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Bullshitting Russia

Fast die Hälfte der Artikel in der ausländischen Presse berichteten „negativ“ über Russland – zu diesem Schluss kommt Oktopus-1, eine Studie von Rossija Sewodnja. Darin wurden knapp 80.000 Artikel von Medien aus G7-Ländern untersucht, die von Januar bis Ende Juni 2019 erschienen sind. Das Ergebnis der Studie schlägt in die Kerbe, das Ausland würde schlecht über Russland reden, und hat somit auch eine politische Dimension: So ließen offizielle Reaktionen nicht lang auf sich warten. Die russische Gesellschaftskammer jedenfalls nahm die Studie zum Anlass, um eine öffentliche Diskussion über die Rechte ausländischer Medien und Journalisten in Russland anzuregen. Bereits Ende 2017 wurden einzelne Auslandssender wie Golos Ameriki (Voice of America) und Radio Swoboda (Radio Liberty) in Russland zu „ausländischen Agenten“ erklärt. 

Die Mitarbeiter des Exilmediums Meduza machte all das hellhörig. Alexej Kowaljow, Leiter des dortigen Investigativressorts, war einst Chefredakteur von InoSMI – InoSMI gehört zu Rossija Sewodnja und übersetzt westliche Presse ins Russische. Kowaljow sah sich die Studie genauer an und fand heraus: Die Untersuchung von Rossija Sewodnja stützt sich vor allem auf britische Medien (die mehr als ein Drittel der gesamten Studie ausmachen). Auffällig viele der untersuchten Artikel in diesen wiederum haben laut Meduza denselben Autor. 

Er heißt Will Stewart. Unter seinem Namen, so Meduza, werden allerdings vor allem Geschichten veröffentlicht, die Themen aus russischen Boulevardzeitungen aufgreifen. Allein im ersten Halbjahr 2019 hat Meduza auf den Seiten der Daily Mail knapp 220 Artikel gezählt, die unter dem Namen Will Stewart veröffentlicht wurden. 

Das bedeutet nicht nur, dass die „negative“ Berichterstattung, die die Studie beklagt, in Teilen sogar aus russischen Medien übernommen wurde. Es wirft auch die Frage auf: Wer ist Will Stewart und wenn ja, wie viele? Meduza hat sich auf Spurensuche begeben.

Источник Meduza

William Stewarts Identität ist selbst für die Veteranen unter den Auslandskorrespondenten in den Moskauer Büros ein Rätsel. Nicht ein einziger der von Meduza befragten, zum Teil seit Jahrzehnten in Russland tätigen Journalisten hat ihn je persönlich getroffen oder weiß, wer er ist.

Nicht einmal im Außenministerium der Russischen Föderation scheint man das genau zu wissen – obwohl Stewart offiziell in Russland akkreditiert ist und auf den Seiten des Außenministeriums als Chef des Moskauer Büros der britischen Zeitung Daily Express genannt wird.

Dabei ist William Stewart eine ganz reale – wenn auch ziemlich verschlossene – Person. Er taucht nicht in den sozialen Netzwerken auf; in keiner einzigen Zeitung, für die er arbeitet, ist ein Foto von ihm zu finden. Dafür gelang es Meduza, im britischen Handelsregister eine Firma zu entdecken, als deren Geschäftsführer Stewart fungiert: East2West Limited, eingetragen im Januar 1996. Zur selben Zeit taucht sein Name erstmals in den Akkreditierungslisten der in Moskau tätigen Auslandskorrespondenten auf.

Stewart selbst, den Meduza nach mehreren Anfragen per E-Mail erreicht hat, gab an, seit 1992 in Moskau zu arbeiten. Viele seiner Beiträge, die von ausländischen Medien übernommen werden, nennen die Agentur als Quelle.

Anfang 2019 tauchte auf der Internetplattform Reddit die Frage auf: „Kennt hier jemand die russische Nachrichtenagentur East2West? Falls ja, wie vertrauenswürdig ist sie? Ich bin auf einen Bericht über einen grausamen Mordfall gestoßen, aber alle Versuche, die Originalquelle zu finden, führen auf Seiten aus Russland, die auf East2West verweisen. Merkwürdig, dass gleich mehrere Internetseiten auf eine völlig unbekannte Agentur verweisen.“

Ein anderer Nutzer antwortete: „Ich war auch sehr enttäuscht, als mehrere vermeintlich vertrauenswürdige Nachrichtenseiten in Brasilien, wo ich lebe, einen Bericht über ein Mädchen übernommen haben, das angeblich bei der Explosion eines Mobiltelefons gestorben war. Alle berufen sich auf russische Quellen, die ebenfalls auf diese merkwürdige Phantom-Agentur verwiesen. Ich finde das beängstigend.“

