Verluste wie im Ersten Weltkrieg

Burjatien, März 2022. In manchen Teilen der Republik betragen die Verluste der arbeitsfähigen Männer inzwischen über vier Prozent. / Foto © Alexander Garmayev/ Itar-Tass/ Imago

Etwa 1,2 Millionen russische Soldaten sind laut Schätzungen seit Beginn der Großinvasion Russlands in die Ukraine getötet oder verletzt worden. Tendenz steigend. Im Dezember 2025 will die Ukraine 35.000 russische Soldaten außer Gefecht gesetzt haben. Das ukrainische Ziel von monatlich 50.000 russischen Verlusten erscheint Analytikern realistisch.

Die Sterbewilligen scheinen Russland nicht auszugehen, eine nennenswerte Steigerung der derzeit rund 30.000 Neurekruten pro Monat ist dennoch unwahrscheinlich. Wahrscheinlich ist hingegen, dass sie weiterhin vornehmlich aus ländlichen, ärmeren Gegenden oder gar aus dem Ausland kommen werden: Zwischen Armut und Sterben im Krieg besteht in Russland eine signifikante Korrelation. Allein die Bevölkerung der Republik Burjatien in Sibirien hat ein rund 30 Mal höheres Risiko in Russlands Krieg zu sterben als die Einwohner Moskaus.

Das Lokalmedium Ljudi Baikala recherchiert schon seit dem Beginn der russischen Großinvasion zu toten Militärs aus Burjatien. Diesmal hat sich die Journalistin Assja Gai den Bezirk Dshidinski angeschaut, eines der ärmsten Gebiete in der Republik Burjatien. Ausgehend von eindeutig bestätigten Kriegstoten (das ist etwa die Hälfte der Schätzung) stellt sie fest, dass die Verluste rund vier Prozent der arbeitsfähigen Männer betragen – wie einst im Ersten Weltkrieg.


Auf der Liste der Soldaten, die im Krieg in der Ukraine gefallen sind, stehen 280 Namen aus dem Rajon Dshidinski in Burjatien. Insgesamt leben in dem Landkreis rund 7000 Männer im Alter von 18 bis 65 Jahren. Die Gefallenenzahlen entsprechen hier proportional den russischen Verlusten im Ersten Weltkrieg.

Der Rajon Dshidinski ist einer der ärmsten in der Republik Burjatien. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt für Männer schon zu Friedenszeiten nur 53 Jahre. Die Kriegsverluste im Rajon Dshidinski sind die höchsten im Gebiet um den Baikalsee.

Je größer die Stadt desto weniger Tote

In ganz Burjatien wurden bereits 1,3 Prozent aller Männer im arbeitsfähigen Alter im Krieg getötet. In der Oblast Irkutsk dagegen nur 0,6 Prozent.

Der Rajon Dshidinski führt das Antirating für Burjatien mit vier Prozent an, es folgen die Landkreise Kishinginski, Chorinski und Jerawninski mit 3,5 Prozent.

In der Oblast Irkutsk verzeichneten die Rajone Bajandajewski, Nukutski und Echirit-Bulagatski mit 1,5 Prozent die größten Verluste. Die geringsten Verluste gibt es in Städten wie Irkutsk, Bratsk, Sajansk und Sewerobaikalsk mit rund 0,2 Prozent der arbeitsfähigen Männer.

Je größer die Stadt desto geringer die Zahl der Kriegstoten.

Im Rajon Dshidinski gab es sogar den Fall, dass zwei Mitglieder derselben Familie zugleich im Krieg umkamen: Am 9. Mai 2025 wurden der 46-jährige Aldar und der 20-jährige Tumen Rintschinow beerdigt, Vater und Sohn aus dem Dorf Gegetui. Bald darauf starb auch die Großmutter, die den Tod ihrer Lieben nicht verkraften konnte.

62 Prozent der im Krieg gefallenen Dshidinsker waren freiwillig an die Front gegangen, weitere 16 Prozent im Rahmen der Teilmobilmachung im Herbst 2022 eingezogen worden. Unter diesen sticht die Geschichte von Viktor Choroschich aus dem Dorf Bulyk hervor: Zuerst kam er an die Front, doch ein halbes Jahr später verlor er sein Gehör, wurde entlassen und nach Hause geschickt. Nach gut einem Jahr kehrte Choroschich als Freiwilliger zurück an die Front und wurde getötet. Er hinterlässt fünf Kinder.

Der Krieg beschleunigt das Schrumpfen

Der Rajon Dshidinski ist einer der ärmsten in Burjatien. In der jüngsten offiziellen Statistik belegte er Platz 19 von 23. Hier sind 92 Prozent der Schulen und 85 Prozent der Kindergärten baufällig und bräuchten eine grundlegende Sanierung. Keine einzige Schule und keine Kita ist bisher an die zentrale Warmwasserversorgung angeschlossen. Bei den Einkommen in verschiedenen Sparten schafft es der Rajon Dshidinski im Vergleich der Landkreise in Burjatien nicht über den sechstletzten Platz hinaus.

53 Prozent der Straßen im Rajon entsprechen nicht den Qualitätsnormen. Viktor Zydenow, der ehemalige Vize-Verwaltungschef, der für die Qualitätskontrollen der Straßen zuständig war, ist zurzeit an der Front. 2023 wurde er wegen Schmiergeldannahme beschuldigt und verhaftet. Laut Ermittlungen hatte ihm eine Straßenbaufirma für den Auftrag einer Straßensanierung inklusive reibungsloser Abnahme 800.000 Rubel versprochen. Der Beamte ging direkt aus der U-Haft in den Krieg, ohne das Urteil abzuwarten.

Seit dem Jahr 2000 ist die Bevölkerung im Rajon Dshidinski um fast 40 Prozent geschrumpft, von 34.000 auf 20.800 Menschen. Seit Kriegsbeginn sind es weitere 1500 weniger. Ljudi Baikala liegen Daten vor, laut denen 124 der im Krieg Getöteten Väter waren – sie hinterlassen insgesamt 265 Kinder. Die meisten Kinder, nämlich zehn, hatte Anatoli Rintschinow aus Petropawlowka.

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