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Historische Presseschau: Mauerfall 1989

 
9. November 1989: Politbüro-Mitglied Günter Schabowski gibt auf Nachfrage versehentlich eine neue Reiseregelung bekannt, mit der die Mauer für DDR-Bürger praktisch durchlässig wird: Jeder, so wird angekündigt, könne ein Visum beantragen. Die Regelung sollte eigentlich noch bis zum nächsten Morgen, den 10. November 1989, 4 Uhr, unter Verschluss bleiben. Doch es kam anders.

Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer. Es ist ein politisches Erdbeben für die beiden deutschen Staaten und das geteilte Berlin, als den DDR-Grenzern beim Ansturm der Menschen am 9. November 1989 nur die Wahl blieb zwischen Schießen und Nachgeben.

Die Massen bahnen sich ihren Weg an der Bornholmer Brücke, der Invalidenstraße, dem Brandenburger Tor. Die Bilder aus dieser historischen Nacht zeigen, wie die Menschen friedlich die Mauer überwinden – von Ost nach West, von West nach Ost. Die deutsche Wiedervereinigung wurde im Jahr darauf, am 3. Oktober 1990, Realität – aber das ahnt im November 1989 noch keiner. Der Jubel an der geöffneten Grenze 1989 schuf ikonische Bilder im Gedächtnis der deutsch-deutschen Geschichte.  

Doch wie wurde dieses Ereignis in der Sowjetunion bekannt? Was haben die Zeitungen an den Folgetagen geschrieben – wie unterschiedlich haben sie berichtet, im Vergleich zu den Medien in der BRD, wie auch zu den Medien in der DDR?  

dekoder zeigt Ausschnitte in einer historischen deutsch-deutsch-sowjetischen Presseschau.

РУССКАЯ ВЕРСИЯ

Quelle dekoder

Die Pressekonferenz in den Nachrichten

#DDR: Privatreisen können beantragt werden

Die Aktuelle Kamera, Hauptnachrichtensendung im DDR-Fernsehen, berichtet von der neuen Reiseregelung, die Politbüro-Mitglied Günter Schabowski überraschend verkündet hat:

#BRD: Pressekonferenz plätschert dahin, aber dann

In der Bundesrepublik füllen sich die TV-Nachrichten allmählich mit der Neuigkeit – um 20 Uhr die Hauptausgabe der Tagesschau

#UdSSR: An der Schwelle zum Winter

Die Titelseite der Prawda, des Parteiorgans der KPdSU, bleibt am nächsten Morgen, dem 10. November, unbeeinflusst vom Mauerfall im fernen Berlin – wie auch die anderen Aufschlagseiten der sowjetischen Presse. Aufmacher-Thema der Prawda ist, wie es um die Viehzucht in den Kombinaten vor dem nahenden Winter bestellt ist. 

Auch insgesamt spielen die Ereignisse in Berlin eine untergeordnete Rolle und werden wenn, dann auf den Auslands-Seiten behandelt. Die Mauer war in der UdSSR lange ein heikles Thema; hinzu kommt, dass die eigenen wachsenden Probleme täglich die Zeitungen füllen:

#UdSSR: Harter Schnitt mit alten Dogmen

Am 11. November dann greift die Prawda die Grenzöffnung von Berlin in ihrem Auslandsteil, Seite 6, auf und kommentiert:

Deutsch
-
Die jetzige Entscheidung der DDR-Regierung ist ein mutiger und weiser politischer Schritt, der einen harten Schnitt mit alten Dogmen bezeugt. Er zeigt, dass sich die heutige DDR selbst den Weg in ein neues politisches Denken weist, ein Denken, das sich durch eine kreative Herangehensweise an die schwierigen Fragen auszeichnet, die das Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander so lange verkompliziert haben.

