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„Es war ein richtiger Kampf“

In Russland wüten derzeit heftige Waldbrände. In Jakutien stehen rund 1,52 Millionen Hektar in Flammen – eine Fläche etwa so groß wie Schleswig-Holstein. In zahlreichen Städten breitet sich der Rauch aus, Anwohner klagen über Atemwegsprobleme. Auch in Karelien, in Russlands hohem Norden an der Grenze zu Finnland, wurde der Notstand ausgerufen, eine Fläche von rund 7200 Hektar brennt. 
Wissenschaftler wie Behörden sehen die Ursache für die massiven Brände im Klimawandel. So habe Jakutien – mit seinen extrem kalten Wintern und heißen Sommern – 2021 den heißesten Sommer seit Ende des 19. Jahrhunderts verzeichnet, zitiert Interfax den Gouverneur der Region. 
Angesichts der Hitze und großen Trockenheit der Böden reichen Blitzeinschläge aus, um das Feuer zu entfachen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es dazu kommt, allerdings treten Extremwetterereignisse global zunehmend häufiger auf. Der Klimawandel bedroht den Permafrostboden in der Region, die Feuer verstärken diese Entwicklung. Taut der Permafrostboden auf, werden Treibhausgase freigesetzt – was zur weiteren Erderwärmung führt.

Immer wieder gibt es außerdem Kritik an unzureichenden Maßnahmen und Ressourcen, die Brände zu löschen. Nikolaj Schmatkow, Direktor des Forest Stewardship Counsil (FSC) in Russland, etwa, kritisiert auf dem staatlichen Sender Radio Sputnik eine „chronische Unterfinanzierung“ der Forstwirtschaft. Eine Verordnung aus dem Jahr 2015 etwa besagt, dass Feuer in sogenannten Kontrollzonen nicht mehr zu löschen sind, wenn „die voraussichtlichen Löschkosten den voraussichtlichen Schaden übersteigen“. 
Der Feuerökologe Prof. Johann Goldammer vom Global Fire Monitoring Centre rät im Interview mit der Deutschen Welle dazu, das Problem noch grundsätzlicher anzugehen: „Wir müssen uns entscheiden, ob wir den Wald um jeden beliebigen Preis löschen – oder ob wir versuchen ihn so zu kultivieren, dass er den Auswirkungen des Klimawandels, wie steigenden Temperaturen, veränderten Niederschlagsmustern, die in Mitteleuropa bereits deutlich sichtbar sind, Orkanen und Bränden standhalten kann.“ 

In Jakutien sind unterdessen auch zahlreiche Ortschaften von den Bränden bedroht, NGOs wie Greenpeace bilden in Zusammenarbeit mit staatlichen Organisationen freiwillige Helfer bei der Brandhilfe aus. Auch andere Freiwilligen-Trupps helfen bei der Brandbekämpfung. 

Die Novaya Gazeta hat mit dem freiwilligen Helfer Ajyl Dulurcha gesprochen. Das Interview gibt Einblick in die Arbeit und das hohe Engagement vor Ort. Dulurcha kritisiert aber deutlich auch Missstände, die er bei der Brandhilfe sieht.

Quelle Novaya Gazeta

Ajyl Dulurcha hilft als Freiwilliger bei der Löschung der Brände in Jakutien / Foto © Socialmedia Screenshot/Novaya GazetaNovaya Gazeta: Erzähl bitte von eurem freiwilligen Einsatz bei der Brandbekämpfung, womit begann alles, wo warst du, was hast du gesehen, was ist überhaupt los?

Ajyl: Alles begann vor etwa zwei Wochen. Auf WhatsApp ging ein Video herum, auf dem man sah, wie Menschen schreiend gegen die lodernden Flammen anstürmen und schreien: „Für die Heimat!“, „Los, vorwärts!“. Das hat mich tief bewegt. Ich redete mit meinen Freunden, und alle fragten sich, wie man helfen, was man in dieser Situation tun kann. Wir machen uns sehr große Sorgen, vor allem um die Natur. Dann redete ich mit dem Leiter von Jakutlesressurs, Djulustan Iwanowitsch Chon, der sagte: „Ja, es stimmt, wir brauchen Leute, uns fehlen etwa 100 bis 150 Freiwillige.“
Ich postete einen Aufruf auf Instagram, Facebook: „Lasst uns mithelfen, meldet euch als Freiwillige!“ 
Es gab am Anfang sehr viel Resonanz, etwa 70 Menschen haben sich gemeldet, aber als es wirklich losging, sagten viele wieder ab, entweder aus Zeitgründen oder sie haben es sich einfach anders überlegt. Im Endeffekt fuhren wir am 11. Juli zu zwölft los, mit unseren Privatwagen.

