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Bullshitting Russia

Fast die Hälfte der Artikel in der ausländischen Presse berichteten „negativ“ über Russland – zu diesem Schluss kommt Oktopus-1, eine Studie von Rossija SewodnjaRossija Sewodnja (dt. „Russland Heute“) ist staatliche Nachrichtenagentur und Medienunternehmen mit Sitz in Moskau. Das Unternehmen ging 2013 aus der Nachrichtenagentur RIA Novosti hervor. Unter der Dachmarke Sputnik betreibt es außerdem ein Internetportal, das nach eigener Angabe Nachrichten in über 30 Sprachen bietet. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung RBCdaily bekam Rossija Sewodnja im Jahr 2015 rund 263 Millionen Euro zum Ausbau des Programms. . Darin wurden knapp 80.000 Artikel von Medien aus G7-Ländern untersucht, die von Januar bis Ende Juni 2019 erschienen sind. Das Ergebnis der Studie schlägt in die Kerbe, das Ausland würde schlecht über Russland reden, und hat somit auch eine politische Dimension: So ließen offizielle Reaktionen nicht lang auf sich warten. Die russische GesellschaftskammerDie Gesellschaftskammer besteht seit 2005. Sie soll den Einfluss der Zivilgesellschaft auf die Gesetzgebung stärken und gesellschaftliche Kontrolle der Staatsorgane ermöglichen. Sie kann Dokumente der Staatsorgane einfordern und Beamte vorladen, hat aber eine rein beratende Funktion. Von ihren 126 Mitgliedern wird ein Drittel direkt vom Präsidenten ernannt. Während von ihr auch einige regierungskritische Aktionen ausgegangen sind, boykottiert ein Teil der Zivilgesellschaft die Kammer - so z. B. die Menschenrechtsorganisation Memorial. jedenfalls nahm die Studie zum Anlass, um eine öffentliche Diskussion über die Rechte ausländischer Medien und Journalisten in Russland anzuregen. Bereits Ende 2017 wurden einzelne Auslandssender wie Golos Ameriki (Voice of AmericaGolos Ameriki (Voice of America) ist ein US-amerikanischer, staatlicher Auslandssender, der schon zu Zeiten des Kalten Krieges im Ostblock sendete. 2014 stellten die russischen Rundfunkbetreiber die Zusammenarbeit mit dem Sender ein. Auch die Kurzwellen-Ausstrahlung des US-amerikanischen Rundfunkveranstalters Radio Free Europe/Radio Liberty wurde beendet. Ende 2017 wurden die Sender zu sogenannten „ausländischen Agenten“ erklärt. Derzeit ist Golos Ameriki in Russland nur noch online zu hören. ) und Radio Swoboda (Radio Liberty) in Russland zu „ausländischen AgentenVor dem Hintergrund der Bolotnaja-Proteste hat die russische Staastduma 2012 das sogenannte „Agentengesetz“ verabschiedet. Es sanktioniert „politisch aktive“ zivilgesellschaftliche Organisationen, die finanziell aus dem Ausland unterstützt werden. Seit November 2017 können zudem auch Medien zu „ausländischen Agenten“ erklärt werden. Die Gesetze sind unklar formuliert, sodass die russische Justiz nach eigenem Ermessen entscheidet, welche Organisationen mit dem aus der Stalinzeit stammenden „Agenten“-Label versehen werden. Betroffene Organisationen müssen strenge Vorschriften einhalten, die ihre Arbeit erheblich erschweren. Mehr dazu in unserer Gnose “ erklärt. 

Die Mitarbeiter des Exilmediums Meduza machte all das hellhörig. Alexej Kowaljow, Leiter des dortigen Investigativressorts, war einst Chefredakteur von InoSMI – InoSMI gehört zu Rossija Sewodnja und übersetzt westliche Presse ins Russische. Kowaljow sah sich die Studie genauer an und fand heraus: Die Untersuchung von Rossija Sewodnja stützt sich vor allem auf britische Medien (die mehr als ein Drittel der gesamten Studie ausmachen). Auffällig viele der untersuchten Artikel in diesen wiederum haben laut Meduza denselben Autor. 

Er heißt Will Stewart. Unter seinem Namen, so Meduza, werden allerdings vor allem Geschichten veröffentlicht, die Themen aus russischen Boulevardzeitungen aufgreifen. Allein im ersten Halbjahr 2019 hat Meduza auf den Seiten der Daily Mail knapp 220 Artikel gezählt, die unter dem Namen Will Stewart veröffentlicht wurden. 

Das bedeutet nicht nur, dass die „negative“ Berichterstattung, die die Studie beklagt, in Teilen sogar aus russischen Medien übernommen wurde. Es wirft auch die Frage auf: Wer ist Will Stewart und wenn ja, wie viele? Meduza hat sich auf Spurensuche begeben.

Quelle Meduza

William Stewarts Identität ist selbst für die Veteranen unter den Auslandskorrespondenten in den Moskauer Büros ein Rätsel. Nicht ein einziger der von Meduza befragten, zum Teil seit Jahrzehnten in Russland tätigen Journalisten hat ihn je persönlich getroffen oder weiß, wer er ist.

Nicht einmal im Außenministerium der Russischen Föderation scheint man das genau zu wissen – obwohl Stewart offiziell in Russland akkreditiert ist und auf den Seiten des Außenministeriums als Chef des Moskauer Büros der britischen Zeitung Daily Express genannt wird.

