
Die Wehrpflicht, Mobilisierung und Einberufungsregeln sind Gegenstand heftiger gesellschafts- und militärpolitischer Debatten in der Ukraine, die sich seit Russlands vollumfänglichen Überfall im Februar 2022 schon mehr als vier Jahre im Kriegszustand befinden muss.
Die ukrainische Armee (ZSU, kurz für Streitkräfte der Ukraine) muss sich mitten im Krieg technisch und organisatorisch transformieren, von unmenschlichen Praktiken aus der Sowjetarmee-Tradition und von Korruption befreien, um auch nach den zahlreichen Freiwilligenmeldungen der ersten Kriegsjahre weiter neues Personal zu erreichen. Mittlerweile können einzelne Brigaden selbst direkt in ihre Einheiten rekrutieren. Dafür wird viel Werbung gemacht und Image-Pflege betrieben. Wer am bekanntesten und renommiertesten ist, hat weniger Personalprobleme. Denn Einberufene können sich selbst ihren Einsatzbereich organisieren, anstatt sich zentralisiert zuteilen zu lassen.
Einberufungsbescheide werden zwar auch per Post oder digital zugestellt, doch um jene Dienstpflichtigen zu erreichen, die den Armeeeinsatz zu vermeiden suchen, müssen Mitarbeiter – meist selbst Soldaten – der lokalen und regionalen Rekrutierungszentren (Abkürzung: TZK, entsprechen etwa den deutschen Kreiswehrämtern) die betreffenden Personen persönlich aufsuchen oder antreffen. Videos von eskalierenden Einberufungen auf offener Straße gehen in Sozialen Netzwerken viral. Die sogenannte Bussyfikazija (wenn TZK-Soldaten Dienstpflichtige mit Kleinbussen wegbringen) ist berüchtigt. Russische Desinformationskampagnen, die den ukrainischen Staat diskreditieren und destabilisieren sollen, verstärken Ärger und Misstrauen und verursachen zusätzliche Gewalt innerhalb der ukrainischen Gesellschaft.
So gab es im Jahr 2025 ukraineweit schon dreimal mehr gewalttätige Angriffe auf Rekrutierungszentren als im Vorjahr: Von rund 600 solcher Attacken seit der russischen Vollinvasion 2022 (Stand März 2026) entfallen mit 341 mehr als die Hälfte allein auf 2025. Die meisten in den Regionen Charkiw, Kyjiw und Dnipropetrowsk.
Für das ukrainische Online-Medium Ukrajinska Prawda hat Reporterin Olha Kyrylenko mit mehreren TZK-Soldaten in unterschiedlichen Regionen über deren Arbeitsalltag, Konflikte und Gefahren gesprochen.
Themen dieses Artikels:
Anderthalb Jahre, nachdem an einer Tankstelle in Pyrjatyn (Region Poltawa – dek) der 39-jährige Soldat Olexandr Sykaltschuk mit einem Gewehr erschossen wurde, erreichen Konfrontationen zwischen Zivilisten und Militärs mittlerweile einen schmerzhaften, blutigen Höchststand. Mangelnde Aufmerksamkeit für Fragen rund um die Mobilmachung von Seiten der politischen Führung und teilweise auch der Gesellschaft selbst führt auf beiden Seiten zu einem Broken-Windows-Effekt: Einerseits gehen dann Zivilisten mit Messern, Pistolen und Gewehren auf Menschen in Uniform los, die sie noch vor Kurzem an der Front verteidigt haben. Seit Beginn der russischen Vollinvasion wurden insgesamt 619 solcher Angriffe registriert, drei davon endeten für die Soldaten tödlich.
Andererseits übt zumindest ein Teil der Soldaten in den Rekrutierungszentren – wie man in den Nachrichten verfolgen kann – ungerechtfertigt Gewalt aus oder nutzt die Machtposition aus, um sich die eigenen Taschen zu befüllen. Soldaten, die mit Transportern durch die Stadt fahren und gewaltsam Geld von Bürgern erpressen, untergraben das Vertrauen in einen Prozess, der für einen kriegführenden Staat überlebenswichtig ist: die Mobilisierung.
