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Rosbalt

Verhaftungen, Anklagen, Korruptionsfälle – die Nachrichtenagentur Rosbalt liefert verstärkt News zu Kriminalität mit Polit-Bezug, aber auch zu aufsehenerregenden Ermittlungsfällen (nicht nur) in Russland. Es ist ein Medienprojekt, das eine Nische besetzt und unter dem Radar einer breiten (Netz-)Öffentlichkeit fliegt.

Rosbalt berichtet über aktuelle Themen zu Politik, Wirtschaft und innerer Sicherheit. Dabei ist die Nachrichtenagentur einem größeren Publikum kaum bekannt, obwohl die Website im Monat nach eigenen Angaben vier Millionen Besucher zählt. Ein vergleichsweise kleiner Player auf dem großen Markt. Informationen, die Rosbalt insbesondere aus Polizei- oder Geheimdienstkreisen berichtet, werden aber sehr viel breiter wahrgenommen, sobald andere Medien sie aufgreifen.

Solche Hard News bei Rosbalt sind vorwiegend Berichte zu Verhaftungen von Korruptions- und Mordverdächtigen, Postenkarussells im Staatsdienst oder zu Ermittlungen gegen Angehörige der SilowikiSilowiki ist ein Sammelbegriff für Amtspersonen aus Sicherheitsorganen des Staates. Seit den späten 1990er Jahren hat ihr Einfluss stetig zugenommen. Unter Putin gehören sie zu den einflussreichsten Akteuren innerhalb der russischen Elite. Mehr dazu in unserer Gnose . Zum Fall Skripal etwa berichtete Rosbalt im Oktober 2018 unter Verweis auf Quellen beim Inlandsgeheimdienst FSB, dass zwei Mitarbeiter aus Grenz- und Steuerbehörden verdächtigt werden, brisante Daten zu den mutmaßlichen Attentätern weitergegeben zu haben. Rosbalt berichtete auch als erstes, dass der Kopf der berüchtigten russischen Hackergruppe namens Shaltai-Boltai vom FSB verhaftet wurde. Der Führungsriege in Russland war diese Gruppe mindestens lästig geworden, weil sie Chat-Protokolle hoher russischer Regierungsbeamter geleakt hatte.

Doch große Coups wie diesen liefert Rosbalt eher seltener, verfolgt stattdessen laufende Entwicklungen, auf die das Scheinwerferlicht nicht mehr bei jeder kleinsten Wendung gerichtet bleibt. So brachte Rosbalt rund um die Ermittlungen zum Mord an dem prominenten Oppositionspolitiker Boris NemzowBoris Nemzow war einer der bekanntesten Politiker Russlands und galt als scharfer Kritiker Wladimir Putins. In zahlreichen Publikationen machte er auf Misswirtschaft und Korruption in Russland aufmerksam, was ihm viele einflussreiche Gegner einbrachte. Ende Februar 2015 wurde Nemzow in der Nähe des Kreml erschossen. Im Juni 2017 wurden fünf Tschetschenen wegen Mordes verurteilt. Das Urteil ist umstritten, da unklar bleibt, wer die Auftraggeber der Verurteilten sind. Mehr dazu in unserer Gnose immer wieder neue Details ans Licht.

Rosbalt berichtet auch aus anderen Ländern, bringt profunde Wirtschaftsnachrichten und beleuchtet Ereignisse aus Russlands Regionen. Kritische Meinungsstücke zu Politik, Gesellschaft und Kultur haben mitunter fast Longread-Charakter, darunter von Stammautoren wie dem profilierten Wirtschaftswissenschaftler Dimitri Trawin. Ein „Lesemedium“ kann man Rosbalt trotzdem nicht unbedingt nennen. Die Eigenbezeichnung „Nachrichtenagentur“ trifft es gut. Gemeinsam mit den Büros in Moskau und Sankt Petersburg betreibt sie jeweils auch ein Pressezentrum.

Der Name Rosbalt markiert die regionale, nordwestliche Ansiedelung der Agentur, in Sankt Petersburg („balt“ steht für Ostsee), die damit weit weg vom Moskauer Nachrichtenbetrieb sitzt. Zumindest am Anfang, sagen Beobachter, wurde Rosbalt auch explizit als Petersburger Medium wahrgenommen.

