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Wsewolod Tschaplin

„Der Frieden wird Gott sei Dank nicht mehr lange dauern. Warum sage ich ‘Gott sei Dank’? Weil eine Gesellschaft, in der das Leben zu ruhig, zu problemlos, zu bequem verläuft, eine gottverlassene Gesellschaft ist.“1 Wen solche Thesen eines offiziellen Sprechers der Russisch-Orthodoxen KircheDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, d. h. einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. verwundern, der kennt Wsewolod Tschaplin nicht. Bis Ende 2015 kommentierte er im Namen der Kirche jedes gesellschaftliche Ereignis – sei es ein Madonna-Konzert oder eine Kunstausstellung – auf die ihm eigene, wenig zurückhaltende Art. Die kostete ihn am Ende seinen Job: Am 24. Dezember 2015 wurde Tschaplin als Leiter der Außenabteilung des Moskauer Patriarchats entlassen. Weniger kontrovers sind seine Auftritte dadurch nicht geworden.

Im Jahr 1968 in eine Atheistenfamilie geboren, fand Wsewolod Tschaplin nach eigenen Angaben mit dreizehn Jahren zum Glauben.2 Dieser führte ihn auf eine steile Karriere im Apparat der orthodoxen Kirche. Nach Abschluss des Geistlichen Moskauer Seminars 1990 trat er in die Abteilung für Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats ein, die damals Metropolit Kirill, der später zum Patriarchen aufstieg, leitete. Seitdem stand Tschaplin unter Kirills Schutz – symbolisiert auch durch die Handauflegung zur Priesterweihe, die Tschaplin 1992 von Kirill erfuhr. Danach durchlief er verschiedene Stationen, bei denen stets die Außendarstellung der Kirche im Zentrum seiner Arbeit stand – und ein Darsteller ist Tschaplin allemal.

Besonders eindrücklich ist seine Stimme. Sie ist hoch und tief zugleich, kehlig und nasal - Foto © Valerij Ledenev unter CC BY 2.0

Da ist zunächst sein Äußeres. Auf seiner Brust, verhüllt vom obligatorischen schwarzen Priestergewand, liegt schwer ein goldenes Kreuz. Gleich darüber beginnt der lange, recht übersichtliche Bart. Er endet in einem runden Gesicht mit Augen, die sich unter den Brauenbögen voll Zorn in den Debattengegner bohren können. Das Eindrücklichste an Tschaplins Erscheinung ist jedoch seine Stimme. Sie ist hoch und tief zugleich, kehlig und nasal, als käme sie nicht aus seinem Mund, sondern aus weiteren, tiefer liegenden Gegenden.

Diese Attribute verleihen ihm ein gewisses Charisma – möglicherweise ist auch das ein Grund für seine zahlreichen Auftritte in Radio und Fernsehen. Dort verbreitet er seine oft radikal-religiösen Standpunkte, die sich nicht immer mit der Rechtslage decken. So erklärte Tschaplin nach gewaltsamen Angriffen auf die provokante Ausstellung Vorsicht, Religion! im Jahr 2003, die Freiheit der Kunst sei keineswegs absolut. Nach der Aktion von Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager. in der Christ-Erlöser-KathedraleDie Christ-Erlöser-Kathedrale steht am linken Ufer der Moskwa in unmittelbarer Nähe zum Kreml. Sie wurde als Denkmal des Sieges über Napoleon konzipiert und entwickelte sich zum zentralen Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche. In den 1930ern wurde die Kathedrale gesprengt, in den 1990ern originalgetreu wieder aufgebaut. Ihre Rolle im heutigen Russland ist dabei weiter kontrovers: Den Status als Heiligtum der Orthodoxie hat die Christ-Erlöser-Kathedrale längst wiedererlangt – verkörpert jedoch zugleich das enge Band zwischen Staat und Kirche. bekannte er, der Staat müsse gegen solche „Gotteslästerung“ seine Macht einsetzen. Tue er das nicht, so sei das die Aufgabe des Volkes.3 Zu diesen Vorstellungen passt auch seine Empfehlung an Frauen, durch einen weniger „provokanten“ Kleidungsstil Vergewaltigungen vorzubeugen.4