Dabei ist William Stewart eine ganz reale – wenn auch ziemlich verschlossene – Person. Er taucht nicht in den sozialen Netzwerken auf; in keiner einzigen Zeitung, für die er arbeitet, ist ein Foto von ihm zu finden. Dafür gelang es Meduza, im britischen Handelsregister eine Firma zu entdecken, als deren Geschäftsführer Stewart fungiert: East2West Limited, eingetragen im Januar 1996. Zur selben Zeit taucht sein Name erstmals in den Akkreditierungslisten der in Moskau tätigen Auslandskorrespondenten auf.

Stewart selbst, den Meduza nach mehreren Anfragen per E-Mail erreicht hat, gab an, seit 1992 in Moskau zu arbeiten. Viele seiner Beiträge, die von ausländischen Medien übernommen werden, nennen die Agentur als Quelle.

Anfang 2019 tauchte auf der Internetplattform Reddit die Frage auf: „Kennt hier jemand die russische Nachrichtenagentur East2West? Falls ja, wie vertrauenswürdig ist sie? Ich bin auf einen Bericht über einen grausamen Mordfall gestoßen, aber alle Versuche, die Originalquelle zu finden, führen auf Seiten aus Russland, die auf East2West verweisen. Merkwürdig, dass gleich mehrere Internetseiten auf eine völlig unbekannte Agentur verweisen.“

Ein anderer Nutzer antwortete: „Ich war auch sehr enttäuscht, als mehrere vermeintlich vertrauenswürdige Nachrichtenseiten in Brasilien, wo ich lebe, einen Bericht über ein Mädchen übernommen haben, das angeblich bei der Explosion eines Mobiltelefons gestorben war. Alle berufen sich auf russische Quellen, die ebenfalls auf diese merkwürdige Phantom-Agentur verwiesen. Ich finde das beängstigend.“

Killermäuse in den Kremltürmen

Will Stewarts beeindruckende Produktivität lässt sich damit erklären, dass die unter seinem Namen veröffentlichten Artikel das Produkt eines ganzen Kollektivs von russischen Journalisten sind, die für seine Agentur East2West News arbeiten. Unter ehemaligen Mitarbeitern hat Meduza endlich Menschen gefunden, die Stewart persönlich kennen. Stewart selbst hat nicht beantwortet, wie viele russische Mitarbeiter für seine Agentur tätig sind, er sagte nur, er arbeite ausschließlich mit „erstklassigen Freelancern aus Russland, den Ländern der ehemaligen UdSSR und Osteuropa zusammen“.

Eine ehemalige Mitarbeiterin, die bis 2011 für die Agentur tätig war, hat Meduza erzählt, wie die Vorbereitungen zu einer Nachrichten-Ausgabe abliefen: „Wir waren mehrere freie Mitarbeiter, am Morgen ging es los mit dem Monitoring: das Wichtigste aus der Welt der Politik, amüsante Ereignisse, Persönlichkeiten, die in Großbritannien von Interesse sind – wie ArschawinAndrej Arschawin (geb. 1981) ist ein ehemaliger russischer Fußballspieler. Er war Kapitän der russischen Nationalmannschaft und spielte von 2009 bis 2013 bei Arsenal London. AbramowitschRoman Abramowitsch (geb. 1966) ist ein russisch-israelischer Oligarch. Mit Beteiligungen in der Öl- und Aluminiumindustrie gehört er zu den reichsten Menschen der Welt. Vor allem in den 2000er Jahren galt Abramowitsch als wichtigster Oligarch im Umfeld des Präsidenten Wladimir Putin. Der Milliardär war von 2000 bis Juli 2008 Gouverneur der russischen Region Tschukotka. Seit 2003 besitzt er den britischen Fußballclub FC Chelsea. , der damalige [Premierminister] Tony Blair, Nasarbajew. Und Trash à la Killermäuse in den Kremltürmen. Will wählte die interessantesten Themen aus, ging ihnen nach. Sehr sorgfältig, mit Liebe zum Detail. Mehrere Tage lang, manchmal sogar Wochen, bis sich die Fakten zu einer Geschichte fügten.“

Die ehemaligen Mitarbeiter von East2West News, mit denen Meduza gesprochen hat, lobten Stewarts Professionalität, journalistische Sorgfalt und seine tiefe Russland-Kenntnis. Dabei unterscheiden sich die ersten Reportagen, die Stewart in den 1990ernDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose in Moskau veröffentlichte, deutlich von seinen heutigen Arbeiten: Im Oktober 1992 brachte der Daily Express eine Analyse zum Konflikt zwischen Boris JelzinBoris Jelzin (1931–2007) war der erste demokratisch gewählte Präsident Russlands. Er regierte von 1991 bis 1999, seine Amtszeit war durch tiefgreifende politische und ökonomische Krisen geprägt. Jelzin setzte massive Reformen in Gang: unter anderem ein Programm zur Privatisierung von Staatseigentum und ein folgenschweres Programm zur Umgestaltung der politischen Kultur. Letzteres bezeichnen viele Wissenschaftler als „Entsowjetisierungs-Programm”. und Ruslan ChasbulatowDer Ökonom Ruslan Chasbulatow (geb. 1942) war der erste Parlamentssprecher der Russischen Föderation. Er stand während des Augustputschs kommunistischer Hardliner 1991 auf Seiten des Reformers Boris Jelzin. Während der Verfassungskrise von 1993 wurde er zum erbitterten Gegner Jelzins und führte den bewaffneten Widerstand des Parlaments gegen Jelzin und seine Anhänger an., 1996 folgte ein großes Porträt über Alexander LebedAlexander Lebed (1950–2002) war ein bekannter Militär und Politiker. Bei den Präsidentschaftswahlen 1996 erreichte er mit 14,5 Prozent den drittgrößten Stimmenanteil. Nach den Wahlen ernannte ihn Jelzin zum Sekretär des Sicherheitsrates. Kurze Zeit später wurde Lebed beschuldigt, einen Staatsstreich zu planen. Im Dezember 1996 erklärte ein Moskauer Gericht die Beschuldigung als Verleumdung, und Lebed wurde später zum Gouverneur der Region Krasnojarsk gewählt. Vier Jahre später starb er bei einem Hubschrauberunglück., der damals als möglicher Jelzin-Nachfolger gehandelt wurde.

