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Menschen im Sumpf

Es sind Bilder von Szenen und Menschen, die aus der Zeit gefallen scheinen. Pferdekarren, hölzerne Kanus als Transportmittel, unbefestigte Straßen, Frauen, die Flachs schlagen. Vielleicht stellte sich auch bei Louise Arner Boyd (1887–1972) dieser Eindruck ein, als die berühmte Forscherin 1934 das südliche Belarus mit seinen wilden Sümpfen und Wasserwegen bereiste. Schließlich kam sie aus den damals vergleichsweise hochmodernen USA in diese archaisch wirkende Region, die in Belarus von einem nahezu mystischen Faszinosum umweht ist und der der Schriftsteller Iwan Melesh (1921–1976) mit seinem Epos Menschen im Sumpf (1962) ein literarisches Denkmal setzte. 

„In der literaturwissenschaftlichen Forschung wird Melesch oft als Beispiel für ein sakralisiertes Raumverständnis herangezogen“, schreibt die Slawistin Nina Weller in einem Feature für Deutschlandfunk. „Das Bild des Menschen im Sumpf steht demnach für einen belarussischen Menschentypus, der sich durch die Erfahrung des Überlebens unter widrigen Bedingungen, aber auch durch die unbeirrte Wiederaneignung des fremdbestimmten Raums auszeichnet. Der Mensch im Sumpf verharrt eher passiv in seinem kleinen Kosmos, passt sich dem aufgezwungenen Schicksal an, doch nutzt er die Situation gewitzt auch zum eigenen Vorteil.“

Die Fotos, die Louise Arner Boyd auf ihrer Reise durch die Sümpfe machte, geben auch einen Eindruck von dieser kulturellen Mystik. Das belarussische Online-Medium Zerkalo hat sie für seine Leser wiederentdeckt. Die einzigartigen Bilder stammen aus der Sammlung der American Geographical Society Library, die an den University of Wisconsin-Milwaukee Libraries aufbewahrt wird. Wir zeigen eine Auswahl.

Quelle dekoder

Vor fast 90 Jahren, im Jahr 1934, unternahm die berühmte US-amerikanische Forscherin und Reisende Louise Arner Boyd nach der Teilnahme an einem internationalen Geographenkongress in Warschau eine dreimonatige Reise durch die Länder der sogenannten Kresy. Sie reiste mit dem Auto von Przemyśl in Polen über Lwiw, Kowel, Kobrin, Pinsk, Kletsk, Njaswish und Slonim nach Wilna. Ihre Fotos und Notizen über die Länder des heutigen Belarus, Polens, der Ukraine und Litauens können uns viel über das Leben der Menschen erzählen, die in der Zwischenkriegszeit in dieser Region lebten. Dabei schenkte die Reisende dem belarussischen Polesien, dem Fluss Prypjat und seinen Nebenflüssen sowie der Hauptstadt der Region – Pinsk – besondere Aufmerksamkeit. 

Wir bieten einen Blick in das Alltagsleben der Bewohner von Polesien in der Zwischenkriegszeit, das die Reisende in ihren Fotos festgehalten hat, begleitet von ihren ureigenen Bildunterschriften bzw. Anmerkungen.

