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Sprache und Revolution

Alten Denkmustern durch eine neue Sprache die Grundlage entziehen – dieses Kalkül der kommunistischen Revolutionäre ist in der Orthographiereform des Russischen besonders augenfällig. Bezeichnenderweise wurde die radikale Sprachreform nur wenige Wochen nach dem OktoberumsturzAm 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang., am 23. Dezember 1917 (05. Januar 1918)Am 26. Januar 1918 verabschiedete die bolschewistische Regierung ein Dekret über den Übergang zum gregorianischen Kalender. Damit holte man 13 Tage Unterschied in der Zeitrechnung zwischen Russland und den meisten europäischen Ländern auf und wollte dem „chronologischen Doppeldenken“ ein Ende setzen. Da die Russisch-Orthodoxe Kirche den „neuen“ Kalender nicht akzeptierte und kirchliche Feiertage weiter nach dem julianischen Kalender feierte, kam es zur sogenannten „Doppelherrschaft der Zeitregime“. Prominentestes Beispiel dafür ist die gleichzeitige Existenz des Neujahrsfestes (am 1. Januar) und des „alten“ Neujahrsfestes (am 14. Januar). verabschiedet. Die Reform, der viele Buchstaben zum Opfer fielen, wurde jedoch oft als Plagiat verspottet: Die Vorbereitungen liefen schon vor den BolschewikiDie Bolschewiki („Mehrheitler“) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki („Minderheitler“) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor. , ab dem Jahr 1904.

Und doch wird diese Reform mit der Revolution assoziiert: Schließlich gingen mit ihr auch tiefgreifende sprachliche Umwälzungen einher. Fast unbemerkt schlichen sie sich in den Sprachgebrauch ein und beeinflussen das Russische und seine Sprecher bis heute.

Die Rechtschreibreform 1917/1918 hatte eine lange Vorgeschichte. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert klagten viele Lehrer über die Unregelmäßigkeiten und Ausnahmen in der russischen Orthographie, die den Schülern viel Auswendiglernen abverlangten. Erst auf eine Anfrage der Hauptverwaltung der Militärischen Ausbildungsstätten hin wurde die Akademie der Wissenschaften aktiv und setzte im Jahr 1904 eine 50-köpfige Expertenkommission ein. Das Thema der Reform ging aber erst einmal in heftigen Diskussionen unter.

Streit um einen Buchstaben

Die alte russische Rechtschreibung basierte auf einer Mischung aus phonetischem und etymologischem Prinzip, die häufig in Konflikt miteinander standen. So traten im Russischen mehrere Buchstabenpaare mit demselben Lautwert auf: Der Vokal [i] wurde beispielsweise mit drei unterschiedlichen Buchstaben wiedergegeben, nämlich И, і und Ѵ.

Der Buchstabe Jat‘ Ѣ mit dem Lautwert [e] avancierte zum Symbol für den Streit zwischen den Traditionalisten und den Befürwortern der Reform. Er fiel nicht nur durch seine Form und Verwendungshäufigkeit auf, sondern spiegelte in gewisser Weise auch die Entstehungsgeschichte der russischen Standardsprache wieder. Ähnlich wie Schwyzerdütsch und Hochdeutsch befand sich das Russische als Volkssprache jahrhundertelang in einer Diglossiesituation mit dem Kirchenslavischen. Die Russische Standardsprache vereinigte schließlich Merkmale aus beiden Sprachen – und behielt die Buchstaben Ѣ und E bei, die in beiden Vorgängersprachen vorkamen und in früheren Zeiten zwei unterschiedliche Laute repräsentierten. Im 19. Jahrhundert standen jedoch beide für den Vokal [e], sodass Schüler mühsam auswendig lernen mussten, in welchen Wörtern welcher Buchstabe zu schreiben war. Befürworter der Reform argumentierten, dass die Abschaffung von „unnötigen“ Buchstaben den bildungsfernen Schichten das Erlernen der Orthographie erleichtere. Die Traditionalisten dagegen setzten ihre Streichung gleich mit einer Verleugnung der literarischen Tradition und der Orthodoxie.

