Lagergelände zu erzielen, stellte die NGO ihre Tätigkeit im Jahr 2016 ein.

Kontrollpunkt mit Verwaltungs- und Besuchsräumen, oben Stabsunterkunft, rechts Einfahrtstor und Zaun

Mehrfachumzäunung des Lagers

Wohnbaracke aus den 1940er bis 1950er Jahren

Inneneinrichtung einer Wohnbaracke (Rekonstruktion)

Fenster der StrafisolationszelleIm Original SchISO – Abkürzung für Schtrafnoi Isoljator (dt. „Strafisolationszelle“). Isolationshaft wird in Russland meistens als Bestrafung für Regelverstöße in den Gefängnissen ausgesprochen. Die Gefangenenrechte werden hier weitgehend ausgesetzt, Menschen in Isolationshaft haben lediglich ein Anrecht auf Toilettenartikel und ggf. Medikamente. Bis 1988 wurden die Essensrationen in sowjetischen SchISOs um die Hälfte gekürzt, in den Zellen gab es keine Matratzen. Gefangene bezeichneten die Isolationshaft nicht selten als Folter. (SchISO) bzw. Karzer

Gattersäge

Rote EckeRaum oder Teil eines Raumes, der in vielen Betrieben und Einrichtungen der Sowjetunion für politische Bildung genutzt wurde. Die Bezeichnung „rot“ (russisch: krasny) geht nach sowjetischer Deutung auf die Farbe der Oktoberrevolution in 1917 zurück. Entstanden ist der Begriff aber wohl bereits vor der Revolution. Er bezeichnete eine Ecke in einem Wohnhaus, in der sich der Hausaltar befand. Krasny (deutsch: rot) bedeutete in diesem Zusammenhang krasiwy (deutsch: schön) – Rote Ecke bedeutete also schöne Ecke. in der Wohnbaracke. Hier schrieben die Häftlinge Briefe

Besuchszimmer für kurze Treffen ​

Besuchszimmer für längere Treffen ​

Spion an der Tür zum Karzer

Diese Allee dürfte es eigentlich nicht geben, weil das ganze Lager einsehbar sein sollte. Sie wurde in der Zeit angepflanzt, als ehemals hochgestellte Mitarbeiter des NKWDNarodny komitet wnutrennych del (dt. Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war von 1934 bis 1946 der Name des sowjetischen Innenministeriums. Zusätzlich zu den normalen Polizeieinheiten war das NKWD auch für die Geheimpolizei zuständig und daher verantwortlich für zahllose Verbrechen gegen wirkliche oder vermeintliche „Konterrevolutionäre“. Das Ministerium koordinierte außerdem das Straflagersystem Gulag.-KGB und des Innenministeriums verurteilt im Lager einsaßen (1953 bis 1972)

Kontrollpunkt des „Abschnitts mit besonderen HaftbedingungenAls Abschnitt mit besonderen Haftbedingungen (russ. „Utschastok ossobowo Reshima“) wurde im sowjetischen Arbeitslager Perm-36 ein abgegrenzter Bereich bezeichnet, in dem mutmaßliche Polithäftlinge interniert wurden, die wiederholt gegen das Gesetz verstoßen haben sollen.“ („Sonderregime für besonders gefährliche Wiederholungstäter“) 500 Meter vom Stammlager entfernt. Die einzige Abteilung dieser Art in der späten UdSSR für wiederholt politisch Verurteilte war 1980 gegründet worden

Eingang zum Kontrollpunkt der Abschnitts mit besonderen Haftbedingungen

Wohnbaracke auf dem Gelände des Abschnitts mit besonderen Haftbedingungen. Der Holzzaun links versperrte zusätzlich den Blick aus den vergitterten Fenstern

Blick aus einem „Spazierhof”, links der Wach-Balkon

Wachturm auf dem Gelände des Abschnitts mit besonderen Haftbedingungen

Fotos: Max Sher
Übersetzung der Bildunterschriften: dekoder-Redaktion
Veröffentlicht am 05.09.2018

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Der Große Terror

Jeder Sowjetbürger musste in diesem „apokalyptischen Theater des Schreckens“ mit Verhaftung und Hinrichtung rechnen. Dem Großen Terror unter Stalin fielen Hunderttausende zum Opfer. Die Jahreszahl 1937 hat sich als die dunkelste Chiffre sowjetischer Geschichte eingebrannt. Doch 80 Jahre später spricht kaum einer darüber. Nina Frieß über eine tabuisierte Vergangenheit in der gegenwärtigen Erinnerungskultur Russlands.  

