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Merab Mamardaschwili

Bereits zu Lebzeiten genoss Merab Mamardaschwili einen Kultstatus. Doch nach seinem Tod am 25. November 1990 nahm dieser beinahe mythische Dimensionen an. Zaal Andronikashvili über den „georgischen Sokrates“, seine brandaktuelle Philosophie und seine Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus. 

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Dimitri Prigow

Dimitri Prigow (1940–2007) gilt neben Ilya KabakovIlya Kabakov (geb. 1933) ist ein Maler und Illustrator russisch-jüdischer Abstammung. Nach seinem Studium in Moskau war er Teil der nonkonformistischen und dissidenten Künstlerszene der Sowjetunion und bekannter Vertreter des Moskauer Konzeptualismus. Große Bekanntheit erlangte er mit seinen Installationen, nachdem er 1987 die UdSSR verlassen hatte und in New York und Deutschland arbeitete. Seine Werke erzielen heute auf dem Kunstmarkt die höchsten Preise aller zeitgenössischen russischen Künstler. als einer der wichtigsten Vertreter der russischen Konzeptkunst. Angetrieben von intellektueller Rastlosigkeit und einem untrüglichen Sinn für das Absurde war er seiner Zeit voraus und allzeit bereit für ästhetische und politische Grenzüberschreitungen. Mit Fug und Recht konnte er von sich sagen: „… ich bin das multimediale Projekt Dimitri Alexandrowitsch Prigow.“

„Ich bin das multimediale Projekt Dimitri Alexandrowitsch Prigow.“ / Foto © Renate von Mangoldt

Prigows Alleinstellungsmerkmal besteht in der medien- und gattungsübergreifenden Breite de-konstruktivistisch ausgerichteter Werke. Literatur, bildende Kunst und darstellende Kunst stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander und sind zum Teil miteinander verschränkt. Das Spektrum seiner künstlerischen Äußerungen ist auch in transmedialen Zeiten erstaunlich – es umfasst Poesie, Romane, dramatische Werke, visuelle Poesie und Essayistik, Zeichnungen und Übermalungen, aber auch Objektkunst, Installationen, Performance und Videokunst. 

Sowjetisches Doppelleben

Bereits als Student der ideologisch besonders aufgeladenen Bildhauerkunst stellte Prigow die sowjetische Kunstdoktrin infrage. In der frühen BreshnewLeonid Breshnew war von 1964 bis 1982 Vorsitzender der KPdSU und prägte als erster Mann im Staat fast zwei Jahrzehnte lang das Geschehen der Sowjetunion. Seine Herrschaft wird einerseits mit einem bescheidenen gesellschaftlichen Wohlstand assoziiert, gleichzeitig jedoch auch als Ära der Stagnation bezeichnet. Mehr dazu in unserer Gnose -Zeit zog ein solches Verhalten Konsequenzen nach sich: Mitte der 1960er Jahre wurde Prigow mit dem Vorwurf avantgardistischer Tendenzen zeitweise vom Studium am Moskauer Stroganow-KunstinstitutDie Moskauer Staatliche Akademie für Kunst und Industrie ist ein Ausbildungsinstitut für angewandte Kunst und Design. Gegründet wurde es 1825 von Graf Stroganow, dessen Namen es bis heute trägt. In der Sowjetunion wurden hier unter anderem Bildhauer, Skulpteure und Monumentalmaler ausgebildet. ausgeschlossen. Diese Maßregelung stärkte seine Widerständigkeit und spornte ihn an, sich individuell in Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte weiterzubilden. Zu Referenzfiguren wurden für ihn mit Caspar David Friedrich, Joseph Beuys und Kasimir MalewitschDer Künstler Kasimir Malewitsch (1879–1935) ist die zentrale Figur der Russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete Stilrichtung und Theorie des Suprematismus markiert den Durchbruch zu einer gegenstandslosen, auf geometrischen Formen aufbauenden Malerei, die auch für die westliche Kunstentwicklung prägend war. Mehr dazu in unserer Gnose solche Künstler, für die das Absolute Teil ihres Kunstverständnisses war. Von nun an verstand sich Prigow als Konzeptkünstler und entwickelte subtile Praktiken im Unterlaufen des Kanons der sowjetischen Kunst: Als Absage an die obligatorischen positiven Helden zeichnete er etwa Figuren und Halbfiguren mit Dornenkrone, in denen man selbstbildnishafte Züge ausmachen kann. Im Kern ging es ihm darum, bestimmte Codes und deren ideologische Basis zu dekonstruieren. Sowjetische Losungen und Bilder wurden so lange wiederholt, perpetuiert, verdreht und verfremdet, bis ihre ganze Sinnfreiheit offen lag.