Ein Bauer mit Pflug und Pferd in einem Boot in den Prypjatsümpfen, 1. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Eine Familie steht am späten Nachmittag am Ufer der Prypjatsümpfe, dahinter ihr Haus. Links eine Frau beim Wäschewaschen, 1. Oktober 1934
„Die Menschen hier besitzen ihr eigenes Grundstück, und die Grundstücksgrenzen sind entlang der Uferpromenade durch Markierungen gekennzeichnet. Sie bemessen ihr Eigentum nach Sznwry, was Seil bedeutet. Sie sagen: ,Ich habe so viele Sznwry‘, anstatt in Hektar zu messen.“
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Ein Mann fischt von einem Kanu aus, Prypjatsümpfe, 1. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Zwei Frauen stehen in einem Kanu und waschen Wäsche, 2. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Ein Segelboot auf dem Fluss Pina in der Nähe von Pinsk, 3. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Männer beim Abladen von Heu von Lastkähnen am Markt von Pinsk, 30. September 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Ein Lastkahn, beladen mit Holz, nähert sich Pinsk, 30. September 1934
„Viele dieser Lastkähne kommen aus der Nähe der Grenze zu Russland.“
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Ein Passagierschiff legt am Ufer in Pinsk an, 30. September 1934
„Dies ist die Art von Seitenrad-Dampfer, wie sie auf dem Prypjat und seinen Nebenflüssen verwendet werden.“
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Menschen in einem mit Baumstämmen beladenen Kanu vor Pinsk, 2. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Menschen sitzen in Kanus am Pinsker Markt, 3. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Markt von Pinsk: Karren mit Heu und Birkenrinde, die für die Herstellung von Sandalen genutzt wird, 3. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Ein Stand mit Stiefeln auf dem Markt in Pinsk, 3. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Eine Pferdekutsche auf der Hauptstraße in Pinsk am Markttag, 3. Oktober 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Verkaufsstände auf dem Pinsker Marktplatz, 3. Oktober 1934
„Stände auf dem Marktplatz oberhalb der Uferpromenade. Töpferwaren, Holzwaren, Eisenwaren und so weiter auf Gehweg und Straße.“
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Mutter und Kind stehen neben einem strohgedeckten Gebäude, 1. Oktober 1934
„Im Vordergrund rechts steht ein hölzernes Instrument zum Tragen von Flachs. Das Gebäude verfügt über gewebte Seitenwände, um eine Belüftung zu ermöglichen, und ist mit Stroh aus Riedgras gedeckt. Im Hintergrund stehen aufrecht am Zaun zwei Stangen zum Löschen von Dachbränden. An einem Ende befindet sich eine Bürste zum Ausschlagen der Funken und am anderen Ende ein Eisenhaken zum Abziehen des brennenden Strohs.“
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Ein Automobil auf einer unbefestigten Straße östlich von Kobryn, 29. September 1934
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Frauen dreschen Flachs, 2. Oktober 1934
„Scheune und Getreidespeicher. Links bearbeiten zwei Frauen Flachs. Rechts eine hölzerne Egge. Ein Bündel Roggen. Diesen Leuten ging es gut. Sie waren sauber und die Kinder trugen gute Kleidung. Sie waren orthodox-griechische Katholiken, und ihre Kirche befand sich zwischen den Kiefern.“
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Drei Dorfbewohner sitzen zusammen, 7. Oktober 1934
„Nahaufnahme von Männern in einem Dorf. Links: langer Bart, in der Mitte Schnauzer, rechts: glatt rasiert.“
Fotografin: Louise Arner Boyd/ Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Ein Pferd zieht große Baumstämme, östlich von Iwazewitschy, 8. Oktober 1934
„42 Meilen östlich von Iwazewitschy. Wagen mit Holzstangen, die die Hinterräder verbinden und dazu dienen, das hintere Ende der langen Baumstämme zu lenken. Form einer Wünschelrute. Links die Vorderseite eines weiteren Wagens.“
Fotografin: Louise Arner Boyd“/ Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Kreuze auf einem Dorffriedhof, 5. Oktober 1934
„Friedhof. Hohe unbemalte Kreuze ohne Namen oder Erkennungszeichen. Pflöcke markieren, wo die Toten begraben sind. Moos auf den Kreuzen.“
Fotografin: Louise Arner Boyd / Quelle: The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

Im Original erschienen bei Zerkalo
Bildredaktion: Andy Heller
Übersetzung: dekoder-Redaktion

Mit freundlicher Genehmigung der The American Geographical Society Library, University of Wisconsin-Milwaukee Libraries

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Janka Kupala

Am 28. Juni 1942 stürzte der belarusische Volksdichter Janka Kupala im Treppenhaus des Moskauer Hotel Moskwa zehn Stockwerke in die Tiefe. Die genauen Todesumstände sind bis heute ungeklärt: Der offiziellen Version zufolge handelte es sich um einen Unfall, manche vermuten jedoch einen Suizid und wieder andere nehmen an, dass der Geheimdienst seine Hände im Spiel hatte. So setzt sich noch in der Bewertung von Kupalas Tod eine Zwiespältigkeit fort, die bereits sein Leben und Schreiben charakterisiert hatte. Wer war Janka Kupala?

