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Maly Trostenez

Sie war der größte Tatort nationalsozialistischen Mordens in den von Deutschen besetzten Gebieten der Sowjetunion: die NS-Vernichtungsstätte Maly Trostenez in Belarus. Zehntausende Jüdinnen und Juden wurden dort ermordet. Ihren Ausgangspunkt nahm die organisierte Massengewalt vor 80 Jahren im Minsker Ghetto.

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Bantiki – Haarschleifen

Der erste Schultag am 1. September war ein wichtiger Tag im Leben sowjetischer Kinder und wurde im ganzen Land als festlicher Tag begangen. In der Stalinzeit zeigten Gemälde und Postkarten die Kinder auf dem Weg ins neue Schuljahr, mit Schultaschen und Blumensträußen für die Lehrerin. Die von Fotografen zu den rituellen Anlässen am Anfang und Ende des Schuljahres aufgenommenen Fotos sowjetischer Schülerinnen und Schulklassen vermitteln den Eindruck von feierlicher Ordnung. Die Kinder sind in ordentlichen Schuluniformen zu sehen, die Mädchen in weißen Schürzen und mit weißen Haarschleifen – die gegen Ende der Sowjetunion immer größer wurden. 

Unverzichtbar, wenn der Fotograf kam: Die prächtigen weißen Schleifen im Haar der Mädchen / Foto © Konstantin Boronin/Wikimedia unter CC BY-SA 4.0

Die riesigen weißen Haarschleifen sowjetischer Schülerinnen waren Ikonen einer idealisierten sowjetischen Kindheit, die Wohlstand, Fortschritt und Glück ausstrahlte. Alle vorbildlichen kleinen Mädchen in den sowjetischen Bildwelten trugen sie. Die Schleifen fixierten ein Ideal des „süßen kleinen Mädchens“ in Verbindung mit einer behüteten, glücklichen Kindheit.1 

Ikonen einer idealisierten sowjetischen Kindheit

Haarschleifen wurden Ende der 1940er Jahre Teil der sowjetischen Schulkleidung. In der durch die Kriegserfahrungen und Verluste erschütterten Nachkriegs-Sowjetunion war die Schuluniform Teil der Rückkehr zu vertrauten Ordnungen, auch der Geschlechterrollen.2 Schleifen sind dekorativ und fallen auf, egal ob in den Haaren, auf Hüten, an Schuhen oder Kleidern. Sie gelten als weiblich und verspielt.3 Zunächst handelte es sich im Schulkontext um schmale Bänder, die in die Haare geflochten wurden. Aber mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Tauwetterzeit wuchsen auch die Haarschleifen zu riesigen Chiffongebilden auf den Köpfen der Mädchen.4 Hier konnten sich gerade bei den Kleinen die Mütter austoben, und es herrschte Konkurrenz. Unverzichtbar waren die Prachtschleifen, wenn der Fotograf kam.

Persönliche Note und eigensinniges Handeln

Die Haarschleife markierte „die moralische Verortung des Subjekts als ‚gutes‘, ‚ordentliches‘, ‚sozialistisches Mädchen‘.“5 Sie anzulegen bedeutete, von einer Sphäre in eine andere zu wechseln, in der bestimmte Regeln galten, die man zumindest äußerlich befolgen musste. Die an sich banalen Haarschleifen bargen damit auch Potenziale, wenn die Mädchen sie richtig einzusetzen verstanden. Sie eröffneten Möglichkeiten für eigensinniges Handeln in der Art, wie und welche Schleife man trug, ob man ohne ging oder sich einfach die Haare kurz schnitt. Mädchen oder auch ihre Eltern konnten damit ausdrücken, wie weit sie dazugehören oder sich abgrenzen wollten. Manche fanden die Ungetüme aus weißem Tüll kleinbürgerlich und kitschig.6 Schon kleine Mädchen lernten also, normative Erwartungen zu erfüllen, ohne die damit einhergehende Disziplinierung zu verinnerlichen.7

Die Haarschleife war, neben Schürze, Manschetten und Kragen, das variabelste Element der sowjetischen Schuluniform für Mädchen. Sie sollte zu besonderen Anlässen weiß, im schulischen Alltag schwarz oder dunkelbraun sein.8 Material, Breite des Bandes und Platzierung waren nicht definiert. Die Bänder konnten breit oder schmal sein, das Material Seide, Kapron, Chiffon oder Atlas. Haarschleifen konnten groß oder klein sein, in die Haare geflochten, am Ende eines Zopfes auf dem Rücken tanzen oder oben auf dem Kopf sitzen. Der Phantasie und modischen Trends waren hier am wenigsten Grenzen gesetzt.9 

Das etwas „Andere“ als Statussymbol

Haarschleifen gehören wie die Blumen für die Lehrerinnen noch heute zu den Bildern des 1. September / Foto © Pjotr Kassin/Kommersant

