Russland ohne Russisch

Was passiert mit der Literatur in einer Zeit, wenn Russland sein Großmachtgebaren in einem brutalen Angriffskrieg deutlich macht? Die russische Literatur wird argwöhnisch geprüft, und es steht die Frage im Raum: Wie lässt sich die Literatur anders schreiben, sortieren und betrachten? Da gibt es die russischsprachige Literatur im Exil, die aktuell vornehmlich nicht mehr unter dem Verdacht steht, imperiale Strukturen zu bedienen. Denn oft sind es junge Autor:innen, die aufgrund des Angriffskriegs gegen die Ukraine und ihrer Aufkündigung von Russlands Gewaltregime die Heimat verlassen haben.

Doch wird in Russland längst nicht nur Russisch gesprochen oder geschrieben. In dem Vielvölkerstaat gibt es mehr als 100 weitere Sprachen, darunter beispielsweise Mordwinisch und Tatarisch.

Manche Sprachen drohen zu verschwinden, die Literaturen auf diesen Sprachen erst recht. Es gehört zur Neuaufstellung der Literatur Russlands, aus dem drohenden Verschwinden ein Wiederbeleben zu versuchen. Hierfür wurde auf Initiative einer Gruppe um den Schriftsteller Sergej Lebedew nun der PEN Sprachen Russlands gegründet, der die Förderung dieser Sprachen und Literaturen zum Ziel hat. Vorsitzende des neuen PEN ist die tatarische Schriftstellerin Dinara Rasuleva.

Ilja Asar, Sonderkorrespondent der Novaya Gazeta Europe, hat mit den beiden Autor:innen über die Gründung des PEN und ihre Ziele gesprochen.


Die Gründung eines PEN-Clubs war zunächst gar nicht der Plan. Aber schon seit 2016 gab es einen regen Austausch zwischen jungen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Übersetzerinnen und Übersetzern aus Russland und Schweden. Die erste Zusammenkunft nach der Covid-Pandemie fand zufällig am 24. Februar 2022 statt, dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine.

Lebedew: „Sie können sich vorstellen, wie die Stimmung war, als wir uns versammelten. […] Auf diesem Treffen wurde entschieden, dass die russischen Teilnehmer dem Projekt eine klarere Form geben wollten. […] Im Februar 2024 trafen wir uns in Berlin und es wurde klar, dass wir keinen rein russischsprachen PEN, auch nicht im Exil, gründen würden, sondern eben einen PEN Sprachen Russlands. Das war eine ziemlich kühne und zukunftsweisende Idee.“ 

Der ursprüngliche russische PEN-Club hatte sich nach Kriegsbeginn der Haltung des kriegführenden Putin-Regimes gefährlich angenähert. Er ist mittlerweile nicht mehr vom internationalen PEN anerkannt. Außerdem gab es noch zwei weitere Clubs: Die Moskauer Filiale gehört immer noch zum internationalen PEN, PEN Petersburg wurde zum „ausländischen Agenten“ erklärt und löste sich in der Folge selbst auf. Also war die Frage: Wie weiter?

Lebedew vermutet, dass die Ziele des neuen PEN Sprachen Russlands nicht für alle interessant oder akzeptabel sind. Deswegen hält er es für möglich, dass es noch zur Gründung eines klassischen russischen PEN im Exil kommt. In jedem Land kann es laut Gründungsstatuten fünf PEN-Zentren geben.

Was aber bedeutet genau PEN Sprachen Russlands? Warum wird in der neugegründeten Vereinigung der Fokus auf die nichtrussischen Sprachen Russlands gelegt? Dinara Rasuleva, die Vorsitzende des neuen PEN kommt aus Tatarstan und beschreibt in dem Interview ihren Weg als Schriftstellerin.

Dinara Rasuleva: „Ich schreibe schon mein Leben lang auf Russisch, obwohl meine Muttersprache Tatarisch ist. In meiner Kindheit existierten Tatarisch und Russisch für mich parallel. Aber ich komme gebürtig aus Kasan. Dort wird an den meisten Schulen und Fakultäten der Universitäten auf Russisch gelehrt, abgesehen von denen mit Schwerpunkt auf der tatarischen Sprache. Aus diesem Grund verschob sich mein Fokus aufs Russische, als ich in die Schule kam. Tatarisch verblieb in der Familie, ich sprach es mit Verwandten, wenn ich zu ihnen ins Dorf fuhr. […] Russisch wurde zum Standard. Als ich später begann, Gedichte zu schreiben, waren die auch auf Russisch. Und dann ging ich 2014 nach Berlin […] Ich hatte wegen der politischen Situation in Russland seit 2012 den Plan zu emigrieren.

[…] Solange ich in Tatarstan gelebt habe, blieb meine Identität als Tatarin unsichtbar, wobei die Zahl von Russen und Tataren dort ungefähr gleich ist. Wenn ich in Berlin sage, dass ich aus Tatarstan bin, dann sind Menschen aus Europa und den USA verwundert und fragen nach: aus Kasachstan?“

Vielen Menschen außerhalb Russlands ist Tatarstan nicht sofort ein Begriff. Auch werden internationale Autor:innen nicht ins Tatarische übersetzt. Wer sie lesen will, muss sie auf Russisch lesen. Rasuleva sagt, dass es durchaus Kinderbücher auf Tatarisch gab, aber in dem riesigen Bücherschrank ihrer Familie war alles auf Russisch.

