
Die Amtszeit des ersten Präsidenten Russlands Boris Jelzin gilt häufig als die einzige demokratische Phase in der Geschichte des Landes. In Wirklichkeit jedoch wurden gerade unter Jelzin die institutionellen und politischen Grundlagen für die spätere autoritäre Wende unter Putin gelegt, die wiederum die Voraussetzungen für die russische Aggression gegen die Ukraine schuf.
Ähnlich ambivalent wie die Figur Jelzin ist auch das 2015 in seiner Heimatstadt Jekaterinburg eröffnete Jelzin-Zentrum. In dem voranschreitenden Autoritarismus galt dieses Museum vielen als eine Insel der Freiheit. Tatsächlich war das teils staatlich finanzierte Zentrum eine beliebte Plattform der liberal-demokratischen Opposition und damit auch eine zentrale Zielscheibe für Hardliner. Das Museum zog aber auch immer wieder Kritik aus liberalen Kreisen auf sich: unter anderem wegen eines Personenkults um Jelzin, einer Sakralisierung des Präsidentenamtes oder eben wegen der Romantisierung der 1990er Jahre.
Jäh beendet wurde diese Diskussion mit dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine. Die letzten Reste der liberal-demokratischen Opposition sind seitdem entweder verstummt oder geflüchtet, die letzte Insel der Freiheit in Russland wurde gleichgeschaltet. Das Onlinemedium Bereg hat die Entwicklung nachgezeichnet.
Am Abend des 24. Februar 2022 klingelte bei Oleg Lutochin, dem leitenden Direktor des Jelzin-Zentrums, das Telefon. „Oleg, wir wollen morgen früh eine Antikriegserklärung rausgeben“, sagte Tatjana Jumaschewa, die Tochter des ersten Präsidenten der Russischen Föderation [Boris Jelzin – dek] und Mitglied im Beirat des Zentrums. „Man könnte uns dichtmachen. Sind Sie innerlich darauf vorbereitet?“
„Und weil das Schlimmste bereits geschehen war, überlegte ich nicht lange und sagte ja“, erinnert sich Lutochin. „Normalerweise bin ich nicht sentimental, aber als ich auflegte, kamen mir die Tränen. Der Standpunkt der Leitung entsprach genau meinem persönlichen Gefühl.“
Am zweiten Tag der Invasion erschien die folgende Stellungnahme auf der Website des Jelzin-Zentrums:
„Im vollen Bewusstsein der Verantwortung, die auf uns als den Bürgern der stärkeren Partei in diesem brudermörderischen Konflikt lastet, rufen wir dazu auf, alle Kriegshandlungen unverzüglich einzustellen.“
Damit wurde das Jelzin-Zentrum zur einzigen großen Organisation außerhalb von Moskau – noch dazu von Staatsmitteln abhängig –, die sich offen gegen den Krieg stellte.
Nur anschauen, nicht anfassen
Vor dem halbrunden Gebäude auf der Jelzin-Straße in Jekaterinburg, dem Sitz des Jelzin-Zentrums, steht ein verschneites Denkmal zu Ehren des ersten Präsidenten der Russischen Föderation, einem gebürtigen Uraler. Über zwei Etagen erstreckt sich ein Museum, das ihm gewidmet ist. Die restlichen sieben Etagen teilt sich die Organisation mit diversen anderen Mietern.
Die Dauerausstellung wird von einem Animationsfilm des Regisseurs Dschanik Fajsijiew eröffnet, der elf Jahrhunderte der russischen Geschichte als kontinuierlichen Widerstreit zwischen Freiheit und Unfreiheit zeichnet.
Die letzte Szene spielt im August 1991, als Boris Jelzin das Staatskomitee für den Ausnahmezustand (GKTschP) bezwingt und die Freiheit – laut Film – endgültig siegt.
Eine Museumsführerin, die bereits seit zwei Jahrzehnten individuelle Führungen durch Jekaterinburg anbietet, erzählt uns, die Besucher des Jelzin-Zentrums würden diesen Ort gerne als „Fotokulisse“ nutzen.