Andere Journalisten, die mit seiner Arbeit vertraut sind, bewerten sein Verhältnis zu den Fakten kritischer. Oliver Carroll, der für die britische Zeitung The Independent in Moskau schreibt, machte auf einen Artikel aufmerksam, der am 26. Juni 2019 in der Daily Mail erschien: „Ich war sein Futtervorrat – Russe gleicht Mumie nach einem MONAT in Bärenhöhle. Das Raubtier hatte ihm die Wirbelsäule gebrochen und als Futter in seine Höhle verschleppt.“ Unter Berufung auf eine Meldung des Nachrichtenportals EADailyEurasia Daily (EADaily) ist eine 2015 gegründete Nachrichtenagentur mit Sitz in Moskau. Die Eigentumsverhältnisse des russisch- und englischsprachigen Mediums sind unklar, manche Beobachter vermuten eine Nähe zum Kreml.   berichtete Stewart von dem in der Überschrift genannten Schicksal eines Mannes aus TuwaDie Republik Tuwa ist ein Föderationssubjekt Russlands im südlichen Sibirien, an der Grenze zur Mongolei. Hier leben auf einer Fläche, die in etwa der Hälfte des Gebiets von Deutschland entspricht, rund 320.000 Menschen. namens „Alexander“. Die ursprüngliche Nachricht versah er mit neuen schockierenden Details: Demnach musste der Held den eigenen Urin trinken, um zu überleben.

Der Daily Mail-Artikel war ein Hit in den sozialen Medien: Der Zähler auf dem Internetauftritt der Daily Mail zeigt 72.000 Reposts an. Daraufhin drehte die Geschichte eine zweite Runde durch die russischen Medien, diesmal unter Berufung auf die Daily Mail und Will Stewart. Oliver Carroll veröffentlichte im Independent einen Gegenbericht: Er entlarvte die Story mit der Bärenhöhle als Fake und den ausgemergelten Mann im Video als einen Patienten aus Kasachstan, der an einer schweren Form von Schuppenflechte leidet. Daraufhin änderte die Daily Mail den Inhalt und die Überschrift des Artikels. In der neuen Version beruft sich Stewart auf die Agentur East2West News, die mit dem Gesundheitsministerium in Tuwa gesprochen und herausgefunden habe, der Mann sei in Wirklichkeit Psoriasis-Patient. Dass die Agentur ihm selbst gehört, wird dabei nicht erwähnt.

Westliche Medien berichten

Stewarts Artikel, die auf russischen Quellen basieren, werden oft von genau diesen Quellen wieder aufgegriffen und neu belebt – dann mit dem respekteinflößenden Verweis auf „westliche Medien“. So brachte beispielsweise [die russische Nachrichtenagentur] RegnumRegnum ist eine 2002 gegründete nichtstaatliche Nachrichtenagentur mit Sitz in Moskau. Die von rund sechs Millionen Lesern im Monat besuchte Webseite gibt sich in ihren Meldungen häufig kremlkritisch. Viele Beobachter sehen aber eine insgesamt staatsnahe Ausrichtung. Die Kritik kommt vor allem aus baltischen Ländern: Regnum sei ein Instrument des Kreml, mit dem er Einfluss auf postsowjetische Länder ausübe, so der Vorwurf. Die drei baltischen Staaten verhängten Einreiseverbote für Chefredakteur Modest Kolerow (geb. 1964). 2016 eine Meldung unter folgender Überschrift heraus: „Mirror: Putin will Sibirien per Zeppelin erschließen“. Darin heißt es, unter Berufung auf einen Artikel von Will Stewart in der Daily Mail: „‚Putin setzt wieder auf den Zeppelin, so die britische Zeitung The Daily Mirror.“ (In Wirklichkeit ist in Stewarts Artikel keine Rede davon, dass Putin „auf den Zeppelin setzt“.) 

Weiter berichtet Regnum: „Der russische SicherheitsratDer Sicherheitsrat der Russischen Föderation ist ein Beratungsorgan des Präsidenten. Das Gremium besteht aus den wichtigsten Politikern und Funktionären des Landes. Offizielle Kernaufgabe des Rats ist die Sicherung des Staates vor inneren und äußeren Gefahren. Das Format wurde 1992 gegründet, 2011 wurden seine Kompetenzen ausgeweitet. Seit 2008 wird die Arbeit des Sicherheitsrats vom ehemaligen FSB-Chef Nikolaj Patruschew (geb. 1951) koordiniert. unter dem Vorsitz von Wladimir Putin hat ein Projekt zum Bau eines Luftschiffs bewilligt, das der Erschließung Sibiriens dienen soll. Die Kosten für einen dieser futuristisch anmutenden Zeppeline (Arbeitsname: East2West) belaufen sich auf rund 23 Millionen Pfund.“

Natürlich existiert überhaupt kein futuristischer Zeppelin, der East2West heißen und den Hohen Norden mit der Transsibirischen Magistrale verbinden soll. Der Autor des Regnum-Artikels hat die Bildunterschrift im Daily Mirror, wo der Urheber genannt wird, fälschlicherweise für den Namen des Luftschiffs gehalten: East2West – William Stewarts Agentur.

