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Orthodoxe Zivilisation

Der Begriff der orthodoxen Zivilisation wurde geprägt von dem britischen Kulturtheoretiker und Geschichtsphilosophen Arnold Joseph Toynbee und dem amerikanischen Politologen Samuel Huntington. Seit der Jahrtausendwende taucht er desöfteren auch in Texten und Reden prominenter Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) auf. Es handelt sich jedoch urspünglich nicht um einen Begriff religiöser Herkunft.

1996 sorgte der amerikanische Politologe Samuel Huntington mit seinem Buch The Clash of Civilisations für Aufsehen. Er teilte die Welt in Kulturkreise ein, die in ihrem Aufeinandertreffen an den „Bruchlinien“ für Konflikte sorgen würden1 Damit sind zunächst keine Konflikte zwischen Staaten oder politischen Systemen gemeint, sondern Auseinandersetzungen auf gesellschaftlicher Ebene. Sie können aber durchaus eine politische Dimension erlangen und mit militärischer Gewalt ausgetragen werden. Neben einem westlichen Kulturraum, dessen Kernstaaten die USA, Frankreich und Deutschland darstellen, verortet Huntington in Europa noch einen slawisch-orthodoxen Kulturraum, mit Russland als Kernland.

Um die Jahrtausendwende wurde der Begriff orthodoxe Zivilisation mit Rekurs auf Huntington dann von der ROKDie Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, d. h. einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint. übernommen. Dabei flossen auch neue, spezifisch kirchliche Vorstellungen in den Begriffsgebrauch ein. Federführend waren hier der Erzpriester Wsewolod TschaplinWsewolod Tschaplin war seit Anfang der 1990er Jahre für die Außendarstellung der Russisch-Orthodoxen Kirche und ihre Beziehungen zur Gesellschaft zuständig. Bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten überschritt er wiederholt die Grenze zum Skandal. Seine höchst konservativen Einlassungen stehen dabei auf einem theoretischen Fundament, das Kirche, Staat und „Volk“ als organisches Ganzes betrachtet und liberale und säkulare Ideen ablehnt. Ende 2015 wurde Tschaplin aus seinen öffentlichen Ämtern entlassen. und der frühere Metropolit von Smolensk und Kaliningrad und heutige Patriarch der ROK KirillIm Jahr 1946 als Wladimir Gundjajew geboren, wurde Kirill 2009 zum Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gewählt. Als solcher setzte er sich für ein stärkeres soziales Engagement der Kirche und eine bessere Klerikerausbildung ein. Gleichzeitig geriet er aufgrund der Annäherung der Kirche an den Kreml und mehrerer Korruptionsskandale in die Kritik.. Auch auf dem Weltweiten Russischen Volkskonzil vom Jahr 2004, das Russland und die orthodoxe Welt2 zum Thema hatte, wurde das Konzept eingehend behandelt. 

