
Gott ruft Trump, Putin und Lukaschenko zu sich und sagt: „Morgen geht die Welt unter, warnt eure Leute.“ Trump verkündet den Amerikanern: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch. Die gute: Gott existiert. Die schlechte: Morgen geht die Welt unter.“ Putin an die Russen: „Ich habe zwei schlechte Nachrichten für euch. Die erste: Gott existiert. Die zweite: Morgen geht die Welt unter.“ Lukaschenko: „Ich habe zwei gute Nachrichten für euch! Die erste: Ich hatte endlich eine offizielle Audienz beim lieben Gott. Die zweite: Ich werde bis zum Ende aller Zeiten euer Präsident bleiben.“
Subversiver Humor, Witze und Anekdoten haben eine lange Tradition im postsowjetischen Raum. Sie sind Mittel des Volkes, eine übermächtige Staatsgewalt zu kritisieren und lächerlich zu machen. Auch in Belarus hat sich unter der Jahrzehnte währenden Herrschaft von Alexander Lukaschenko ein vielfältiger Protesthumor entwickelt.
Die Journalistin Iryna Chalip gibt für Novaya Gazeta Europe einen tiefen Einblick in die reichhaltige Waffenkammer des belarussischen Politikhumors, der gleichzeitig einiges über Kultur und gesellschaftliche Zusammenhänge im Wandel der Zeit enthüllt.
Den Anfang des belarussischen Protesthumors als politisches und kulturelles Phänomen bildet wohl das Gedicht Luka Mudsischtscha — der Präsident, das am 27. Dezember 1994 in der Zeitung Swaboda veröffentlicht wurde, ein knappes halbes Jahr nach den ersten Präsidentschaftswahlen in Belarus. Das Gedicht war mit einem Pseudonym unterzeichnet „Wedmak Lyssogorski“ (dt. Der Hexer von Lyssogor, wörtl. dem Kahlen Berg). Bis heute weiß niemand, wer dahintersteckt.
Dabei war ein gewisser Wedmak Lyssogorski bereits Anfang der 1970er Jahre in der belarussischen mündlichen Folklore aufgetaucht. Damals erhielten Mitglieder des Schriftstellerverbandes der BSSR die Möglichkeit, Ferienhäuser im Umland von Minsk zu bauen. Die Aufteilung der Grundstücke und der anschließende Bau der Häuschen blieben natürlich nicht ohne Konflikte und absurde Situationen. Eines Tages fanden die glücklichen Besitzer von 600 Quadratmetern Land und den typisierten „Vogelhäuschen“ in ihren Briefkästen einen handgeschriebenen Text: das Gedicht Skas pra Lyssuju haru (dt. Märchen vom Kahlen Berg), das die Widrigkeiten um den Bau der Schriftsteller-Häuser auf satirische Weise einfing. Als Verfasser war damals ebenfalls der „Hexer von Lyssogor“ angegeben.
Hinter dem Pseudonym vermutete man Klassiker der belarussischen Dichtung wie Ryhor Baradulin oder Nil Hilewitsch; auch eine kollektive Urheberschaft wurde nicht ausgeschlossen. Doch das Rätsel blieb ungelöst. Zu Beginn der Perestroika erschien Das Märchen vom Kahlen Berg im Taschenbuchformat, später veröffentlichte es die Literaturzeitschrift Njoman. Und dann, zwei Jahrzehnte später, tauchte wieder ein Gedicht vom geheimnisvollen „Hexer“ auf.
Dass es sich um denselben Autor handeln könnte, stand allerdings gleich außer Frage. Das Märchen vom kahlen Berg ist ein urkomisches Werk mit feinem, elegantem Humor. Luka Mudsischtscha — der Präsident erscheint dagegen simpel und plakativ, frei von Feinheiten und Metaphern, ganz zu schweigen von weiteren ästhetischen Vorzügen:
Durch Belarus die Winde ziehn,
Kartoffeln und Hafer auf dem Acker friern.
Luka Mudsischtscha, unser Präsident,
In seinem schwarzen Bonzenschlitten fährt.
Der Mercedes ist gut aufgemotzt,
Zweihundert schafft er locker, wenn er protzt.