Dabei stammen die Bilder im Daily Mirror gar nicht von ihm. Die umgekehrte Bildersuche bei Google führt auf die Internetseite Siberian Times, die – am selben Tag wie der Daily Mirror – einen fast identischen Bericht über gemeinsame Pläne des Sicherheitsrates und der Russischen Akademie der Wissenschaften herausbrachte, abgelegene Gebiete mithilfe von Heißluftballons zu erkunden. Die Illustrationen auf der Seite der Siberian Times sind mit RosAeroSystems unterschrieben.

Das Phänomen Siberian Times

Das Internetportal Siberian Times sitzt in NowosibirskNowosibirsk ist mit rund 1,5 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt Russlands und die größte Stadt Sibiriens. Sie entstand 1893 durch den Bau der Eisenbahnbrücke über den Fluss Ob. Als wichtiger Verkehrsknotenpunkt für den Gütertransport wuchs die Stadt rasch. Den Namen Nowosibirsk (dt. „Neues Sibirien“) trägt die Stadt seit 1926. Unter Stalin wandelte sie sich von einer Handelsstadt zu einem Industriezentrum. Heute ist Nowosibirsk das kulturelle und wissenschaftliche Zentrum Sibiriens und ein wichtiger Standort von Theater und Musik in Russland. und veröffentlicht Artikel in englischer Sprache, die Will Stewart in seinen Beiträgen häufig zitiert. Obwohl auf der Seite das Impressum fehlt, ist die Chefredakteurin der Siberian Times bekannt: eine gewisse Swetlana Skarbo, Absolventin der Londoner City University und ehemalige Mitarbeiterin des Daily Express.

Im britischen Handelsregister taucht Swetlana Skarbo als ehemalige Geschäftsführerin der Agentur East2West auf (im Juli 2018 übergab sie die Geschäfte offiziell an William Stewart). Verschiedene Quellen behaupten, Siberian Times sei ein Projekt von Stewart persönlich, der es mit den Honoraren für seine Artikel bei den führenden britischen Zeitungen betreibt – in denen er wiederum auf seine eigene Webseite als Quelle verweist. Stewart selbst wollte sich zu seiner Verbindung zu Siberian Times oder Swetlana Skarbo nicht äußern und riet, sich mit allen Fragen direkt an sie zu wenden. Eine Antwort liegt der Redaktion bislang nicht vor. 

Von der Politik zum Boulevard

Der britische Journalist und Propagandaforscher Peter Pomeranzew ist einer der wenigen, die Stewart persönlich kennen. 2008, als Pomeranzew ebenfalls in Moskau arbeitete, half Stewart bei den Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm von Channel 4 über den „dicksten Jungen der Welt“ – Dshambulat Chachotow aus Kabardino-BalkarienKabardino-Balkarien ist eine Teilrepublik Russlands. Sie liegt im Nordkaukasus und hat rund 860.000 Einwohner. Über 70 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Islam.. Pomeranzew erklärt Stewarts Werdegang – weg von ernsthaften gesellschaftspolitischen Themen hin zur Regenbogenpresse – mit dem Wandel in der Redaktionspolitik des Daily Express selbst: „Er [William Stewart] war damals so etwas wie der politische Redakteur des Daily Express. Aber da war das Blatt auch noch eine halbwegs ernstzunehmende Zeitung für die Mittelschicht, sie gehörte nicht zur Kategorie der Red Tops wie The Sun oder der Daily Mirror.“ Aber irgendwann sei auch der Daily Express zu diesem Format übergegangen, meint Pomeranzew, wobei der reißerische Charakter der Schlagzeilen vergleichbare Blätter bald noch übertrumpfte.

Stewart selbst äußerte gegenüber Meduza, er beziehe das Ergebnis der Studie von Rossija Sewodnja nicht auf sich. Die darin erwähnten Artikel hätten es wegen ihrer „exotischen“ Überschriften hineingeschafft, für die aber nicht er verantwortlich sei, sondern seine Redakteure. Außerdem sagte Stewart: „Überall auf der Welt wird Auslandskorrespondenten negative Berichterstattung und Voreingenommenheit vorgeworfen. Wie Sie wissen, passiert das russischen Journalisten, die in Großbritannien arbeiten, genau so.“

Auf die Frage, warum es in seinen Beiträgen von blutigen Details und entstellten Kindern wimmelt, reagierte Stewart mit Unverständnis: „Wenn Sie den Artikel über das Mädchen meinen, das ohne Gesicht geboren wurde, dann bin ich froh, dass ich mit Hilfe der Leser wenigstens einen kleinen Teil der Summe sammeln konnte, die für die Behandlung in Russland und Großbritannien nötig war.“

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Wladimir Solowjow

Wladimir Solowjow (geb. 1963) ist einer der einflussreichsten Akteure der kremltreuen Medienwelt Russlands. Er profiliert sich vor allem als ein Scharfmacher, der gegen den Westen poltert und Liberale diffamiert. Gleichzeitig appelliert er aber auch oft an die Moral und traut sich sogar, dem Präsidenten unbequeme Fragen zu stellen. Magdalena Kaltseis über die Wandlungsfähigkeit des Talkmasters.