Die Dauerausstellung gehört zu den wichtigsten touristischen Zielen in Jekaterinburg. Dabei haben viele Einheimische sie selbst noch nie besucht. Für sie ist das Jelzin-Zentrum vor allem ein sogenannter Dritter Ort: Ein Ort in der Stadt, der weder mit dem eigenen Zuhause noch mit Arbeit verbunden ist, ein Raum, in dem man Freunde treffen kann: zu einem Konzert, einem Vortrag oder Flohmarkt.
Ein Haufen illustrer Gäste
Am Vorabend der Eröffnung am 25. November 2015 landeten auf dem Flughafen Jekaterinburg Präsident Wladimir Putin, Premierminister Dimitri Medwedew, der ehemalige Präsident der Ukraine Leonid Kutschma sowie der ehemalige belarussische Präsident Stanislau Schuschkewitsch. An Bord waren auch Putins Freund und Rosneft-Chef Igor Setschin sowie Unternehmer und ehemaliger Präsidentschaftskandidat Michail Prochorow (Rosneft und Prochorow traten als Sponsoren des Zentrums auf).
Ein eigens gechartertes Flugzeug beförderte bekannte Moskauer Journalisten. Einer von ihnen, Alexej Piwowarow, bezeichnete den Flug auf Facebook als „Jelzin-Charter“. Ein anderer Passagier schrieb an seine Freunde: „Hier sind einfach alle. Wenn wir abstürzen, ist der freie Journalismus Geschichte.“
Die Washington Post bezeichnete das Museum einst als „strahlendes Denkmal für Boris Jelzin und die 1990er Jahre“. Die dänische Kuratorin und Museumsdirektorin Jette Sandahl beschrieb es als eindrucksvolles Beispiel für multimediale Gestaltung, das „das bewegte, ereignisreiche Leben seines Helden im Zusammenspiel mit seiner Epoche verewigt, um die zeitlosen Werte der Demokratie und der Menschenrechte zu vermitteln“.
Zwei Jahre nach seiner Eröffnung wurde das Museum des Jelzin-Zentrums mit dem Museumspreis des Europarats sowie dem renommierten Kenneth-Hudson-Award ausgezeichnet – „für seine ungewöhnliche und mutige Leistung, die die althergebrachten Vorstellungen von der Rolle eines Museums in der Gesellschaft in Frage stellt“.
Alle Elemente der Ausstellung seien nach dem Domino-Prinzip miteinander verbunden, erklären ehemalige und derzeitige Mitarbeiter des Museums: Entfernt man auch nur ein einziges Detail, werde dadurch die sensible und für das Ausstellungserlebnis so entscheidende Kohärenz buchstäblich zerstört.
Diese Besonderheit führte offenbar dazu, dass mehrere Kandidaten eine Mitarbeit bereits im Vorfeld der Eröffnung ablehnten. Einer der Anwärter für eine Führungsposition habe sich nach eigenen Angaben während des Vorstellungsgesprächs nach dem Entwicklungspotential der Ausstellung erkundigt. Als man ihm sagte, die Exposition sei bereits vollständig konzipiert und fertiggestellt, lehnte er das Angebot ab. Und er sei nicht der Einzige gewesen.
Es gibt nichts, wofür man sich schämen muss
Die Familie Jelzin-Jumaschew (in Russland der 1990er Jahre landläufig bekannt als „die Familie“) war an der Gestaltung der Dauerexposition bis ins Detail aktiv beteiligt. Tatjana Jumaschewa entwarf sogar persönlich eine Souvenir-Reihe, bestehend aus Bechern und T-Shirts mit Zitaten des Präsidenten.
Walentin Jumaschew, Boris Jelzins Schwiegersohn und ehemaliger Leiter der Präsidialverwaltung, holte seine Kollegen von der Komsomolskaja Prawda ins Zentrum, mit denen er bereits in den 1980er Jahren zusammengearbeitet hatte: Alexander Drosdow wurde Geschäftsführer, Ljudmila Telen seine Stellvertreterin. Auch die Idee zum Animationsfilm Geschichte Russlands, der die Geschichte des Landes als einen ständigen Kampf um Freiheit zeichnet (Putin kommt in dem Film nicht vor), kam von Jumaschew selbst.