Killermäuse in den Kremltürmen

Will Stewarts beeindruckende Produktivität lässt sich damit erklären, dass die unter seinem Namen veröffentlichten Artikel das Produkt eines ganzen Kollektivs von russischen Journalisten sind, die für seine Agentur East2West News arbeiten. Unter ehemaligen Mitarbeitern hat Meduza endlich Menschen gefunden, die Stewart persönlich kennen. Stewart selbst hat nicht beantwortet, wie viele russische Mitarbeiter für seine Agentur tätig sind, er sagte nur, er arbeite ausschließlich mit „erstklassigen Freelancern aus Russland, den Ländern der ehemaligen UdSSR und Osteuropa zusammen“.

Eine ehemalige Mitarbeiterin, die bis 2011 für die Agentur tätig war, hat Meduza erzählt, wie die Vorbereitungen zu einer Nachrichten-Ausgabe abliefen: „Wir waren mehrere freie Mitarbeiter, am Morgen ging es los mit dem Monitoring: das Wichtigste aus der Welt der Politik, amüsante Ereignisse, Persönlichkeiten, die in Großbritannien von Interesse sind – wie Arschawin, Abramowitsch, der damalige [Premierminister] Tony Blair, Nasarbajew. Und Trash à la Killermäuse in den Kremltürmen. Will wählte die interessantesten Themen aus, ging ihnen nach. Sehr sorgfältig, mit Liebe zum Detail. Mehrere Tage lang, manchmal sogar Wochen, bis sich die Fakten zu einer Geschichte fügten.“

Die ehemaligen Mitarbeiter von East2West News, mit denen Meduza gesprochen hat, lobten Stewarts Professionalität, journalistische Sorgfalt und seine tiefe Russland-Kenntnis. Dabei unterscheiden sich die ersten Reportagen, die Stewart in den 1990ern in Moskau veröffentlichte, deutlich von seinen heutigen Arbeiten: Im Oktober 1992 brachte der Daily Express eine Analyse zum Konflikt zwischen Boris Jelzin und Ruslan Chasbulatow, 1996 folgte ein großes Porträt über Alexander Lebed, der damals als möglicher Jelzin-Nachfolger gehandelt wurde.

Andere Journalisten, die mit seiner Arbeit vertraut sind, bewerten sein Verhältnis zu den Fakten kritischer. Oliver Carroll, der für die britische Zeitung The Independent in Moskau schreibt, machte auf einen Artikel aufmerksam, der am 26. Juni 2019 in der Daily Mail erschien: „Ich war sein Futtervorrat – Russe gleicht Mumie nach einem MONAT in Bärenhöhle. Das Raubtier hatte ihm die Wirbelsäule gebrochen und als Futter in seine Höhle verschleppt.“ Unter Berufung auf eine Meldung des Nachrichtenportals EADaily berichtete Stewart von dem in der Überschrift genannten Schicksal eines Mannes aus Tuwa namens „Alexander“. Die ursprüngliche Nachricht versah er mit neuen schockierenden Details: Demnach musste der Held den eigenen Urin trinken, um zu überleben.

Der Daily Mail-Artikel war ein Hit in den sozialen Medien: Der Zähler auf dem Internetauftritt der Daily Mail zeigt 72.000 Reposts an. Daraufhin drehte die Geschichte eine zweite Runde durch die russischen Medien, diesmal unter Berufung auf die Daily Mail und Will Stewart. Oliver Carroll veröffentlichte im Independent einen Gegenbericht: Er entlarvte die Story mit der Bärenhöhle als Fake und den ausgemergelten Mann im Video als einen Patienten aus Kasachstan, der an einer schweren Form von Schuppenflechte leidet. Daraufhin änderte die Daily Mail den Inhalt und die Überschrift des Artikels. In der neuen Version beruft sich Stewart auf die Agentur East2West News, die mit dem Gesundheitsministerium in Tuwa gesprochen und herausgefunden habe, der Mann sei in Wirklichkeit Psoriasis-Patient. Dass die Agentur ihm selbst gehört, wird dabei nicht erwähnt.

