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Erste Russische Kunstausstellung in Berlin

Am 15. Oktober 1922 eröffnete die Erste Russische Kunstausstellung in Berlin. Mit ihr gelingt der Galerie van Diemen ein echter Coup, die westliche Kritik spricht über die Werke von Malewitsch, El Lissitzki, Tatlin und anderen sowjetischen Avantgardisten. So war die Schau kurz nach Oktoberrevolution und Erstem Weltkrieg vor allem auch politisches Signal des jungen Sowjetrusslands – an die Weimarer Republik und an die Welt. 

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Sprache und Revolution

Alten Denkmustern durch eine neue Sprache die Grundlage entziehen – dieses Kalkül der kommunistischen Revolutionäre ist in der Orthographiereform des Russischen besonders augenfällig. Bezeichnenderweise wurde die radikale Sprachreform nur wenige Wochen nach dem Oktoberumsturz, am 23. Dezember 1917 (05. Januar 1918) verabschiedet. Die Reform, der viele Buchstaben zum Opfer fielen, wurde jedoch oft als Plagiat verspottet: Die Vorbereitungen liefen schon vor den Bolschewiki, ab dem Jahr 1904.

Und doch wird diese Reform mit der Revolution assoziiert: Schließlich gingen mit ihr auch tiefgreifende sprachliche Umwälzungen einher. Fast unbemerkt schlichen sie sich in den Sprachgebrauch ein und beeinflussen das Russische und seine Sprecher bis heute.

Die Rechtschreibreform 1917/1918 hatte eine lange Vorgeschichte. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert klagten viele Lehrer über die Unregelmäßigkeiten und Ausnahmen in der russischen Orthographie, die den Schülern viel Auswendiglernen abverlangten. Erst auf eine Anfrage der Hauptverwaltung der Militärischen Ausbildungsstätten hin wurde die Akademie der Wissenschaften aktiv und setzte im Jahr 1904 eine 50-köpfige Expertenkommission ein. Das Thema der Reform ging aber erst einmal in heftigen Diskussionen unter.

Streit um einen Buchstaben

Die alte russische Rechtschreibung basierte auf einer Mischung aus phonetischem und etymologischem Prinzip, die häufig in Konflikt miteinander standen. So traten im Russischen mehrere Buchstabenpaare mit demselben Lautwert auf: Der Vokal [i] wurde beispielsweise mit drei unterschiedlichen Buchstaben wiedergegeben, nämlich И, і und Ѵ.

Der Buchstabe Jat‘ Ѣ mit dem Lautwert [e] avancierte zum Symbol für den Streit zwischen den Traditionalisten und den Befürwortern der Reform. Er fiel nicht nur durch seine Form und Verwendungshäufigkeit auf, sondern spiegelte in gewisser Weise auch die Entstehungsgeschichte der russischen Standardsprache wieder. Ähnlich wie Schwyzerdütsch und Hochdeutsch befand sich das Russische als Volkssprache jahrhundertelang in einer Diglossiesituation mit dem Kirchenslavischen. Die Russische Standardsprache vereinigte schließlich Merkmale aus beiden Sprachen – und behielt die Buchstaben Ѣ und E bei, die in beiden Vorgängersprachen vorkamen und in früheren Zeiten zwei unterschiedliche Laute repräsentierten. Im 19. Jahrhundert standen jedoch beide für den Vokal [e], sodass Schüler mühsam auswendig lernen mussten, in welchen Wörtern welcher Buchstabe zu schreiben war. Befürworter der Reform argumentierten, dass die Abschaffung von „unnötigen“ Buchstaben den bildungsfernen Schichten das Erlernen der Orthographie erleichtere. Die Traditionalisten dagegen setzten ihre Streichung gleich mit einer Verleugnung der literarischen Tradition und der Orthodoxie.

