
2025 war „ein Jahr der geballten Herausforderungen“ für die ukrainische Zivilgesellschaft: Die russische Vollinvasion, politischer Druck im Innern der Ukraine, finanzielle Turbulenzen und juristische Einschüchterungsmaßnahmen bestimmten die Arbeit unabhängiger Menschenrechtler, Aktivist:innen und Medienschaffender.
Ein neuer Jahresbericht des ukrainischen Menschenrechtszentrums Zmina widmet sich der Lage der ukrainischen Zivilgesellschaft im Jahr 2025. Es ist die erste umfassende Untersuchung zu diesem Thema seit Beginn der russischen Vollinvasion. Die Autor:innen betonen, dass die Zivilgesellschaft unter beispiellosem Druck ihre Rolle als Garantin für die demokratische Entwicklung der Ukraine bestätigen konnte.
Ljudmyla Tjahnyrjadno fasst für das Onlinemedium Zmina die wichtigsten Erkenntnisse des Berichts zusammen, die weit über Kriegseinflüsse hinausgehen. So haben mit einigen der beschriebenen Probleme längst auch Vereine und Initiativen in Deutschland und Westeuropa zu kämpfen.
Themen in diesem Artikel:
Für das Jahr 2025 hat der Zmina-Bericht insgesamt 178 Fälle dokumentiert, in denen Vertreter:innen der Zivilgesellschaft unter Druck gesetzt, verfolgt oder getötet wurden. Diese Zahl umfasst nur verifizierte Fälle, das tatsächliche Ausmaß könne deutlich größer sein.
Den ausführlichen Report auf Englisch finden Sie hier.
Der Krieg bleibt größtes Risiko
Über 60 Prozent der verifizierten Vorfälle stehen in direktem Zusammenhang mit der militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine. Damit zeigt der Bericht, dass Russlands Krieg weiterhin der bestimmende „systemische Faktor für die Schwächung des zivilgesellschaftlichen Sektors“ sei.
Dazu gehört einerseits die allgemeine Gefahr durch Kampfhandlungen: Unter Beschuss gerieten Freiwilligenzentren, Lager mit Hilfsgütern, Redaktionen sowie Fahrzeuge, die für Evakuierungen oder die Auslieferung humanitärer Hilfe genutzt wurden. In einigen Fällen wurden auch Journalisten und Freiwillige während ihrer Arbeit zur Zielscheibe. Besonders gefährdet sind Helfende, die in Gebieten nahe der Front im Einsatz sind und faktisch unter ständiger Bedrohung leben.
Doch der Krieg beeinträchtigt nicht nur die physische Sicherheit, sondern untergräbt auch die institutionelle Leistungsfähigkeit der Zivilgesellschaft durch Verluste oder Flucht, fehlende oder zerstörte Ressourcen und ständige psychische Belastung.
Druck im Innern
Ein erheblicher Teil der Vorfälle – insgesamt 66 – war jedoch nicht durch Kampfhandlungen bedingt, sondern stehen im Zusammenhang mit Handlungen oder Untätigkeit ukrainischer staatlicher Stellen, lokaler Behörden, Strafverfolgungsbehörden oder anderer nichtstaatlicher Akteure. Diese Praxis beschreiben Menschenrechtsaktivisten als systematisch: Zu ihnen gehören Einschüchterung, Drohungen im Internet, Überwachung, Eingriffe in die Privatsphäre, Diskreditierungskampagnen und politisch motivierte Verfolgung.
Diese Formen inneren Drucks sind laut der Studie oft indirekter Natur: Sie zielten nicht auf direkte Bestrafung ab, sondern sollten vielmehr mit „abschreckender Wirkung“ Aktivisten dazu zwingen, ihre Aktivitäten einzuschränken.
Neben Druck durch staatliche Stellen folgten auch Einschüchterungsversuche durch zwielichtige Unternehmen, insbesondere aus der Baubranche. Diese existierten bereits vor der Vollinvasion und kehrten nun zurück.