 


Prawda, 11.11.1989, Gordijew usel rasrubljon, Mai Podkljutschnikow 

#BRD: „Geschafft! Die Mauer ist offen“

Das Boulevardblatt Bild am 10. November 1989 mit der Schlagzeile: „Geschafft! Die Mauer ist offen“. Alle Zeitungen in der BRD titeln – analog zur Bild – am 10. November 1989 mit der Nachricht zur Maueröffnung:

#DDR: Wie der Regierungssprecher mitteilte …

In der DDR druckt das SED-Parteiorgan Neues Deutschland (wie die anderen großen Parteiblätter auch) am 10. November allein die nüchterne – über den DDR-Nachrichtendienst ADN verbreitete – Mitteilung zur Reiseregelung im Wortlaut ab:

Deutsch
-
Wie der Regierungssprecher mitteilte, hat der Ministerrat der DDR beschlossen, daß bis zum Inkrafttreten einer entsprechenden gesetzlichen Regelung der Volkskammer folgende Bestimmungen für Privatreisen und ständige Ausreisen aus der DDR ins Ausland mit sofortiger Wirkung in Kraft gesetzt werden. [...]

 


Neues Deutschland, 10.11.1989, DDR-Regierungssprecher zu neuen Reiseregelungen, Nachrichtenagentur ADN 

#UdSSR: Massenflucht schadet nicht nur der DDR

Ausnahme unter den sowjetischen Blättern: Sofort am 10. November berichtet die Izvestia, die damalige Regierungszeitung, auf Seite 4 unter dem Titel Suchen nach Auswegen aus der Krise über die neue DDR-Reiseregelung:

Deutsch
-
Am Donnerstagabend haben lokale und westliche Radio- und TV-Sender diese Nachricht gemeldet: Auf Beschluss der DDR-Regierung ist die Grenze zwischen der DDR und Westberlin geöffnet. 
[...] Innerhalb der letzten zwei Tage betrug die Zahl der ständigen Ausreisen aus der DDR in die BRD über die Tschechoslowakei nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa ungefähr 19.000. Mit so einem Andrang hat die BRD, wie es aussieht, nicht gerechnet.
[…] Die lokale Bevölkerung stöhnt im wahrsten Sinne des Wortes. Man scheint in der BRD und in Westberlin verstanden zu haben, dass die Massenflucht nicht nur der DDR schadet.

 


Izvestia, 10.11.1989, Poiski wychoda iz krisissa, W. Lapski

Die Nacht des 9.11.1989 in den Nachrichten

#BRD: Vorsicht vor Superlativen – aber nicht heute

Die ersten Bilder: Die Tagesthemen mit Hanns Joachim Friedrichs haben am Abend des 9. November den Fernsehreporter Robin Lautenbach für eine Live-Schalte zum Grenzübergang Invalidenstraße geschickt:

#UdSSR: Zum Mauerfall in Moskau

Wie war es im November 1989, in Moskau vom Mauerfall zu erfahren und die Ereignisse von dort aus zu verfolgen? Elfie Siegl war zum damaligen Zeitpunkt bereits langjährige Korrespondentin für den RIAS Berlin und die Frankfurter Rundschau – so erinnert sie sich:

#DDR:  Ein Stück Vertrauen gewonnen

In der DDR sind am 11. November in allen Blättern lange Reportagen und Interviews zu lesen. Ebenso in der Jungen Welt, seinerzeit Zentralorgan des staatlichen Jugendverbandes FDJ und Ende der 1980er Jahre bei einer Auflage von 1,6 Millionen: 

Deutsch
-

„Einfach toll. Wahnsinn“ – viele können es kaum glauben, sind fassungslos. Wie es weitergeht? Daran denkt hier und heute erst mal keiner. Anja hat heute auch ein Stück Vertrauen gewonnen, sagt sie. „Ihr seid zu viert?“ fragen wir ein Trüppchen, das offensichtlich zusammengehört – Textiltechnik-Studenten. „Ja, wir kommen auch zu viert wieder zurück.“

 


Junge Welt, Wochenend-Ausgabe 11./12.11.1989, Zu viert gehen wir rüber und zu viert auch zurück – Verlag 8. Mai GmbH/junge Welt

#DDR: Wer weiß, wann wieder Schluss ist

Die Berliner Zeitung sieht einen ähnlichen Trend des Rückkehrens nach dem Besuch im Westen, gibt in einer Meldung aber auch zu bedenken:

Deutsch
-
Fast alle DDR-Bürger, die seit der Nacht zu gestern die Grenze zur BRD passiert haben, wollten, wie zu erfahren war, noch am selben Tag oder nach dem Wochenende wieder in ihre Heimat zurückkommen. [...] Zu hören war: Heute abend sind wir wieder da. Aber auch: Wer weiß, wann wieder Schluß ist damit. Rund 3250 hätten sich Angaben aus Bonn zufolge als Übersiedler registrieren lassen.