Das Leitmotiv vieler Einzelaussagen ist eine Kritik an gesellschaftlichem Liberalismus5 und politischem Säkularismus, die Tschaplin in zahlreichen theoretischen Abhandlungen darlegte. In einem Positionspapier zum Konzept der orthodoxen ZivilisationDie Russisch-Orthodoxe Kirche übernahm den Begriff der orthodoxen Zivilisation um die Jahrtausendwende aus der westlichen Kulturwissenschaft. Er passte in die Programmatik der Kirche, die eine eigene kulturell-geschichtliche Entwicklung des osteuropäischen Raumes mit orthodoxer Prägung postulierte. Heute bezeichnet er vor allem das Einvernehmen von Staats- und Kirchenoberhaupt und die Ablehnung von jeglichem Individualismus. Im aktuellen Diskurs der Russisch-Orthodoxen Kirche ist die Idee jedoch vom Begriff der Russischen Welt (russki mir) ersetzt worden. erklärt er, individuelles Handeln müsse sich an christlichen Idealen, nicht an weltlichen Bedürfnissen orientieren. Der Staat könne und dürfe dabei nicht weltanschaulich neutral sein, sondern müsse eine geistige Mission verfolgen. Ja: Staat, Volk und Kirche seien in der orthodoxen ZivilisationDie Russisch-Orthodoxe Kirche übernahm den Begriff der orthodoxen Zivilisation um die Jahrtausendwende aus der westlichen Kulturwissenschaft. Er passte in die Programmatik der Kirche, die eine eigene kulturell-geschichtliche Entwicklung des osteuropäischen Raumes mit orthodoxer Prägung postulierte. Heute bezeichnet er vor allem das Einvernehmen von Staats- und Kirchenoberhaupt und die Ablehnung von jeglichem Individualismus. Im aktuellen Diskurs der Russisch-Orthodoxen Kirche ist die Idee jedoch vom Begriff der Russischen Welt (russki mir) ersetzt worden. ein unzertrennliches Ganzes. Mit der Symphonia geistlicher und weltlicher Macht bezieht Tschaplin sich auch auf die These von Moskau als Drittem RomRom – Konstantinopel – Moskau: Diese historische Abfolge sah der Mönch Filofej zu Beginn des 16. Jahrhundert als gegeben, nachdem Byzanz von den Osmanen erobert worden war. Die Doktrin beansprucht für Moskau den Status des einzig verbliebenen Zentrums der christlichen Welt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde sie zur politischen Idee eines russischen Sonderweges umgedeutet, die bis heute Bestand hat. als letzten Hort und Verteidiger der Christenheit. Dieser Gesellschaftsaufbau ist nicht einfach autoritär-elitenzentriert: die „Macht“ soll in beständigem Austausch mit dem „Volk“ stehen.6 Das Individuum gerät dabei jedoch sowohl moralisch als auch rechtlich aus dem Zentrum – insofern stellt die Konzeption eine erhebliche Abweichung vom rechtstaatlichen Ideal dar und ist daher im westlichen Sinne antidemokratisch. 

Es ist nicht ganz klar, was genau Tschaplin am Ende zum Verhängnis wurde. Möglich, dass seine provokanten Statements in kirchlichen und staatlichen Führungsetagen schon länger argwöhnisch betrachtet wurden. Auch hatte Tschaplin wiederholt die in Staat und Wirtschaft omnipräsente KorruptionKorruption ist in Russland weit verbreitet – sowohl in Politik und Wirtschaft als auch im Alltagsleben. Korruption, die nicht zuletzt durch niedrige Gehälter befördert wird, kommt in zahlreichen Variationen vor: gegenseitige Gefälligkeiten, Tausch unter der Hand, Abzweigung staatlicher Mittel, Bestechungsgelder und vieles mehr. Da die Korruption systemischen Charakter angenommen hat, ist vorerst nicht damit zu rechnen, dass sie wirksam bekämpft werden kann. angeprangert.7 Als er im Oktober 2015 den russischen Militäreinsatz in Syrien als „heiligen Krieg“ bezeichnete8 (was dem Priester und Publizisten Andrej KurajewDer Erzdiakon Andrej Kurajew ist ein besonderer Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er ist in der Öffentlichkeit stark präsent und eckt mit seinen kritischen Positionen häufig in der Kirchenhierarchie an. Im Jahr 2013 deckte er einen Missbrauchsskandal auf und wurde in der Folge aus mehreren Ämtern entlassen. Seine rege Publikationstätigkeit und seine öffentlichkeitswirksamen, kritischen Auftritte führt er trotzdem weiter. zufolge dem Kreml überhaupt nicht schmeckte),9 zog der Patriarch jedenfalls die Reißleine. Am 24. Dezember 2015 wurde Wsewolod Tschaplin als Chef der kirchlichen Abteilung für die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft entlassen.

Unmittelbar danach ging Tschaplin zum Gegenangriff über. Er warf der orthodoxen Kirche und im Speziellen seinem Ziehvater Kirill „Liebedienerei“ vor weltlichen Autoritäten und korrupten Beamten vor. Die Kirche versuche dabei, unabhängige Stimmen aus ihren Reihen zu verdrängen.10 In der Tat wurde wenig später auch der Chefredakteur des Journals des Moskauer Patriarchats, Sergej Tschapnin, entlassen. Auch er beklagte sich über die Intoleranz der Kirche gegenüber freier Meinungsäußerung.11 Das Internetportal slon.ru bemerkte dazu lakonisch, wenn so grundverschiedene Menschen wie der konservative Wsewolod Tschaplin und der liberale Kirchenmann Sergej Tschapnin zum selben Schluss kämen, dann komme das der Wahrheit wohl recht nahe.


