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Erste Russische Kunstausstellung in Berlin

Am 15. Oktober 1922 eröffnete die Erste Russische Kunstausstellung in Berlin. Mit ihr gelingt der Galerie van Diemen ein echter Coup, die westliche Kritik spricht über die Werke von Malewitsch, El Lissitzki, Tatlin und anderen sowjetischen Avantgardisten. So war die Schau kurz nach Oktoberrevolution und Erstem Weltkrieg vor allem auch politisches Signal des jungen Sowjetrusslands – an die Weimarer Republik und an die Welt. 

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„Es war nicht alles umsonst“: DDR- und Sowjet-Nostalgie im Vergleich

Die DDR und die Sowjetunion hatten beide auf ihre Weise Extrempositionen: Die kleine DDR war durch ihre Grenzlage und den deutschen Zwillingsstaat immer dem unmittelbaren Vergleich mit dem „Westen“ ausgesetzt. Die Sowjetunion war groß und die kommunistische Supermacht. Beide verschwanden von der Landkarte. Doch danach nahm die Nostalgie unterschiedliche Formen an.

DDR-Bürger und Sowjetbürger fielen aus ihren Ländern. Aber die ehemaligen DDR-Bürger fielen weicher, denn sie wurden von den bundesdeutschen Sozialwerken aufgefangen. Für die einstigen Sowjetbürger war die Fallhöhe ungleich größer, und niemand fing sie auf. Russland sah sich zwar als Nachfolgestaat der Sowjetunion, hatte aber über Nacht seinen globalen Großmachtstatus, seine Vormachtstellung in Osteuropa, seine Absatzmärkte und sein Prestige als ungeliebter aber respektierter Chef verloren. Im Unterschied zu den anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks konnten die russischen Bürger keine fremde Macht für die Missstände verantwortlich machen. 

Nach 1989 waren die Grenzen offen und die Mauern gefallen. Aber es zeigte sich, dass der Osten ganz andere Vorstellungen von der Geschichte hatte als der Westen. In diesen Vorstellungen spielte der Stalinismus eine wichtigere Rolle als der Nationalsozialismus (der Faschismus hieß), und der Holocaust kam kaum vor. Außerdem machte sich schon bald eine irritierende Nostalgie bemerkbar: Denselben Bürgerinnen und Bürgern, die sich kurz zuvor der Parteidiktaturen entledigt hatten, erschien angesichts der sozialen Sprengkraft der Privatisierungen und des Turbokapitalismus das Leben im Sozialismus in einem positiven Licht.1 Dabei variierten die nostalgischen Praktiken und ihre Inhalte von Land zu Land.2

Im postsowjetischen Russland brach der Staat komplett zusammen, Löhne und Renten wurden immer wieder monatelang nicht ausbezahlt. Diese Krisenerfahrung der 1990er Jahre blieb den Ostdeutschen erspart. Dafür gab es in Russland keine Bevormundung von außen, was die Vergangenheitsbewältigung und die Lebensleistung anbetraf, und auch keinen Schwarm von „Besserwessis“, der die Posten der ostdeutschen Funktionseliten besetzte. In Russland blieben letztlich die alten Eliten oder deren Kinder an der nun privatisierten Macht. Die Kontinuität des Staatsverständnisses, der Regierungs- und Kommunikationsstil und die Rolle von Autorität erschließt sich jedem, der heute eine russische Schule betritt. Geschichtspolitik ist weiterhin Staatsmonopol. Die russische Führung weiß die Nostalgie als politische Ressource zu nutzen und konzentriert sich zunehmend darauf, den verlorenen Großmachtstatus wiederzugewinnen. 

Offizielle Werte-Rhetorik versus Dinge des Alltags

Die nostalgische Sehnsucht „nach einer sicheren Welt, einer gerechten Gesellschaft, wahren Freundschaften, gegenseitiger Solidarität und des allgemeinen Wohlergehens, kurz, nach einer perfekten Welt“3 macht sich in Russland vor allem an Kindheitserinnerungen, an Lieblingsspeisen und an einer auch offiziellen Werte-Rhetorik (Sicherheit und Solidarität) fest – in Ostdeutschland hingegen vor allem an materiellen Dingen des Alltags. 

Diese Rolle der materiellen Kultur kam nicht von Ungefähr: Die deutsch-deutsche Rivalität durch die direkte Nachbarschaft während des Kalten Krieges war jahrzehntelang an den Warenwelten festgemacht, repräsentiert und gedeutet worden. Die Dinge des Alltags waren politisch aufgeladen. Während die Westdeutschen angesichts von DDR-Waren und ihres Schönen Einheits Designs (so der Titel einer Ausstellung von 1989) mitleidig die Nase rümpften, umgab die Westwaren in allen sozialistischen Gesellschaften eine Aura höchsten symbolischen Kapitals. Dieser Fetischismus machte auch vor den Führungseliten nicht Halt: Breshnew fuhr Mercedes, und in Wandlitz umgaben sich die Honeckers und Mielkes mit westdeutschen Waschmaschinen und japanischer Elektronik. Währenddessen blätterten ihre Bürger verzweifelt im unter der Hand weitergereichten Neckermann-Katalog, und nur diejenigen mit Westverwandten konnten hoffen, etwas davon einmal in den Händen halten zu dürfen.

