Medien
Gnosen
en

Koordinationsrat der Opposition

Die Gründung eines Koordinationsrates der außerparlamentarischen Opposition wurde während der Kundgebungen auf dem zweiten Marsch der Millionen am 12. Juni 2012 angekündigt. Als gemeinsames politisches Organ sollte er die heterogene Opposition bündeln, um weitere Proteste besser zu koordinieren und einen offiziellen Dialog mit den Behörden zu führen.

Die Wahlen für den Koordinationsrat wurden im Internet organisiert und für den 20. und 21. Oktober 2012 angesetzt. Aufgrund massiver Hackerangriffe wurde die Wahl um einen Tag verlängert. Insgesamt beteiligten sich etwa 82.000 Menschen an der Abstimmung, wobei ca. ein Drittel der Wähler aus Moskau und St. Petersburg stammte. 200 Kandidaten stellten sich für das 45-köpfige Komitee zur Wahl. Auf dem ersten Platz landete mit 43.000 Stimmen der Antikorruptionsaktivist Alexej NawalnyAlexej Nawalny ist einer der bekanntesten Oppositionspolitiker und Aktivisten Russlands, der die staatliche Elite in seinen Veröffentlichungen regelmäßig mit schwerwiegenden Vorwürfen zu Korruption und Machtmissbrauch konfrontiert. Er gilt als einer der schärfsten Kritiker Wladimir Putins., gefolgt von Schriftsteller Dmitri BykowDimitri Bykow (geb. 1967) ist ein bekannter Schriftsteller, Journalist und Professor für Literatur und Kultur. Er hat mehrere Romane und Gedichtbände veröffentlicht und ist Preisträger zahlreicher Literaturauszeichnungen. Seine Literatursendung „Grashdanin Poet“, in der er die politischen Verhältnisse in Russland humorvoll parodierte, war insbesondere während der Protestbewegung 2011/12 äußerst populär. und dem Oppositionspolitiker Garri KasparowEin Schachgroßmeister, mehrfacher Weltmeister und radikaler Putinkritiker (geb. 1963). Er gründete 2006 eine oppositionelle Dachorganisation (Das andere Russland), der sowohl Nationalisten als auch linksradikale Gruppen angehören. Im Jahr 2007 konnte er seine Präsidentschaftskandidatur wegen formaler Fehler bei der Registrierung nicht fortsetzen.. Weitere bekannte Vertreter im Koordinationsrat waren die Politiker Ilja JaschinIlja Jaschin (geb. 1983) ist einer der sichtbarsten Aktivisten der liberalen Opposition. Von 2010 bis 2012 war er Mitglied der Partei Jabloko, danach wechselte er zur Partei der Volksfreiheit (PARNAS), dessen Moskauer Abteilung er vorsteht. Im Frühjahr 2016 veröffentlichte er einen Bericht, der das Oberhaupt der Region Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, korrupter Praktiken und der gewaltsamen Verfolgung Oppositioneller bezichtigt. (Platz 5), Dimitri GudkowDimitri Gudkow (geb. 1980) war zwischen 2011 und 2016 ein Dumaabgeordneter. Er zog über die Liste von Gerechtes Russland in die Duma ein, wurde 2013 aber aufgrund seiner Teilnahme an der Protestaktion Marsch gegen Schurken aus der Fraktion ausgeschlossen. (10), Boris NemzowBoris Nemzow war einer der bekanntesten Politiker Russlands und galt als scharfer Kritiker Wladimir Putins. In zahlreichen Publikationen machte er auf Misswirtschaft und Korruption in Russland aufmerksam, was ihm viele einflussreiche Gegner einbrachte. Ende Februar 2015 wurde Nemzow in der Nähe des Kreml erschossen. Im Juni 2017 wurden fünf Tschetschenen wegen Mordes verurteilt. Das Urteil ist umstritten, da unklar bleibt, wer die Auftraggeber der Verurteilten sind. (16), die Journalisten Xenija SobtschakTV-Moderatorin (geb. 1981) und Aktivistin der russischen Opposition. Als Tochter des ehemaligen St. Petersburger Bürgermeisters und Putin-Vertrauten Anatoli Sobtschak wurde sie in Russland zunächst als It-Girl bekannt und moderierte mehrere Unterhaltungsshows. Seit 2011 engagiert sich Sobtschak in der Opposition. Sie beteiligte sich auch an den Protesten gegen Wahlfälschung. Damit wurde sie für das staatliche Fernsehen, in dem sie bis dahin omnipräsent gewesen war, zu einer „Persona non grata“ und tritt seitdem nur noch im unabhängigen Fernsehsender TV Dozhd auf. (4) und Oleg KaschinOleg Kaschin (geb. 1980) ist ein bekannter russischer Journalist. Er schreibt für verschiedene unabhängige Medien und gibt sich in seinen Artikeln betont kremlkritisch. Mutmaßlich wegen dieser Haltung wurde er bereits mehrmals Opfer von Gewalttaten. So schlugen ihn 2010 drei Menschen brutal zusammen, Kaschin musste sich einigen Operationen unterziehen. 2015 gab der Journalist bekannt, dass Indizien gegen drei Täter vorliegen würden. Ein von ihm angestrebtes Gerichtsverfahren wegen versuchten Mordes wurde allerdings noch nicht eröffnet.  (18) sowie die gesellschaftlichen Aktivisten Michail GelfandMichail Gelfand (geb. 1963) ist ein russischer Bioinformatiker und Professor für Biophysik an der Moskauer Lomonossow Universität. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit ist er in der außerparlamentarischen Opposition aktiv. Er engagiert sich für Bildungsreformen, setzt sich für die Rechte von LGBT ein und ist vor allem als einer der Gründer des an „Vroniplag“ angelehnten Antiplagiatsprojekts Dissernet bekannt, das zahlreichen Personen des öffentlichen Lebens Plagiarismus nachweisen konnte. (6) und Sergej Parchomenko (12).

