„Feminismus ist Gotteslästerung und Staatszersetzung“

Anti-Feminismus auf dem Lehrplan: Russische Schüler:innen sollen im Fach „Familienkunde“ ein patriarchales Familienideal verinnerlichen. Bild: Kriegstempel im „Park Patriot“ nahe Moskau. / Foto © IMAGO / ITAR-TASS
Antifeminismus auf dem Lehrplan: Russische Schüler:innen sollen im Fach „Familienkunde“ ein patriarchales Familienideal verinnerlichen. Bild: Kriegstempel im „Park Patriot“ nahe Moskau. / Foto © IMAGO / ITAR-TASS

„Die Weiber werden schon neue gebären“: Diese russische Redewendung ist nicht nur frauenfeindlich, spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg besagt sie auch, dass in Russland das Leben eines Menschen insgesamt nur wenig wert ist. Damals wie heute setzen die Befehlshaber auf Frontalangriffe, bei denen die eigenen Soldaten als Kanonenfutter verheizt werden. Fast eine halbe Million russische Soldaten sind im Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits gestorben, viele Menschen sind emigriert: Der Krieg beschleunigt den Bevölkerungsrückgang, den Russland ohnehin schon seit spätestens 2017 verzeichnet.

In Russland selbst sind die meisten demografischen Daten geheim; lediglich die Geburtenrate wird noch veröffentlicht, um die Arbeit der Gouverneure zu bewerten: Seit 2014 ist diese Ziffer um mehr als ein Drittel gesunken, die Tendenz der Geburtenzahlen ist weiter negativ. Um diese Entwicklung zu stoppen, erschwert die russische Politik Abtreibungen, setzt Anreize zu früher und mehrfacher Mutterschaft, verfolgt selbstgewählte Kinderlosigkeit als westliche „Entartung“, diskutiert über Verbote für Verhütungsmittel und Ermöglichung von Kinderehen.

Seit dem Schuljahr 2024/2025 hat die Regierung außerdem das neue Schulfach „Familienkunde“ eingeführt. Das Onlinemedium Yuga hat sich so ein Lehrbuch für „Familienkunde“ angesehen und fasst seine Kernbotschaft folgendermaßen zusammen: „Feminismus ist Gotteslästerung und Staatszersetzung, nichteheliche Lebensgemeinschaften sind eine schwere Sünde, das Eintreten für Kinderrechte ist westliche Sabotage, und Empfängnisverhütung ist mit Mord gleichzusetzen.“


Seit dem Schuljahr 2024/2025 steht das neue Fach „Familienkunde“ im Lehrplan für russische Schulen. Bisher wird es außerhalb der regulären Unterrichtszeiten angeboten und nicht benotet. Die Regierung hat jedoch bereits erklärt, dass sie es zum Pflichtfach machen will. Ein Grundproblem dabei ist, dass es bisher nicht genügend Unterrichtsmaterialien und zugelassene Schulbücher gibt.

Anfang 2025 wurden in Moskau „Familienkunde“-Lehrbücher für die Klassenstufen 5–7 und 8–9 vorgestellt. Als Autorinnen firmieren die Staatsduma-Abgeordnete Nina Ostanina und die Psychologin Xenija Mossunowa, die sich auch als „Rodologin“ bezeichnet. Die „Rodologie“ [von russisch rod = Herkunft, Abstammung, Ahnen] ist ein pseudowissenschaftlicher, esoterischer Ansatz, der davon ausgeht, dass die heute lebenden Menschen durch „Herkunftsszenarien“ determiniert seien und die Beziehung zu ihren Vorfahren einem Reinigungsprozess unterziehen müssten. Mossunowas Mitwirkung an dem Lehrbuch ist von mehreren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens scharf kritisiert worden, so von Andrej Klischas, einem Senator des Föderationsrats, und Jekaterina Misulina, der Vorsitzenden der Liga für Internetsicherheit. Auch von Seiten der russisch-orthodoxen Kirche kam Kritik: Der Prediger Pawel Ostrowski fragte befremdet, was „Infoverbrecher“ denn mit Familien- und Kindesangelegenheiten zu schaffen hätten.

Im vorliegenden Artikel geht es jedoch nicht um die Bücher von Ostanina und Mossunowa, sondern um ein anderes Lehrwerk. Es wurde von Dimitri Moissejew und Nina Krygina verfasst. Moissejew ist Erzpriester und Doktor der Biologie, Krygina Nonne und Doktorin der Psychologie.

