
Pawel Antipow, geboren 1981 in Minsk, ist ein auf Russisch schreibender belarussischer Schriftsteller und Verleger. Er debütierte 2005 mit der Kurzgeschichte Geschichten aus Minsk und seiner Metro (russ. Rasskasy o Minske i jewo metropolitene), seitdem sind seine Kurzgeschichten in Zeitschriften und Erzählbänden erschienen, zudem hat er andere Prosaarbeiten veröffentlicht, zeitweise war er für den PEN Belarus tätig. Im Warschauer Exil gründete Antipow den Verlag Mjane njama (dt. Mich gibt es nicht), dessen Namen sich auf ein berühmtes Buch des Philosophen Valjanzin Akudowitsch aus dem Jahr 1998 bezieht, und auf die Sichtweise, dass die Belarussen, ihre Geschichte, Kultur und Literatur weitgehend unsichtbar seien.
In seinem Essay für unser Projekt Spurensuche in der Zukunft, das dekoder seit 2021 zusammen mit der S. Fischer Stiftung betreibt, sucht Antipow nach den prägenden Leitlinien in seinem „belarussischen Album”: zwischen Orwell und Alexijewitsch, zwischen Krieg und Tschernobyl, zwischen Protesten, Repressionen und einem neuen Leben im Exil.
Dieser Text beginnt in den 1980er Jahren, kurz nachdem sich George Orwells Prophezeiung dann doch nicht erfüllt hat. Ich sitze auf dem Boden und lese mein erstes Buch. Nein, nicht 1984, obwohl das natürlich Symbolkraft hätte.
Es ist ein Buch aus einer Serie, die genau so heißt: Mein erstes Buch. Dünn, zusammengeheftet mit zwei kleinen Metallklammern. Ich habe den gesamten Text gelesen, alle Seiten, auch das Impressum, die Auflagezahl und den Kopekenpreis hinten drauf. Das ganze Buch von vorne bis hinten und noch einmal zurück.
Dass ich mich daran erinnern kann, muss etwas bedeuten. Vielleicht war das der Moment, in dem ich beschlossen habe, Schriftsteller zu werden? Obwohl man mit fünf so was natürlich nicht wirklich entscheiden kann. Es war auch keine Entscheidung, sondern eher ein starkes Gefühl, das sich mir ins Gedächtnis eingebrannt hat, und damit auch dieses erste Buch und die Aussicht aus dem Fenster, oder vielmehr die Empfindung beim Hinaussehen aus dem Fenster dieses großen Zimmers. Wir wohnten in einer Chruschtschowka, das große Zimmer hatte 15 Quadratmeter und war eben größer als die anderen, aber ich war ja selbst noch klein, weswegen für mich jedes Zimmer groß war. Vor dem Fenster Bäume, dahinter ein schäbiger Plattenbau, und dahinter wiederum ein rauchender Schornstein. Mit dieser Aussicht werde ich dreißig Jahre später unbewusst meinen ersten Roman beginnen, aber jetzt bin ich erst fünf, und dieser Blick ist lediglich ein Gefühl. Genauso unbewusst spüre ich den Umbruchsgeist der 1980er Jahre, es kann gar nicht anders sein, als dass ich ihn spüre. Denn draußen raucht nicht mehr nur der Schornstein. Es ist Minsk 1986. Schon sind reihenweise die Generalsekretäre gestorben, schon flimmert Gorbatschows markante Glatze über den Bildschirm, Perestroika, Glasnost und so weiter. Es kann jeden Moment losgehen mit der Zukunft, nur ich kleiner Zwerg sitze da und lese.
Bald wird das berüchtigte Kraftwerk von Tschernobyl explodieren und unser schwarzweißes Leben in einem Magnesiumblitz erstrahlen lassen.