Gulag

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Gnosen
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Perm-36

Als der PermerPerm ist mit rund einer Millionen Einwohnern eine Großstadt im Osten des europäischen Teils Russlands und die Hauptstadt des Permski Krai (dt. „Region Perm“). 1723 gegründet, gilt die Stadt als ein großes Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturzentrum Russlands. Zwischen 1940 und 1957 trug die Stadt den Namen Molotow – zu Ehren von Wjatscheslaw Molotow (1890–1986), führender Politiker in der Partei der Bolschewiki und Außenminister der UdSSR unter Stalin. Geschichtsstudent Andrej Kalich und seine Freunde auf einer Paddeltour im Sommer 1988 die zum großen Teil noch erhaltenen Gebäude eines ehemaligen Arbeitslagers entdeckten, ahnten sie kaum, welche Bedeutung jenem Ort zukam. Doch Andrejs Vater, der Permer Journalist und Mitbegründer der örtlichen MemorialEine international aktive russische Menschenrechtsorganisation. 1987/88 unter anderem von dem Wissenschaftler und Dissidenten Andrej Sacharow gegründet, widmet sich Memorial der historischen Aufarbeitung der politischen Repressionen und der sozialen Fürsorge für Überlebende des Arbeitslagersystems Gulag. Auch aktuell setzt sich Memorial für die Wahrung der Menschenrechte ein. Die Organisation ist regelmäßig Ziel von Einschüchterungs- und Behinderungsversuchen seitens der russischen Behörden.-Gruppe Alexander Kalich, konnte der Erzählung seines Sohnes entnehmen, dass es sich um das „Besserungs-Arbeitslager für politische Gefangene VS-389/36“ handeln musste, im Gefangenen-Jargon schlicht als Perm-361 bezeichnet.

Vornehmlich als Graswurzelinitiative entstand dort in den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. eine Gedenkstätte mit einem Museum. Sie entwickelte sich – nicht zuletzt dank dem lokalen Bürgerfestival – in den 2000er Jahren zu einem bedeutenden Zentrum der russischen Zivilgesellschaft. Die aktuellen Entwicklungen im und um das Museum gelten der russischen Opposition als Musterbeispiel für die Neuausrichtung der russischen Geschichtspolitik und für den Umgang des Staates mit unabhängigen zivilgesellschaftlichen Organisationen.

„Perm-36“, in der Sowjetzeit ein Arbeitslager für politische Häftlinge, ist heute Gedenkstätte und Museum / Foto © Max SherGemeinsam mit örtlichen Historikern suchte der Permer Memorial-Mitarbeiter Alexander Kalich im Jahr 1988 das ehemalige Arbeitslager im Dorf Kutschino auf, auf das sein Sohn zufällig bei einer Paddeltour gestoßen war. Schnell erkannten sie dessen welthistorischen Wert: Etwa 150 Kilometer von Perm entfernt, steht dort die einzige nahezu vollständig erhaltene Anlage mit den typischen Holzbaracken eines Straflagers aus der Stalinzeit.

