
Oleg Radzinsky ist mit seinem Roman Bußtage einer der drei Preisträger:innen des Dar-Preises 2026 für russischsprachige Literatur. Das Dar-Preisgeld ermöglicht Übersetzungen ins Englische, Französische und Deutsche. dekoder veröffentlicht im Dossier Russischsprachige Literatur in Krieg und Exil erste Auszüge auf Deutsch.
Zur Einführung einige Worte der Übersetzerin Ruth Altenhofer:
Du hast für dekoder einen Ausschnitt aus dem Roman Bußtage von Oleg Radzinsky übersetzt. Was für ein Buch ist das?
Ich würde Bußtage eigentlich am liebsten als Telenovela beschreiben. Auf 250 Seiten erzählt Assja, eine Expertin für Stummfilm, aus der Ich-Perspektive von der Moskauer Intelligenzija und ihren diversen Reaktionen auf den Krieg seit 2022.
Sie beschreibt die Menschen in ihrem Umfeld mit ihren Überzeugungen und Entscheidungen, reflektiert über althergebrachte Weltanschauungen von Moskauer:innen bzw. Russ:innen, die in der gebildeten Schicht sehr verbreitet sind – über Ignoranz und Verantwortungslosigkeit, Ichbezogenheit, imperialistische Denkweisen und dergleichen – und spart diesbezüglich auch nicht mit Selbstkritik.
Die konkrete Handlung ist, dass Assja und ihr Mann – mit dem sie eine offene Ehe lebt – beschließen, nach Portugal auszuwandern. Die Parallel-Handlung betrifft Assjas Halbschwester Daletzkaja, die in das Idyll eindringt. Die zentrale Botschaft an die Leser:innen ist: Übernehmt Verantwortung und achtet darauf, euren Handlungsspielraum nicht aus den Augen zu verlieren, bevor es zu spät ist.
Welchen übersetzerischen Besonderheiten bist du begegnet?
Sprachlich lässt sich der Roman erstmal gut und geschmeidig übersetzen. Zwischendurch ein wenig kinematografische Fachsprache und einige typisch mündliche Floskeln.
Herausfordernd sind die vielen literarischen Zitate oder Anspielungen: Wenn ein Nekrassow-Gedicht zitiert wird, das alle in der Schule auswendig gelernt haben, wirkt das auf ein russisch sozialisiertes Publikum anders als auf ein deutschsprachiges. Beim Übersetzen muss man verdeckte Zitate erstens erkennen und zweitens entscheiden, wie man damit umgeht – soll man mit hohem Aufwand und wenig Gewinn für den Text bereits bestehende deutsche Übersetzungen suchen und vergleichen oder selbst übersetzen? Letzteres ist erlaubt, wenn das Werk, aus dem zitiert wird, mehr als 70 Jahre alt ist.
Krieg für Frieden
Der Krieg begann im Fernsehen. Aber wir sahen nicht fern.
Die Dalezkaja schon. Sie interessierte das. Uns nicht. So lebten wir am Anfang einfach normal weiter, wie immer: unser Leben parallel zum Fernsehleben der anderen. Über den Krieg las ich auf Facebook und Telegram, aber ohne mich ernsthaft damit zu befassen: Ist doch deren Krieg. Sie hatten ihn angefangen, sollen sie doch kämpfen. Bei uns liefen Stummfilme.
Das vierte Geheimnis des Stummfilms? Die regulierbare Bildfrequenz.
Die meisten Filme werden mit 24 Bildern pro Sekunde gedreht. Das menschliche Gehirn ist nicht in der Lage, eine höhere Frequenz wahrzunehmen, das heißt, wahrzunehmen schon, aber nicht zu verarbeiten. Beim Tonfilm führt eine Änderung der Bildfrequenz beim Abspielen des Films zur Verzerrung des Tons, während Stummfilme in beliebigem Tempo gezeigt werden können: Sie sind ja stumm, da ist nichts zu verzerren. Der Filmvorführer, der die Kurbel des Projektors dreht, kann die Bildfrequenz regulieren, als würde er den Film für die Zuschauer interpretieren, wobei er sich an der Stimmung des Publikums im Saal orientiert: Wenn es scheint, als würden die Zuschauer das Interesse verlieren, erhöht er die Frequenz auf 30, wenn sie allzu aufgeregt sind, verlangsamt er auf 20 Bilder pro Sekunde. Das Tempo des Geschehens auf der Leinwand beeinflusst nicht nur die Wahrnehmung der Zuseher, sondern auch die Stimmung der Handlung selbst, die je nach Laune des Kurbeldrehers von Moll nach Dur wechseln kann. Den Sinn verändern, zu etwas anderem werden.