Diese Konstellation musste zwangsläufig Fragen nach der Objektivität aufwerfen. „Die ganze Ausstellung ist durchwirkt von einem Narrativ der Sakralität der Macht“, schrieb 2017 Jekaterina Boltunowa, die Leiterin des Instituts für russische Geschichte an der Moskauer Higher School of Economics. Das passe gut zur „monarchistischen Tradition des Russischen Imperiums“, fügt sie hinzu.
Für die meiste Kritik sorgte der Ausstellungsraum zum Ersten Tschetschenienkrieg: ein schmaler Raum mit roten Wänden. Durch „Einschusslöcher“ an den Wänden können die Besucher Fotos von russischen Soldaten sehen und Briefe an deren Angehörige lesen. Der Eingang zu diesem Saal liegt gut versteckt hinter der Ausstellung zu den Wahlen 1996, so dass man ihn leicht übersieht.
So unauffällig wie möglich verhalten
„Schweigen und Doomscrolling. Das war alles, was hier los war“, erinnert sich ein ehemaliger leitender Mitarbeiter des Jelzin-Zentrums an den Morgen des 24. Februar 2022. „Alle Worte schienen ihre Bedeutung verloren zu haben. Leere Blicke. Wir saßen einfach da und starrten die Nachrichten an.“
Anfang März 2022 verabschiedete die Duma das Gesetz über eine „Diskreditierung der russischen Armee“ und stellte die Arbeit der Programmdirektion, die für die Vortragsreihen zuständig war, vor ein Problem. „Wir hatten das Gefühl, dass sich das Fenster der Möglichkeiten schließt. Jeder, der öffentlich auftrat, und auch die Veranstalter, konnten mindestens wegen ‚Diskreditierung‘ zur Rechenschaft gezogen werden“, erinnert sich der ehemalige Museumsdirektor Oleg Lutochin.
„Wir gaben unsere Revolte ziemlich schnell auf“, erzählt ein ehemaliger Leiter des Jelzin-Zentrums. „Es wurde klar, dass wir uns vorerst so unauffällig und vorsichtig wie möglich verhalten mussten.“ Mit „Revolte“ ist jene Antikriegs-Erklärung des Zentrums vom 25. Februar 2022 gemeint: „Alle waren in Aufruhr. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Polizei und der FSB. Ein Fehltritt, und wir hätten keinen Skandal, sondern ein Strafverfahren am Hals gehabt … Das hätte zur Schließung des Jelzin-Zentrums und zum Austausch der gesamten Führung führen können …“
Als die Soziologin Jelena Trubina im Zuge einer wissenschaftlichen Arbeit über das Jelzin-Zentrum einen der Mitarbeiter fragte, worin die Mission des Zentrums bestehe, sagte der: „Die Zahl der Idioten zu verringern.“
Den ganzen März über wurde in der Programmdirektion über das neue Gesetz diskutiert und versucht, sich auf ein Vorgehen zu einigen. „Die einen meinten: Vielleicht sollten wir gar nichts tun, zumindest eine Zeitlang. Die anderen: Nein, was redet ihr da, wir müssen weitermachen, alle Hoffnung liegt auf uns“, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter.