Westliche Medien berichten

Stewarts Artikel, die auf russischen Quellen basieren, werden oft von genau diesen Quellen wieder aufgegriffen und neu belebt – dann mit dem respekteinflößenden Verweis auf „westliche Medien“. So brachte beispielsweise [die russische Nachrichtenagentur] Regnum 2016 eine Meldung unter folgender Überschrift heraus: „Mirror: Putin will Sibirien per Zeppelin erschließen“. Darin heißt es, unter Berufung auf einen Artikel von Will Stewart in der Daily Mail: „‚Putin setzt wieder auf den Zeppelin, so die britische Zeitung The Daily Mirror.“ (In Wirklichkeit ist in Stewarts Artikel keine Rede davon, dass Putin „auf den Zeppelin setzt“.) 

Weiter berichtet Regnum: „Der russische Sicherheitsrat unter dem Vorsitz von Wladimir Putin hat ein Projekt zum Bau eines Luftschiffs bewilligt, das der Erschließung Sibiriens dienen soll. Die Kosten für einen dieser futuristisch anmutenden Zeppeline (Arbeitsname: East2West) belaufen sich auf rund 23 Millionen Pfund.“

Natürlich existiert überhaupt kein futuristischer Zeppelin, der East2West heißen und den Hohen Norden mit der Transsibirischen Magistrale verbinden soll. Der Autor des Regnum-Artikels hat die Bildunterschrift im Daily Mirror, wo der Urheber genannt wird, fälschlicherweise für den Namen des Luftschiffs gehalten: East2West – William Stewarts Agentur.

Dabei stammen die Bilder im Daily Mirror gar nicht von ihm. Die umgekehrte Bildersuche bei Google führt auf die Internetseite Siberian Times, die – am selben Tag wie der Daily Mirror – einen fast identischen Bericht über gemeinsame Pläne des Sicherheitsrates und der Russischen Akademie der Wissenschaften herausbrachte, abgelegene Gebiete mithilfe von Heißluftballons zu erkunden. Die Illustrationen auf der Seite der Siberian Times sind mit RosAeroSystems unterschrieben.

Das Phänomen Siberian Times

Das Internetportal Siberian Times sitzt in Nowosibirsk und veröffentlicht Artikel in englischer Sprache, die Will Stewart in seinen Beiträgen häufig zitiert. Obwohl auf der Seite das Impressum fehlt, ist die Chefredakteurin der Siberian Times bekannt: eine gewisse Swetlana Skarbo, Absolventin der Londoner City University und ehemalige Mitarbeiterin des Daily Express.

Im britischen Handelsregister taucht Swetlana Skarbo als ehemalige Geschäftsführerin der Agentur East2West auf (im Juli 2018 übergab sie die Geschäfte offiziell an William Stewart). Verschiedene Quellen behaupten, Siberian Times sei ein Projekt von Stewart persönlich, der es mit den Honoraren für seine Artikel bei den führenden britischen Zeitungen betreibt – in denen er wiederum auf seine eigene Webseite als Quelle verweist. Stewart selbst wollte sich zu seiner Verbindung zu Siberian Times oder Swetlana Skarbo nicht äußern und riet, sich mit allen Fragen direkt an sie zu wenden. Eine Antwort liegt der Redaktion bislang nicht vor. 

Von der Politik zum Boulevard

Der britische Journalist und Propagandaforscher Peter Pomeranzew ist einer der wenigen, die Stewart persönlich kennen. 2008, als Pomeranzew ebenfalls in Moskau arbeitete, half Stewart bei den Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm von Channel 4 über den „dicksten Jungen der Welt“ – Dshambulat Chachotow aus Kabardino-Balkarien. Pomeranzew erklärt Stewarts Werdegang – weg von ernsthaften gesellschaftspolitischen Themen hin zur Regenbogenpresse – mit dem Wandel in der Redaktionspolitik des Daily Express selbst: „Er [William Stewart] war damals so etwas wie der politische Redakteur des Daily Express. Aber da war das Blatt auch noch eine halbwegs ernstzunehmende Zeitung für die Mittelschicht, sie gehörte nicht zur Kategorie der Red Tops wie The Sun oder der Daily Mirror.“ Aber irgendwann sei auch der Daily Express zu diesem Format übergegangen, meint Pomeranzew, wobei der reißerische Charakter der Schlagzeilen vergleichbare Blätter bald noch übertrumpfte.