Was wir sehen, ist ein Produkt der Interpretation. Zeigt man uns denselben Film in anderer Geschwindigkeit, dann sehen wir ihn, wie der Vorführer es will. Ton macht die Sache schwieriger: Worte tragen eine eigene Bedeutung, unabhängig vom Bild. Man kann sie nur stummschalten. Oder verbieten.
Wir lebten weiter im Stummfilm, in dem ein anderer – unsichtbar in seiner dunklen Kabine hoch über dem Saal – die Kurbel seines geheimnisvollen Filmoskops drehte, wie er es wollte. Nach seinem Geschmack. Wie er es brauchte.
Und wir? Wir schauten nicht auf die Leinwand.
So verging der März.
Im April erfuhren wir von Butscha. Wir lasen auf Telegram, sahen im Internet die unzähligen Videos und Fotos mit den Straßen voll schwarzer Leichen. Wir glaubten es nicht. Das heißt, ich glaubte es nicht, Kostja glaubte es sofort: Er war zur Armee gegangen, nachdem er die Aufnahmeprüfung zum Fremdsprachenstudium nicht geschafft hatte, und glaubte alles Schlechte, was passieren konnte. Die Armee, sagte Kostja, bringt einem bei, anderen Menschen alles Mögliche anzutun. Die Armee reguliert die Bildfrequenz, in der du die Welt siehst, und du siehst die Welt so, wie sie dir gezeigt wird.
Die Dalezkaja sah fern – all die Solowjows, Skabejewas, Simonjans und wie sie alle heißen. Ich setzte mich dazu, als wollte ich, dass sie mich rumkriegen, beruhigen, überzeugen, dass es Butscha nicht gab. Dass diese kleine Stadt bei Kyjiw nur eine Erfindung drogensüchtiger Neonazis war, die ein Filmstudio gebaut und überall geschminkte Statisten in grausamen Posen hingelegt hatten. Dass alles nicht so eindeutig war. Und eigentlich ganz anders.
Mama saß auf dem Sofa neben der Dalezkaja und sah ebenfalls mit uns fern. Was sah sie wohl? Sie hatte ihre eigene Bildfrequenz, und wer den Projektor in ihrem Kopf ankurbelte, blieb ein Geheimnis. Ein Kinosaal für eine Person. Eine Privatvorführung.
Die Dalezkaja hielt ein Schälchen mit Konfitüre in der linken und einen Teelöffel in der rechten Hand, den kleinen Finger abgespreizt, so wie manche Leute Wodka trinken. Sie bemerkte, dass ich sie ansah.
„Keine Sorge, Assja, ich passe auf. Ich mach keine Flecken und lass nichts fallen.“
Ich fragte, ob sie glaube, was die im Fernsehen sagen. Dass es in Butscha keine Morde gab. Dass das alles nicht stimme.
„Aber woher denn“, staunte Dalezkaja. „Die lügen uns alle an: Die müssen sagen, dass da nichts war, also sagen sie es. Natürlich hat unsere Armee dort alle umgebracht, erschossen. Aber hier müssen sie sagen, dass das nicht wahr ist, damit das Volk sich nicht aufregt.“
„Und jetzt?“, fragte ich unbeholfen. „Was nun?“
Die Dalezkaja verstand nicht. Sah mich nur an: Was ich damit meine?
„Wie lebt man nach so etwas weiter? Wenn unsere Landsleute ein fremdes Volk töten? Zivilpersonen?“
„Wen sollen sie denn sonst töten, Assja?“ Dalezkaja nahm einen Löffel Konfitüre und ließ den süßen Klumpen im Mund zergehen. Sie schloss die Augen, schluckte. „Natürlich nicht ihr eigenes Volk. Natürlich töten sie Fremde. Und sie töten ja auch Soldaten, nicht nur Zivilisten. Sie töten einfach auf Befehl. Ist ja Krieg.“
Ich lebte mein Leben wie eine Billardkugel – nach dem Trägheitsgesetz. Ich wurde angestoßen, ins Leben geschubst und rolle nun so dahin. Als Tochter von Roman Kirillowitsch muss ich natürlich was mit Film zu tun haben. Habe ich auch. Kostja hält mich für eine Schlampe, die mit allen schläft – also schlafe ich mit allen. Unsere Freunde gehen der Reihe nach ins Exil, und wir eben auch.