Im Jahr 1912 legt die Expertenkommission einen Reformvorschlag vor, der jedoch unbeachtet blieb. Auch eine Nachfrage des ersten Allrussländischen Kongresses der Lehrer zur Jahreswende 1916/17 bleibt erfolglos. Erst die Provisorische Regierung führt im Mai 1917 eine Rechtschreibreform durch. Neben der Abschaffung der Dubletten im Alphabet sieht sie auch eine Vereinfachung in der Deklination der Adjektive und Pronomen vor. Die Umsetzung verlief allerdings schleppend.

Requisition der Buchstaben

Schließlich greifen die Bolschewiki die Idee auf eine radikale Weise auf. Die Reform solle breiten Volksmassen den Erwerb des Lesens und Schreibens erleichtern und die Schule vom „unnötigen und unproduktiven Zeit- und Kraftverschwenden beim Erlernen des Rechtschreibens“ befreien, so das Dekret vom 23. Dezember 1917 (5. Januar 1918 nach neuer Zeitrechnung). Der einzige „Mehrwert“ der Reform bestand letztlich darin, dass die Nutzung der neuen Orthographie ab Januar 1918 für die Veröffentlichungen aller Staats- und Regierungsorgane verpflichtend wurde. Die endgültige Umsetzung dauerte jedoch an und bedurfte noch eines zweiten Dekrets, das im Herbst 1918 verabschiedet wurde. Ab dem 15. Oktober waren die fraglichen Buchstaben endgültig verboten, und die neue Orthographie setzte sich durch. Kritiker bezeichneten beide Dekrete als Plagiat.

Revolutionär gesinnte Matrosen, die die Reform als Symbol für das Abschneiden alter, orthodoxer Zöpfe und das Anbrechen einer neuen Zeit betrachten, requirieren in den Druckereien die verbotenen Buchstaben. Dabei schlugen sie allerdings über die Stränge: Am Wortende maskuliner Substantive stand das harte Zeichen ъ. Da es längst keine mehr Funktion hatte, wurde diese Position in der Reform bereinigt und die Revolutionäre entwendeten den Druckereien auch das  Zeichen ъ. Innerhalb einzelner Wörter allerdings ist es für die Bedeutungsgliederung notwendig, sodass die Drucksetzer in ihrer Not das Apostroph als Ersatz verwenden. Auch das Wort съезд (s-ezd – dt. ‘Tagung, Kongress’), das zu den Lieblingswörtern der sowjetischen Kollektivorganisationen gehörte, war betroffen und wurde vorläufig als с'езд gedruckt.

„Good guy“ versus „bad guy“

Die Veränderungen der Sprache beschränken sich jedoch nicht auf einzelne Buchstaben oder neue Wörter und stilistische Merkmale. Die Revolution von 1917 markiert den Start für die Entwicklung einer neuen ideologisch geprägten Sprache, die oft in Anspielung auf Orwells 1984 als Newspeak oder schlicht als ideologische Sprache bezeichnet wird. Die abstrakten Redewendungen, die die bolschewistische Macht legitimieren müssen, waren am Anfang für viele Menschen unverständlich und wurden als fertige Sprachformeln unkritisch wahrgenommen und reproduziert. Ihre Gestalter hatten sie als Handlungsanleitung für die soziale Interaktion gedacht. Und diese Handlungsanleitung polarisierte.

Auch wenn es hier zum größten Teil um die üblichen Elemente der Propagandasprache geht, die auf einer Gegenüberstellung von „good guy“ und „bad guy“ aufgebaut ist, wird diese Dichotomie „nirgendwo sonst so konsequent realisiert wie im sowjetischen Diskurs“.1 Viele Wörter und Wortbeziehungen werden politisch und ideologisch aufgeladen, und selbst die Wörter, die Synonympaare bilden, bekommen unterschiedliche politische Konnotationen.