Es ist bemerkenswert, wie die ungeliebten Konsumgüter in den Auslagen der HO-Kaufhallen wenige Jahre später zu sehnsuchtsumwogten Erinnerungsorten werden konnten.4 Weniger verwunderlich ist hingegen, dass die Westgüter die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllten. Die heiß ersehnten Markenartikel verloren ihren Nimbus als symbolisches Kapital relativ schnell: Erstens waren sie nun im Übermaß vorhanden, zweitens waren sie teuer, und drittens befriedigten die Dinge, die man sich doch leistete, nicht. Bald nahm die Sehnsucht nach den Waren der verlorenen sozialistischen Welt den Platz ein, den zuvor die Westwaren besetzt hatten. 

Allerdings war der Grad der Fixierung auf die Dinge eine ostdeutsche Besonderheit, die in Russland keine Entsprechung hatte. Das hatte verschiedene Gründe:

Im Unterschied zu Russland wurden viele Dinge aus dem DDR-Alltag wie Geräte, Kleidung, Autos und Dokumente über Nacht unbrauchbar. Im Zuge der Wiedervereinigung verschwanden die vertrauten Produkte aus den Regalen der Geschäfte, weil sie niemand mehr kaufen wollte. Viele Menschen größtenteils mittleren Alters begannen angesichts der grundstürzenden Veränderungen, die schwindenden Gegenstände des täglichen Lebens zu sammeln. 

Schmerzliche Erfahrung mit Stasi-Akten

Die zuvor politisch aufgeladenen Dinge erhielten neue, emotionale Bedeutungen. Dazu trug die schmerzliche Erfahrung mit den Stasi-Akten bei: In der späten DDR hatten sich die Bürger nicht mehr mit dem Staat, sondern mit ihren geliebten „Nischen“ identifiziert, in denen soziale Gleichheit, Freundschaft und Solidarität herrschten. Genau diese Nischen erwiesen sich dann aber als von IMs unterwanderte Horte der gegenseitigen Bespitzelung. Diese fortschreitende Entzauberung vernichtete die letzten Illusionen über die vielgelobte Solidarität in der DDR. Nicht zuletzt deshalb verlagerten sich die emotionalen Praktiken des Erinnerns auf die Dinge.5

Sie wurden zu Stellvertretern, zu Symbolen sozialistischer Erfahrung und Identität.6 Durch das Sammeln versuchten die ehemaligen DDR-Bürgerinnen, die Kontrolle und die Deutungshoheit über die Veränderungen ein Stück weit zurückzuerlangen und sich auch für das eigene Selbstverständnis, die Lebensbilanz, eine Zeitkapsel zu schaffen.

In zahlreichen privaten DDR-Museen stapelten sich in den 1990er Jahren regaleweise alte Fernseher, Tonbandgeräte und Gummi-Kosmonauten. Die Menschen wollten die Dinge nicht mehr behalten, aber fortwerfen mochten sie sie auch nicht. Die Museen boten eine Lösung: Wie auf einem Friedhof konnten hier die Dinge abgegeben werden und dennoch ihre Würde behalten, nützlich bleiben und der Überlieferung von DDR-Wissen an die Nachwelt dienen. Es war nicht alles umsonst: hier ruht die Lebensleistung der DDR-Bürger.7 

Die Sammelwut, die private und offizielle Musealisierung der DDR, unterscheidet die DDR-Nostalgie fundamental von der Sowjetnostalgie. Die Entwertung biografischer Erfahrung, die die DDR-Bürger nach 1989 mit voller Wucht traf, gab es in Russland nicht.8 Im postsowjetischen Russland wandelte sich die materielle Umgebung nicht so schnell. Paradigmatische Wende-Figuren wie die bananengeile „Zonen-Gabi“ fehlten hier. Die Kaufkraft war geringer und die Zölle auf Westprodukte hoch. Auch die Betriebe wurden weniger schnell privatisiert oder abgewickelt und produzierten weiter. Die Wolgas und Moskwitschs blieben im Verkehr, und die Wohnungen der älteren Menschen sind bis heute mit sowjetischen Möbeln ausgestattet. Sowjetische Dinge wurden nicht gesammelt, sondern benutzt.

