Wiegenlied für Mariupol

In einer Kinderwiege liegt eine Handgranate; Collage mit Ausschnitt des Buchcovers der russischsprachigen Ausgabe von Wiegenlied für Mariupol von Alexandra Kraschewskaja © Freedom Letters/BA books; dekoder
Collage mit Ausschnitt des Buchcovers der russischsprachigen Ausgabe von Wiegenlied für Mariupol von Alexandra Kraschewskaja © Freedom Letters/BA books; dekoder

Alexandra Kraschewskaja ist mit Wiegenlied für Mariupol eine der drei Preisträger:innen des Dar-Preises 2026 für russischsprachige Literatur. Das Dar-Preisgeld soll Übersetzungen ins Englische, Französische und Deutsche ermöglichen. dekoder veröffentlicht erste Auszüge auf Deutsch.

Frühling 2022 in Mariupol: In 30 Träumen entfaltet die Autorin ein Kaleidoskop des Unerträglichen. Sie nimmt uns mit in eine Hölle, die schlimmer ist als die Hölle. Zur Einführung einige Worte der Übersetzerin:

Jennie Seitz, du hattest dir den Text schon vor der Dar-Preisvergabe ausgesucht, um mit ihm zu arbeiten. Wie kam es dazu?

Als Mariupol geschah, hatte ich körperlich das Gefühl, dass sich die Hölle auf Erden auftut. Ich bin insofern einem natürlichen Impuls gefolgt. Als Übersetzerin, zumal eine russisch-stämmige, kann ich mir kaum eine wichtigere Aufgabe vorstellen, als das Leid, das die Menschen in der Ukraine gerade erfahren, ein Stück durch mich hindurchfließen zu lassen und meinen kleinen Teil zur Dokumentation beizutragen.

Welche übersetzerischen Besonderheiten birgt der Text?

Ich begreife diese Art von Literatur als einen Akt des Global Social Witnessing – als Zeugenschaft angesichts akuter kollektiver Traumata. Das Kollektive zeigt sich dabei im Persönlichen. Insofern ist das Übersetzen zunächst mal ein sehr intimer Vorgang, bei dem es viel um Einfühlung geht.

Wie hast du die Textauswahl getroffen?

Kraschewskaja verarbeitet in Wiegenlied für Mariupol ihre eigene, drei Monate währende Zeit unter Belagerung mit zwei kleinen Kindern und begibt sich dabei auf die Suche nach einer Sprache für das Unbegreifliche. Mir war es wichtig, dieses Herantasten, ihre Sprache, die zwischen Stille und Schrei changiert, zur Geltung zu bringen und dabei einen Einblick in den Inhalt zu geben, ohne zu viel vorwegzunehmen.


Aus dem Vorwort

[…]

Buchcover: Wiegenlied für Mariupol von Alexandra Kraschewskaja © Freedom Letters/BA books, London

350.000 Geflüchtete. 87.000 identifizierte Opfer – mehr als im Zweiten Weltkrieg. 26.750 nicht identifizierte Tote (Stand: April 2022). Unzählige Menschen spurlos verschwunden. 90 Prozent der Bausubstanz zerstört.

[…]

Traum 9. Weiße Korridore

Ich dachte immer, ich sei stark. Leistungssport sechs Mal pro Woche – Ausdauer, Durchhaltevermögen. Kleine Niederlagen in der Schule und im Studium – bezwungen. Alles flog mir zu. Ich strengte mich ein wenig an, war leicht nervös – und schaffte alles.

Mit 25 wurde ich von einem Auto angefahren – aber ich bin ja stark. Herzstillstand, ausgerenktes Knie, Ellbogen, Hüfte … So ist das mit der Stärke. Mein Verlobter ließ mich noch im Krankenhaus sitzen – ich gab ihm den Ring zurück, überlebte.

Hinken? Kriegen wir schon hin. Narben und Blutergüsse am ganzen Körper? Macht nichts …

Als ich Mutter werden sollte, machte ich mir ebenfalls keine Sorgen. Ich bin stark.

Als sich herausstellte, dass meine Tochter eine geistige Behinderung hat, brauchte ich schon etwas länger … Aber ich bin ja stark.

Als ich in meiner zweiten Schwangerschaft erfuhr, dass ich meine Organe nicht richtig funktionieren und ich mein Kind verlieren könnte, selbst jeden Moment sterben – auch da versuchte ich, damit zurechtzukommen, ich bin ja stark.