Geboren wurde Kupala 1882 als Iwan Daminikawitsch Luzewitsch auf einem kleinen Bauernhof in Wjasynka, einem Weiler nordwestlich von Minsk. Das belarusische Gebiet, das bis Ende des 18. Jahrhunderts Teil der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik gewesen war, gehörte damals zum Russischen Reich. Es hatte im 19. Jahrhundert einer massiven Russifizierung unterlegen, die die Entwicklung einer belarusischen Nationalbewegung verhinderte. Die einzige offizielle Sprache war das Russische. Die breite belarusische Bevölkerung lebte auf dem Land, war überwiegend bäuerlich, orthodox, weitgehend ungebildet und sprach Belarusisch. In den Städten überwog dagegen die jiddischsprachige jüdische Bevölkerung. Die dünne Schicht der einheimischen regionalen Elite wiederum war mehrheitlich katholisch und sprach Polnisch.

Kupalas Familie gehörte der besitzlosen Szlachta an, der untersten Schicht dieser regionalen Elite – so konnte Kupala immerhin Lesen und Schreiben lernen (zunächst Polnisch, dann Russisch). Der öko­nomische Status und das Arbeitsleben der Familie entsprachen jedoch denen einfacher Bauern; аls Pächter bewirt­schaftete der Vater ver­schiedene Kleinhöfe, und die Familie war gezwungen, alle paar Jahre umzuziehen.

Dieser doppelten Prägung verdankte Kupala sein scharfes Bewusstsein für soziale Ungerechtig­keit, seine Identifikation mit dem belarusischen Bauern, die Empörung über das eigene und über das gesamtbelarusische „Entwürdigt-Sein“, die Bindung an Volksmythologie und Folklore, an den Ackerboden und den Kreislauf der Natur. Sie dominierten sein frühes Werk und trafen literarisch den Nerv seiner Zeit. Gleichzeitig bot diese Herkunft den Impuls und die Möglichkeit für den Sprung aus dem bäuerlichen Dasein in die Kreise der intellektuellen Elite.

Belarusischer Nationaldichter

Im Fahrwasser der Russischen Revolution trieb diese Elite ab 1905 die belarusische Wiedergeburtsbewegung voran, deren wichtigstes Organ die Wochen­zeitung Nascha Niwa war. Kupala, der zunächst auf Polnisch gedichtet hatte, wechselte zum Belarusischen, schloss sich dieser Bewegung an und wurde ihre litera­rische Galionsfigur.

Sein literarisches Pseudonym war poetologisches Programm: Die belarusische Koseform Janka des christ­lichen Namens Johannes (Ivan) in Verbindung mit der Referenz auf die heidnische Tradition des Mitt­sommerfestes Kupalle in der Nacht auf den Johannitag (Kupalas Geburtstag) verorteten den Dichter im „einfachen Volk“, wiesen ihn aus als Träger christlicher Werte und heidnischer Mythologie, romantischer Symbolik und Utopie – und nicht zuletzt als ‚Prophet‘. Kupala inszenierte sich als glücklosen und schlichten Sänger „vom Dorf“, dem „das Elend Mutter war“1, und der das Glück seines Volkes mehr suchte als persönlichen Dichterruhm.

Sein erster Gedichtband Shaleika (Die Schalmei, 1908) thematisierte in einfacher, an Volkslieder angelehnter Stilistik den bäuerlichen Alltag: den Bauer, das Mädchen, die Sense, die Ernte, den Zyklus der Natur – jedoch nicht als Idylle, sondern aus der Perspektive sozialer und nationaler Entrechtung. Der Gedichtband, der in einen literarisch weitgehend brachen Raum vorstieß, wurde als nationalliterarische Initial­zündung euphorisch begrüßt: Kupala avancierte zum Nationaldichter. Eine entscheidende Rolle spielte dabei, dass als lyrisches alter ego häufig der Bauer selbst auftrat („Ich bin Bauer, dummer Bauer“)2, daneben aber auch die Belarusen erstmals literarisch als Kollektiv­subjekt gefasst wurden:

Was tragen ihre mageren Schultern,
zerschundenen Hände und Füße in Bast?
− ihre Kränkung. […]
Was aber, was wünschen sie,
die Blinden und Tauben, ewig Geschmähten?
− Menschen zu heißen.3