Wie viele der russischen Konzeptkünstler führte Prigow eine Art Doppelleben. Einerseits war er seit 1975 Mitglied im sowjetischen Künstlerverband und beteiligte sich freiberuflich für den Künstlerfonds, etwa bei der Gestaltung von öffentlichen Parks und Kinderspielplätzen. Andererseits engagierte sich Prigow seit Mitte der 1970er Jahre im inoffiziellen Kunst- und Literaturbetrieb der sowjetischen Hauptstadt in wechselnden Rollen. 

Mit der Figur des Milizionärs schuf sich Prigow ein janusköpfiges Alter ego. In dieser Gestalt trat er häufig in Ateliers befreundeter Künstler wie Igor SchelkowskiIgor Schelkowski (geb. 1937) ist ein russischer Bildhauer und Künstler. In der Sowjetunion arbeitete er unter anderem als Restaurator. 1976 emigrierte er nach Paris. Dort gab er von 1979 bis 1986 das einflussreiche Kunstjournal A–Я (dt. A–Z) heraus, das in Moskau von Alexander Sidorow zusammengestellt wurde. Das Journal trug wesentlich zur Popularisierung nicht-offizieller sowjetischer Kunst im Westen bei. oder Ilya Kabakov, unter anderem mit poetischen Lesungen auf. Einzigartig ist die von ihm entwickelte Art des Vortrages: Passagen mit sonorer Stimmführung wechseln sich ab mit solchen von leidenschaftlichem Einsatz der Stimme bei unterschiedlicher Lautstärke und Rhythmik. Prigow, der über eine beeindruckende Musikalität verfügte, bediente sich dabei ins Absurde gesteigerter und verfremdeter gesanglicher Praktiken in Anlehnung an weltliche und sakrale Gesänge – und nutzte ganz im Sinne von John Cage auch das Schweigen und die Stille. Seit 1984 arbeitete er dabei auch mit bekannten MusikerInnen wie Sergej LetowSergej Letow (geb. 1956) ist ein russischer Jazz-Saxophonist, Komponist und Musikproduzent. Nach einer Dissertation im Bereich der Materialforschung für die Luft- und Raumfahrt widmete er sich ab Mitte der 1980er Jahre ganz der Musik. Er arbeitete mit zahlreichen Bands und Projekten des sowjetischen musikalischen Untergrunds wie DK, Aquarium oder Grashdanskaja Oborona, der Band seines Bruders Jegor. Letow komponiert heute Musik für Filme und Theaterstücke. oder Tatjana GrindenkoTatjana Grindenko (geb. 1946) ist eine russische Geigerin. Sie wurde am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium ausgebildet und arbeitete mit Dirigenten wie Kurt Masur und Kirill Kondraschin. Sie war Solistin des Grindenko Ensembles und erhielt 2002 den Ehrentitel Volkskünstler Russlands. zusammen.

Wer Prigow live erleben durfte, erinnert sich an magische Momente seiner zwingenden Rezitationen, manchmal auch mit synchroner Übersetzung (etwa ins Deutsche von und mit Georg Witte), in denen er es vermochte, in dadaistischer Manier die (Un-)Tiefen der russischen Geschichte und Kultur aufscheinen zu lassen. Videoaufnahmen von Wadim Sacharow aus den 1980er und 1990er Jahren zeugen noch heute davon, genauso auch der im Jahr 2000 entstandene Film Das Evangelium nach Matthäus

Bürger! Wir sagen: Ja!