In anderthalb Jahren haben sich die Territorialen Rekrutierungszentren als Institution und die dort dienenden Soldaten kaum öffentlich zu Wort gemeldet. Dieser Text ist ein Versuch zu verstehen, wie diese ukrainischen Wehrämter aufgebaut sind, wie die Einberufungsgruppen arbeiten (und dabei angegriffen werden) und ob sie über ausreichend Ressourcen und Fähigkeiten verfügen, um die ihnen vom Staat übertragenen Aufgaben zu erfüllen.
Im Folgenden werden die Erfahrungen von vier Soldaten beschrieben, die zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Regionen an Rekrutierungszentren gedient haben, weiterhin dienen oder dorthin abkommandiert wurden, um Menschen für ihre Einheiten zu mobilisieren.
* Alle Namen wurden auf Wunsch der Protagonisten geändert.
Regierung und Gesellschaft haben die Mobilmachung auf die derzeit gehorsamste und rechtlich am stärksten eingeschränkte soziale Gruppe abgewälzt: die Soldaten.
Olha Kyrylenko, Autorin der Ukrajinska Prawda
Die in diesem Beitrag befragten TZK-Soldaten sagen ganz offen:
Sie kommen damit nicht zurecht.
Wie sind die ukrainischen Rekrutierungszentren aufgebaut?
Noch vor ein-zwei Jahren mussten Militärangehörige häufig Journalisten korrigieren, die die Soldaten von Rekrutierungszentren als „TZK-Mitarbeiter“ bezeichneten. Dafür gab es Gründe: In jedem TZK arbeiten sowohl Soldaten – von denen meist in den Nachrichten die Rede ist – als auch zivile Angestellte.
Die Militärangehörigen lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: den Kommandeur und seine Stellvertreter, den Stabsdienst und die Wachkompanie.
Der Kommandeur eines Rekrutierungszentrums wird vom operativen Kommando (OK) eines Militärbezirks ernannt, zum Beispiel durch das OK „West“ oder „Süd“. In der Regel übernehmen diese Position Offiziere mit langjähriger Dienstzeit und hohem Rang, etwa in dem eines Oberst. Der Leiter gibt die Richtung vor und bestimmt die Arbeitsregeln für das gesamte Team.
Der Stab kümmert sich um die Anwerbung, Einberufung, Mobilisierung und teilweise auch um die Zustellung von Bescheiden. Ein Großteil der Arbeit besteht in der Bearbeitung von Dokumenten und der Ausstellung von Bescheinigungen.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Person mit Zugang zur Datenbank Oberih (ukrainisch für Talisman, Glücksbringer – dek). Sie durchläuft eine spezielle Ausbildung, erhält Zugriff auf das Wehrpflichtigenregister und kann Dienstpflichtige zur Fahndung ausschreiben oder wieder streichen. Diese Person aktiviert digital den Status „gesucht“ und ermöglicht damit die sogenannte Express-Mobilisierung auf der Straße.
Die dritte Gruppe bilden die Soldaten der Wachkompanie: Dort dienen häufig Soldaten, die nach einer Verwundung dorthin versetzt wurden. Ein Teil übernimmt Innendienste wie Küche oder Reinigung, ein anderer ist im Außendienst tätig: Sie verteilen Einberufungsbescheide auf der Straße und an Kontrollpunkten, begleiten Einberufene zu Ausbildungseinrichtungen oder arbeiten als Fahrer. Diese Einsätze draußen sind deutlich gefährlicher.
In einer solchen Wachkompanie diente auch Olexandr Sykaltschuk, als er [am 1. Februar 2025 – dek] an einer Tankstelle in Pyrjatyn getötet wurde. Er begleitete damals einen Bus mit neu einberufenen Soldaten unterwegs zur Ausbildung. Ein Gesprächspartner berichtet auch von einem Vorfall, bei dem ein Mobilisierter versuchte, den Fahrer eines Rekrutierungszentrums zu erwürgen, als dieser ihn zur Kaserne brachte.
Zivile Mitarbeiter gibt es indes gibt nur wenige in den Rekrutierungszentren: Sie sind überwiegend Frauen und arbeiten meist unter militärischer Aufsicht, etwa in der Rekrutierungsabteilung. Insgesamt arbeiten im Territorialen Rekrutierungszentrum eines Landkreises etwa 50 bis 60 Personen, in größeren Städten oft über hundert.
Wie wird man TZK-Soldat?