Rasuleva begann nach ihrer Emigration nach Berlin auf Tatarisch zu schreiben. 2015 und 2016 entstanden die ersten Zeilen. Als sie sie vortrug in Gedichten, sei ihr bewusst geworden, dass es schon immer diese Scham gab. Als wäre es unzulässig, russischen Freund:innen gegenüber, etwas auf Tatarisch zu sagen. Rasuleva beschäftigte sich weiter mit dem Verlust von Sprache und startete das Poesie-Projekt Lostlingual. Sie traf andere Menschen mit ähnlichen Geschichten, doch eines verband sie alle: Dass die russische Sprache ihre Muttersprache ersetzt hatte. „Und sogar diejenigen von uns, die ihre Muttersprache gut beherrschten, schrieben auf Russisch. Uns verband, dass wir miteinander Russisch sprachen.“

Es gibt in Berlin mittlerweile eine ziemlich große und gut organisierte Community von tatarischen Schreibenden, sogar eine tatarische Zeitung.

Der Schriftsteller Sergej Lebedew und die Lyrikerin Dinara Rasuleva / Collage © Novaya Gazeta Europe

Belarussische Literatur hat schon einen Weg geschafft 

Belarussisch ist zwar keine indigene Sprache Russlands. Aber seine Stellung gegenüber dem Russischen als der Sprache eines Imperiums ähnelt vielen anderen Sprachen in Russland. Akteure und Autoren wie Alhierd Bacharevič haben mit der belarussischen Sprache schon einen großen Weg zurückgelegt, um das Belarussische als Literatursprache zu bewahren und zu stärken, um dem Verlust der Sprache entgegenzuwirken. Dinara Rasuleva sieht trotz der Unterschiede der Sprachen viele Parallelen, die helfen könnten, die indigenen Sprachen Russlands sichtbar zu machen. Im Frühjahr 2025 hat Bacharevič den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung erhalten. Lebedew erinnert sich, wie Bacharevič vor zehn Jahren zu ihm sagte: „Serjosha, es ist ziemlich klar, dass wir, du und ich, etwa gleich gute Texte schreiben, aber deinen Text zu übersetzen ist zwanzig Mal leichter, weil du auf Russisch schreibst, weil es dafür eine funktionierende Infrastruktur gibt.“

Zehn Jahre später ist eine gewisse Infrastruktur für das Belarussische entstanden. Auch wenn es noch deutlich Nachholbedarf gibt: Aber Bücher werden geschrieben, veröffentlicht, sie werden in andere Sprachen übersetzt, Autor:innen werden ausgezeichnet und zu öffentlichen Diskussionen eingeladen.

Was brauchen die Literaturen des PEN Sprachen Russlands?  

Um die indigenen Sprachen Russlands zu fördern, braucht es laut Rasuleva unbedingt die Förderung von Fähigkeiten im literarischen Schreiben in diesen Sprachen. Lebedew baut stark auf die Förderung der Sichtbarmachung, der Repräsentation dieser Literatur. Das gesamte Feld nicht-russischer Sprachen und Kulturen Russlands ist außerhalb Russlands unsichtbar. Eine erste Veröffentlichung ist bereits geplant.

Wichtig ist zu verstehen, dass es sich bei den indigenen Sprachen Russlands nicht um die Sprachen der ehemaligen Sowjetrepubliken handelt, sondern um die vielen Völker und Sprachen innerhalb Russlands. Dazu gehören beispielsweise auch Sprachen der finno-ugrischen Gruppe in Karelien, die unbedingt grenzüberschreitende Kontakte aufnehmen müssen, da sie viel mehr Gemeinsamkeiten mit Sprachen außerhalb der Russischen Föderation haben.

Nutzen wolle die neu gegründete Gruppe außerdem die Verbindung mit den Entwicklungs- und Schwellenländern, die der PEN bietet. Dort gilt Russland gemeinhin als Flaggschiff des Antikolonialismus und Antiimperialismus und der PEN kann womöglich Aufklärung betreiben, wenn die Menschen erfahren, was in Russland wirklich los ist.

Im PEN wird verlautbart: „Wörter auf diesen Sprachen sind noch lebendig. Lasst uns versuchen, dass diese lebendigen Wörter erklingen.“ Das Ziel ist, Unsichtbares sichtbar zu machen. Für Lebedew ist diese Idee auch direkt mit der politischen Zukunft seines Landes verbunden:

„Ich glaube, je mehr wir voneinander verstehen, auch darüber, dass wir uns nicht freiwillig zusammengefunden haben, desto leichter können wir uns in Zukunft auf ein wirklich föderales Modell hinbewegen, in dem es nicht nur um ethnografisches Wissen geht, sondern um politische Bildung.“

So muss man sich unbedingt bewusst machen, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, in dem auch viele Autor:innen wie Viktoria Amelina ums Leben kamen, nicht im luftleeren Raum stattfindet. Er steht mit den beiden Tschetschenienkriegen und der Vorstellung einer imperialen Vormachtstellung Russlands in Verbindung, die den Völkern verbietet, Subjekt ihres eigenen Schicksals zu sein. Und trotzdem, so Lebedew, unterscheiden sich all ihre Geschichten und müssen unbedingt erzählt werden, um zu zeigen, dass Russland eben nicht der monolithische rosa Fleck ist, wie alte sowjetische oder russische Karten suggerieren.


Das Interview von Ilja Asar mit Sergej Lebedew und Dinara Rasuleva in in der Novaya Gazeta Europe liegt in einer gekürzten Übersetzung auf Englisch vor.