
Kommt hoher Besuch in die Stadt, wird sogar der Rasen grün angemalt, lautet ein alter russischer Halbscherz. Als Putin kürzlich der sibirischen Stadt Krasnojarsk einen Besuch abstattete, sanken dort tatsächlich die Treibstoffpreise um rund ein Viertel, trotz anhaltender Benzinkrise.
Die Propagandamedien erklären die Benzinknappheit für lokale und temporäre Unregelmäßigkeiten, laut Putin sei die Gesamtwirtschaft nicht beeinträchtigt. Auch die Statistikbehörde Rosstat stellt seit Jahresbeginn eine Benzin-Teuerung von nur rund 17 Prozent fest.
In Wahrheit steckt Russland in einer tiefen Benzinkrise. Sie beschleunigt die Rezession und die Inflation im Land, auch die unmittelbaren Folgen sind gravierend. Radio Svoboda hat mit Menschen in Russland gesprochen und zeigt, wie die Benzinkrise ihr Leben verändert.
* Alle Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.
Alena wohnt in einem Dorf in der Oblast Nowgorod, 30 km von der Bezirkshauptstadt Ljubytino entfernt. Ohne Super-Benzin 95 liegt das Leben ihrer Familie einfach flach, sagt sie.
„Mein Auto fährt mit keinem anderen Treibstoff. Bei uns im Dorf gibt es keinen Laden, keine Apotheke, keinen Arzt. Bis zur Landstraße, wo der Bus zwischen Ljubytino und Borowitschi fährt, sind es 15 km. Soll ich etwa mit meinem sechsjährigen Kind 15 km zu Fuß gehen? Ich habe schon mehrmals an Dronow (den Gouverneur der Oblast Nowgorod – Anm. RS) und die Regionalverwaltung geschrieben und gefragt, was wir denn tun sollen. Da kommt das Übliche: Verstehen, gedulden, durchhalten. Anscheinend sollen wir fischen und jagen gehen und unsere Krankheiten mit Zaubersprüchen und Wegerich behandeln“, sagt Alena.
In der Oblast Nowgorod gilt eine Beschränkung von 20 Litern pro Tankvorgang.
„Das ist lachhaft. Bis zur Tankstelle und zurück braucht man schon zehn Liter, dazu noch in Ljubytino von A nach B. Was bleibt da noch übrig? Und wenn es das nächste Mal gar kein Benzin mehr gibt – soll ich etwa mein Auto in Ljubytino stehenlassen? Na, und auch für die Hauswirtschaft – für den Einachser, die Motorsäge, den Generator, den Traktor. Der Strom fällt immer wieder aus und ohne Kühlschrank geht im Sommer nichts. Ich habe eine Käserei, da kann ich die ganze Produktion wegwerfen.“
„Keiner hat vor, uns zu helfen“
Alena hat Ziegen, ein Pony, einen Esel, Kaninchen, Hühner und zwei Einstellpferde. Dazu zwei Ferienunterkünfte, auch die muss sie instandhalten. Eine weitere Einkunftsquelle ihrer Familie ist der Verkauf von Heu aus Eigenproduktion. Doch zum Mähen braucht man Treibstoff.
Sie bittet uns, ihren Namen und den Namen ihres Dorfes nicht zu nennen.
„Als ich mich einmal über die schlechten Straßen beschwert habe, dass ich mit meinem Kind weder einkaufen noch zum Arzt fahren kann, kam sofort Besuch vom Jugendamt. Und wenn man jammert, dass man kein Tierfutter holen kann, kommt der Veterinärdienst. Ich bin da nicht die Einzige, so kriegen bei uns alle das Maul gestopft, die es zu weit aufreißen. Wenn wir nach Lösungen fragen, sagen uns die Beamten, wir hätten eben in der Stadt bleiben sollen und nicht in diese Einöde ziehen. Keiner hat vor, uns zu helfen. Pflichten haben wir, Rechte nicht.“
Irina aus dem Dorf Nowinka sagt, ohne Benzinvorrat könne man auf dem Land einfach nicht überleben.