Insgesamt steht bei der kirchlichen Rezeption des Begriffes die selbständige kulturell-historische Entwicklung des orthodoxen Raumes im Vordergrund. Das östliche Christentum, so die Idee, habe seine christlichen Wurzeln immer bewahrt. Kirche und Staat stünden durch das Prinzip der Symphonia, das heißt, des Strebens nach Einvernehmen von Staats- und Kirchenoberhaupt, in einem besonderen Verhältnis. Die orthodoxe Handlungsmaxime laute, den Menschen auf dem Weg zur Erlösung zu helfen, den wahren Glauben und das ewige Leben zu finden. Pragmatische Fragen des Alltags stehen völlig im Hintergrund. Darin sieht TschaplinWsewolod Tschaplin war seit Anfang der 1990er Jahre für die Außendarstellung der Russisch-Orthodoxen Kirche und ihre Beziehungen zur Gesellschaft zuständig. Bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten überschritt er wiederholt die Grenze zum Skandal. Seine höchst konservativen Einlassungen stehen dabei auf einem theoretischen Fundament, das Kirche, Staat und „Volk“ als organisches Ganzes betrachtet und liberale und säkulare Ideen ablehnt. Ende 2015 wurde Tschaplin aus seinen öffentlichen Ämtern entlassen. den Unterschied zum Protestantismus. Der Westen, sagt TschaplinWsewolod Tschaplin war seit Anfang der 1990er Jahre für die Außendarstellung der Russisch-Orthodoxen Kirche und ihre Beziehungen zur Gesellschaft zuständig. Bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten überschritt er wiederholt die Grenze zum Skandal. Seine höchst konservativen Einlassungen stehen dabei auf einem theoretischen Fundament, das Kirche, Staat und „Volk“ als organisches Ganzes betrachtet und liberale und säkulare Ideen ablehnt. Ende 2015 wurde Tschaplin aus seinen öffentlichen Ämtern entlassen., habe seine christlichen Wurzeln verloren. In seiner postchristlichen, säkularen Kultur seien nicht alle Fragen des Lebens zu beantworten. Jede Gesellschaft und im Idealfall auch jeder Staat sollte daher eine geistliche Mission haben3

Zwei Aspekte spielen im Konzept der orthodoxen Zivilisation eine Schlüsselrolle: die Ablehnung des Individualismus und die ideologische Abgrenzung zum Westen. Letzteres ließ sich jedoch nach der Aufnahme orthodoxer Länder wie Rumänien und Bulgarien in die EU immer schwieriger begründen. Ab 2004 wurde daher das Konzept der Russischen WeltDas Konzept der russischen Welt wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  in den Mittelpunkt gestellt, das seitdem die Idee der orthodoxen Zivilisation im öffentlichen Bewusstsein mehr und mehr verdrängt.

Beide Konzeptionen verbindet, dass ihr Gültigkeits- bzw. Einflussbereich über Russland hinausreicht und auch die Staaten umfasst, in denen russische Minderheiten leben. So beschränkt sich eben auch die Idee der Russischen WeltDas Konzept der russischen Welt wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  nicht allein auf Russland – wenngleich Russland stets das Kernland bleibt.4 Der südosteuropäische Raum hingegen spielt, obwohl ebenfalls orthodox geprägt, bei der Russischen WeltDas Konzept der russischen Welt wurde in den Jahren 2006/07 entwickelt und hat seitdem an Popularität gewonnen. War es zunächst eher ein kulturelles Konzept, das die soziale Bindungskraft russischer Sprache und Literatur betonte (es existiert eine gleichnamige kulturpolitische Stiftung), so dient es heute auch zur Legitimierung außenpolitischer Aktionen, die den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum stärken sollten.  keine Rolle.


1.Zum ersten Mal erschienen seine Thesen bereits 1993 in einem Aufsatz. Sein Buch wurde hingegen in viele Sprachen übersetzt und somit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
2.siehe unter: mospat.ru: Rossija i pravoslavnyj mir. 3-5 fevralja 2004 goda SoBORNIst eine nationalistische Organisation in Russland (auf dt. Kampforganisation russischer Nationalisten), die oft auch als „russischer NSU“ bezeichnet wird. Seit Jahren laufen verschiedene Strafprozesse gegen die Mitglieder, zur Last gelegt wird Mord in mindestens neun Fällen zwischen 2006 und 2010. Außerdem steht der mutmaßliche Gründer vor Gericht.oe slovo VIII Vsemirnogo Russkogo Narodnogo Sobora
3.siehe unter: radonezh.ru: „Pjatʻ postulatov pravoslavnoj civilizacii. Vostočnoe christianstvo predlagaet svoju modelʻ gosudarstva i obščestva“, protoierej Vsevolod Čaplin, „Političeskij klass“
4.Patriarch Kirill in: Slovo Pastyrja (Ausgabe vom 06.09.2014) und: Aksjučic, Viktor u. a. (2014): Russkij mir: O našej nacionalnoj idee, Moskau
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Wsewolod Tschaplin

