„Wieder stehen wir vor dem Sarg eines besonderen Ukrainers, der sein Leben für uns gegeben hat“

Trauerzug am 10. März 2026: Ukrainische Soldaten tragen den Sarg des Gefallenen Wiktor Kasakow zur Peter-und-Paul-Garnisonskirche in Lwiw, Ukraine. / Foto © Anna Subenko/Frontliner
Trauerzug am 10. März 2026: Ukrainische Soldaten tragen den Sarg des Gefallenen Wiktor Kasakow zur Peter-und-Paul-Garnisonskirche in Lwiw. / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Überall in der Ukraine ziehen fast täglich Trauerzüge durch Städte und Dörfer. Kameraden, Angehörige und oft auch Passanten begleiten Leichenwagen mit gefallenen ukrainischen Soldaten zu deren letzter Ruhestätte. Unterwegs stoppt der Verkehr, Menschen knien nieder, in Kirchen wird der Abschied zelebriert.

So auch in der berühmten Peter-und-Paul-Garnisonskirche (Ukrainische griechisch-katholische Kirche, UGKK) im historischen Zentrum von Lwiw. Taras Mychaltschuk ist dort Militärseelsorger und Pfarrer. Bereits seit 2014 verabschiedet er ukrainische Soldaten, die bei der Verteidigung gegen Russland ums Leben kamen. Seit 2022 teilt er sich die Aufgabe mit Kollegen, weil es so viele Beerdigungen gibt.

Das ukrainische Reportage-Medium Frontliner porträtiert Pater Mychaltschuk und das schmerzhafte Abschiednehmen.


Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster der Peter-und-Paul-Garnisonskirche in Lwiw. Sie erleuchten die weißen Papierengel, die in einer Ecke von der Decke hängen. Wie jeden Morgen kommen Gläubige zur Messe; sie beten, bereiten sich auf die Beichte vor, weinen oder suchen einfach Hoffnung.

Pfarrer Taras Mychaltschuk muss nach der Messe schnell seinen roten Talar gegen einen schwarzen tauschen, denn in einer Viertelstunde wird er wieder einen gefallenen Soldaten verabschieden.

Im Zentrum der Kirche steht ein Katafalk, daneben zwei Flaggen, Blumenvasen und einige Stühle für die nächsten Angehörigen des Gefallenen. Der Leichenwagen fährt vor, der Priester tritt hinaus, um den Gefallenen zu empfangen und ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten.

Pater Taras erinnert sich noch gut an seine erste Beerdigung für einen Soldaten in dieser Kirche, bei der er dem damaligen Pfarrer assistierte: Nach russischen Angriffen in der Nacht auf den 11. Juli 2014 bei Selenopillja in der Region Luhansk wurde hier erstmals von gleich drei Gefallenen Abschied genommen.

Über Tod und Beerdigung hinaus

Bereits während des Studiums am Priesterseminar wollte Taras Mychaltschuk Militärseelsorger werden. Jede Woche fuhr er in die Kaserne, um mit Soldaten über das Leben zu sprechen. Er wurde zunächst Diakon und 2009 zum Priester geweiht; parallel diente er im Zentrum für Militärseelsorge [der ukrainischen Armee – dek]. Schon damals verstand er, dass ein Staat eine Armee braucht. Doch er hätte sich nicht vorstellen können, wirklich im Krieg zu leben, als Seelsorger nah an die Front zu fahren und gefallene Kämpfer zu beerdigen.

Seit 2014 hat Pater Taras viel gesehen und sich über manches gewundert. Er erinnert sich an die Eltern eines der bei Selenopillja Gefallenen: Nach seinem Tod kamen sie oft zum Beten. Beide waren sehbeeinträchtigt – der Vater vollkommen blind, die Mutter stark eingeschränkt. Vor zwei Jahren dann baten sie um eine Führung durch die Garnisonskirche und erzählten, dass sie Griechenland besuchen wollten. Die Gemeinde erfüllte ihnen diesen Wunsch und organisierte eine kostenfreie Pilgerreise. Man unterstützt die Familien über den Tag der Beerdigung hinaus.