Aber als ich eines Nachts im Hof des Hauses stand, in dem wir uns im März 2022 versteckten, in den wunderschönen schwarzen Sternenhimmel schaute, die kalte Luft einatmete und fror, ahnte ich, dass ich vielleicht allmählich schwach werde.

Oder vielleicht niemals stark war? Was war es? Eine Illusion, ein Wunsch, Selbsttäuschung … Vielleicht bin ich einfach nur ein matter, dürrer Schatten, der einen Menschen mimt, während er durch eine sterbende Stadt hoffnungslos dahintreibt?

Ewige Dunkelheit: Morgens streifst du durch das dunkle Haus, rennst in den Keller, wo die Dunkelheit noch dichter ist, um 16 Uhr dann ist es überall finster. Kerzen verwendest du sparsam, die sind kaum zu bekommen. Und in dieser pechschwarzen Finsternis – Sterne.

Solche Sterne habe ich noch nie im Leben gesehen. Die Städte sind ohne Strom, und der Nachthimmel dringt mit überwältigender Wucht in Augen und Nerven. Wegen der schonungslosen Ausgangssperre sind mit Einbruch der Dämmerung keine Menschen mehr auf der Straße.

Zum Abend hin legt sich neben der Finsternis eine schwere, tote Stille auf die Stadt. Durchbrochen wird sie nur vom Grollen der Flugzeuge und Bomben, dessen Echo einem vor Grauen den Atem stocken lässt. In den seltenen Momenten der Ruhe wird die Angst nur noch größer. Die Stille fließt so schmerzhaft und zäh durch die Adern, dass man schreien will. Stille macht mir noch immer Angst, auch jetzt, in Sicherheit.

Ich stehe zitternd vor Kälte in der Märznacht und blicke hinauf in den Himmel. Dieselben Sterne, denke ich, funkeln jetzt auch dort, wo es ruhig und friedlich ist. Sie sind kalt und fern, viele von ihnen längst erloschen, wir sehen nur ihr totes Licht. Und trotzdem will ich am liebsten dorthin, zu ihnen, in diese kalten weißen Korridore …

Direkt über mir – der Große Wagen.

Irgendwann einmal stand ich im Garten meiner Großmutter und blickte genauso hoch. Und mein Vater erklärte mir, was es mit dem Großen Wagen auf sich hat.

Ich stellte viele Fragen, schaute, als wir von Großmutter nach Hause liefen, auf meine Füße, weil ein Schritt meines Vaters drei von meinen maß, und lauschte seinen Theorien über den Himmel. Sie waren meinem Kinderhirn unbegreiflich, aber ich nickte und machte zustimmende Geräusche.

Wegen der Sterne.

Wegen Papa.

Weil ich erwachsen bin.

Und jetzt betrachte ich schweigend diesen gleichmäßig flirrenden Großen Wagen, weil er alles ist, was mir aus der Vergangenheit bleibt. Von meiner Stadt und meinem Haus ist nur der Himmel übrig. Er ist derselbe. Dieses ewige Funkeln am Himmel sind die Sterne meiner Kindheit in Mariupol.

Das ist mein Himmel. Und er darf nicht hier sein. Er darf nicht in tiefer Stille über dem Todeskampf der Stadt leuchten … Über den verwundeten Nachbarn, über dem dumpfen Klopfen aus den eingestürzten Kellern.

Er muss dort bleiben, in der Kühle des Abends 1997, an dem Papa und ich nach Hause laufen. Das ist mein Wagen.

Das ist mein Himmel. Ich bin erwachsen, Papa.

Ich verstand und sah, was mich erschlagen hatte, als hätte ich mich ohne Raumanzug in diese Himmelskorridore aufgemacht.

Ihr Sterne, wo ist meine Stärke?

 […]

Traum 11. Wasser und weiße Stiefel

Von einer kleinen Siedlung 15 Kilometer vor Mariupol aus hörten wir die Stadt sterben. Bei Explosionen sprangen die Wohnungstüren regelmäßig auf, einmal schlug es das Fenster im Treppenhaus raus.