Mykola* und Walentyn* wurden unmittelbar nach ihrer Einberufung 2023 bzw. 2025 in den Stabsdienst eines Rekrutierungszentrums versetzt. Beide hatten zunächst wenig Motivation, zum Militär zu gehen, entschieden sich nach Erhalt des Einberufungsbescheids jedoch, ihrer verfassungsmäßigen Pflicht nachzukommen.
„Ich wurde selbst direkt von der Straße einberufen“, erzählt Mykola. „2023 kam ich an einem Kontrollpunkt vorbei, wurde angehalten und meine Papiere wurden überprüft. Ich fuhr dann mit einem Mitarbeiter des Rekrutierungszentrums stolz in meinem eigenen Auto zur Kaserne, absolvierte die ärztliche Untersuchung und trug wenige Stunden später bereits eine Uniform. Ich bin dortgeblieben, weil sie meine juristischen Kenntnisse brauchten. Es ist wie überall: Es gibt gute und schlechte Menschen. Nur werden jetzt alle Sünden der Welt auf sie abgewälzt.“
Sowohl Mykola als auch Walentyn verfügten über relevante Erfahrung für die Wehrverwaltung und galten daher als wertvolle Kräfte für die bürokratische Arbeit.
„Ich dachte: Im vierten Kriegsjahr noch in meiner eigenen Region zu dienen – mehr Glück kann man kaum haben. Damals habe ich das Rekrutierungszentrum nicht als Feind angesehen. Mit Freunden habe ich gestritten, weil ich überzeugt war, dass die negative Stimmung weniger durch russische Propaganda als vielmehr durch menschliche Angst geprägt ist. Am Ende habe ich es (das TZK – dek) aber mit deutlich schlechteren Eindrücken verlassen“, erzählt Walentyn.
Olexandr* wiederum hatte sich eineinhalb Jahre lang selbst regelmäßig beim Rekrutierungszentrum vorgestellt, aber wegen gesundheitlicher Einschränkungen wollte ihn keine Kampfeinheit aufnehmen. Nach einer erneuten ärztlichen Untersuchung bot man ihm schließlich eine Stelle im Stab an.
„Ich habe dann allerdings nicht das gemacht, was mir anfangs versprochen wurde, obwohl ich entsprechende Erfahrung hatte. Aber es wurden ständig Leute gebraucht, die Einberufungsbescheide zustellen“, erzählt Olexandr.
Wie arbeiten die Einberufungsgruppen?
Die schwierigste und gefährlichste Aufgabe im Rekrutierungszentrum ist genau diese Arbeit in den Einberufungsgruppen. Diese Trupps kontrollieren auf der Straße die Wehrpflichtdokumente von Männern und bringen sie, falls sie zur Fahndung ausgeschrieben sind oder andere Verstöße vorliegen, freiwillig oder unter Zwang ins Rekrutierungszentrum.
Obwohl laut Gesetz ein Großteil der Mobilmachung durch die Kommunen erfolgen soll, liegt die Verantwortung in der Praxis fast vollständig bei den Soldaten. Seit Frühjahr 2024 unterstützt die Polizei teilweise bei der Zuführung von Personen.
Ein Problem besteht darin, dass viele Bürgermeister den Unmut ihrer Nachbarn und Verwandten fürchten. Am ehesten helfen sie noch bei der Beschaffung von Technik, Fahrzeugen oder Treibstoff (wofür ebenfalls die Rekrutierungszentren zuständig sind).
„Sie bekommen Einberufungsbescheide, die sie verteilen sollen, tun das aber einfach nicht. Stattdessen liefern sie Ausreden. Wenn ich ihnen offen sage, dass sie nichts tun, antworten sie: ‚Wir wollen nicht, dass man uns später das Haus anzündet‘“, sagt Mykola.
Die Zustellung der Einberufungsbescheide erfolgt daher ausschließlich durch Soldaten der Wachkompanie oder des Stabsdienstes. Das Rekrutierungszentrum der Region Kyjiw etwa gibt an, dass Benachrichtigungen nur von Soldaten mit Kampferfahrung überbracht werden (eine andere Frage ist, warum gerade sie?).