Im Jahr 1912 legt die Expertenkommission einen Reformvorschlag vor, der jedoch unbeachtet blieb. Auch eine Nachfrage des ersten Allrussländischen Kongresses der Lehrer zur Jahreswende 1916/17 bleibt erfolglos. Erst die Provisorische RegierungNach der Februarrevolution 1917, mit der in Russland der letzte Zar gestürzt wurde, wurde in Russland eine „Doppelherschaft“ eingeführt. Auf einer Seite standen die Sowjets der Arbeiter und Soldaten auf der anderen die Provisorische Regierung. Sie bestand bis zur Oktoberrevolution unter wechselnder Führung und hatte sich seit Juli 1917 in den Winterpalast zurückgezogen. Schon im Frühjahr hatte die Regierung - deren Regierungsphase auch als demokratisches Experiment bezeichnet wird - erste Krisenerscheinungen, während die Sowjets zunehmend an Macht gewannen. führt im Mai 1917 eine Rechtschreibreform durch. Neben der Abschaffung der Dubletten im Alphabet sieht sie auch eine Vereinfachung in der Deklination der Adjektive und Pronomen vor. Die Umsetzung verlief allerdings schleppend.

Requisition der Buchstaben

Schließlich greifen die Bolschewiki die Idee auf eine radikale Weise auf. Die Reform solle breiten Volksmassen den Erwerb des Lesens und Schreibens erleichtern und die Schule vom „unnötigen und unproduktiven Zeit- und Kraftverschwenden beim Erlernen des Rechtschreiben“ befreien, so das Dekret vom 23. Dezember 1917 (5. Januar 1918 nach neuer ZeitrechnungAm 26. Januar 1918 verabschiedete die bolschewistische Regierung ein Dekret über den Übergang zum gregorianischen Kalender. Damit holte man 13 Tage Unterschied in der Zeitrechnung zwischen Russland und den meisten europäischen Ländern auf und wollte dem „chronologischen Doppeldenken“ ein Ende setzen. Da die Russisch-Orthodoxe Kirche den „neuen“ Kalender nicht akzeptierte und kirchliche Feiertage weiter nach dem julianischen Kalender feierte, kam es zur sogenannten „Doppelherrschaft der Zeitregime“. Prominentestes Beispiel dafür ist die gleichzeitige Existenz des Neujahrsfestes (am 1. Januar) und des „alten“ Neujahrsfestes (am 14. Januar).). Der einzige „Mehrwert“ besteht letztlich darin, dass die neue Orthographie für die Publikationen aller Regierungs- und Staatsorgane zum Anfang des Jahres 1918 verpflichtend wird. Kritiker schimpfen das Dekret deshalb ein Plagiat.

Revolutionär gesinnte Matrosen, die die Reform als Symbol für das Abschneiden alter, orthodoxer Zöpfe und das Anbrechen einer neuen Zeit betrachten, requirieren in den Druckereien die verbotenen Buchstaben. Dabei schlugen sie allerdings über die Stränge: Am Wortende maskuliner Substantive stand das harte Zeichen ъ. Da es längst keine mehr Funktion hatte, wurde diese Position in der Reform bereinigt und die Revolutionäre entwendeten den Druckereien auch das  Zeichen ъ. Innerhalb einzelner Wörter allerdings ist es für die Bedeutungsgliederung notwendig, sodass die Drucksetzer in ihrer Not das Apostroph als Ersatz verwenden. Auch das Wort съезд (s-ezd – dt. ‘Tagung, Kongress’), das zu den Lieblingswörtern der sowjetischen Kollektivorganisationen gehörte, war betroffen und wurde vorläufig als с'езд gedruckt.

„Good guy“ versus „bad guy“

Die Veränderungen der Sprache beschränken sich jedoch nicht auf einzelne Buchstaben oder neue Wörter und stilistische Merkmale. Die Revolution von 1917 markiert den Start für die Entwicklung einer neuen ideologisch geprägten Sprache, die oft in Anspielung auf Orwells 1984 als Newspeak oder schlicht als ideologische Sprache bezeichnet wird. Die abstrakten Redewendungen, die die bolschewistische Macht legitimieren müssen, waren am Anfang für viele Menschen unverständlich und wurden als fertige Sprachformeln unkritisch wahrgenommen und reproduziert. Ihre Gestalter hatten sie als Handlungsanleitung für die soziale Interaktion gedacht. Und diese Handlungsanleitung polarisierte.