Wsewolod Tschaplin war seit Anfang der 1990er Jahre für die Außendarstellung der Russisch-Orthodoxen Kirche und ihre Beziehungen zur Gesellschaft zuständig. Bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten überschritt er wiederholt die Grenze zum Skandal. Seine höchst konservativen Einlassungen stehen dabei auf einem theoretischen Fundament, das Kirche, Staat und „Volk“ als organisches Ganzes betrachtet und liberale und säkulare Ideen ablehnt. Ende 2015 wurde Tschaplin aus seinen öffentlichen Ämtern entlassen.

Andrej Kurajew

Der Erzdiakon Andrej Kurajew ist ein besonderer Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche. Er ist in der Öffentlichkeit stark präsent und eckt mit seinen kritischen Positionen häufig in der Kirchenhierarchie an. Im Jahr 2013 deckte er einen Missbrauchsskandal auf und wurde in der Folge aus mehreren Ämtern entlassen. Seine rege Publikationstätigkeit und seine öffentlichkeitswirksamen, kritischen Auftritte führt er trotzdem weiter.

Russisch-Orthodoxe Kirche

Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist die christliche Kirche mit der größten Glaubensgemeinschaft in Russland. Prägend für ihr Verhältnis zum russischen Staat ist das von der byzantinischen Mutterkirche übernommene Ideal der Symphonie, d. h. einer harmonischen Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vor 1917 galt die Orthodoxie neben der Autokratie und dem „Volk“, genauer: einem volksverbundenen Patriotismus, als eine der wichtigsten Stützen des russischen Staates und des Zarenreichs – eine Traditionslinie, die heute wieder wirksam scheint.

Alexander Newski

Als Fürst von Nowgorod errang Alexander Jaroslawitsch „Newski“ im 13. Jahrhundert wichtige militärische Siege gegen Schweden und den Deutschen Orden. Diese Erfolge begründeten die Verehrung, die ihm bis heute in Russland zuteil wird. Von der Orthodoxen Kirche heiliggesprochen, tilgten die Bolschewiki zunächst die Erinnerung an ihn aus der Geschichte, bis er als nationale Identifikationsfigur unter Stalin in den 1930er Jahren wieder rehabilitiert wurde.

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Die Christ-Erlöser-Kathedrale steht am linken Ufer der Moskwa in unmittelbarer Nähe zum Kreml. Sie wurde als Denkmal des Sieges über Napoleon konzipiert und entwickelte sich zum zentralen Gotteshaus der Russisch-Orthodoxen Kirche. In den 1930ern wurde die Kathedrale gesprengt, in den 1990ern originalgetreu wieder aufgebaut. Ihre Rolle im heutigen Russland ist dabei weiter kontrovers: Den Status als Heiligtum der Orthodoxie hat die Christ-Erlöser-Kathedrale längst wiedererlangt – verkörpert jedoch zugleich das enge Band zwischen Staat und Kirche.

Verfolgung der Russisch-Orthodoxen Kirche in den 1920er und 1930er Jahren

Die Russisch-Orthodoxe Kirche war von der Revolution 1917 bis zur Perestroika in den 1980er Jahren Repressionen ausgesetzt. Ihren Höhepunkt erreichte die Kirchenverfolgung jedoch in den 1920er und 1930er Jahren: Kirchengüter wurden beschlagnahmt, Geistliche wurden verhaftet und zu Tausenden getötet. Erst mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die sowjetische Kirchenpolitik.

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Als Lubok werden einfache, meist farbige russische Druckgrafiken bezeichnet, die vor allem im 17. – 19. Jahrhundert verbreitet waren und auch als Volksbilderbögen bekannt sind. Im übertragenen Sinne kann der Begriff „Lubok“ auch für Dinge benutzt werden, die als plump, vulgär oder unbeholfen gelten.

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)