
Schon seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine warnten zahlreiche Exil-Stimmen aus Russland, dass der Krieg im Putinismus systemisch sei: „Solange Putin im Kreml sitzt, wird der Krieg weitergehen. Und er wird sich weiter ausdehnen“. So war es illusorisch, als US-Präsident Donald Trump vor einem Jahr mit dem Versprechen antrat, den Krieg binnen 24 Stunden beenden zu können. Dennoch schürte er Hoffnung auf ein mögliches Kriegsende.
Im Laufe der Verhandlungen aber wurde klar, dass der Kreml von keiner seiner Maximalforderungen abrückt und den Krieg stattdessen weiter eskaliert. Damit verstummen allmählich die Forderungen nach diplomatischen Lösungen; die Hoffnungen auf Trump sind gedämpft.
Der Politikanalytiker Alexander Baunow kommt in seinem Jahresrückblick 2025 auf Meduza zu dem Schluss, dass Putin als Geisel seines eigenen Tuns kaum noch in der Lage sei, seine eigene Aggression zu stoppen. Außerdem erörtert Baunow, wie der Krieg in Russland einen Wertewandel vorantreibt, was Trumps Administration und Putins Russland gemeinsam haben und warum russische Propaganda im Westen immer noch Gehör findet.
Auf Donald Trumps Initiative hin begann das Jahr 2025 [in Russland – dek] mit der Hoffnung auf Frieden in der Ukraine und dem Westen, und es ging zu Ende mit Überlegungen zu einem unausweichlichen Krieg gegen Europa – Europa habe ja immer schon gegen Russland Krieg geführt, entweder selbst oder im Schlepptau anderer Akteure.
Unwichtig dabei natürlich, dass Europa vor vier Jahren keinen Krieg geführt, auch keinen vorgehabt oder gar geplant hatte, sondern der größte Abnehmer russischer Exporte und der größte Investor in Russland war. In einem geistigen Brei, in dem die Polowzer gleich neben der deutschen Wehrmacht schwimmen, ist der Unterschied zwischen „jetzt“ und „immer“ marginal.
Die Treffen zwischen Trump und Wolodymyr Selensky brachte erwartungsgemäß keinen Frieden, trugen aber offenbar wenigstens zu einer vagen Vereinbarung bei, die Trump zwar nicht für endgültig, aber doch für ausreichend hielt. Putin hingegen begann wie der Hase vor dem Jäger Haken zu schlagen. Anstatt zu dem Entwurf Stellung zu nehmen, jammerte er, Selensky habe versucht, ihn zu töten. Das erfuhren wir aus einem Kommentar von Juri Uschakow, in dem es außerdem hieß, dass die Formulierungen [in dem Friedensplan-Entwurf – dek], auf die Trump und Selensky sich geeinigt hatten, Russland gegen den Strich gingen. Des Weiteren wiederholte Uschakow eine frühere Aussage von Sergej Lawrow: Der Angriff auf Putins Residenz sei ein ausreichender Anlass, die russische Verhandlungsposition neu zu überdenken. Der Ausstieg aus den Verhandlungen war also alles andere als elegant, aber durchaus nicht überraschend.
Wie Putin zur Geisel seines eigenen Tuns wurde
Auch in Europa sind Stimmen zu hören, man müsse auf einen Krieg vorbereitet sein. Moskau interpretiert das als Angriffslust. Ach was – der Angriff habe ja längst stattgefunden, und Russland reagiere nur.