 


Berliner Zeitung, 11./12. November 1989, Heute abend sind wir wieder da

#BRD: Nur noch ein schüchterner Wasserwerfer

In den bundesdeutschen Blättern finden mit der Nachricht zur Grenzöffnung auch die ersten Reaktionen Eingang in den Druck für den nächsten Tag (10. November), während am 11. November die großen Reportagen folgen – Beispiel taz:

Deutsch
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In einer ersten Reaktion zeigte sich der Regierende Bürgermeister West-Berlins [Walter Momper – dek] ‚sehr froh‘ und appellierte an die Berliner, sich ebenfalls zu freuen, „auch wenn wir wissen, dass daraus viele Lasten auf uns zukommen werden“.

 


taz, 10.11.1989, Ein historischer Tag: DDR öffnet die Mauer. Momper: Kommt bitte mit der S-Bahn

Deutsch
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Die Fernsehteams haben die Mauer taghell ausgeleuchtet, ein Wasserwerfer spritzt noch schüchtern von Ost nach West, mehrere Hundert, vielleicht Tausend umlagern die historische Stätte. [...] Die Berliner stürmen die Mauer. Kaum einer kommt oben an, ohne zu jauchzen und die Arme hochzureißen. ‚Die Mauer muss weg! Die Mauer muss weg!‘ heißt die Parole des Abends. Nur: der Chor ist schon von der Realität überholt. 

 


taz, 11.11.1989, Das Volksfest auf der Mauer, Manfred Kriener

#UdSSR: Erst die Regierung, dann das Politbüro

In der Sowjetunion gibt es Zeitungen und Magazine, die den Mauerfall noch Tage und Wochen später nicht aufgreifen. Die Tageszeitung Trud, Organ des Gewerkschaftskomitees, legt für den 12. November im Korrespondentenbericht aus Berlin allein den Fokus auf die zeitgleich ablaufenden Umbildungen an der DDR-Staatsspitze:

Deutsch
-
Gestern hat unsere Zeitung über die Ergebnisse des 10. Plenums des ZK der SED berichtet. Aber davor war es im Land zu etwas nie Dagewesenem gekommen, als innerhalb von nur zwei Tagen als erstes die Regierung und dann das Politbüro des Zentralkomitees der Regierungspartei zurücktraten. 

Eine neue Regierung ist noch nicht gewählt. [...] 

 


Trud, 12.11.1989, GDR: Dni peremen, W. Nikitin

#UdSSR: Sektkorken ohne Exodus

Ganz anders die Komsomolskaja Prawda, damals Presseorgan der kommunistischen Jugenorganisation Komsomol, die bereits am 11. November eine Reportage bringt – nah dran am deutsch-deutschen Puls der Zeit:

Deutsch
-
Bei jedem Schritt knallten Korken der Sektflaschen, brannten Wunderkerzen. „Heute ist in Berlin ein Feiertag“, rief jemand aus der Menge erklärend einem Ausländer zu. [...] Wonach sah das aus? Nach allgemeiner Euphorie? Nach Verbrüderung? Ja, wenn man bedenkt, dass sich direkt vor meinen Augen Verwandte trafen, die auf verschiedenen Seiten der Grenze leben. 
Aber womit es überhaupt keine Ähnlichkeit hatte, war ein Exodus. 

 


Komsomolskaja Prawda,  11.11.1989, Tschelowek prochodit skwos stenu, S. Maslow
Foto © Dave Tinkham/datapanikdesign

#BRD: Hadern im Hinterland

Fern der überlaufenen Grenzübergänge in Berlin blickt die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach Leipzig: 

Deutsch
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Wie groß das Mißtrauen der Menschen in der DDR gegen die bisher Herrschenden ist, zeigt sich in dieser Donnerstagnacht noch auf andere Weise. Gerade vor wenigen Stunden hat das Politbüromitglied Schabowski auf einer im DDR-Rundfunk direkt übertragenen Pressekonferenz fast beiläufig erwähnt, jeder DDR-Bewohner könne mit sofortiger Wirkung ohne Vorliegen besonderer Voraussetzungen ins Ausland reisen. Doch von Freude, Erleichterung, Genugtuung ist wenig zu spüren auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig – vor der Litfaßsäule werden kaum Worte gewechselt. Von der neuen Reisefreiheit spricht niemand.