1.Tschaplin äußerte diesen Gedanken in einer Radio-Debatte am 17. Juni 2015, siehe Radio Echo Moskvy: Sobljuden li v Rossii balans svetskogo i religioznogo?. Die zitierte Stelle ist über Youtube erreichbar: Vsevolod Čaplin: Slava Bogu čto budet vojna
2.Lenta.ru: Čaplin, Vsevolod: Predsedatelʻ Sinodalʻnogo otdela RPC po vzaimootnošenijam cerkvi i obščestva
3.YouTube: Ėkskljuzivnoe intervʻju Vsevoloda Čaplina, ab Minute 4:49
4.Interfax: V Russkoj cerkvi sovetujut rossijankam vesti sebja bolee blagopristojno
5.Davon zeugt auch Tschaplins Fantasy-Literatur, die er unter dem Pseudonym Aron Schemayer veröffentlicht. In der 2014 erschienenen dystopischen Erzählung Mašo i Medvedi klagt Tschaplin die vermeintliche geistige Unfreiheit einer staatlich verordneten Gleichberechtigung an: Gegner eines neuen Gesetzes, das „intolerantes Denken“ verbietet, werden liquidiert.
6.Radonež.ru: „Pjatʻ postulatov pravoslavnoj civilizacii. Vostočnoe christianstvo predlagaet svoju modelʻ gosudarstva i obščestva“, protoierej Vsevolod Čaplin, „Političeskij klass“
7.Russkaja narodnaja linija: Protoierej Vsevolod Čaplin: Korrupcija – ėto boleznʻ vsego obščestva
8.Vedomosti: Vsevolod Čaplin sčitaet vojnu s terroristami v Sirii svjaščennym dolgom Rossii
9.Siehe dieses Interview KurajewsDer Erzdiakon Andrej Kurajew ist ein besonderer Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er ist in der Öffentlichkeit stark präsent und eckt mit seinen kritischen Positionen häufig in der Kirchenhierarchie an. Im Jahr 2013 deckte er einen Missbrauchsskandal auf und wurde in der Folge aus mehreren Ämtern entlassen. Seine rege Publikationstätigkeit und seine öffentlichkeitswirksamen, kritischen Auftritte führt er trotzdem weiter. mit dem Radiosender Komersant FM: YouTube: Andrej Kuraev ob otstavke Vsevoloda Čaplina 27.12.2015
10.Slon.ru: Čaplin nazval pričiny svoego uvolʻnenija
11.Chapnin.ru: Pravoslavie v publičnom prostranstve: vojna i nasilie, geroi i svjatye
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Andrej Kurajew

Der Erzdiakon Andrej Kurajew ist ein besonderer Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er ist in der Öffentlichkeit stark präsent und eckt mit seinen kritischen Positionen häufig in der Kirchenhierarchie an. Im Jahr 2013 deckte er einen Missbrauchsskandal auf und wurde in der Folge aus mehreren Ämtern entlassen. Seine rege Publikationstätigkeit und seine öffentlichkeitswirksamen, kritischen Auftritte führt er trotzdem weiter.

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Als Fürst von Nowgorod errang Alexander Jaroslawitsch „Newski“ im 13. Jahrhundert wichtige militärische Siege gegen Schweden und den Deutschen Orden. Diese Erfolge begründeten die Verehrung, die ihm bis heute in Russland zuteil wird. Von der Orthodoxen Kirche heiliggesprochen, tilgten die Bolschewiki zunächst die Erinnerung an ihn aus der Geschichte, bis er als nationale Identifikationsfigur unter Stalin in den 1930er Jahren wieder rehabilitiert wurde.

Verfolgung der Russisch-Orthodoxen Kirche in den 1920er und 1930er Jahren

Die Russisch-Orthodoxe Kirche war von der Revolution 1917 bis zur Perestroika in den 1980er Jahren Repressionen ausgesetzt. Ihren Höhepunkt erreichte die Kirchenverfolgung jedoch in den 1920er und 1930er Jahren: Kirchengüter wurden beschlagnahmt, Geistliche wurden verhaftet und zu Tausenden getötet. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die sowjetische Kirchenpolitik.

Pussy Riot

Pussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Internationales Aufsehen erregte ihr Punkgebet im Frühjahr 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale und vor allem der anschließende Prozess, bei dem zwei Mitglieder zur Haft im Straflager verurteilt worden waren. Seit diese wieder auf freiem Fuß sind, kam es zu diversen Interaktionen mit big politics, Musik- und Showbusiness. Pussy Riot indes beging virtuellen Selbstmord – die Gruppe hat sich aufgelöst.

Krieg im Osten der Ukraine

Trotz internationaler Friedensbemühungen hält der Krieg im Osten der Ukraine seit April 2014 an. Er kostete bereits etwa 10.000 Menschen das Leben. Schon mehrmals wurde ein Waffenstillstand beschlossen, der jedoch immer nur wenige Tage hielt. Steffen Halling zeichnet die Ereignisse nach:

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)