Stewart selbst äußerte gegenüber Meduza, er beziehe das Ergebnis der Studie von Rossija Sewodnja nicht auf sich. Die darin erwähnten Artikel hätten es wegen ihrer „exotischen“ Überschriften hineingeschafft, für die aber nicht er verantwortlich sei, sondern seine Redakteure. Außerdem sagte Stewart: „Überall auf der Welt wird Auslandskorrespondenten negative Berichterstattung und Voreingenommenheit vorgeworfen. Wie Sie wissen, passiert das russischen Journalisten, die in Großbritannien arbeiten, genau so.“

Auf die Frage, warum es in seinen Beiträgen von blutigen Details und entstellten Kindern wimmelt, reagierte Stewart mit Unverständnis: „Wenn Sie den Artikel über das Mädchen meinen, das ohne Gesicht geboren wurde, dann bin ich froh, dass ich mit Hilfe der Leser wenigstens einen kleinen Teil der Summe sammeln konnte, die für die Behandlung in Russland und Großbritannien nötig war.“

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Politische Talkshows

Wochentags, 10.30 Uhr1: Nach einer kurzen Sendung, in der es um Gesundheitsfragen, Abnehmtipps und Haarpflege geht, laufen auf den zwei wichtigsten Staatssendern Russlands, Rossija 1 und Perwy Kanal, die ersten politischen Talkshows. Gemeinsam mit den Nachrichten dominieren sie das Fernsehprogramm bis Mitternacht. Unterbrechungen durch andere Sendungen gibt es kaum, weshalb Polit-Talks gemeinsam mit den Nachrichten auf dem Perwy Kanal auf rund zwölf Stunden Sendezeit pro Tag kommen.2 In den Talkshows geht es nahezu ausschließlich um den Krieg gegen die Ukraine, der als „militärische Spezialoperation“ bezeichnet wird. 

Wie kommt es, dass Nachrichten und Polit-Talkshows eine derart große Rolle im russischen Staatsfernsehen spielen? Und worum geht es in diesen Sendungen? Slawistin Magdalena Kaltseis blickt hinter die Kulissen und erzählt die Geschichte vom Aufstieg der TV-Talkshows zum derzeit wohl wichtigsten Fernsehgenre und Propagandainstrument Russlands. 

Waffenlieferungen an die Ukraine werden nicht nur im deutschen Fernsehen heiß debattiert. Auch das russische Staatsfernsehen beschäftigt sich damit, jedoch auf eine spezielle Art und Weise. So fragte der Fernsehmoderator Wladimir Solowjow am 15. Juni 2022 einen seiner Gäste: „Werden sie [die NATO – dek] endlich gegen uns kämpfen?“. „Ja“, antwortet der Gast, „faktisch tun sie das schon. Wir sehen jetzt, wie die ganze Welt auf Russland scharf gemacht wird, das ist der alte Plan, den man jetzt in die Tat umzusetzen versucht. Jede NATO-Armee öffnet ihre Lager und alles, was sie an Waffen haben, schmeißen sie an die Front …“. „Dann macht es doch Sinn“, entgegnet der Moderator Solowjow, „eine zweite Front zu eröffnen und Deutschland anzugreifen, solange es absolut wehrlos ist? Damit es bei diesen Nazis keine Illusionen mehr gibt.“3

Dieser kurze Ausschnitt aus dem Talkshow-Abend mit Wladimir Solowjow, der wochentags jeden Abend auf Rossija 1 läuft, macht deutlich, auf welcher Ebene die Debatten im Fernsehen geführt werden. Dem Westen wird in diesen Shows einerseits pausenlos gedroht, unter anderem mit Atomwaffen. Andererseits werden die USA, die EU oder die NATO lächerlich gemacht, zum Beispiel, indem US-Präsident Joe Biden in einem eingespielten Video eine schrille und kreischende Synchronstimme erhält. 

ARENEN DER EMOTIONEN

Talkshows sind eine Mischung aus Unterhaltung und Information und werden dem sogenannten Infotainment zugeordnet – auch in Russland.  Aber insbesondere bei russischen Talkshows geht es nicht primär um ihren Informationswert, sondern vor allem um die Emotionen, die sie hervorrufen. Skandale, Hetzrede, persönliche Beleidigungen und geschmacklose Unterhaltung stehen im Zentrum dieses heute gut etablierten Typs politischer Talkshows in den russischen Staatssendern.
Auf diese Weise sind russische Polit-Talkshows, wie sie von staatlichen und staatsnahen TV-Sendern produziert werden, offensichtlich ein Erfolgsrezept. Aufgrund ihrer Vielfalt, der oftmals obszönen und vulgären Sprache4 sowie der geladenen Gäste sprechen sie unterschiedliche Bevölkerungsschichten und Generationen an – politische Talkshows belegen stets hohe Plätze in Sendungsrankings und erreichen häufig einen Zuschaueranteil von bis zu 25 Prozent, manchmal auch mehr. 

