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Komsomolskaja Prawda

 

 

 

Die Komsomolskaja Prawda ist Yellow Press auf Russisch. Als Presseorgan der kommunistischen Jugendorganisation in der frühen Sowjetunion gegründet, fand sie nach deren ZerfallDer Zerfallsprozess der Sowjetunion begann Mitte der 1980er Jahre und dauerte mehrere Jahre an. Die Ursachen sind umstritten. Während einige hauptsächlich Gorbatschows Reformen für den Zerfall verantwortlich machen, sehen andere die Gründe vor allem in globalen Dynamiken. Eine zentrale Rolle spielte in jedem Fall die Politik der russischen Teilrepublik. Mehr dazu in unserer Gnose  als Klatschblatt zu einer neuen Identität. In Russland ist sie heute eine der meistgelesenen Zeitungen, ein Flaggschiff: bei sozialen Belangen auch kritisch, aber überwiegend kremlfreundlich.

Frühere kommunistische Blätter sind baden gegangen oder konnten sich neu erfinden. Eins davon war die Komsomolskaja Prawda, heute ein Boulevardblatt. Es gibt Melodramatik aus Kriminalität, Promis, kurzen Ruhm für Retter und Entehrte des Alltags sowie eine Prise Sex.
Hat die Zeitung ihre Identität gewechselt, so behielt sie dennoch ihren Namen Komsomolskaja Prawda. Der verweist auf den früheren Komsomol, die einzige Jugendorganisation, die es in der UdSSR lange Jahre offiziell geben durfte. Der Komsomol war politische Arena, Kader-Schmiede und sowjet-ideologische Schule. Die Komsomolskaja Prawda als eins seiner wichtigsten Presseorgane, wurde 1925 gegründet und war die kleine Schwester der Prawda, dem Sprachrohr der BolschewikiDie Bolschewiki (dt. etwa: Mehrheitler) unter Führung von Wladimir Lenin waren zunächst eine Minderheitenfraktion innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ihren Namen erhielten sie aufgrund eines einmaligen Abstimmungserfolges über die Menschewiki (dt. etwa: Minderheitler) auf einem Parteitag im Jahr 1903. Nach der Parteispaltung im Jahre 1912 konstituierten sie sich als revolutionäre Kaderpartei. Im Oktober 1917 organisierten sie den Sturz der Provisorischen Regierung in Russland und gingen aus dem anschließenden Bürgerkrieg siegreich hervor. .

Zu Sowjetzeiten erschien die Komsomolskaja Prawda unionsweit identisch, heute existieren in Russland an die 60 Lokalableger. Die Druckausgabe ist klassischer Boulevard, alles bunt gemischt. Online sind die Texte in Rubriken geordnet, reichen von Gesellschaft, Sport, Politik, Wirtschaft, Gesundheit bis zur Promispalte. Eine Textauswahl wandert täglich mit einer Auflage von rund 250.000 Exemplaren in den Druck und in die dickere Wochenausgabe am Freitag mit rund 1,1 Millionen (beides in Russland, Stand Oktober 2018). Weitere Verbreitung findet die Zeitung in 45 Ländern, darunter in sechs ehemaligen Sowjetrepubliken. Der Webauftritt bringt Klickzahlen im zweistelligen Millionenbereich.
Die Komsomolskaja Prawda betreibt heute zudem einen Radiosender, hat zahlreiche Podcasts. Ein TV-Sender aber rechnete sich nicht und machte zwischenzeitlich wieder dicht.

Hinter dem Verlagshaus stehen mehrere Eigner: Großaktionär ist nach Medienberichten der weitgehend unbekannte Sergej Rudnow, der damit seinen im Jahr 2015 verstorbenen Vater beerbte: den einst einflussreichen Petersburger Medienmagnaten Oleg Rudnow, der mit Präsident Putin gut bekannt war. Ebenso ist der Milliardär Grigori Berjoskin beteiligt, ein Geschäftsmann, der sein Vermögen im staatsnahen Energiesektor gemacht hat und dem nachgesagt wird, seine Verbindungen stets gut zu pflegen. Undurchsichtig bleibt, wer genau das Sagen hat. Ebenso, wer über die übrigen Anteile verfügt. Chefredakteur Wladimir Sungorkin, der als Generaldirektor des Verlagshauses selbst welche hält, hüllt sich dazu Schweigen.

Politisch liegt die Komsomolskaja Prawda auf dem restaurativen Kremlkurs. In einem Amalgam aus regierungsfreundlicher Linientreue und Freund-Feind-Denken arbeiten sich viele Texte nach einem Schema „Wir gegen die“ an den USA und „dem Westen“ ab. Im Kampfmodus werden liberale Regierungskritiker wahlweise als (vom Westen) korrumpiert, geldgierig oder unfähig geschmäht. Mit Bezug auf die Krim-AngliederungAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. Mehr dazu in unserer Gnose machte Chefredakteur Wladimir Sungorkin im März 2014 einmal in einem Interview deutlich: „Wir verteidigen nationale Interessen.“
Freitags erscheint die Militär-Beilage Swesda (dt.: „Stern“). Chefredakteur ist der langjährige und vielgelesene Kriegsberichterstatter Alexander Koz, der auch aus dem DonbassDer Krieg im Osten der Ukraine ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk. Die Ukraine wirft dem Nachbarland Russland vor, die Rebellen mit Personal und Waffen zu unterstützen, was Russland bestreitet. Der Krieg kostete bereits rund 13.000 Menschen das Leben. Eine anhaltende Waffenruhe konnte trotz internationaler Vermittlungsbemühungen bisher nicht erreicht werden. Mehr dazu in unserer Gnose berichtet.

Daneben gibt es Grautöne zur Lage im Inneren des Landes: Berichte und Kommentare – dies vielfach online – bieten kritische Stimmen, sei es zu Armut, frisierten Wahlen oder Wirtschaftsproblemen; auch der Ökonom Wladislaw Inosemzew ist unter den Kolumnisten. Einzelschicksale werden emotionalisiert. Doch mischt sich bei vielen Texten ein leise-zynisches „So-ist-das-halt“ zwischen die Zeilen.

Zu Sowjetzeiten hatte die Komsomolskaja Prawda in den 1980er Jahren eine bemerkenswerte Ventilfunktion für die Gesellschaft entwickelt. Von Glasnost und PerestroikaIm engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion. Mehr dazu in unserer Gnose befeuert, brach sich lebhafte Kritik an den Verhältnissen Bahn, allen voran am eigenen Herausgeber, dem bröckelnden Komsomol. Das machte sie vor 30 Jahren zu einer der meistgelesenen Zeitung des Landes. Auch im heutigen Russland ist sie das, aber unter völlig anderen Bedingungen.

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: November 2018

Eckdaten:
Gegründet: 1925
Chefredakteur: Wladimir Sungorkin
Herausgeber: Verlagshaus Komsomolskaja Prawda
Anteilseigener: u. a. Sergej Rudnow, Grigori Berjoskin
URL: www.kp.ru


Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaftgefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
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