
In modernen Kriegen, speziell im Krieg Russlands gegen die Ukraine, werden scheinbar unbeherrschbare Massen digitaler Daten produziert: Socialmedia-Beiträge und -Korrespondenzen, Fotos und Videos, Aufnahmen von Satelliten, Drohnen, Überwachungs- und Körperkameras von Soldat:innen – und da sind KI-Kreationen noch nicht einbezogen.
Während Tech-Giganten mit Riesen-Servern sowie Militärstrukturen wenig zugänglich sind, kann man mit öffentlichen Daten und im zivilgesellschaftlichen Bereich schon jetzt nachvollziehen, wie sich der moderne Krieg in seinen digitalen Dimensionen entwickelt und welche neuen Kenntnisse, Fähigkeiten und Rahmenbedingungen für einen verantwortungsvollen Umgang nötig werden.
Wie sich Gleichzeitigkeiten und Fragmentierung des Krieges im digitalen Raum darstellen und wie unterschiedliche Akteur:innen mit Kriegsdaten umgehen, ergründe das Forschungsprojekt War Sensing (Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), Universität Siegen). Im dekoder-Interview erklären Projektleiterin Miglė Bareikytė und wissenschaftliche Mitarbeiterin Johanna Hiebl, wie sie den Umgang mit der Kriegsdatenmasse analysieren und welche Erkenntnisse sie daraus gewinnen.
Das gesamte Interview erschien bereits im Exklusiv-Newsletter Wissen+, hier veröffentlichen wir eine gekürzte Version mit den wichtigsten Kerngedanken.
Liebe Miglė Bareikytė, liebe Johanna Hiebl, betrachtet man den Russisch-Ukrainischen Krieg aus digitaler Perspektive – wie stellt er sich dar? Wie würdet ihr diese digitalen Abbilder des Krieges beschreiben?
Miglė Bareikytė (MB): Die digitale Dimension des Krieges zeigt, dass der Krieg fragmentiert ist und parallel an vielfältigen Orten stattfindet. Eine universalistische Sicht, dass man weiß, wie der Krieg tatsächlich abläuft, wo alles klar ist und man eine Geschichte erzählen kann, ist nicht möglich.
Einerseits wird der Krieg von digitalen Infrastrukturen und Technologien wie Drohnen geführt. Gleichzeitig sind digitale Technologien wie soziale Medien nutzbar zur Verbreitung von Kriegspropaganda. Wiederum gleichzeitig werden digitale Infrastrukturen auch zu Zielscheiben – wie zuletzt europäische Unterseekabel in der Ostsee.
Alle sind wichtig, weil Leute heutzutage ganz unterschiedliche Daten, Darstellungen und Wahrnehmungen produzieren und zirkulieren. Dadurch formen sie alle die digitalen Dimensionen des Krieges quasi-partizipativ mit.
Miglė Bareikytė, War Sensing
Das digitale Abbild stellt den Krieg dar, ist aber auch selbst Teil des Krieges. Das ergibt so ein Ineinander, eine Verwobenheit. Dem Krieg gibt das eine psychologische, ideelle Komponente, während er aber physisch und materiell geführt wird. Das beeinflusst uns alle auf unterschiedliche Art und Weise.
Johanna Hiebl (JH): Dazu kommt eine starke Selektivität: Es gibt ja so eine unglaubliche Menge an Daten, die produziert werden und existieren. Vieles davon ist nicht öffentlich oder sichtbar, viel geht auch verloren.
Und oft ist auch nicht ganz klar, was eigentlich Open Source ist: Eine populäre Definition bezeichnet damit Daten, für deren Erhalt oder auch Erwerb man keinen spezifischen rechtlichen Status braucht. Das wären dann aber auch Daten von staatlichen Institutionen, auf die nicht alle Bürger:innen direkt freien Zugriff haben.

Des Krieges digitale Dimensionen
Drohnen, Body Cams, Socialmedia-Korrespondenzen – in Russlands Krieg gegen die Ukraine werden Unmengen von Daten aufgezeichnet, gesammelt, ausgetauscht. Was bringt uns das? Wie müssen wir damit umzugehen lernen? Wissen+ spricht mit Forscherinnen über die vielfältigen digitalen Dimensionen des Krieges. Das gesamte Interview.
Es gibt so viel Material, dessen Auswertung schon jetzt Jahrzehnte dauern könnte, um beispielsweise Kriegsverbrechen aufzuklären. Und es wird täglich mehr. Das muss alles durchgegangen werden, zugänglich gemacht werden, und dabei tauchen auch ethische Fragen auf. Aber beispielsweise in den aktuell von Russland besetzten Gebieten kann nicht einmal das passieren, von da gibt es kaum eine Übersicht zur Datenlage, ob digital oder auch über analoge Artefakte.