Lager von welthistorischem Wert

1946 als eines der zahlreichen stalinschen Arbeitslager errichtet, sollte es der Holzbeschaffung für die Industrie und für den Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg dienen. Wegen seiner günstigen Lage am Flussufer blieb das Lager jedoch auch nach Stalins TodDer sowjetische Diktator Josef Stalin (geb. 1878) erlag Anfang März 1953 einem Schlaganfall. Da das totalitäre Regime im höchsten Maße personalisiert war, stürzte sein Tod die Sowjetunion in allgemeine Orientierungslosigkeit. Ein Außenseiter kam an die Macht und brach drei Jahre später offiziell mit dem Personenkult um Stalin.  noch in Betrieb und trägt so auch bauliche Spuren späterer Sowjetepochen. Ende der 1950er Jahre erhielt es verstärkte Sicherungsanlagen für die Unterbringung krimineller Mitarbeiter der Sicherheitsorgane. Von 1972 bis 1987 diente die Anlage unter strenger Geheimhaltung als Speziallager für politische Gefangene. Eine etwas abgelegene Scheune wurde zu einer zweiten Abteilung umgebaut, in der überzeugte Gegner der Sowjetmacht im „Sonderregime für besonders gefährliche WiederholungstäterAls Abschnitt mit besonderen Haftbedingungen (russ. „Utschastok ossobowo Reshima“) wurde im sowjetischen Arbeitslager Perm-36 ein abgegrenzter Bereich bezeichnet, in dem mutmaßliche Polithäftlinge interniert wurden, die wiederholt gegen das Gesetz verstoßen haben sollen.“ ihre mehrjährigen Strafen verbüßten. Dissidenten saßen in einer Zelle mit Nazikollaborateuren. Der ukrainische Dichter Wassyl StusWassyl Stus (1938–1985) war ein sowjetischer Dichter, Publizist und politischer Gefangener. Als Verfechter der ukrainischen kulturellen Autonomie und aufgrund seiner literarischen Veröffentlichungen im Selbstverlag (russ. Samisdat) wurde Stus 1972 und 1980 zu insgesamt 23 Jahren Straflager und Verbannung verurteilt. , der 1985 für den Nobelpreis vorgeschlagen worden war, kam hier im selben Jahr unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben.

Wegen des außerordentlichen historischen Werts des Geländes setzte sich in den 1990er Jahren insbesondere Viktor Schmyrow, Dekan an der Permer Pädagogischen Hochschule, gemeinsam mit einigen ehemaligen Insassen aus dem Dissidentenkreis und örtlichen Aktivisten aus dem Umfeld von Memorial, für dessen Erhalt als Gedenkstätte ein.
Am 5. September 1995 war es dann soweit: Die Baracke des „Sonderregimes“ konnte erstmals für den Besucherverkehr geöffnet werden. Viktor Schmyrow und seine Frau, die Permer Historikerin Tatjana Kursina, übernahmen die Leitung der Gedenkstätte. Sie kündigten ihre Stellen an der Pädagogischen Hochschule und widmeten sich ganz der Weiterentwicklung des Museums und Gedenkzentrums für die Geschichte der politischen Repressionen Perm-36 – so der Name der Trägerorganisation. Dank ihrem Engagement erhielt das erste und bis heute einzige Museum in Russland, das sich am Ort eines ehemaligen Arbeitslagers stalinistischen Typs befindet, bald regelmäßige Zuwendungen aus dem Permer Regionalhaushalt. 
2001 konnten schließlich auch die in den 1940er Jahren errichteten Gebäude für den regulären Besucherverkehr geöffnet werden. Auf der Grundlage der Forschung zu den sowjetischen Repressionen in den Archiven der Region konzipierte das Museum Ausstellungen, die nicht nur in Russland, sondern auch in den USA, Großbritannien und Italien gezeigt wurden.2 Für Schüler, Studierende, Lehrer und Museumsfachleute wurden Bildungsprogramme entwickelt. Dabei bemühten sich die Verantwortlichen stets, sowohl die Epoche der SäuberungenAls Stalinsche Säuberungen wird die unter Stalin durchgeführte Repressionswelle gegen mutmaßliche Regime-Feinde bezeichnet. Allein während des Großen Terrors – Höhepunkt der Säuberungswelle – wurden in den Jahren 1937/38 Schätzungen zufolge rund eineinhalb Millionen mutmaßliche Feinde verhaftet. Die Quellenlage ist dürftig, man geht jedoch davon aus, dass etwa 700.000 Menschen exekutiert wurden. Insgesamt fielen den Stalinschen Säuberungen drei bis 20 Millionen Menschen zum Opfer. und des GulagsDer Begriff Gulag steht im weitesten Sinne für das sowjetische Lagersystem und damit für den Terror und den Repressionsapparat, den die kommunistische Partei der Sowjetunion zum Erhalt ihrer Macht aufbaute. GULag ist die Abkürzung für Hauptverwaltung der Erziehungs- und Arbeitslager. Diese Verwaltungsstruktur existierte von 1922 bis 1956 und unterstand dem sowjetischen Sicherheitsdienst. als auch die der Repressionen gegen das spätere Dissidententum in den Blick zu nehmen.