Dieses Buch wird vor allem im Unterricht für die Oberstufen in der Region Krasnodar eingesetzt. Letztes Jahr wurde dort eine Sonderausgabe mit einem Vorwort des Gouverneurs Weniamin Kondratjew gedruckt und in sechstausend Exemplaren an die regionalen Schulen verschickt. Im Februar 2026 sprach Mitautor Dimitri Moissejew in Krasnodar auf einer Konferenz, die sich unter anderem an Pädagogen wandte und denselben Titel trug wie das Lehrbuch: „Die moralischen Grundlagen des Familienlebens“.

Gnose

Iwan Iljin

Der russische Religionsphilosoph Iwan Iljin (1883–1954) gehört zu den Säulenheiligen der neuen konservativen Staatsideologie in Russland. Seine autoritäre und monarchistische Gesellschaftskonzeption wird in der Ära Putin für die Legitimierung der Vertikale der Macht eingesetzt. Iljin hatte aber auch ein gehaltvolles theologisches Werk vorgelegt, das heute von der politischen Vereinnahmung überschattet wird.

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Psychologie ohne Seele und Ratschläge von Iwan Iljin

Die Autoren des Lehrwerks haben einen ganzen Apparat an Multimedia-Lehrmitteln entwickelt, um die Oberstufenschüler von heute zu erreichen. Die mit Smartphones und schnellem Internet aufgewachsenen Digital Natives sollen in eine Atmosphäre vergeistlichter Interaktivität eintauchen. So empfehlen die Verfasser beispielsweise nachdrücklich, den Unterricht mit „musikalischen Motti“ zu beginnen. Dafür haben sie eine Playlist zusammengestellt, die die Zielgruppe vom Hocker reißen soll: Sie enthält jahrzehntealte Titel von Veteranen der sowjetischen und russischen Popmusik wie Anna German, Oleg Gasmanow, Mark Bernes, Valentina Tolkunowa, Juri Wisbor und der Gruppe Ljubе. Aber ohne populäre Interpreten wie Nadeshda Kadyschewa und Shaman.

Schauen wir uns nun den eigentlichen Lernstoff an: In der Einleitung erklären die Verfasser, ihr Programm vereine drei Ansätze: den philosophischen, den naturwissenschaftlichen und den theologischen. Tatsächlich stützt sich jedoch die gesamte Methodik des Lehrwerks ausschließlich auf religiöse (genauer gesagt, auf strikt russisch-orthodoxe) Dogmen.

Die Psychologie als weltliche Wissenschaft wird scharf kritisiert. Die Autoren erklären sie rundheraus für unhaltbar, da sie sich ausschließlich mit dem Verhalten und dem Bewusstsein befasse, aber die Seele ignoriere. Die Lehrkräfte sollen den Jugendlichen die Vorstellung einpflanzen, dass die ausschließliche Orientierung auf irdische Vergnügungen oder psychisches Wohlergehen hin unweigerlich zum Scheitern und Niedergang führen müsse.

Als Autoritäten für familiäre Beziehungen und Konflikte werden nicht etwa Erich Fromm und Eric Berne oder moderne Experten für Familientherapie angeführt. Stattdessen verweist man die Sechzehnjährigen auf die Gebote vom Heiligen Johannes Chrysostomos, dem heiligen Paisios vom Berg Athos, dem Archimandriten Ioann (Krestjankin) sowie dem Lieblingsphilosophen von Wladimir Putin, Iwan Iljin, dessen Zitate fast jedes zweite Kapitel einleiten.

Als „Grundbegriff“ ist unter anderem die Telegonie aufgeführt – ein pseudowissenschaftliches Konzept, nach dem die genetischen Merkmale der Nachkommen eines Paares auch durch die früheren Sexualpartner der Frau mitbestimmt werden. Diese Vorstellung ist schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich widerlegt worden, was dem promovierten Biologen Moissejew kaum unbekannt sein dürfte.

Das Werk stellt eine klare Wertehierarchie auf, die die Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern eintrichtern sollen. An der Spitze steht Gott und die „vertikal ausgerichtete Kommunikation“ mit ihm. Ohne Glauben sei es prinzipiell unmöglich, eine glückliche Familie zu gründen: „Wo es keine echte, geistig und biologisch gesunde Ehe gibt, wird aus dem Zusammenleben nie eine Familie werden“, lautet eines der Iljin-Zitate im Buch.