Socialmedia-Plattformen – bei War Sensing liegt der Fokus auf Telegram – bieten ein großes Fenster. Spannend konkret an Telegram ist, dass es als digitale Infrastruktur so viele gesellschaftliche Bereiche in der Ukraine trägt: Koordinierung und Mobilisierung der Zivilgesellschaft, aber auch beim Militär. Andererseits wird es auch von der gegnerischen Seite und russischen Propaganda-Akteuren genutzt.
Welche Akteur:innen spielen aus Eurer Sicht Schlüsselrollen in den digitalen Kriegsräumen? Alle sind ja heute irgendwie digital – aber sind auch alle wichtig?
MB: Wir beschäftigen uns mit spezifischen Gruppen, um bestimmte Prozesse empirisch zu erforschen und besser zu verstehen: Mit dem Kollegen Mykola Makhortykh habe ich den Begriff Inconspicuous Witnessing entwickelt – und konkret Telegram ermöglicht eben die Beobachtung von sozialen Gruppen, die man sonst leicht übersehen könnte, zum Beispiel lokale Initiativen in Kleinstädten. Sich dieser weniger sichtbaren Dimensionen des Krieges bewusst zu werden und sie sensibel zu untersuchen, finde ich sehr spannend und wichtig: nicht nur Influencer mit Millionen Followers oder global renommierte Medien wie die New York Times beteiligen sich an den digitalisierten Dartstellungen und Dimensionen des Krieges.
JH: Um zu verstehen, welche Akteur:innen in bestimmten Bereichen wichtig sind, betrachten wir im Projekt einerseits speziell investigative Akteure, und ich in meiner Dissertation andererseits Open Source Intelligence (OSINT). Konkret begleite ich eine NGO mit Sitz in Den Haag. Aber das heißt ja nicht, dass sie dann selbst im Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) auftreten werden, wo hoffentlich irgendwann Russlands Kriegsverbrechen verhandelt werden, zu denen die NGO Belege und Beweise sammelt. Uns geht es um deren Arbeitsweise und die unterschiedlichen Schritte dahin. Dabei ist wirklich alles digital.
War Sensing – das Forschungsprojekt
Das Projekt War Sensing entstand aus der Beobachtung heraus, dass im Kriegskontext auch zahlreiche zivilgesellschaftliche Akteure vermehrt digitale Medien und Daten nutzen: von Satelliten-Daten bis user generated data wie Fotos und Videos.
War Sensing beschäftigt sich einerseits mit Fragen der Archivierung digitaler Daten, auch dank der Kooperation mit dem Center for Urban History in Lwiw, welches das Telegram Archive of the War aufgebaut hat. Kooperativ ergründen gemeinsame Data Sprints die digitalen Facetten des Krieges speziell auf Telegram, unter anderem mit problemorientiertem Fokus auf Sabotage als Widerstand in den durch Russland besetzten Gebieten der Ukraine. Solche Data Sprints dienen oft als Ausgangspunkt für weitere Forschung und spätere Veröffentlichungen.
Ebenfalls in das Projekt eingebunden ist eine Doktorarbeit in Zusammenarbeit mit einer konkreten NGO, die untersucht, wie engagierte Freiwillige Expertise herausbilden, um open-source Daten langfristig gerichtsfest aufzubereiten und für künftige Kriegsverbrecherprozesse zur Verfügung zu stellen.
Der dritte Projektschwerpunkt liegt auf der Datennutzung investigativer Akteure: begonnen mit Feldforschung und Interviews in den baltischen Ländern sowie der Ukraine. War Sensing untersucht hier: Wie produzieren diese Akteure welches Wissen, mit welchen Herausforderungen werden sie konfrontiert? Wie formt und beeinflusst der Krieg diese Praktiken? Welches Wissen kommt in globalen Medienwelten an, was bleibt unsichtbar?
Unser Projekt War Sensing hat schon einen zivilgesellschaftlichen Schwerpunkt. Aber die Grenzen sind manchmal diffus. Als Beispiel beschreibt Matthew Ford einen Digitalisierungs-Effekt so: civilians becoming combatants, also dass Zivilist:innen, sobald sie eine Kriegshandlung filmen und ins Netz stellen, selbst Beteiligte des Kriegsgeschehens werden.