In seinem Buch Spadar Swaboda (dt. Herr Freiheit) erinnert sich der Schriftsteller Sjarhei Astrawez, wie im Januar 1995 Waleri Komarowski als Ermittler der belarussischen Generalstaatsanwaltschaft in die Swaboda-Redaktion kam. Er teilte dem damaligen Chefredakteur Igor Germentchuk mit, die Generalstaatsanwaltschaft habe ein Strafverfahren gemäß Artikel 188 wegen „Beleidigung eines Vertreters der Staatsgewalt“ eingeleitet (der Paragraf „Beleidigung des Präsidenten“ kam erst 1999 dazu). Er beschlagnahmte das Manuskript samt Briefumschlag, in dem es in der Redaktion angekommen war. Der Ermittler konnte sich sogar erinnern, wie der KGB bereits in den 1970er Jahren auf Ersuchen von Pjotr Mascherau, dem damaligen Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, nach dem „Hexer von Lyssogor“ gesucht, ihn aber nie gefunden hatte.

Am 15. Februar 1995 veröffentlichte die Swaboda folgende Zuschrift: „Sehr geehrte Redaktion! Ich übersende Ihnen einen Brief, den ich von Luka Mudsischtscha als Antwort auf mein Gedicht erhalten habe. MfG, Wedmak Lyssogorski.“ Die „Antwort“ wurde natürlich ebenfalls veröffentlicht. Sie war in Trassjanka verfasst, dem Dialekt, den auch Lukaschenko spricht – einer Mischung aus Russisch und Belarussisch, wobei die belarussische Phonetik überwiegt.
Wer keine Konfrontation sucht,
Der kriegt ne Antwort konstruktiv.
Luka Mudsischtscha bin ich, ohne Frage,
Präsident bleib ich allein.
Was braucht man jetzt in unserm Staat?
Billig Gas und Öl satt.
Uns Armen, Nackten, ohne Brot,
Hilft Russland stets aus unsrer Not.
Und glaubt ja nicht, ihr Oppositionellen!
Ohne Putin sind wir futsch, ganz schnelle.
Der Ehrlichste, der Sauberste im ganzen Land,
Jedem hier namentlich bekannt:
Der Luka Mudsischtscha – so bin ich eben,
Und Präsident bleib ich fürs Leben.
Die Zeitung Swaboda wurde 1997 auf behördliche Weisung geschlossen. Im Grunde war damit der Startschuss für die Repressionen gegen belarussische Journalisten gefallen. Chefredakteur Igor Germentschuk und Herausgeber Pawel Shuk sind mittlerweile gestorben. Nur Luka Mudsischtscha lebt in alten LiveJournal-Beiträgen fort. Und als die Zigarettenmarke L&M aus Belarus verschwand, ging das Gerücht um, das Kürzel stünde für „Luka Mudsischtscha“ und sei deshalb verboten worden.
Eine Schubkarre voll Mist
1999 endete Lukaschenkos erste fünfjährige Amtszeit als Präsident. Doch da hatte er sich bereits zum ersten Mal „resettet“: Bereits 1996 änderte er die Verfassung, löste das Parlament auf und beschloss, dass die letzten zwei Jahre nicht zählten und alles jetzt erst so richtig beginne.
Aber die Belarussen kannten die Zahlen: Am 21. Juli 1999, zum fünften Jahrestag der Präsidentschaftswahlen, schob der bekannte Künstler Ales Puschkin eine Schubkarre voll Mist vor Lukaschenkos Residenz im Zentrum von Minsk. Er kippte den Inhalt aus, warf ein Porträt von Lukaschenko mit der Aufschrift „Für fünf Jahre ertragreiche Arbeit“ drauf und steckte eine Heugabel in die entstandene Installation. Die Aktion trug den Namen Hnoi dlja presidenta (dt. Dung für den Präsidenten).
Für diese Performance, die Puschkin in ganz Belarus bekannt machte, bekam er zwei Jahre auf Bewährung. Nach den Protesten von 2020, als das Regime jedes potenziell protestfreudige Milieu im Keim erstickte, standen auf „Volksverhetzung“ bereits fünf Jahre. 2021 wurde gegen Ales Puschkin ein neues Verfahren eingeleitet, und im März 2022 wurde er wegen „Anstiftung zu rassistischem, nationalem oder religiösem Hass“ zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt, die er im Gefängnis Nr. 1 in Hrodna verbüßte. Am 11. Juli 2023 starb er an den Folgen eines offenen Magengeschwürs, weil man keine rechtzeitige medizinische Hilfe geleistet hatte.