Vilnius und Petersburg

Kupala, 1911 © CC BY-SA 3.0Der Erfolg und seine Rolle als Nationaldichter bahnten Kupala den Weg in die Zentren der belarusischen Wiedergeburtsbewegung: 1908 ging er nach Vilnius, wo er unter anderem als Literaturredakteur der Zeitung Nascha Niwa tätig war, und ein Jahr später nach Petersburg, wo er sich weiterbildete. Mit dem Eintritt in die Öffentlichkeit wurde Kupalas zwie­spältige Autor-imago offenbar, die zur Authentizität des Nationaldichters in einem Spannungsverhältnis stand: Die Selbstinsze­nierung des im Namen des entrechteten Bauern sprechen­den Dichter-Ichs ‚aus dem Volk‘ war nicht deckungsgleich mit der adretten Erscheinung, die den Betrachter aus Kupalas Portrait dieser Zeit anblickte.

Die Vilniuser und Petersburger Jahre waren extrem produktiv. Mit zwei weiteren Gedicht­bänden, zahlreichen Poemen, der Komödie Paulinka (1913) und dem Drama Raskidanaje hnjasdo (Das zerstreute Nest, 1913) erweiterte und entwickelte Kupala das Gattungsspektrum der jungen belarusischen Literatur. Das Thema seiner Werke bildete die Notwendigkeit der belarusischen nationalen, sozialen und kulturellen Emanzipation, für deren literarische Inszenierung Kupala unterschiedliche Formen, Verfahren und Modi erprobte. In Paulinka entwarf er mit der selbstbewussten Titelheldin eine Symbolfigur der „neuen Belarus’“ (Belarus ist im Belarusischen weiblich), die beherzt – wenn auch letztlich erfolglos − die Wahl ihres eigenen Weges verteidigt; mit Raskidanaje hnjasdo schuf er die düster-dystopische Schilderung der Zerstörung einer Familie, die ihr Land an einen Großgrund­besitzer verliert und aus dem Haus getrieben wird. Auch hier ruht die Hoffnung auf der jungen Generation.

1913 kehrte Kupala nach Vilnius zurück und übernahm 1914 die Redaktion von Nascha Niwa, bis die Zeitung eingestellt wurde. Während des Ersten Weltkriegs und der Revolution verschlug es Kupala an verschiedene Orte, 1919 ließ er sich dauerhaft in Minsk nieder; seinen Kriegsdienst leistete er hinter der Front. Das literarische Leben kam in jenen Jahren weitgehend zum Erliegen − auch Kupala schwieg. Erst 1918 begann er wieder zu dichten:

Ich nehm die schon verstummte Flöte wieder
Die Hirtenflöte. Ob sie wohl noch singt? […]
Ein dunkles Bangen will mein Spiel begleiten:
Wie hörn’s Verwandte auf den Heimatfluren,
Wie Nachbarn? Werden sie es segnend lieben,
Zertreten sie’s als einen eitlen Tand?
Ich aber irre trauernd auf den Spuren
Und spiele, von geheimem Wahn getrieben
Für Mutter-Heimat, für das Vaterland.4

Belarusischer Volksdichter

Die Hoffnungen auf die dauerhafte Realisierung eines souveränen Staates schienen sich 1919 zu erfüllen, wurden aber bald wieder zerschlagen. Dafür ging die Gründung der BSSR als Teil der Sowjetunion zunächst mit der Förderung nationaler Kultur einher: Im Zuge der Belarussisazyja wurde neben der Gründung zahlreicher Kulturinstitutionen der Status des Belarusi­schen angehoben und begonnen, die Sprache zu kodifizieren. Belarusische Literatur, Kultur und Wissen­schaft erhielten erstmals eine solide institutionelle Basis.

Kupalas Position indessen geriet unter Spannung. Die Verbindung nationaler und sozialer Anliegen, die sein Werk kennzeichnete, wurde durch das offiziell verbindliche Modell proletarischer Literatur zunehmend diskreditiert. Zudem geriet er als Verfechter der Wieder­geburt unter den Generalverdacht „national-demokratischer“ und „anti­sowjetischer“ Gesin­nung. Als Kupala 1925 sein zwanzigjähriges Dichterjubiläum feierte, wurde ihm von höchster Stelle der Titel „Volksdichter“ verliehen – verbunden mit einer ansehnlichen Pension auf Lebenszeit. Mit dieser Überschreibung der inoffiziellen Rolle des National­dichters durch den offiziellen Titel des (proletarischen) Volksdichters wurde Kupalas herausragende Position pervertiert und sein Selbstverständnis paradox; er wurde in direkte Abhängigkeit von einem System gebracht, das das bekämpfte, was den Kern seines Schaffens ausmachte.