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Politische Talkshows

18 Uhr auf dem größten Sender Russlands: In einer politischen Nachrichtensendung soll ein ukrainischer Experte vor laufenden Kameras bekennen, dass die KrimDie Krim ist eine Halbinsel im nördlichen Schwarzen Meer. Sie stand lange Zeit unter osmanischem Einfluss und wurde Ende des 18. Jh. von Russland erobert. In der Sowjetunion fiel die strategisch und kulturell wichtige und als Urlaubsdomizil beliebte Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zu. Die 2014 erfolgte Angliederung an Russland löste eine internationale Krise aus. Mehr dazu in unserer Gnose schon immer russisch gewesen sei. Als er sich weigert, stellt der Moderator dem völlig verdutzten Gast einen vorbereiteten Eimer mit Fäkalien vor die Füße, das Studiopublikum klatscht begeistert. Ein Einzelfall? Keineswegs! Skandale wie dieser, fliegende Fäuste, persönliche Beleidigungen und geschmacklose Unterhaltung stehen im Zentrum eines neuen Typs gesellschaftspolitischer Talkshows in den russischen Staatssendern.

Wie überall auf der Welt werden auch in Russland Talkshows als eine Mischung aus Unterhaltung und Informationen dem sogenannten Infotainment zugeordnet. Nach Aussage einer Produzentin des Perwy kanalDer Erste Kanal gilt aufgrund seiner hohen Reichweite als das wichtigste Massenmedium des Landes. Seit dem Ende der Sowjetunion war er stets mehrheitlich im Staatsbesitz – wenn auch seit 1994 unter Beteiligung von Großunternehmern. Er ist ein zentrales Instrument der politischen Kommunikation des Kreml. Mehr dazu in unserer Gnose sollen jedoch auch die Politshows ihres Senders die Zuschauer nicht primär wegen ihres Informationswerts ansprechen, sondern vor allem aufgrund der Emotionen, die sie hervorrufen.1

Arenen der Emotionen

Russische Polit-Talkshows, wie sie von staatlichen und staatsnahen Sendern produziert werden, sind offensichtlich ein Erfolgsrezept. Aufgrund ihrer Vielfalt, der oftmals obszönen und vulgären Sprache2 sowie der geladenen Gäste sprechen sie unterschiedliche Bevölkerungsschichten und Generationen an – Umfragen zufolge sehen über 60 Prozent der russischen Bevölkerung mindestens einmal pro Woche eine politische Talkshow.3
Emotionale Steigerungen werden in solchen Talkshows unter anderem mithilfe von lautem Brüllen, verbalen oder physischen Attacken4, Schockbildern oder Gräuelgeschichten erzeugt. Diese Taktiken dienen nicht nur als Attraktionen, sondern auch der Verstärkung von Feindbildern, die in den Talkshows transportiert werden: Liberal-oppositionell gesinnte Diskutanten treffen in diesen Shows auf patriotisch-konservative Gäste. Letztere dominieren die Shows, diffamieren ihre Kontrahenten und gehen, wie beispielsweise in der Sendung Pojedinok (dt. Duell), meist als „Sieger“ hervor. Politische Talkshows wirken emotional unterstützend auf eine bereits vorherrschende Stimmung, die durch Nachrichten und Politiker geschaffen wurde und beeinflussen die öffentliche Meinung.5

Polit-Talkshows – ein Phänomen der Perestroikazeit

In Russland etablierten sich Talkshows erst während des Zusammenbruchs der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose und stehen in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen und Veränderungen dieser Zeit.6 Als Diskussions- und Gesprächsplattform stellte die Talkshow in einer Periode der angestrebten TransparenzGlasnost ist ein politisches Schlagwort, das Transparenz, Informationsfreiheit und das Fehlen von Zensur bezeichnet. Michail Gorbatschow (geb. 1931) führte den Begriff 1986 ein und stellte damit die Weichen für mehr Meinungs- und Redefreiheit.  , Offenheit und Meinungsfreiheit das geeignete Format dar, um politische oder gesellschaftliche Fragen öffentlich zu diskutieren. Neue TV-Formate wurden zunächst aus dem westlichen Fernsehen übernommen, wobei sich Talkshows aufgrund ihres hohen Massenanreizes und der relativ niedrigen Produktionskosten besonders gut für das russische Fernsehen eigneten.7 Insbesondere waren es jedoch die politischen Talkshows nach US-amerikanischem Vorbild, die übernommen wurden. Eine der ersten Ende der 1980er Jahre entstandenen Talkshows und Symbole der PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose war die von dem 1995 erschossenen Journalisten Wladislaw Listjew moderierte Sendung Wsgljad (dt. Blick), in der neben der Diskussion der Wochennachrichten erstmals auch zeitgenössische Popmusik aus dem Ausland und Musikclips westlicher Popstars zu hören und sehen waren.8 Aus dieser Zeit stammt auch der heute im Russischen gebräuchliche Terminus tok-schou, eine direkte lexikalische Entlehnung des englischen Begriffs Talk Show.9