Expertise mit Zwangsjacke
Im Januar 2001 verfasste und veröffentlichte der belarussische Psychiater Dimitri Schtschigelski eine satirische Krankengeschichte von Alexander Lukaschenko. Er analysierte darin das öffentliche Auftreten und die Äußerungen des Patienten und stellte eine Diagnose: mosaikhafte Persönlichkeitsstörung. Die Reaktion der Bevölkerung ließ nicht lange auf sich warten: Die Leute gingen dazu über, den Präsidenten einfach als „Mosaiker“ zu bezeichnen. Im April desselben Jahres fand im Minsker Gorki-Park die Performance Finale Diagnose statt.
Die Aktivisten der oppositionellen Jugendbewegung Subr (dt. Wisent) hatten sich gründlich vorbereitet. Sie fertigten Karikaturmasken von Lukaschenko an, besorgten sich Zwangsjacken, weiße Kittel und Skier. Auf ihren Flyern zur Aktion stand:
„Wenn Sie Schopenhauer mit Kaltenbrunner verwechseln, wenn Sie lieber in kugelsicherer Weste als Pyjama schlafen, wenn Sie überall Spione wähnen, wenn Sie keine Freunde mehr außer Ihren Skiern haben, wenn Sie das Gefühl haben, verrückt zu werden, aber weiter im Chefsessel sitzen, dann wird Sie Doktor Subr heilen!“
Die Aktion bezeichnete die Gruppe als „psychologisches Volksfest“. Während die eine Hälfte der Performancer mit Zwangsjacken und Lukaschenko-Masken durch den Park rannte, jagte die andere Hälfte in weißen Kitteln hinterher und spielte Sanitäter. Ein paar der „Lukaschenkos“ hatten die Hände frei – sie bewegten sich auf Skiern durch den frühlingshaften Park. Irgendwann sprangen zwei von ihnen in voller Montur in den Fluss Swislatsch.
Das verrückte Spektakel trug sich am Abend des Welttags für psychische Gesundheit der Vereinten Nationen zu und bereitete den Spaziergängern im Gorki-Park große Freude. Bereits am Vortag waren an Häusern, Masten und Haltestellen Sticker aufgetaucht. Darauf war ein Mann mit einer Eishockeymaske zu sehen, der Lukaschenko verdächtig ähnlichsah. Auf den Stickern stand:
„Ich bin krank. Du auch?“
Skier sind übrigens ein Motiv für sich in den Witzen der Belarussen: Lukaschenko fuhr eine Zeitlang sehr gern auf Rollskiern durch die Stadt. Nicht, dass irgendjemand das je live gesehen hätte: Die Stadtteile, durch die seine Route führte, wurden hermetisch abgeriegelt. Dafür konnte man anschließend auf allen Fernsehkanälen sehen, wie jung und gesund der belarussische Regierungschef doch war. Damals entstand ein beliebter Schüttelreim, der seit einem Vierteljahrhundert kursiert:
Ich steh auf dem Asphalt,
die Skier ordentlich festgeschnallt /
Ich glaub ich steh im Wald
oder ich bin durchgeknallt.
Die Polizei, die die Subr-Aktion im Gorki-Park beobachtete, konnte sich das Lachen kaum verkneifen. Niemand rührte die Aktivisten an, bis sie ein Banner entrollten, auf dem stand: „Wir sagen Nein zu dem Idioten!“ Daraufhin wurden 26 Personen festgenommen und zu Verwaltungsstrafen verurteilt.
Aber die Performance ging viral. In den Monaten darauf bastelten junge Belarussen in verschiedenen Städten Lukaschenko-Masken, zogen weiße Kittel und Zwangsjacken an und veranstalteten ähnliche Aktionen an den belebtesten Orten. Auf Märkten, in Parks, auf den Hauptstraßen. In Schklou, Lukaschenkos Heimatstadt, rannte ein Mann mit Maske und Zwangsjacke die Hauptstraße entlang und sprach Passanten an: Er versprach Lohnerhöhungen, Preissenkungen und die Betrüger hinter Gitter zu bringen. Als er in eine Seitenstraße einbog, tauchten auf der Straße Sanitäter auf und fragten dieselben Passanten:
„Haben Sie unseren Patienten gesehen? Er ist aus der Irrenanstalt geflohen!“
Nach der Aktion in Schklou wurde ein Strafverfahren wegen „Beleidigung des Präsidenten“ eingeleitet. Doch wie schon im Fall von Luka Mudsischtscha wurde das Verfahren schließlich stillschweigend eingestellt, niemand wurde verhaftet.