Auch wenn es hier zum größten Teil um die üblichen Elemente der Propagandasprache geht, die auf einer Gegenüberstellung von „good guy“ und „bad guy“ aufgebaut ist, wird diese Dichotomie „nirgendwo sonst so konsequent realisiert wie im sowjetischen Diskurs“.1 Viele Wörter und Wortbeziehungen werden politisch und ideologisch aufgeladen, und selbst die Wörter, die Synonympaare bilden, bekommen unterschiedliche politische Konnotationen.

Während die Sowjetunion beispielsweise auf Basis der miroljubije (dt. wörtlich ‘Friedensliebe’) außenpolitisch agiert, spiegelt der politische Gegner pacifizm ‘Pazifismus’ vor.2 Nachdem mit der Abdankung des ZarenNikolaus II. (1868–1918) war der letzte russische Zar. Der Sohn Alexanders III. regierte von 1894 bis zu seiner erzwungenen Abdankung am 02. (15.) März 1917. Unter seiner Herrschaft verlor Russland nicht nur den Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05, sondern erlebte auch die Revolution von 1905, die zur Einführung des ersten russischen Parlaments, der Duma, führte. In der historischen Forschung wird Nikolaus II. oft als eher schwacher und unentschlossener Herrscher dargestellt. Im Juli 1918 wurde er gemeinsam mit seiner Familie von den Bolschewiki ermordet. Im Jahr 2000 wurden er und seine Familie von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. die Zeit des Untertanentums Poddanstwo vorbei war, feiert die sowjetische Propaganda das Konzept der Grashdanstwo ‘Staatsbürgerschaft’ – abgeleitet von Grashdanin, dem Bürger mit Rechten und Pflichten. Poddanstwo wird forthin für Angehörige von Staaten verwendet, die es noch aus den Fängen der Monarchie oder des Kapitalismus zu befreien galt. Selbst nach dem Zerfall der SowjetunionDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. findet sich Poddanstwo auch noch einige Zeit auf den Migrationskarten, die Ausländer bei der Einreise in die Russische Föderation auszufüllen hatten.

Mit der Reform von 1917 gingen tiefgreifende sprachliche Umwälzungen einher / Foto © FAndrey/flickr.com

Das metaphorische Freund-Feind-Bild funktioniert ähnlich: kommen beim „verfaulenden Kapitalismus“ oder den „Haifischen des Kapitalismus“ Bilder von Fäulnis, Aas oder Raubtieren zum Einsatz, leisten sich die Sowjetvölker „brüderliche Hilfe“. Wird dem Marxismus der Superlativ der „fortschrittlichsten Lehre“ zugeschrieben oder Parteitagsbeschlüssen mit der Tautologie „gänzlich und vollständig“ die Unterstützung ausgesprochen, soll die Wortwahl die Einheit und Stabilität des Sowjetsystems widerspiegeln.

Viele Propagandatexte zeichnen sich durch eine vage Anbindung an Zeit und Kommunikationssituation aus: Liest der Passant die Losung Von LeninNach der Februarrevolution, die zur einer Doppelherrschaft von Provisorischer Regierung und Arbeiter- und Soldatensowjet geführt hatte, fixierte sich Lenin auf den gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierung. Die bolschewistische Partei wurde zum Anziehungspunkt für alle unzufriedenen, radikalen und anarchistischen Elemente, die durch die revolutionären Ereignisse aufgewühlt worden waren. Nach dem misslungenen Juliaufstand nutzte Lenin die politische Krise und das Machtvakuum aus, um seine Strategie des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 zu verwirklichen.  lernen heißt siegen lernen! bleibt unklar, ob es sich um einen Appell oder eine Feststellung handelt. Zusätzlich werden für das sozialistische Lager Wörter wie alle, jeglicher, sämtlich, voll, geeint verwendet, während man für die Beschreibung des Gegners Ausdrücke benutzt, die Partialität und Vereinzelung widerspiegeln: irgendein, ein gewisser, mancher et cetera.3 Wenn also auf Parteitagen davon gesprochen wird, dass „sich einige maskierte FeindeDer maskierte Feind ist ein Begriff aus der Sowjetpropaganda, der sich gegen versteckte Dissidenten und politische Gegner innerhalb der Kommunistischen Partei richtete. Ziel des mutmaßlichen maskierten Feindes ist es der Propaganda zufolge, durch doppelzüngiges und intrigantes Verhalten das gegenseitige Misstrauen der Parteigenossen zu schüren, um so von den eigentlichen Feinden des Vaterlandes abzulenken. unter uns befinden“, muss der Zuhörer sich selbst prüfen, ob er zu den Feinden oder der Wir-Gruppe gehört.