Legendär sind Prigows illegale Klebeaktionen an Moskauer Bushaltestellen mit auf der Schreibmaschine getippten irrationalen, aberwitzigen Aufrufen. Ein Beispiel dafür: „Bürger! Wir sagen: Ja! – und strecken der Zukunft unsere Hand aus! Dmitri Aleksanytsch“. Eine darauf basierende Performance mit dem Titel Note an die Bürger brachte ihm 1986, schon in der Zeit der von GlasnostGlasnost ist ein politisches Schlagwort, das Transparenz, Informationsfreiheit und das Fehlen von Zensur bezeichnet. Michail Gorbatschow (geb. 1931) führte den Begriff 1986 ein und stellte damit die Weichen für mehr Meinungs- und Redefreiheit.   und PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose , als eigentlich vieles möglich wurde, für kurze Zeit die Einweisung in eine psychiatrische Klinik ein. Dies war ein probates Mittel der Sowjetmacht, unliebsame Kritiker mundtot zu machen. Proteste im In- und Ausland führten jedoch bald zu seiner Freilassung, die die unaufhaltsame Brüchigkeit des Systems zutage treten ließ. 

SamisdatDer Begriff Samisdat kommt aus dem Russischen und bedeutet Selbstverlag. Er beschreibt die Herstellung und Verbreitung von Texten in den sozialistischen Staaten Ost(mittel)europas ohne offizielle Druckgenehmigung an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Auch in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn blieben derartige Aktivitäten nicht ungeahndet. Mehr dazu in unserer Gnose und TamisdatTamisdat ist eine Abwandlung des bekannten Begriffs Samisdat Selbstverlag. Samisdat beschreibt die in Eigenregie durchgeführte Herstellung und Verbreitung von Texten ohne offizielle Druckgenehmigung, an den staatlichen Zensurbehörden vorbei. Seit Anfang der 1960er Jahre wurde die Herstellung und Verbreitung von illegaler Literatur in der Sowjetunion als „antisowjetische Agitation und Propaganda“ verfolgt. Tamisdat bedeutet demgegenüber wörtlich Dortverlag: Damit sind vor allem Texte von Dissidenten gemeint, die – überwiegend in der jeweiligen Muttersprache der Autoren – im Westen verlegt wurden. , darunter die Zeitung Russkaja mysl (dt. Russischer Gedanke) und die Zeitschrift A – Ja (dt. A – Z) sorgten bereits seit den 1970er Jahren dafür, dass Prigow auch international bekannt wurde. Seit seiner Teilnahme 1987 an der documenta 8 in Kassel gehört er zu den viel ausgestellten russischen Künstlern seiner Generation. Einem DAAD-Aufenthalt in Berlin 1990/1991 folgten bis zu seinem Tod zahlreiche Einladungen für Ausstellungen, Lesungen und Performances in Europa, den USA und Japan. 

Macht von Schrift, Alphabet und Text

Immer wieder widmete sich Prigow einerseits der ordnungs- und kulturstiftenden Macht von Schrift, Alphabet und Text, andererseits aber auch ihrer subversiven Möglichkeiten. In Künstlerbüchern mit Titeln wie Buch der Dekrete, Das große chinesische Buch vom Glück, Gewerkschaftsbüchlein oder Erzählung von der ewigen Liebe knüpfte er an die persiflierende Ästhetik der kleinformatigen russischen futuristischen Buchkunst an, jedoch nicht ohne sie zu modernisieren und süffisant mit einem sowjetischen Touch auszustatten. Neben der Verwendung einfachen oder zerknüllten Papiers setzte er zum einen auf die standardisierende und Bürokratie signalisierende Wirkung der Schreibmaschinenschrift. Zum anderen ermächtigte er sich mit seiner Signatur mal zu einem Entscheidungsträger, mal formte er daraus graphische Strukturen wie in Buch der Unterschriften für und gegen
Ebenso wie zahlreiche Einzelblätter besitzen manche seiner Bücher durch die Verwendung von Collageelementen und ausgeschnittenen Seiten und Formen Objektcharakter, darunter Entfernung und Anwachsen oder Chinesische Blätter russischer Poesie. Objektfolgen mit beklebten Konservenbüchsen, die ebenfalls um das Thema Wort, Schrift, Botschaft et cetera kreisen, muten wie eine minimalistische und ironische Antwort Prigows auf die US-amerikanische Pop Art an. 

Prigows Metaphysik 

Als bildender Künstler setzte Prigow auf die Arbeit mit und auf Papier. In den frühen 1970er Jahren entstanden zahlreiche Folgen farbiger Zeichnungen in Mischtechnik unter Verwendung von Aquarell und Gouache. Sie werden einerseits von technoiden und andererseits von expressiven Formen beherrscht, die sich in kosmischen Räumen und damit abseits von der realen sowjetischen Welt bewegen. In der Folge Öffnungen taucht wiederholt die Rückenfigur eines Betrachters auf, dessen Blick aus einem engen Raum heraus in die Weite des leeren Alls gerichtet ist – zu deuten als Bilder einer herbeigesehnten, aber (damals) unmöglichen Flucht. 

