
Die Europäische Geisteswissenschaftliche Universität (EHU) ist dem Lukaschenko-Regime schon lange ein Dorn im Auge. 2004 war die Hochschule aus Minsk, die sich westlichen Bildungsprinzipien verschrieben hat, ins Exil vertrieben worden. Im litauischen Vilnius fand sie Zuflucht und eine neue Heimat. Heute hat die Uni über 650 Studierende, zwei Drittel stammen aus Belarus. Für Wissenschaftler und Lehrkräfte, die in Belarus aus politischen Gründen entlassen wurden, bietet die EHU die Möglichkeit, ihrer Arbeit weiterhin nachzugehen. Viele, die heute in belarussischen Medien und in der Wissenschaft arbeiten oder in der Zivilgesellschaft aktiv sind, haben dort studiert.
Das Oberste Gericht der Republik Belarus hat die Exil-Hochschule am 14. April 2026 nun zur „extremistischen Vereinigung“ erklärt: Sie sei von westlichen Geheimdiensten unterwandert, wolle Belarus schaden und arbeite gar mit terroristischen Organisationen zusammen, so die Begründung. Die EU verurteilte die Entscheidung der belarussischen Behörden: „Die Einstufung einer akademischen Einrichtung als extremistisch ist ein weiteres Beispiel für die systematischen Bemühungen des Regimes, kritisches Denken zu unterbinden.“
Die Folgen für die EHU und die Zukunft belarussischer Bildung und Forschung könnten immens sein. Alle, die dort studieren oder arbeiten, machen sich nach belarussischem Recht potenziell strafbar. Auch Familienangehörige könnten so von Repressionen betroffen sein.
Für das Online-Medium GazetaBY hat sich die Journalistin Anna Swonkaja auf den EHU-Campus begeben und vor allem Studierende gefragt, was sie von dem Urteil halten und was es für sie bedeuten könnte.
Kirill, 19 Jahre
„Die Situation war absehbar, Provokationen des belarussischen Regimes gegen die EHU gab es ja mehr als genug. Ich konnte schon vorher aus bestimmten Gründen nicht nach Belarus reisen, aber jetzt ist es endgültig unmöglich.
Meine Eltern leben in Belarus, entsprechend kann sich die Bedrohung samt Folgen nun auch auf sie ausweiten. Trotzdem werde ich nicht nach Lukaschenkos Pfeife tanzen, indem ich mich exmatrikuliere.“
Anna, 24 Jahre
„Es ist keine Überraschung. Wir waren darauf eingestellt, dennoch ist es unangenehm. Es ist sehr schade für alle Betroffenen. Viele von uns haben Eltern und Großeltern, die wir lieben, wir haben viele Jahre in Belarus gelebt, und trotzdem können wir nun wegen der Androhung politischer Verfolgung nicht ins Land zurückkehren.
Natürlich kann man nach Auswegen suchen und ungeachtet der Gefahr probieren, nach Hause zu fahren. Aber die logischere, und vermutlich perspektivisch häufigste Variante ist, einen Asylantrag zu stellen. Andere Optionen gibt es aus meiner Sicht nicht.“
Es ist hart, in meinem Alter die Entscheidung treffen zu müssen, seine Verwandten vielleicht nie wieder zu sehen.
Wassili, 19 Jahre
„Es war zu erwarten. Mir war bewusst, dass es so kommen könnte, als ich mich hier eingeschrieben habe. Ich kann ohnehin nicht nach Hause, weil mir die Einberufung in die Armee drohen würde, also hat sich für mich nichts geändert. Vielleicht wird es meine Mutter zu spüren bekommen. Oder Freunde, die noch in Belarus leben. Ich befürchte, dass einige von ihnen aus Angst den Kontakt zu mir abbrechen.
Mein Studium an der EHU ist davon aber nicht beeinflusst, diese Nachricht hat keine Auswirkung auf das Studium als solches.“
Maria, 20 Jahre
„Mein erster Gedanke war: Mist, echt jetzt? Aber die Fassungslosigkeit legte sich schnell. Als Schock würde ich es nicht bezeichnen, es war etwas, womit wir rechnen mussten, die Frage war lediglich, wann es passieren würde: jetzt, während der Aufnahmekampagne der Universitäten, oder im Spätsommer, wenn die Abiturient:innen ihre Bewerbungsunterlagen einreichen.