Meine Großmutter hat nie verstanden, warum meine Mama so viele Fotos macht. Die sowjetische Industrieproduktion versorgte uns flächendeckend mit Schwarzweißfilmen und Chemikalien, in jedem Haushalt gab es einen Fotoapparat und eine Vergrößerungsmaschine, komischerweise gab es da nie ein Defizit. Aber meine Oma hatte in ihrem ganzen Leben nur eine Handvoll Fotos gesammelt. Weswegen sie sich an jeden Besuch beim Fotografen und an jede Szene, die Opa mit seinem erbeuteten Fotoapparat festgehalten hatte, genauso gut erinnern konnte wie an Tschernobyl.
Und schon ist neben „Tschernobyl“ das Wort „erbeutet“ aufgetaucht. Der Zweite Weltkrieg, Opas Kriegsgefangenschaft, die Flucht, seine abermalige Rekrutierung. Das Kriegsende erlebte er in Rostock, von irgendwo dort stammte der Fotoapparat. Die Geschichte meiner Familie wurde mit deutscher Technik dokumentiert. Auch diesen Essay schreibe ich für eine deutsche Website. Was also will ich nun für die Welt dekodieren?
Für unser belarussisches Album hat die beiden Motive – den Krieg und Tschernobyl – Swetlana Alexijewitsch festgehalten. Unter anderem dafür wurde sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, und heute touren ihre Bilder durch internationale Alben, versuchen überall auf der Welt, den Lesern Belarus zu erklären, also auch mich. Wenn ich mich erkläre, nehme ich oft Bezug auf diese Bilder. Mein Tschernobyl ist in Wasser aufgelöstes Jod Trinken, und wie ich einmal beim Kiosk, an dem Kwas und Eis verkauft wurden, ein winziges schwarzes Strahlenteilchen sah, das der Wind vor sich hertrieb. „Mama, ich hab ein Strahlenteilchen gesehen!“
Mit Opa – da war er schon gelähmt – schaute ich immer die auch schwarzweiße polnische Fernsehserie Vier Panzersoldaten und ein Hund, und bei einer Kampfszene fing Opa plötzlich an zu weinen. Es war das erste und letzte Mal, dass ich ihn habe weinen sehen, ein ganz schön komisches Gefühl. Danach spielten wir Karten, und er gewann.
Heute ist noch ein weiteres Bild hinzugekommen, zu dem ich mich in Bezug setzen müsste: 2020 – Proteste, Repressionen, Exil. Doch das kann bisher nicht einmal Swetlana Alexijewitsch.
Ich möchte von dem Leben zwischen all diesen Fotos schreiben.
Seit ich mein erstes Buch gelesen habe, läuft ein Motor, der nie müde wird. Von da an las ich alle Bücher, die meine Mutter mir gab, las mich als Schüler durch die Listen mit Zusatz- und Ferienlektüre, las überall und sogar in der Badewanne, wobei mir immer wieder mal ein Buch reinfiel, das ich, bevor ich es schuldbewusst in die Bibliothek zurückbrachte, auf der Heizung trocknete. Auf dem Küchentisch lag ein Erzählband von Michail Soschtschenko, den las ich von hinten nach vorn. Ich schrieb gern Aufsätze. Du sitzt vor den leeren Linien im Schulheft, denkst nach, plagst dich, und auf einmal – zack – sind alle Gedanken gebündelt wie die Sonnenstrahlen auf der Linse, mit der du deinen Tisch angekokelt hast, alles passt zusammen und du legst los. Ich schrieb Aufsätze für meine Mitschüler, die im Gegenzug den Boden wischten, wenn ich damit an der Reihe war. Alles steuerte darauf zu, dass ich einmal Schriftsteller werden würde. Als die ersten Computer aufkamen, lernte ich tippen: asdf jklö – das kann ich blind.
In Minsk gab es kein Literaturinstitut, das hätte mir damals schon zu denken geben müssen, aber ich ging zum Studieren einfach nach Moskau. Erst da begriff ich, dass Belarus nicht Russland ist und ich – ein belarussischer Schriftsteller. Ich spare mir die langen, pathetischen Tiraden und sage nur, dass ich das Fremdsein mit jeder Pore spürte, den fremden Schmerz, dazu einen gewissen Sadismus. Obendrein hatten die Duschen keine Trennwände.