Materieller Wohlstand, häuslicher Komfort und die persönlichen Grenzen der Ehegatten sind hingegen ganz unten angesiedelt. Die Jugendlichen von heute – so werden die Lehrkräfte gewarnt – lebten in einem Klima der „wert- und sinnbezogenen Desorientierung“, in dem die Begriffe Gut und Böse verwischt würden. Um sie vor dieser Dekadenz zu bewahren, müssten die Pädagogen jeden Versuch einer Anbiederung vermeiden und kompromisslos die „traditionelle Kultur“ propagieren, auch gegen den Widerstand der Schüler.

„Die Kunst besteht allein darin, jeden Tag so zu beginnen, als sei es der erste Tag nach der Hochzeit“, verkündet der heilige Bischof Theophan, der Klausner aus Wysche, von den Seiten des Lehrbuchs herab. Es fragt sich bloß, wie solche Ratschläge jungen Leuten helfen sollen, die realen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern.

„Generäle in Röcken“: Warum Mädchen nicht von einer Karriere träumen dürfen

Zum Thema Gleichberechtigung gibt es aus Sicht der Autoren keinen Diskussionsbedarf. Eine gleichberechtigte Ehe ist in ihren Augen Unfug, der geradewegs in die demografische Katastrophe führt. Die Jugendlichen sollen ein strikt hierarchisches, patriarchales Familienideal verinnerlichen. Als Regelkanon schlagen die Verfasser allen Ernstes den Domostroj vor, einen Verhaltenskodex aus dem 16. Jahrhundert.

Die Schüler sollen sich eine festgefügte Hierarchie einprägen, in der der Mann alleiniges Familienoberhaupt ist. Der Frau fällt die Rolle der „Helferin“ und „Hüterin des Herdes“ zu, die immer „hinter ihrem Ehemann“ stehen muss. Die Gleichheit der Geschlechter wird zu einer kommunistischen und westlichen Fiktion erklärt, die im Widerspruch zur menschlichen Natur stehe. „Die Frau sei ihres Mannes Salbe, und er ihr Hüter“, wie es im Motto zu einer Lektion heißt.

Ein ganzes Unterthema des Lehrbuchs steht unter der vielsagenden Überschrift: „Die Frauenemanzipation als Auflehnung gegen Gott“. Den Mädchen wird schon auf der Schulbank eingetrichtert, dass der Wunsch nach Führung und Karriere der weiblichen Natur zuwiderlaufe und sie in „Generäle in Röcken“ und „Vamps“ verwandle.

Den Schülerinnen, die sich den Traditionen nicht fügen wollen, drohen die Verfasser traurige Konsequenzen an: Eine erfolgreiche Karriere führe unweigerlich zu Einsamkeit, Depressionen und Neurosen. Männer, die an der Seite einer starken, emanzipierten Frau stehen, würden hingegen ihre Männlichkeit einbüßen, verkommen und ihre Ehe zerstören. Die einzig mögliche Rettung bestehe darin, dass die Frau sich bescheide, die Überlegenheit des Mannes anerkenne und sich dem Gebären von Kindern widme.

Die Frage, wie ein durchschnittlicher Mann heute allein eine große Familie finanziell über Wasser halten soll, wenn die Ehefrau auf Arbeit und Karriere verzichtet, übergeht das Lehrbuch taktisch mit geflissentlichem Schweigen. In der Praxis führt ein solches kompromisslos „traditionelles“ Modell unter marktwirtschaftlichen Bedingungen meist nicht zu einem patriarchalen Idyll, sondern zu Armut, Schulden und einem völligen Burnout des „Familienoberhaupts“, das schon rein physisch nicht in der Lage ist, ganz allein für alle aufzukommen.

Die Sünde der „Ehe auf Probe“: Sex, Verhütung und Abtreibung

Jugendliche (und auch Erwachsene) sehen es heute oft als sinnvoll an, vor der Hochzeit eine Zeit lang zusammen zu leben und einander im Alltag kennenzulernen. Die Verfasser des Lehrbuchs sind da ganz anderer Meinung: Jede Art des Zusammenlebens ohne amtliche Beglaubigung und Trauzeremonie („Ehe auf Probe“) wird in dem Werk kategorisch als „Unzucht“ gebrandmarkt. Solche „Probefahrten“ würden der Beziehung die Aufrichtigkeit nehmen und sie unweigerlich scheitern lassen, heißt es. Die Autoren verweisen hier auf Erkenntnisse nicht namentlich genannter „Wissenschaftler aus Pennsylvania“, und machen auch keine Angaben zur konkreten Studie, der Stichprobe und der Methodik.