Die Zusammensetzung des Koordinationsrates war dabei so vielfältig wie die Oppositionsbewegung selbst: Liberale, Linke und Nationalisten fanden sich darin ebenso wie Prominente aus den Medien, Gelehrte und Intellektuelle. Innerhalb des Rates bildeten sich schnell verschiedene Fraktionen, was die Ausarbeitung eines gemeinsamen Programms bzw. die Festlegung einer gemeinsamen Strategie erschwerte und schließlich unmöglich machte. Viele Mitglieder kündigten ihre Mitarbeit auf, und die für Oktober 2013 geplante Neuwahl konnte aufgrund eines fehlenden Quorums bereits nicht mehr stattfinden. Der Rat hörte faktisch auf zu existieren, was einmal mehr die Zerstrittenheit der russischen Oppositionsbewegung bewies.

dekoder unterstützen
Weitere Themen

Alexej Nawalny

Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny wurde im sogenannten Kirowles-Prozess vor Gericht zu einer Haftstrafe von fünf Jahren auf Bewährung verurteilt. Doch seine Kampagne für die Präsidentschaftswahl 2018 geht zunächst weiter. Jan Matti Dollbaum über die Hintergründe.

Bolotnaja-Platz

Der Bolotnaja-Platz befindet sich zwischen dem Kreml und dem alten Kaufmannsviertel Samoskworetschje im Zentrum Moskaus. Er hat im Mittelalter zunächst als Handelsplatz gedient, später kam ihm immer wieder eine wichtige politische Bedeutung zu, zuletzt während der Proteste gegen die Regierung in den Jahren 2011/12.

Weißes Band

Das weiße Band ist eines der Hauptsymbole der Protestbewegung von 2011/2012. Es bringt die Kritik an den manipulierten Dumawahlen im Dezember 2011 und den Präsidentenwahlen im März 2012 zum Ausdruck und steht sinnbildlich für die in diesem Zusammenhang entstandene Forderung „Für saubere Wahlen“.

Lew Rubinstein

Lew Rubinstein (geb. 1947) ist ein russischer Dichter, Literaturkritiker, Essayist und Publizist. In literarischer Hinsicht ist er vor allem für seine minimalistische Karteikarten-Poesie bekannt, eine Mischung aus literarischer, visueller und performativer Kunst, die er in den 1970er Jahren entwickelte. Rubinstein gilt zudem als einer der Begründer und führender Vertreter des Moskauer Konzeptualismus.

Er ist außerdem politisch in der Opposition aktiv. So unterstützt er die russische LGBT-Bewegung, hielt Mahnwachen für die inhaftierten Pussy-Riot Musikerinnen Maria Aljochina und Nadeshda Tolokonnikowa ab und sprach sich in einer Erklärung russischer Kulturschaffender gegen die Aggression in der Ostukraine aus

Marietta Tschudakowa

Marietta Tschudakowa ist Professorin für Literaturwissenschaften und in Russland darüber hinaus auch als Historikerin und Publizistin bekannt. Sie ist in der politischen Opposition aktiv, in der sie zu den liberalen Kräften gezählt wird.

weitere Gnosen
Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)