Dabei wird in den Sendungen versucht, emotionale Reaktionen des Publikums durch lautes Brüllen, verbale oder physische Attacken5, Schockbilder oder Gräuelgeschichten zu erzeugen. Diese Taktiken dienen nicht nur boulevardesker Unterhaltung, sondern auch der Verstärkung von Feindbildern, die in den Talkshows transportiert werden – allen voran gegenüber der Ukraine und den USA. Oftmals werden in den Sendungen Kämpfe inszeniert: Liberal-oppositionell oder ukrainefreundlich gesinnte Diskutanten treffen auf dem Bildschirm auf patriotisch-konservative Gäste. Letztere dominieren die Shows, diffamieren ihre Kontrahenten und gehen meist als „Sieger“ hervor. Aber auch die Moderatoren der Polit-Talks werden schon einmal handgreiflich und werfen Gäste aus dem Studio: „Halt die Fresse! Verpiss dich, du faschistische Laus!“ Mit diesen Worten schrie der Moderator der Sendung Wremja pokashet (dt. Die Zeit wird es zeigen) einen der „proukrainischen“ Gäste an, der angemerkt hatte, die Rote Armee sei 1941 aus der Ukraine „schändlich abgehauen“. Im Anschluss wurde der Gast vom Security-Team aus dem Studio geworfen
 
Heute fungieren politische Talkshows in erster Linie als emotionale Unterstützung einer weitgehend entpolitisierten und bereits vorherrschenden Stimmung, die durch die politische Führung, das System unter Putin und entsprechende Nachrichten geschaffen wurde. Gleichzeitig haben sie in den letzten Jahren zunehmend eine didaktische und meinungsmanipulative Funktion eingenommen und beeinflussen somit maßgeblich die öffentliche Meinung.6 Das war jedoch nicht immer so.

SYMBOLE DER PERESTROIKA

In Russland etablierten sich Talkshows erst während des Zusammenbruchs der Sowjetunion und stehen in engem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen und Veränderungen dieser Zeit.7 Als Diskussions- und Gesprächsplattform stellten die Talkshow in einer Periode der angestrebten Transparenz, Offenheit und Meinungsfreiheit das geeignete Format dar, um politische oder gesellschaftliche Fragen öffentlich zu diskutieren. Neue TV-Formate wurden zunächst aus dem westlichen Fernsehen übernommen, wobei sich Talkshows aufgrund ihres hohen Massenanreizes und der relativ niedrigen Produktionskosten besonders gut für das russische Fernsehen eigneten.8 Insbesondere waren es jedoch die politischen Talkshows nach US-amerikanischem Vorbild, die übernommen wurden. Eine der ersten Ende der 1980er Jahre entstandenen Talkshows und Symbole der Perestroika war die von dem 1995 erschossenen Journalisten Wladislaw Listjew moderierte Sendung Wsgljad (dt. Blick), in der neben der Diskussion der Wochennachrichten erstmals auch zeitgenössische Popmusik aus dem Ausland und Musikclips westlicher Popstars zu hören und zu sehen waren.9 Aus dieser Zeit stammt auch der heute im Russischen gebräuchliche Terminus tok-schou, eine direkte lexikalische Entlehnung des englischen Begriffs talk show.10 

ENTPOLITISIERUNG DES FERNSEHENS

Bis zur Jahrtausendwende entwickelte sich eine eigenständige Form der russischen Polit-Talkshows, zu deren Gründungsvätern neben Listjew auch Wladimir Posner zählte, der noch bis zur Invasion in die Ukraine im Februar 2022 als Moderator tätig war und als TV-Patriarch gilt. Während einige Polit-Talkshows, die sich anfangs vor allem mit dem Wechsel der politischen Elite beschäftigten, zu „Instrumenten innerer Informationskriege“11 wurden, hatten andere Sendungen eine wichtige investigative Funktion. So thematisierte beispielsweise die Talkshow Nesawissimoje rassledowanije (dt. Unabhängige Untersuchung) auf NTW die Rolle des FSB bei der Serie von Bombenanschlägen in Moskau und anderen russischen Städten im August und September 1999.12

NTW nahm ab Beginn der 2000er Jahre eine führende Rolle bei der Produktion politischer Talkshows ein,13 beispielsweise wurde auf diesem Sender die von Jewgeni Kisseljow moderierte Talkshow Glas naroda (dt. Stimme des Volkes) ausgestrahlt – inzwischen gehört er mit einer eigenen Sendung zu den Einpeitschern im Staatsfernsehen, ist Chef der staatlichen Mediaholding Rossija Segodnja