Europa sagt, es könnte zwischen 2028 und 2030 zu einer Konfrontation bereit sein. In Russland lacht man über solche Zeitangaben. Als letzten und überzeugendsten Beweis zitiert man in Dauerschleife den russischen Präsidenten: „Wie bitte, wir und Europa angreifen? Was für ein Unsinn!“
In der russischen Bürokratie muss man „Ihm“ aufs Wort glauben. Doch mit Abstand betrachtet sieht das anders aus: Mit demselben gespielten Erstaunen äußerte sich Putin einst auch über einen potentiellen Angriff auf die Ukraine. Außerdem behauptet er schon heute steif und fest, dass der Westen ja bereits Krieg führe: „Den Krieg haben 2022 nicht wir begonnen, sondern destruktive Kräfte in der Ukraine mit Unterstützung des Westens – im Grunde ist es der Westen, der diesen Krieg entfacht hat und bereits mithilfe der ukrainischen Nationalisten gegen uns kämpft.“
Wenn das so ist, braucht Russland auch gar nicht anzugreifen. Da braucht nur wieder Lawrow aufzutreten und zu sagen: „Wir haben nicht angegriffen, wir hatten einfach keine andere Möglichkeit mehr, dem Westen klarzumachen, dass es ein Verbrechen ist, die Ukraine in die NATO zu zerren.“
Dabei kommen diese Nicht-Angriffs-Versprechen von einem Mann, der für folgende Aussage bekannt ist: „Ist der Kampf unvermeidlich, schlägt man besser als Erster zu.“ Den Grad der Unvermeidlichkeit des Kampfes bestimmt natürlich der Urheber dieses Zitats.
Europas Sorge ist nicht unbegründet: Putin hat den Krieg begonnen, aber dass er ihn jeden Moment beenden könnte, ist eine Illusion. Mit der Entscheidung zum Krieg hat Putin eine Eigendynamik entfacht. Er ist in eine sogenannte Pfadabhängigkeit geraten, eine wissenschaftlich gut erforschte Situation, aus der es für ihn keinen einfachen Ausweg gibt.
Putin lügt nicht unbedingt absichtlich, wenn er sagt, Russland habe nicht vor Europa anzugreifen. Es kann auch sein, dass ihm einfach nicht bewusst ist, dass der Prozess, den er selbst angestoßen hat, nun auch Putin hinter sich her zieht. Es könnte der Moment kommen, in dem Putin absolut aufrichtig sagt, er hätte nicht anders agieren können, er habe nur ein weiteres Hindernis aus dem Weg räumen müssen, um diesen Krieg zu beenden.
Wie der Krieg die gesellschaftliche Moral in Russland verändert hat
2022 hatte es den Anschein, Russland habe ein Loch in die Weltordnung gerissen und sei selbst hineingestürzt. Es hat sich als Schwarzes Loch erwiesen, das mittlerweile die ganze Welt in den Abgrund zieht. Darin verschwinden fundamentale moralische Wegweiser und Grundlagen unserer Vorstellung von Gut und Böse, wie sie auf der ganzen Welt bereits Schulkindern beigebracht werden.
In diesem Schulunterricht ist Selensky zum Beispiel ein absoluter Held. Er gleicht Leonidas I., dem König von Sparta, der auf die Forderung nach Boden und Wasser sagt: „Komm und nimm“, und danach bei den Thermopylen gegen die überlegenen Streitkräfte der Perser in den Kampf zieht. Er ist auch wie Themistokles, der die persischen Gesandten aus Athen verjagt und die ganze Stadt auf Schiffe verfrachtet hat. Und wie der rasende Roland, der im Engpass von Roncesvalles in sein Horn bläst, um Hilfe zu holen. Und Charles de Gaulle. Oder auch Winston Churchill, der nicht weiß, wie lange er dem Feind noch allein widerstehen wird müssen. Und wenn jemand ein anderes Beispiel lieber hat – auch wie Stalin, der nicht aus dem zur Hälfte [durch die Deutschen – dek] belagerten Moskau geflohen ist.