„Während dieser zwei Monate im Rekrutierungszentrum habe ich das größte psychische Trauma seit meinen vier Jahren an der Front erlebt. Dort wirst du gleichzeitig von Soldaten, Zivilisten und Vorgesetzten gehasst.“ – „Ich werde der Regierung nie verzeihen, wie Soldaten im Hinterland inzwischen angesehen werden.“
Wassyl* & Olexandr*
In gut geführten Rekrutierungszentren ist diese Aufgabe Teil des regulären Dienstes und wird rotierend verteilt. In Zentren mit autoritärer Führung gilt sie hingegen oft als Strafmaßnahme bei Nichterfüllung der Mobilisierungsziele.
„Wenn jemand neu zu uns kommt und grundsätzlich für diese Arbeit geeignet ist, wird er sie wahrscheinlich auch machen müssen“, sagt Olexandr. „Ich kenne niemanden, der das freiwillig will. Es ist eine undankbare, körperlich und psychisch zermürbende und objektiv gefährliche Arbeit. Gleichzeitig verlangt die Leitung, den Plan zu erfüllen und neue Leute zu mobilisieren. Kameraden, die aus Kampfeinheiten zu uns versetzt wurden, sagen, dass sie sich dort (im Fronteinsatz – dek) wie Soldaten gefühlt haben, aber hier … Ich werde der Regierung nie verzeihen, wie Soldaten im Hinterland inzwischen angesehen werden.“
Ähnlich kritisch äußert sich der 37-jährige Wassyl*, der in einer Brigade des Dritten Armeekorps diente. Er wurde für zwei Monate an ein Rekrutierungszentrum in Ternopil abgeordnet. Dort verteilte er Einberufungsbescheide und mobilisierte im Rahmen eines Pilotprojekt Männer direkt für sein Korps.
Innerhalb von zwei Monaten gelang es seiner Gruppe, 140 Personen zu mobilisieren – eine vergleichsweise hohe Zahl. Parallel kümmerte er sich weiter um seine Einheit im Gebiet Donezk.
„Während dieser zwei Monate im Rekrutierungszentrum habe ich das größte psychische Trauma seit meinen vier Jahren an der Front erlebt. Dort wirst du gleichzeitig von Soldaten, Zivilisten und Vorgesetzten gehasst. Soldaten im Fronturlaub provozieren dich, um lustige Videos zu bekommen, und Vorgesetzte drohen ständig mit Versetzung an die Front, wenn die Leistung nicht stimmt. Gut, dass ich ohnehin zurückgehe, sobald mein Einsatz hier endet“, lacht Wassyl am Telefon.
Plan und Realität der Einberufungsgruppen
Eine Benachrichtigungsgruppe beginnt ihren Arbeitstag um sechs Uhr morgens bei jedem Wetter. Ein Trupp besteht in der Regel aus drei bis vier Personen, zum Beispiel aus zwei Soldaten und zwei Polizisten. In grenznahen Gebieten können auch Grenzschutzbeamte dabei sein.
Jeder Trupp hat seinen eigenen Zuständigkeitsbereich, zum Beispiel mehrere Straßen, die er zu Fuß oder mit dem Auto „durchkämmt“. Die Benachrichtigungsgruppe kontrolliert Männer im wehrpflichtigen Alter und überprüft ihre Daten über die App Reserv+, sofern sie diese auf dem Handy haben, oder über das Registersystem Oberih. Dafür muss man den zuständigen Mitarbeiter anrufen oder ihm eine Nachricht schreiben, denn er sitzt im TZK-Büro.
In winzigen Ortschaften, in denen kaum noch wer auf die Straße geht, den man anhalten könnte, verbringen Soldaten und Polizisten einen Teil ihres Arbeitstages damit, einfach umherzufahren, am Waldrand zu stehn oder an der Tankstelle zu sitzen.
„Erstens, weil sie faul sind, zweitens, weil diese Fahrten überhaupt keinen Sinn machen, und drittens, weil weder die anderen noch ich darauf Bock haben“, gesteht Walentyn ein. In seiner Stimme schwingt sowohl Scham als auch Erleichterung mit, endlich darüber sprechen zu können. Es scheint, dass Walentyn bereit ist zu berichten, weil er noch Hoffnung hat, dass sich das System verändern lässt.
