
Können Sie sich vorstellen, Wladimir Putin zu sein? Muss man dafür merkwürdige Geschichtsbücher lesen, sowjetische KGB-Erfahrungen haben und schließlich 25 Jahre autoritäre Herrschaft aufbauen? Nicht unbedingt, meint Alexander Gabujew, ein russischer außenpolitischer Experte im Exil — zumindest nicht, um Putins Militärpläne zu prognostizieren.
Im Dezember 2025 spielte Gabujew die Rolle des russischen Machthabers im Militär-Planspiel der Tageszeitung Welt und des German Wargaming Center der Universität der Bundeswehr, in dem ein Überfall Russlands auf NATO-Territorium simuliert wurde.
Erste Medienberichte über das Planspiel erschienen Anfang Februar. Sie rückten schlagartig Debatten über Wahrscheinlichkeit und möglichen Zeitpunkt einer russischen Aggression gegen die NATO in den Mittelpunkt. Nach einer Woche erschien dann der Jahresbericht des estnischen Nachrichtendienstes, der nahelegte, dass eine russische Invasion in den nächsten ein bis zwei Jahren eher unwahrscheinlich sei. Estland ist dabei eines der drei baltischen Länder, die am häufigsten als mögliche nächste Ziele Russlands genannt werden. Kurz darauf hieß es in einem weiteren Jahresbericht, diesmal vom schwedischen Nachrichtendienst, dass Russland eine aktuelle und ernsthafte Bedrohung darstelle.
Indes berichtete The Wall Street Journal über NATO-Militärübungen vom Mai 2025, an denen auch Soldaten der Ukrainischen Streitkräfte beteiligt waren. Dabei vernichteten kleine Gruppen der ZSU überraschend erfolgreich die zahlenmäßig deutlich überlegenen westeuropäischen Einheiten.
Wie vulnerabel, wie schwach wäre Europa nun tatsächlich, wenn Russland angreifen würde? Meduza spricht darüber im Interview mit Gabujew, dem „Planspiel-Putin“ Direktor des Carnegie Russia Eurasia Zentrums in Berlin, das in Russland als „unerwünschte Organisation“ eingestuft ist.
Meduza: Wie wurde bei dem Militär-Planspiel ein potenzieller russischer Angriff auf die NATO simuliert? Wie glaubwürdig war das?
Alexander Gabujew: Das ist ein ziemlich standardisiertes Spiel mit einem im Voraus festgelegten Drehbuch. In unserem Szenario war der Russisch-Ukrainische Krieg im Mai 2026 durch die Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens geendet, woraufhin Russland Deutschland wieder Handelsverträge, Investitionen und billiges Gas anbietet.
Parallel dazu steigen die Spannungen und der Druck auf die baltischen Länder, in deren Nähe Russland Militärmanöver durchführt. Außerdem stationiert Russland Truppen in Belarus und Kaliningrad und beginnt Litauen zu provozieren. Die deutsche Regierung beruft eine außerordentliche Sitzung ein, weil die russische Armee an den Grenzen zu Litauen steht.
Kurz zum Ablauf des Spiels
Das von der Tageszeitung Welt organisierte Wargame, ein Rollenspiel, wurde im Gebäude der Universität der deutschen Bundeswehr in Hamburg umgesetzt. Die Spieler hielten sich in unterschiedlichen Räumen auf und erteilten den Spielleitern abwechselnd Befehle. Die wiederum übernahmen die Rolle von Staatsbeamten. Solche Spiele laufen über mehrere Runden, die einem bestimmten Zeitraum entsprechen. Während dieser Runden führen die gegnerischen Seiten parallel Spielzüge aus, deren Folgen nach zuvor festgelegten Regeln und Schiedsrichterentscheidungen bestimmt werden.
Ein Beispiel: Wenn Russland die Grenze zu Polen vermint, kann Polen in der nächsten Runde seine Truppen nicht ungehindert über die Grenze führen. Die Anzahl möglicher Aktionen wird in den jeweiligen Spielregeln festgelegt.