Meine Erzählung, in der es um den Schmuggel von Handys über die polnisch-belarussische Grenze ging, die in Postawy und Minsk spielte, wurde in einem russischen Sammelband publiziert, und in der Literaturnaja gaseta kam eine Rezension, die die belarussischen Toponyme und Realien komplett außer Acht ließ und meinen Text, ohne mit der Wimper zu zucken, der russischen Literatur zuordnete. Man gab mir eine Chance. Aber meine Identität war bereits festgelegt.
Zudem brachte man uns am Literaturinstitut gar nicht bei, wie man schreibt. Wir hörten nur immer, dass man „Schreiben nicht lernen” könne. Also ging ich zurück nach Minsk. Ich brachte mir alles selbst bei, las Vladimir Nabokovs Lectures on Russian Literature und die Briefwechsel von Gustave Flaubert. Dann veröffentlichte ich mein erstes Buch, fühlte mich aber noch immer nicht als Schriftsteller. Da wusste ich noch nicht, dass in Belarus alles dafür getan wird, damit dieses Gefühl gar nicht erst aufkommt.
Es war kein Zufall, sondern Absicht, dass man bei uns nicht Literatur studieren konnte, dass es generell keine Institutionen für Literatur gab.
2023 wurde ich zu einer Residenz für Schreibende und Übersetzende in Ventspils, Lettland, eingeladen. Tagsüber schrieb ich an meinem Roman, die Abende verbrachte ich mit Autoren und Übersetzern aus Lettland, Österreich und Georgien. Lauter Leute, denen ich auf die Frage danach, was ich tue, antworten konnte: „Ich schreibe ein Buch.“ Und zwar ohne mir dabei wie ein Alien vorzukommen. In Belarus darf man nicht einfach nur ein Buch schreiben, man braucht noch einen „richtigen” Job. Fährt man über die Grenze, ist alles okay, man ist Schriftsteller.
Ich begann, mich für die lettische Literatur zu interessieren, und fand heraus, dass es auch da solche „alten Fotos“ gab, genau wie bei uns. Ein Buch handelte von der Unabhängigkeit in der Zwischenkriegszeit der 1920er und 1930er Jahre, ein anderes von der sowjetischen Besatzung nach dem Krieg, von den 1940er bis in die 1980er Jahre. Aber es gab auch ein Buch über eine kleine Stadt mit ihren Straßen, dem verwaisten Krankenhaus, einer Pizzeria, ein Buch, das sich zwischen die großen Narrative verirrt hatte. Wenn man ABBA-Songs nicht zu den großen Narrativen zählt.
Ich erfuhr, dass das Buch ein Bestseller war und in Lettland 17.000 Mal verkauft wurde. Sobald ich eine Zahl höre, fange ich an zu rechnen. Wenn Lettland rund zwei Millionen Einwohner hat, so meine Überlegung, und Belarus fünfmal mehr, dann wäre man bei uns theoretisch mit rund 85.000 ein Bestseller-Autor. Dabei ist bei uns die maximale Auflagenzahl auf 7000 beschränkt. Warum gibt es bei uns keine Bestseller-Autoren? Nicht, weil es keine Schriftsteller oder keine guten Bücher gäbe. Sondern nur, weil der Staat seit den 1990er Jahren Schriftstellern konsequent die Förderung verweigert. Komisch, dass ich erst nach Lettland fahren musste, um das zu kapieren.
Es war kein Zufall, sondern Absicht, dass man bei uns nicht Literatur studieren konnte, dass es generell keine Institutionen für Literatur gab. Der belarussische Staat interessiert sich nicht für belarussische Schriftsteller. Er interessiert sich auch für etliches andere nicht, ja, aber vor allem die Literatur ist der völligen Auslöschung nahe.