„Ein ganz simples Beispiel: Nach einem Sturm gab es fast drei Tage keinen Strom, und um die Lebensmittel in den Kühlgeräten zu retten, mussten wir wenigstens hin und wieder die Generatoren einschalten. Das ist das Wichtigste. Heute mäht wahrscheinlich niemand mehr mit der Sense, alle haben benzinbetriebene Trimmer. Hier gibt’s kein ordentliches Handynetz, keine verlässliche Stromversorgung, die Straßen sind furchtbar schlecht, die medizinische Versorgung eine Katastrophe, kein Supermarkt in Reichweite, und jetzt nehmen sie uns auch noch die Möglichkeit, mit dem Auto in die Bezirkshauptstadt zu fahren! Ganz zu schweigen von den Motorbooten. Sollen wir etwa unsere Kutter und Boote zur Tankstelle schleifen? Die Angler haben sich ihr Benzin immer in Kanistern geholt, aber auf die nimmt jetzt keiner Rücksicht.“
„Auf die Dörfer wird einfach gepfiffen“
Die Dorfbewohner:innen sind empört, dass große Städte Vorrang haben, aber „auf die Dörfer wird einfach gepfiffen“.
„Wir sind hier nicht Moskau und nicht Piter. Wir müssen Brennholz machen, die Straßen erhalten, die Wiesen mähen. Wenn der Strom ausfällt, ist jeder auf den Generator angewiesen. Von meinem Dorf sind es 40 km in die nächste Stadt. Die ganze Wirtschaft lebt vom Benzin, meistens hat man mindestens vier Kanister. Das machen alle so, die auf dem Land leben“, sagt Alexander aus Komarowo.
„Das Verbot, Treibstoff im Kanister zu kaufen, soll Missbrauch verhindern und eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Benzin und Diesel gewährleisten“, erklärt das Energiewirtschaftsministerium der Oblast Nowgorod. „Morgen fahre ich mit meinem Generator und dem Rasenmäher zur Tankstelle, mein Mann bringt das Motorboot, toll haben sie sich das ausgedacht“, schimpft eine Dorfbewohnerin.
„Wie soll ich meinen Traktor tanken? Soll ich damit kilometerweit zur Tankstelle tuckern? Wenn ich keinen Diesel bekomme, verhungern mir im Winter die Kühe. Und den Trimmer, muss ich den auch zur Tankstelle bringen?“, schreibt eine andere.
Das Ministerium für Wohnen, Kommunalwirtschaft, Energie und Treibstoff der Oblast Nowgorod nennt als Gründe für den „vorübergehenden Mangel an Treibstoff“ „temporäre Reparaturarbeiten“ in den Raffinerien und „extreme, grundlose Panikkäufe“ von Benzin. Es beteuert, dieses Problem unter Kontrolle zu haben, und bietet eine interaktive Karte an, die anzeigt, wo Treibstoff aktuell erhältlich ist.
„Jetzt haben wir diese Karte, aber kein Internet – im Whitelist-Modus lädt sie nicht“, erzählen die Leute genervt.
„Der Staatsanwalt hat heute vor unseren Augen vollgetankt, und alle anderen Beamten kommen bestimmt auch nicht zu kurz. Wir sind nur das Gesocks und müssen offenbar zu Fuß gehen.“
„Jetzt sagen sie auch noch, man braucht nur die Preiskontrollen aufzuheben, dann gibt’s sofort wieder genug Treibstoff. Es gibt ja sogar schon private Tankstellen mit 92-Oktan-Benzin um die 130 Rubel ohne Warteschlange, aber wer tankt zu solchen Preisen sein Auto?“, fragt Anna aus Iwantejewskoje. „Wenn die Preise hochschießen, bleiben die Dorfleute einfach auf ihrem Hintern sitzen und fertig, weil dann eine Fahrt in die Stadt und retour nicht mehr 500 und nicht mehr 1000 Rubel kostet, sondern 2000. In der Stadt gibt es Alternativen, Busse, U-Bahnen, aber hier nicht.“
Auf die Frage nach den Gründen für diese Krise reagieren unsere Gesprächspartner:innen ausweichend. Viele drücken sich vor einer Antwort oder schieben die Schuld ausschließlich auf die ukrainische Armee. Manche sprechen jedoch auch offen über diese Dinge und stellen den Zusammenhang nicht nur mit den ukrainischen Angriffen her, sondern auch mit dem Vorgehen der russischen Staatsmacht.