Um uns herum sprachen alle nur noch darüber. Buchten Tickets zum dreifachen Preis. Egal wohin. Aber auch diese Flüge waren bald ausverkauft.
An den Maifeiertagen besuchten wir die Schulinskis: Moskau war still, der Verkehr wegen der Proben zur Siegesparade eingeschränkt. Obwohl es überall hieß, die Parade finde ohnehin nicht statt. Am 9. Mai wäre der Krieg vorbei, und dann gäbe es eine Parade in Kyjiw – Putin auf dem Chreschtschatyk, ukrainische Soldaten trotten mit abgerissenen Schulterklappen und beschämt gesenkten Köpfen an ihm vorüber und werfen ihm ihre Banner zu Füßen. Oder auf der Parade würde die allgemeine Mobilmachung verkündet, und die Truppen würden vom Roten Platz direkt an die Front marschieren. Oder am 9. Mai würde eine Atombombe auf die Ukraine abgeworfen, weil sie unsere Truppen vor Kyjiw zerschlagen und Russland keine andere Wahl gelassen hätten. Überhaupt hieß es ständig, Russland habe keine andere Wahl, es warte und hoffe permanent auf den guten Willen anderer, und wenn diese Hoffnung nicht aufgehe, müsse es – dieses riesige, sich über elf Zeitzonen erstreckende Imperium – etwas Furchtbares, etwas Ungeheuerliches tun: das eigene Volk töten, fremde Völker töten, fremde Länder erobern. Tja, was sollte man tun? Es blieb kein Ausweg. Ich las, hörte, vertiefte mich immer mehr ins aktuelle Geschehen, in verschiedene Versionen der Geschichte, in all die Zukunftsprognosen, immer mit der Frage, wohin ich weiterrollen soll. In welches Loch. Woher wohl der nächste Stoß kommt.
Die Schulinskis haben eine große Wohnung in einem alten betriebseigenen Wohnhaus, noch von Marinas Eltern: Ihr Vater war ein stellvertretender sowjetischer Minister für irgendwas Unwichtiges gewesen. Sie hatte es erzählt, aber ich habe es vergessen. Wir alle waren irgendwessen Kinder. Und sind jetzt selbst nicht allzu wichtig.
Marina tischte lauter Köstlichkeiten auf, sie ist eine gute Köchin. Ich kann nicht kochen. Ich kann nichts. Und will auch gar nicht. Armer Kostja. Hätte er doch eine Frau wie Marina, die kocht, sich um ihren Adik kümmert und sich Sorgen macht, dass er dicker und dicker wird. Dass er Diabetes hat. Und sich nicht an seine Diät hält. Ob sie es wohl ahnte? Oder gar wusste? Kostja wusste es, ich hatte es ihm erzählt. Ich erzähle es ihm jedes Mal, aus Fairness: Wenn zwei Menschen einander lieben, dürfen sie nichts voreinander verbergen. Was ist das bitteschön sonst für eine Liebe?
Zuerst war er irritiert, so wie immer, sagte, er könne jetzt nicht weiter Adiks Freund sein. Schrie mich an: Adik ist mein bester Freund, seit Kindertagen, du hast mir den allerliebsten Menschen genommen. Kostja, dein allerliebster Mensch bin ich, und nicht Adik Schulinski. Was soll’s? Für uns beide ändert sich nichts: Ich liebe dich genau wie eh und je. Und du mich auch. Tust du doch? Eben. Und wenn alles beim Alten bleibt, ist es kein Ehebruch. Weil Ehebruch ist, wenn alles kaputtgeht. Bei uns geht nichts kaputt: Adik hin oder her, ich bleibe bei dir. Ich gehöre dir. Und sonst niemandem.