Weiterentwicklung der Talkshows bis heute

Bis zur Jahrtausendwende entwickelte sich eine eigenständige Form der russischen Polit-Talkshows, zu deren Gründungsvätern neben Listjew auch der bis heute als Moderator tätige Wladimir PosnerWladimir Posner (geb. 1934) ist einer der erfahrensten Fernsehmoderatoren in Russland. In Frankreich geboren und in den USA aufgewachsen, war er in den 1980er Jahren der Organisator und Moderator der U.S.-Soviet Space Bridge, einer Art Videokonferenz zwischen den USA und der UdSSR. Zurück in Russland wurde er in den 1990er und 2000er Jahren zu einem der berühmtesten Interviewer. Seine Sendung, die seit 2008 im Ersten Kanal gezeigt wird, ist eine der wenigen Sendungen im Staatsfernsehen, in der kritische Fragen unter anderem an hohe Beamte gestellt werden dürfen. zählte. Während einige Polit-Talkshows, die sich anfangs vor allem mit dem Wechsel der politischen Elite beschäftigten, zu „Instrumenten innerer Informationskriege“10 wurden, hatten andere Sendungen eine wichtige aufklärerische Funktion. So thematisierte beispielsweise die Talkshow Nesawissimoje rassledowanije (dt. Unabhängige Untersuchung) auf NTWNTW ist einer der quotenstärksten TV-Kanäle Russlands. Er besteht seit 1993 und gehörte bis 2001 zur Holding des damaligen Medienmagnaten Wladimir Gussinski (geb. 1953). Dieser nutzte seine Medien auch zur politischen Einflussnahme. Vor allem NTW, das für viele als anspruchsvoll und innovativ galt, entwickelte sich zu einer Art Sprachrohr von Gussinksi, der damit auch die autoritäre Konsolidierung unter Putin kritisierte. Laut Beobachtern soll NTW 2001 vor allem wegen dieser Kritik von der staatsnahen Holding Gazprom-Media übernommen worden sein. die Rolle des FSBFSB (Federalnaja slushba besopasnosti, dt. Föderaler Sicherheitsdienst) ist der Inlandsgeheimdienst Russlands. Er ging aus dem sowjetischen Geheimdienst KGB hervor, der nach dem Ende der Sowjetunion zerschlagen wurde. Heute gehören Spionageabwehr, Terrorismusbekämpfung, aber auch organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität zum Arbeitsgebiet des FSB. Schätzungsweise rund 350.000 Menschen arbeiten heute für die Behörde. Mehr dazu in unserer Gnose bei der Serie von Bombenanschlägen in MoskauIm September 1999 erschütterten mehrere nächtliche Explosionen die Städte Bujnaksk, Moskau und Wolgodonsk. Die Bomben detonierten in großen Wohnblöcken, über 300 Menschen wurden getötet. Die Ermittler gingen von Terroranschlägen tschetschenischer Separatisten aus, in Gerichtsprozessen wurden einige Personen verurteilt, andere in Tschetschenien von Spezialkräften getötet. Die Anschlagsserie war einer von mehreren Anlässen für den Zweiten Tschetschenienkrieg – noch im September ordnete Ministerpräsident Putin die Bombardierung Grosnys an. Von Beginn an gab es Vermutungen, der russische Geheimdienst könnte an den Aktionen beteiligt gewesen sein. Eine unabhängige Kommission aus Parlamentariern konnte die Vorfälle nicht aufklären, da die Regierung Auskünfte verweigerte. Zwei Mitglieder der Kommission sind seitdem Mordanschlägen zum Opfer gefallen, ihr Anwalt wurde zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. im August und September 1999.11

NTW nahm ab Beginn der 2000er Jahre eine führende Rolle bei der Produktion politischer Talkshows ein,12 beispielsweise wurde auf diesem Sender die von Jewgeni KisseljowDer Fernsehjournalist Jewgeni Kisseljow war bis zur Auflösung der NTW-Redaktion Generaldirektor und Chefredakteur dieses bis dahin regierungskritischen TV-Senders. Nach eigener Aussage ist Kisseljow 2008 aufgrund politischen Drucks in die Ukraine ausgewandert. Hier ist er in mehreren Medienformaten beschäftigt, unter anderem führt er seine Sendung Nawerchu (dt. Oben) fort – eine Diskussionsrunde zu aktuellen politischen Ereignissen, die auf NTW in den Jahren 1994 bis 2001 unter dem Namen Itogi (dt. Bilanz) hohe Einschaltquoten erreichte. moderierte Talkshow Glas naroda (dt. Stimme des Volkes) ausgestrahlt.
Seit dem Amtsantritt Wladimir Putins wurde oftmals auf die zunehmende Entpolitisierung des Fernsehens hingewiesen, da die Anzahl politischer Talkshows ab Beginn der 2000er Jahre zurückgegangen war.13

