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Nesawissimaja Gaseta

Publizistische Höhenflüge zu Beginn der 1990er Jahre, bald darauf fast der Konkurs, dann kam sie zeitweise in Oligarchenbesitz und ist seit 2005 in der Hand des Wirtschaftsliberalen Konstantin Remtschukow: die Nesawissimaja Gaseta. Die Zeitung zeigt sich analytisch und skeptisch, ohne oppositionell zu sein. 

Er hatte das ganze Paket gekauft, direkt 100 Prozent der Aktien. Bis zu fünf Millionen Euro könnte das laut Experten gekostet haben. Konstantin Remtschukow zahlte und übernahm damit im Jahr 2005 die Nesawissimaja Gaseta (dt. „Unabhängige Zeitung“) von Boris BeresowskiBoris Beresowski (1946-2013) gelangte während der Privatisierungen der 1990er Jahre durch Verbindungen in die Politik zu enormem Reichtum. Er besaß mehrere Medien – darunter große Anteile am staatlichen Ersten Kanal – die er auch zur politischen Einflussnahme nutzte. Zunächst ein enger Vertrauter Jelzins und Unterstützer Putins, kritisierte er Putin ab dem Jahr 2000 für autoritäre Tendenzen. Er entging der eingeleiteten Strafverfolgung durch politisches Asyl in Großbritannien. Von dort aus blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 2013 ein scharfer Putinkritiker., dem lange Jahre mächtigen OligarchenAls Oligarchen werden Großunternehmer bezeichnet, die starken Einfluss auf die Politik nehmen. In Russland, aber auch in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen Wirtschaft und Politik sehr eng verwoben sind, stellen sie ein zentrales Charakteristikum des politischen Systems dar. Mehr dazu in unserer Gnose , der da schon als erbitterter Gegner von Präsident Putin im britischen Exil lebte. Für die meisten Beobachter kam der Wechsel zu Remtschukow ziemlich aus dem Nichts. 
In einem Interview sagte Remtschukow damals, die Zeitung gekauft zu haben, damit er eine Beschäftigung habe, sobald er aus Politik und Business aussteige. Mittlerweile ist der gut vernetzte Moskauer Geschäftsmann untrennbar mit der Nesawissimaja Gaseta verbunden, was insofern zur NG – wie sie abgekürzt heißt – gut passt, weil sie immer schon als Hauptstadtzeitung galt. 

Der 64-jährige Remtschukow hat sich als Berater in Wirtschaft und Politik einen Namen gemacht, sei es früher an der Seite eines Wirtschaftsministers oder im milliardenschweren, staatsnahen Aluminiumgeschäft. Meist tritt er moderat wirtschaftsliberal auf, war Ende der 1990er Jahre auch mal Abgeordneter für die Liberalen (Union der rechte KräfteDie Union der Rechten Kräfte (SPS) war ein Wahlbündnis und eine liberale Partei, die zwischen 1999 und 2008 existierte. Mitbegründet vom liberalen Politiker Boris Nemzow, war ihr Verhältnis zu den Machthabern gespalten: Während der Flügel um den im Februar 2015 ermordeten Nemzow regierungskritisch war, galt die Fraktion um Anatoli Tschubais als gemäßigt. Teilweise wegen interner Querelen löste sich die Partei im Oktober 2008 selbst auf.) im russischen Parlament.
Die NG verkörpert durchaus seine Linie, nicht umsonst ist Remtschukow seit 2007 Generaldirektor und Chefredakteur in Personalunion. Die politischen und wirtschaftlichen Analysen erreichen vor allem einen kleinen Kreis unter den Eliten – wobei die Auflage  mehrere zehntausend Exemplare umfasst. Der Tenor ist tiefgründig, skeptisch, ohne oppositionell zu sein. Das Blatt pflegt zuweilen einen sperrig-sachlichen Stil, wobei die ganze Aufmachung sehr printorientiert wirkt. Das Digitale spielt praktisch auch kaum eine Rolle.