„Temporäre Schwierigkeiten“
„Bei uns herrscht ja wirklich Krieg. Mein Neffe ist an der Front, auch die Männer von zwei meiner Freundinnen. Mein Mann ist ebenfalls in der Rüstungsindustrie beschäftigt. In Kirischi habe ich eine Freundin, deren Mann in der Raffinerie arbeitet. Sie sagen, solche Objekte sind sehr schwierig zu bewachen. Meine ganze Verwandtschaft lebt in der Oblast Belgorod, und ich weiß sehr gut, in was für einem Paradies wir im Vergleich zu ihnen leben“, sagt Anna.
Auch sie bittet uns, ihren Familiennamen nicht zu nennen, und räumt ein, dass sie das alles als „temporäre Schwierigkeiten“ betrachtet.
In Nowgoroder Chatgruppen erlauben sich manche User:innen drastischere Formulierungen:
„Ein paar zerbombte Raffinerien, und schon lässt Putin sein Land ins Chaos stürzen. Es herrscht Krieg, aber unsere Regierung bietet uns keine Sicherheit“, schreibt einer. Ein anderer nimmt den Gouverneur in Schutz: „Dronow kann nichts dafür. Die Bomben kommen aus der Ukraine, und die militärische Spezialoperation hat ja nicht er angefangen.“ „Wie soll es mit diesen Machthabern weitergehen? Was tun sie für die Bevölkerung? Alles wird immer nur verboten, geschlossen, abgedreht, die Daumenschrauben angezogen. Ich habe diesen Mann nie gewählt und hatte offenbar recht. Ist Atmen auch bald verboten?“, fragt ein Dritter.
Ähnliche Kommentare finden sich in Social-Media-Gruppen anderer Regionen, die fast das einzige Umfeld sind, in dem sich die Menschen beschweren. Auf der VKontakte-Seite von Alexander Moor, Gouverneur der Oblast Tjumen, schreibt einer: „Heute gab’s an keiner einzigen Tankstelle Benzin … Wo kriegen wir Benzin her? Wie sollen wir im Dorf leben?“ Die einen raten ihm, aufs Pferd umzusteigen – das taugt als Transportmittel und frisst Gras, man spart sich das Mähen – oder wieder zu Sense und Trummsäge zu greifen. Andere fürchten gar, Strafe zahlen zu müssen für das Gras, das aufgrund des Dieseldefizits ungemäht bleibt.
Russland ist und bleibt einer der drei weltweit größten Erdölproduzenten.
2025 förderte das Land im Schnitt rund 9,2 Millionen Barrel Öl täglich, doch wegen der Angriffe auf die Energieinfrastruktur und Betriebsstörungen im Erdölsektor prognostiziert die Internationale Energieagentur für 2026 eine Verringerung dieser Menge auf rund 8,9 Millionen Barrel täglich. Das aktuelle Treibstoff-Defizit liegt nicht an einer mangelnden Förderung von Erdöl, sondern am Rückstand in der Verarbeitung. Berechnungen von Reuters und branchenspezifischen Quellen zufolge betrug die Herstellung von Autobenzin im Juli 2026 in Russland nur rund 65 Prozent der üblichen Menge. Das führte zu langen Schlangen an Tankstellen und in vielen Regionen zur Einführung von Abgabelimits. Am 15. Juli wurde bekannt, dass die Regierung nun für den Eigengebrauch den Verkauf von Benzin und Diesel erlaubt hat, die die Euro-5-Abgasnorm nicht erfüllen.
Eine Frage von Leben und Tod
Michail aus der Oblast Wologda ist Fahrer bei einem Sozialtaxi, das vor allem Kriegs- und Arbeitsveteran:innen transportiert. Er meint, solche Verkehrsmittel würden bald schlichtweg stillstehen.