In jedem unserer Nachbarländer – in Polen, Litauen, der Ukraine, in Lettland, bis vor kurzem sogar in Russland – könnte ein Buch, nachdem ich es geschrieben hätte, in einem Verlag erscheinen, es würde verkauft, es gäbe Rezensionen, es würde gelesen. Vielleicht wäre es kein Bestseller, aber ich hätte einen literaturbezogenen Job bei einer Zeitung oder Zeitschrift oder in einer Organisation, wäre unter meinesgleichen und könnte Aufenthaltsstipendien in Schriftstellerresidenzen bekommen. Ich habe einfach das Pech, in einem Land geboren zu sein, in dem es das alles nicht gibt. In dem uns das alles absichtlich und systematisch verweigert wird. Tja, wir sind eben Helden, wir belarussischen Autoren und Autorinnen. Wir haben nichts, aber wir schreiben trotzdem.
Die kleine Stadt in dem lettischen Bestseller heißt Talsi. Ich fuhr mit Kollegen und Kolleginnen aus der Residenz zu einem Festival, auf dem dieses Buch gefeiert wurde. Der Autor führte eine große Gruppe von Menschen an die Orte, die in seinem Text vorkommen, und las Ausschnitte vor. Ich könnte meine Leser nicht durch Minsk führen, dachte ich währenddessen. Das ginge nur, wenn Minsk in Lettland oder Polen läge.
Wir kamen an einem Laden vorbei, an dem auf Lettisch „Schuhe aus Europa“ stand. Meine europäischen Kollegen lachten über das Schild: Als ob hier nicht Europa wäre. Ich gab zu bedenken: „Bei uns gibt es auch Läden mit ‚Mode aus Europa‘!“ Da sagten sie: „Bei euch stimmt das ja, ihr gehört ja nicht zu Europa.“
Sie meinten natürlich die EU. Ich musste an die Rezensentin denken, die mich zu den russischen Schriftstellern gezählt hatte.
Nach den Protesten 2020 zog ich nach Warschau. Einmal im Spätherbst lief ich durch die Nacht zur Bushaltestelle. Unterwegs kam ich auf die Idee, noch irgendwo auf ein letztes Bier einzukehren. Google Maps schlug mir eine günstige Bar ganz in der Nähe vor, da wollte ich auf einen Sprung hin. Als ich reinging, kam mir ein Typ mit einem Rucksack entgegen, den ich für einen Touristen hielt. „Da ist nichts zu holen“, sagte er auf Englisch zu mir. „Stickig, wenig Leute, alle scheiße drauf, komm lieber mit.“ Normalerweise mach ich so was nicht, aber in dem Fall war klar, er wollte mir etwas zeigen.
Auf dem Weg erfuhr ich, dass er gar kein Tourist war, sondern Tomek aus Warschau, der gerade von einer Dienstreise zurückkam und deswegen noch mit seinem Gepäck beladen war. Zu Hause warteten Frau und Kinder, aber er wollte sich noch eine Verschnaufpause zwischen Arbeit und Familie gönnen. Natürlich fragte er mich, woher ich komme, und ich sagte es ihm, und in weiterer Folge unterhielten wir uns im Bewusstsein unserer nationalen Identität.
Tomek fragte, ob es mir in seiner Stadt gut gehe, in Warschau. Ich sagte ja. Er sagte, na prima, wir helfen euch, euch Belarussen, wir mögen euch, welcome.
In einer Bar auf der Nowogrodzka bestellten wir Bier, und weil wir unsere jeweilige Herkunft schon geklärt hatten, ging es weiter mit der Frage nach dem Beruf. Tomek ist in der IT-Branche. Und ich? Ich muss ihn beeindrucken, dachte ich, darf mich vor einem Einheimischen bloß nicht blamieren. Also sagte ich, ich hätte in Belarus mit Swetlana Alexijewitsch zusammengearbeitet. Manchmal liebe ich es zu übertreiben. Weil man die Art von Interaktion, die ich mit Alexijewitsch hatte, wohl kaum eine Zusammenarbeit nennen kann, aber immerhin hatte es ein paar geschäftliche Gespräche, eine kurze gemeinsame Zeit im PEN-Zentrum und gemeinsame Überlegungen zu dessen weiterem Schicksal gegeben.