Jungfräulichkeit und Enthaltsamkeit vor der Ehe werden zum absoluten Ideal erhoben. Das Schulbuch vermittelt die Vorstellung, frühzeitige sexuelle Erfahrungen und voreheliche Beziehungen würden die physische und spirituelle „Fähigkeit zur wahren Liebe töten“ und eine zynische Konsumentenhaltung fördern.

Noch weit radikaler fällt ein Kapitel aus, das die Überschrift „Du sollst nicht töten“ trägt. Darin werden nicht allein operative Abtreibungen in jeder Phase der Schwangerschaft einer Kindestötung gleichgesetzt. Auch die Verwendung intrauteriner Pessare [heutige Bezeichnung: Spirale] und hormoneller Kontrazeptiva sei Abtreibung, erklären sie ihrer jugendlichen Zielgruppe, denn diese Mittel hätten angeblich eine abortive Wirkung.

Und das gefährde letztlich auch den Staat: „Mit Abtreibungen zerstören Eltern nicht nur die Zukunft ihrer Familie, sondern auch die Zukunft Russlands.“ Es folgt – wiederum ohne Quellenangabe – die Behauptung, dass „in 90 Prozent der geschiedenen Familien Abtreibungen durchgeführt wurden“.

Sogar der Begriff Familienplanung wird aufs Schärfste angegriffen: Der Wunsch, „nicht umgehend“ Kinder zu bekommen sei ein Ausdruck extremer Selbstsucht und komme der Weigerung gleich, Verantwortung vor dem Staat und vor Gott zu übernehmen.

Der Feind steht vor den Toren: Die geopolitische Verschwörung gegen russische Familien

Mit welchen Problemen haben Familien in Russland heute vor allem zu kämpfen? Niedrige Gehälter, Hochzinskredite, fehlende Kitaplätze? Offenbar nicht. Das Lehrbuch führt die demografische Krise nicht auf wirtschaftliche oder soziale Ursachen zurück, sondern auf einen „geopolitischen Auftrag“.

Wörtlich heißt es dort: „Eine Reihe von ausländischen Politikern sowie Vertretern aus Wirtschaft und Medien erfüllen den geopolitischen Auftrag, eine demografische Eindämmung umzusetzen, die auf die Zerstörung der Grundlagen des familiären Lebensstils zielt.“

Als Hauptsaboteure werden unter anderem Familienplanungsorganisationen genannt, die kostenlose Verhütungsmittel verteilen und den Schreckensbegriff „sichere Mutterschaft“ in die Köpfe der jungen Menschen schmuggelten: „Im Ausland entwickelte Sexualerziehungsprojekte drängen die Kinder dahin, künftig keine Familie gründen und keine eigenen Kinder haben zu wollen.“

Den Kinderrechten, die als „Zeitbombe“ und „Trojanisches Pferd“ charakterisiert werden, ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Gegen Menschenrechtsaktivisten und Ombudsleute wird dort der Vorwurf erhoben, sie versuchten zu „legitimieren, dass Kinder ihre Eltern denunzieren und nicht achten“. Der Gedanke, ein Kind könne eigene, nicht an die Eltern gebundene Rechte haben, scheint den Autoren befremdlich: „Die Verteidiger der Kinderrechte sagen, man müsse das Kind schützen. Vor wem denn? Vor den eigenen Eltern? Vor der Gesellschaft?“ Auf diese Fragen hätten die Schwestern Chatschaturjan, die jahrelang unter familiärer Gewalt litten und keinen Schutz erhielten, sicher etwas zu erwidern.

Auch die Informationslandschaft ist nach Auffassung der Autoren vermintes Gelände. Aktuelle Werbung, Filme und Zeitschriften, die unabhängige Frauen und sorglose Männer zeigen, werden zu „Informationssabotage“ und einem „integralen Bestandteil der Gegenkultur“ erklärt. Und es gebe nur einen Weg, sich diesem verderblichen Einfluss zu entziehen.