Die glanzvollen Jahre werden der Nesawissimaja Gaseta aber zugeschrieben, als sie eine der vielversprechendsten Zeitungen auf dem sich gerade formierenden russischen Medienmarkt war. Gegründet im Dezember 1990, als eins der ersten Blätter nach Wegfall der bis dahin noch offiziell geltenden, aber längst ausgehöhlten staatlichen Zensur.
Die Zeitung war jung, ohne Vorgeschichte in Sowjetunion oder Zarenreich, ihr Wort hatte Einfluss. Als Qualitätszeitung sei die NG regelrecht am Reißbrett entworfen worden, „folgte der Avantgarde des liberalen Projekts“, so beschreibt es der Moskauer Medienwissenschaftler Iwan Sassurski, der dort selbst kurz tätig war.  

Zwar kam das Gründungskapital direkt aus der Politik, von Förderern, die der damalige 37-jährige Chefredakteur Witali Tretjakow zusammentrommeln konnte. Letztlich flossen in der ersten Zeit auch Gelder aus dem Moskauer Stadthaushalt. Aber gerade Tretjakow soll sehr daran interessiert gewesen sein, (politische) Abhängigkeiten, wenn möglich, lieber zu meiden. Es waren die radikalen Marktreformen, Hyperinflation und explodierende Druckkosten, die seinen Kurs schon Mitte der 1990er Jahre obsolet werden ließen. Als die Nesawissimaja Gaseta vor dem Ruin stand, bahnte sich der Deal mit Beresowski an.

Als Remtschukow schließlich bei der NG einstieg, wurde viel darüber spekuliert, ob er einem Dritten Medienmacht sichern solle, also nur ein Strohmann in politischen Ränkespielen sei, nun, da sich Oligarch Beresowski zurückzog. 
Fakt ist lediglich, dass die Nesawissimaja Gaseta unter Remtschukow zahmer wurde, was für weite Teile der russischen Zeitungslandschaft insgesamt charakteristisch ist, seit sie in ihrer Freiheit nach und nach beschnitten wurde. Remtschukow ist in Moskau zudem eine gewichtige Persönlichkeit mit starker Nähe zum Politikbetrieb: Im Wahlkampf 2018 von Bürgermeister Sergej SobjaninSergej Sobjanin (geb. 1958) ist seit 2010 Bürgermeister der Stadt Moskau. Er gilt als „Mann Putins“, wurde von diesem im Jahr 2000 zum Generalgouverneur des Gebiets Ural ernannt und setzte von dort seine politische Karriere fort. Als Bürgermeister Moskaus setzte er teilweise die Bauprojekte seines Vorgängers Juri Luschkow aus, dem Korruption vorgeworfen wurde. Sobjanin gründete eine große, von der Moskauer Regierung kontrollierte Medienholding. Im Vergleich zu seinem Vorgänger gilt er als Reformer. Mehr dazu in unserer Gnose etwa war er direkt eingebunden und stand  einem ausgewählten Kreis gesellschaftlich relevanter Unterstützer des Amtsinhabers vor. Für ihn geht das mit dem Zeitungsleben zusammen, ist der Name Nesawissimaja Gaseta nur ein Label, ein eingebrannter Markenname, wie er seinen Kritikern in einem Interview entgegnete. Unabhängig, abhängig – für Remtschukow nicht mehr als austauschbare Begriffe. Darin steckt das Credo: Die Zeitung bin ich. Trotzdem scheut er selten vor eigenwilligen Meinungen zurück – zeigte sich in der Vergangenheit zum Beispiel als klarer Bedenkenträger, als die russische Führung einen schnellen WTO-Beitritt forcierte. Beim kritischen Nischenradio Echo Moskwy ist Remtschukow wöchentlich auf Sendung. 

Der Geschäftsmann führt die NG nun konstant seit 13 Jahren.

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: Dezember 2018

Eckdaten

Gegründet: 1990
Herausgeber: Konstantin Remtschukow
Chefredakteur: Konstantin Remtschukow
URL: www.ng.ru


Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaftgefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
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Krim. Sommer, Stanislava Novgorodtseva (All rights reserved)