Alle fragten sich, wie man helfen, was man in dieser Situation tun kann. Wir machen uns sehr große Sorgen, vor allem um die Natur

Unsere Arbeit besteht darin, Brandschneisen zu ziehen, damit das Feuer nicht überspringt. Unsere Freiwilligen halten Brandwache: Erst gehen wir hinter dem Pflug her, der reißt den Boden auf, und damit der sich nicht wieder verschließt, zerkleinern wir die Erde und verstreuen sie, ziehen einen richtigen Graben. Wenn das Feuer näherkommt, passen wir auf, dass die Flammen nicht überspringen. Meistens sind es große Bäume, die Feuer fangen und auf den ungeschützten Teil kippen, über den Graben hinaus. 
Parallel dazu sind wir los und haben um Spenden gebeten von Geräten, von denen es für uns nicht mehr genug gab – Spaten, Motorsägen –, ich bin buchstäblich von Geschäft zu Geschäft und habe die Leitung überredet, so habe ich zum Beispiel eine Säge für 23.000 Rubel [etwa 260 Euro – dek] bekommen, und noch andere Dinge. So kamen wir an die Motorsägen …

Ajyl, wie lange hat eure Hilfsaktion gedauert, wie viele Tage?

Inoffiziell im Prinzip seit dem 11. Juli bis heute [dem 21. Juli – A. d. Red.], seit paar Tagen sind wir auch offiziell registriert, wir haben einen gemeinnützigen Verein zur Waldbrandbekämpfung in der Republik Sacha (Jakutien) gegründet.

Haben die Freiwilligen die ganze Zeit im Dorf gewohnt?

Ja, wir alle hatten Schlafsäcke und Zelte dabei.

Wart ihr gleich neben dem Gebiet, wo es gebrannt hat?

Ja, ganz in der Nähe. Von da aus sind wir mit unseren Privatautos los, sind die Waldschneisen abgefahren, an den Überlandleitungen entlang, die Jungs haben ihre Autos nicht geschont, sie waren wirklich toll. Sie waren bereit, fast rund um die Uhr alles zu geben.

Technisch gesehen habt ihr also mit dem Pflug Schneisen gezogen, um die das Lauffeuer aufzuhalten.

Ja, mit Pflug und Spaten.

Das heißt, entweder mit Motorkraft, mit Hilfe eines Traktors zum Beispiel, oder auch mit bloßen Händen. Und ihr habt Bäume gefällt, damit sie, wenn sie Feuer fangen und umkippen, nicht die Flammen überspringen lassen?

Ja, und wir haben die Ausbreitung auch mit Hilfe von Wasser und Spaten gebremst.

Gibt es Hinweise darauf, was die Ursache für den Waldbrand ist, Fahrlässigkeit oder ein Blitzeinschlag?

Man geht davon aus, dass es Trockengewitter waren. Wir hatten kaum Regen hier. Darum war es sehr trocken, und es gab Gewitter. Den letzten Brandherd, den 21., sollen Menschen entdeckt und gemeldet haben. Am nächsten Tag sind die Löschtrupps raus und haben zwei Tage lang gesucht, aber sie haben die Stelle nicht gefunden und aufgegeben. Drei Tage später hat sich der Brandherd ausgeweitet, und es gab kaum noch eine Chance ihn aufzuhalten.

Aber ihr habt diesen Brand irgendwie unter Kontrolle gebracht? Das heißt, eure Mühen waren nicht umsonst?

Ja, auf der Karte sieht man sogar eine gerade Linie, da, wo wir das Feuer stoppen konnten. Wir haben mehrere Anläufe gebraucht, hatten zu wenig Erfahrung – es hat nicht geklappt. Auch der Wind hat uns die ganze Zeit Streiche gespielt. Das war ein richtiger Kampf, wir versuchten, dem Feuer den Weg abzuschneiden, und dann drehte der Wind wieder. Es war wie ein Kampfeinsatz.