 


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.1989, Nach dem Treffen mit Krenz ist Rau auch ratlos, Albert Schäffer

... und zum Grenzkontrollpunkt Helmstedt zwischen heutigem Sachsen-Anhalt und Niedersachsen:

Deutsch
-
Die kühnste Vorstellung wird in Gedanken deshalb Wirklichkeit, weil niemand denkt, dass sie Wirklichkeit werde. Daß die Mauer aufbrechen, die Grenze durchlässig werde, haben in Helmstedt und die Menschen überall am Zonenrand immer gewünscht. Sie wußten zugleich, daß sie ein Stück ihrer Identität verlieren, wenn dies Wirklichkeit werde.

 


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.1989, Ein Licht nach langer Dunkelheit, Ulrich Schulze

Was bleibt? Was kommt? 

#BRD: „Wir bleiben dran“

Die Zeit beleuchtet die Aktivitäten neuer politischer Gruppen, die im SED-Staat immer stärker ein Mitspracherecht einfordern. 

Deutsch
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Wir bleiben hier, wir bleiben dran, bleib auch Du in der DDR“ ist in grellen Farben auf den Lack gemalt. An der Antenne wehen grüne Bänder, Zeichen der Hoffnung. Auf der anderen Seite des Autos ist zu lesen, für wen Uwe Jahn wirbt, für die Initiativbewegung Demokratie Jetzt. [...] Seine Gruppe trifft sich bei ihm im Büro, gemeinsam überlegen die sechs Männer ihre nächsten Schritte: Unterschriften sammeln für einen Volksentscheid über eine Verfassungsänderung, die der SED den Führungsanspruch nehmen soll, eine Demonstration im Betriebshof in der kommenden Woche.

 


Die Zeit, 24.11.1989, Pläne schmieden für die neue Zeit, Marlies Menge

#DDR: Machtmissbrauch offenlegen

Die neu gewonnene Reisefreiheit täuscht für die Neue Zeit, Parteiblatt der Ost-CDU, nicht über bestehende Missstände in der DDR hinweg. Sie kommentiert:

Deutsch
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Nach wie vor erfährt die Öffentlichkeit nichts über das, was angemahnt und lautstark von Hunderttausenden auf den Demonstrationen gefordert wurde: Privilegien, Machtmißbrauch. So viele von denen, die Amt und Funktion ausnutzten zur persönlichen Bereicherung, sitzen noch immer in der Volkskammer, in Bezirkstagen und anderen Leitungen. Sie hören die Anwürfe und – schweigen. 

 


Neue Zeit, 20.11.1989, Vom Wasser gepredigt, vom Wein getrunken, Klaus M. Fiedler

#BRD: Meine erste Banane

Zonen-Gaby heißt eigentlich Dagmar, kommt aus Rheinland-Pfalz und stand im Jahr 1989 Modell  für den Titel der November-Ausgabe der Satirezeitschrift Titanic. Das Bild wurde Kult und gilt als berühmtester Titanic-Titel, vielfach nachgedruckt und bis heute gern zitiert:

„Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“

#UdSSR: Süßes Wort „Freiheit“

Die Wochenzeitung Moskowskije Nowosti, damals ein wichtiges Forum für Gorbatschows Perestroika-Politik und auch international in mehreren Sprachen vertrieben, zieht historisch große und vieldeutige Parallelen:

Deutsch
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Als die jungen Deutschen tanzend am Brandenburger Tor über die Fernsehbildschirme liefen, werden im Gedächtnis lange vergangene Schattenbilder wach – die der Pariser, die vor 200 Jahren auf den Ruinen der Bastille tanzten. Selbstverständlich stand die Mauer an Symbolgehalt dem feudalen Kerker in nichts nach. Dieses elende Symbol der Teilung Europas und der Welt, der Konfrontation, des Kalten Krieges und vor allem das Symbol unserer und unserer Verbündeten Angst vor der Bewegungsfreiheit von Menschen, der Zirkulation von Ideen, von Freiheit ganz generell. Es war das Symbol des feudalen Sozialismus. [...]
Jeder in der DDR, dem das Wort Freiheit süß erscheint, ist froh über die Umwälzungen. Aber unsere Besorgnis werden wir nicht verheimlichen: Ende vergangener Woche hatte die Polizei sowohl von der einen als auch von der anderen Seite Skinheads, jugendliche Neonazis und Randalierer zu verjagen. Im Übrigen: Der Fall der Bastille, wie man weiß, war nicht der Weg zu Frieden und Glückseligkeit auf unserer sündigen Erde. Ungeachtet dessen haben wir dieses Ereignis 200 Jahre später groß gefeiert.