Trauernde verstehen nur Trauernde

Im ersten Jahr der Vollinvasion hielt Pater Taras eine Beerdigungsmesse für zwei gefallene Kämpfer. Beide Mütter standen jeweils weinend am Sarg und umarmten ihre Söhne. Dann trafen sich ihre Blicke, sie gingen aufeinander zu, umarmten sich und kehrten an ihren Platz zurück. Das beschäftigte den Priester sehr: Es bewies für ihn einmal mehr, dass nur Menschen in Trauer einander am besten verstehen können. Er vermeide darum die Phrase „ich verstehe Sie“ und rät auch anderen davon ab.

Jedes Wort kann Hinterbliebene verletzen. Taras Mychaltschuk achtet deshalb sehr darauf, was er sagt. Oft bleibt ihm statt Worten nur das Dabeisein und der Hinweis darauf, dass Liebe niemals endet, auch nicht mit dem Tod.

Abschied von Soldat Wiktor Kasakow im März 2026 in der Peter-und-Paul-Garnisonskirche in Lwiw / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Pater Taras erinnert sich auch an den Bericht einer Frau, die nach der Beerdigung ihres Sohnes ähnliche Gefühle entwickelt habe wie vor dessen Geburt. Während sie ihn in sich trug, war sie voller Liebe und wartete sehnsüchtig auf ihn, um ihn zu umarmen und zu küssen. Jetzt wartete sie wieder – darauf, ihn in einer anderen Welt zu sehen.

„Menschen können durch Glauben und Hoffnung den Schmerz überwinden, und verstehen, dass sie selbst leben. Für Christen gibt es keinen Tod, nur den Übergang zum ewigen Leben. Der Glaube daran hilft, die Welt mit anderen Augen zu sehen“, sagt Pater Taras.

Der würdige letzte Weg

Heute trauern Angehörige um einen Soldaten aus der Region Tscherkassy, der seit Beginn der Vollinvasion gekämpft hat. Aus den Lautsprechern erklingt der Gesang des Kantors. Pater Taras wartet, bis sich die Angehörigen von Wiktor Kosakow ein letztes Mal von ihm verabschieden. Er hält ihre Hände und schaut ihnen voller Mitgefühl in die Augen.

Es wirkt, als seien Begräbnisse für den Priester zur Routine geworden. Doch er nennt jede Abschiedsmesse eine große Ehre. Seine Pflicht sei es, jene würdig auf ihrem letzten Weg zu begleiten, die ihre Pflicht bis zuletzt erfüllt haben.

„Wieder stehen wir vor dem Sarg eines besonderen Ukrainers, der sein Leben für uns gegeben hat. Wir treffen Entscheidungen. Und Wiktor hat sich entschieden, die Ukraine zu lieben. Dank ihm können wir leben, denken und atmen“, beginnt Pater Taras seine Trauerrede.

Danach wählt er für jeden Verstorbenen individuelle Worte. So fallen heute – ungewöhnlich für eine Beerdigung – Begriffe wie Enduro oder Offroad. Denn der Kämpfer, von dem man sich heute verabschiedet, begeisterte sich für Motorräder und Motorsport.

Wie bei jeder Beerdigung denkt der Priester auch an die Hinterbliebenen der Gefallenen und an ihre Kinder. Im heutigen Fall sind zwei Mädchen zu Waisen geworden. Ihnen Hilfe anzubieten, sie in die Kirche einzuladen – zu Englischstunden, Bastelworkshops oder Ferienlager – gehört ebenfalls zu seinen Aufgaben.

Bei Gefallenen-Beerdigungen spricht Taras Mychaltschuk immer jenen Vers 13 aus dem Johannisevangelium: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Heute ergänzt er ein Zitat von Heorhii Konysky: „Wenn Hoffnung die Angst überwindet, entsteht Mut.“

Abschied von Soldat Wiktor Kasakow im März 2026 in der Peter-und-Paul-Garnisonskirche in Lwiw / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Die Trauerfeier dauert etwa 35 Minuten. Danach begleitet Pater Taras den Trauerzug hinaus zum Leichenwagen. Anschließend räumen die Helfer auf, kehren Blätter und Blüten zusammen, und die Kirche kehrt nach diesem schweren Moment wieder in ihren Alltag zurück.