In Jakutien steht zurzeit eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein in Flammen / Foto © Alexander Miridonow/KommersantDieser Brand, den ihr gelöscht habt: War die Feuerwehr nach den Verordnungen des Katastrophenschutzes verpflichtet, ihn zu löschen, oder nicht?

Nein, war sie nicht. Das Feuer war am Anfang mehr als fünf Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt, und wir haben versucht, es dort aufzuhalten.

Das war ein richtiger Kampf, wir versuchten, dem Feuer den Weg abzuschneiden, und dann drehte der Wind wieder

Das heißt, das Feuer war im Grunde weit genug weg, und die Feuerwehr hatte das Recht, es nicht zu bekämpfen, richtig?

Ja, sie fangen soweit ich weiß erst ab fünf Kilometern an zu löschen, aber das ist sehr nah.

Was denkst du, ist es normal, dass sich bei uns die Betroffenen quasi selbst retten müssen, wenn sie brennen?

Nein. Aber die Mitarbeiter von Jakutlesressurs waren schon seit April praktisch pausenlos im Einsatz, sie haben gekämpft, das Gleiche gemacht wie wir, aber sie haben es nicht geschafft.

Das heißt, sie konnten nicht rechtzeitig genügend Brandschneisen ziehen?

Ich denke, sie hatten zu wenig Technik, und zu wenig Leute.

Verstehe ich das richtig, dass Jakutlesressurs seit dem Frühjahr das Gleiche gemacht hat wie ihr, also Schneisen gegraben und freigelegt?

Ja, und gelöscht.

Wenn ein Wald von Anfang an mit diesen Schneisen durchzogen ist, so wie in den stadtnahen Wäldern bei Jakutsk, dann sollte sich ein Brand im Prinzip nicht über dieses Gebietsstück hinaus ausbreiten, oder?

Ich sag mal so: Wir haben ein großes Problem bei der Finanzierung der ganzen Branche, das fängt schon bei den Feuerspringern an. Als wir im Lager ankamen, wurden wir dem Brandbekämpfungsleiter unterstellt, das sind Leute von Jakutlesresurs. Das heißt, wir haben unter der Anleitung von Profis gehandelt, wir haben uns nicht einfach gedacht: Lasst uns mal machen. 

Ich sag mal so: Wir haben ein großes Problem bei der Finanzierung der ganzen Branche

Sehen wir uns doch mal die Zahlen für die ganze Branche an: Zu Sowjetzeiten gab es 1500 Feuerspringer, heute sind es 224.

Was machen Feuerspringer genau?

Das sind die, die vor Ort löschen.

Und von wem werden sie finanziert? Von der Zentralregierung oder von den Regionen?

Soweit ich weiß, von Moskau, 1,3 Milliarden Rubel [umgerechnet rund 15 Mio. Euro – dek] ist das Gesamtbudget in Russland. Aber dieses Geld fließt in den Betrieb der Anlagen, der Technik, der Löschfahrzeuge.

Verstehe ich das richtig, dass das Geld vorne und hinten nicht ausreicht, um die eigentliche Arbeit zu machen?

Der Normsatz für den ganzen Fernen Osten sind 28 Rubel [rund 32 Cent – dek] pro Hektar, das ist der Regelsatz für die Finanzierung. In der Republik Sacha sind es 6 Rubel 90 Kopeken [rund 7 Cent – dek]. Weiter westlich, Richtung Europa, ist der Regelsatz, glaube ich, höher. Aber bei uns sind es 6 Rubel. Und Sie sehen ja die Ausmaße.

Man soll also, grob gesagt, für 6 Rubel einen Hektar Wald mit Gräben durchfurchen?

Im Grunde genommen, ja. So viel gibt es für die Instandhaltung eines Hektars.     

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Russlands Arktispolitik

Russland erhebt den geopolitischen Anspruch auf rund 40 Prozent der gesamten Arktis. Dabei geht es dem Kreml vor allem um Rohstoffe, die dort vermutet werden. Umweltschutz spielt in der russischen Arktispolitik allerdings kaum eine Rolle. 