An dem fiktiven Einmarsch Russlands in NATO-Gebiet nahmen drei Teams teil. Ein blaues Team mit neun Spielern repräsentierte die Bundesregierung, ein rotes mit drei Spielern den Kreml, die restlichen vier Spieler spielten äußere Rollen: die NATO-Generalsekretärin, den Präsidenten der Europäischen Kommission, den US-Außenminister und den polnischen Ministerpräsidenten. Das Spiel dauerte drei Tage, an deren Ende die Schiedsrichter den Sieger bestimmten.
Just in diesem Moment beginnt das Spiel. Es dauerte einen Tag, dem in der Simulation drei Tagen entsprechen. Es gab ein deutsches Team, bestehend aus Politikern im Ruhestand, die früher im echten Leben ähnliche Ämter bekleideten. Den aktuellen Oberbefehlshaber der Bundeswehr spielte zum Beispiel Eberhard Zorn, der tatsächlich bis 2023 Generalinspekteur der Bundeswehr war. Im russischen Team waren ich, der österreichische Militärexperte Franz-Stefan Gady als Chef der russischen Armee, der die Ukraine bereist und Russland erforscht hat, sowie der ehemalige Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes, Arndt Freytag von Loringhoven, in der Rolle von Außenminister Sergej Lawrow.
Wie wurden Sie zu diesem Event eingeladen? Und wie war Ihre Reaktion darauf, dass Sie Wladimir Putin spielen sollten?
Die Organisatoren wollten, dass zumindest ein Russe im russischen Team mitmacht. Außerdem sollte das ganze Spiel auf Deutsch ablaufen, was die Auswahl begrenzte: Die Person musste einen ganzen Tag auf Deutsch spielen können und auch über Russland und insbesondere den Kreml Bescheid wissen. Ich habe sofort zugestimmt, weil ich das interessant fand.
Als die USA hörten, dass das eine humanitäre Aktion ist und wir ja nur Medikamente und Lebensmittel nach Kaliningrad bringen, verweigerten sie ihre Hilfe
Haben Sie versucht, sich in Putin hineinzuversetzen und so zu denken wie er?
Nein, das war ja kein Theaterstück. Wir haben uns ungefähr vorgestellt, wie die russische Außenpolitik funktioniert und welche rationalen Ziele sie möglicherweise verfolgt. Unser Team war sich diesbezüglich weitgehend einig. Stefan (Franz-Stefan Gady, Österreich, in der Rolle des russischen Verteidigungsministers) schrieb auf zwölf Seiten sehr klar und detailliert unsere Militärdoktrin und mögliche Szenarien unseres Vorgehens nieder.
Was war Ihr Ziel? Und wie ging das Ganze aus?
Wir haben gleich zu Beginn beschlossen, dass unser Ziel die Spaltung der NATO ist. Dafür haben wir einen sogenannten humanitären Korridor von Belarus nach Kaliningrad angelegt. Unser Argument war, dass Litauen uns an der Versorgung von Kaliningrad hindere und deswegen dort eine humanitäre Katastrophe drohe.

Des Weiteren haben wir Drohnen eingesetzt zur Feuerkontrolle, und – sogar ohne Grenzübertritt – die Grenze zwischen Polen und Litauen vermint. Erst dann sind wir einmarschiert und haben auch diverse Organisationen wie das Rote Kreuz und prominente Beobachter mitgebracht.
De facto waren wir drei Tage lang auf dem Gebiet der NATO, und keines der NATO-Mitglieder hat auch nur versucht, uns rauszuwerfen. Sie haben zwar verschiedene Maßnahmen ergriffen, aber weder Russland den Krieg erklärt noch zu schießen begonnen. So haben wir das Spiel gewonnen.