Details entkräften nicht das allgemeine schulische Curriculum: Die Spartiaten waren Sklavenhalter, Churchill saß nicht selbst im Schützengraben, als er von „Blut, Schweiß und Tränen“ sprach, de Gaulle appellierte aus dem Exil an seine Landsleute, die sowjetischen Führer aßen während der Belagerung von Leningrad feinsten Kuchen – und sie alle waren keine perfekten Kriegsherren. Und trotzdem wird auf der ganzen Welt, im Bildungskanon der gesamten Menschheit, den Kindern beigebracht, dass man es wie Charles de Gaulle machen soll und nicht wie Marschall Pétain.
Und nun erklären also die Russen, die mit diesem Kanon groß geworden sind, mit blutenden Herzen und den eigenen Kindern das Hirn zersetzend, der nächsten Generation und sich selbst, man solle wie Marschall Pétain sein und nicht wie de Gaulle – der über den Radiosender eines anderen Staates in seiner Emigrantenbubble, die er pathetisch „Freies Frankreich“ nannte, seine Landsleute zur Fortsetzung eines blutigen Kriegs aufrief, der in ihnen eigentlich fremdem Interesse von England geführt wurde. Und die Spartiaten und Athener hätten durchaus vernünftige Verhandlungen führen können und sogar müssen.
Jahrzehntelang haben russische und andere Kinder gelernt, was gut und was böse ist. Dass es unverzeihlich ist, Städte mitsamt ihrer Bevölkerung einzukesseln und ihnen die Lebensmittelversorgung, das Verkehrsnetz, Wasser, Strom und Heizung zu entziehen – vor allem im Winter. Dass Krieg, wie Tolstoi schrieb, ein „der menschlichen Vernunft und der ganzen Natur des Menschen zuwiderlaufendes Ereignis“ ist. Heute jedoch schreien die vor Hass ganz blau angelaufenen, mit nagelneuen Orden behängten Propagandisten, dass die Männer für den Krieg gemacht seien, dass der Krieg die besten Seiten des Menschen zum Vorschein bringe und dem Leben wieder Sinn verleihe. Das ist heute in Russland die neue moralische Norm. Damit soll man bitteschön einverstanden sein oder sich zumindest arrangieren.
Der alte Ethik-Kanon ist nicht in liberalen Demokratien entstanden, sondern bereits zur Zeit der Monarchien. Die Idee, dass Themistokles richtig handelte und Iwan der Schreckliche falsch, wurde nicht im Interesse irgendeines politischen Systems verbreitet, sondern trug allgemeinmenschlichen Charakter. Anhand solcher Beispiele wurde nicht Politik gelehrt, sondern Moral. Diesen Kanon stellten nur jene Regime in Frage, die nicht die soziale Ordnung, sondern die Natur des Menschen verändern wollten. Das russische Regime spricht von der Rettung der Menschheit und ist doch in Gesellschaft jener gelandet, die die brutalsten Angriffe auf die menschliche Natur zu verantworten haben.
Und plötzlich gehört es unter vielen Russen und Europäern zum guten Ton, verächtlich in Richtung Selensky zu spucken. Statt Mitgefühl zu zeigen, dass er den Zerstörern der althergebrachten sozialen Ethik möglicherweise Zugeständnisse machen muss, tun sie sich als seine moralischen Kritiker hervor.
Wie Menschen 2025 mit dem Krieg umgehen
Die Verachtung gegenüber Selensky, dem ukrainischen Staat und europäischen Politikern ist in Russland heute nicht mehr nur ein neues Markenzeichen des intellektuellen Aristokratismus. Solche Attacken werden gleichsam als magische Zauberformel von jenen eingesetzt, die sich eine gewisse Restautonomie vom Regime bewahren wollen, ohne von eventuellen Repressionen erfasst zu werden.
Aus demselben Grund trifft man immer öfter auf abschätzige Bemerkungen über die unabhängige Presse, die sogar Leute, die nicht direkt mit dem Regime zu tun haben, „Emigrantenpresse“ oder „Ausländische-Agenten-Presse“ schimpfen. Man hat den Eindruck, dass viele überhaupt keine Medien mehr brauchen: Die Staatlichen widern sie berechtigterweise an, die Unabhängigen nerven sie mit ihren unbequemen Themen.