Hauptstadt der russischen Zivilgesellschaft

In den 2000er Jahren entwickelte sich das Museum schließlich zu einem Anziehungspunkt für all jene, die sich in Russland zu einer liberalen Bürgergesellschaft„Liberal“ kann in der russischen Sprache heute vieles bedeuten. Der Begriff hat mehrere Wandlungen durchgemacht und ist nun zumeist negativ besetzt. Oft wird er verwendet, um Menschen vorzuwerfen, sie seien unfähig, schwach und widersetzten sich dem Staat nur, weil sie zu nichts anderem in der Lage seien. Das liberale Credo vom Schutz der Menschen- und Eigentumsrechte, so heißt es oft, lenke davon ab, dass unter liberaler Führung der Staat zugrunde gehen würde. zählten. Besonders deutlich wurde das beim Bürgerfestival Pilorama: ein Festival mit Konzerten, Kunstausstellungen, Theateraufführungen und zahlreichen Diskussionsforen, das jährlich tausende Teilnehmer für ein Juliwochenende nach Kutschino lockte. Auf dem Festival diskutierten Vertreter der liberalen Parteien mit ehemaligen politischen Gefangenen über die brennenden Fragen der Zeit. Musiker wie Andrej MakarewitschMit seiner 1969 ins Leben gerufenen Band Maschina Wremeni (dt. „Zeitmaschine“) zählt Frontmann Andrej Makarewitsch zu den Pionieren der sowjetischen Rockmusik. Nach kritischen Äußerungen zur Politik des Kreml im Ukraine-Konflikt und einem Konzert in der Ostukraine für geflüchtete Kinder aus dem umkämpften Donbass-Gebiet gilt Makarewitsch in Teilen der russischen Gesellschaft als Volksverräter. Im russischen Fernsehen wurde ihm unter anderem vorgeworfen, den Faschismus und die Ermordung von Landsleuten zu unterstützen. gaben Konzerte, 2010 inszenierte ein internationales Künstlerteam auf dem Lagergelände die Oper Fidelio von Beethoven. 

Das Pilorama, aber auch die vielfältigen Permer Bürgerinitiativen, verschafften der Stadt den Ruf als „Hauptstadt der russischen Zivilgesellschaft“. Dies passte perfekt in das Entwicklungskonzept, das der damalige Gouverneur Oleg Tschirkunow für die Region hegte. Er lud wichtige Vertreter der russischen liberalen Kulturelite nach Perm ein – wie den Galeristen Marat GelmanEin erfolgreicher russischer Galerist und Publizist (geb. 1960). In der moldawischen SSR geboren und zum Ingenieur ausgebildet, übersiedelte er infolge seiner ersten Ausstellung 1987 nach Moskau, wo er 1990 eine der ersten unabhängigen Galerien für zeitgenössische Kunst eröffnete. Diese entwickelte sich zum Zentrum der modernen Kunstszene Russlands. Gelman stand zwischen 2009 und 2013 auch dem neu gegründeten Museum für moderne Kunst in Perm vor., den Dirigenten Teodor Currentzis und den Regisseur Boris Milgram, die mit avantgardistischen Ausstellungen, Ballett- und Theateraufführungen eine „kulturelle Revolution“ entfachten. So brachte er Perm kurzzeitig auf die Liste der interessantesten kulturellen Zentren Europas.