Seit der Eröffnung des Zentrums sei das Ziel gewesen, es zum „besten Ort der Stadt“ zu machen, erzählt Lutochin. Als die Soziologin Jelena Trubina im Zuge einer wissenschaftlichen Arbeit über das Jelzin-Zentrum einen der Mitarbeiter fragte, worin die Mission des Zentrums bestehe, sagte der: „Die Zahl der Idioten zu verringern.“

Zu den Vortragenden im Jelzin-Zentrum gehörten u. a. der Chef der Sberbank German Gref, Regisseur Andrej Swjaginzew, Journalist Leonid Parfjonow, Politiker Anatoli Tschubais und Politologin Ekaterina Schulmann. Das Festival Slowa i musyka swobody (dt. Worte und Musik der Freiheit) zog alljährlich Tausende von Interessierten an. 2019 traten dort Fernsehmoderator Wladimir Posner und Regisseur Alexander Rodnjanski auf. Kirill Serebrennikow zeigte hier sein Stück Nascha Alla (dt. Unsere Alla) über Alla Pugatschowa. (Abgesehen von Gref und Posner haben sich alle oben genannten Personen 2022 gegen den Krieg ausgesprochen und leben jetzt im Exil.)
Schon vor dem Krieg mussten manche Vorträge mit dem Geschäftsführer des Zentrums Alexander Drosdow und seiner ersten Stellvertreterin Ljudmila Telen abgestimmt werden. „Manchmal sah sie sich [den Vorschlag] an, überlegte und sagte: Ich melde mich morgen, ok? Wo sie nachfragte, mit wem sie das besprach – keine Ahnung“, erzählt ein ehemaliger Mitarbeiter.
Auf die Frage, warum er die Gäste mit Telen habe abstimmen müssen, erklärt unser Gesprächspartner: „Wir mussten so vorgehen, dass man uns nichts anhängen konnte.“
Von Selbstzensur durchsetzt
Im Frühjahr 2022, kurz nach Kriegsbeginn, kam der Geschäftsführer Alexander Drosdow von Moskau nach Jekaterinburg. Bei einer der Diskussionen, wie das Jelzin-Zentrum seinen Prinzipien in Zukunft treu bleiben soll und kann, erklärte Drosdow seinen Mitarbeitern: „Jede unserer Handlungen, so heldenhaft sie auch in den Augen der progressiven Öffentlichkeit wirken mögen, hat tiefgreifende Auswirkungen auf unser 200-köpfiges Kollektiv. Die einen haben Hypotheken, die anderen pflegebedürftige Eltern und Angehörige – und dieser Arbeitsplatz ist ihre einzige Möglichkeit, sie zu unterstützen.“
Die meisten Mitarbeiter fanden das Argument nachvollziehbar. Diejenigen, die sich nicht damit anfreunden konnten, verließen das Zentrum nach und nach. Zwei Jahre später räumte Drosdow öffentlich ein, dass das Jelzin-Zentrum Selbstzensur betreiben würde. „Die Umstände der Kriegszeit zwingen uns dazu, vorsichtig zu sein mit dem, was wir an unser Publikum herantragen“, sagte er. Mit echter Zensur sei das Zentrum dabei nicht konfrontiert gewesen: „Ich erinnere mich an keine direkten Bitten oder gar Forderungen. Aber die Atmosphäre ist spürbar.“
Die Mitarbeitenden der Organisation bestätigen, dass die Arbeit von Selbstzensur durchsetzt sei. „Es liegt einfach in der Luft, dass man jeden Moment einen falschen Schritt machen könnte“, beschreibt ein ehemaliger Mitarbeiter der Programmdirektion die Stimmung bei der Auswahl der Vortragenden.
In den ersten Kriegsmonaten ist die Zahl der Vorträge und Diskussionsrunden im Jelzin-Zentrum drastisch gesunken. Während in den Jahren nach der Pandemie etwa zehn Veranstaltungen pro Monat stattfanden, waren es Anfang 2022 nur noch drei bis vier.
„Wir haben uns dazu entschieden, niemanden mehr einzuladen, die irgendwas mit Geistes- und Sozialwissenschaften zu tun haben, sei es Geschichte, Soziologie oder Philosophie“, erklärt ein ehemaliger Programmleiter.
Die Idee vom Freiheitskampf wurde von Gesprächen über eine „Ural-Identität“ abgelöst. Besuchern, die noch vor wenigen Jahren zu Vorträgen von Ekaterina Schulmann gekommen waren, werden jetzt Führungen durch Jekaterinburg angeboten.