Der Schnurrbart und seine Kartoffeln
Es wäre seltsam, wenn die Belarussen keine Witze über Lukaschenko reißen würden. Das hat seit den 1990ern Tradition und hat nichts an Aktualität eingebüßt. Hier sind ein paar der besten:
- Lukaschenko fliegt mit seinen Söhnen im Hubschrauber über die belarussischen Felder. Auf den Feldern schuften Kollektivbauern. Lukaschenkos ältester Sohn wirft eine Banknote nach unten: „Damit sich wenigstens einer freut!“ Der mittlere Sohn wirft zwei: „Damit sich zwei freuen.“ Der jüngste wirft fünf: „Damit sich fünf freuen.“ Da hält es der Pilot nicht mehr aus: „Werft lieber den Schnurrbärtigen raus, dann freuen sich zehn Millionen!“
- Lukaschenko sitzt am Telefon und spricht langsam, mit Pausen, in den Hörer: „Gut … Schlecht … Gut … Schlecht …“ Er dreht sich zu seinem Assistenten um: „Was ist das nur für ein Volk! Kann nicht einmal selbst seine Kartoffeln sortieren!“
- OMON-Beamte greifen während einer Protestaktion einen zufälligen Passanten, zerren ihn in die Polizeiwanne und prügeln auf ihn ein. Er schreit: „Was habe ich getan? Ich habe doch Lukaschenko gewählt!“ Da schlagen sie noch fester zu: „Du lügst, du Mistkerl! Niemand hat den gewählt!“
Es gibt sehr viele Witze über Lukaschenko, heute ist das Internet voll davon. Sollte in Belarus eines Tages eine Anthologie zum Anti-Diktatur-Humor erscheinen, werden sie darin einen Ehrenplatz einnehmen. Musik lässt sich leider kaum in solch einem Buch einfangen, dabei leisten auch die belarussischen Musiker seit vielen Jahren ihren Beitrag zum landesweiten Protestlachen.

Das Musikprojekt UltraVozhyk existiert seit 2001. Es hat nie ein Konzert gegeben und war von Anfang an als Spaßprojekt angelegt: Auf der Website heißt es, es sei vom „Hündchen Ibrahim“ gegründet worden, die Mitglieder hießen Pjotr Adamowitsch und Jewgeni Schafa-Uruguaiski. Während der Arbeit am ersten Song „Der bärtige Demokrat“ sei die Großmutter von Pjotr Adamowitsch ins Studio gekommen, um alle drei zur Kartoffelernte abzuholen. Der zweite Song hieß „Skier“. Während der Aufnahme sei es zu einem Streit gekommen, woraufhin das Hündchen Ibrahim die Gruppe verlassen habe.
Schon an den Songtiteln lässt sich erkennen, dass es UltraVozhyk ohne Lukaschenko nicht gegeben hätte. Mnahawektarny chren na lyshach (dt. etwa Der multivektorielle Schwanz auf Skiern) – so heißt er im Lied Lyshi (dt. Skier). Es handelt davon, dass schon lange Sommer ist und die ganze Welt Fußball spielt, während bei uns statt Essen Skier auf dem Tisch stehen und unser „Skifahrer“ die ganze Welt drangsaliert. Die Fans, die ebenfalls genug von ihm hatten, warteten gespannt auf neue Songs. 2004, nachdem an belarussischen Hochschulen das Pflichtfach „Staatsideologie“ eingeführt wurde, erschien der Song „Ideologie“. Der sarkastische Songtext ist im Namen von Lukaschenko geschrieben – natürlich im Trassjanka-Dialekt. Darin erklärt Lukaschenko den Studierenden, dass es viel interessanter sei, Ideologie statt Mathe zu studieren:
Hallo, liebe Genossen, liebe Jungen und Mädchen!
Ab heute werden wir statt nutzloser Mathematik
ein neues, interessantes Fach studieren –
die Grundlagen der belarussischen Staatsideologie.
Dieses Fach wird euch beibringen, wie man richtig lebt, richtig denkt und bei den ehrlichen Wahlen und Volksabstimmungen richtig wählt.
Schlagt mal eure Lehrbücher auf. Auf der ersten Seite sehen wir …
(Schaut mal, Barmalej!)
Nein, das ist nicht Barmalej. Das ist das erste Gesicht unserer Staatsideologie – der erste Präsident unseres souveränen Staates.