Die UkrainekriseDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits mehr als 12.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden. Mehr dazu in unserer Gnose 2014 stellte jedoch einen Wendepunkt dar. Seitdem lässt sich eine erneute Zunahme politischer Talkshowreihen im russischen Fernsehen beobachten, die zudem einen neuen Stil repräsentieren.14 So kamen im Herbst 2014 auf dem Perwy kanal die beiden Polittalkshows Struktura momenta (dt. Struktur des Augenblicks) und TolstoiLew Tolstoi (1828–1910) war einer der bedeutendsten Schriftsteller der russischen Literatur. Sein literarisches Schaffen umfasst drei große Romane (Krieg und Frieden, Anna Karenina und Auferstehung), viele Erzählungen, Dramen und religionsphilosophische Traktate. Während er in der Literatur als von allen geliebter Superlativ gilt, wurde seine religiöse Lehre stark kritisiert und ihm selbst Moralismus und Utopismus vorgeworfen. Mehr dazu in unserer Gnose . Woskressenje (dt. Tolstoi. Sonntag) neu ins Abendprogramm. Auch ins Nachmittagsprogramm wurde mit Wremja pokashetWremja pokashet (dt. Die Zeit wird es zeigen) ist eine politische Talkshow des staatlichen Fernsehsenders Erster Kanal. Die Sendung läuft im Nachmittagsprogramm, seit 2017 wird sie vom Journalisten Anatoli Kusitschew (geb. 1969) moderiert. Der von 2016 bis 2017 hauptverantwortliche Moderator Artjom Schejnin (geb. 1966) vertritt Kusitschew urlaubs-  und krankheitsbedingt.  eine Polit-Talkshow integriert und damit Politik und Propaganda für Hausfrauen und Rentner aufbereitet. Von Wremja pokashet werden inzwischen drei Sendungen täglich produziert und ausgestrahlt. Damit kommt der populärste Sender Russlands heute auf circa 9 Talkshowsendungen mit jeweils circa 30 bis 60 Minuten täglich, davon mindestens drei mit politischer Thematik.

Auch auf Rossija-1Ein staatlicher Fernsehsender, der zusätzlich zu seinem Hauptprogramm noch 80 Regionalsender unterhält. Er gehört zur Allrussischen Staatlichen Fernseh- und Radiogesellschaft (WGTRK)., NTW und TWZTWZ ist ein Fernsehsender im Besitz der Moskauer Stadtverwaltung, der vor allem regionale Sendungen für verschiedene russische Großstädte produziert. wurden ab 2014 vermehrt politische Talkshows neu ins Programm aufgenommen. Die meisten konzentrierten sich auf ein Thema: die Ereignisse in der Ukraine. Dabei kam es neben teilweise sehr emotionalen Diskussionen auch zu Schlägereien: So wurde in einer Sendung von Prawo golosa (dt. Stimmrecht) auf TWZTWZ ist ein Fernsehsender im Besitz der Moskauer Stadtverwaltung, der vor allem regionale Sendungen für verschiedene russische Großstädte produziert. ein Teilnehmer zunächst von anderen Gästen angeschrien und schließlich verprügelt.15 Obwohl die Folge wegen des Handgemenges nicht ausgestrahlt wurde, illustriert sie, dass das „Recht auf die eigene Stimme“ in solchen Talkshows de facto nicht viel zählt, beziehungsweise vor allem der Polarisierung, Skandalisierung und Erregung der Aufmerksamkeit der Zuschauer dient.

Im September 2016 startete auf Rossija-1 zudem die Polit-Talkshow 60 minut, die mittlerweile im Nachmittags- sowie Abendprogramm gesendet wird. Kennzeichnend für diese Show sind neben persönlichen Beleidigungen und Anfeindungen der Gäste vor allem Diffamierungen des ukrainischen Staates.16 Bezeichnend dafür ist, dass das Moderatorenpaar dem Politiker Wladimir ShirinowskiWladimir Wolfowitsch Shirinowski (geboren 1946 als Wladimir Eidelstein) ist Gründer und Vorsitzender der nationalistischen Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR). Seine Auftritte zeichnen sich durch extrem populistische Rhetorik, antisemitische Stereotype und regelmäßige Handgreiflichkeiten vor laufenden Kameras aus. Zudem hat er wiederholt zu militärischer Gewalt gegen westliche Staaten aufgerufen. Shirinowski ist als zuverlässig Grenzen überschreitender Polit-Clown ein essentieller Bestandteil des russischen öffentlichen Lebens. Mehr dazu in unserer Gnose zu seinem 73. Geburtstag eine Torte in Form der Ukraine schenkte, welche er schließlich mit einem Messer entzwei teilte.17

Die russische Außenpolitik, die historische Glorifizierung Russlands, die Abwertung anderer Staaten wie der Ukraine oder der Konkurrenzkampf mit dem Westen sind beliebte Themen in diesen Talkshows. Es geht dabei vor allem um Selbstaufwertung und das Schaffen von Feindbildern – was von innenpolitischen und sozial brisanten Fragen ablenkt, die in diesen Shows nicht aufgegriffen werden.

Zentrale Instanz – der Moderator

Zu den zentralen Charakteristika von Talkshows generell zählt neben der vermeintlichen Leichtigkeit des Gesprächs, der Anwesenheit eines Publikums und der Präsenz von Gästen sowie Experten die Wortgewandtheit des Moderators.18 Letzterer ist gleichzeitig Markenkern und Aushängeschild der Talkshow, sein Familienname figuriert oftmals als Teil des Talkshownamens. Die Moderatoren sind es schließlich auch, die den Unterschied zwischen russischen und US-amerikanischen Talkshows ausmachen, da russische Hosts im Gegensatz zu US-Moderatoren teilweise ihre persönliche Meinung äußern und aktuelle Ereignisse interpretieren.19
Ein besonders grelles Beispiel dafür ist Artjom Scheinin, der 2016 mit der Moderation von Wremja pokashet und seiner eigenen Talkshow Perwaja studija (dt. Erstes Studio) auf dem Perwy kanal einem breiteren Publikum bekannt wurde. Von seinen Kollegen hebt er sich durch seine platte und politisch unkorrekte Ausdrucksweise sowie die Verwendung von MatMat ist die Bezeichnung für die russische Vulgärsprache, die deutlich stärker tabuisiert ist als deutsche Kraftausdrücke. Der Mat besteht aus wenigen Wortwurzeln, die ursprünglich die Geschlechtsteile und den Geschlechtsakt bezeichnen und in anderen Bereichen des Lebens verwendet werden, um eine besondere (positive oder negative) Ausdruckskraft zu erreichen. Die Benutzung von Mat ist in den russischen Medien gesetzlich verboten, einzelne Buchstaben werden oft mit Sternchen („p***a“) oder Punkten („ch…“) ersetzt. Mehr dazu in unserer Gnose ab.20 Scheinin provoziert bewusst in seinen Talkshows – sei es mit der Verharmlosung der Tötung von Menschen21 oder mit einem Eimer Fäkalien.22