Museum der Zerstörung Russlands
Die ersten Proteste gegen die geplante Eröffnung des Jelzin-Zentrums gab es bereits im Sommer 2012: Jemand schüttete über das Jelzin-Denkmal vor dem Gebäude des zukünftigen Museums blaue Farbe. Kurz nach der Eröffnung versammelten sich die Kommunisten zu einer Kundgebung gegen das Zentrum. Ein Jahr nach der Eröffnung gesellten sich zu den traditionellen Jelzin-Gegnern aus der KPRF kremltreue Konservative. Der sowjetische Regisseur Nikita Michalkow verkündete, das Zentrum sei eine „tägliche Injektion zur Zerstörung des nationalen Bewusstseins von Kindern“. Er bezeichnete die Institution als „Brutstätte der Liberalen unter dem Joch der USA“.
Der Publizist Nikolaj Starikow fand damals folgende Worte: „Es handelt sich um ein wildes Sammelsurium aus allen möglichen liberalen Mythen. Ein Spiegelreich, in dem das Gute als Böses verkauft wird und das Böse sich in weiße Westen hüllt. Das ist eigentlich kein Jelzin-Museum, sondern ein Museum der Zerstörung Russlands, garniert mit einer Soße aus hübschen Worten von Freiheit.“
Bis 2022 war die Leitung des Jelzin-Zentrums, das offiziell von der Präsidialadministration der Russischen Föderation gestiftet wurde und staatliche Mittel erhält, davon überzeugt, dass der Institution nichts drohe. „Einmal, ganz zu Beginn unserer Arbeit, kam eine Dame aus der Präsidialverwaltung zu uns. Sie versuchte, uns mit einem Lächeln, durch Verhandlungen und freundliche Gespräche dazu zu bringen, unsere Veranstaltungspläne [zur Abstimmung an die Präsidialadministration] zu schicken“, erinnert sich der ehemalige Leiter des Jelzin-Zentrums. Dazu sei es während seiner gesamten Wirkungszeit allerdings nie gekommen.
Dafür verschwand der Appell, „den Bruderkrieg zu beenden“, im April 2022 wieder von der Website des Zentrums. Die Pressestelle begründete dies mit „Anforderungen der Strafverfolgungsbehörden“.
„Niemand wollte unter diese Gesetze [zur ‚Diskreditierung‘] fallen“, erklärt ein ehemaliger Mitarbeiter des Veranstaltungsorts. „Wir hatten Angst, dass sie missbräuchlich angewendet würden.“
Ruhestörer
Seit 2023 sieht man in den Schlagzeilen zum Jelzin-Zentrum immer häufiger das Wort „abgesagt“. Hinter den Absagen steckt ein bewährtes System. Regierungsnahe Blogger beschweren sich öffentlich über Veranstaltungsankündigungen des Zentrums, woraufhin die Staatsanwaltschaft Warnungen ausspricht, zum Beispiel, etwas könnte als „potenzielle extremistische Tätigkeit“ gewertet werden. Die Veranstaltung muss dann „aus technischen Gründen“ oder ohne jede Erklärung abgesagt werden.
Vermutlich wird der Einfluss des Jelzin-Zentrums auf die Russen von den Denunzianten und Turbopatrioten überschätzt.
Jetzt sind es neben der Selbstzensur und den Denunzianten auch noch die regionalen Behörden, die die Programmpolitik des Zentrums in die richtige Richtung lenken. Seit Beginn des Krieges fordert die Abteilung für Inneres der Verwaltung der Region Swerdlowsk von der Direktion des Jelzin-Zentrums Listen mit den Namen der eingeladenen Redner. Die Beamten kontrollieren die sozialen Netzwerke dieser Leute und die Portfolios der Künstler, deren Arbeiten in der Galerie des Zentrums ausgestellt werden. Manchmal „bitten“ die Mitarbeiter der Regionalverwaltung oder der Staatsanwaltschaft, eine Veranstaltung abzusagen, um „die Ruhe im Bezirk Werch-Issetsk von Jekaterinburg zu wahren“. Dieses Vorgehen wurde gegenüber der Redaktion von zwei Gesprächspartnern bestätigt, die mit der Korrespondenz vertraut sind.