Allerdings ging in den Jahren unmittelbar nach dem Amtsantritt Wladimir Putins die Anzahl politischer Talkshows zunächst zurück, was mit der allgemeinen Entpolitisierung des russischen Fernsehens in den 2000er Jahren einherging.14 

DER Krieg gegen die Ukraine UND DIE NEUE FORM DER POLIT-TALKSHOW

Das Jahr 2014, die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass stellten einen Wendepunkt für Polit-Talks dar, da im Herbst 2014 nicht nur die Anzahl politischer Talkshowreihen im russischen Fernsehen stark zugenommen hat, sondern seitdem auch ein neuer Stil in diesen Shows beobachtet werden kann.15 So kam zu dieser Zeit Wremja pokashet neu bei Perwy kanal ins Programm. Diese Show war eine Neuheit im russischen Fernsehen, da mit ihr erstmals eine Polit-Talkshow nachmittags ausgestrahlt wurde und sie daher von der bekannten Fernsehkritikerin Irina Petrowskaja als „Politik für Hausfrauen“ bezeichnet wurde16. Seit dem 24. Februar 2022 und der Ausweitung des Krieges auf die gesamte Ukraine produziert diese Show bis zu sechs Stunden Sendezeit täglich und konzentriert sich meist auf ein einziges Thema: die Ukraine. 

Auf anderen Fernsehkanälen wie Rossija 1, NTW und TWZ drehen sich die politischen Talkshows ebenfalls fast ausschließlich um die Ukraine, und auch hier wurden politische Talkshowreihen neu ins Programm aufgenommen. 
Im September 2016 startete auf Rossija 1 die Polit-Talkshow 60 minut, die mittlerweile zwei Mal täglich – vormittags und abends – gesendet wird. Kennzeichnend für diese Sendung sind neben persönlichen Beleidigungen und Anfeindungen der Gäste vor allem Diffamierungen des ukrainischen Staates, weshalb sie von kritischen Stimmen auch „60 Minuten des Ukrainehasses“ genannt wird.17 Die beiden Moderatoren – Olga Skabejewa und Jewgeni Popow – werden im Gegensatz zu vielen anderen im Studio weder handgreiflich noch verwenden sie obszöne Lexik. Sie benutzen hingegen andere Methoden, um die Ukraine zu diffamieren. So schenkte das Moderatorenpaar dem inzwischen verstorbenen rechtspopulistischen Politiker Wladimir Shirinowski zu seinem 73. Geburtstag im Jahr 2019 eine Torte in Form der Ukraine, welche er mit einem Messer in zwei Hälften teilte. Anlässlich des Todestages des Politikers am 6. April 2022 wurde dieses Video in der Sendung noch einmal gezeigt und der sichtlich aggressive Akt der Zerteilung der Ukraine von der Moderatorin, Olga Skabejewa, süffisant als „Vorhersehung“ gedeutet.
 



Teilungsphantasie im Jahr 2019: Wladimir Shirinowski zerschneidet vor laufender Kamera eine Torte, die die Form der Ukraine hat, und kommentiert, welcher Teil des Landes seiner Vorstellung nach besser zu Russland gehören sollte.

Neben der Abwertung der Ukraine sind die russische Außenpolitik, die historische Glorifizierung Russlands sowie der Konkurrenzkampf mit dem Westen beliebte Themen in den Talkshows. Oftmals werden auch unterschiedliche und widersprüchliche Deutungen bestimmter Ereignisse geliefert: etwa über den Abschuss des Flugs MH 17 oder die Kriegsverbrechen in Butscha. Ziel ist es, das Publikum zu verwirren und Fakten zu verwischen.
Seit dem Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine sah sich auch das Publikum in Russland über Soziale Netzwerke mit einer Flut von Fotos und Videos konfrontiert, welche die zerstörten ukrainische Städte und Kriegsverbrechen zeigten, mutmaßlich begangen durch die russische Armee. Binnen weniger Tage verabschiedet die Staatsduma daraufhin ein Gesetz, wonach die Verbreitung von „Fake News“ über die russische Armee – respektive Informationen, die nicht unmittelbar von russischen offiziellen Stellen stammen, – mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden können. Kurz darauf kündigte der Perwy Kanal eine neue Sendung unter dem Titel AntiFejk (dt. Anti-Fake) an: „Videos und Fotos dürfen nicht als Beweise oder Informationsquellen gelten, egal woher sie stammen“, so der Werbespot der Show.18 Diese neue Show soll dem Zuschauer, wie verkündet wird, dabei helfen, die „Lüge von der Wahrheit“ zu unterscheiden und demonstrieren, dass alles, was die ukrainische Seite oder der Westen berichten, falsch bzw. Fake ist. Damit schafft sie vor allem eines: Desinformation. Die Show versucht, Zweifel an den Gräueltaten der russischen Armee in der Ukraine zu streuen und dadurch beim Zuschauer Gleichgültigkeit zu fördern. Das geschieht auch dadurch, dass sie „dem kollektiven Westen eine beispiellose Emotionalisierung“ vorwirft, die auf Fakes beruhe – das Mitgefühl mit den Opfern in der Ukraine wird dadurch zu einem „feindlichen, westlichen Gefühl“.19 