Ich plane, weiterhin nach Hause zu fahren, aber ich tue das selten. Natürlich werde ich an der Grenze jetzt gestresster sein, aber das sind wir im Grunde gewöhnt. Exmatrikulieren möchte ich mich nicht. Wenn überhaupt, dann hätte man das gleich zu Beginn dieses Extremismus-Wirrwarrs machen müssen.“

Nadjeshda, 21 Jahre
„Meine Freundinnen und ich haben diese Gefahr schon oft diskutiert, es hat uns viel Nerven gekostet. Deshalb sind da jetzt null Emotionen, ehrlich gesagt. Damit sind wir durch.
Ich mache mir Sorgen um meine Mutter. Um die Eltern, die in staatlichen Einrichtungen und Betrieben arbeiten. Ich wollte im Sommer nach Belarus fahren, aber vermutlich lasse ich das jetzt sein, es könnte zum One-Way-Ticket werden. Ich hoffe, dass meine Mutter ein Visum bekommt. Und außerdem, dass ich weiterhin irgendwie an belarussische Kosmetikprodukte und Beeren-Baiser komme.
Ich lasse mich nicht exmatrikulieren, aber die Finanzierung der EHU ist unsicher. Wenn alles gut geht, können wir bleiben und weiter studieren. Wenn man uns sagt, dass die Uni geschlossen werden muss, weil kein Geld mehr da ist, muss ich mir etwas Neues überlegen.“
Anastasia, 19 Jahre
„Ich war schockiert, das hatte ich nicht erwartet. Jetzt bin ich wütend, in nächster Zeit werde ich nicht nach Belarus reisen. Ich habe echt Angst um meine Eltern und mache mir Sorgen, dass ich nicht mehr nach Hause zurückkehren kann. Ich will nicht in den Knast. Ich bin traurig, dass ich meinen Hund nicht sehen kann. Ich habe geweint, weil ich nicht zur Hochzeit meiner Mutter fahren kann.
Wenn ich die Uni wechsele, muss ich in einem neuen Land wieder bei null beginnen, es wäre schade um das investierte Geld. Ich habe die schwierige Phase der Legalisierung hinter mir, habe endlich alle Dokumente – das war ziemlich hart und ich möchte nicht noch mal von vorn beginnen. Trotzdem habe ich vor, die Uni zu wechseln – vielleicht an eine andere litauische Hochschule, vielleicht auch in ein anderes Land. Aktuell habe ich mich noch nicht entschieden, aber ich werde es auf jeden Fall machen.“
Belarussische Gerichte wollen den jungen Menschen die Ausreise verbieten, damit alle Kinder kriegen, horrende Steuern zahlen und für drei Kopeken und einen Teller Suppe arbeiten gehen.
Swetlana, 22 Jahre
„Ich habe Angst um meine Familie, dass sie wegen meines Studiums verfolgt werden könnte. Außerdem habe ich Angst, dass ich nicht nach Hause zurückkehren kann.
Eigentlich sollte ich bald nach Belarus fahren, aber nun haben sich die Pläne geändert. Ob ich demnächst hinfahre, weiß ich nicht genau, es besteht ja die Wahrscheinlichkeit, dass ich nicht wieder herkommen kann. Es ist hart, in meinem Alter die Entscheidung treffen zu müssen, seine Verwandten vielleicht nie wieder zu sehen.“
Marina, 18 Jahre
„Ich werde mich sicher nicht exmatrikulieren. Im Moment warte ich erst einmal ab, wie die Uni auf diese Nachricht reagiert.“
Anna, Mutter einer EHU-Studentin, 53 Jahre
„Mein erster Gedanke war, dass wir uns nun wohl lange nicht sehen können, das ist sehr belastend. Es besteht die Gefahr, an der Grenze gestellt zu werden. Wahrscheinlich wird Druck auf die Familien ausgeübt, wenn es Informationsleaks gibt. Ich persönlich finde, meine Tochter sollte nicht nach Belarus reisen, weil allen Beteiligten alle möglichen Strafen drohen. Das kann ein Einreiseverbot sein, eine Gefängnisstrafe oder eine hohe Geldstrafe. Wir wissen nicht, welche Folgen es haben wird.
Mich schockiert, womit sich die belarussischen Gerichte befassen. Sie wollen den jungen Menschen die Ausreise verbieten, damit alle Kinder kriegen, horrende Steuern zahlen und für drei Kopeken und einen Teller Suppe arbeiten gehen.“