Vermutlich wird der Einfluss des Jelzin-Zentrums auf die Russen von den Denunzianten und Turbopatrioten überschätzt. Im Herbst 2021 führte das Lewada-Zentrum eine Meinungsumfrage durch. Dabei stellte sich heraus, dass die Hälfte der Befragten nicht einmal etwas von der Existenz des Zentrums wusste. Die andere Hälfte teilte sich ungefähr gleichmäßig in Befürworter und Gegner auf.
Nach Ansicht der Museumsführerin sei die Exposition ohnehin nicht fähig, die Einstellung der Menschen gegenüber Jelzin zu verändern: „Ich erinnere mich nicht, dass irgendwann mal jemand nach dem Besuch seine Meinung über die Epoche geändert hatte.“
Der Krieg hats gefordert, und manche sind dem Ruf gefolgt
Gemäß dem Gesetz über die Zentren des historischen Erbes der Präsidenten der Russischen Föderation darf das Jelzin-Zentrum weder umstrukturiert werden noch Konkurs anmelden. Seit seiner Eröffnung bis zum Kriegsausbruch generierten sich die Einnahmen aus drei Quellen: Haushaltsmittel (durchschnittlich 1,6 Milliarden Rubel [durchschnittlich, ungewichtet, nominal: rund 22 Millionen Euro – dek] pro Jahr), Spenden (1,4 Milliarden Rubel [rund 19 Millionen Euro – dek]) und die Gewinne des Zentrums selbst (114 Millionen Rubel [rund 1,5 Millionen Euro – dek]).
Mit Beginn des Krieges schrumpften alle drei Einnahmequellen erheblich. Am stärksten jedoch schlugen die Spendenrückgänge zu Buche: Im Vergleich zu den Jahren 2015 bis 2022 ging die durchschnittliche Summe in den Kriegsjahren 2023 bis 2024 um fast das 14-fache (!) zurück. „Ich nehme an, die Sponsoren haben ihr Geld für andere staatliche Bedürfnisse‘ ausgegeben“, mutmaßt der ehemalige Leiter des Jelzin-Zentrums. „Manche sind dem Ruf des Kriegs gefolgt und haben ihre Mittel umgeleitet.“
Das Jelzin-Zentrum ist faktisch zu einer staatlichen Einrichtung geworden
Infolgedessen ist der Anteil der staatlichen Förderung von 56 Prozent (zwischen 2015 und 2021) auf 77 Prozent gestiegen. Das Jelzin-Zentrum ist faktisch zu einer staatlichen Einrichtung geworden. Gleichzeitig sind die Ausgaben von über zwei Milliarden Rubel [rund 22 Millionen Euro – dek] im Jahr 2023 auf nur 457 Millionen Rubel 2024 gesunken.
„Mit geknebeltem Mund etwas erreichen zu wollen, ist nicht mein Ding. Es ist nicht mehr das Jelzin-Zentrum, das es mal war.“
Im ersten Jahr des großangelegten Krieges verließen sieben wichtige Mitarbeiter das Zentrum. „Wir haben uns jeden Tag gesehen, öfter miteinander telefoniert und geschrieben als mit der eigenen Familie“, beschreibt ein ehemaliger Mitarbeiter die Stimmung im Kollektiv. Ein anderer Ehemaliger erklärt den Grund für seine Kündigung so: „Mit geknebeltem Mund etwas erreichen zu wollen, ist nicht mein Ding. Es ist nicht mehr das Jelzin-Zentrum, das es mal war.“
Alle Abteilungen mussten ihre leitenden Positionen neu besetzen. Viele der noch verbliebenen Mitarbeiter planen, das Jelzin-Zentrum demnächst zu verlassen. „Es herrscht allgemeine Erschöpfung, weil es kein Feedback gibt. Es fühlt sich an, als würde niemand deine Arbeit brauchen“, sagt jemand, der noch vor kurzem im Zentrum angestellt war.