„Wir tanken mit Bezugsscheinen. 92-Oktan-Benzin ist auf 30 Liter beschränkt, 95-Oktan auf 20 (oft gibt es gar keines), aber wir legen Strecken bis zu 500 km zurück. Der Chef telefoniert die Bezirkshauptstädte ab, und nirgendwo gibt es Benzin. Wie sollen wir ein Taxi schicken, wenn es nicht zurückkommt – weil es kein Benzin gibt? Es gibt eine Liste von Sonderfahrzeugen, die vorrangig bedient werden, aber wir stehen da nicht drin. Soziale Fürsorge ist kein ‚Notfallprogramm‘.“
Manche Sozialtaxis sind speziell ausgestattete Minibusse mit Einstiegshilfen für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Sie verbrauchen mehr Treibstoff.
„Wegen der Mengenbeschränkung auf 30-40 Liter müssen die Fahrer zwei- bis dreimal pro Schicht tanken. So können wir für Rollstuhlfahrer weniger Transporte zur Dialyse, ins Krankenhaus oder in Reha-Zentren anbieten. Hoffentlich wird unser Dienst nicht komplett eingestellt“, sagt Michail.
„Für manche ist die Verfügbarkeit von Benzin eine Frage von Leben und Tod. Ich habe eine Schwerbehinderung, wie soll ich von zu Hause aus zur Dialyse kommen? Wird es dafür morgen noch ein Taxi geben? Wenn es nirgendwo Benzin gibt, können dann die Taxis fahren? Öffentliche Verkehrsmittel haben wir hier nicht, die nächste Haltestelle ist dreieinhalb Kilometer entfernt, schwerbehinderte Menschen schaffen das nicht. Man ist auf ein eigenes Auto angewiesen. Aber wenn’s kein Benzin gibt … Wie kommt man um sechs Uhr morgens zur Dialyse?“, schreibt ein Einwohner im Chat von Iwanowo.
Witali, ebenfalls schwerbehindert und Dialysepatient, bekam an einer Tankstelle in der Oblast Samara eine Absage mit der Begründung, außer der Reihe würden nur Kinder mit Behinderung bedient.
„Während irgendwo über die Preise an den Tankstellen gestritten wird, rechnen die Heimhilfen in Krasnojarsk aus, wie viel Liter Benzin sie brauchen, um ihre Patienten zu erreichen. In Jaroslawl wurde die Kleidersammlung für bedürftige Familien eingestellt, weil die ehrenamtlichen Fahrer kein Benzin kriegen. Die Treibstoffkrise in Russland hat ein Stadium erreicht, wo es nicht mehr nur um Bequemlichkeit geht, sondern um Leben und Tod“, schreibt der Blogger nasedkin auf LiveJournal.
Streng limitierte Abgabemengen, das Verbot, Treibstoff in Kanister abzufüllen, und ein Regulierungssystem je nach gerader oder ungerader Autonummer legen das Engagement ehrenamtlicher Fahrer aus kleinen NGOs lahm, die ihren alten, bettlägerigen Schützlingen nun keine Dekubitusmatratzen, Inkontinenzprodukte und Sonderkost mehr bringen können – wenn sie nicht riskieren wollen, mit leerem Tank auf der Landstraße stehenzubleiben.
Das Fehlen von Treibstoff verkompliziert auch die Arbeit von Such- und Rettungseinheiten. Freiwillige verlieren wertvolle Zeit in den Warteschlangen an den Tankstellen, wo sie das Benzin für Autos, Generatoren und andere Geräte holen müssen.
Auch Öko-Patrouillen und Waldaktivist:innen, die Brände und illegale Mülldeponien aufspüren, müssen auf weite Fahrten verzichten. Es entstehen geschlossene Chatgruppen, in denen man einander mit Benzin aushilft. Institutionen mit eigenen Fahrzeugen versuchen, diese auf Gasantrieb umzustellen, weil es damit an den Tankstellen keine Probleme gibt.
Indessen ruft das zur Organisation Miloserdije gehörige Obdachlosenhilfezentrum Angar spassenija zu Dieselspenden auf, um seine Räume heizen zu können – die warme Jahreszeit ist bald vorüber.