Sowjetische Dinge wurden nicht gesammelt, sondern benutzt

In postsowjetischen nostalgischen Praktiken geht es deshalb eher um Symbole, um Auslöser von Erinnerungen und Emotionen wie Speisen, Bilder und sowjetische Schlager. Sowjetbürger suchen bis heute nach „demselben Geschmack“ bei den Neuauflagen beliebter Marken von damals. Produkte wie die Milchschokolade Alenka, Indischer Tee, sowjetische Eiscreme (plombir), Vogelmilch-Torte, Doktorskaja-Wurst oder der Streichkäse Drushba waren oft im Defizit und erinnern ans Schlangestehen, an Beschaffungs-Solidarität und an staatliche Fürsorge zugleich. 
Durch nostalgisches Essen können Erfahrungen einverleibt, nacherlebt und mit anderen geteilt werden. Der Fernsehsender Nostalgija, 2004 gegründet, zeigt nicht nur beliebte sowjetische Filme, sondern imitiert sowjetische Sendeformate und sogar die Programmstruktur des sowjetischen Fernsehens.9 Die populärste sowjetische Schlagersängerin Alla Pugatschowa blieb im Geschäft. Die sowjetischen Dinge spielen zwar auch eine Rolle, aber nur in virtuellen Rekonstruktionen der UdSSR 2.0 im Internet10 und in Social-Media Gruppen auf LiveJournal, Vkontakte oder Odnoklassniki.11 

Sowjetnostalgie als Mainstream 

In postsowjetischen nostalgischen Praktiken geht es um moralische Werte wie Solidarität und Vertrauen, die in den überlebenswichtigen persönlichen sozialen Netzwerken zentral waren und die mit der Erinnerung an den sowjetischen Alltag fest verbunden sind. In Russland hat die Stasi-Unterlagen-Behörde keine Entsprechung, die dieses Bild erschüttern könnte. Falls es Denunziantentum im Umfang des IM-Systems gab, wurde das nicht publik. Die zentralen Errungenschaften der Sowjetunion werden weiterhin gefeiert: der Sieg im Zweiten Weltkrieg, die Erfolge im Kosmos und die glückliche sowjetische Kindheit. Sie hatten eine längere Halbwertszeit als die Weltspitzenleistungen des Sozialismus, die die DDR erbrachte. Gagarin ist bis heute ein Begriff, aber die Helden der DDR wie Sigmund Jähn sind inzwischen vergessen. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass es um das wandelbare Phänomen der Ostalgie inzwischen stiller geworden ist, während sich die Sowjetnostalgie durch verschiedene Entwicklungsstufen bewegte und heute Mainstream und Teil der offiziellen russischen Geschichtspolitik ist.


1.vgl. Nadkarni,Maya/Shevchenko, Olga (2004): The Politics of Nostalgia: A Case for Comparative Analysis of Post-Socialist Practices, in: Ab Imperio 2 (2004) 4, S. 487-519 
2.Todorova, Marija/Gille, Zsuzsa (Hrsg., 2012): Post-communist Nostalgia, Oxford; Todorova, Marija (Hrsg., 2014): Remembering communism. private and public recollections of lived experience Southeast Europe, Budapest 
3.Velikonja, Mitja (2009): Lost in Transition: Nostalgia for Socialism in Post-Socialist Countries, in: East European Politics and Societies 23 (2009) H. 4, S. 535-551, hier S. 535 
4.Betts, Paul (2000): The Twilight of the Idols: East German Memory and Material Culture, in: The Journal of Modern History, Vol. 72, No. 3 (September 2000), S. 731-765, hier S. 762 
5.Betts, S. 744 
6.Betts, S. 734 
7.Bach, Jonathan (2015): Consuming Communism: Material Cultures of Nostalgia in Former East Germany, in: Angé, Olivia/Berliner, David (Hrsg.): Anthropology and Nostalgia, New York, S. 123-138., hier S. 734 
8.Corney, Frederick C. (2010): Remembering Communism in Modern Russia: Archives, Memoirs, and Lived Experience, in: Todorova, Marija (Hrsg.): Remembering Communism: Genres of Representation, New York, S. 237-252, hier S. 246-7 
9.Kalinina, Ekaterina (2014): Multiple faces of the nostalgia channel in Russia, in: View: Journal of European Television History and Cult 5 (2014) H. 3, S. 108-118 
10.Morenkova, Elena (2012): (Re)Creating the Soviet Past in Russian Digital Communities: Between Memory and Mythmaking, in: Digital Icons – Studies in Russian, Eurasian and Central European New Media 7 (2012), S. 39-66 
11.Beispiele für die UdSSR 2.0 im Netz: Vaš 1922–91 god roždenija, Muzej TorgovliŽizn' v SSSR, Istorija SSSR, Rodina – Sovetskij Sojuz, Naša Rodina – SSSR!, Rodina SSSR, SSSR naša Rodina, Proekt SSSR 2.0. Ein weiteres Beispiel ist die mit staatl. Unterstützung gedrehte Dokuserie „Hergestellt in der UdSSR“ (Sdelano v SSSR

 

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