Der Name Alexijewitsch sagte Tomek allerdings gar nichts. Ich sagte, wie gibt’s denn das, sie hat den Nobelpreis, aber er kannte sie trotzdem nicht. Ich kam nicht mehr dazu, ihm ihre Bücher zu erklären, weil der Barmann nach Hause wollte. Tomek fragte, ob wir nicht noch ein letztes Bier haben könnten, immerhin sei ich Schriftsteller und hätte mit Alexijewitsch zusammengearbeitet, mit der großen Swetlana Alexijewitsch! Aber auch der kannte sie nicht, und wir gaben uns geschlagen. Mist, sagte Tomek draußen, wir hätten deine Belarus-Karte ausspielen sollen, dass du so ein armer Flüchtling bist. Aber mach dir nichts draus, die Polen freuen sich über dich.
Da kratzte ich die letzten Reste meiner Nüchternheit zusammen, um die Frage genau zu formulieren und mir die Antwort zu merken: „Tomek“, fragte ich ihn, „du sagst das jetzt zum x-ten Mal, aber jetzt mal ehrlich, Hand aufs Herz, freut ihr euch wirklich über mich, also, freust du dich?“
„Ich?“ Tomek überlegt. „Ehrlich?“
„Ja“, sag ich, „ehrlich.“
„Wenn ich ehrlich bin, bist du mir egal. Den anderen wahrscheinlich auch.“
„Eben“, sage ich, „das fühlt sich gleich besser an.“
Von da an gleichen die Ereignisse einer Erzählung von Ernest Hemingway oder Guy de Maupassant. Und schuld ist Tomeks Smartwatch.
Wir gingen durch einen Torbogen, und da kamen uns drei Männer mit dunkler Hautfarbe entgegen. Ich konnte ihre Nationalität oder Sprache nicht zuordnen, irgendwo im arabischen Raum. Zwischen einem von denen und Tomek sprühte ein ausländerfeindlicher Funke auf. Ich kann das nicht hundertprozentig belegen, das nur so ein Gefühl. Irgendwie haben sie sich unfreundlich angesehen, irgendwie gefiel Tomek die Antwort auf seine Frage nicht, ob es hier noch eine Bar in der Nähe gebe. Es lag dann eindeutig Rivalität, Frust und Aggression in der Luft. Und da springt dieser Typ auf einmal Tomek an. Seine zwei Kumpels wollten die beiden auseinanderbringen, es war keine brutale Schlägerei, sie hatte sich nur ineinander verkeilt. Und plötzlich habe ich mich auch ins Gefecht geworfen, mitten in dieses Menschen-Knäuel. Warum nur? Ich schlug um mich und dachte, der Typ könnte ja ein Messer dabeihaben.
Irgendwann entzerrte sich das Knäuel wieder, und ich zog Tomek in die nächste Whiskey-Bar. Als Tomek mit seiner Smartwatch zahlen will, ist sie weg.
„Das haben die extra inszeniert, um meine Uhr zu stehlen!“
Er rannte zu dem Torbogen zurück und fand dort tatsächlich einen Spanier, der dem vermeintlichen Dieb sehr ähnlich sah. Dass er Spanier war, erfuhren wir erst später, aber zunächst stürzte Tomek sich auf ihn und schrie: „Gib mir meine Uhr zurück!“
Allein brachte ich sie nicht auseinander, die anderen Kumpel fehlten, und es gab nur eine Chance, sie aufzuhalten – ich musste die Uhr finden. Ich suchte den Boden ab, und da lag sie. „Tomek, deine Uhr! Hier ist sie!“ Tomek sah mich an, dann den Spanier, dann sagte er: „Oh, I’m sorry, man.“
Doch der Spanier brüllt ihn an: „Entschuldige dich!“
„Ich hab doch gesagt: I’m sorry.“
„On your knees! Auf die Knie!“
„Wieso Knie“, sagt Tomek, „komm mit, Mann, ich geb dir ein Bier und einen Döner aus.“
Wir gingen in eine 24/7-Dönerbude. Dort saßen wir ganz friedlich beisammen. Der Spanier erzählte, dass er Spanier sei und zur Fußball-WM nach Qatar fliege, mit Zwischenstopp und Übernachtung in Warschau, also wolle er sich die Stadt anschauen.
