Quelle

Rosbalt

Verhaftungen, Anklagen, Korruptionsfälle – die Nachrichtenagentur Rosbalt liefert verstärkt News zu Kriminalität mit Polit-Bezug, aber auch zu aufsehenerregenden Ermittlungsfällen (nicht nur) in Russland. Es ist ein Medienprojekt, das eine Nische besetzt und unter dem Radar einer breiten (Netz-)Öffentlichkeit fliegt.

Rosbalt berichtet über aktuelle Themen zu Politik, Wirtschaft und innerer Sicherheit. Dabei ist die Nachrichtenagentur einem größeren Publikum kaum bekannt, obwohl die Website im Monat nach eigenen Angaben vier Millionen Besucher zählt. Ein vergleichsweise kleiner Player auf dem großen Markt. Informationen, die Rosbalt insbesondere aus Polizei- oder Geheimdienstkreisen berichtet, werden aber sehr viel breiter wahrgenommen, sobald andere Medien sie aufgreifen.

Solche Hard News bei Rosbalt sind vorwiegend Berichte zu Verhaftungen von Korruptions- und Mordverdächtigen, Postenkarussells im Staatsdienst oder zu Ermittlungen gegen Angehörige der Silowiki. Zum Fall Skripal etwa berichtete Rosbalt im Oktober 2018 unter Verweis auf Quellen beim Inlandsgeheimdienst FSB, dass zwei Mitarbeiter aus Grenz- und Steuerbehörden verdächtigt werden, brisante Daten zu den mutmaßlichen Attentätern weitergegeben zu haben. Rosbalt berichtete auch als erstes, dass der Kopf der berüchtigten russischen Hackergruppe namens Shaltai-Boltai vom FSB verhaftet wurde. Der Führungsriege in Russland war diese Gruppe mindestens lästig geworden, weil sie Chat-Protokolle hoher russischer Regierungsbeamter geleakt hatte.

Doch große Coups wie diesen liefert Rosbalt eher seltener, verfolgt stattdessen laufende Entwicklungen, auf die das Scheinwerferlicht nicht mehr bei jeder kleinsten Wendung gerichtet bleibt. So brachte Rosbalt rund um die Ermittlungen zum Mord an dem prominenten Oppositionspolitiker Boris Nemzow immer wieder neue Details ans Licht.

Rosbalt berichtet auch aus anderen Ländern, bringt profunde Wirtschaftsnachrichten und beleuchtet Ereignisse aus Russlands Regionen. Kritische Meinungsstücke zu Politik, Gesellschaft und Kultur haben mitunter fast Longread-Charakter, darunter von Stammautoren wie dem profilierten Wirtschaftswissenschaftler Dimitri Trawin. Ein „Lesemedium“ kann man Rosbalt trotzdem nicht unbedingt nennen. Die Eigenbezeichnung „Nachrichtenagentur“ trifft es gut. Gemeinsam mit den Büros in Moskau und Sankt Petersburg betreibt sie jeweils auch ein Pressezentrum.

Der Name Rosbalt markiert die regionale, nordwestliche Ansiedelung der Agentur, in Sankt Petersburg („balt“ steht für Ostsee), die damit weit weg vom Moskauer Nachrichtenbetrieb sitzt. Zumindest am Anfang, sagen Beobachter, wurde Rosbalt auch explizit als Petersburger Medium wahrgenommen.

Die Gründerin Natalja Tscherkessowa hatte sich in den 1990er Jahren als Chefredakteurin bei Tschas Pik, einer der ersten unabhängigen Zeitungen Sankt Petersburgs, einen Namen gemacht. Sie wird bis heute in der Branche geschätzt. Zwar ist ihr Ehemann Viktor Tscherkessow nicht direkt beteiligt, jedoch dürfte gerade sein Hintergrund für Rosbalts Kontakte entscheidend sein. Er leitete einst die oberste Drogenaufsicht, soll dann jedoch beim Kreml in Ungnade gefallen sein.

Zu einer schweren Krise für Natalja Tscherkessowa und ihre Agentur kam es im Jahr 2013, und zwar dergestalt, dass zwei Verwarnungen der Medienaufsicht fast das Aus bedeutet hätten. Einfallstor waren zwei Videos, darunter von Aktivisten aus dem Umfeld von Pussy Riot. Der Vorwurf: Verwendung obszöner Vulgärsprache – obwohl es sich um verlinkte Inhalte handelte. Kurz darauf, nur ein paar Tage später, gab es eine Attacke auf ihren Wagen, bei der ihr Fahrer verletzt wurde. Die bereits angeordnete Schließung schmetterte schließlich das Oberste Gericht im März 2014 doch noch ab.