MB: Diese Behauptung sehe ich differenziert. Das ist ja noch eine Frage: Wird man durch jedes gepostete Video von einer Angriffsdrohne gleich Kriegsbeteiligter? Es gibt diese Thesen, dass der Hybrid War die Grenzen zwischen Zivil und Militär verschwimmen lässt. Aber für mich ist diese Frage noch offen und wir beobachten ja gerade, wie zivilgesellschaftliche und investigative Akteur:innen damit umgehen. Ich bezweifle, dass sich jede:r von ihnen als Soldat versteht.
Insgesamt zur Frage nach Schlüssel-Akteur:innen im digitalen Raum: Ich würde tatsächlich sagen – alle. Alle sind wichtig, weil Leute heutzutage ganz unterschiedliche Daten, Darstellungen und Wahrnehmungen produzieren und zirkulieren. Dadurch formen sie alle die digitalen Dimensionen des Krieges quasi-partizipativ mit und sind, je näher zur Frontline, möglicherweise auch anders involviert.
Wird man durch jedes gepostete Video von einer Angriffsdrohne gleich Kriegsbeteiligter?
Miglė Bareikytė, War Sensing
Für mich sind Schlüsselakteure auch investigative Gruppen – im Baltikum, aber auch in der Ukraine. Dort gibt es zum Beispiel Texty.org, in Litauen das Siena-Kollektiv, das sich mit kriegsbezogenen Themen beschäftigt und mit datenjournalistischen Recherchen zeigt, wie in Europa immer noch Geschäfte mit Russland gemacht werden und welche Firmen das sind.
Diese investigativen Akteure erforschen einerseits Daten, aber sie arbeiten auch mit der Aufmerksamkeit der Menschen, die ja immer schwerer zu erreichen ist. Sie veröffentlichen gute Forschung, entdecken Narrative und entwickeln spannende Formate in Video und Text. Und alles verbinden sie mit einer klaren Haltung. Sie verstehen ihre Arbeit sehr umfassend.
Der Russisch-Ukrainische Krieg gilt als „meist dokumentierter Krieg“ der Geschichte. Was bringt uns das langfristig: Mehr Wissen oder mehr Überforderung? Was ist mit Verifizierung? Was müssen wir bei der Daten-Sortierung beachten?
JH: Wichtig ist: Diese Masse an Daten ist im administrativen Verständnis nicht immer auch Evidenz. Es braucht gewisse Standards, von denen sich bisher noch nicht so viele herausgebildet haben.
Also wie bringt man Daten, die man sich auf einem Mikro-Level anguckt, in den richtigen Kontext? Wir sprechen dabei, wie Matthew Fuller und Eyal Weizman, die Mitbegründer von Forensic Architecture, auch von Sense-Making: Das bedeutet, das Wahrgenommene so einzuordnen, dass es zu einer aussagekräftigen, oft politisch bedeutsamen Erkenntnis zusammengefügt werden kann.
Diese Frage beschäftigt praktisch alle Akteur:innen, von Journalist:innen bis zu NGOs. Und sie hat auch eine starke psychosoziale Komponente: Denn wenn man nur sammelt und archiviert und dann versucht, in all dem Sinn zu finden, kann man sich schnell verlieren.
Diese Masse an Daten ist im administrativen Verständnis nicht immer auch Evidenz.
Johanna Hiebl, War Sensing
MB: Die pessimistische Einschätzung, dass es zu viele Informationen über den Krieg gibt – nicht nur Desinformation, auch echte Informationen – und das zu Verwirrung und Demotivation führt, haben wir auch in Interviews mit investigativen Akteuren in baltischen Ländern gehört.
Dazu kommt dieser politische Aspekt: Man weiß schon so viel – was passiert, dass Russland so viele Städte zerstört, dass es so viele Zivilist:innen tötet … Aber niemand hat das bis heute politisch lösen können. Der Krieg geht weiter. Also fragen sich manche: Was bringt dieses Wissen, wenn keine politischen, militärischen Entscheidungen folgen? Wie viele Analysen und Darstellungen des Krieges braucht es noch, um Russlands Invasion zu Ende zu bringen und die besetzen Gebiete der Ukraine zu befreien?

Der Krieg um unsere Köpfe
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Das ist ein weit reichendes Problem, weil die Öffentlichkeiten so fragmentiert sind: Das alles kann das Publikum zynischer machen, oder auch langweilen. Menschen außerhalb der Ukraine schauen immer oberflächlicher auf diese Berichte und scrollen weiter. Besonders auf Socialmedia-Plattformen, die so schnell konsumierbare Themen und Gefühle schaffen.