Moderator Artjom Scheinin stellt einem verdutzten Gast einen Eimer Fäkalien vor die Füße, weil der sich weigert, die Krim als russisch anzuerkennen
Ein weiteres Beispiel ist der 2006 mit der TEFI-Prämie ausgezeichnete Andrej Norkin, der sein Publikum in der Talkshow Mesto vstretschi (dt. Treffpunkt) auf NTW mit anzüglichen Witzeleien23 oder Anekdoten über Juden24 unterhält und auch schon während der Sendung Gäste unsanft aus seinem Studio geschmissen hat.

Wiederkehrende Gesichter und Meinungen

Obwohl die teilweise unzensierte Sprache der Moderatoren den Anschein von Live-Sendungen vermittelt, sind die meisten von ihnen inszeniert und folgen einem vorgefertigten Drehbuch.25 Speziell in russischen Talkshows werden immer wieder dieselben Gäste und sogenannten Experten eingeladen, damit sie eine bestimmte Position – Freund oder Feind Russlands – vertreten.
So mimt beispielsweise der gebürtige Amerikaner Michael Bohm regelmäßig den westlichen Feind Russlands, tingelt durch die verschiedenen Sendungen und Fernsehkanäle und wird dafür sehr gut bezahlt.26 Darin besteht auch der Unterschied zu den Polit-Talkshows der 1990er JahreDie 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose : Waren damals die Talkshows und Moderatoren noch um einen gewissen Meinungspluralismus bemüht, sind heute diejenigen erfolgreich, die am lautesten schreien, geschmacklose Witze vorbringen, raufen, den Gegner verbal niedermachen und mit allen Mitteln polarisieren.


1.vgl. Komsomol’skaja pravda: Tok-šou – ėto vojna
2.vgl. Novaja gazeta: Govorit i pokazyvaet podvorotnja
3.vgl. Levada-Centr: Rossijskij medialandšaft – 2017
4.vgl. Ok.ru: Šejnin napal na Majkla Boma
5.vgl. The Washington Post: Russia’s TV talk shows smooth Putin’s way from crisis to crisis
6.vgl. Kozlova/Bondarev (2011): Nacional’nye osobennosti razvitija žanra obščestvenno-političeskogo tok-šou na rossijskom televidenii, in: Vestnik VolGU, 8 /10, S.119f.
7.vgl. Hutchings/Rulyova (2009): Television and culture in Putin’s Russia. Remote control, London/New York, S. 90
8.vgl. Lenta.ru: « Ėto norma»: Kak Pervyj kanal zadaval ton otečestvennomu TV
9.vgl. Kozlova/Bondarev (2011), S.120
10.vgl. Dolgova (2017): Social’naja i političeskaja tematika v obščestvenno-političeskich tok-šou 2014-2015 gg, in: Tichonova: Social’nye aspekty sovremennogo veščanija v Rossii, Vypusk II, Moskva, S. 17
11.vgl. Youtube: Popytka vzryva doma FSB ili učenija? Nezavisimoe rassledovanie
12.vgl. Novikova (2008): Sovremennye televizionnye zrelišča: istoki, formy i metody vozdejstvija, Sankt Peterburg, S. 195
13.Hutchings/Rulyova (2009), S. 94
14.vgl. Dolgova (2015): Fenomen populjarnosti obščestvenno-političeskich tok-šou na rossikskom TV osen’ju 2014 goda – vesnoj 2015 goda, in: Vestnik MGU serija 10, Žurnalistika 6, S. 163
15.vgl. TVC: Draka v programme “Pravo golosa”
16.vgl. currenttime.tv: V Latvii zapretili telekanal ‘Rossija‘ za razžiganie nenavisti k ukraincam
17.vgl. Youtube: ‘Ukraina’ - podarok Žirinovskomu na den’ roždenija! 60 minut ot 26.04.19
18.vgl. Kuznecov (2004): Tak rabotajut žurnalisty TV: 2-e izdanie, pererabotannoe, Moskva, S. 29-31
19.vgl. Kozlova/Bondarev (2011), S.121
20.vgl. Interfax.ru: Televeduščego Šejnina nakažut za mat v ėfire
21.Moskovskij Komsomolez: «Ja ubival»: Veduščij «Pervogo kanala» sdelal priznanie v efire
22.vgl. Youtube: Vedro govna v studiju
23.vgl. Yandex zen: Televidenie perechodit na žargon i pochabnye anekdoty
24.Radio Svoboda: Teledemony revoljucii
25.vgl. Timberg et al. (2002): Television Talk: A History of the TV Talk Show, Austin, S.5f.
26.vgl. The Insider: Ispoved’ propagandista
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Dimitri Kisseljow

Der Journalist Dimitri Kisseljow spielt im gelenkten russischen Staatsjournalismus eine zentrale Rolle. 2008 wurde er Vizedirektor der staatlichen Medienholding WGTRK. Seit 2014 leitet er die staatliche Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja.

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