„Du fährst durch ein Dorf, und es wirkt wie eine ausgestorbene texanische Kleinstadt, es fehlen nur noch die Steppenläufer. Alle, die einen Polizeiwagen sehen, flüchten hinter den Gartenzaun. Wenn wir ein Fahrrad überholen und anhalten, sind die Polizisten noch nicht mal ausgestiegen, da haben Fahrrad samt Fahrer bereits die Richtung gewechselt, weil er weiß, warum wir neben ihm angehalten haben. Wie soll man da jemanden mobilisieren? So funktioniert das nicht.“
Während einzelne Rekrutierungszentren 2023 und auch 2024 noch mehrere Dutzend Einberufungsbescheide pro Tag überreichen konnten – zusätzlich zu den Freiwilligen, die von selbst kamen –, ist es 2025 und 2026 so, dass innerhalb von 16 Stunden oft nur ein einziger Bescheid ausgehändigt wird. Das macht es unmöglich, die Mobilisierungsquoten zu erfüllen, die das Militär benötigt, etwa um einen Infanteristen zu ersetzen, der seit 150 Tagen bei Pokrowsk im Einsatz ist.
„Ich weiß, dass viele schon allein die Tatsache ärgert, dass die Rekrutierungszentren einen Mobilisierungsplan haben, aber ich habe damit kein Problem“, sagt Walentyn. „Die Ukrainische Armee muss Aufgaben erfüllen und hat Bedarfe. Und für jede Aufgabe braucht man eine bestimmte Anzahl von Menschen. Hier passt meiner Meinung nach alles zusammen.“
Es gibt Tages-, Wochen- und Monatspläne: Sie legen fest, wie viele Personen ein bestimmtes Rekrutierungszentrum für die Armee mobilisieren muss. Aus den Antworten der Gesprächspartner geht hervor, dass ihre jeweiligen Rekrutierungszentren derzeit nur 40 bis 60 Prozent des monatlichen Plans erfüllen können.
„Die erste Person, die ich rekrutiert habe, war geistig behindert“, erzählt Walentyn von seiner Arbeit in der Einberufungsstelle im Jahr 2025. „Man spürte, dass er nicht richtig reden konnte. Ich rief den Zuständigen für das Oberih-Register an und nannte den Namen. Ich bekam die Antwort, dass er seine Daten nicht aktualisiert habe und deshalb gegen das Gesetz verstoßen habe. Der Leiter schrie durchs Telefon: ‚Bringt ihn her!‘ Der Mann begann zu weinen, die Bullen motzten rum, und ich dachte mir: Wie bin ich nur hier gelandet? Was soll das alles?“
Der junge Mann mit geistiger Behinderung, den Walentyn ins TZK brachte, wurde schließlich ohne Geldstrafe freigelassen. Walentyn wechselte nach einigen Monaten zu einer Kampfeinheit und dient derzeit in der Region Donezk.
(Zu) Viele haben Freistellungen
Etwa zwei Drittel der Männer im wehrpflichtigen Alter, die von Einberufungsgruppen auf der Straße angehalten werden, haben eine Freistellung durch den Arbeitgeber, weil sie Angehörige pflegen oder studieren. Von den übrigen zehn ist vielleicht einer bereit zu dienen.
Nach geltendem Recht gibt es über 20 Gründe für einen Aufschub des Wehrdiensts – unter anderem ein Hochschulstudium, auch bei 30-, 40- oder 50-jährigen Männern. Die Zahl der freigestellten Bürger in der Ukraine steigt stetig an. Anfang 2026 lag sie bei etwa 1,3 Millionen, das sind mehr als alle diejenigen, die derzeit in der ukrainischen Armee dienen. Der Großteil der Einberufungsaufschübe und Freistellungen ist offensichtlich fake.
„Ich stand mal an einem Kontrollpunkt an der Straße, die nach Bukowel (Luxuskurort in den Karpaten – dek) führt. Je cooler das Auto, desto abgefahrener die ‚Behinderung‘. Da kommen Rolls-Royces und Bentleys vorbei. Oder ein Typ wurde einfach aus dem Register gestrichen. Die ersten zwei Tage dort war ich einfach fassungslos. Für mich war das Thema Mobilmachung keine große Sache, doch da habe ich zum ersten Mal gesehen, wie sehr einige Leute nicht dienen wollen“, erzählt Wassyl und betont jedes Wort.
„Wenn ein Handelsvertreter für Mivina-Tütensuppen eine Freistellung vorlegt, ist das doch einfach lächerlich“, fügt Mykola hinzu.