All das war schon Routine. Die Panzerkolonnen, die draußen vor den Fenstern vorbeirollten. Wir wussten, dass unsere Siedlung schon eingenommen war, die Kampfhandlungen nicht mehr vor der Haustür stattfanden, und meinem kriegsbeschädigten Bewusstsein genügte das, um zum ersten Mal seit langer Zeit ruhig einzuschlafen.

Im Epizentrum einer Stadt, die gerade besetzt wird, unter Beschuss zweier Armeen – über deinem Kopf fliegen Geschosse hin und her, während du zu deinen Erledigungen eilst –, lernst du jede Sekunde zu leben. Die Zeit verformt sich, als würdest du ganz nah an einem Schwarzen Loch vorbeirasen, und jede Minute unter Beschuss dehnt sich zu einem ganzen Leben aus, mit seinen eigenen Erinnerungen, Versprechen, Plänen. Immer sind wir mit irgendetwas unzufrieden, suchen nach Größerem, Besserem, rümpfen die Nase über das Brot von gestern, ärgern uns über den Wasserhahn, der von kalt auf heiß springt. Betrachten kritisch die Stiefel vom Vorjahr und überlegen, neue zu kaufen. Bomben machen nüchtern. In Sekundenschnelle spult sich dein Leben vor dir ab …

Eine der eindrücklichsten und kostbarsten Erfahrungen jener Zeit betraf das Wasser.

Mit einer einzigen Tasse Wasser konnte ich meinem Kind und mir Gesicht und Hände waschen, Geschirr und Tisch abwischen und etwas für später behalten. Mit einer Tasse Wasser.

Als ich zum ersten Mal wieder eine Wohnung betrat, wusch ich mir deshalb als Erstes die Hände. Es gab kein warmes Wasser, aber das war vollkommen egal. Ich drehte den Hahn auf, und ein gleichmäßiger Strahl eiskalten Wassers strömte heraus. Ich stand da und hielt meine Hand darunter, bis sie vor Kälte taub wurde. Ich weinte fast vor Glück. Ich HABE WASSER, versteht Ihr?

Ich kann alles. Jetzt, jetzt kann ich alles, dachte ich, während ich im Bad stand. Ich kann es erhitzen, ich kann Wäsche waschen, putzen, wischen, spülen, trinken, essen, baden …

Wasser. In den ersten Wochen machte es mich traurig, dass es abfließt, ganz ernsthaft. Ich dachte sogar, meine Psyche hätte einen Knacks: Ich blickte voller Trauer in den Abfluss. Ich dachte: „Gott, es ist so viel, und es fließt einfach ins Nichts.“ Ich wasche nur meine Hände, und so viel Wasser ist unwiederbringlich weg.

Ich habe gelernt, Kleinigkeiten wertzuschätzen. Weil sie in Wahrheit keine Kleinigkeiten sind, sondern wichtige Puzzlestücke des Lebens.

Die Läden, die noch aufmachten, hatten keine festen Öffnungszeiten, alles hing von den Lieferungen ab. Ich weiß noch, wie die Männer an unserem ersten Tag hier nur ein Stück Speck nach Hause brachten. Wir schnitten es auf und aßen es, in der Küche stehend, komplett angezogen und frierend. Es war das Einzige, was es gab, und es war köstlich.

Eines Tages hatte der Bäcker plötzlich Brot und sogar Eier. Aus irgendeinem Grund kam die Lieferung spätabends. Ich war allein spazieren gegangen, durchstreifte die ganze Siedlung. Nach Hause ging ich mit diesen seltenen Schätzen. Menschen auf der Straße hielten mich an und fragten, wo ich die aufgetrieben hätte. Meine fünf Packungen Milch beeindruckten sie erst recht. Das war mein Triumph.

Später machte noch ein Laden auf, der sogar Käse verkaufte. Zu horrenden Preisen – 100 Gramm kosteten umgerechnet 9 Euro. Ganz normaler Käse. Ich lief weiter und dachte daran. Die Ladenregale sahen damals merkwürdig aus, von jedem Produkt gab es nur ein Exemplar, alles nebeneinander: ein Stück Käse, eine Wurst, eine Packung Milch, ein Shampoo.

Aber man gewöhnt sich schnell an neue Überlebensregeln, passt sich der neuen Realität an

Neue Floskeln bürgerten sich ein: „sich für Fleisch anmelden“, oder „für Milch“. Der Verkäufer schrieb den Namen in ein Notizheft und sagte, wann man wiederkommen solle. Man konnte eine Anzahlung machen.