Wie wir von regionalen Journalisten, Medienmanagern und Polittechnologen erfahren, ändern die momentanen Schwierigkeiten des Jelzin-Zentrums nichts an der Einstellung der regionalen Behörden ihm gegenüber.
„Ich weiß, dass der ehemalige Vizegouverneur Oleg Tschemesow das Zentrum aufrichtig hasste, aber nichts dagegen ausrichten konnte“, erklärt der Redakteur eines Jekaterinburger Medienunternehmens. Ein weiterer Gesprächspartner, der regelmäßig mit den Behörden in Kontakt steht, berichtet von einem privaten Gespräch mit einem anderen hochrangigen regionalen Politiker, in dem dieser ebenfalls gesagt haben soll, er würde das Jelzin-Zentrum „hassen“. Im Sommer 2025 kamen beide Beamten dennoch zu einem Empfang des Gouverneurs im Jelzin-Zentrum.
„Ich habe noch nie von irgendwelchen Tabus gehört, was die Nutzung des Zentrums für Partys des Establishments angeht“, sagt ein lokaler Politikberater und Kolumnist einer regionalen Zeitung. „Die Topmanager der Stahlindustrie haben kein Problem damit, dort ihre Sachen zu machen, wann immer sie wollen.“
Auch von der Modebranche wird das Gelände genutzt. „Wenn die Moskauer Szene hört, dass eine Modenschau im Jelzin-Zentrum stattfindet, ist das für sie ein Gütesiegel“, meint jemand, der solche Veranstaltungen organisiert. Ein Fotograf aus Jekaterinburg fügt hinzu: „Es ist ein angesagter Ort, an dem man gerne ein paar Fotos schießt.“
„Behörden auf allen Ebenen sehen den Ort einfach als ein Veranstaltungszentrum … Wäre es nach Stalin benannt, würde es auch nichts ändern“, resümiert ein regelmäßiger Teilnehmer an hochrangigen Veranstaltungen, bei denen auch Beamte anwesend sind.
„Solange die Leitung des Zentrums dieselbe bleibt, droht dem Zentrum nichts“, meint ein ehemaliger Mitarbeiter der Regionalverwaltung. „Ich habe nicht das Gefühl, dass es eine Weisung von ganz oben gibt, den Ort umzugestalten.“
Es wird nichts Schlimmes passieren
„Wären da nicht die persönlichen Beziehungen zwischen Naina Jelzina und Putin und die Schirmherrschaft von Jumaschow, wäre das Zentrum schon früher zerschlagen worden“, meint Alexandra Prokopenko, Forscherin am Berliner Carnegie-Zentrum und Autorin des Buches Soutschastniki (dt. Komplizen) über die russische Bürokratie in Kriegszeiten.
„[Beiratsmitglied Alexander] Woloschin und Jumaschew haben direkten Kontakt zu Wladimir Putin. Es gibt Mäzene – Abramowitsch zum Beispiel“, erklärt ein Gesprächspartner mit Verbindungen zur Präsidialverwaltung. „Solange diese Kontakte bestehen bleiben, wird dem Zentrum nichts Schlimmes passieren.“
Im Herbst 2024 wurde im Föderationskreis Ural ein gewisser Artjom Shoga zum Beauftragten des Präsidenten ernannt – vormals Parlamentspräsident der annektierten „DNR“. „Sie [die Konservativen – Bereg] haben damit gerechnet, dass Shoga kommen, sich umsehen, schockiert sein und sich ihrem Kampf für die Zerschlagung des Zentrums anschließen würde“, sagt der Redakteur einer lokalen Stadtzeitung. „Aber er kam, sah sich um, veranstaltete im Jelzin-Zentrum sein eigenes Forum, Patrioten des Urals, und erklärte: ‚Ein ganz normaler Ort, nur an der Agenda müssen wir noch feilen.‘“
Im September 2025 verschwand aus der Ausstellung eine Videoinstallation, in der der ehemalige Bürgermeister von Jekaterinburg Jewgeni Roisman, der 2022 von den Behörden zum „ausländischen Agenten“ erklärt worden war, einen Verfassungsartikel verlas. Zuvor hatten die Mitarbeiter des Zentrums ein Video mit dem Musiker Andrej Makarewitsch entfernt, der ebenfalls aus der Verfassung las. Auch er ist ein sogenannter „ausländischer Agent“, der sich offen gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen hat und jetzt in Israel lebt.