Gnose

Häusliche Gewalt in Russland

Häusliche Gewalt ist ein verbreitetes Problem in Russland und wird dennoch als Normalität akzeptiert. Allein in den Jahren 2021-2022 sind in Russland fast 1000 Frauen von ihren Partnern oder nahen Verwandten getötet worden. Mit der Rückkehr kriegstraumatisierter russischer Soldaten aus den Kämpfen gegen die Ukraine verschärft sich die Situation, zumal bereits verurteilte Straftäter unter ihnen sind. Eine Gnose von Regina Elsner über die Entwicklung häuslicher Gewalt und die Rolle von Staat, Kirche und Zivilgesellschaft. 

Von

Das imperiale Ideal: Kinderreichtum und harte Betten

Statt des „verrottenden“ westlichen Modells schlagen die Autoren die Rückkehr ins Jahr 1913 vor. Sie stellen den Jugendlichen die folgende Statistik als demografisches Vorbild vor Augen: „Nach der Volkszählung von 1913 brachte eine Bäuerin in der Provinz Kostroma im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 15,3 Kinder zur Welt. Jedes Kind war ein Teil der Familie, nicht der ‚Mittelpunkt des Universums‘.“

Ein-Kind-Familien – die, wie die Autoren selbst erwähnen, im heutigen Russland die Mehrheit bilden – werden in dem Lehrbuch scharf kritisiert: Sie seien Brutstätten des „sozialen Infantilismus“ und Egoismus. Einzelkinder wüchsen als Haustyrannen auf, die unfähig seien, Verantwortung zu übernehmen.

Messen lassen sollen sich die Oberschüler in Russland am Ideal der Familie des letzten russischen Zaren Nikolaj II. und seiner Gattin Alexandra Fjodorowna. Das Herrscherpaar wird in allen Bereichen als vorbildlich hingestellt, auch im Alltag. Die Zarenkinder, so heißt es, schliefen auf harten Feldbetten, nahmen morgens kalte Bäder und waren sich nicht zu schade, die Kleidung ihrer älteren Geschwister zu tragen. Und Zarewitsch Alexej habe am liebsten „Kohlsuppe, Grütze und Schwarzbrot“ gegessen – „die Nahrung der Soldaten“. All das fördert nach Meinung der Autoren die Herausbildung der richtigen Mentalität, bewahrt die Jugendlichen vor „Erschlaffung und Müßiggang“ und ist der Schlüssel zum wahren Familienglück.

Auch Vätern, die sich beklagen, dass die Arbeit zu wenig Zeit für die Familie lasse, wird das Beispiel des Zaren vorgehalten: Dieser habe ein riesiges Reich regiert und doch immer Zeit gefunden, seinen Kindern Tolstoj vorzulesen. Da darf doch ein Angestellter des mittleren Managements keine Müdigkeit vorschützen!

Statt eines Epilogs: Realität oder Domostroj?

Gegen religiöse Bildung ist an sich nichts einzuwenden. Jeder Mensch und jede Familie hat das unveräußerliche Recht, sich mit geistigen Traditionen, dem Glauben und Religionsethik zu befassen. Das Problem liegt anderswo.

Das Fach „Familienkunde“ soll Schüler der russischen Oberstufe, die kurz davor stehen, ein eigenständiges Leben als Erwachsene zu führen, auf die Herausforderungen vorbereiten, mit denen sie es im Russland der 2020er Jahre tatsächlich zu tun bekommen. Die Jugendlichen brauchen praktische Kenntnisse: Wie baut man gute Beziehungen auf? Wie kann man die unvermeidlichen Konflikte im Alltag und ums Geld lösen? Wie lassen sich Arbeit und Elternschaft verbinden? Wie respektiert man einander und teilt die Verantwortung?

Stattdessen setzt man ihnen wirklichkeitsferne, idealisierte Geschichten aus einer weit entfernten Vergangenheit vor, die großzügig mit pseudowissenschaftlichen Horrorgeschichten und Weltverschwörungstheorien gewürzt sind. Kann ein solches Konzept helfen, die demografischen Probleme zu lösen und die Jugendlichen auf die Ehe vorzubereiten? Wohl kaum. Dafür ist es perfekt geeignet, etwas anderes zu erreichen – nämlich, die Schüler das Heucheln zu lehren: In der Schule müssen sie die Zitate aus dem Domostroj korrekt wiedergeben. Doch sobald sie das Klassenzimmer verlassen, leben sie wieder in der realen Welt.

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