Tuteischyja

1924 erschien Kupalas 1922 entstandene Tragikomödie Tuteischyja (Die Hiesigen). Mit den „Hiesigen“ als Belarusen ohne nationales Bewusstsein („Auch-Belarusen vom Stamm der Renegaten und Degeneraten“)5 thematisierte die im Minsk der Jahre 1918 bis 1920 angesiedelte Handlung die Neutrali­sierung der belarusischen Identitätsbildung durch externe Machtan­sprüche. Im opportunistischen Protagonisten Mikita Znosak, der sich als Proto­typ degenerierten belarusi­schen Selbstverständnisses in Namens­form, Sprache, Kleidung, häus­licher Einrichtung, Wäh­rung und Profession jeweils an die deutsche, polnische und bolschewistische Besatzung anpasst, sich in der Abfolge wechselnder Regimes in zunehmend prekären Allianzen verstrickt und schließlich von den Bolschewiki verhaftet wird, führte Kupala den totalen belarusischen Identitätsverlust vor Augen:

Ich verstehe nicht, was, nebenbei gesagt, meine Weltanschauung damit zu tun hat. Man kann eine Weltanschauung haben, etwas Anderes denken, etwas Drittes sagen, und etwas Viertes tun.6

Die Subversivität von Tuteischyja lag und liegt in der tiefgreifenden Ambivalenz der grotesk gezeichneten Hauptfigur Mikita, dessen ethische Korrumpiertheit sich in seinem naiv-komi­schen (Sprach-)Verhalten aufhebt: er ist Verräter und Opfer gleichermaßen.7

Diese Ambivalenz trat in der Uraufführung 1926 offen zutage, und die Zensurbehörde nahm das Stück, dem man nun vorwarf, „voller national-demokratischer Elemente“ zu sein, auf der Stelle vom Spielplan. Bis in die 1980er Jahre erschien dieses hochpolitische, „märtyrer­hafteste Werk der belarusischen Literatur“8 in Belarus weder im Druck, noch auf der Bühne. Nicht zuletzt aufgrund seiner zahlreichen Verbote (einigermaßen regelmäßig lief das Stück nur zwischen 1990 und 2010 am Kupala-Theater in Minsk) ist Tuteischyja für viele Belarusen bis heute Symbol der immer wieder verhinderten nationalen Selbstfindung.

‚Kajan Lupaka‘

Fortan war Kupala im Visier der ideologischen Kontrolle. Im Zuge der „Säuberung“ der künstlerischen und wissenschaftlichen Intelligenz von „konterrevolutionären“ und „national-demokratischen“ Tendenzen ab 1929 wurde er der Mitgliedschaft in der Vereinigung zur Befreiung von Belarus beschuldigt (einer Organisation, deren Existenz nicht belegt ist) und wiederholt von der Geheimpolizei verhört. Unter dem Druck der Repressionen unternahm er im November 1930 einen Suizidversuch. Innerlich gebrochen, unterschrieb er nach seiner Genesung ein öffentliches Schuld- und Reueeinge­ständnis.

Danach schrieb Kupala vornehmlich ‚Dienstlyrik‘ – Gedichte anlässlich von Jubiläen und Jahrestagen, Werke auf die Sowjetunion, die Partei und Stalin, auf die Kollekti­vierung und den Komsomol, gegen Polen (von 1921 bis 1939 war nahezu die Hälfte des belarusischen Territoriums als Teil Ostpolens unter polnischer Herrschaft), Kriegsgedichte gegen Hitlerdeutschland und ähnliches. Kupalas lyrisches Ich, das 1926, im letzten Jahr authentischen Dichtens, noch die Kraft hatte, „mich der Schmähung nicht zu beu­gen, mich zu wehren“9, kapitulierte vor dem ideologi­schen Terror der 1930er Jahre. Es zog sich meist hinter ein unper­sönliches Kollektivsubjekt zurück, greifbar bleibt Kupalas ehemalige imago in dieser Zeit einzig in seinen Übersetzungen des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko.