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Umweltpolitik

Die Umwelt hat in der russischen Politik oft eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Seit ein paar Jahren ändert sich das. So hatten etwa im Frühjahr 2019 die namhaftesten russischen Klimatologen in einer Petition an die Akademie der Wissenschaften öffentlichkeitswirksam gefordert, doch endlich in Fragen der Klimapolitik mit einbezogen zu werden. Kurz darauf, im September 2019, ist Russland dem Pariser Abkommen beigetreten, das sich zum Ziel gesetzt hat, die globale Erwärmung bis 2100 auf zwei Grad Celsius gegenüber dem Durchschnittswert der Vorindustrialisierung zu beschränken. Parallel zu dem Beitritt fingen auch die staatsnahen Medien in Russland an, den Klimawandel als Bedrohung zu kommunizieren. Daneben konnte man 2019 in russischen Städten zahlreiche Umwelt- und Klimaproteste beobachten. 

Ganz neu und überraschend sind diese Entwicklungen keinesfalls. Denn in Russland gibt es eine lange Tradition der Umwelt- und Klimaforschung und eine etwas kürzer zurückreichende Geschichte der Umweltbewegungen. 
 

Im größten Land der Welt waren Wetter und Klima seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wichtige Forschungsbereiche. Um das wachsende Imperium zu regieren, es mit der nötigen Infrastruktur auszubauen und um dort Landwirtschaft zu betreiben, galt Wissen über das Klima für die Politik als unverzichtbar. Die klimatische Vielfalt der gigantischen Landmassen, die sich über zehn Klimazonen erstrecken, bot den Wissenschaftlern zudem die Möglichkeit, Hintergründe für klimatische Veränderungen zu erforschen. Vor allem ging es aber darum, das für die Landwirtschaft ungünstige Klima zu verstehen und dagegen vorzugehen. 

So entwickelte der Bodenkundler Wassili Dokutschajew nach einer der schwersten Dürren Russlands in den Jahren 1891 bis 1892 den ersten Plan zur Umformung des Klimas in der Steppe. Teile davon wurden 1948 im Großen Stalinschen Plan zur Umgestaltung der Natur verarbeitet: Dieser sah vor, Waldschutzstreifen anzulegen um damit die trockenen Winde aufzuhalten, die man als Grund für die schwere Dürre von 1946 betrachtete. 

Bis zur endgültigen Entdeckung des menschengemachten Klimawandels in den 1960er Jahren bestand eine der Hauptaufgaben sowjetischer Klimatologen und Meteorologen insgesamt jedoch darin, Methoden und Technologien zu entwickeln, das Wetter künstlich zu verändern. 

Weltweit führend

Durch das seit Jahrzehnten angereicherte Wissen galten russische Klimatologen in der Mitte der 1970er Jahre als weltweit führend: Sie verfassten damals etwa die Hälfte aller wissenschaftlichen Publikationen in den Klimawissenschaften.1 Insbesondere der Geophysiker Michail Budyko und sein Team trugen zum näheren Verständnis des Klimawandels bei.2 Von 1972 bis 1994, also noch über den Zusammenbruch der Sowjetunion hinaus, haben sie in enger Kooperation mit US-amerikanischen Wissenschaftlern die Hintergründe des Klimawandels erforscht und 1990, noch vor dem Weltklimarat (IPCC), den ersten systematischen Sachstandsbericht zum Klimawandel veröffentlicht.3 

Im Gegensatz zum Gros ihrer westlichen Kollegen, hatten sowjetische Forscher den globalen Temperaturanstieg durch CO2 jedoch vorwiegend als positiv interpretiert: Erhöhte Temperaturen, so die These, brächten mehr Feuchtigkeit und somit höhere Ernteerträge sowie noch mehr Anbauflächen. Die negativen Begleiterscheinungen, so dachten Klimatologen damals, würden damit kompensiert. 

Weltweit abgeschlagen

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschwanden die russischen Klimatologen sehr schnell von der internationalen Klimaforschungs-Szene. An den IPCC-Berichten haben sie zwar mitgearbeitet, jedoch in viel geringerem Umfang als ihre westlichen Kollegen. Außerdem übten die russischen Wissenschaftler auch keine führenden Rollen in den Arbeitsgruppen des Weltklimarats aus. Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992, wo die Klimarahmenkonventionen beschlossen wurden, war Russland nur durch zwei Wissenschaftler und zehn Delegierte vertreten – zum Vergleich: Das wesentlich kleinere Indonesien etwa schickte 60 Teilnehmer. Ein Teil des Problems war das fehlende Geld, auch die schwerwiegenden Umstrukturierungen innerhalb des Wissenschaftsapparats spielten eine Rolle sowie auch der Brain Drain. 