 


Moskowskije Nowosti, 19.11.1989, Berlinskaja stena: Kto stroil, tot i snossit, Wladimir Ostrogorski

#BRD: Wirtschaften ohne Lehrbuch

Die Mauer ist seit zehn Tagen Geschichte: Der Spiegel macht sich Gedanken darüber, was die Öffnung nach anfänglicher Begeisterung an der Börse wirtschaftlich für beide Seiten, BRD und DDR, bedeutet:

Deutsch
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Den Börsianern und Kleinanlegern, den Managern und den Politikern dämmerte, daß mit der plötzlichen Öffnung der bislang hermetisch verriegelten DDR eine ökonomische Situation eingetreten war, für die es keine historische Parallele gibt; für die sich auch in keinem Lehrbuch der Volkswirtschaft eine Handlungsanweisung finden läßt. Es ist eine Situation voller Risiken.
[...] Viel Zeit zum Reagieren haben Modrow, Krenz und Genossen nicht. Durch die offene Grenze laufen ihnen, wenn die ökonomische Lage sich nicht bald zum Besseren wendet, die Jungen und die Fähigen davon. Richtung Westen droht zudem, wegen der vertrackten Umtauschverhältnisse, ein Ausverkauf der spärlichen Güter.
 

 


Der Spiegel, 20.11.1989, Da rollt eine Lawine

#UdSSR: Die Perestroika überholt

Die Wochenzeitung Argumenty i Fakty, lange nur Funktionären zugänglich, in den 1980er Jahren aber zum vielgelesenen Leserforum avanciert, sieht die Maueröffnung als weitreichendes Signal für die gesamte innere Verfasstheit der DDR:

Deutsch
-
Es besteht kein Zweifel daran, dass das, was in der DDR im Herbst dieses Jahres geschehen ist, eine Revolution war. [...] Der Oktober wurde für die DDR zu einer Zeit, in der unter die gesamte historische Periode des verwaltungsökonomischen, stalinistischen Entwicklungspfades ein Strich gezogen wurde. Ein Pfad, der sich auch hier erschöpft und die Republik weiter in eine Sackgasse geführt hatte. [...] 
An Intensität in der Dynamik und Dramatik übertraf das deutlich unsere Perestroika.

 


Argumenty i Fakty, 9.12.1989, Oktjabrskaja revoluzija v GDR, S. Rjabikin

Zusammenstellung der Presseschau: Xenia Gerber, Jakob Koppermann, Alena Shyrko, Chantal Stannik (Universität Hamburg)
Titelbild: Dave Tinkham/datapanikdesign
Kapitelbild: © Thorsten Koch/flickr.com/CC BY 2.0 

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Die Sowjetunion und der Fall der Berliner Mauer

Das Jahr 1989 hat für Ostmitteleuropa, die DDR und auch für China klare Erzählungen parat: sie handeln entweder vom Ende kommunistischer Herrschaft in einer friedlichen Revolution oder von der Repression einer beginnenden Freiheitsbewegung, die von den Panzern der „Volksbefreiungsarmee“ am Tiananmen zerschlagen wurde. In diesen Ereignissen liegt die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Epochenjahres begründet. Doch wie reagierte Moskau auf die dramatischen Ereignisse damals, etwa auf den Mauerfall am 9. November in Berlin? Schließlich war es die sowjetische Führung, die im Frühjahr 1985 mit der Wahl Michail Gorbatschows für neue Dynamik in der erstarrten Ordnung des Kalten Krieges sorgte.