Eine Anzahlung, um eine Packung Milch zu kaufen … Noch vor einem Monat hätte ich das für einen Witz gehalten. Aber man gewöhnt sich schnell an neue Überlebensregeln, passt sich der neuen Realität an.

Die Menschen hungerten. In manchen Geschäften wurden humanitäre Hilfsgüter verkauft. Die Waren kamen an, aber die ständigen Preis- und Kursschwankungen machten Probleme. Bargeld zu beschaffen war ein Problem für sich. Mittelsmänner strichen oft eine Provision von 50 Prozent der Summe ein. Wenn man Glück hatte, fand man einen, der nur 38 Prozent verlangte.

Soldaten wurden außerhalb der Reihe bedient. Wenn sie reinkamen, wurde es ganz still. Ich habe das nur einmal erlebt.

Es war in einer winzigen Bäckerei, in der höchstens vier Kunden gleichzeitig Platz hatten. Ich war gerade an der Reihe. Der Laden war voll, die Tür ging auf, ein Soldat kam rein. Ich habe noch nie einen Soldaten ohne Waffe gesehen, und auch der hatte eine. Alle traten auseinander, ich fand mich direkt neben dem dem Sturmgewehr wieder, das er in den Händen hielt.

Er war älter und sah vergnügt aus, mit seinem stechenden, spöttischen Blick. Es war so eng, dass ich seitlich zwischen Tresen und Kunden eingeklemmt stand und direkt auf die Waffe blickte.

Ich kenne mich damit nicht aus, aber diese Mündung, der Lauf, der Abzug … Ich betrachtete das alles, während der Soldat mit der Verkäuferin redete, und dachte: Es ist wirklich geladen, dieses Gewehr – einsatz- und kampfbereit, keine Attrappe, kein Film, keine Theaterprobe … Nur ein paar Zentimeter, und ich stoße gegen den Lauf.

Ich betrachtete die kleinen Risse und Kratzer auf der Oberfläche und vermied es, dem Soldaten ins Gesicht zu sehen.

Das Gefühl der unmittelbaren Nähe zu einem geladenen Gewehr ist schwer wiederzugeben. Eine Mischung aus Panik, Irrealität, Starre und Verzweiflung.

Der Soldat ging raus. Ich werde ihn nie mehr wiedersehen und nie erfahren, wem seine Waffe damals den Tod gebracht hat und wem sie den Tod noch bringen wird.

Auf dem Rückweg, als ich ein Haus mit vernagelten Fenstern passierte, hörte ich das Rascheln von Papier. Auf einer Bank sah ich ein Notizheft liegen, mit einem Stein beschwert, die Seiten flatterten im Wind. Eine Liste mit Namen. Es waren über tausend. Manche der Namen waren durchgestrichen … Vielleicht eine Warteliste.

Eine alte Frau in schneeweißen Stiefeln näherte sich. Sie kam auch aus Mariupol. Sie wollte die Leiche ihres Mannes holen.

„Wadim, Wadim …“, wiederholte sie. Plötzlich spuckte sie aus und fluchte. „Was hast du mir da eingebrockt mit deiner Thrombose.“ Sie wiegte den Kopf, dass ihre schweren Ohrringe baumelten.

Ich hörte mir die Geschichte ihres Lebens mit Wadim an, der aus der Stadt floh, während sie im Sanatorium auf Kur war, und plötzlich in dieser kleinen Siedlung in der Nähe von Mariupol starb. Sie hatte niemanden, bei dem sie übernachten konnte, also hoffte sie, den Leichnam schnell zu bekommen und heute noch nach Hause zu fahren. Gut möglich, dass ihr Haus in ebendiesem Moment dem Erdboden gleichgemacht wird, dachte ich, während ich den dumpfen Detonationen lauschte.

Sie verschwand genauso plötzlich, wie sie aufgetaucht war: Mitten im Satz erhob sie sich von der Bank, ging zehn Meter, stand eine Weile mit gesenktem Kopf da, drehte sich dann zu mir um und rief: „Kommen Sie oder wollen Sie hier versauern?“

„Ich bleibe noch“, antwortete ich.

Sie ging davon, über die leere, kalte Straße, und ich sah ihr lange nach, bis der weiße Fleck ihrer Stiefel sich im trüben März auflöste und der Wind das Klimpern ihrer Ohrringe forttrug.