Schwerer wog jedoch das Problem, dass russische Forscher zunächst nicht über die nötigen Großrechner verfügten, um globale Klimamodelle zu berechnen und um somit einen Beitrag zur internationalen Klimaforschung zu leisten. Erst Anfang der 2000er Jahre hatte sich die russische Klimaforschung wieder erholt und konnte mit der Errechnung von Zukunftsszenarien zur internationalen Forschung beitragen. 

Umweltpolitik=Geopolitik?

Mit dem Amtsantritt Wladimir Putins im Jahr 2000 begann der Klimawandel auch in der russischen Politik eine wichtigere Rolle zu spielen. Für diese Wende waren allerdings nicht die Klimawissenschaftler und ihre neuen Großrechner verantwortlich. Vielmehr stand die Wende im Zusammenhang mit der russischen Außenpolitik. So hat Russland 2004 das Kyoto-Protokoll vor allem deshalb ratifiziert, weil es so seine Rolle in der Weltpolitik ausbauen konnte: Der Vertrag konnte nur in Kraft treten, wenn die Emissionen aller Unterzeichnerstaaten 55 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes ausmachen. Da die USA aus dem Abkommen ausgetreten waren, hing der Erfolg nun allein von Russland ab.4 
Außerdem konnte der Kreml einen finanziellen Gewinn durch den Emissionshandel erzielen: Da Russland 2004 rund 40 Prozent weniger Treibhausgase emittiert hat als 1990, in Verhandlungen allerdings einen Zielwert auf dem Emissionsniveau von 1990 durchsetzte, gehört es nun zu den großen Profiteuren im Handel mit CO2-Emissionszertifikaten. Die russische Industrie war 1990 noch mehr oder weniger voll im Gange, und so heißt das im Umkehrschluss, dass Russland heute immer noch kaum Anreize hat, seine Emissionen zu reduzieren.

Dabei steht Russland heute vor einem Problem: Die Durchschnittstemperatur im Land steigt rund zweieinhalb Mal schneller als im globalen Durchschnitt. Russland liegt zu rund 50 Prozent innerhalb der Permafrost-Zone. Das Auftauen der Permafrostböden ist auch deshalb eine gravierende Belastung für die Umwelt, weil es die Erderwärmung durch die Freisetzung von Kohlendioxid und Methan zusätzlich vorantreibt. Obwohl Russland mit dem Auftauen der Permafrostböden tatsächlich günstiger neue Rohstoffvorkommen erschließen könnte, zeichnet sich im Kreml seit 2019 insgesamt ein spürbarer politischer Kurswechsel ab: Der Klimawandel gilt seitdem offiziell als Bedrohung. 

Mit dieser Wende versucht der Kreml einen bislang kaum vorhanden Klima- und Umweltdiskurs zu füllen. Kaum vorhanden war er bislang vor allem deshalb, weil der Kreml sich seit dem Machtantritt Putins nur unter den geopolitischen Vorzeichen als Gesprächsteilnehmer zeigte und vieles daran setzte, den vorhanden Diskurs zu ersticken. So wurden Umweltaktivisten und -bewegungen zunehmend zu Feinden des wirtschaftlichen Fortschritts Russlands erklärt, was ihren weitgehenden Niedergang einleitete.5 Nach der Verabschiedung des Gesetzes gegen sogenannte ausländische Agenten im Jahr 2012 wurden zunehmend auch immer mehr russische Umweltschutzorganisationen mit diesem Stigma belegt: 2016 waren es 25 Umwelt-NGOs – rund ein Fünftel aller sogenannter ausländischen Agenten.6
Für besondere Aufmerksamkeit sorgte der Fall der NGO Sakhalin Environment Watch, die 2015 von der Leonardo DiCaprio Stiftung 159.000 US-Dollar zum Schutz des Küstenreservats Wostotschny auf Sachalin erhielt. Obwohl die NGO das Geld fast nicht angerührt hatte und den Rest innerhalb weniger Wochen zurücküberwies, dauerte es nahezu zwei Jahre, bis sie wieder aus dem Register für ausländische Agenten entfernt wurde. 