Das sowjetische Jahr 1989

In den Jahren von Glasnost und Perestroika war die UdSSR für kurze Zeit tatsächlich jene historische Avantgarde, die sie seit 1917 vorgab zu sein. In immer schnelleren Schritten betrieb die Führung um Michail Gorbatschow den Umbau des politischen Systems. Sie lockerte die einst allmächtige Zensur, ließ politische Gefangene frei und begann mit der Privatisierung der Wirtschaft zu experimentieren. Mit den Wahlen zum Kongress der Volksdeputierten der UdSSR am 26. März 1989 stand die UdSSR im Frühjahr noch an der Spitze der Reformen in den kommunistischen Diktaturen Osteuropas. Doch im Laufe des Jahres sollte sie diese Position einbüßen. Zugleich entwickelte die von Gorbatschow initiierte „oktroyierte Zivilisierung“ der sowjetischen Gesellschaft neue Dynamiken, die sich der Steuerung von oben zunehmend entzogen. Dazu gehörte auch die Erosion des sowjetischen Staates an seinen Peripherien: Vom Baltikum bis in den Kaukasus schwand bereits 1989 mit der Macht der Partei auch die Autorität des Zentrums.

Insgesamt verschoben sich die Schwerpunkte sowjetischer Politik. Während nach 1945 das Imperium in Osteuropa stets im Fokus gestanden hatte – insbesondere während der Krisen von 1953, 1956, 1968 und 1980/81 – verlagerte sich nun die Aufmerksamkeit. Michail Gorbatschow und seine Führungsmannschaft waren insbesondere an besseren Beziehungen zum Westen interessiert. Die Vereinigten Staaten und auch die Bundesrepublik Deutschland genossen bald besondere Priorität. Wegen der Verweigerung von Reformen in der DDR, der ČSSR, in Rumänien oder Bulgarien wuchs die politische Distanz zu den „Bruderländern“. Außerdem verabschiedete sich die sowjetische Führung von der Breschnew-Doktrin, die besagte, dass sozialistische Staaten nur begrenzt souverän sind und die Sowjetunion das Recht besitzt, jederzeit – auch gewaltsam – in ihre Angelegenheiten zu intervenieren. Während der Wahlen in Polen im Juni zeigte sich, dass Moskau tatsächlich kein Interesse hatte, politisch oder militärisch in seinem Glacis zu intervenieren. Der Kreml akzeptierte die Niederlage der Kommunisten. Es öffnete sich ein Ermöglichungsraum für Veränderungen, den es so in Europa seit Jahrzehnten nicht gegeben hatte.

Das Jahr 1989 in der DDR

Die DDR und die UdSSR verband über Jahrzehnte eine special Relationship. Der kommunistische Staat auf deutschem Boden symbolisierte den sowjetischen Sieg von 1945. Auch wenn es nur das halbe Deutschland war, so handelte es sich doch um ein Kronjuwel des sowjetischen Imperiums. Über Jahrzehnte konnte in der DDR keine gewichtige politische Entscheidung ohne sowjetische Rückendeckung getroffen werden. Das galt natürlich insbesondere, wenn es um Macht ging – und im Kalten Krieg waren Grenzfragen selbstredend Machtfragen. Die halbe Million sowjetischer Soldaten auf deutschem Boden war ein weiterer Faktor und natürlich war die sowjetische Botschaft – eigentlich ein eigenes Städtchen entlang des Boulevards Unter den Linden – über die Lage im Lande stets gut im Bilde. Zusätzlich unterhielt der KGB eine große Residentur in Berlin-Karlshorst.

Die SED-Führung wusste um ihre Abhängigkeit von Moskau. Während die anderen kommunistischen Staaten Osteuropas auch über eigene nationale Legitimationen verfügten, stützte sich Ost-Berlin auf den „Sieg über den Faschismus“ und die „Freundschaft zur Sowjetunion“ als Staatsräson. Der „Sozialismus auf deutschem Boden“ war nur als sowjetisches Protektorat denkbar. Doch mit Beginn der Perestroika begann eine gefährliche Entfremdung zwischen der DDR und ihrer Schutzmacht. Während Gorbatschow und seine Mitstreiter von der Notwendigkeit tiefgreifender Reformen überzeugt waren, hielten Erich Honecker und seine Genossen im SED-Politbüro die DDR für einen sozialistischen Musterstaat. Als Reaktion auf die sowjetischen Reformen fragte der Ost-Berliner Chef-Ideologe Kurt Hager bereits 1987 rhetorisch: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ Damit war auch öffentlich der Bruch vollzogen.

