
Charkiw ist eine im 17. Jahrhundert gegründete Stadt im Nordosten der Ukraine. Sie ist die zweitgrößte Stadt des Landes und ein wichtiger Industrie- und Wissenschaftsstandort. Von 1919 bis 1934 war sie die Hauptstadt der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt mehrfach umkämpft, zweimal von Nazi-Deutschland besetzt und wurde stark beschädigt. Seit 1991 gehört sie zur unabhängigen Ukraine; die mehrheitlich gesprochene Sprache ist Russisch. Im Zuge der Maidan-Proteste kam es auch in Charkiw zu Zusammenstößen.
Seit dem ersten Tag der vollumfänglichen russischen Invasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 unter andauerndem russischem Beschuss. Vom nördlichen Stadtrand Charkiws bis zur russischen Grenze sind es kaum 25 Kilometer Luftlinie. Vom Charkiwer Zentrum bis ins russische Belgorod weniger als 70 Kilometer. Russische Raketen brauchen von dort gerade einmal eine halbe Minute bis zum Einschlag in Charkiw. Immer wieder gehen Explosionen den Luftalarm-Sirenen voraus.
In den ersten Kriegstagen wurde die Stadt Charkiw schwer angegriffen, schnell erreichten russische Truppen den Charkiwer Autobahnring. In schweren Kämpfen konnten ukrainische Freiwilligenverbände und die Armee eine russische Besatzung der Metropole verhindern, doch im Umkreis wurden Dutzende Gemeinden okkupiert, zum Beispiel Tschuhujiw, Kupjansk und Isjum. Im Herbst 2022 konnten die ukrainischen Streitkräfte viele von ihnen befreien, schwere russische Kriegsverbrechen kamen ans Licht – Verfolgung, Folter und Mord an der Zivilbevölkerung.
Nach vielen Monaten des anhaltenden Luftkriegs folgte im Mai 2024 eine erneute russische Offensive in Richtung Charkiw. Die Grenzstadt Wowtschansk, die 2022 schon für ein halbes Jahr unter russische Besatzung geraten war, wurde nun weitestgehend zerstört. Von rund 19.000 Einwohnern 2021 sollen Ende Mai 2024 nur noch einige Hundert dort geblieben sein.
In Charkiw lebt trotz des Krieges heute noch rund eine Million Menschen, etwa 500.000 haben die Stadt seit Februar 2022 verlassen. Viele kommen aus den umkämpften Frontorten als Binnengrflüchtete hierher. In Metro-Stationen entstehen Unterrichtsräume für Schulkinder. Ausstellungen, Konzerte, die Arbeit der Stadtverwaltung und LGBTQ-Pride-Demos finden ebenfalls unterirdisch statt. Das Charkiwer Markenzeichen Salisobeton (dt. Eisenbeton, der Vorläufer des Stahlbeton), das sich eigentlich auf die verbreitete konstruktivistische Architektur in der Stadt bezog, wird zum Lebensmotto im Kriegsalltag. Ein Bombeneinschlag in das berühmte Dershprom-Gebäude am zentralen Freiheitsplatz Ende Oktober 2024 sorgte weltweit für Entsetzen, die Unesco versprach, den Antrag auf Aufnahme in die Weltkulturerbeliste zu beschleunigen.
Die früher verrufene Russland-Nähe der Bevölkerung hat die Charkiwer Stadtgesellschaft weitgehend abgelegt. Ukrainische Kultur in allen Spielformen ist omnipräsent.