Konflikte bei den Wehrdienst-Kontrollen
Direkt bei der Kontrolle von Dokumenten kommt es laut den befragten Soldaten seltener zu Konfliktsituationen. Allerdings gebe es regelmäßig Aufruhr vor den Rekrutierungszentren, wenn von Ehefrauen oder Verwandte der eingezogenen Männer lautstark fordern, diese wieder „rauszugeben“.
„In den Videos, die alle verbreiten, ist das ziemlich übertrieben dargestellt. Es gibt gar nicht so viele aggressive Menschen. Die meisten sagen dir vielleicht etwas oder murren rum, aber das ist schon das Maximum. In meinen zwei Monaten Dienstzeit hat mich niemand angegriffen. Es kam ein paar Mal vor, dass Passanten zusammenkamen, um jemanden freizubekommen, aber ich habe meine Arbeit gemacht. Wenn man unter Artilleriefeuer gerät, bleibt man ja auch nicht stehen, sondern macht weiter. Worin unterscheiden sich also diese Aufgaben?“, berichtet Wassyl.
Olexandr, der unbedingt dienen wollte und beim Rekrutierungszentrum landete, hatte weniger Glück: Anfang dieses Jahres war er zusammen mit der Polizei in einer Einberufungsgruppe unterwegs. Als sie den Ausweis eines Mannes kontrollierten, reagierte dieser zunächst aggressiv auf die Fragen, wollte dann fliehen und schoss schließlich mit einer Schusswaffe. Glücklicherweise wurde niemand getroffen.
„Das war schon eine interessante Erfahrung, wenn in Kriegszeiten nicht der Feind, sondern ein Landsmann auf dich losgeht“, sagt Olexandr. „Als ihn ein Polizist versuchte einzuholen, hörte ich, wie Passanten den beschimpften. Sie dachten wohl, dass wir den Verweigerer um jeden Preis festnehmen wollen … Das ist doch wirklich absurd.“
Die Soldaten in der Benachrichtigungsgruppe tragen im Gegensatz zur Polizei keine Waffen. Dementsprechend fehlt ihnen ein Mittel zur Verteidigung. Einzelne Soldaten tragen dann eine eigene, privat registrierte Waffe, insbesondere bei Einsätzen an Kontrollpunkten, aber das ist eher die Ausnahme.
Mykola beschreibt das schimpfend so: „Der Staat lässt dich mit der Scheiße allein. Er gibt dir weder Instrumente zur Mobilisierung noch das Recht dich zu verteidigen. Du sollst einfach nur dastehen und alles schlucken, was man dir sagt, und wirst dann noch gefragt: ‚Wo bleibt die Planerfüllung?‘“
Die Macht der Mobilmachung
Neben den schlimmen Geschichten über Angriffe auf Soldaten der Einberufungsgruppen, die gewissenhaft ihrem Staat dienen wollen, gibt es aber auch diejenigen, die ihre Position ausnutzen, um Druck auszuüben oder sich etwas hinzuzuverdienen. Wie es in fast jeder sozialen Gruppe passiert, die Macht erhält.
Von den vier Protagonisten dieses Textes hatte nur Walentyn konkret solche Erfahrungen gemacht. Oder er ist der Einzige, der das einräumt. Gerade solche Beispiele aber vermitteln einen Eindruck davon, was in kleinen Städten im ganzen Land vor sich gehen kann.
Walentyn unterteilt die Soldaten in seinem Rekrutierungszentrum in jene, „die der Hölle entkommen sind“, also Soldaten, die nach einer Verwundung zum Dienst ins Hinterland versetzt wurden, und diejenigen, „die sich gleich einen Platz im Trockenen sichern“.
Zur zweiten Kategorie zählt er vor allem seinen TZK-Leiter und dessen Stellvertreter. Die zwei hätten sich gefälschte Bescheinigungen ausgestellt, um so lange wie möglich im Hinterland zu bleiben: Mal müssten sie Angehörige pflegen, mal gaben sie eine angebliche eigene Behinderung an. Währenddessen hätten sie den eigenen Untergebenen bei Nichterfüllung des Mobilisierungsplans regelmäßig mit der Versetzung an die Front gedroht.
In Olexandrs Rekrutierungszentrum bestrafte die Leitung ihre Untergebenen bei Nichterfüllung des Plans mit spontanen, späten Appellen um 21 Uhr oder sogar um Mitternacht. Und das, obwohl Appelle verboten sind.