Überhaupt werden alle abstrakten Texte in der belarussischen Musik automatisch als Satire auf Lukaschenko aufgefasst. Zum Beispiel handelt der Song Jechali urody (dt. Es fuhren die Freaks) von der Punkband Neuro Dubel eigentlich überhaupt nicht von Lukaschenko:
Auf windigen Straßen mit Fahrrad und Kahn durch Schlaglöcher,
fluchend quer durch den Wahn, fuhren die Freaks zur Leichenschau …
Ein ganz normaler Punksong, nichts Politisches. Aber die Belarussen beschlossen, dass es hier um die Unterzeichnung des Vertrags über den Unionsstaat [im Jahr 1999 – dek.] gehen muss, und schnitten einen Clip aus der offiziellen Regierungschronik zusammen. Darin fahren Staatskarossen (rus. Tschlenowosy, wörtl. Mietglieder- oder auch Schwanzkarossen) in den Kreml ein, Lukaschenko und Jelzin trinken Bruderschaft, erheben ihre Champagnergläser und Lukaschenko schmeißt seins schwungvoll auf den Boden. Kurz gesagt: Die Freaks fuhren zur Leichenschau. Dabei wurde das Lied 1995 geschrieben, als es zwischen Russland und Belarus noch eine vollwertige Staatsgrenze gab und es noch ein Jahr bis zum Gläserzerdeppern dauern sollte.
Und dann ist da natürlich noch die politische Satire der Band Lyapis Trubetskoy um deren Frontman Sjarhei Michalok, die die Belarussen treu durch die jahrzehntelange Diktatur begleitet: In den 1990ern durch ihre parodistischen Pop-Hits wie Ty kinula (dt. Du hast mich abserviert) berühmt geworden, nahm die Band bereits 1995 den Song Lu-ka-schen-ko! zur Musik aus Buratino [der russischen Adaption von Carlo Collodis Pinocchio – dek.] aus dem sowjetischen Kinofilm auf. Und 2007 kam Kapital raus, das ein kollektives Porträt des Tyrannen zeichnete:
„In der linken Hand ein Snickers. In der rechten Hand ein Mars.
Mein PR-Manager ist Karl Marx.“
Im Musikvideo sind lauter Porträts von Diktatoren zu sehen – Saddam Hussein, Kim Il-sung, Kim Jong-il, Mahmud Ahmadinedschad, Alexander Lukaschenko, Fidel Castro, Hugo Chávez.
„Sasha, wake up! You obosralsya!“ (Du hast eingeschissen!)
Im August 2020 erlangte der belarussische Protesthumor dank der selbstgebastelten Plakate der Demonstrierenden weltweite Bekanntheit.
Aber auch diese Tradition reicht weiter zurück
Am 26. April 2012 trug während der Demonstration Tscharnobylski schljach (dt. Tschernobyl-Marsch) ein junger Mann ein Plakat mit einem Mussorok (dt. Bulle, russische Schreibweise мусорок) und Pfeil zu einem Zivilbeamten (einem sogenannten Tichar, dt. etwa „stiller Beobachter“), der die Demo filmte, und stellte sich neben ihn – mit dem Pfeil in Richtung des Mussorok. Danach suchte die Polizei lange nach dem „Täter“.
Sie fanden Iwan Omeltchenko, gingen zu seiner Mutter und erzählten ihr, er sei Zeuge in einem Verfahren wegen Massenunruhen. Er wurde dreimal zu 15 Tagen Haft verurteilt. Vor Gericht argumentierte Omeltschenko, auf dem Plakat habe auf Englisch „My cop ok“ gestanden. Omeltschenko war kein Mitglied einer oppositionellen Partei oder Bewegung: Er hatte sich das Plakat einfach ausgedacht und war damit auf die Straße gegangen. Acht Jahre später sollten Zehntausende mit ähnlich selbstgemachten Plakaten auf die Straße gehen.