Er hat mir verziehen. Er verzeiht immer. Früher habe ich gedacht, das macht er für sich, dabei bin ich die, die seine Vergebung braucht. Wenn er mir verzeiht, fühle ich mich geliebt. Mark sagt, ich erzeuge solche Situationen absichtlich, wie ein Kind, das die elterliche Liebe auf die Probe stellt: Ob sie mich noch liebhaben, wenn ich das Spielzeug kaputtmache? Und wenn ich den schönen Teller zerschlage? Sie verzeihen, also lieben sie ihr Kind. Bei mir ist es auch so: Ich will, dass er mir verzeiht. Dann weiß ich, dass er mich liebt.
Trotzdem, ob Marina es wohl ahnt? Zwischen Adik und mir läuft schon lange nichts mehr: Es wurde für uns beide langweilig. Uninteressant. Aber wenn er wollen würde, würde ich wieder was mit ihm haben: Wir sind doch Freunde.
Mark hat mir mal erklärt, ich setze Sex als Tauschwährung ein. Ich bezahle damit für Freundschaft. Mache mich auf diese Weise nützlich. Warum? Weil ich fürchte, meinen männlichen Freunden außer meinem Körper nichts bieten zu können. Und deshalb nicht mehr gebraucht zu werden – meine größte Angst. Warum?
Meine Eltern brauchten mich nicht. Darum.
An jenem Maiabend hatten die Schulinskis viele Gäste. Alle kannten einander. Man sprach natürlich über den Krieg und darüber, wer bereits wohin ausgereist war und wer wohin ausreisen wollte. Adik, viel Wein intus, überfressen und kurzatmig, diskutierte mit Dima Starzew: Man müsse gar nicht weg, das sei im Nu vorbei – Schärpe, Tabakdose, die Eliten halten das nicht aus, die Wirtschaft hält das nicht aus, das Militär hält das nicht aus, der Westen lässt das nicht zu und hält das auch nicht aus. Keiner hält das aus. Dima, angegrautes, schütteres Haar, scheckiger Bart, als wäre der ganze Mensch ausgebleicht – hörte Adik zu, der vor lauter Rechthaben in Wallung geriet, und nickte scheinbar zustimmend. Das bedeutete, dass er gegenteiliger Meinung war.
„Genau, Adik, die halten das alle nicht aus – die Eliten, die Wirtschaft, der Westen. Die Felder und Flüsse. Berge und Wiesen. Keiner hält das aus, bis auf das multinationale und leidgeprüfte Volk der Russischen Föderation: Das hält alles aus. Darauf zählen sie ja.“
Sie. Die Anderen. Nicht wir. Das parallele Russland. Wir sind hier – trinken Wein und philosophieren, haben Angst, machen uns Sorgen, halten es nicht aus. Aber die, die leben in einem anderen Land, in dem man alles aushält. Wir und sie. Wie schon immer. Wir verkriechen uns in unserem Leben, und sie halten alles aus. Ertragen alles.
Sie, die alles still erleiden – bahnen sich einen breiten, klaren Weg – schade nur, dass wir die schönen Zeiten …
Von den Schulinskis gingen wir zu Fuß nach Hause, durch die leere, nächtliche Stadt, in der eine Ruhe herrschte wie vor einem Gewitter oder Bombenhagel. Hinter den zu später Stunde dunklen Fenstern schliefen Menschen, die alles aushalten konnten. Ich beneidete sie: Ich konnte das nicht. Früher waren sie und das ganze Land mit seinem Leben, das uns nichts anging, vor meinem Fenster gewesen, und jetzt standen solche wie wir vor ihren Fenstern.
„Wenn wir gehen würden, Assja, dann wohin? Ich wäre für Portugal. Da kann ich die Sprache und finde schnell Arbeit.“
Dann eben Portugal. Ich war bisher nur in Frankreich und der Türkei. Ob Portugal wohl Filmwissenschaftlerinnen braucht? Stummfilmexpertinnen? Natürlich, was täten sie dort ohne uns. Gesuchte Fachkräfte.
Kostja will nach Portugal. Also fliegen wir. Er ist mein Mann. Mein Auserwählter. Mein Schicksal. Das Glück der Frau – wär doch der Liebste bei ihr. Die Kugel ändert ihren Kurs. Die gelbe Doublee in die Mitte. Ein neues Leben – und wieder nicht meins.