Rückkehr des Umweltaktivismus?

Dabei haben schon während der Perestroika zehntausende Menschen in fast allen Sowjetrepubliken gegen die Kontaminierung der Gewässer, Luft und Böden protestiert. Biologen, Chemiker und Physiker erforschten die schwerwiegenden, mitunter fatalen Folgen der Umweltverschmutzung im Land. Glasnost brachte diese Erkenntnisse an die Öffentlichkeit, Perestroika ermöglichte den Menschen, auf die Straße zu gehen, um ihrem Unmut über die Umweltsünden Luft zu machen. Die Umweltbewegungen galten als die effektivsten sozialen Protestbewegungen der ausgehenden Sowjetunion. Schließlich zwangen sie die Regierung unter anderem auch dazu, dass einige Fabriken geschlossen und der Bau einiger Atomkraftwerke noch gestoppt wurde. 

Als die eigentliche Blütezeit der Umweltbewegung gelten für einige Beobachter allerdings die 1990er Jahre: Dank finanzieller Unterstützung von ausländischen Organisationen gab es damals einen regen institutionellen Austausch, der auch eine Vielzahl von gemeinsamen Projekten ermöglichte. Trotz der massiven Wirtschaftskrise haben die Behörden der Umwelt damals durchaus Aufmerksamkeit geschenkt, auch Massenmedien haben häufig über Umweltprobleme berichtet.7

Auch vor dem Hintergrund der systematischen Einschränkung der Arbeit von Umweltschutzorganisationen seit den früher 2000er Jahren sind große Klimaproteste in Russland heute jedoch kaum vorstellbar, die Umweltbewegung ist eher marginal. Wohl aber gibt es seit 2019 zusehends mehr Umweltproteste auf lokaler Ebene: Etwa im Kusnezker Becken gegen Luftverschmutzung oder die Demonstrationen gegen Moskauer Mülldeponien wie in der Nähe von Archangelsk
Vermutlich von den weltweit zunehmenden Klimastreiks inspiriert, finden seit Herbst 2019 vermehrt kleinere Protestaktionen in verschiedenen russischen Städten statt, um auf die gravierenden Folgen des Klimawandels auch für Russland aufmerksam zu machen. Es wäre zwar voreilig, über eine Wiedergeburt der Umweltbewegung zu sprechen, insgesamt lassen die zunehmenden Proteste aber auf ein wachsendes ökologisches Bewusstsein in der Gesellschaft schließen.


1. Paul E. Lydolph (1971): Soviet Work and Writing in Climatology, Soviet Geography: Review and Transition, 12, S. 637-656. 
2. Oldfield, J. (2016): Mikhail Budyko's (1920-2001) contributions to Global Climate Science: from heat balances to climate change and global ecology’, in: Wiley Interdisciplinary Reviews: Climate Change 7, 2016, S. 5. 
3. MacCracken, M C, Budyko, M I, Hecht, A D, Izrael, Y A. (1990): Prospects for future climate: A special US/USSR report on climate and climate change.
4. Henry, L., Sundstrom L. (2007): Russia and the Kyoto Protocol Seeking an Alignment of Interests and Image’, in: Global Environmental Politics 7, 2007, S. 4. 
5. inosmi.ru: Rossijskoe ėkologičeskoe dviženie zadychaetsja.
6. bellona.ru: Ėkologičeskie NKO: kak rabotat' pod pressom.  
7. inosmi.ru: Rossijskoe ėkologičeskoe dviženie zadychaetsja.   
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Sozialprotest

Weit verbreitet sind in Russland Proteste zu Sozialthemen wie Lohnrückstände, Sozialabbau oder LKW-Maut. Im Gegensatz zu Protestaktionen der Oppositionellen und Aktionskünstler wird jedoch über sie gerade von den westlichen Medien selten berichtet. Die Aktionsformen reichen vom Bummelstreik bis zur Selbstverbrennung. Von einigen Beobachtern als unpolitisch abgetan, gilt der Sozialprotest anderen als der wahrhaft politische, da es um konkrete Interessen statt eines abstrakten Wandels geht.

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