
Die Propaganda des Lukaschenko-Regimes stellt jedes Jahr traditionell unter eine bestimmte Losung. 2026 wurde mit dem präsidialen Ukas vom 1. Januar zum Jahr der belarussischen Frau erklärt. Allerdings ist dies keine Auszeichnung für die Frauen, die 2020 zum Symbol des Protests in Belarus wurden. Bekanntlich wurden viele von ihnen außer Landes getrieben und weggesperrt. Das Regime gibt sich als Bewahrer reaktionärer Rollenbilder; eine tatsächliche Gleichberechtigung und die damit verbundenen Wandlungsprozesse versucht das System Lukaschenko, mit Propaganda und Gewalt zu verhindern.
Die Journalistin Olga Loiko, die selbst zum Opfer von Repressionen wurde, fragt sich für das Onlinemedium Plan B., worauf solch eine Entscheidung abzielt. Ihrer Wut macht sie sich in einer scharfen Polemik Luft.
Die Frauen geben Lukaschenko keine Ruhe. Sie treffen ihn in den Tiefen seiner Seele, zerren und stochern. Sie zu verstehen ist eine verzwickte Angelegenheit, deshalb will der „Sicherheitsgarant” mit Ablaufdatum die Sache mit dem Verstand angehen. Die Gleichung kürzen, um sie dann leichter lösen zu können – wie wir es in der Schule gelernt haben. Sie leicht verdaulich machen. Dafür hat er nun gleich ein ganzes Jahr vorgesehen – und 2026 zum „Jahr der belarussischen Frau“ erklärt. Um die Frauen wird einem da ehrlich gesagt angst und bange. Besonders wenn man bedenkt, dass 2021, das Jahr der Massenemigration, offiziell das „Jahr der Volkseinheit“ war. Und 2023, in dem die belarussische Industrie die Unterstützung des russischen Krieges in der Ukraine übernahm, war das „Jahr des Friedens und der Erbauung“.
Die Frau – des Menschen Freundin
„Möge unsere werktätige Frau lächelnd ihren Mann begrüßen, der ihr als Halt und Schutz dient“, formulierte Lukaschenko in seiner letzten (wenn es nur so wäre!) Neujahrsansprache. So in etwa stellt er sie sich auch vor. Die Freundin des Menschen – empfängt, freut sich, wedelt mit dem Schwanz (das wurde gestrichen). Die „Werktätige“ ist als Begriff eng gefasst. Chirurginnen, Anwältinnen, Professorinnen oder Instablogger-Millionärinnen – sie alle sind auch „Werktätige“. Aber irgendwie hat dieser Begriff den Beigeschmack schwerer körperlicher Arbeit.
Wenn die Vorsitzende des Rates der Republik, seine Natallja Iwanowna (Katschanowa) oder Pressesprecherin Natalja Nikolajewna (Eismont) nach Hause kommen, „begrüßen sie dann mit einem Lächeln auf den Lippen“ und so weiter? Und warum gerade mit einem Lächeln? Es kann doch alles Mögliche sein. Auch mal ein Wutausbruch. Und Halt und Schutz sind heutzutage nicht wirklich garantiert. Auch der Halt und Schutz kann den Job verlieren, in eine altersbedingt Krise geraten oder krank werden. Oder man hat einfach keinen oder noch keinen oder keinen Halt und Schutz mehr. Kein Ding, sie kommen gut zurecht
„Etwas Vollkommeneres als die Frau hat die Natur nicht geschaffen!“, setzt Lukaschenko verzückt fort. Das ist besonders beleidigend. Keine Frage, die Frau ist erstmal ein Geschöpf der Natur. Aber mich Schönheit hat nicht allein „die Natur geschaffen”. Auch Mama und Papa und die Großeltern haben mich erzogen. Meine erste Lehrerin, ein Herzensmensch, erzählte uns, wie einzigartig jede von uns sei. Konkurrenz mit den Geschwistern, Klassenkameraden und vieles mehr hielt uns jahrzehntelang in Form. Dazu kamen Sport, Abenteuergeschichten aus Büchern und die Schufterei auf der Datsche mit dem 400 Quadratmeter Grundstück. Und dann die erwachsenen Probleme: nervige Arbeit, die Hypothek, Kinderkrankenhäuser, quer durch die Stadt fahren, um Opa Apfelsinen ins Krankenhaus zu bringen …
So ist sie also, die „von der Natur geschaffene” belarussische Frau, Werktätige und Heimchen am Herd. Wie die Stoffpuppe, die die Teekanne warmhält, lächelt sie alle sinnfrei an und erwartet nichts weiter vom Gegenüber.