Von allen Befragten steht Walentyn seinem ehemaligen Arbeitsplatz am kritischsten gegenüber. Und das nicht ohne Grund. Er saß auf einer Stabsposition und war für das Oberih-Register zuständig. Immer wieder kamen Kollegen mit der Bitte zu ihm, bestimmte Personen „nicht zur Fahndung auszuschreiben“. Und er gab nach.
„‚Trag den nicht ein, der ist der einzige Priester, der noch da ist. Wie soll das Dorf sonst ohne Priester auskommen? Wer soll dann die Beerdigungen abhalten?‘ Einen anderen, weil der seit seiner Kindheit bettlägerig sei, aber kein ärztliches Attest habe. – Na ja, das kann ich noch verstehen. Aber es gab Fälle, wo mir jemand sagte: ‚Trag den mal nicht ein. Das ist mein Bruder, Schwager oder Patenonkel …‘ In kleinen Ortschaften kennt jeder jeden … Da halten alle zusammen“, erzählt Walentyn.
Wassyl sagt, dass darin auch eines der Geheimnisse lag, wie er 140 Männer in zwei Monaten in der Region Ternopil mobilisieren konnte: Weil seine Gruppe nicht aus der Gegend stammte, hatte sie weder Wunsch noch Versuchung, Ausnahmen für die „eigenen Leute“ zu machen.
Neben dem Wunsch Bekannten zu helfen, wollten Walentyns Kollegen aber auch Geld machen. Da gab es mehrere Möglichkeiten: Soldaten einer Benachrichtigungsgruppe schickten Walentyn beispielsweise Daten zum Oberih-Abgleich nicht über den Arbeits-Chat, sondern privat. Das bedeutete, dass eine Person gegen eine bestimmte Summe passieren konnte, als wäre sie nicht angehalten worden – zumindest bis sie auf eine neue Benachrichtigungsgruppe stieß.
Soldaten der Wachkompanie, die die Einberufenen zum Ausbildungszentrum oder zur Kaserne begleiteten, konnten auch die „Flucht“ ausgewählter Personen auf dem Weg planen. „In diesem Fall kassiert der Soldat, dem ein Einberufener ‚entwischt‘, zwar eine Geldstrafe von 20.000 Hrywnja [ca. 400 Euro – dek]. Gleichzeitig bekommt er dafür aber zweitausend Dollar“, sagt Walentyn.
Dies ist keine vollständige Liste solcher TZK-Machenschaften. Es gibt sicher mehr, darunter auch deutlich umfangreichere Fälle. Gegenstand dieser Veröffentlichung sind aber die Erfahrungen der Soldaten, die im System gedient haben oder weiter dienen und über diese Probleme sprechen, damit sie endlich gelöst werden.
„Das System braucht Veränderungen“
Die Zwangsmobilisierung ist ein unverzichtbarer Bestandteil jedes andauernden Krieges. Doch gerade im bereits zwölften Jahr des Russisch-Ukrainischen Krieges lässt ihre Wirksamkeit Zweifel aufkommen. Das liegt vor allem daran, dass sich der Staat, vertreten durch den Präsidenten, das Verteidigungsministerium sowie wichtige Stimmen der Gesellschaft, von ihr distanziert hat.
Regierung und Gesellschaft haben die Mobilmachung auf die derzeit gehorsamste und rechtlich am stärksten eingeschränkte soziale Gruppe abgewälzt: die Soldaten. Die in diesem Beitrag befragten Soldaten in Rekrutierungszentren sagen ganz offen: Sie kommen damit nicht zurecht.
Wegen Personalmangels, fehlender Kapazitäten und Befugnisse. Weil eine angemessene Mobilmachungspolitik fehlt. Und aufgrund von Geringschätzung und Distanzierung des Staates gegenüber diesem Prozess. Risse innerhalb des Systems selbst, an dessen Spitze oft Militärs stehen, die von Gier nach persönlicher Bereicherung getrieben sind, untergraben das Vertrauen. Ebenso die etwa eineinhalb Millionen Ukrainer, die den Militärdienst ungerechtfertigt auf jede erdenkliche Weise zu umgehen versuchen – und wir alle tolerieren das.
Das System der Mobilmachung braucht Veränderungen. Wir alle brauchen Veränderungen. Wenn es uns weiter geben soll.