Politische Kehrtwende

Die Wende zeichnete sich aber schon im Jahr 2012 ab. Kurz vor der Rückkehr Putins ins PräsidentenamtRokirowka - zu Deutsch Rochade - ist ein aus dem Schach entlehnter Begriff, der im russischen politischen Diskurs einen Ämtertausch meint, genauer die Rückkehr Wladimir Putins in das Präsidentenamt 2012 nach der Interimspräsidentschaft von Dimitri Medwedew (2008-2012). reichte Tschirkunow ein Gesuch auf seine vorzeitige Abberufung ein. Der neu eingesetzte Gouverneur Viktor Bassargin, der zuvor den Posten des föderalen Ministers für regionale Entwicklung bekleidete, entledigte sich zügig der „Mannschaft“ seines Vorgängers und berief den Schauspieler Igor Gladnew als regionalen Kulturminister. Dieser wiederum entließ umgehend Marat Gelman als Leiter des örtlichen Museums für moderne Kunst und strich die Fördergelder für dessen avantgardistische Projekte. 

Diese politische Kehrtwende konnte auch an dem Museum und seinem Festival nicht spurlos vorübergehen. Einen ersten Hinweis erhielten seine Betreiber bereits im selben Jahr, als in einer regionalen Zeitschrift ein Interview mit einem ehemaligen Wärter des Straflagers Perm-36 abgedruckt wurde: „Im Gulag kamen tausende Leute um [...] Das waren die 1930–50er Jahre. Was hat Perm-36 damit zu tun – mit seinen sauberen, satten Häftlingen, die sich auf Werkbänkchen mit der Herstellung von Anschlussklemmen für Bügeleisen beschäftigten?“3 Dieser Vorwurf der Geschichtsfälschung gegenüber den Betreibern des Museums war der Auftakt einer breiten Kampagne gegen das Museum, an der sich sowohl andere ehemalige Mitarbeiter des Lagerwesens als auch die Kommunistische Partei der Russischen FöderationDie KPRF ist die Kommunistische Partei der Russischen Föderation. Sie ist die direkte Nachfolgeorganisation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und orientiert sich politisch an einem sozialistischen Kurs, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht jedoch auch von ihrer Vorgängerin. Bei den letzten Parlamentswahlen 2016 erreichte die KPRF 13,3 Prozent der Wählerstimmen und bleibt damit die größte Oppositionspartei im Parlament. und die neostalinistischeDer Terminus Neostalinismus wurde bereits Ende der 1940er Jahre geprägt und in den 1950er und 1960er Jahren dazu verwendet, die Politik sowjetischer, chinesischer und osteuropäischer Parteidiktaturen zu beschreiben. Organisation Sut WremeniSut Wremeni (engl. „Essence of Time“) ist eine soziale Bewegung aus Russland, die sich als linkspatriotisch bezeichnet. Während der Bolotnaja-Proteste der Jahre 2011/12 führte Sut Wremeni Gegendemonstrationen durch. Manche staatsnahe Medien sahen darin eine Loyalitätsbekundung gegenüber Wladimir Putin. Einige Mitglieder der Bewegung kämpfen seit 2014 aufseiten der DNR-Separatisten im Donbass-Krieg. (in Europa unter dem Namen Essence of Time bekannt) beteiligten. 

Im folgenden Jahr warfen einzelne Vertreter dieser Gruppen den Museumsbetreibern wiederholt vor, dass sie weder die Haftbedingungen der ehemaligen Insassen noch die Zusammensetzung des Lagers korrekt darstellen würden. Insgesamt schade das Museum der jungen Generation in der Ausbildung einer patriotischen Gesinnung. Die Teilfinanzierung der NGO über US-amerikanische Stiftungsgelder galt als Beleg dafür, dass es sich bei dem Museum um eine feindliche, aus dem Ausland gesteuerte StrukturIm Rahmen der zunehmenden Kontrolle der russischen Zivilgesellschaft wurde 2012 das sogenannte „Agentengesetz“ verabschiedet. Es sanktioniert „politisch aktive“ zivilgesellschaftliche Organisationen, die finanziell aus dem Ausland unterstützt werden. Das Gesetz ist unklar formuliert, sodass die russische Justiz nach eigenem Ermessen entscheidet, welche Organisationen mit dem historisch vorbelasteten „Agenten“-Label versehen werden. Betroffene Organisationen müssen strenge Vorschriften einhalten, die ihre Arbeit erheblich erschweren. handele. Auf dieser „NATO-Basis“4 werde das Ziel verfolgt, Russland von innen heraus zu zerstören.