Heute sind einige Dutzend Menschen zur Beerdigung gekommen. Manchmal ist die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt, ein anderes Mal kommen nur wenige. Der Priester empfindet es als egoistisch, wenn Menschen Beerdigungen von Soldaten meiden, um sich emotional zu schonen: Die Angehörigen der Gefallenen brauchten Unterstützung, und der Krieg betreffe alle. Der Besuch von Beerdigungen sollte daher keine Ausnahme sein.

Pater Taras erzählt, dass er sich inzwischen mit anderen Priestern abwechsele, da es sehr viele Beerdigungen gibt. Sein Glaube und die Heilige Schrift helfen ihm, den täglichen Strom fremder und zugleich gemeinsamer Trauer zu bewältigen. Manchmal schließt er die Soldaten, die er beerdigt hat, in seine Gebete ein und bittet sie um Beistand, wenn es ihm selbst schlechtgeht.

Pfarrer Taras Mychaltschuk in der Peter-und-Paul-Garnisonskirche in Lwiw / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Vor Kurzem wurde die Beerdigung eines ehemaligen Klassenkameraden zu einer persönlichen Bewährungsprobe für Pater Taras: Er habe nicht gewusst, dass dieser im Krieg gekämpft hatte. Aus der Schulzeit hatte er gute Erinnerungen an ihn. Da sei es ihm schwergefallen, tröstende Worte für die Mutter zu finden – und dabei in so viele vertraute Gesichter zu blicken.

Gott helfen, die Tränen zu trocknen

Als Priester vertraut Taras Mykhalchuk darauf, dass Gott die Tränen trocknet. Und er sucht nach Bestätigung dafür. Er erinnert sich an die Beerdigung eines befreundeten Offiziers, der der einzige Sohn seiner Eltern war. Seine Mutter war verzweifelt und konnte sich nicht mit seinem Verlust abfinden, weshalb in der Nacht vor der Beerdigung ein Krankenwagen vor dem Haus bereitstand. Zwei Jahre später adoptierte diese Familie einen Jungen aus einem Kinderheim. Danach vermittelten die Seelsorger den Kontakt zu anderen Familien, die ebenfalls Verlust erlitten hatten, damit sie miteinander sprechen und gemeinsam Hoffnung suchen konnten.

Ein weiteres Beispiel: Der Sohn eines befreundeten Priesters aus Kanada absolvierte eine Pilotenausbildung. Nur noch wenige Flugstunden hatten bis zum Zertifikat gefehlt. Doch dann stürzte er ab. Die Eltern gerieten in eine psychische Krise; erst die Begegnungen mit anderen Familien, die ihre Kinder ebenfalls auf tragische Weise verloren hatten, konnten sie zurück ins Leben bringen.

Zweimal im Monat veranstalten die Priester der Garnisonskirche gemeinsam mit den Hinterbliebenen ein Gebet auf dem Friedhof. „Leider gibt es sehr viele Familien von gefallenen Soldaten, und wir schaffen es nicht, alle zu erreichen. Doch wir beten für alle und versuchen, ihnen zur Seite zu stehen“, sagt der Priester.

Nach der Beerdigung hat Pater Taras zwar noch viele Aufgaben, doch er nimmt sich auch Zeit für Gespräche mit Soldaten. Das gebe ihm Kraft für seinen Dienst, sagt er. Wenn er die Geschichten von der Front höre, verstehe er, dass auch er als Priester noch mehr tun müsse.

Immer wenn Menschen die große Tür öffnen, geraten die Papierengel in Bewegung und scheinen sich gen Himmel aufzuschwingen. / Foto © Anna Subenko/Frontliner

Erst wenn der „Arbeitstag“ zu Ende ist, legt Pater Taras seine Soutane ab und kehrt nach Hause zurück. Dort erwarten ihn seine Frau und seine vier Kinder, die sein größter Halt im Leben sind. Und dann ist da noch Hund Lucky, den sie vor drei Jahren aus Saporishshja aufgenommen haben. Der große, sanftmütige Hund wiegt 50 Kilogramm. Doch der Krieg hat ihn geprägt: Bei jedem lauten Geräusch oder Knall versteckt er sich in der Hütte.

Unterdessen wird es am Nachmittag heller in der Kirche. Immer wenn Menschen die große Tür öffnen, geraten die Papierengel in Bewegung und scheinen sich gen Himmel aufzuschwingen.