Kupalas Perversion zum „Holzsoldaten“ des Regimes beschrieb der Schriftsteller Alhierd Bacharevič mit dem aus Kupalas Pseudonym gebildeten Anagramm „Kajan Lupaka“: Kupala habe sich „irgendwann aus der Welt der echten Literatur verflüchtigt, wie Gas durch ein Loch im Mantel. […] Ohne aufzuhören zu schreiben, gedruckt zu werden und als Dichter zu gelten.“10 Tatsächlich tut man sich in Belarus mit dem späten Kupala schwer – wohl auch deshalb, weil die Autor-persona dort bis heute eine Kategorie bleibt, die am durch Kupala mitbegründeten Authentizitätspostulat gemessen wird.

Kupala heute

Kupalas Bedeutung für die belarusische Literatur, aber auch für das kollektive Bewusstsein, lässt sich kaum überschätzen. Sein Werk gilt als „Enzyklopädie des Lebens des belarusischen Volkes“11, als „stärkster Ausdruck der belarusischen nationalen Mentali­tät“12; mit ihm sind die Begründung der modernen belarusischen Literatur, die Entwick­lung der Literatursprache, die Ausdifferenzierung und Entwicklung des Gat­tungssystems verbunden. Vor allem aber wird Kupala, dessen Werk für die nationale, soziale und kulturelle Würde der Belarusen stritt, gewissermaßen als Metonymie eines Landes begriffen, dessen Selbstbestimmung immer noch aussteht. So erklärt sich auch seine Aktualität in der gegenwärtigen Krise – angefangen bei der Losung Belarus’ lebt bis hin zur neuen Popularität der Tuteischyja.13


Anmerkung der Redaktion:


Weißrussland oder Belarus? Belarussisch oder belarusisch? Die Belarus oder das Belarus? Nicht ganz leicht zu beantworten. Da es im Deutschen keine einheitlich kodifizierten Schreibweisen für diese Bezeichnungen und deren Adjektive gibt, überlassen wir es den Autorinnen und Autoren der Gnosen, welche Schreibweise sie verwenden. Die Schreibweise in redaktionellen Inhalten (wie Titel und Erklärtexte) wird von der dekoder-Redaktion verantwortet.

 


Zum Weiterlesen
McMillin, Arnold (1977): Kupała, in: ders.: Die Literatur der Weißrussen: A History of Byelorussian Literature, Gießen, S. 175-195
 
Moskalik, Michael (1961): Janka Kupała: Der Sänger des weissruthenischen Volkstums, München


1.„Ja ne paėta“ („Ich bin kein Dichter“, 1908)
2.„Ja mužyk“ („Ich bin Bauer“, 1908)
3.„A čto tam idze?“ („Wer geht da einher?“, 1908)
4.„Dlja Bac’kaŭščyny“ („Für das Vaterland“, 1918, Übersetzung: Uwe Grüning)
5.Tutėjšyja („Die Hiesigen“, 1924)
6.Tutėjšyja („Die Hiesigen“, 1924)
7.ausführlicher zu Kupala und Tutėjšyja vgl. Kohler, Gun-Britt (2019): Feldgrenzen, Dissimilation und das Ringen um kulturelles Kapital: Selbst- und reziproke Fremdkonzeptualisierungen polnischer und belarussischer Literatur zu Beginn des 20. Jh., in: Die Welt der Slaven, Internationale Halbjahresschrift für Slavistik 64 (2019) 1, S. 34-66 
8.tut.by: Pinihin: „Sastarėlyja dėkaracyi ŭ Tutėjšych – hėta chlus‘nja“ 
9.„Ёsc‘ ža jaščė …“ („Noch hab ich Kraft …“, 1926)
10.Bacharėvič, Al’herd (2021): Hamburski rachunak bacharėviča, Minsk, S. 109
11.Navumenka, Ivan (2003): „Janka Kupala“: Historyja belaruskaj litaratury XX-ha stahodzzja, t. 1, Minsk, S. 121 
12.Žuk, Ihar, zit. n. Skobla, Pinihin: „Sastarėlyja dėkaracyi ŭ Tutėjšych – hėta chlus‘nja“
13.Youtube: Tuteišyja: Spektakl' nezaležnaj teatral'naj grupy KUPALAYZY 

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Ein kurzer Augenblick von Normalität und kindlicher Leichtigkeit im Alltag eines ukrainischen Soldaten nahe der Front im Gebiet , © Mykhaylo Palinchak (All rights reserved)