Perm-36 als ausländischer Agent

Die Attacken boten der neuen Regionalregierung zunächst den Anlass, dem Pilorama im Sommer 2013 die Fördergelder zu streichen, sodass es nicht mehr stattfinden konnte. Der Museumsleitung wurde „zu ihrer Absicherung“ die Verstaatlichung angeboten.
Doch die vorgeblich zum Schutz der inzwischen weltweit bekannten Institution initiierte Verstaatlichung stellte sich bald als eigentliche Gefährdung heraus: Durch das Abschalten von Strom, Gas und Wasser wurden die Betreiber gezwungen, das Museum kurz nach der Verstaatlichung im Frühjahr 2014 für den Besucherverkehr zu schließen. Dies war zudem ein willkommener Anlass für den örtlichen Kulturminister, Tatjana Kursina als Direktorin zu entlassen. Im Anschluss wurden Bibliothek, Archiv und Bestände des vorherigen Trägers konfisziert und die Ausstellung an das heroische Geschichtsnarrativ angepasst: Der Raum mit den Biographien ehemaliger dissidentischer Insassen wurde geschlossen, hingegen der Beitrag der Gulag-Häftlinge zum Sieg im Großen Vaterländischen KriegAls Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte. auf Schautafeln dokumentiert.
Während die ehemaligen Wächter des Arbeitslagers in den Beirat drängten, distanzierten sich die ehemaligen Insassen von der Institution. Der frühere Trägerverein wurde als ausländischer Agent gelistet und mit Gerichtsverfahren überzogen. Zermürbt gaben dessen Akteure im März 2015 auf.

An diesem Vorgang vermochten weder die mit zahlreichen Unterschriften versehene Petition an den Gouverneur und den russischen Präsidenten noch Proteste seitens russischer Prominenter, nationaler und internationaler Organisationen etwas zu ändern – genauso wenig wie die Interventionen des russischen Präsidialen Menschenrechtsrats. Die lang andauernde Skandalisierung in der russischen und internationalen Presse sowie diplomatische Bemühungen scheinen aber zumindest eines erzielt zu haben: 2016 berief man Julia Kantor, die ehemalige Beraterin des Direktors der St. Petersburger Eremitage, zur Kuratorin. Zumindest die ehemaligen dissidentischen Insassen des „Sonderregimes“ erfahren durch Kantors Einflussnahme wieder eine Würdigung am Ort ihrer langjährigen Haftstrafen. Bibliothek, Archiv und Museumsbestände der Museumsgründer gelten jedoch bis heute als „verschollen“.


1.Im Permer Gebiet existierten in den 1970er und 1980er Jahren unter den Jargon-Bezeichnungen „Perm-35“ und „Perm-37“ noch zwei andere Speziallager für politische Gefangene. Alle drei Lager wurden unter der Bezeichnung „Permer Dreieck“ zusammengefasst.
2.So wurde zum Beispiel die Ausstellung „GULag: The Story of one Camp“, über die bekanntesten dissidentischen Insassen des Lagers, 2003 in mehreren Städten der USA, Großbritanniens und Italiens gezeigt. Die Ausstellung „Russia, the Hard Way out of the Gulag“ über Russlands Auseinandersetzung mit seiner Gulag-Vergangenheit wurde 2005 in mehreren amerikanischen Städten gezeigt, vgl. Abzalova, Ekaterina, The Memorial Center for the History of Political Repression “Perm-36“, S. 8 
3. vgl. Perm.aif.ru: Byvšij nadziratel' „Permi-36“ uličil „Piloramu“ v fal’sifikacii istorii 
4. vgl. Kprf.perm.ru: Prodolžaetsja serija piketov „Net baze NATO v Perm’-36“ 
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