„Nuklearpsychose erzeugen“: Neue Recherche über die russische Doppelgänger-Kampagne

Erster stellvertretender Leiter der Präsidialadministration Sergej Kirijenko verantwortet auch die Desinformation im Internet /  Foto © Sergei Fadeichev/ Imago / ITAR-TASS

Über die russische Desinformationskampagne, die den Namen Doppelgänger erhielt, haben die europäischen Medien zum ersten Mal bereits 2023 berichtet. Im folgenden Jahr fand Correctiv heraus, dass die Spuren der Kampagne direkt zum russischen Verteidigungsministerium führten. Das US-amerikanische Justizministerium brachte diese FIMI (Foreign Information Manipulation and Interference) mit dem Ersten stellvertretenden Leiter der Präsidialadministration Sergej Kirijenko in Verbindung.

Die Kampagne erhielt ihren Namen, weil sie Desinformation über imitierte Websites von etablierten Medien, Behörden und internationalen Organisationen in Deutschland, der Ukraine und anderen europäischen Ländern verbreitet.

Die aktuelle Recherche von The Insider stützt sich auf einen geleakten Briefwechsel: zwischen der Präsidialadministration Russlands und der sogenannten Social Design Agency (SDA), die schon früher im Bereich politischer Kommunikation tätig war und mehrere kremlnahe Akteure als Auftraggeber hatte. Laut Angaben des FBI führte Kirijenko die erste Besprechung zum zukünftigen Doppelgänger-Projekt im April 2022, knapp drei Monate nach dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine. Er forderte damals, „eine Nuklearpsychose zu erzeugen“, den „Krieg im Namen des Friedens“ zu führen, und „alles zu überspitzen“. Bereits Ende Juni 2022 war die Kampagne in mindestens drei europäischen Ländern gestartet: Deutschland, Italien und Großbritannien. Ende des Jahres wurde sie um zwei Länder erweitert.


Was haben wir aus der neuen Recherche von The Insider zu der Doppelgänger-Kampagne gelernt?

  1. In zwei Jahren Arbeit sei das Doppelgänger-Projekt zur einzigen Möglichkeit geworden, die Öffentlichkeit im Westen zu beeinflussen, ohne explizit mit dem Label „russische Propaganda“ befleckt zu sein, schrieb der Gründer der Social Design Agency (SDA) Ilja Gambaschidse in einem Bericht für die Präsidialadministration. Es bleibt unklar, wie viel von dieser Einschätzung Selbstdarstellung war, insgesamt spiegelt sie aber weitgehend den Arbeitsansatz der ganzen Operation: Die Falschmeldungen, die die Doppelgänger-Macher verbreitet und intern als „erweiterte Realität“ oder „Sondermeldung“ bezeichnet haben, wurden auf konkrete Zielgruppen zugeschnitten. Dass Geflüchtete in Deutschland etwa bei der medizinischen Versorgung angeblich Vorrang erhalten würden, hatte als Zielgruppe „alle Erwerbstätigen“, und das Fake über die Außenministerin Annalena Baerbock, die angeblich vorgeschlagen hat, Razzien in allen deutschen Moscheen durchzuführen – an Menschen mit türkischem Hintergrund.
  2. Dies war bei weitem nicht der einzige Fall, in dem „Doppelgänger“ das Migrationsthema instrumentalisiert hat, vor allem über die ukrainischen Geflüchteten wurden Falschmeldungen verbreitet. Gambaschidse von der SDA glaubt, dass „unsere Sinnangebote in den Weltanschauungen der westlichen Bürger eingeschrieben werden“. „Das Schlachtfeld sind die Köpfe der Erdbewohner“, schrieb er weiter. Laut Einschätzung von The Insider klaffen Anspruch und Wirklichkeit jedoch auseinander, die meisten Aktivitäten der Gruppe seien wohl gescheitert.
  3. Die Journalist:innen erhielten auch Zugriff auf die Anleitungen, wie „erweiterte Realitäten“ geschaffen werden. Dazu gehörten etwa das Einfügen zusätzlicher Elemente in die Videoaufnahmen, wodurch deren Aussage verändert wird, der Einsatz von Deepfakes (z. B. ein Bild des Militärattachés Deutschlands auf der Parade in Moskau), Chroma Keying oder inszenierte Videoaufnahmen.
  4. Eine der Ideen, die für die ukrainische Kampagne angeboten wurden, sah den Aufbau eines Netzwerks von Telegram-Kanälen vor, die nicht ausschließlich prorussische Narrative, sondern auch echte ukrainische Nachrichten verbreiten würden. Das dergestalt erschlichene Medienvertrauen würde die Leserschaft weniger immun gegen gezielte Dosen der Kremlpropaganda machen, so das Kalkül. Es bleibt unklar, ob dieses Projekt umgesetzt wurde.
  5. Um die Kampagne auf Europa auszurichten, wurde vor allem unter ehemaligen russischen Diplomaten sowie unter Studierenden und Absolvent:innen der Spitzenuniversität MGIMO in Moskau rekrutiert, die seit Sowjetzeiten Personal für das russische Außenministerium ausbildet.
  6. Die Mitarbeitenden der Doppelgänger-Kampagne haben neben FIMI (Foreign Information Manipulation and Interference) auch Trainingslager durchgeführt, wo sie die Teilnehmenden auf eine ganze Bandbreite von Sabotagetätigkeiten vorbereitet haben: Von der Einmischung in Wahlen, etwa in Moldau, bis hin zu Provokationen in Westeuropa.

Original (21.10.2026) / Englische Version

Special

Im Netz der Propaganda

Wie es der staatlichen Propaganda gelang, Millionen Russinnen und Russen davon zu überzeugen, dass ein Krieg der sicherste Weg zum Frieden ist. Data-Recherche von dekoder und der Novaya Gazeta Europe.