Das Lügen ruft immer noch Empörung hervor, doch auch der Vorrat an berechtigter Empörung ist nicht unendlich. Das Verhalten der normalen Menschen weicht immer mehr von jenen ab, die aus persönlichen oder beruflichen Gründen weiterhin unvermindert aufmerksam bleiben für Lügen und Gewalt.
So lernt der soziale Organismus mit einer Krankheit zu leben, mit ihr zu koexistieren, sogar eine Symbiose einzugehen.
Zum neuen Jahr 2026 hin entwickeln sich synchron zwei Prozesse. Das Leben in ukrainischen Städten wird schwieriger, es gibt immer weniger Strom, Wasser und Heizung, das Land verliert sein Verkehrssystem, weil Straßen, Bahnhöfe und Brücken zerstört werden. Gleichzeitig werden Mechanismen der Unterstützung und des Mitgefühls, die im Ethik-Unterricht Europas eingeflochten sind, überall in Abrede gestellt und sogar lächerlich gemacht. Der langwierige Eroberungskrieg, kombiniert mit Repressionen, stärkt nicht, sondern untergräbt die grundlegenden ethischen Normen von immer mehr Menschen. Zynismus wird zur Weisheit erklärt, Gleichgültigkeit zur Gelassenheit, Gerechtigkeit gilt als veraltet, weil sie nicht rational genug ist.

Wie russische Propagandisten im Westen Gehör finden
Die Welt ist verständlicherweise der Ansicht, dass es wenig Sinn ergibt, die Zivilisation über die Frage nach der Zugehörigkeit des restlichen Donbas durch einen Atomkrieg auszulöschen. Dass es ungefährlicher und verantwortungsvoller wäre, mit strategischer Geduld Putins Tod abzuwarten und damit ein Aufweichen des russischen Regimes. Eine solche Erfahrung hat die Welt bereits gemacht. Ähnliche Beispiele gab es in Spanien, China, Vietnam, das – wenn auch unter roter Flagge – kapitalistisch geworden ist, und zwar nicht aufgrund amerikanischer Bomben, sondern aufgrund globaler und innerer Prozesse.
Ein Teil der westlichen Medien versucht, den innerrussischen Prozessen zu lauschen und den politischen Kurs entsprechend zu korrigieren. So wie Macron plötzlich verkündete, dass man wieder mit Putin sprechen müsse, kamen westliche Redakteure zu dem Schluss, dass sie für ein vollständiges Bild Zitate und Interviews von Experten benötigten, die den russischen Standpunkt widerspiegeln.
In durchaus seriösen westlichen Zeitungen tauchten Statements und sogar ganze Interviews von Autoren wie Sergej Karaganow und Leuten aus seinem Umfeld auf.
Regierungsnahe russische „Experten“ drängen sich in jede Lücke, die sie im Ausland nur finden können, und greifen mittlerweile selbst zu marginalen und auflagenschwachen Medien, um die sie bis 2022 einen großen Bogen gemacht haben. Ihre Beiträge sind dabei nichts weiter als leicht aufgemotzte Pressemitteilungen von Staatsorganen.
Die westlichen Redaktionen haben dabei keine Vorstellung von der Unfreiheit, die in Russland herrscht. Sie glauben, aufrichtige – wenn auch falsche – Argumentationen zu lesen. In Wirklichkeit lesen sie lauter Pressemitteilungen. Viele Redakteure sind sich nicht bewusst, dass sie da über Menschen schreiben, die bei einem einzigen falschen Schritt sofort ihren Job verlieren oder gar mehr: das Recht, öffentlich zu sprechen oder zu schreiben, das Recht auf Vermietung oder Verkauf von Eigentum, auf staatliche Dienstleistungen, die gleiche Besteuerung wie alle anderen und perspektivisch sogar auf ihre Rente.