Zu Beginn des Epochenjahres 1989 gehörten die DDR wie auch Rumänien oder die Tschechoslowakei zu den erbittertsten Gegnern der Moskauer Reformpolitik. Honecker und die SED-Führung befürchteten, dass Moskau auf dem Weg sei, den Sozialismus zu verraten. Ost-Berlin sah sich im Gegensatz zum Kreml als Anker der Stabilität und Verteidiger der Ordnung von Jalta und Helsinki in Europa. Drei Faktoren begannen jedoch seit dem Frühjahr 1989 die SED-Herrschaft zu schwächen: die Proteste der eigenen Bevölkerung, die seit den gefälschten Kommunalwahlergebnissen vom Mai eine neue Qualität gewannen, der sich verschlechternde Gesundheitszustand des Generalsekretärs Erich Honecker und der steigende Druck ausreisewilliger DDR-Bürger, die begannen, nach Schlupflöchern im erodierenden Eisernen Vorhang zu suchen und sie in Ungarn sowie in den deutschen Botschaften von Prag oder Warschau fanden. So wurde im Sommer aus der stillgelegten DDR-Gesellschaft sukzessive ein Land in Gärung, Aufruhr und Aufbruch. Auf sowjetische Hilfe konnte die SED beim Machterhalt nicht zählen: Michail Gorbatschow entschied bereits zu Beginn des Herbst 1989, dass die sowjetischen Truppen in den Kasernen bleiben würden.

Missverständnisse, Medien, Kontrollverlust: Ein Tag im Herbst 1989

Spätestens seit den Leipziger Montagskundgebungen und dem Sturz Honeckers am 17. Oktober gerieten die Verhältnisse in der DDR ins Wanken. Bereits am „Tag der Republik“, dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober 1989, war Michail Gorbatschow selbst auf den Straßen Berlins mit der aufgeheizten Stimmung konfrontiert worden. Seine Unterstützung für Honecker blieb lauwarm. Kurz zuvor, am 5. Oktober, hatte der außenpolitische Berater Gorbatschows, Anatoli Tschernjajew, in seinem Tagebuch notiert: „Der komplette Zerfall des Sozialismus als Faktor in der globalen Entwicklung ist in vollem Gange. Vielleicht ist dies unvermeidbar und gut. Dies könnte dazu führen, dass sich die Menschheit auf der Basis gemeinsamer Werte vereinigt. Und dieser Prozess begann in Stawropol.“ Damit spielte der Funktionär auf den Geburtsort Gorbatschows an. Er sah den sowjetischen Generalsekretär bereits als welthistorische Figur. Gorbatschows Popularität erreichte 1989 wenigstens im Ausland neue Höhepunkte. Er wurde für das geteilte Deutschland und für den ganzen Kontinent zum Hoffnungsträger.

Fokus auf die inneren Probleme

Doch Gorbatschows politische Sorgen galten zunehmend der Heimat. Während des Jahres 1989 forderten die inneren Probleme der UdSSR seine Aufmerksamkeit. Im Herbst begann sich der politische Machtkampf mit seinem Widersacher Boris Jelzin erneut zuzuspitzen. Auch die konservative Fraktion im Politbüro um Jegor Ligatschow entzog der Führung zunehmend Unterstützung. Trotz aller Turbulenzen zwischen Warschau, Berlin, Prag und Budapest konzentrierte sich die sowjetische Führung deshalb primär auf die innenpolitische Lage. Schließlich ging es in dieser Arena, die sich ebenso schnell entwickelte wie die Weltpolitik, letztlich um die eigene politische Macht. Eine Lektüre der Tagebücher Tschernjajews, wahrscheinlich die wertvollste Quelle aus dem Zentrum der Macht, veranschaulicht, dass die sowjetische Führung im Herbst 1989 durch die dramatische Lage zu Hause oft von außenpolitischen Problemen abgelenkt wurde.