Und da kommt man auch zu Fragen der wissenschaftlichen Ethik: Wie schreibt man überhaupt darüber? Welche Formate sind für die heutigen Öffentlichkeiten geeignet? Wenn man mit Telegram-Daten arbeitet, dann sind das mehr oder weniger persönliche Daten von Menschen. Wie bewahre ich deren Anonymität?
Wie bringt man Daten, die man sich auf einem Mikro-Level anguckt, in den richtigen Kontext? Wir sprechen dabei von Sense-Making: das Wahrgenommene so einzuordnen, dass es zu einer aussagekräftigen, oft politisch bedeutsamen Erkenntnis zusammengefügt werden kann.
Johanna Hiebl, War Sensing
Wir brauchen kreative Methoden und Taktiken für den technischen, ethischen und ästhetischen Umgang mit Daten, gerade wenn man kooperativ forscht. Das Center for Urban History in Lwiw hat sich auch viele Gedanken dazu gemacht, als sie ihr Archive of the War erstellt haben.
Welche Entwicklungen und Tendenzen beobachtet ihr im Umgang mit diesem „Krieg im digitalen Raum“ in Europa – beispielsweise im Baltikum, das ihr ja speziell untersucht, und Deutschland?
JH: Aus deutscher Perspektive sind wir ganz schön hinterher, was mir immer wieder in Beobachtungen in der Ukraine, im internationalen Austausch oder eben auch durch die Forschung auffällt: Beispielsweise sind medienkritisches Denken und digital literacy fester Bestandteil des ukrainischen Schulunterrichts. Und hier fehlt so etwas noch. Ebenso in der Justiz, der Verwaltung und bei den Sicherheitsbehörden. Journalistisch tut sich vielleicht noch am ehesten etwas: Manche Medien haben ja eigene Investigativ-Abteilung etabliert.
MB: Im Hochschulbereich kann ich sagen, dass sich einige Veranstaltungen mit OSINT beschäftigen und Studierende für kritische Untersuchungen hybrider Kriege, Desinformation und Medien sensibilisieren. Es gibt auch digitale Praxisforschungen, zum Beispiel im Kontext von Digital Methods an den Universitäten in Amsterdam und Siegen, um ein paar Beispiele zu nennen. Aber all das ist noch lange nicht Mainstream, zumindest nicht in den Medien- und Kulturwissenschaften.
Wie viele Analysen und Darstellungen des Krieges braucht es noch, um Russlands Invasion zu Ende zu bringen und die besetzen Gebiete der Ukraine zu befreien?
Miglė Bareikytė, War Sensing
JH: Aber nehmen wir zum Beispiel das Verständnis von – schwieriges Wort – Resilienz gegenüber hybriden Bedrohungen. Da ist viel Nachholbedarf, der mich angesichts des intensiven Rüstungsdiskurses in Deutschland doch stört und wundert: Diskutiert wird, wie viele Mittel in die Produktion von Waffen gesteckt werden, und Messen präsentieren die neueste Technik. Das ist gut und wichtig. Noch wichtiger ist, dass auch Support direkt in die Ukraine geht.
Aber mir fehlt ein gesamtgesellschaftliches Verständnis dafür, dass man sich mit dem Thema auch vulnerablen Gruppen zuwenden muss, die noch kaum oder erst seit Kurzem Zugang zu digitalen Räumen haben. Dafür müsste man vor allem auch umfangreich in Bildung investieren.
MB: Hierzu ein gutes Beispiel ist die Civic Resilience Initiative in Litauen. Sie machen zum Beispiel Workshops mit Senior:innen und auch für russischsprachige Menschen, die oft russischsprachige Medien konsumieren und anfälliger sind für Desinformationen. Das ist eine interessante Initiative, die tatsächlich transdisziplinär arbeitet und verschiedene Gruppen verbindet.
Das wäre nämlich auch in der Wissenschaft sinnvoll: Nicht nur interdisziplinär, sondern transdisziplinär zu arbeiten – auch mit gesellschaftlichen Gruppen jenseits der Hochschulen.
JH: Alles steht und fällt dann mit Fördermitteln, die eben genau in solche transdisziplinären Forschungsvorhaben mit Austauschformaten gesteckt werden sollten. Und da sieht es nicht gut aus … Aber irgendwann wird vielleicht erkannt, dass staatliche Handlungsträger den Überblick verloren haben, und dann sind es unabhängige und kritisch denkende journalistische, zivilgesellschaftliche, wissenschaftlich arbeitende Personen, die ihre eigene Arbeitsweise und Expertise einbringen können.
Das vollständige Gespräch finden sie im Exklusiv-Newsletter Wissen+