Würden diese Redakteure einmal versuchen, ein Interview mit einem Politiker oder einem Experten ihres Landes in den russischen Medien zu veröffentlichen, würden sie sofort merken, dass Russland keinerlei Interesse hat, das Gespräch auch in die andere Richtung zu führen. In diesem Sinne hatte die italienische Zeitung Corriere della Sera völlig recht, als sie ein Interview mit Außenminister Sergej Lawrow direkt in den Papierkorb beförderte.
Warum Trump seine Rolle in der Weltpolitik nicht verdient
Nicht nur in Russland, sondern auch im Westen sind die Menschen mit einer durcheinandergeratenen Weltordnung konfrontiert. Sie wurde nicht zuletzt erschüttert durch den Krieg in Gaza, der zu einer handfesten Krise führte, die Vorstellung von Angriff und Verteidigung relativierte und verwischte und die Gegner der einen Kriege in Gegner und Befürworter anderer Kriege spaltete. Und dann kam Trump.
Der Ratschlag, mehr auf seine Taten als auf seine Worte zu achten, funktioniert nicht. Bei seinem Ausmaß an Macht ist der Unterschied unerheblich: Worte sind in dem Fall Taten ebenbürtig, weil sie die Normen verändern und das Handeln oder Nicht-Handeln anderer bedingen.
Trump hat auf höchster politischer Ebene plumpe Speichelleckerei, Prahlerei, vulgäre Beschimpfungen, demonstratives Lügen, grundlose Drohungen, Verletzung von Verpflichtungen, Erniedrigung von Schwachen, eklatante Korruption, wahlloses Vorgehen beim Aussuchen von Gesprächspartnern, personelle und politische Willkür, die Aneignung fremder Institutionen, Neid und kleinliche Rachsucht legalisiert.
Trump missbraucht etablierte Beziehungsstrukturen, die andere geknüpft haben, und zwar weder für ihn noch für solche Verhaltensweisen.
Aber weil man Beziehungen, die über Jahrzehnte hinweg gewachsen sind, unmöglich über Nacht auflösen kann, ergötzt sich Trump – und mit ihm die Feinde der westlichen Zivilisationen – an der Demütigung, der sich die Leader der freien Länder aussetzen lassen.
Trump hat sich seine Überlegenheit im Dialog mit den Europäern keineswegs persönlich verdient, seine Regierung hat sie einfach von ihren Vorgängern geerbt. Dieser Missbrauch von Beziehungen, die von anderen aufgebaut wurden, passt zu einem anderen Hobby Trumps: seinen Namen in die Namen von Institutionen zu schmuggeln, mit denen er absolut gar nichts zu tun hat.
Die USA unter Trumps Administration sind – ganz wie Putins Russland – unzufrieden mit der Weltordnung und suchen permanent nach Schuldigen. Wohlgemerkt mit einer Weltordnung, die mehr oder weniger um die USA herum arrangiert wurde – entweder mit ihrem Einverständnis oder unter ihrer aktiven Beteiligung.
Von hochrangigen Staatsbeamten wird erwartet, dass sie ihre Position nicht ausschließlich zum eigenen Vorteil nutzen. Und genauso ging die Welt davon aus, dass die Ausübung eines der höchsten Ämter der Welt bestimmte Einschränkungen bedeute.
Dass die USA eine Ära des Egoismus eingeläutet haben und ihre Sonderstellung nun für eigene Zwecke nutzen, war für die Welt ein Schock. Während Finanzinstitute heiß darüber diskutieren, ob russisches Geld im Interesse der Ukraine beschlagnahmt werden darf, hat die US-Regierung bereits ihren persönlichen Raub Europas unternommen, indem sie sich unrechtmäßig die Befugnisse angeeignet hat, die ihr von einem Großteil der Welt anvertraut wurden.