ZENTRALE INSTANZ – DER MODERATOR 

Zu den zentralen Charakteristika von Talkshows zählt neben der vermeintlichen Leichtigkeit des Gesprächs und der Anwesenheit eines Publikums (was jedoch während der Coronapandemie aufgegeben und nur teilweise wieder aufgenommen wurde) die Wortgewandtheit des Moderators.20 Letzterer ist gleichzeitig Marke und Aushängeschild der Talkshow, sein Familienname figuriert oftmals als Teil des Talkshownamens. Bemerkenswert ist, dass Polit-Talkshows seit 2014 auch immer wieder von Politikern der Putin-Partei Einiges Russland moderiert werden, darunter Pjotr Tolstoi und Wjatscheslaw Nikonow.21 

Einer der derzeit wohl bekanntesten Moderatoren ist Wladimir Solowjow. Er ist einer der wichtigsten Propagandisten des russischen Staatsfernsehens, und im Zusammenhang mit dem Krieg wurden gegen ihn persönlich Sanktionen verhängt. Beleidigung und Diffamierungen sind bei Solowjow an der Tagesordnung, insbesondere gegen Oppositionelle und unabhängige Medien. So bezeichnete er in seiner Sendung die Novaya Gazeta und ihre Mitarbeiter als „widerliche, dumme Drecksäcke“ und den Chefredakteur des (inzwischen geschlossenen) Radiosenders Echo Moskwy als „Faulzahn“. Adolf Hitler dagegen nannte der Moderator einen „mutigen Mann“, weshalb er von Alla Gerber, der Präsidentin der Holocaust Stiftung, als „Schande für den Journalismus, die Nation und Russland“ kritisiert wurde.22 

Solowjow ist jedoch nicht der Einzige, der polarisiert und stark diffamierende sowie expressive Lexik verwendet. Ein weiteres grelles Beispiel dafür ist Artjom Scheinin, der seit 2016 durch seine Moderation von Wremja pokashet einem breiteren Publikum bekannt geworden ist. Er zeichnet sich durch seine platte und politisch inkorrekte Ausdrucksweise sowie die Verwendung von Mat aus.23 Scheinin provoziert bewusst in seinen Talkshows – sei es mit der Verharmlosung der Tötung von Menschen24 oder mit einem Eimer Fäkalien: So sollte in einer Sendung ein ukrainischer Experte vor laufenden Kameras quasi bekennen, dass die Krim schon immer russisch gewesen sei. Als er sich weigerte, stellte Scheinin dem völlig verdutzten Gast einen vorbereiteten Eimer mit Fäkalien vor die Füße; das Studiopublikum klatschte begeistert.



Moderator Artjom Scheinin stellt einem verdutzten Gast einen Eimer Fäkalien vor die Füße, weil der sich weigert, die Krim als russisch anzuerkennen.

WIEDERKEHRENDE GESICHTER UND MEINUNGEN

Obwohl die teilweise unzensierte Sprache der Moderatoren den Anschein von Spontanität und Live-Übertragungen vermittelt, sind die meisten Sendungen inszeniert und folgen einem vorgefertigten Drehbuch.25 Speziell in russischen Talkshows werden immer wieder dieselben Gäste und sogenannte Experten eingeladen, damit sie eine bestimmte Position – Freund oder Feind Russlands – vertreten. So mimt beispielsweise der gebürtige Amerikaner Michael Bohm regelmäßig den westlichen Feind Russlands, tingelt durch die verschiedenen Sendungen und Fernsehkanäle und wird dafür sehr gut bezahlt.26 Darin besteht auch der Unterschied zu den Polit-Talkshows der 1990er Jahre: Waren damals die Talkshows und Moderatoren noch um einen gewissen Meinungspluralismus bemüht, sind heute diejenigen erfolgreich, die am lautesten schreien, geschmacklose Witze vorbringen, raufen, den Gegner verbal niedermachen und mit allen Mitteln polarisieren. 

Seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine lässt sich zudem eine weitere Tendenz in den Polit-Talks ausmachen – die wiederholte Prophezeiung eines nuklearen Kriegs beziehungsweise Dritten Weltkriegs. Ob dies im Auftrag des Kreml geschieht oder ob es dabei um Stimmungsmache oder das „Testen“ bestimmter Szenarien geht, bleibt offen. Es wird jedoch ernsthaft über die Möglichkeit einer Ausweitung des Krieges gesprochen: Wie die Chefredakteurin von RT, Margarita Simonjan, in Solowjows Sendung im April 2022 verkündet, scheine ihr das Unmögliche, dass alles in einem Atomkrieg ende, immer wahrscheinlicher. Solowjow zitiert daraufhin wortwörtlich eine Äußerung Putins, mit welcher er bereits 2018 auf dem Waldai-Forum provoziert hatte: „Aber wir kommen ins Paradies und sie [der Westen und die Ukraine – dek] werden einfach verrecken.“ 


1.vgl. ein angekündigtes Fernsehprogramm: yaom.ru: Programma peredač Rossija 1 na 9 marta 2022 goda 
2.vgl. Kaltseis (2022): Russia’s invasion of Ukraine: The first day of the war in Russian TV talk shows 
3.smotrim.ru: Ukraina, Zapad i političeskie kidaly. Ėfir ot 15.06.2022 
4.vgl. Novaja Gazeta: Govorit i pokazyvaet podvorotnja 
5.Lenta.ru: Veduščij Pervogo kanala nabrosilsja na gostja programmy 
6.vgl. The Washington Post: Russia’s TV talk shows smooth Putin’s way from crisis to crisis 
7.vgl. Kozlova/Bondarev (2011): Nacional’nye osobennosti razvitija žanra obščestvenno-političeskogo tok-šou na rossijskom televidenii, in: Vestnik VolGU, 8 /10, S.119f. 
8.vgl. Hutchings/Rulyova (2009): Television and culture in Putin’s Russia. Remote control, London/New York, S. 90 
9.vgl. Lenta.ru: «Ėto norma»: Kak Pervyj kanal zadaval ton otečestvennomu TV 
10.vgl. Kozlova/Bondarev (2011), S.120 
11.vgl. Dolgova (2017): Social’naja i političeskaja tematika v obščestvenno-političeskich tok-šou 2014-2015 gg, in: Tichonova: Social’nye aspekty sovremennogo veščanija v Rossii, Vypusk II, Moskva, S. 17 
12.vgl. Youtube: Popytka vzryva doma FSB ili učenija? Nezavisimoe rassledovanie 
13.vgl. Novikova (2008): Sovremennye televizionnye zrelišča: istoki, formy i metody vozdejstvija, Sankt Peterburg, S. 195 
14.vgl. Dunn (2009): Where did it all go wrong? Explaining Russian television in the Putin era, in: Beumers/Hutchings/Rulyova (eds.): The Post-Soviet Russian Media - Conflicting Signals, New York, S. 44 
15.​​​​​​​​vgl. Dolgova (2015): Fenomen populjarnosti obščestvenno-političeskich tok-šou na rossijskom TV osen’ju 2014 goda – vesnoj 2015 goda, in: Vestnik MGU serija 10, Žurnalistika 6, S. 163 
16.echo.msk.ru: Čelovek iz televizora (20.09.2014) 
17.vgl. currenttime.tv: V Latvii zapretili telekanal ‘Rossija‘ za razžiganie nenavisti k ukraincam 
18.Perwy kanal: O projekte. AntiFejk 
19.Geschichtedergegenwart.de: Der „forensische“ Blick 
20.vgl. Kuznecov (2004): Tak rabotajut žurnalisty TV: 2-e izdanie, pererabotannoe, Moskva, S. 29-31 
21.vgl. Kozlova/Bondarev (2011), S.121 
22.vgl. Youtube: Alla Gerber žëstko otvetila Solov’ëvu: Ja ne ošiblas’! 
23.vgl. Interfax.ru: Televeduščego Šejnina nakažut za mat v ėfire 
24.Moskovskij Komsomolez: «Ja ubival»: Veduščij «Pervogo kanala» sdelal priznanie v efire 
25.vgl. Timberg et al. (2002): Television Talk: A History of the TV Talk Show, Austin, S. 5f. 
26.vgl. The Insider: Ispoved’ propagandista 
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