Seit dem 9. August 2020 waren jeden Sonntag bei den Demonstrationen in Minsk und vielen anderen Städten die Früchte der satirischen Volkskunst zu sehen. Die Plakate unbekannter Belarussen riefen dem Diktator zu:
„Sascha, wach auf, du hast dir eingeschissen!“
Womöglich für ausländische Gäste hielten sie Plakate mit der eigenwilligen Übersetzung daneben:
„Sasha, wake up! You obosralsya!“
Düster dreinblickende Menschen trugen Plakate mit der Aufschrift:
„Es ist so schlimm, dass sogar Introvertierte auf die Straße gehen.“
Das alte Propagandamärchen, dass Oppositionelle zehn Dollar pro Demonstration bekommen, wurde ebenfalls ausgiebig thematisiert: Keine Seltenheit waren Plakate mit Bankkartennummern und Appell:
„Überweist mir endlich mein Geld!“
Oder in der Variation:
„Gebt mir den Kontakt der polnischen Sponsoren, Nawalny antwortet nicht!“
Ein anderer Teilnehmer fragte auf seinem Plakat:
„Bin ich der einzige Idiot, der freiwillig hergekommen ist?“
Und schließlich in roten Buchstaben auf einem weißen Blatt:
„Die Belarussen hassen Lukaschenko völlig umsonst!“
Ein besonderer Fall des Protesthumors ist der Frauenhumor:
- „Sascha, willst du schon zum sechsten Mal? Uns tut der Kopf weh!“
- „Sascha, sorry, du bist nicht unsere Love Story“
- „Sascha, zwischen uns ist alles vorbei!“
- „Liebe ist, wenn Sascha dein Ex ist“
Junge Frauen trugen Plakate mit Katzenfotos und der Aufschrift:
„Sascha, ich habe zu Hause schon einen Tyrannen mit Schnurrbart!“
Und Männer waren manchmal zu Tränen gerührt, wenn sie während einer Seniorendemonstration charmante Damen mit folgenden Plakaten sahen:
„Geh streiken, Schwiegersohn, deine Schwiegermutter unterstützt dich!“

„Plakate“ waren nicht nur bei Demonstrationen zu sehen, sondern auch auf den Balkonen: Viele Belarussen hängten zwei weiße T-Shirts an die Wäscheleine und dazwischen ein rotes. So entstand die Nationalflagge. Dann rückte gewöhnlich die Stadtreinigung an, um die Wäsche zu entfernen, damit sie nicht so provokativ herumhing. Daraufhin ergänzten wiederum die Minsker Plakate über ihren Installationen: „Das ist keine Flagge!“
Aber der beste Ausdruck des belarussischen Protesthumors im Bereich Flaggen war wohl der Auftritt einer jungen Frau bei einer Demo, die sich gleich zwei Flaggen umgebunden hatte – die staatliche rot-grüne und die nationale weiß-rot-weiße – und ein Plakat mit der Aufschrift hochhielt:
„Sascha, mir ist egal, unter welcher Flagge ich dich hasse!“
„Armer kleiner Kolja“
Seit 2020 sprießen in Belarus satirische Telegram-Kanäle: zum Beispiel Grustny Kolenka (dt. Armer kleiner Kolja), der von Lukaschenkos jüngstem Sohn Nikolai geführt wird (Ein Beispiel: „Offizielle Meldung! Papa hat Prigoshin angerufen, der hat persönlich bestätigt, dass er bei dem Absturz ums Leben gekommen ist!“) – oder der Kanal Sowjetisches Belarus, der die Propagandamedien parodiert. Erst kürzlich, am 13. März 2026, wurde Letzterer vom Bezirksgericht der Stadt Miory in der Oblast Witebsk als „extremistisch“ eingestuft. Daraufhin tauchte in dem Kanal ein reumütiger Brief des Herausgebers an das Gericht auf, ganz im Stil des Kanals:
„Als ich nach der Einstufung unseres Mediums als extremistisch halluzinierte, erschien mir mehrfach das Bild des jungen A. G. Lukaschenko. Er kam auf mich zu und sagte: ‚Was hast du da nur angerichtet, Edelfeder? Ich werde dem Gericht in Miory sagen, es soll dir vergeben!‘ Es war so real, dass ich buchstäblich aufsprang und einen Freudentanz aufführte! So sehr vermischte sich bei mir die Realität mit dem Wahn!“
In Belarus vermischt sich die Realität mit dem Wahn derweil nicht nur in satirischen Telegram-Kanälen. Aber es gibt Dinge, die unerschütterlich bleiben, und dazu gehört der Humor. Ein Tyrann kann einen oder eine halbe Million Menschen aus dem Land vertreiben. Er kann sie alle ins Gefängnis stecken, sie töten. Aber er kann ihnen nicht die Fähigkeit zu lachen nehmen. Und solange die Belarussen über den Tyrannen lachen, sind sie unsterblich. Im Gegensatz zu ihm, auch wenn er schon seit über 30 Jahren an der Macht ist.
Hinweis: Die Gedichte sind übersetzt von der Übersetzerin in Zusammenarbeit mit KI.