„Schützen wir unsere Frauen und die Erde“, fordert Lukaschenko. Auch das ist völlig daneben. Warum nicht „die Frauen“ und „unsere Erde“?! Welche Frau gehört „euch“ denn?!

Die Frauen schrien: Hurra!
Das wurde übrigens sehr schnell geklärt. Die Propagandistinnen und Schönheiten im Staatsdienst stimmten einen so einträchtigen Chor der Begeisterung auf den Scharfsinn des großen Meisters an, dass alle Zweifel beseitigt waren. Der Herr hat sie zu seinen Lieblingsfrauen erwählt – für ein ganzes Jahr! Und dann zogen die Propagandisten in Hosen nach: Um den „Präsident der Frauen“ zu preisen und die Frau auf ihre bescheidene Rolle als im Haushalt nützliche Person zu verweisen. „Die belarussischen Frauen haben sich lange nicht so über die Feier zum Neuen Jahr gefreut“, beschwört ein Propagandist. „Ermüdet von den Festtagspflichten und der Hetzerei durch die Friseursalons der Kreisstädte und Schönheitssalons der Hauptstadt, blühen sie nun auf, sind schöner und freuen sich aufrichtig. Vom dicht verschneiten Dörfchen bis zur lichterglänzenden Hauptstadt – der Jubel der belarussischen Frauen übertönte sogar die Neujahrsglocken.“
Ihr erinnert euch an Gribojedows Komödie Verstand schafft Leiden: „Hurra! schrien die Frauen. Und warfen in die Luft die Hauben!“
„Die Frau ist feinfühlig für die Führungsrolle des Mannes – sie sieht sofort die Stärke und Verantwortung“, versichert uns ein weiterer Propaganda-Macho. „Dafür muss man gar nicht schmeicheln oder glühende Reden halten, man muss nur Halt bieten. Frauen spüren das männliche Charisma.“ Falls du aber einfach nichts spürst bei diesem wortreichen Geblubber, dann bist du eine gefühllose Idiotin. Dann bist du für das Charisma eben verloren.
Die Welt lebt ja schon lange nach anderen Gesetzen und Regeln, sie pfeift auf Stereotype. Da konkurrieren Frauen in der Politik, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft. Sie haben längst bewiesen, dass sie genauso gut sind – das wurde bereits vor über hundert Jahren geklärt. Sie erobern sich alle Bereiche. So gibt es in Venezuela gerade neben dem Ex-Busfahrer ohne Hochschulabschluss Maduro sowohl die Interimspräsidentin Delcy Rodriguez als auch Friedensnobelpreisträgerin María Machado. Auch Maduros Ehefrau Cilia Flores ist weniger eine First Lady als vielmehr eine First Kämpferin mit eigener politischer Karriere. Keine dieser Frauen hätte es vermutlich schlechter gemacht als Maduro: Ein Land mit gewaltigen Ölreserven in die Armut zu treiben, das muss man erstmal schaffen.
Frauen am Start und auf der Siegerstraße

Lukaschenko hätte sich nicht die Frauen vornehmen sollen. Er versteht sie einfach nicht. Und scheint sie zu fürchten. Besonders, seit er im August 2020 gegen Swetlana Tichanowskaja verlor. Er hatte seine Gegnerin unterschätzt, die eigenen schlechten Umfragewerte unterschätzt, hatte den Bezug zur Realität verloren – und dann auch die Wahlen. Deshalb findet er keine Ruhe, sucht Trost in neuen Wahlen, neuen Bezeugungen der ewigen Liebe des Volkes, neuen schablonenhaften Schönheiten.
Deshalb quält er hunderte Frauen in Straflagern, Untersuchungsgefängnissen und Hausarrest, während er behauptet, „mit Frauen kämpfe er nicht.“ Er kämpft – und seine „Spezialoperation“ wird noch aussichtsloser als Putins sein.
Deshalb graust es seinen Männern mit Schulterstücken sogar vor Fans von rotem Lippenstift. Und tatsächlich: Ganze Gruppen schminken sich nach vorheriger Absprache! Und Maschas Flöte klingt für ihn wie die Trompeten zum Jüngsten Gericht.