Trotz der gewissen Nähe zum Staatsapparat, Natalja Tscherkessowa hatte selbst zwischenzeitlich politische Ambitionen, gilt Rosbalt als Teil der unabhängigen (Netz-)Öffentlichkeit in Russland.

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: Dezember 2018

Eckdaten:

Gegründet: 2001
Generaldirektorin: Natalja Tscherkessowa
Chefredakteur: Nikolaj Uljanow
URL: www.rosbalt.ru


Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaftgefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
Gnosen

im Gnosmos

als Text

im Gnosmos

als Text

Neueste Gnosen
Gnose

Deutscher Überfall auf die Sowjetunion

In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 überfiel Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion. Claudia Weber über den Anfang des Großen Vaterländischen Krieges, die unerhörte Wendung in den zwischenstaatlichen Beziehungen und über Stalins Kalkül. 

Gnose

NATO-Russland Beziehungen

Die Beziehungen zwischen der NATO und Russland, sie hätten derzeit einen Tiefpunkt erreicht, „wie wir ihn seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr kennen“, so NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Ulrich Schmid zeichnet die gegenseitigen Hoffnungen und Enttäuschungen nach, von den 1990er Jahren bis heute. 

Gnose Belarus

Ales Adamowitsch

Zusammen mit Wassil Bykau bildete er das Zweigestirn der belarussischen Nachkriegsliteratur. Behutsam bündelte der ehemalige Partisan Ales Adamowitsch die persönlichen Stimmen der Überlebenden des Zweiten Weltkriegs in einem Chor und verwandelte sie in Literatur. Nina Weller über einen Schriftsteller und Menschenrechtler, dessen Stimme bis heute großes moralisches Gewicht hat. 

Gnose Belarus

Wassil Bykau

Den Krieg beschreiben, nicht die Siege und Heldentaten. Das Uneindeutige thematisieren, nicht das vermeintlich Offensichtliche. Den Unterdrückten eine Stimme geben, nicht die der Mächtigen verstärken. Jakob Wunderwald über den ehemaligen Frontsoldaten, populären Schriftsteller und Aktivisten der belarussischen Demokratiebewegung Wassil Bykau, der am 19. Juni seinen 97. Geburtstag gefeiert hätte. 

Gnose

Erinnerung an den Holocaust im heutigen Russland

Zahlreiche sowjetische Juden fielen dem Holocaust zum Opfer. Soldaten der Roten Armee zählten zu den ersten, die das Grauen der Konzentrationslager dokumentierten. Dennoch spielte der Holocaust nach 1945 keine Rolle in der sowjetischen Kriegserinnerung. Im heutigen Russland ist der Umgang mit dem Holocaust vom sowjetischen Erbe, aber auch von aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen geprägt. Eine Gnose von Ilja Altman.

Gnose

Schaschlik

Es ist Sommerzeit. Tausende Menschen in Russland gehen in Parks oder fahren ins Grüne, um die Sommerfrische zu genießen. Ob auf dem Land, beim Angeln, auf der Jagd, bei einer Geburtstagsfeier oder Hochzeit – es gibt Schaschlik.

Gnose Belarus

Tschernobyl in Belarus

Die nationale Katastrophe im Hintergrund: Als am 26. April 1986 der Reaktor in Tschernobyl explodiert, gehen etwa 70 Prozent des radioaktiven Fallouts auf dem Territorium der heutigen Republik Belarus nieder. Inwiefern die „Havarie“ die Entwicklung des Landes wesentlich beeinflusste und welche Auswirkungen sie bis heute auf das Leben seiner Bewohner hat, das beschreiben Aliaksandr Dalhouski und Astrid Sahm.

Gnose

Das russische Strafvollzugssystem

Alexej Nawalny ist in den Hungerstreik getreten – so protestiert er gegen ausbleibende medizinische Hilfe und Schlafentzug im Gefängnis. Alexander Dubowy gibt einen Einblick in das russische Strafvollzugssystem – und die Behörde dahinter, den Föderalen Strafvollzugsdienst FSIN.

Gnose Belarus

Die Belarussische Volksrepublik

Zwischen dem Zerfall des Zarenreiches und der Gründung einer belarussischen Sowjetrepublik wurde 1918 in Minsk eine unabhängige Republik ausgerufen. Doch das Projekt scheiterte. Die Republik verfügte weder über ein festumrissenes Territorium noch eine eigene Verfassung und nach nicht einmal einem Jahr mussten ihre Vertreter Belarus verlassen. Thomas M. Bohn über die Belarussische Volksrepublik und ihre Bedeutung für die heutige Opposition.

Abseits der Norm, © Julia Autz (All rights reserved)