Während die Sowjetunion beispielsweise auf Basis der miroljubije (dt. wörtlich ‘Friedensliebe’) außenpolitisch agiert, spiegelt der politische Gegner pacifizm ‘Pazifismus’ vor.2 Nachdem mit der Abdankung des Zaren die Zeit des Untertanentums Poddanstwo vorbei war, feiert die sowjetische Propaganda das Konzept der Grashdanstwo ‘Staatsbürgerschaft’ – abgeleitet von Grashdanin, dem Bürger mit Rechten und Pflichten. Poddanstwo wird forthin für Angehörige von Staaten verwendet, die es noch aus den Fängen der Monarchie oder des Kapitalismus zu befreien galt. Selbst nach dem Zerfall der Sowjetunion findet sich Poddanstwo auch noch einige Zeit auf den Migrationskarten, die Ausländer bei der Einreise in die Russische Föderation auszufüllen hatten.

Mit der Reform von 1917 gingen tiefgreifende sprachliche Umwälzungen einher / Foto © FAndrey/flickr.com

Das metaphorische Freund-Feind-Bild funktioniert ähnlich: kommen beim „verfaulenden Kapitalismus“ oder den „Haifischen des Kapitalismus“ Bilder von Fäulnis, Aas oder Raubtieren zum Einsatz, leisten sich die Sowjetvölker „brüderliche Hilfe“. Wird dem Marxismus der Superlativ der „fortschrittlichsten Lehre“ zugeschrieben oder Parteitagsbeschlüssen mit der Tautologie „gänzlich und vollständig“ die Unterstützung ausgesprochen, soll die Wortwahl die Einheit und Stabilität des Sowjetsystems widerspiegeln.

Viele Propagandatexte zeichnen sich durch eine vage Anbindung an Zeit und Kommunikationssituation aus: Liest der Passant die Losung Von Lenin lernen heißt siegen lernen! bleibt unklar, ob es sich um einen Appell oder eine Feststellung handelt. Zusätzlich werden für das sozialistische Lager Wörter wie alle, jeglicher, sämtlich, voll, geeint verwendet, während man für die Beschreibung des Gegners Ausdrücke benutzt, die Partialität und Vereinzelung widerspiegeln: irgendein, ein gewisser, mancher et cetera.3 Wenn also auf Parteitagen davon gesprochen wird, dass „sich einige maskierte Feinde unter uns befinden“, muss der Zuhörer sich selbst prüfen, ob er zu den Feinden oder der Wir-Gruppe gehört.

Veteranen der Arbeit und weitere Militarismen

Da sich der Kommunismus schon vor der Revolution von 1917 im Kampf gegen Monarchie und Kapitalismus befand, finden sich Militarismen von Anbeginn an in der Sprachverwendung wieder. Verdiente Arbeiter werden als Veteranen der Arbeit bezeichnet und die Brigade dient als Organisationseinheit des Arbeitskollektivs. Im Bürgerkrieg wird die Militarisierung der Sprache noch weiter vorangetrieben und vermischt sich teilweise mit einer Vorliebe für technische Begriffe: die Alphabetisierungskampagne in den 1920er Jahren wird somit zur Liquidierung des Analphabetismus stilisiert. Bei einigen Militarismen, wie Komandirowka für Dienstreise oder Putjowka als Reisegutschein – ursprünglich das Dokument, das Soldaten auf der Reise mit sich trugen – ist die militärische Herkunft heute verblasst.

Die ideologische Sprache wurde nicht nur konsequent, sondern auch nachhaltig umgesetzt, und wirkt bis in die Gegenwart hinein. Die Folgen sind nicht nur für Sprachwissenschaftler sichtbar. Und nach dem Zerfall der UdSSR blieb die sowjetische Epoche erhalten in der Sprache, die unter anderem auch im russischen Parlament zu hören ist.4


1.Weiss, Daniel (2017): Einheitlich bipolar: Die Sprache des Sowjetsystems aus linguistischer Sicht, in: Osteuropa Nr. 6-8/2017, S. 428
2. dies und das folgende vgl. Weiss, Daniel (1986): Was ist neu am „newspeak“? Reflexionen zur Sprache der Politik in der Sowjetunion, in: Slavistische Linguistik 1985, München, S. 247-321
3.mehr dazu: Weiss, Daniel (2017), S. 428–429
4.nashagazeta.ch: „Professor Daniel Weiss: «the soviet language», great and powerful...“
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