Politbüromitglied Günter Schabowski löste mit seiner Aussage zur Gültigkeit des neuen Reisegesetzes einen Sturm auf die Berliner Mauer aus – weder der Kreml noch die sowjetische Botschaft in Ost-Berlin waren im Bilde / Foto © Andreas Krüger/flickr

Anfang November stand die DDR vor großen Veränderungen. Es war offensichtlich, dass der status quo, ein eingeschlossenes Land mit scharf bewachten Grenzen, nicht zu halten war. Doch niemand hatte den Abend des 9. November auf der Rechnung. Auch die neue SED-Führung unter Egon Krenz war weiterhin an enger Abstimmung mit dem Kreml interessiert. Während der ersten Novemberwoche standen diesem Wunsch aber zwei Dinge im Weg: die traditionellen Feierlichkeiten zum Jahrestag der Oktoberrevolution (7./8. November) und die Inkompetenz der neuen SED-Führung. Als in Ost-Berlin an einem neuen Reisegesetz gearbeitet wurde, war die Moskauer Führung wegen der Feierlichkeiten nicht zu erreichen. Am Vormittag des 9. November tagte das sowjetische Politbüro – Anrufe aus dem Ausland wurden nicht durchgestellt. Deshalb scheiterte im Vorfeld die Abstimmung zwischen der neuen SED-Führung um Egon Krenz und den Moskauer Machthabern.

Von den Ereignissen überrollt

Als Politbüromitglied Günter Schabowski mit seiner überstürzten Aussage zur Gültigkeit des neuen Reisegesetzes gegen 19 Uhr am 9. November („Nach meiner Kenntnis gilt das sofort ... unverzüglich.“) den Sturm auf die Berliner Mauer auslöste – die Wiederholung seines Fehlers in den westlichen Abendnachrichten tat ein Übriges – war weder der Kreml noch die sowjetische Botschaft in Ost-Berlin im Bilde. Auch die historische Entscheidung zur Öffnung der Mauer („Wir fluten jetzt“) am späten Abend wurde ohne Rücksprache mit den sowjetischen „Freunden“ getroffen. Erstmals traf die SED eine historische politische Entscheidung im Alleingang: im Zuge ihres eigenen Untergangs emanzipierte sie sich von ihren Moskauer Paten. Der sowjetische Botschafter Kotschemassow meldete sich erst am Morgen des 10. November telefonisch bei SED-Chef Krenz und drückte seine Beunruhigung über die Lage in Berlin aus. Vom Fall der Mauer erfuhr Moskau erst aus den Nachrichten, der Botschafter selbst hatte geschlafen. Wobei die sowjetischen Medien zunächst zurückhaltend bis gar nicht berichteten – es war ein heikles Thema und, was noch schwerer wog, es gab genug eigene innenpolitische Probleme, die breit diskutiert wurden und täglich auf die Agenda drängten.
Am 9. November 1989 war die UdSSR zu einem Beobachter geworden. Wenn überhaupt, dann hatte die sowjetische Seite mit einer kontrollierten Grenzöffnung zwischen der DDR und der Bundesrepublik gerechnet – aber nicht mit dem Fall der Berliner Mauer. Da Michail Gorbatschow Gewalt ausschloss, musste Moskau die neuen Realitäten akzeptieren.

Während sich der deutschlandpolitische Berater Gorbatschows, Valentin Falin, am Morgen des 10. November entsetzt zeigte und das Ende der DDR prophezeite, dachte sein Kollege Anatoli Tschernjajew schon über die DDR hinaus. Er notierte in sein Tagebuch: „Die Geschichte des sozialistischen Systems ist zum Ende gekommen. […] Nur noch unsere ‚besten Freunde‘ sind übrig: Castro, Ceausescu und Kim-Il-Sung. […] Jetzt geht es nicht mehr um den Sozialismus, sondern um die Balance der Weltmächte, um das Ende von Jalta, das Ende des Erbes von Stalin und des Sieges über Nazi-Deutschland.“  Tatsächlich hatte die Sowjetunion 1945 den Krieg gewonnen und begann 1989 den Frieden zu verlieren. Jetzt ging es nicht mehr um die Reform des Sozialismus, sondern darum, sein Ende zu begleiten.


Zum Weiterlesen:
 
Hertle, Hans-Hermann (2009): Chronik des Mauerfalls: Die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989, Berlin
Chernyaev, Anatoly: Diaries in the National Security Archive
Taubman, William (2017): Gorbachev: His Life and Times, New York
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