Später bearbeitete Prigow in filigraner Technik mit Kugelschreiber oder Feder und Tinte kleine und große Formate. Neben weißem Papier nutzte er auch andere Medien wie Reproduktionen und Fotos als Bildträger. Über Jahre beschränkte er sich, anknüpfend an die russische Avantgarde, auf die Farben Weiß, Schwarz und Rot und lotete elementare Begriffe und Formen aus, wie etwa in den Folgen Kompositionen mit Tafeln (1990er Jahre) und Eier (2000er Jahre). Darin, und besonders in der Folge Säulenheilige (1990) tritt Prigows Affinität zum Metaphysischen zutage, dem in der russischen Denktradition ein hoher Stellenwert zukommt. Häufig diente ihm die zentrale Partei-Zeitung PrawdaDie Prawda (dt. Wahrheit) ist eine russische Tageszeitung, die 1912 von Lenin aus dem Exil gegründet wurde. Sie sollte eine Zeitung von Arbeitern für Arbeiter sein und war in der Sowjetunion das Parteiorgan der KPdSU. So war die Prawda mit einer offiziellen täglichen Auflage von elf Millionen Exemplaren die größte Zeitung der Sowjetunion. Nach dem Zerfall der Sowjetunion geriet sie allerdings in finanzielle Schwierigkeiten und wurde 1996 eingestellt, bevor sie im April 1997 als Organ der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation unter Chefredakteur Alexander Ilin neu gegründet wurde. Seit 2009 ist Boris Komozki Chefredakteur der Zeitung. als Ausgangsmaterial. Deren ideologisierte Botschaften verfremdete und relativierte er mit Motiven wie dem alles sehenden Auge, einem Zeichen und Symbol, das aus der Ikonenmalerei stammt und im Œuvre von Prigow häufig begegnet. Interessanterweise ist es in der Gestaltungsweise des Künstlers als linkes Auge erkennbar, das mit Bezug auf den Kult des ägyptischen Horos für Passivität und Vergangenheit steht. Prigow fügt ihm häufig noch eine rote Träne hinzu, zu verstehen als Zeichen der Rührung, aber auch des Leidens, womit die politische Dimension der Bildfindungen deutlich wird. 

Von Mischwesen zur jüngeren Geschichte

Während die von geheimnisvollen Mischwesen (als fiktive Porträts bekannter Persönlichkeiten) bevölkerte Serie Bestiarium (1970er–2000er Jahre) um das Ambivalente und Monströse im Menschen an sich und um dessen Befangenheit kreist, widmen sich andere Arbeiten unter Nutzung der Fotografie der jüngeren Geschichte. 

In der Folge Deutschland (1994) setzt sich Prigow mit Schlüsselereignissen und Stereotypen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinander, vielleicht auch durch seine eigenen deutschen Wurzeln motiviert. In den Folgen Zeichnungen auf Reproduktionen (1994) und Zeichnungen mit Tesafilm (1999-2002) wiederum visualisiert er die russische Geschichte als Abfolge blutigen Geschehens: in den prunkvollen Räumen des frisch restaurierten Großen Kremlpalastes, beziehungsweise als Bilder von Schmerz, Zerstörung und tragischer Zerrissenheit im Vor- und Umfeld der Revolutionen von 1905Als Erste Russische Revolution bzw. Russische Revolution 1905 wird eine Serie von Ereignissen bezeichnet, die ihren Anfang am sogenannten Blutsonntag nahm, als hunderte friedliche Demonstranten am 9. Januar 1905 (nach gregorianischem Kalender am 22. Januar) durch die Armee getötet wurden. Zar Nikolaus II. reagierte auf die andauernden Massenunruhen mit dem Erlass des sogenannten Oktobermanifests (Manifest über die Verbesserung der staatlichen Ordnung) – Vorläufer der ersten Verfassung, das unter anderem weitgehende Bürgerrechte gewährte. Da die Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, Agrarreformen und einer Volksvertretung damit faktisch nicht erfüllt wurden, blieben die tiefgreifenden sozialen Spannungen weitgehend bestehen. Viele Historiker sehen darin eine der Ursachen für die Februar- und Oktoberrevolution 1917. und 1917Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang. Mehr dazu in unserer Gnose . Auch und gerade bezüglich der sowjetischen Geschichte hatte Prigow keine Illusionen. In der Folge Stalin-Albträume reicht der lange Schatten der Vergangenheit in Gestalt schwarzer Flecken und Wolken und roter Tropfen in die Gegenwart hinein, wobei sich auf einem der Blätter auch der Name des Künstlers findet.     