Im Gespräch mit dem Wall Street Journal haben Sie Russlands Vorgehen als „Nebelwand einer humanitären Intervention“ bezeichnet. Verstehe ich es richtig, dass diese Nebelwand der Grund war, warum die USA beschlossen, sich herauszuhalten?
Natürlich. Als die USA hörten, dass das eine humanitäre Aktion ist und wir ja nur Medikamente und Lebensmittel nach Kaliningrad bringen, verweigerten sie [der EU] ihre Hilfe.
Das gegnerische Team hat erstens nicht damit gerechnet, dass wir so schnell agieren und den Stier gleich an den Hörnern packen. Auf so ein Szenario waren sie nicht vorbereitet. Zweitens hätten sie mehrere Tage gebraucht, um die ganze Allianz zu versammeln.
Im echten Leben wären die europäischen Länder höchstwahrscheinlich von den Geheimdiensten informiert worden und hätten früher reagiert.
Zudem sprach unser Team mit den Amerikanern und schlug ihnen vor, 100 bis 150 Beobachter zu entsenden, damit sie sehen können, dass wir die Zivilbevölkerung in Ruhe lassen. Sie lehnten ab – und damit war allen klar, dass die USA sich nicht an dem Konflikt beteiligen würden. Das erleichterte unsere Aufgabe enorm.
Verstehe ich es richtig, dass die Simulation gezeigt hat, wie unhaltbar Artikel 5 des NATO-Vertrags ist? Und: Wie wahrscheinlich ist eine derartige Entwicklung im Fall eines realen Angriffs?
Das Spiel bedeutet nicht, dass im echten Leben alles ganz genauso ablaufen wird. Natürlich hatten alle Spieler Entscheidungsfreiheit, und sie gingen so vor, wie sie es für vernünftig hielten. So beschloss zum Beispiel das höchst erfahrene deutsche Team, uns nicht den Krieg zu erklären, während die Polen ihre Truppen mobilisierten und Richtung Grenze bewegten. Aber weil ihr Grenzgebiet vermint war und die Russen es daher ohnehin nicht betreten hätten, sahen auch sie von einer Konfrontation ab.
Im echten Leben wären die europäischen Länder höchstwahrscheinlich von den Geheimdiensten informiert worden und hätten früher reagiert. Was dann passiert wäre, wissen wir nicht.
Nico Lange, Senior Fellow bei der Münchner Sicherheitskonferenz, der ebenfalls an dem Spiel teilnahm, sagte den Journalisten vom Wall Street Journal, Putin sei ein Opportunist, und deswegen hänge die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs davon ab, ob sich ihm eine Gelegenheit biete. Wie schätzen Sie derzeit die Wahrscheinlichkeit eines russischen Angriffs auf Europa ein?
Wir wissen nicht, wie Wladimir Putin solche Risiken einschätzt. Viele haben geglaubt, die Ukraine anzugreifen sei ein extrem riskantes Unterfangen, das leicht schiefgehen könne, und daher würde er das nie tun. Aber Putin hat es getan.
Der Zweck unserer Übung war einfach zu zeigen, dass so etwas im Prinzip möglich ist. Wir haben getestet, wie die Deutschen reagieren würden, und haben gesehen, dass ihre Reaktion nicht geeignet wäre, die nordatlantische Allianz zu verteidigen.
Wie fanden Sie persönlich das Spiel, und wie war es, Putin zu spielen?
Es war sehr interessant, und ich musste ja nicht in Putins Psychologie eintauchen. Nach dem Spiel hatten wir eine gute Diskussion über verschiedene [alternative] Szenarien. Unser russisches Team hatte genau nach dem Plan gehandelt, den wir vorher abgesprochen hatten. Wir waren sehr gut vorbereitet, übrigens im Gegensatz zum deutschen Team, das sein Vorgehen erst während des Spiels besprochen hat.
Am Schluss hat einer der deutschen Teilnehmer gesagt: Zum Glück sind die Russen in Wirklichkeit nie so gut vorbereitet wie ihr.