Iryna Jusik, Zmina-Bericht-Projektmanagerin
Laut Zmina-Projektmanagerin Iryna Jusyk veränderte sich die Lage diesbezüglich im Sommer 2025 nach einer Phase intensiverer Zusammenarbeit zwischen den Behörden und der Zivilgesellschaft. Auf diesen gewissen Bruch folgten neben Druck durch staatliche Stellen auch zunehmend Einschüchterungsversuche durch zwielichtige Unternehmen, insbesondere aus der Baubranche. Diese Praktiken seien nicht neu. Sie existierten bereits vor der Vollinvasion und kehrten nun zurück.
„Papp-Proteste“ gegen Korruption
Als eines der zentralen Ereignisse des Jahres nennt der Bericht die Krise rund um die ukrainischen Antikorruptionsbehörden. Zahlreiche Durchsuchungen bei Ermittlern des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU), Strafverfahren gegen Aktivisten und Gesetzesinitiativen, die die Unabhängigkeit dieser Institutionen einschränken sollten, riefen massive gesellschaftliche Reaktionen hervor.
Jusyk verbindet darum die Entstehung der „Papp-Proteste“ im Juli 2025 direkt mit dem anhaltenden Druck auf den Antikorruptionssektor. Zunächst gerieten einzelne Aktivisten und Organisationen ins Visier, später die Antikorruptionsbehörden selbst.
Die Zivilgesellschaft ist nicht mehr bereit, sich an die informelle „Vereinbarung“ über kritiklose Zusammenarbeit während des Krieges zu halten, wenn sie die Demokratie in Gefahr sieht.
„Die Jugend hat reagiert, weil sie erkannt hat, wie gefährlich das für den Staat ist“, sagt Iryna Jusyk.
Gleichzeitig seien die Proteste ein Signal: Die Zivilgesellschaft ist nicht mehr bereit, sich an die informelle „Vereinbarung“ über kritiklose Zusammenarbeit während des Krieges zu halten, wenn sie die Demokratie in Gefahr sieht.
Im Juli 2025 fanden in Kyjiw und anderen Städten Demonstrationen statt, an denen sich in Hochzeiten Tausende Menschen beteiligten. Die Demonstrierenden trugen vielfach selbst gebastelte und kreativ beschriftete Pappschilder, was den „Papp-Protesten“ ihren Namen gab. Unter dem Druck der Zivilgesellschaft und internationaler Partner sah sich dann die Regierung (konkret der Präsident und seine Fraktion – dek) gezwungen, ihre Entscheidung zu überdenken und die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden wiederherzustellen.
Dies war ein besonders schneller und wichtiger Sieg der Zivilgesellschaft, die darin ihr Mobilisierungspotenzial selbst unter Kriegsbedingungen unter Beweis stellte.
Online-Gewalt und Hetze gegen Frauen
Ein weiterer Abschnitt des Berichts widmet sich Drohungen im digitalen Raum. Die Autoren stellen fest: Der digitale Raum ist zu einem der wichtigsten Tatorte für Druck und Einschüchterung geworden. Mehr als ein Drittel der Aktivisten berichtete von persönlichen Erfahrungen mit Online-Mobbing, fast ein weiteres Drittel von direkten Drohungen.
Besonders gefährdet sind Journalistinnen: Sie sind überdurchschnittlich häufig geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt, einschließlich sexualisierter Beleidigungen und Drohungen. Dabei handelt es sich nicht nur um vereinzelte Fälle aggressiver oder beleidigender Kommentare, sondern um massive und wiederkehrende Verfolgung durch misogynes und sexistisches Vokabular, Diskreditierung und Herabwürdigung des professionellen Ansehens, die Verbreitung von Desinformation, Androhung körperlicher und sexueller Gewalt, Doxing und Cyberstalking.
Mangelndes Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden, Angst vor sekundärer Viktimisierung und die Furcht vor weiterem Druck halten Journalistinnen davon ab Schutz zu suchen.
Nur wenige Betroffene wenden sich an die Strafverfolgungsbehörden. Gerade einmal 19 Prozent der von Online-Gewalt betroffenen Journalistinnen meldeten dies der Polizei oder anderen zuständigen Behörden. Nach Angaben der Befragten kamen in den meisten Fällen weder effektive Ermittlungen noch eine Strafverfolgung der Täter zustande. Mangelndes Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden, Angst vor sekundärer Viktimisierung und die Furcht vor weiterem Druck halten Journalistinnen davon ab Schutz zu suchen.
In solchen Fällen bleibt die Solidarität des Berufsstands eine entscheidende Ressource. Journalistinnen meldeten Fälle von Online-Gewalt meist unter Kolleginnen und Kollegen und verließen sich dabei auf die Unterstützung innerhalb der Medienbranche. Gleichzeitig betonten sie den Bedarf an niedrigschwelliger rechtlicher und psychologischer Hilfe sowie an Aufklärungsprogrammen zu Online-Gewalt und Strategien zu deren Bekämpfung.
Queere Sichtbarkeit bringt Attacken
2025 bewegte sich der LGBTIQ+-Aktivismus in der Ukraine weiterhin in einem schwierigen und widersprüchlichen Umfeld: Einerseits wuchs die öffentliche Sichtbarkeit und Unterstützung der queeren Community, andererseits bestanden weiterhin Sicherheitsrisiken, besonders durch radikale Gruppen.
Über das Jahr wurden LGBTIQ+-Aktivitäten immer wieder auch in der Öffentlichkeit angegriffen. Ins Visier gerieten hierbei Bildungs- und Menschenrechtsveranstaltungen, öffentliche Zusammenkünfte und die Büroräume von Organisationen.
Obwohl die Polizei weitestgehend den Schutz queerer Kundgebungen und Veranstaltungen gewährleistete, waren die Reaktionen auf festgestellte Vorfälle begrenzt: Die Ermittlungen von Hasskriminalität führten zu keiner Verurteilung der Täter, was eine Atmosphäre der Straflosigkeit schuf.
SLAPP-Klagen gegen Umweltschutz
Zu den am stärksten gefährdeten Gruppen zählt der Bericht die Umweltaktivisten. Laut Studie werden sie regelmäßig körperlich angegriffen und ebenso häufig von Unternehmen mit Anzeigen und Unterlassungsklagen überzogen.
Diese Gemengelage führt zu einer Ungleichheit der verfügbaren Ressourcen und kann dazu beitragen, dass die öffentliche Kontrolle in Umweltfragen verdrängt wird.
Eine zunehmende Tendenz besteht darin, Gerichtsverfahren als Druckmittel einzusetzen. Dabei handelt es sich um sogenannte SLAPP-Klagen, die darauf abzielen, Ressourcen zu binden, eine einschüchternde Wirkung zu erzielen und Selbstzensur zu fördern.

Ökozid: Die Umweltschäden des russischen Krieges in der Ukraine
Klar, Krieg schadet der Umwelt. Aber wie und was genau verschmutzt, verändert und zerstört Russlands Krieg in der Ukraine? Ist das ein Ökozid? Unser Exklusiv-Newsletter dekoder-Wissen+ stellt die wichtigsten Zahlen zu den kriegsbedingten Umweltschäden vor und erläutert im ausführlichen Experteninterview mit dem ukrainischen Umweltschützer Olexii Wasyljuk die vielfältigen Auswirkungen. Denn: „Russlands Krieg verändert das gesamte globale Klima.“
Förder-Aus und Geldsorgen
Eine weitere große Herausforderung war und ist finanzielle Unsicherheit. Die Kürzung der internationalen Unterstützung, insbesondere seitens USAID, führte zur Einstellung von Projekten und zum Abbau von Personal. Dies bedeutete für viele Organisationen nicht nur den Verlust von Liquidität, sondern von Planungssicherheit. Viele Bildungsprogramme, Rechtshilfeangebote und Advocacy-Kampagnen wurden in der Fläche eingestellt. Dies verschärft den Wettbewerb um finanzielle Mittel und erhöhte das Burnout-Risiko unter Aktivisten.
Laut einer Studie von Open Space Works Ukraine und Civic Initiatives of Ukraine mussten drei Viertel aller NGOs nach der Einstellung der USAID-Finanzierung aktiv nach alternativen Finanzquellen suchen, 25 Prozent planten Personalabbau und 19 Prozent sahen sich gezwungen, unbezahlten Urlaub einzuführen, während 12 Prozent einzelne Programme aussetzen oder sogar die Organisation schließen mussten.
Viele zivilgesellschaftliche Initiativen, darunter auch solche, die in den Bereichen Menschenrechte, Unterstützung von Veteranen, lokale Bedarfsermittlung während des Krieges und Bekämpfung von Desinformation arbeiten, standen ohne finanzielle Mittel da, und das zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Arbeit von außerordentlicher Bedeutung ist. Die von den USA finanzierten Programme waren oft in der Breite der Fläche tätig und erbrachten Leistungen, die der [ukrainische – dek] Staat nicht selbst in diesem Umfang gewährleisten kann.
Die Lage aus Aktivist:innen-Sicht
Der Jahresbericht 2025 enthält zudem die Ergebnisse einer Umfrage, die das ukrainische Center for Applied Research im Auftrag von Zmina durchgeführt hat. Die Soziologen befragten im Zeitraum Mai bis August 2025 insgesamt 156 Aktivisten aus allen Regionen der Ukraine aus den Bereichen Antikorruption, Menschenrechte, Umweltschutz, LGBTIQ+, Unterstützung für Veteranen und andere schutzbedürftige Gruppen. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Zivilgesellschaft in der Ukraine 2025 unter systematischem Druck und erhöhten Risiken arbeitete.
Die Zivilgesellschaft in der Ukraine arbeitete 2025 unter systematischem Druck und erhöhten Risiken.
Studie des Center for Applied Research für Zmina
Fast drei Viertel der Aktivisten (71 Prozent) gaben an, mindestens einmal an ihrer Tätigkeit gehindert worden zu sein. Jeder Fünfte (20 Prozent) erlebt regelmäßig Einschüchterung, und fast die Hälfte (44 Prozent) schätzt das Bedrohungsniveau als hoch ein. Die stärksten Einschränkungen berichteten Aktivisten in der Korruptionsbekämpfung. Die wenigsten Einschränkungen erfahren jene, die sich in kleinen Gemeinden lokal für die Unterstützung schutzbedürftiger Gruppen engagieren.
Der digitale Raum stellt sich auch hier als einer der wichtigsten Kanäle dar, über die Druck ausgeübt wird: 35 Prozent der Aktivisten sahen sich demnach mit Online-Mobbing in sozialen Netzwerken konfrontiert, 29 Prozent erlebten Drohungen oder Einschüchterung.
Fast ein Drittel der Befragten erwähnte Verwaltungshindernisse, was auf systematische Schwierigkeiten im Umgang mit staatlichen Institutionen hindeutet. Physische Angriffe kommen insgesamt seltener vor, bleiben aber die gefährlichsten.
Als wirksamste Schutzmechanismen stellten sich Solidarität und horizontale Netzwerke heraus (…) insgesamt vertraut man eher auf informelle Schutzmechanismen und öffentliche Aufmerksamkeit.
Als wirksamste Schutzmechanismen stellten sich Solidarität und horizontale Netzwerke heraus: 72 Prozent der Befragten schätzten Partnerschaften mit anderen Organisationen, 63 Prozent persönliche Kontakte und 62 Prozent öffentliche Berichterstattung über die Probleme in Medien und sozialen Netzwerken. Etwa die Hälfte wendet sich auch an offizielle Stellen, aber insgesamt vertraut man eher auf informelle Schutzmechanismen und öffentliche Aufmerksamkeit.
Zusammenfassend zeigt der Bericht eine stark ambivalente Dynamik in der Entwicklung der ukrainischen Zivilgesellschaft: Auf der einen Seite stehen Krieg, Verlust, Druck und finanzielle Schwierigkeiten. Auf der anderen – die Fähigkeit, für eigene Themen zu mobilisieren, Einfluss auf politische Entscheidungen auszuüben sowie die hohe, wertegeleitete Motivation der Aktivisten.