Russlands Krieg revidiert den Ausgang des Zweiten Weltkriegs
Im Kampf um eine Neubewertung des Ausgangs des Kalten Krieges hat die russische Regierung zugleich die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs aufgehoben, die sie stets positiv für sich bewertete. Jetzt, nach vier Jahren Krieg gegen die Ukraine, wird Russlands Position in der Welt nicht mehr bestimmt durch den Sieg über den Nationalsozialismus, den die Sowjetunion gemeinsam mit den Alliierten errungen hat, oder durch den anschließenden freiwilligen Rückzug aus Mittel- und Osteuropa. Jetzt hängt die Stellung Russlands in der Welt vollständig vom Ausgang der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ und des wirtschaftlichen Konflikts mit dem Westen ab. Russland hat sich also vom Sieger zu einem potenziellen Verlierer entwickelt und damit seinen globalen Status geschwächt.
Genau aus diesem Grund ist es Putin so wichtig, ein Ergebnis zu erzielen, das man als Sieg bezeichnen kann. Aber bereits jetzt lässt sich klar sagen, dass ein solcher Sieg weder in seiner Dimension noch in seiner Überzeugungskraft oder seiner ethischen Komponente an den vorherigen heranreichen würde. Selbst wenn er sein Ziel erreicht, hat der russische Präsident den historischen Sieg mit den toxischen Farben der heutigen Aggression übermalt.
Ende 2025 erklärte Putin, dass aufgrund seiner militärischen Erfolge sein Interesse an einer friedlichen Übergabe der übrigen Donbas-Gebiete an ihn gegen Null tendiere. Das ist sowohl ein Ultimatum an Trump und Selensky als auch ein Einblick in seine Zukunftspläne. Sollten die Ukrainer wirklich beschließen, den Donbas abzutreten, wird Putin antworten, die Chance sei vorbei, und neue Forderungen stellen, die den neuen Realitäten vor Ort entsprechen. Auf seinem eingefahrenen Pfad wäre das für ihn einfacher, als den Krieg zu beenden.
Der Horizont seiner Forderungen wird in einem kürzlich veröffentlichten Mitschnitt früherer Gespräche mit George Bush ziemlich deutlich. Bereits 2008 hatte Putin behauptet, Russland habe freiwillig Millionen Quadratkilometer Territorium abgetreten und seine Rolle als Supermacht aufgegeben, dafür aber zu wenig zurückbekommen. Mit anderen Worten: Russland ist offenbar bereit zu kämpfen, bis die Rechnung für seine Zugeständnisse vollständig bezahlt oder das „Gestohlene“ zurückgegeben wird.
Das Besondere an dieser Sichtweise auf das Ende des Kalten Krieges ist die totale Abwesenheit einer moralischen Komponente. Man tut so, als wären die Millionen Quadratkilometer und die mit dem Sowjetblock aufgelöste UdSSR rechtmäßiges Eigentum Russlands, das durch Betrug ergaunert und nicht bezahlt wurde. Das russische Regime und mit ihm ein großer Teil der Bevölkerung weigern sich hartnäckig, die fortwährende Gesetzlosigkeit anzuerkennen: die Tatsache, dass der Staat Millionen von Menschen vernichtet und gefoltert, ihnen ihre Rechte und ihre Würde genommen hat.
In Russland fühlt man sich nicht nur frei von jeder Verpflichtung, alte und neue Rechnungen zu begleichen, sondern betrachtet auch noch alle anderen nach wie vor als undankbare Schuldner.
Russland hat Erfahrung mit der Straffreiheit des Bösen. Vergangene Verbrechen wurden vergeben oder vergessen, durch andere Ereignisse oder die Zeit überdeckt. Straffreiheit verleitet dazu, Verbrechen zu leugnen und deren Vergeltung als ungerecht anzusehen – und die militärische „Eintreibung der Schulden“ als rechtschaffen. Russland führt diesen Krieg in der Hoffnung, wieder einmal unbescholten davonzukommen und eine mögliche Vergeltung als größte Ungerechtigkeit darzustellen.