Die Gründerin Natalja Tscherkessowa hatte sich in den 1990er Jahren als Chefredakteurin bei Tschas Pik, einer der ersten unabhängigen Zeitungen Sankt Petersburgs, einen Namen gemacht. Sie wird bis heute in der Branche geschätzt. Zwar ist ihr Ehemann Viktor TscherkessowViktor Tscherkessow (geb. 1950) ist ein ehemaliger Silowik –  Amtsträger russischer Sicherheitsstrukturen. Schon zu Sowjetzeiten war er KGB-Agent, gehörte in den 1990er Jahren zur Spitze des FSB in Sankt Petersburg. Nach Wladimir Putins Wahl zum Präsidenten wurde Tscherkessow zu dessen Vertreter im russischen Nordwesten ernannt. In den 2000er Jahren leitete er die oberste Drogenaufsicht Russlands. In einem vielbeachteten Gastbeitrag in der Tageszeitung Kommersant aus dem Jahr 2007 beklagte Tscherkessow offen einen „Krieg der Gruppen“ um Macht und Einfluss zwischen den Silowiki. Daraufhin verlor er seinen Posten. Einst galt er als ein enger Vertrauter Wladimir Putins, heute glauben viele Beobachter, dass Tscherkessow in Ungnade gefallen sei. Bei den Dumawahlen 2011 kandidierte er als Abgeordneter der Kommunistischen Partei Russlands. nicht direkt beteiligt, jedoch dürfte gerade sein Hintergrund für Rosbalts Kontakte entscheidend sein. Er leitete einst die oberste Drogenaufsicht, soll dann jedoch beim Kreml in Ungnade gefallen sein.

Zu einer schweren Krise für Natalja Tscherkessowa und ihre Agentur kam es im Jahr 2013, und zwar dergestalt, dass zwei Verwarnungen der Medienaufsicht fast das Aus bedeutet hätten. Einfallstor waren zwei Videos, darunter von Aktivisten aus dem Umfeld von Pussy RiotPussy Riot ist eine Gruppe von Kunstaktivistinnen. Ab Herbst 2011 traten Frauen in Sturmhauben und bunten Kleidern moskauweit an öffentlichen Orten mit feministisch motivierten Punkperformances auf. Den Höhepunkt bildete im Frühjahr 2012 der Auftritt mit dem Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Für zwei der Mitglieder endete der anschließende Prozess mit Haft im Straflager. Mehr dazu in unserer Gnose . Der Vorwurf: Verwendung obszöner VulgärspracheMat ist die Bezeichnung für die russische Vulgärsprache, die deutlich stärker tabuisiert ist als deutsche Kraftausdrücke. Der Mat besteht aus wenigen Wortwurzeln, die ursprünglich die Geschlechtsteile und den Geschlechtsakt bezeichnen und in anderen Bereichen des Lebens verwendet werden, um eine besondere (positive oder negative) Ausdruckskraft zu erreichen. Die Benutzung von Mat ist in den russischen Medien gesetzlich verboten, einzelne Buchstaben werden oft mit Sternchen („p***a“) oder Punkten („ch…“) ersetzt. Mehr dazu in unserer Gnose – obwohl es sich um verlinkte Inhalte handelte. Kurz darauf, nur ein paar Tage später, gab es eine Attacke auf ihren Wagen, bei der ihr Fahrer verletzt wurde. Die bereits angeordnete Schließung schmetterte schließlich das Oberste Gericht im März 2014 doch noch ab.

Trotz der gewissen Nähe zum Staatsapparat, Natalja Tscherkessowa hatte selbst zwischenzeitlich politische Ambitionen, gilt Rosbalt als Teil der unabhängigen (Netz-)Öffentlichkeit in Russland.

Text: Mandy Ganske-Zapf
Stand: Dezember 2018

Eckdaten:

Gegründet: 2001
Generaldirektorin: Natalja Tscherkessowa
Chefredakteur: Nikolaj Uljanow
URL: www.rosbalt.ru


Teil des Dossiers „Alles Propaganda? Russlands Medienlandschaftgefördert von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
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Tosnenski Rajon, Leningradskaja Oblast, Russland, 2004, Sergey Maximishin (All rights reserved)