Phantom-Installationen

Prigows Entwürfe für Installationen, die er selbst realisiert hat, können an verschiedenen Orten immer wieder neu erstellt und somit aktualisiert werden. Jene Entwürfe, die er als Phantom-Installationen bezeichnet hat, sind von ihm selbst hingegen nie realisiert worden. Frühe Berühmtheit erlangten aus teilweise mehreren Hundert Blättern bestehende Installationen wie Russischer Schnee und der Zyklus über die Putzfrau. In letzterer sind wie in seiner Poesie das Niedrige und Alltägliche und das Himmlische und Ewige auf unerwartete Weise in einem Raum gegenwärtig. Der Autor selbst sprach von einem „Mysterium, das sich in den konzentrierten meditativen Anstrengungen der Putzfrau vollzieht“. Andere Installationen bezogen auch szenische Komponenten und mitunter die Präsenz des Künstlers selbst mit ein. 

Nach dem viel zu frühen Tod von Prigow (2007) sind seine Person und die von ihm erschaffenen Kunstwelten und Figuren in Russland weiterhin präsent. So nannten die Aktivistinnen von Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager. Mehr dazu in unserer Gnose ihre Aktion beim Finale der Fußballweltmeisterschaft in Moskau 2018 Der Milizionär kommt ins Spiel – in Uniformen gekleidet, stürmten sie auf den Rasen. Dies war auch als Hommage an den elften Todestag des Künstlers am 16. Juli gemeint. 

Insgesamt kann man die Persönlichkeit Dimitri Prigow und das von ihm hinterlassene Œuvre am besten mit einem Begriff bezeichnen, den Richard Wagner prägte, den der Künstler sehr schätzte: als Gesamtkunstwerk.  


Zum Weiterlesen
Balabanova, Irina (2001): Govorit Dmitrij Aleksandrovič Prigov, Moskva 
Degot‘, Ekaterina (Hrsg.) (2008): Dmitrij Prigov: Graždane! Ne zabyvajtes‘, požalujsta! Moskva (Ausst.-Kat.)    
Dobrenko, Evgenij/Lipoveckij, Mark/Kukulin, Il’ja/Majofis, Marija, (Hrsg.) (2010): Nekanoničeskij klassik: Dmitrij Aleksandrovič Prigov (1940-2007), Moskva
Obermayr, Brigitte (Hrsg.) (2013): Jenseits der Parodie: Dmitrij A. Prigovs Werk als neues poetisches Paradigma, Wien/München/Berlin
Galieva, Žana (Hrsg.) (2014): Prigov i konceptualizm, Moskva
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Lew Rubinstein (geb. 1947) ist ein russischer Dichter, Literaturkritiker, Essayist und Publizist. In literarischer Hinsicht ist er vor allem für seine minimalistische Karteikarten-Poesie bekannt, eine Mischung aus literarischer, visueller und performativer Kunst, die er in den 1970er Jahren entwickelte. Rubinstein gilt zudem als einer der Begründer und führender Vertreter des Moskauer Konzeptualismus.

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Für die einen sind seine Texte nichts als postmodernes Geschreibsel voller Zoten und Flucherei, für die anderen dagegen sind sie prophetische Meisterwerke. Dagmar Burkhart über den Autor Vladimir Sorokin, der heute seinen 65. Geburtstag feiert.

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Die Gruppe Woina führte in Russland in den Jahren 2007 bis 2010 spektakuläre Aktionen durch, die auch auf Internetforen rege diskutiert wurden. Woina griff aktuelle Themen der russischen Gesellschaft auf (zunehmend autoritäre Regierung, Fremdenhass, Homophobie)  und inszenierte sie als politische Konzeptkunst.

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