Veteranen der Arbeit und weitere Militarismen

Da sich der Kommunismus schon vor der Revolution von 1917 im Kampf gegen Monarchie und Kapitalismus befand, finden sich Militarismen von Anbeginn an in der Sprachverwendung wieder. Verdiente Arbeiter werden als Veteranen der Arbeit bezeichnet und die Brigade dient als Organisationseinheit des Arbeitskollektivs. Im BürgerkriegNach der Oktoberrevolution 1917 kam es zu Erhebungen unterschiedlicher antibolschewistischer Kräfte – der Weißen – gegen die neuen sowjetischen Machthaber – die Roten. Die Kämpfe wurden von beiden Seiten mit äußerster Brutalität geführt, vor allem auch gegen die Zivilbevölkerung. Dass die Weißen weder politisch noch organisatorisch eine Einheit bildeten, war letztendlich ein wesentlicher Grund für ihre Niederlage. Demgegenüber gelang den Bolschewiki der straffe Aufbau der Roten Armee, mit deren Hilfe sie auch die Niederschlagung parallel zur Auseinandersetzung mit den Weißen entstandener Konflikte erreichten (Polnisch-Sowjetischer Krieg, Partisanenbewegungen, Abfall von Randgebieten). Der Sieg im Bürgerkrieg bedeutete die endgültige Machtkonsolidierung für die sowjetische Regierung. wird die Militarisierung der Sprache noch weiter vorangetrieben und vermischt sich teilweise mit einer Vorliebe für technische Begriffe: die Alphabetisierungskampagne in den 1920er Jahren wird somit zur Liquidierung des Analphabetismus stilisiert. Bei einigen Militarismen, wie Komandirowka für Dienstreise oder Putjowka als Reisegutschein – ursprünglich das Dokument, das Soldaten auf der Reise mit sich trugen – ist die militärische Herkunft heute verblasst.

Die ideologische Sprache wurde nicht nur konsequent, sondern auch nachhaltig umgesetzt, und wirkt bis in die Gegenwart hinein. Die Folgen sind nicht nur für Sprachwissenschaftler sichtbar. Und nach dem Zerfall der UdSSR blieb die sowjetische Epoche erhalten in der Sprache, die unter anderem auch im russischen ParlamentAls Staatsduma wird das 450 Abgeordnete umfassende Unterhaus der Föderalen Versammlung Russlands bezeichnet. Im Verhältnis zu Präsident und Regierung nimmt die Duma verfassungsmäßig im internationalen Vergleich eine schwache Stellung ein. Insbesondere das Aufkommen der pro-präsidentiellen Partei Einiges Russland führte dazu, dass die parlamentarische Tätigkeit zunehmend von Präsident und Regierung bestimmt wurde. zu hören ist.4


1.Weiss, Daniel (2017): Einheitlich bipolar: Die Sprache des Sowjetsystems aus linguistischer Sicht, in: Osteuropa Nr. 6-8/2017, S. 428
2. dies und das folgende vgl. Weiss, Daniel (1986): Was ist neu am „newspeak“? Reflexionen zur Sprache der Politik in der Sowjetunion, in: Slavistische Linguistik 1985, München, S. 247-321
3.mehr dazu: Weiss, Daniel (2017), S. 428–429
4.nashagazeta.ch: „Professor Daniel Weiss: «the soviet language», great and powerful...“
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