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Izvestia

Izvestia

Seit mehr als hundert Jahren auf dem Markt, spiegelt die Izvestia die ideologischen Erschütterungen in einem Land wider, das heute Russland heißt. Die Tageszeitung ist mittlerweile ein staatsnahes Boulevardblatt, das „Schlüsselinformationen aller relevanter Ereignisse in Russland und der Welt“ publiziert. So schreibt die Nationale Mediengruppe, zu dem der Verlag seit 2008 gehört. Die meisten Izvestia-Leser finden sich in der Verwaltung des Landes.

Das Verlagsgebäude ist längst eine Sehenswürdigkeit in Moskau. Mittendrin, auf dem Puschkin-Platz, prangt bis heute der berühmte Name in heller Schrift. Izvestia steht an der grauen Wand. Darunter die vier Buchstaben, die auf den Staat verweisen, dessen politisches Leben die Zeitung stets prägte: SSSR (UdSSR). Das Land aber gibt es nicht mehr. Die Redaktion der Izvestia ist inzwischen ebenfalls weggezogen aus dem Gebäude am Puschkin-Platz, den Demonstranten gern für ihre Anti-Regierungsproteste nutzen. Es sind solche Erschütterungen über Jahrzehnte hinweg, die die Geschichte dieser Tageszeitung, die heute mit knapp 150.000 Exemplaren erscheint, geradezu vorbildlich widerspiegeln.

Im März 1917 erscheint Izvestia (dt. „Mitteilungen“) zum ersten Mal, noch im damaligen PetrogradDie 1703 vom Zaren Peter dem Großen gegründete und nach seinem Schutzheiligen, Apostel Simon Petrus, benannte Stadt Sankt Petersburg wurde 1914 zum ersten Mal umbenannt. Sie hieß bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 Petrograd. Dann wurde der Name zu seinen Ehren in Leningrad geändert. Seit 1991 heißt sie wieder Sankt Petersburg, umgangssprachlich meist Piter genannt., als Mitteilungsblatt des dortigen Sowjets in alter russischer Schrift. Ein Jahr später ziehen die Redakteure, allesamt überzeugte BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor. , in die neue russische Hauptstadt, nach Moskau. Und 1927 hier in den extra für sie entworfenen Neubau der Zeitung, die – neben der Prawda (dt. „Wahrheit“) – zum wichtigen Propagandaorgan der sowjetischen Regierung wird. In einer millionenstarken Auflage gibt das Blatt bis zum Zerfall der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose 1991 stets das wieder, was der Oberste Sowjet der UdSSR seinem Volk mitzuteilen hat.

In den 1990er JahrenDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose beginnen – für das Land wie auch für die Izvestia – turbulente Zeiten. Die Auflage sinkt auf etwa 230.000 Exemplare, die neuen Eigentümer (der größte Aktionär ist in der Zeit der Ölkonzern LukoilLukoil ist der einzige private Ölkonzern Russlands und weltweit der drittgrößte private Erdölproduzent. Im Gegensatz zu dem privaten Ölunternehmen Yukos, das 2004 zerschlagen wurde, hat das Management gute Beziehungen zu den Staatsorganen. Gleichwohl hat es weite Teile seiner Ölproduktion und -verarbeitung ins Ausland verlagert – nicht zuletzt, um Steuern zu sparen. Mehr dazu in unserer Gnose ) und eine nach Veränderungen strebende Redaktion schaffen es, eine Zeitung für eine gutsituierte IntelligenzijaAls Intelligenzija wird das Intellektuellen-Milieu Russlands bezeichnet. Der Begriff ist soziostrukturell kaum fassbar, als Minimalkonsens werden jedoch hoher Bildungsgrad und Denkarbeit vorausgesetzt. Die Formel geht auf den Schriftsteller Pjotr Boborykin (1836–1921) zurück.   des Landes und seine politische Elite zu machen. Sie bieten Nachrichten und Analysen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Sport.

2008 schließlich die Wende: Der zum Medienmogul aufgestiegene St. Petersburger Banker Juri KowaltschukJuri Kowaltschuk (geb. 1951) gilt als ein enger Vertrauter Putins. Der Milliardär und Mehrheitseigner der Bank Rossija wurde im Zuge der Krim-Annexion mit EU- und US-Sanktionen belegt. – in Washington wird er wegen seiner Freundschaft zum russischen Präsidenten „Putins Kassierer“ genannt – übernimmt mit seiner Nationalen Mediengruppe die Izvestia und schafft damit einen Präzedenzfall. Später werden sich ähnliche „Übernahmen“ großer regierungskritischer Medien durch kremlnahe Verleger mehrmals wiederholen.

Die Zeitung hatte bis zu dem Zeitpunkt, auch wegen finanzieller Schwierigkeiten, an Einfluss verloren. Immer wieder wählte es den Weg zum Boulevard – nicht zuletzt unter dem kremlnahen Medienmogul Aram GabreljanowAram Gabreljanow (geb. 1961) ist ein russischer Journalist. Von 2011 bis 2016 war er Herausgeber und Chef des Direktorenrats der kremlnahen Zeitung Izvestia – eines der reichweitenstärksten Druckmedien des Landes., der die Izvestia bis 2016 herausgab – und tut dies bis heute. Der Chefredakteur Raf Schakirow hatte ab 2003 versucht, dem Blatt durch eine „Umorganisation“ wieder ein neues Image zu verschaffen. Er scheiterte und musste ein Jahr später gehen. Zuvor hatten bereits bekannte Schreiber die Izvestia verlassen. Auch die nachfolgenden Chefs suchten den richtigen Weg zwischen unterhaltender gelber Presse und einem ernstzunehmenden Politik- und Wirtschaftsblatt. Erst im September 2018 hat wieder ein neuer Chefredakteur seine Arbeit begonnen.

Text: Inna Hartwich
Stand: Oktober 2018

ECKDATEN

Gegründet: 1917
Chefredakteur: Sergej Korotejew
Inhaber: Nationale Mediengruppe
URL: www.iz.ru


Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaftgefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
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