 […]

Traum 13. Soldat

Einmal besuchte ich die Messe in der hiesigen Kirche. Das Gebiet war bereits von den Russen besetzt, und neben mir in diesem halbleeren Gotteshaus stand ein russischer Soldat. Auf seinem Rücken war ein Sturmgewehr festgeschnallt, an seinem Gürtel – Messer und Granaten. Im Gesicht eine alte Narbe, an den Stiefeln der Staub meiner Stadt. Wir standen nah beieinander in der Kälte dieser kleinen orthodoxen Welt und atmeten beide Wölkchen aus. Ich dachte: Vielleicht hat dieser Mann gesehen, wie mein Haus gebrannt hat, oder die Kirche, in der ich fünfzehn Jahre lang gesungen habe und von der jetzt nur noch eine Wand und ein Stück Mauer übrig ist.

Vielleicht hat er meine Schule gesehen, die erst im Februar frisch renoviert und geweißt worden war und wo jetzt die offenen Wunden zersprungener Fenster klaffen und die Marodeure hausen. Womöglich sieht er manchmal im Traum den schwelenden Kinderwagen, den wir zurückließen, als wir vor dem Feuer und den Trümmern aus der eigenen Wohnung fliehen mussten … Ich weiß nichts von Soldatenträumen.

Wir standen nebeneinander und beteten beide. Das war seltsam und erstaunlich. Auch er hat also Wünsche und Träume. Vielleicht eine Frau und Kinder. Wofür betet ein Soldat? Wovon träumt er?

[…]

Traum 17. Veranda

Auf der Veranda des Hauses meiner Oma hat mir Opa das Laufen beigebracht. Später erzählte er mir von damals, als ich noch zu klein war, um die Stufen hochzukommen. Ich rief: „Opi, Haand!“ Er nahm meine Hand, ich tapste über die Veranda und aß mit der anderen Hand Kirschen. Im Winter bildete sich Eis auf der Veranda, und wir hielten uns alle aneinander fest. Silvester bei Oma, der große Tisch bog sich vor Essen, Musik. Ich durfte draußen spielen, ich schlitterte über die Veranda, stellte mir vor, ich wäre eine Eisprinzessin, dann sprang ich mit unserem Hund in die Schneehügel, tobte durch den Garten und fing Schneeflocken. Dann kam Papa mit Feuerwerk und Leuchtraketen, die er vom Schiff mitbrachte, und wir standen draußen und sahen in den Nachthimmel. Die Luft war eiskalt, die Erwachsenen weise und glücklich, und ich wie im Himmel. Die bunten Lichter, die Geschenke, nachts wachbleiben, Schnee, unser zotteliger Hund, meine nassen Fäustlinge. Ich dachte, das ganze Leben sei eine einzige Silvesternacht in Omas Garten, und dass es immer so bleiben würde, wie im Paradies: Du bist zehn Jahre alt, im Kreise deiner Liebsten und hast den Bauch voll Süßigkeiten. Jetzt sind vom Haus meiner Großmutter nur noch die Veranda und leere, fensterlose Zimmer übrig.

Traum 18. Vom Wichtigsten

Die Wohnung meiner Eltern, in die ich alle wertvollen Sachen aus unserer Mietwohnung gebracht hatte, ist abgebrannt, ich habe praktisch alles verloren. Aber in der verlassenen Mietwohnung fanden wir eine Schachtel. In dieser Schachtel lag nur eine Blume.

Damals, unter Beschuss, hatte ich sie zurückgelassen. Sie passte nirgendwo rein, alle beschworen mich, nur das Nötigste mitzunehmen. Jetzt, beim Anblick der trockenen Blätter, erinnerte ich mich: Letzten Mai stand ich mit dem Kinderwagen vor einem Supermarkt und wartete auf meinen Vater. Er wollte mit seinem Enkel in den Park. Und da kommt mein Vater auf mich zu, einen Strauß Feldblumen in der Hand. Für mich. Einfach so. Weil es ein schöner Frühlingstag ist.

Ich liebe Blumen. Später betrachtete ich sie oft lange auf ihrem Platz auf dem Küchentisch, schließlich schnitt ich eine ab und legte sie in diese Schachtel.

Jetzt, wo ich meine Wohnung, mein ganzes Hab und Gut verloren habe, öffne ich sie manchmal, um mich daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist.