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Osero (Datschenkooperative)

Osero (dt. See) wird eine Datschenkooperative genannt, die Mitte der 1990er Jahre an einem See in Solowjowka nördlich von St. Petersburg gegründet wurde. Eines der Gründungsmitglieder war Wladimir Putin. Nachdem sein Wohnhaus an der gleichen Stelle, in das er sich nach dem Ausscheiden aus der Petersburger Stadtverwaltung zurückzogezogen hatte, 1996 abgebrannt war, ließ er an der selben Stelle ein neues errichten.1

Dieses Mal schloss er sich jedoch mit sieben weiteren Personen zusammen, um eine gemeinsame DatschensiedlungDatschensiedlungen sind zumeist in Genossenschaften organisiert, deren Satzungen das dauerhafte Wohnen in Ferienhäusern häufig untersagen. Darüber hinaus ist Landwirtschaft in Datschensiedlungen grundsätzlich verboten.Die Datscha ist ein Sommerhaus im Umfeld der großen Städte. Das Wort geht auf das russische Verb dawat (dt. geben) zurück und bezeichnet ursprünglich eine „Land-Gabe“ des Zaren an den Adel. Im Unterschied zur „großen“ Urlaubsreise bewirkte die Nähe zur Stadt die spezifische Form der lockeren Geselligkeit im Austausch mit Freunden und Bekannten. Trotz oder wegen ihrer Randlage steht die Datscha oft im Zentrum der großen Politik: Von Stalin über Chruschtschow bis Gorbatschow lebte und regierte die Polit-Prominenz in ihren Staatsdatschen. aufzubauen. Diese wurde später unter dem Namen Osero bekannt. Die sieben Personen – Wladimir Smirnow, Wladimir JakuninWladimir Jakunin (geb. 1948) war zwischen 2005 und 2015 Präsident der staatlichen Eisenbahngesellschaft. Der Antikorruptionsaktivist Alexej Nawalny beschuldigte ihn 2012 der Veruntreuung. 2013 deckte Nawalny Firmen von Jakunins Familie auf, die in Steueroasen registriert waren. Die Enthüllungen hatten aber kein juristisches Nachspiel. , Andrej und Sergej Fursenko, Juri KowaltschukJuri Kowaltschuk (geb. 1951) gilt als ein enger Vertrauter Putins. Der Milliardär und Mehrheitseigner der Bank Rossija wurde im Zuge der Krim-Annexion mit EU- und US-Sanktionen belegt., Viktor Mjatschin und Nikolai Schamalow – sind seither nicht nur eng mit Wladimir Putin verbunden2, sondern zu zentralen Akteuren in Russlands Wirtschaft und Politik aufgestiegen.

Außer ihrem Wohnort hatten die Kooperativenmitglieder viele Gemeinsamkeiten: Sie waren (bis auf den Juristen Putin) alle Physiker oder Ingenieure, waren damals in der freien Wirtschaft tätig (außer dem Beamten Putin), kamen fast alle in den 1990er Jahren aus dem Ausland zurück nach St. Petersburg und waren daher weitgehend Außenseiter in der (postsowjetischen) NomenklaturaNach der lateinischen Wortherkunft bezeichnet der Begriff ein Namensregister. Er wurde speziell in den sozialistischen Parteienstaaten verwendet für ein Register, in dem die Inhaber von Führungspositionen gelistet waren. Es hat sich aber etabliert, mit dem Begriff die Gesamtheit der Personen, also die politische und wirtschaftliche Elite der jeweiligen Länder zu bezeichnen. Das Wort wurde – oft auch abwertend – für die in sich abgeschlossene herrschende Klasse verwendet.. Die wichtigste Gemeinsamkeit bestand jedoch in einem Bankkonto bei Kowaltschuks Bank RossijaDie Bank Rossija ist ein russisches Kreditinstitut, das von Putins engsten Vertrauten kontrolliert wird. Sie steht seit 2014 auf der Sanktionsliste der USA. Im April 2016 geriet sie im Zusammenhang mit den Panama Papers in den Fokus der Öffentlichkeit.. Jedes Mitglied konnte über das Konto, auf dem der wachsende Wohlstand der Kooperativenmitglieder verwaltet wurde, frei verfügen.3 Zu einer Zeit, als kaum jemand in Russland Zugriff auf größere Finanzen besaß, verfügte die Osero-Kooperative somit über eine wichtige Geldquelle. Die Politologin Karen Dawisha sieht in dem Zusammenschluss zudem folgenden Vorteil für Putin: „In Russland sind Kooperativen für Putin eine weitere Möglichkeit, Geld nicht direkt annehmen zu müssen und doch den Wohlstand mit den Miteigentümern zu teilen.”4

Kowaltschuk und Schamalow, aber auch Mjatschin, stiegen durch ihre Anteile an der Bank Rossija, die stark von Staatsaufträgen profitierte,5 zu Multimillionären und Milliardären auf.6 Jakunin ist während seiner Zeit bei der Russischen Eisenbahngesellschaft RZD, die er ein Jahrzehnt geleitet hat und die als eines der ineffektivsten und korruptesten Staatsunternehmen gilt,7 ebenfalls vermögend geworden.

Der Begriff Osero steht in Russland nicht nur für die Datschenkooperative. Er ist geradezu zu einem Synonym  für das loyalitätsbasierte System Putins geworden, in dem seine engen Vertrauten zu politischer Macht und finanziellem Reichtum aufstiegen.

Nach der Krim-AnnexionAls Krim-Annexion wird die einseitige Eingliederung der sich über die gleichnamige Halbinsel erstreckenden ukrainischen Gebietskörperschaft der Autonomen Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnet. Seit der im Frühjahr 2014 erfolgten Annexion der Krim ist die Halbinsel de facto Teil Russlands, de jure jedoch ukrainisches Staatsgebiet und somit Gegenstand eines ungelösten Konfliktes zwischen der Ukraine und Russland. setzten die USA gleich drei Osero-Mitglieder (Kowaltschuk, Fursenko, Jakunin) auf die SanktionslisteAls Reaktion auf die Angliederung der Krim beschlossen sowohl die USA als auch die EU im März 2014 wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland. Diese umfassen Einreiseverbote für unmittelbar in den Konflikt involvierte russische Politiker und Wirtschaftsführer sowie das Einfrieren von Vermögenswerten. Wegen russischer Unterstützung für die in der Ostukraine kämpfenden Milizen erließ die EU Ende Juli und im September 2014 ein separates Sanktionenpaket. Es besteht aus dem Finanzierungsstopp russischer Staatsbanken, Öl- und Rüstungskonzernen, sowie aus verschiedenen Handelsbeschränkungen. Im Juli 2017 beschlossen die USA zudem, Russland für die Angliederung der Krim, die mutmaßliche Einmischung in den US- Präsidentschaftswahlkampf und für die Unterstützung Baschar al-Assads im syrischen Bürgerkrieg zu bestrafen. Die neuen beziehungsweise modifizierten Sanktionen können bei voller Umsetzung nachhaltig Russlands Rohstoffgeschäft schädigen  (das einen großen Teil des Staatshaushalts ausmacht)., um Druck auf den Präsidenten auszuüben; zudem wurden die Aktiva der Bank Rossija in den USA beschlagnahmt.8


1.Wsj.com: Lakeside Residents Clash With Russia's Power Elite
2.Eine Visualisierung und nähere Informationen zu den Personen findet sich auf Zeit.de: In der Sphäre der Macht
3.Dawisha, Karen (2014): Putin's Kleptocracy, New York, S. 97
4.Originalzitat: “In Russia a cooperative arrangement is another way for Putin to avoid being given money directly, while enjoying the wealth shared among co-owners.” In: Karen Dawisha (2014): Putin's Kleptocracy, New York, S. 98
5.Spiegel.de: Sanktionen gegen russische Banken: Angriff auf Putins Finanzzentrum
6.Laut dem Finanzmagazin Forbes zählt Kowaltschuk mit einem Vermögen von 1.4 Mrd. US-Dollar zu den reichsten Personen in Russland, Forbes.com: Yuri Kovalchuk
7.Nzz.ch: Entschuldigen Sie, fährt noch der Sonderzug aus Moskau?
8.Spiegel.de: Sanktionen gegen russische Banken: Angriff auf Putins Finanzzentrum
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Dimitri Medwedew ist seit 2012 Premierminister und bekleidete von 2008 bis 2012 das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation. Er gehört zu den engsten Vertrauten von Präsident Putin und nimmt, nicht zuletzt als Vorsitzender der Regierungspartei Einiges Russland, eine wichtige Rolle im politischen Systems Russlands ein.

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Szene aus dem Film Kin-dsa-dsa! (All rights reserved)