Der Bevollmächtigte Shoga würdigte diese Gesten des Jelzin-Zentrums öffentlich. Während des besagten Forums Patrioten des Urals, das er im Juni 2025 im Zentrum durchführen ließ, erklärte er: „Die Agenda wurde angepasst, die Arbeit neu ausgerichtet, Worte stehen Taten gegenüber.“
„In der Präsidialvertretung wurde bereits die Möglichkeit diskutiert, [im Zentrum – Bereg] eine Ausstellung über Tarnkleidung zu organisieren“, fügt ein Gesprächspartner hinzu, der regelmäßig mit dem Stab des Bevollmächtigten in Kontakt steht.
Vorübergehend ohne Kommentar
Im Mai 2025 stellte Michail Deljagin, Parteimitglied von Einiges Russland und Abgeordneter der Staatsduma, eine Anfrage an den Generalstaatsanwalt Igor Krasnow. Es ging um einen Facebook-Post vom Februar 2022, in dem die stellvertretende Direktorin des Jelzin-Zentrums Ljudmila Telen einen Antikriegstext von Tatjana Jumaschewa geteilt hatte. Im August verurteilte das Bezirksgericht Werch-Issetsk in Jekaterinburg Telen wegen „Diskreditierung der Armee“ zu einer Strafe von 45.000 Rubel [rund 500 Euro – dek]. Jumaschewa selbst wurde nicht belangt.
Nach diesem Vorfall beschlossen die Mitarbeiter des Zentrums endgültig, sich nicht mehr zu heiklen Themen zu äußern. „So sieht die Realität derzeit nun mal aus. Sie [die Silowiki – Bereg] sehen auch gelöschte Beiträge. Andere googeln das Zentrum, um unser Haus mit angeblichen Vergehen in Verbindung zu bringen“, erklärt ein derzeitiger Mitarbeiter. „Klar, wir sind Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen und Erfahrungen. Manche davon bleiben derzeit unkommentiert.“
Am 25. November 2025 feierte das Jelzin-Zentrum sein zehnjähriges Bestehen. Das Jubiläum fiel deutlich bescheidener aus als seinerzeit die Eröffnung. Auf der Bühne wurden zwei Gastspiele aufgeführt, das eine über Wladimir Majakowski, das andere über Maja Plissetskaja. Weder Putin noch Medwedew kamen zu den Feierlichkeiten.
Der Bevollmächtigte Artjom Shoga verlas eine Grußbotschaft von Putin, der in seinem Schreiben besonders die Verdienste des Zentrums bei der „Repräsentation des russischen Präsidentenamtes“ hervorhob: „Zu den wichtigsten Aufgaben des Zentrums gehören die Darstellung seiner Bedeutung, seiner Entstehung und Weiterentwicklung. Diese Aufgabe erfüllt das Zentrum würdig“, hieß es in dem Schreiben.
„Das Jubiläum ist an mir vorbeigegangen“, sagt ein regelmäßiger Besucher des Jelzin-Zentrums, der dort früher auch Diskussionsrunden organisiert und moderiert hatte. Genau wie die Leitung der Institution hatte er sich im Februar 2022 öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen. Er habe beschlossen, den Feierlichkeiten fernzubleiben.
Auf die Frage, wie er die Zukunft des Zentrums sehe, antwortet er: „Als Mensch möchte man natürlich allen nur das Beste wünschen. Aber das Jelzin-Zentrum ist nun mal eine Institution, die mit der Zustimmung und Unterstützung jener Menschen und Strukturen entstanden ist, die für das Geschehen verantwortlich sind. Deshalb … Was soll’s? Von mir aus soll das alles flöten gehen.“