Da klingelte Tomeks Handy: „Ja, Schatz, schon unterwegs!“ Er rannte davon, und damit war sein Auftritt beendet.
Ich blieb mit dem Spanier allein, dessen Namen ich nicht einmal weiß. Ich sagte: „Ich habe kürzlich was über Spanien gelesen, bei euch gab es Repressionen und Diktatur, ähnlich wie jetzt in Belarus, vielleicht sogar schlimmer, kannst du dich daran erinnern?“
„Ja“, sagte er, „da war mal was, aber das ist vorbei.“
Ich fragte: „Und wie geht es dir damit? Dass da Leute wegen ihrer politischen Ansichten erschossen und verfolgt wurden?“
„Das ist mir eigentlich egal“, sagte er, „hat mit mir nichts zu tun.“
„Und weißt du irgendwas über Belarus?“
„Na ja, wenn ich ehrlich bin, hab ich keine Ahnung.“
Ende Mai rief Jean an und sagte: „Papa, ich muss einen Aufsatz schreiben, fünf Sätze, woran ich mich aus der Grundschule erinnere, du bist doch Schriftsteller, hilf mir.“ Seit mehreren Jahren kann ich meinen Sohn in Belarus nicht mehr besuchen, aber wir telefonieren.
„Lass uns zusammen schreiben“, schlug ich vor.
„Wie fangen wir an?“
„Vielleicht mit deinem ersten Schultag?“
„An meinem ersten Schultag war ich sechs. Erster Satz fertig. Weiter?“
„Vielleicht was über deine Lehrerin? War die nett?“
„Nein.“
„Dann schreiben wir eben, dass sie dir lesen, schreiben und rechnen beigebracht hat.“
„Was noch?“
„Überleg mal, worüber hast du dich in der Schule gefreut?“
„Über Hackfleischbällchen mit Kurkuma zu Mittag, aber das kann ich echt nicht schreiben, das wollen die nicht hören.“
„Schade“, sagte ich, „klingt doch gut.“
„Okay, dann eben doch. Am Ende schreibe ich: Ich liebe meine Schule. Das stimmt zwar nicht, aber es ist ein guter Schlusssatz.“
Für Alexijewitschs Generation hat George Orwell die Zukunft vorausgesagt.
Auch mein Aufsatz nähert sich seinem Ende. Ich habe mich an das nicht zu bewältigende Thema Belarus im Umbruch – ein Blick in die Zukunft gewagt und kann leider nicht meinen Papa anrufen. Swetlana Alexijewitsch, die mich durch diesen Text begleitet, hat ein Buch mit dem Titel Tschernobyler Gebet geschrieben. Es trägt den Untertitel Eine Chronik der Zukunft. So hat sich also die berühmte Autorin die Zukunft vorgestellt, und ich lebe darin. Für Alexijewitschs Generation hat George Orwell die Zukunft vorausgesagt.
Dieser Text beginnt in den 1980er und endet in den 2020er Jahren. Mein Sohn sitzt in seinem Zimmer und guckt aus dem Fenster. Von diesem Fenster aus sieht man die schönsten Sonnenuntergänge, wie wir einmal in einem anderen Aufsatz geschrieben haben. Das stimmt wirklich, die Sonnenuntergänge dort sind sehr schön. Das allerschönste Abendrot, nicht wie bei mir als Kind: rauchende Schornsteine.