Schuluniformen dienten der äußeren Disziplinierung und Zähmung der Körper und waren zugleich Teil der politischen Sozialisation. Sie sollten zwar sichtbare soziale Unterschiede auslöschen. Aber von Anfang an war den Schuluniformen das ganze Spektrum der Möglichkeiten von Konformität bis Überschreitung der durch sie definierten Zwänge und Grenzen eingeschrieben.10 Das etwas „Andere“ galt immer als Statussymbol. Das konnten selbst genähte Schürzen sein oder Spitzenkrägen, Manschetten und ganze Uniformen aus anderen Städten und Republiken.11 In Leningrad galt es beispielsweise als besonders schick, eine Uniform aus Riga zu tragen. Das war eine eigensinnige Praxis, die die Grenzen des Erlaubten auslotete und zugleich Teil der Gruppe blieb: Ein anders geschnittenes Kleid wurde als Ausbruch aus der staatlichen Normierung, als Selbstermächtigung empfunden. Im Alltag genügte es, wenn der Gesamteindruck und die Rocklänge stimmten. Sie markierten die Grenzen des Spektrums.12 

In der Alltagsvariante mit dunkler Schürze, Strümpfen und Schleife konnte man spielen und toben, weil Flecken weniger auffielen. Die Festtagsvariante verlangte Disziplin, vorbildliches Auftreten und Mitwirkung bei den offiziellen Ritualen: Für die Klassenfotos waren weiße Strümpfe, Schürze und Schleife Pflicht, wer sie nicht hatte, musste hinten stehen, wo es nicht auffiel, oder sich fehlende Requisiten von einer Parallelklasse ausleihen.13

Essiggeruch und angesengte Haarschleifen

Die Erinnerungen an die Schuluniformen sind untrennbar mit Sinneseindrücken wie dem Geruch nach Essig und versengten Haarschleifen verbunden. Essig brauchte man, um die braunwollenen Schulkleider aufzubügeln, und die Enden der Kapronschleifen wurden angesengt, damit sie nicht ausfransten.14 

Die Erinnerungen an die Haarschleifen sind ambivalent, die Prozedur des mütterlichen Frisierens in der morgendlichen Hektik war für einige von „Sehnsucht, Schmerz, Frustration und Scham begleitet“.15 Auf der anderen Seite standen die Schleifen für erste romantische Gefühle, denn in den ersten Schuljahren weckten sie das Interesse der Jungen, die den Mädchen hinterherrannten und sie herunterrissen – oder die Trägerinnen dieser Zeichen weiblicher Anmut aus der Ferne stumm verehrten. Vielleicht weckt deshalb der Anblick der Haarschleifen auf den Fotos bei vielen nostalgische Erinnerungen an die behütete sowjetische Kindheit. In den „wilden 1990er“ Jahren boten die großen Haarschleifen als Symbol dieser Kindheit den Erwachsenen einen imaginären Zufluchtsort.16 Schließlich überstanden die Haarschleifen auch die offizielle Abschaffung der Schuluniformen 1992 und gehören wie die Blumen für die Lehrerinnen auch heute noch zu den Bildern des 1. September.


1.Millei, Zsuzsa/Piattoeva, Nelli /Silova, Iveta and Aydarova, Elena (2018): Hair Bows and Uniforms: Entangled Politics in Children’s Everyday Lives, in: Silova, Iveta/Piattoeva, Nelli/Millei, Zsuzsa (eds.): Childhood and Schooling in (Post)Socialist Societies, Cham, S. 145-162, S. 151-152 
2.Leont’eva, Svetlana (2008): Sovetskaja školnaja forma: Kanon i povsednevnost, in: Teorija Mody: Odežda Telo Kul´tura 9 (2008), S. 47–79, S. 50 und 52 
3.Rudova, Larissa /Balina, Marina (2008): Razmyšlenija o škol’nom forme (po materialam proizvedenij detskoj i avtobiografičeskoj literatury), in: Teorija Mody: Odežda Telo Kul´tura 9 (2008), S. 25–47, S.  41-42 zu den Schleifen 
4.Millei et al., S. 151 
5.Millei et al., S. 154 
6.Kelly, Catriona (2007): Children’s World: Growing up in Russia 1890-1991, New Haven, London, S. 379-380 
7.Millei et al., S. 145-162 
8.Rudova/Balina, Razmyšlenija o škol’nom forme (Anm. 30), S. 40 
9.Rudova/Balina, Razmyšlenija o škol’nom forme (Anm. 30), S. 40-41 
10.Craik, Jennifer (2005): Uniforms Exposed: From Conformity to Transgression, Oxford; vgl. auch die bei de La Fe, Loraine (2013): Empire's Children: Soviet Childhood in the Age of Revolution, Miami 
11.ebd., S. 58 
12.grundlegend dazu Rudova/ Balina, Razmyšlenija o škol’nom forme und Leont’eva, Sovetskaja školnaja forma 
13.Millei et al., S.155 
14.Leont’eva, Sovetskaja školnaja forma (Anm. 30), S. 67 
15.Millei et al., S. 153 
16.Rudova/Balina, Razmyšlenija o škol’nom forme (Anm. 30), S. 41 
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